Manuskripte

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Woche vom 18.01.2009 bis 24.01.2009




Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Sonntag, 18. Januar 2009     [Druckversion]

Rede Herr, Dein Diener hört. Vielleicht kennen Sie ja diesen Satz. Manchmal wird er ein bisschen ironisch zitiert, wenn jemand bereit ist, sich etwas befehlen zu lassen, in der Familie, unter Freunden. Rede Herr, Dein Diener hört. Die Geschichte dazu wird heute in vielen Gottesdiensten gelesen. Sie stammt aus der Bibel, dem Buch Samuel. Da schläft ein Junge, Samuel, nachts im jüdischen Tempel, nahe bei der sogenannten Bundeslade, in der die Tafeln mit den 10 Geboten lagen. Das war durchaus üblich bei religiös vielversprechenden jungen Männern, sich Tag und Nacht an einem so heiligen Ort aufzuhalten. Dabei heißt es von ihm, dass er Gott noch nicht kannte. Etwas überraschend, aber die Bibel erzählt es so. Samuel schläft also, und nachts ruft ihn jemand. Samuel denkt, dass der alte Prophet Eli etwas von ihm will, eine Art geistlicher Betreuer für Samuel. Der übernachtet nämlich auch im Tempel. Aber Eli weiß von nichts und schickt Samuel wieder schlafen. Dreimal geht das so. Schließlich ahnt Eli, dass da wohl Gott seinen Schützling ruft und rät ihm: Leg dich wieder hin, und wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede Herr, denn dein Diener hört. Und so kommt es. Samuel hört aufmerksam zu, und Gott spricht zu ihm. Was Gott ihm sagt, berichtet die Bibel leider nicht. Aber sie erzählt, dass Samuel jahrzehntelang ein wichtiger Mann in Israel war, als Prophet, als Richter. Sein Wort hatte Gewicht in politischen und in religiösen Fragen. Und die Bibel erzählt, dass er sein langes Leben lang mit Gott im Gespräch geblieben ist.
Was mich an der Geschichte fasziniert, ist diese Nacht im Tempel. Da merkt ein junger Mensch: ich werde gerufen, und irgendwann ist er dann wirklich ganz Ohr. Was er hört, bestimmt fortan sein Leben. Mich regt Samuels Geschichte an, aufmerksam zu sein: wo werde ich gerufen in meinem Leben? Von wem? Zu was? Samuel kannte Gott noch nicht, heißt es vorher. Aber er hört, und so lernt er Gott kennen. Er findet seinen Weg, seine Berufung, und wird auch für seine Mitmenschen wichtig und hilfreich.
Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und ein offenes Ohr. Per E-Mail empfehlen