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Die Musikerin ist in Biberach an der Riß geboren und aufgewachsen. Nach Jahren in Karlsruhe lebt sie aktuell in Berlin. Seit 2017 hat die Singer-Songwriterin ein ganz besonderes Ehrenamt: Sie gibt Konzerte im Knast- was für eine mutige Idee! Sie war schon in fast 60 Gefängnissen bundesweit - auch im Südwesten, etwa in Schwäbisch-Gmünd, Wittlich oder Zweibrücken. Am Anfang war da die Neugier wie Menschen wohl hinter Gefängnismauern leben. Als Betreuerin auf einer christlichen Jugendfreizeit ist sie einem Seelsorger begegnet, der auch in einer Jugendstrafvollzugsanstalt gearbeitet hat. Der öffnete ihr die Tür in diese fremde Welt:
Und da kam einfach ein Gefängnisseelsorger in seiner Kutte, weil er ein Mönch war und dann kamen wir ins Gespräch und dann hab ich ihm gesagt, dass ich schon länger ein Konzert da geben wollen würde und er meinte: “Ja, komm vorbei”.
Jugendliche, die Sozialstunden ableisten mussten oder sogar schon mal im Knast waren, diese Klientel kannte Diana Ezerex schon von ihrer FSJ-Stelle bei einem offenen Jugendtreff des CVJM in Magdeburg. Ohne Berührungsängste geht sie daher auch bei ihrem ersten Konzert in Neustrelitz im Jugendknast in den Kontakt:
Und das war voll cool zu hören, was sie für Träume und Wünsche haben, was sie vor haben, wenn sie da wieder rauskommen, weil sie auch Ausbildungen machen können im Knast.
Die heute 31-Jährige geht nicht nur zu jugendlichen Straftätern, sondern auch in den Männerknast...
Da war ich schon ganz schön nervös, denn straftätige Männer sind doch noch mal anders dargestellt und man hat ein bestimmtes Stereotyp oder Bild vor Augen. Und ich weiß dass ich mich vorher mit Freunden unterhalten hab und gesagt hab: “Was hab ich mir dabei gedacht?” Und die haben gesagt: “Du schaffst das, du schaffts das!” Und ich war ganz schön nervös.
Nicht jeder der Insassen erhält einen der begehrten Plätze für das Konzert. Die Gefangenen können sich bewerben und wer gute Führung zeigt, bekommt den Zuschlag. Was bedeutet so ein Konzert für Menschen, die teilweise schon seit Jahren in ihrer Zelle sitzen?
Was ich voll oft als Feedback bekomme, dass sie für eine Stunde einfach mal abschalten konnten und nicht drüber nachdenken wo sie sind. Komplett egal ist, wo man ist. Komplett egal ist, was man für Sorgen hat und für Herausforderungen und was gestern war und morgen sein könnte, sondern einfach im Hier und jetzt ist und einfach abschalten kann.
Dabei will sie auf gar keinen Fall verharmlosen, was diese Menschen getan haben - sie weiß, dass im Publikum auch Straftäterinnen und Straftäter sitzen, die viel Leid verursacht haben.
Und trotzdem ist mir in dem Moment erst mal wichtig, dass da ein Mensch sitzt, der auch vielleicht irgendwann wieder rauskommt, der in dieser Gesellschaft funktionieren soll in Anführungsstrichen und keine Straftaten mehr begehen soll, anderen Menschen nicht mehr schaden soll, und ich glaub es lohnt sich da den Menschen so entgegenzutreten.
Eine Haltung, vor der ich Hochachtung habe. Ein Knast ist ein krasser Ort - ich erinnere mich an einen Praktikumstag mit einem Gefängnisseelsorger und wie viele Türen da immer auf und zu gemacht wurden, bis man mal zu einer Zelle kam. Ein Hochsicherheitstrakt - und dorthin bringt sie ihre Popmusik, die mal rockiger, mal mehr nach Alternative klingt. Immer kommt ihre Musik aber aus ihrer Seele. Ist das, was Diana Ezerex da tut, vielleicht auch eine Art von Seelsorge?
Ja, auf ne Art, ich glaub auf jeden Fall! Musik hat so ne krasse Macht und das ist ja auch wissenschaftlich nachgewiesen. Ich merk das ja auch selbst bei mir, wenn ich nen Song hör, dass das einfach was mit mir macht und ich glaub das kann voll krass Perspektiven verändern - eine Songzeile, ein Klang.
Dabei kommen Diana auch ihre drei abgeschlossenen Studiengänge Bildungswissenschaften, Kulturvermittlung und Musik zugute. Dianas Vater ist Nigerianer, ihre Mutter Deutsche. Sie weiß wie es sich anfühlt ausgegrenzt zu werden:
Und ich hab schon so einen Herz für Leute, die irgendwie am Rand stehen. Weil ich es selber aufgrund von Rassismus erlebe und dann möchte ich was machen für Leute, die aus anderen Gründen nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen.
Und ihnen allen will Diana die Botschaft mitgeben, dass jeder Mensch wertvoll ist und angenommen. Auf ihrem Album “Identity”, also “Identität”, da bringt sie in dem Song “Start from here” genau diese Botschaft rüber. Und verbindet sie mit einer Glaubensaussage. Ich finde dieses Lied sehr stark, denn da heißt es in den Lyrics, die sich an Gott wenden: “I´m yours, before I´m someone else” - “ich bin dein, bevor ich irgendjemand anderem gehöre”.
Und ich glaub das wünscht sich jeder irgendwie einfach nur gesehen zu werden, für das was man ist und nicht für das was man macht, und was man geleistet hat oder erreicht hat oder wen man kennt - diese ganzen Sachen, mit denen man angeben kann, sondern einfach nur gesehen wird und angenommen wird für das, was man ist.
Seit Diana 14 Jahre alt ist engagiert sie sich ehrenamtlich und kann es anderen nur empfehlen.
Das hat so einen krassen Mehrwert. Ich hab so viel in meinen Ehrenämtern gelernt und auch Plattformen bekommen mich auszuprobieren und zu wachsen und das möchte ich nicht missen.
Wie sehr ihre ehrenamtlichen Auftritte in Gefängnissen Menschen Hoffnung schenken, das kann sie im Gästebuch nachlesen, das immer bei Konzerten ausliegt:
Also jetzt von der Tour im November war eine Sache, die ich gelesen hatte: danke dass du an diesen Ort gekommen bist, an dem man sonst nur existiert und hier ein bisschen Abwechslung reingebracht hast. Ein Jugendlicher meinte er hat das erste Mal seit langem mal wieder Freude gespürt. Danke dass du zu uns gekommen bist, danke dass du uns auch siehst.
Und ich sage “Danke” Diana Ezerex - für unsere Begegnung und für so ein wichtiges Engagemen
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Heute mit Martina Steinbrecher und Thomas Gasenzer. Der Professor lehrt und forscht am Heidelberger Kirchhoff-Institut für Physik. Den biblischen Berichten zufolge haben Wissenschaftler aus dem Orient um die Zeitenwende einen interessanten Stern entdeckt und sind ihm gefolgt, um einen neu geborenen König zu finden. Heute feiert die Christenheit die Ankunft dieser Weisen beim Jesuskind in Bethlehem. Auf der Suche nach dem Stern von Bethlehem hat Thomas Gasenzer mit mir einen Blik ins Universum geworfen. Und dabei erst mal einiges zurechtgerückt.
Ja, also wir sehen ja meistens lauter kleine weiße Punkte. Die können aber sehr unterschiedlicher Art sein. Also, die meisten davon sind Sterne. Aber es sind dabei auch Sternwolken und Galaxien, die aus sehr, sehr vielen Sternen bestehen und die aber zu einem Punkt verschmelzen. Und all diese Punkte, die nennt man typischerweise die Fixsterne, nämlich in Abgrenzung zu den Objekten, die eigentlich gar keine Sterne sind. Und dazu gehören diese sogenannten Wandelsterne. Das sind die Planteten in unserem Sonnensystem.
Das muss ich erst mal für mich klarkriegen: Die Sonne ist aus physkalischer Sicht also ein Stern, weil sie leuchtet. Planeten dagegen sind Wandelsterne, denn sie bewegen sich und leuchten nur, wenn sie von der Sonne angestrahlt werden. Und von den maximal sechstausend Lichtpunkten, die ich nachts mit bloßem Auge am Himmel sehen kann, sind die meisten ebenfalls Fixsterne, also die Lichtquellen weit entfernter Galaxien. Als bewegliches Leuchtobjekt kann der Stern von Bethlehem also weder ein Fixstern noch ein Wandelstern gewesen sein. Aber vielleicht ein Komet?
Es war so, dass die Menschen den Halley‘schen Kometen 1301 sehen konnten, und es gab da den Giovanni di Bondone aus Florenz, der von früheren Sichtungen auch aus antiken Quellen wusste und dann den Stern auf seinem Fresco „Anbetung der Könige“ in Padua mit einem Kometenschweif darstellt. Und damit hat im Prinzip die Geschichte des Sterns von Bethlehem als Komet so begonnen im 14. Jahrhundert.
Ich bin ein bisschen ernüchtert: Der schöne Kometenschweif, der bis heute über so vielen Krippenszenen schwebt, ist also eine Erfindung der Kunstgeschichte, basierend auf den inzwischen überholten wissenschaftlichen Erkenntnissen des 14. Jahrhunderts? Ich werfe noch einmal einen Blick ins Matthäusevangelium. Da erkundigen sich Sterndeuter am Hof des Königs Herodes in Jerusalem nach einem neugeborenen König, denn so wörtlich: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Was für ein Phänomen, frage ich Thomas Gasenzer, könnte das gewesen sein?
Die Menschen sehen seit jeher und in allen Kulturen Sterne und ihre Konstellationen und bewundern sie. Die haben einen Einfluss auf sie ausgeübt. Konstellation heißt ja sowas wie, dass die Sterne in einer bestimmten Weise beieinanderstehen. Das wurde dann religiös interpretiert oder als Zeichen, vielleicht so ein bisschen wie anregende Geschichten, wie die Welt der Zahlen oder die des Spiels, in der ja auch oft viel Magie gespürt wird. Aber vielleicht auch wie bei uns in der Wissenschaft, die für uns oft so ein übergroßes, unerfassbares, nie ganz zu verstehendes Gebäude ist und dem wir uns irgendwie in Sisyphusarbeit nähern, ohne jemals anzukommen.
Ich bin beeindruckt, wie präzise Thomas Gasenzer physikalische Phänomene beschreibt und dabei ins Staunen gerät über die noch längst nicht erforschten Tiefen des Universums. Ob wir dem Geheimnis des Sterns von Bethlehem noch auf die Spur kommen? Verschiedene Thesen haben wir schon verworfen: Wahrscheinlich haben die Sterndeuter aus dem Matthäusevangelium keinen Wandelstern und auch keinen Kometen gesehen, sondern eine ganz besondere Sternkonstellation:
… etwa die großen Konjunktionen der Wandelsterne, wenn Jupiter und Saturn nah beieinanderstehen, sowas passierte immer wieder. Und die wurden seit sehr langer Zeit immer wieder beobachtet und dann als Vorzeichen wichtiger Ereignisse gewertet.
Ein aufgehender Stern als Zeichen für die Geburt eines zukünftigen Königs. Jahrhundertelang haben Sterndeuter aus unterschiedlichen Kulturräumen aufgezeichnet, was sie am Himmel entdeckt haben. Und besondere Phänomene eben besondere Ereignisse zugeordnet.
Also etwa, wenn wir im Alten Testament, im vierten Buch Mose schauen, dann gibt es dieses „Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel.“
Ein Satz, der später mit der Geburt von Jesus in Verbindung gebracht wurde.
Im Matthäusevangelium zieht der Stern vor den Sterndeutern her von Jerusalem nach Bethlehem. Dort bleibt er stehen. Und sie finden ein Kind – den neugeborenen König. Ein Wandelstern, der plötzlich fix stehen bleibt – physikalisch gesehen nicht sehr wahrscheinlich. Im Gespräch mit Thomas Gasenzer ist mir aber klar geworden, dass es nicht entscheidend ist, ob sich dem Stern von Bethlehem ein eindeutiges Naturphänomen zuordnen lässt. Viel wichtiger ist doch, wofür dieser Stern auch heute stehen könnte:
Das Wichtige war vielleicht, dass Gott irgendwie hier die Macht hat, etwas zu tun und eben sogar so einen Stern anzuhalten, dass dieses Machthaben außerhalb dessen, was die Menschen vermögen, ist, denke ich, sozusagen das wichtigste Element dieser Erzählung.
Was auch immer es gewesen sein mag, dem die Sterndeuter damals gefolgt sind; ihre Botschaft lautet: Wenn Gottes Sohn zur Welt kommt, strahlt das Sternenzelt.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft Uta Heß aus Weinstadt-Schnait bei Stuttgart.
Wir treffen uns in ihrem Fußpflegestudio und sprechen über ihr Ehrenamt: Denn sie hilft bald wieder in der Stuttgarter Vesperkirche mit. Dort bekommen Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld warmes Essen und wer mag, auch Pflege für die Füße:
Wir haben eine Schüssel für‘s Fußbad dabei, Handtücher, alle Werkzeuge, die wir brauchen zum Nägelschneiden, zum Feilen, wir haben Cremes dabei, Desinfektionsmittel und wir haben eine Box mit Socken dabei, weil am Ende bekommt immer jeder ein frisches Paar Strümpfe.
Uta Heß und weitere Ehrenamtliche bauen vorne in der evangelischen Kirche eine Fußpflegeecke auf. Neben der Kanzel. Für die Privatsphäre stellen sie Sichtschutzwände auf. Die Besucher können dort für eine halbe, dreiviertel Stunde Platz nehmen.
Die Menschen, die auf der Straße leben, die kriegen es immer hin, dass sie mit ordentlichen Füßen kommen. Also, dass sie dann sagen: Ich wusste, ich habe den Termin. Ich war heute Nacht in der Obdachlosenunterkunft. Da kann ich mich waschen, da kann ich mich duschen. Schau mal, ich habe mir extra die Füße gewaschen, bevor ich gekommen bin. Es hört sich für uns so lapidar an: Ich habe mir die Füße gewaschen. Für diese Menschen ist das ein richtig großer Aufwand.
Einmal habe ich vorbeigeschaut, als sie in der Vesperkirche im Einsatz war. Und mir ist ein Mann aufgefallen. Er hatte nur Sandalen an – und das im Winter.
Es kommen tatsächlich Menschen bei minus sieben Grad und haben Sommersöckchen an, die dann dazu noch zwei, drei Löcher haben. Ich hatte mal einen Herrn, der hatte zwei verschiedene Paar Schuhe an. Also zwei verschiedene Schuhe. Und gar keine Socken.
Umso besser, wenn sie hier warme Socken bekommen – viele Ehrenamtliche haben sie gestrickt. Manche von den Besuchern haben Schmerzen wegen Problemen mit der Hornhaut oder den Nägeln. Meist können Uta Heß und ihr Team helfen.
Manche haben natürlich gesundheitliche Einschränkungen, merken es vielleicht gar nicht. Also wir haben schon auch Menschen, denen wir keine Fußpflege geben, wo wir sagen, da wollen wir erst, dass da ein Arzt drüber schaut. Es sind ja auch Ärzte im Team anwesend. Da ist es manchmal einfach notwendig.
Viele Menschen lassen sich ungern näher auf die Füße gucken, gerade wenn die nicht so gut aussehen. Uta Heß sagt, ein Eisbrecher ist, dass die Pflege an der Fußsohle oft kitzelt…
Also ganz viele Menschen sind zum Glück sehr kitzelig. Und bei der Behandlung freue ich mich, wenn die Menschen was zu lachen haben. Das soll ja was Schönes sein. Die Menschen sollen ja gern kommen und sich wohlfühlen.
Mich erinnert das, was sie tut, an eine Szene in der Bibel – Jesus wäscht beim letzten Abendmahl seinen Freunden die Füße:
Jesus stellt sich ja da so ein bisschen runter, was ich in der Vesperkirche da vielleicht gleichsetzen möchte, ist, dass wir alle auf Augenhöhe sind. Also da gibt's kein ' wir sind besser' oder ' schlechter' oder ' anders'.
Und doch gibt es auch Herausforderungen in ihrem Ehrenamt. Sie pflegt ehrenamtlich auch Menschen in der Stuttgarter Vesperkirche die Füße. Wohnungslosen oder Menschen mit kleinem Geldbeutel. Einfach ist das nicht immer:
Ich habe eine Frau gefragt, warum sie eine Mülltüte um die Hose herum hat. Dann sagt sie zu mir, wenn sie einschläft und sich einnässt, damit sie nicht am Boden festfriert. Das sind Antworten, da muss ich dann schon schlucken, also damit muss man schon auch umgehen.
Ihr wird da klar, wie schwer der Alltag der Vesperkirchen-Besucher ist und wie anders als ihr Alltag. Sie versucht dann, sich an eins zu erinnern:
Dass diese Frau genauso nett und schätzenswert ist, wie jeder andere auch und da muss ich mir drüber im Klaren sein: Das sind alle Menschen, wie du und ich.
Ich finde, das ist wirkliche christliche Nächstenliebe. Ihr ist Zusammenhalt wichtig. Mit der Kirche als Institution hadert sie. Aber an Gott glaubt sie. Uta Heß hat sich für ihr Engagement Unterstützung gesucht: Jetzt machen Ehrenamtliche auch aus Ostfildern oder sogar aus Freiburg mit.
Also, es ist wirklich ein familiäres Miteinander und macht wahnsinnig Spaß, dorthin zu gehen.
Die Teamarbeit gibt ihr wirklich viel. Und das hilft gerade auch, wenn sie von tragischen Geschichten der Vesperkirchen-Besucher hört:
Der eine Mann, der hat eine Firma gehabt, Frau, Kinder Reihenhäuschen, Hund, der hat 'nen Fehler gemacht im Geschäft, einen bewussten Fehler, der hat eine kleine Steuerhinterziehung begangen, bekam eine Haftstrafe dafür. Seine Firma ging pleite damit. Die Frau und die Kinder haben sich abgewendet.
Das habe ihn erst in die Alkoholsucht gebracht und dann auf die Straße. Uta Heß erinnert sich auch an eine junge Frau. Die war auf einen sogenannten Loverboy hereingefallen. Er hatte sie in die Prostitution gelockt und in die Drogenabhängigkeit:
Die junge Frau, die war gerade Anfang 20 und die hat mir während der Fußpflege erzählt, sie möchte eigentlich gar nicht clean werden, weil sie weiß nicht, ob sie das ertragen könnte, wenn sie einen klaren Kopf hätte.
Schicksale wie das dieser Zwangsprostituierten machen auch mich sprachlos. Uta Heß konnte immerhin zuhören. Und zumindest ihren Füßen was Gutes tun. Sie freut sich umso mehr, wenn sich bei Besuchern etwas zum Guten entwickelt wie bei diesem Mann:
Der Herr kam schon mehrere Jahre zu uns in die Fußpflege in der Vesperkirche, und hat sich verabschiedet, weil: Er hat jetzt eine Wohnung und er kriegt vielleicht sogar demnächst eine Arbeitsstelle. Das freut mich ganz arg, dass er die Möglichkeit hat, zurück in einen geregelten Alltag zu finden, zu einer Selbständigkeit, zu einem Erwerbseinkommen, ich würde mich sehr freuen, in dem Fall, wenn ich ihn nicht wiedersehe.
In wenigen Wochen geht’s an vielen Orten wieder los mit Vesperkirchen für Menschen in Not und ich finde es ist ein wichtiges Engagement.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43636
Wolf-Dieter Steinmann trifft Johanna Jerzembeck aus Karlsruhe. Mit Ende 30 ist ihr klar geworden, dass sie eine trans Frau ist. Das hat ihr Leben erschüttert und sie auch neu werden lassen. Vielleicht auch „weihnachtlicher“: Die studierte Juristin und IT Fachfrau engagiert sich stark in der Kirche.
Weihnachten – fürchte Dich nicht!
Was sind Sie für ein Weihnachtstyp? Manche haben den Baum schon abgeräumt. Johanna Jerzembeck - ich auch - braucht ihn mindestens bis Dreikönig. Sie feiert dieses Jahr, mit Anfang fünfzig, eine Premiere.
Mit meiner Frau zusammen, jetzt dieses Jahr das erste Mal. Bei meiner Mutter, die ist dieses Jahr 90 geworden, mein Vater ist schon vor ein paar Jahren gestorben. Meine Schwester kommt, meine Neffen. Mutti freut sich schon, dass alle da sind. Das wird was richtig Schönes.
Sie ist in sich, mit Ihrer Frau und ihrer Familie glücklich. Aber das war ein Weg. Neues Leben braucht Zeit und kommt oft unter Wehen.
2013 war mir klar, dass ich eine trans Frau bin. Da war ich 39, davor hatte ich das verdrängt und dann musste ich erst mal rausfinden, was bedeutet das für mein Leben und da hab ich das Glück gehabt damals, dass ich im Internet eine Gruppe von Christ*innen gefunden habe. ‚Johanna‘ gab es damals erst nur auf Twitter. Das war im Prinzip so der erste Kreis, wo ich gemerkt habe, ich werde als die, die ich bin, akzeptiert.
Früher war da manchmal so ein Gefühl: Seele und Körper finden nicht ganz zusammen. Dann die Erkenntnis, eine trans Frau zu sein. Ich kann nur ahnen, wie das das Leben aufgewühlt hat. Auch ihre religiöse Identität. Johanna war ja auf einen männlichen Namen getauft.
Während meiner Transition, als ich sehr damit gekämpft habe, ob Gott mich überhaupt noch kennt, hat mir jemand mal gesagt: Was auf deiner Taufurkunde steht, das ist für die Menschen, nicht für Gott. Gott hat dich so geschaffen, wie du bist, will dich so. Gott wusste schon, dass du Johanna bist, bevor du selbst wusstest, dass du Johanna bist. Als ich das begriffen hatte, da hab ich mich unglaublich frei gefühlt
Kann ich da mit? Inzwischen ja. Gesagt habe ich das als Pfarrer ja immer schon: Taufe bedeutet, man kann glauben. Ich bin von Gott geliebt. Kann darum selber liebevoll sein und werden. Immer neu. Das hat auch Johanna geübt: Erst ein Doppelleben geführt: nach außen wie bisher und privat neu. Aber das hat sie krank gemacht. Zum Glück hat sie therapeutische Hilfe gefunden. So ist sie ganz ‚Johanna‘ geworden. Wichtig waren und sind dabei Menschen, die den Weg mitgehen. Auch dazulernen. Was Johanna Jerzembeck und andere nicht brauchen, ist Gedankenlosigkeit.
Was mir sehr, sehr weh getan hat war, wenn Menschen den alten Namen und das alte Pronomen weiter benutzt haben und ich gemerkt habe, sie geben sich keine Mühe. Das ist eigentlich mit das Schlimmste.
Manche dringen sogar übergriffig in die Intimsphäre ein. Fragen zB. ‚was sie denn hat machen lassen‘. Da wird sogar sie kantig.
Was ich zwischen den Beinen habe, geht meine Partnerin was an und sonst niemanden.
Dass Johanna Jerzembeck heute selbstbewusst und furchtloser ist, hat auch mit der biblischen Weihnachtsgeschichte zu tun, vor allem dem, was der Engel sagt.
‚Fürchtet euch nicht, Gott meint es gut mit euch, ihr müsst keine Angst haben.‘ Das strahlt weit über die Weihnachtsgeschichte raus. Fürchtet euch nicht, das ist mein Lieblingssatz.
Der Satz prägt auch ihr Engagement in der Kirche. Sie arbeitet als Quereinsteigerin bei einer IT Firma, engagiert sich in der queeren Community und ihrer evangelischen Kirche. Da macht sie gerade zwei Jahre lang die Ausbildung zur Prädikantin, zur ehrenamtlichen Predigerin in der evangelischen Kirche in Baden. Hochachtung für alle, die so voll leben.
Ich lerne eigenständig Gottesdienste vorzubereiten und auch zu halten, mit allem, was dazugehört, mit Liedern, mit Predigt, die ich auch selbst schreibe.
Und mittlerweile bin ich bei ‚ich mache ganze Gottesdienste eigenständig‘ angekommen. Je mehr ich gemacht habe, desto besser hat es sich angefühlt.
Schön, wenn so viel zurückkommt, wenn man so viel gibt.
Sie ist furchtloser geworden. Dazu passt, dass sie sich auch die Kirche mutig wünscht und freudig. Mutig, grundsätzlich:
Wir wagen jetzt erstmal Dinge, wir fragen vor allem auch die Menschen um uns rum, für die wir ja Kirche sein wollen. Was möchtet ihr eigentlich von uns als Kirche und hören denen dann auch zu.
Mut wünscht sie Kirchen und anderen Institutionen auch auf dem Gebiet der IT; in dem sie beruflich arbeitet: ‚Nutzt open source Software. Werdet unabhängiger von den Mega-Konzernen, die Menschen vom digitalen Leben aussperren können, aus politischen Gründen.‘ Und Johanna Jerzembeck erwartet, dass Kirchen auch umkehren.
Viele queere Menschen haben einfach die Erwartung. ‚Nehmt uns als Kirche so an, wie wir geschaffen sind. Wir sind Gottes geliebte Kinder.‘
Für viele queere Menschen ist Kirche und Religion etwas, was ihnen sagt, du bist falsch, so wie du bist, du bist sündig.
Das geht nicht einfach so weg, indem man sagt, ja, jetzt hängen wir uns eine Regenbogenfahne an die Tür. Sondern das Vertrauen muss erst wieder wachsen und das braucht vielleicht auch von den Kirchen eine Aussage, wir sind uns bewusst, was wir euch angetan haben und wir schämen uns dafür und wir bitten euch um Vergebung.
Ich bin dankbar für das, was ich in dieser Begegnung bekommen habe. Leider musste auch diese, wie alle davor, ein Ende finden. .
Wünscht Johanna Jerzembeck uns was für heute? Ja, eine Art Segen. Den nehme ich auch persönlich und schließ mich ihrem Segen an, wo die Zukunft uns auch hinführen mag.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit in das Neue Jahr mitnehmen können, dass sie dran denken, dass gesagt ist, ‚fürchte dich nicht‘; weil das ist das, was mich trägt und ich hoffe, dass es sie auch tragen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43564

Der zweite Weihnachtsfeiertag. Die ersten packen schon wieder zusammen. Bäume werden abgeschmückt, Pläne fürs neue Jahr gemacht, Silvester steht vor der Tür. Und zwischen Keksdose und Kalender sitze ich da und frage ich mich: Warum fühlt sich das so falsch an, wenn Weihnachten jetzt schon vorbei ist?
„Bei uns steht der Weihnachtsbaum immer bis ins neue Jahr. Und wenn dann der Heiligabend, ich sag jetzt mal so ‚geschafft‘ ist, dann fängt für mich Weihnachten an. Und dann wäre es sehr schade, wenn das nach zwei Tagen schon wieder vorbei wäre.“
Christina Brudereck hat Theologie studiert. Sie schreibt Texte, steht auf Bühnen, spielt mit Worten – und sucht Sätze, die etwas in Bewegung bringen.
Ich treffe sie backstage, kurz vor einer Lesung und merke schnell: Weihnachten lässt sie nicht los. Nicht aus Gewohnheit oder Kitsch, sondern weil sie sich damit auseinandersetzt und jedes Mal etwas Neues darin findet.
„Ich bin jetzt Mitte 50 und wirklich, ich liebe dieses Fest wirklich. Ich feier es immer noch gern, aber es ist jedes Jahr ein bisschen anders, weil ich ja auch ein bisschen anders bin. Also die Traditionen sind so gleich. Aber ich bin ja jedes Jahr eine andere. Und ich glaube, in diesem Jahr ist mir das Kind besonders wichtig. Mir ist wirklich nochmal so klar geworden in der Vorbereitung: Hier steht ja wirklich ein Kind im Mittelpunkt – was für ein tolles Fest!“
Für Christina bleibt das Kind nicht nur ein schönes Bild. Sie schaut hin – und merkt, wie verletzlich Leben ist. Wie schnell es Schutz braucht.
„Ich werde auch selber wieder so ein bisschen kindlich, also das finde ich auch schön. Ich meine damit gar nicht unmündig oder antiintellektuell oder sowas. Aber so ein bisschen ja, mal Dinge für möglich halten. Ein bisschen mehr Hoffnung haben…“
… eine Erinnerung daran, worum es an Weihnachten wirklich geht.
Die Weihnachtsgeschichte erzählt nichts Glattes. Da ist Herrschaft, die dem Kind nach dem Leben trachtet. Da ist ein Kind, das Schutz braucht und Menschen, die sich kümmern.
„Diese Welt ist nicht für jedes Kind sofort ein Willkommensort. Und dann gibt es gleichzeitig welche, die sich kümmern.“
Für Christina ist das kein Rückblick in alte Zeiten, sondern ein Blick auf das, was heute zählt.
Vielleicht erklärt das auch, warum Weihnachten so viele Menschen anspricht, selbst ohne religiösen Bezug.
„Ich denke da jetzt vor allem an einen guten Freund, der sagt: Ich bin eigentlich Atheist und meine Familie ist eigentlich hinduistisch, aber irgendwie finde ich mich auf einmal wieder und grille ich eine Gans.
Und wenn ich dann tiefer nachfrage, dann sagt er: Ja, weil hier die Menschlichkeit gefeiert wird.“
In der Mitte steht ein Kind, Geburtlichkeit, neuer Anfang, Flucht – alles ist drin.
Christina nennt diese Zeit „Weltjahresbestzeit“. Weil Weihnachten etwas auslöst. Weil Menschen freundlicher werden. Weil sie einander mehr zutrauen.
„Die Weltjahresbestzeit ist schon der Advent mit Weihnachten. Vielleicht holt das Weihnachtsfest das Beste aus uns selber heraus.“
Was Christina Brudereck an Weihnachten bewegt, endet nicht am zweiten Feiertag. In ihren Texten sucht sie keine schnellen Antworten. Sie sucht Worte, die tragen, auch dann noch, wenn das Fest vorbei ist.
Sie erzählt mir von Südafrika. Sie war dort wegen ihres Theologiestudiums und verspürt dort an Weihnachten großes Heimweh.
„Nach Kokosmakronen, der Küche meiner Mutter und der Welt meiner Kindheit. Und dann ist etwas ganz Interessantes passiert. Ich bin dann an einem Abend wirklich so ein bisschen durch die Gassen gestreift und fand mich dann in einem jüdischen Café wieder und dachte einfach nur „Oh, rote Granatäpfel, es riecht so lecker nach Apfelkuchen…“und hab gar nicht so richtig verstanden, wo ich hier bin. Und die haben mich aber eingeladen. Ich durfte dann mitfeiern. “
Es war Chanukka. Das jüdische Lichterfest, bei dem jeden Abend ein weiteres Licht angezündet wird – als Zeichen dafür, dass das Dunkel nicht das letzte Wort hat. Es wird ein schöner gemeinsamer Abend.
„Chanukka ist ein anderes Fest als Weihnachten, aber was Licht ist, verstehen wir schon beide. Und dass wir es beide brauchen und gemeinsam leuchten lassen können, ist ja eine wunderbare Erfahrung.
Ein alter Mann, ein Überlebender, hat mir dann am Ende gesagt: Das Wunder ist, junge Frau, dass es immer noch Licht gibt in dieser Welt.“
Trotz aller Unterschiede passt für sie das gemeinsame Feiern zusammen. Jesus sagt: Ich bin das Licht und ihr seid das Licht.
„Dass wir das Licht feiern in einer dunklen Welt, das kannst du auch mit Chanukka feiern.“
Für sie zeigt sich darin, was Weihnachten im Kern ausmacht. Nicht das perfekte Fest, das Essen, die Geschenke…
Sondern die Erfahrung, dass etwas wachsen kann – trotz Angst, trotz Dunkelheit.
„Weihnachten wurde schon in den absurdesten, dunkelsten Situationen gefeiert. Es ist ein widerständiges Fest.“
Das, sagt Christina, kann man auch feiern, wenn man nicht religiös ist.
„Trotzkraft wäre mein anderes Lieblingswort. Also egal, mit wem du feierst, ob du alleine feierst, ob du arbeiten musst oder ob deine Familie wirklich ganz furchtbar ist. Aber „Trotzkraft“ zu sagen okay, dieses Fest ist widerständig, es gibt mir auch Widerstand und ich will aber, dass das Kind vorkommt, dass die Sterne vorkommen“
Trotzkraft. Weltjahresbestzeit. Und dieses kindliche Staunen, das Christina Brudereck wieder wachrufen will. Vielleicht ist das ihr größtes Geschenk:
Es erinnert nicht nur das Jesus-Kind zu feiern, sondern auch das Kind in uns. Das hoffen kann. Das Licht sieht und es weitergibt.
Und vielleicht klingt genau das noch nach in den nächsten Tagen: Diese Ahnung, dass wir die Werte, die wir feiern, auch selbst in die Welt bringen können.
Oder, wie Christina Brudereck es sagen würde:
„Mach mal eine Kerze an. Guck mal, was passiert.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43566
Peter Annweiler trifft Sarah Vecera
Teil 1: Krippe kultursensibel
Am Bildschirm bin ich mit Sarah Vecera verabredet. Eine Frau Anfang 40 - dunkler Teint, dunkle Haare - lächelt mich an und ich erfahre gleich als erstes von ihr: Schon als Kind hat sie an Weihnachten gespürt, wie ihr Aussehen auf andere wirkt.
Beim Krippenspiel durfte ich häufig die Maria spielen, weil gesagt worden ist, dass ich der Maria vermutlich am ähnlichsten gesehen habe bei allen Kindern, die sonst so im Kindergottesdienst waren und eben blonde Haare hatten und keine internationale Familiengeschichte hatten. Und das war vor allem schön, weil ich mich sonst in der Kirche sehr wenig repräsentiert gefühlt habe. Denn Kinder und Menschen, die so aussahen wie ich, die habe ich vor allem auf Spendenplakaten gesehen, vornehmlich zu Weihnachten.
… und das war merkwürdig für das Kind mit dunkler Hautfarbe in seiner ganz normalen Ruhrpott-Realität: Sarah Vecera ist in Oberhausen geboren und lebt bis heute im Ruhrgebiet. Ihr Vater stammt aus Pakistan, sie hat eine internationale Familiengeschichte. Naheliegend also, dass Sarah Vecera kultursensibel ist. Die studierte Theologin ist heute Referentin für Globales Lernen bei der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal. Mit diesem Blick fallen ihr gerade zu Weihnachten viele Details auf.
In vielen deutschen Krippen ist Jesus ja eher so ein rosa, europäisches Baby meist auch mit blonden Locken und historisch gesehen, würde ich halt sagen, kam Jesus aus dem Nahen Osten und sah vermutlich nicht so westeuropäisch aus, wie in den meisten Krippen.
Ja, denke ich: Das ist wohl auch gar nicht zu vermeiden: Dass unsere kulturelle Prägung auch unsere historischen Jesusbilder prägt. In Bildern, Krippen und Liedern geschieht das, eben inklusive Haut und Haaren. Vom „holden Knaben im lockigen Haar“ singe ich mit meinem Mehrheitsblick an Weihnachten ja ganz selbstverständlich und gewohnt. Ich finde das auch ganz in Ordnung. Und deshalb bin ich neugierig, wie das für Sarah Vercera ist.
Ich muss gestehen, ich habe sie mir auch immer blond vorgestellt, die Haare, aber dem ist ja gar nicht so. Und ich kann eigentlich mit dieser Zeile ganz gut leben, weil ein holder Knabe kann auch dunkle Locken haben. Und so stelle ich ihn mir heute vor.
Da wirbt Sarah Vecera für einen Blick, der empfänglich ist für die Perspektiven von Minderheiten und Menschen am Rand und fragt gleichzeitig, wie unsere mitteleuropäische Perspektive eigentlich entstanden ist. Und darüber hat sie ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie ist Jesus weiß geworden?“
Wenn ich die Frage stelle, wie ist Jesus weiß geworden, dann geht es mir darum, dass Menschen ein Aha-Erlebnis haben. Und wenn wir dann ins Gespräch kommen, ohne Schuld und Scham auch eine Rolle spielen zu lassen, sondern uns selbst reflektieren und sagen, Mensch, das ist was, da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht.
Bei mir hat das schon mal genau so funktioniert.
Teil 2: Weihnachten weltweit.
Als Theologin beim Wuppertaler Missionswerk ist sie sensibel für die Vorstellungen geworden, die wir uns von Jesus machen – und das wirkt sich für die Mutter von zwei Kindern auch zu Hause aus. Etwa, wenn es darum geht, welche Hautfarbe das Krippenkind hat.
Wir haben sogar drei Krippen zu Hause. Meine Kinder, die spielen gerne da auch damit. Wir haben eine schlichte Holzkrippe. Da gibt es eigentlich gar keine Hautfarben. Dann haben wir eine aus Tansania aus Bananenblättern. Und wir haben eine Spielzeugkrippe, in der hat Jesus eher so meinen Hautton. Also sieht eher braun aus und nicht weiß von der Hautfarbe her.
Über die eigene Lebensgeschichte ist Sarah Veceras Buch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ entstanden. Darin macht sie stark, dass alle Menschen Gottes Ebenbild sind und plädiert leidenschaftlich für eine weltweite Kirche und eine vielfältige Gesellschaft. Bitter, wenn sie dann bei Lesungen und Vorträgen die Erfahrung machen muss,
dass durch meine Öffentlichkeit sich mir viele Menschen anvertrauen, die internationale Familiengeschichten haben, Migrationshintergrund haben und viele von diesen Menschen mittlerweile einen Plan B mittlerweile haben, weil sie Angst haben, weil sie nicht wissen, was in diesem Land passieren wird. Und sie sich überlegen, wo können wir leben, wenn wir nicht mehr in Deutschland leben können? Und das ist für mich wirklich erschütternd.
Wie beklemmend, wenn immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Angst und Sorge um ihre Zukunft leben. Sie brauchen Verbündete – und dazu zählen besonders die Kirchen mit der Weihnachtsbotschaft:
Jedenfalls wäre mein Wunsch in diesen Zeiten gar nicht so sehr darauf angelegt, Jesus nicht länger weiß zu malen, sondern eine starke Kirche in einer Zeit zu sein, die eine Botschaft hat, die sich hinter Menschen stellt, die in Bedrängnis kommen, sich denen zuwendet, die ausgegrenzt werden, die Angst haben und die Zuflucht suchen.
Das ist die Botschaft von Weihnachten und die bleibt weit über die Feiertage hinaus aktuell. Gerade heute ist deshalb wichtig, was Sarah Vecera so formuliert:
Für mich ist die Mitte von Weihnachten die radikale Hoffnung und Gerechtigkeit, die wir, glaube ich, in diesen Zeiten auch ganz gut brauchen. Also es ist schön, Weihnachten zu feiern in einer Welt, die häufig sehr hoffnungslos uns vorkommt und das ja auch an vielen politischen Punkten auch ist. Gott kommt klein und verletzlich, bringt Frieden und stellt die Verhältnisse dieser Welt auch erst mal auf den Kopf. Und das finde ich sehr hoffnungsvoll.
Buchtipp:


Christopher Hoffmann trifft: Sebastian Ortner.
Ich treffe den 37-Jährigen in Frankfurt in der so genannten “Zukunftswerkstatt” der Jesuiten*. Der katholische Ordensmann und Theologe leitet diesen Ort, der jungen Erwachsenen die Chance gibt für sich zu klären, was ihnen für ihre Zukunft wichtig ist:
Die Zukunftswerkstatt ist ein Ort für junge Menschen zwischen 18 und 30 auf der Suche nach ihrer Berufung. Und Berufung heißt nicht unbedingt Priester werden oder in einen Orden einzutreten, sondern Berufung verstehen wir in einem sehr weiten Sinne, nämlich den Platz im Leben zu finden.
Sebastian Ortner geht davon aus, dass ausnahmslos jeder Mensch eine einmalige Berufung hat. Und so nutzen neben katholischen und evangelischen jungen Erwachsene auch konfessionslose das Angebot, das offen ist für alle Menschen, die auf Sinnsuche in ihrem Leben sind:
Manche sagen ich bin aus der Kirche ausgetreten, aber sehne mich trotzdem nach Gott. Wir hatten auch eine jüdische Frau hier, die eine Auszeit gemacht hat und uns gesagt hat dass sie ihren jüdischen Glauben vertiefen konnte in diesem christlichen Setting, was ich auch ganz wunderbar fand. Es geht um diese Sehnsucht, dass man mehr im Leben sucht, als nur den Alltag einigermaßen über die Runden zu kriegen, sondern dass man ein Leben in Fülle führen möchte.
Ein Leben in Fülle - dazu gehört für Sebastian Ortner ganz wesentlich sein Glaube. Aber z.B. auch seine Hobbys zu pflegen - der sportliche Jesuit praktiziert Taekwondo in einem Frankfurter Verein, fährt gerne Rennrad oder geht joggen, spielt Schlagzeug und Marimbaphon. Und er lebt nicht isoliert hinter Klostermauern, sondern mit anderen jungen Menschen in einer WG. Er kennt Zweifel am Glauben und Fragen an das Leben aus der eigenen Biographie und kann sich deshalb gut in die jungen Leute hineinversetzen. Oft fragen die sich z.B. welchen Beruf sie wählen sollen, wie es mit ihrer Beziehung weitergehen soll. Auch Leistungsdruck ist ein großes Thema...Und wie begleitet Sebastian die jungen Menschen dann?
Das ist uns wirklich sehr wichtig, dass wir nicht mit Ratschlägen den Leuten sagen, was sie zu tun haben, weil ich es ja gar nicht weiß, was wirklich die Berufung dieser Person ist und die Person selber oft auch nicht, aber unsere Überzeugung ist, dass man es herausfinden kann und wahrnehmen kann was mich bewegt, was mich beschäftigt und Schritt für Schritt meine Berufung immer besser zu verstehen und zu leben und zwar aus meiner Gottesbeziehung heraus und darum geht es in unserem Angebot letztlich: Menschen auf ihrer Reise mit Gott zu begleiten.
In unserer Begegnung erlebe ich Sebastian als einen Menschen, der für die Seelsorge brennt und sehr sensibel und professionell mit dem umgeht, was Menschen ihm anvertrauen:
Meine Erfahrung ist es, dass die Leute wirklich die Sachen ansprechen, die sie bewegen und die ihnen auch Angst machen. Und oft denk ich mir, diese jungen Leute tragen irrsinnige Gewichte - es geht um Krankheiten, um geliebte Menschen, die gestorben sind oder schlimme Konflikte in Beziehungen.
Und er erlebt junge Menschen, die auch heute im Glauben nach Antworten suchen:
Ich bin erstaunt wie tief die Sehnsucht und wie groß der Durst ist nach tiefer Gottesbegegnung und nach Spiritualität. Je unsicherer die Zeiten werden und je mehr Fragen man hat, desto wichtiger wird es ein Fundament zu haben, einen Anker wo man Halt findet bei allem , was wir nicht in der Hand haben und nicht kontrollieren können.
Ich treffe den Jesuiten Sebastian Ortner in Frankfurt, wo er die so genannte “Zukunftswerkstatt” leitet. Jetzt im Advent kommen jedes Wochenende junge Erwachsene aus ganz Deutschland dorthin um Ruhe und sich selbst zu finden:
Bei den Auszeitwochenenden geht es darum loszulassen. Mal den Laptop, das Handy auszuschalten, wir teilen sogar Wecker aus, damit die Leute mal nicht den Handywecker verwenden müssen und die sind oft froh.
Neben dem Schweigen ist aber auch der Austausch miteinander wichtig, zu merken: Da gibt es noch andere zwischen 18 und 30 Jahren, die glauben, deshalb wird es auch im kommenden Jahr dazu immer wieder Veranstaltungen geben.
Und das ist gar nicht selbstverständlich - das wurde mir hier auch bewusst, wie wenig möglich das oft ist in anderen Kontexten auch über den eigenen Glauben zu sprechen. Sehr oft wird das tabuisiert oder muss man das auch verstecken, weil man sich damit auch verletzlich macht. Da darf man hier davon ausgehen, dass die anderen das auch beschäftigt und bewegt.
Advent bedeutet ja Ankunft - Sebastian Ortner geht es darum, dass die jungen Menschen bei sich selbst ankommen können.
Im christlichen Glauben geht es ja um die Menschwerdung Gottes, aber ich denke auch um unsere eigene Menschwerdung: Immer mehr die oder der zu werden, der Mensch, die Person, die ich bin. Mich weiterzuentwickeln, zu wachsen und das ist wirklich etwas ganz Spannendes. Dass ich selbst ein unergründliches Geheimnis bin, dass dieses göttliche Bild oder dieser göttliche Glanz nicht nur im Angesicht des anderen ist, sondern auch in mir selbst, das find ich faszinierend.
Gott will in mir Mensch werden - geht das auch da, wo es in mir nicht aufgeräumt, sondern vielleicht auch chaotisch ist?
Ein Professor von mir in Innsbruck hat mal gesagt: “Weihnachten ist die Ankunft Gottes im Saustall unseres Lebens” und anders gesagt -genau das, was mich jetzt gerade beschäftigt, was obenaufliegt, wo ich gerade herkomme- das ist die Einstiegspforte ins Gespräch, in die Begegnung mit Gott.
Der gebürtige Österreicher Sebastian Ortner ist ein Mensch, der schon viel von der Welt gesehen hat - etwa während eines Praktikums beim Jesuitenflüchtlingsdienst in einem riesigen Camp in Malawi, wo Menschen das Nötigste zum Leben fehlte. Diese Bilder beschäftigen ihn bis heute. Oder als Student oder Seelsorger in Innsbruck, Wien, Nürnberg oder Paris. Auch jetzt in Frankfurt begleitet er immer wieder Menschen, die Heftiges erlebt haben. Und dennoch strahlt er eine ganz geerdete Freude und Freundlichkeit aus:
Ich glaub ich bin ein eher froher Mensch. Ich bin natürlich nicht immer froh und gut gelaunt, aber ich glaube letztendlich geht es in unserem Glauben um Freude. Das Evangelium ist eine Frohbotschaft, die einen aufrichten kann. Nicht in dem Sinne, dass wir immer mit einem breiten Grinsen durch die Gegend hüpfen, aber selbst wenn ich traurig bin, wenn ich mal nicht weiter weiss, wenn mir jemand wirklich auf die Nerven geht, selbst dann hab ich noch eine tiefe Hoffnung und so ein inneres Gefühl, dass ich geborgen bin in Gott.
*weitere Infos: https://zukunftswerkstatt-sj.de/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43572
Felix Weise trifft Dieter Falk
Er hat die Popgruppe Pur produziert, hat den Musikpreis „Echo“ gleich mehrfach gewonnen, und irgendwann hat er angefangen, selbst Musicals zu schreiben: über die 10 Gebote, über Moses, Luther... Viele haben christliche Themen – das ist das besondere an ihnen. Und: Es sind Chormusicals, das heißt: Ein Großteil des Musicals wird von einem riesigen Chor gestaltet. Und deshalb können auch Laien ganz einfach mitmachen – eigentlich jeder, der Freude am Singen hat. Jetzt gerade zum Beispiel, da ist das Musical „Bethlehem“ wieder in einigen großen Städten zu hören. Es erzählt die Weihnachtsgeschichte. Warum hat es gerade den Titel „Bethlehem“ bekommen?
Die Idee, das Stück Bethlehem zu nennen, hatte Michael Kunze.
Michael Kunze ist der Librettist, der den Text für das Musical geschrieben hat.
Er sagte, dass diese Stadt so vieles symbolisiert, was im Nahen Osten mehr denn je ein Thema ist. Drei Weltreligionen auf engstem Raum zusammen Kultur, Religion prallen auf kleinem Raum zusammen. Aber Michael Kunzes Idee war an der Geschichte von Bethlehem, was dort passiert, ist, diese Geschichte neu aufzurollen, quasi ihn, wie er es so schön nennt, in den Brunnen der Vergangenheit einzutauchen, aber startend von der Jetztzeit in Bethlehem.
Bethlehem als Ort, der die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet – die Konflikte, die heute den Nahen Osten prägen verbunden mit denen von damals: als es auch schon um Herrschaftsansprüche ging, um Identität und natürlich auch ums liebe Geld. Das schwingt mit in der biblischen Weihnachtsgeschichte. Aber vor allem die Sehnsucht nach Frieden. Für Dieter Falk ist klar…
…dass das in der Weihnachtsgeschichte eine der großen Botschaften ist – Frieden auf Erden taucht in jedem dritten Weihnachtslied irgendwo als Botschaft auf. Und die Hoffnung, dass so ein kleines Baby diese Welt so verändert, dass es sich, ja, dass irgendwann mal Friede ist. Wir wissen alle, das war noch lange nicht so weit sind. Aber wenn ein 2000 Köpfe starker Chor diese Botschaft in die großen Hallen hinein singt, dann hoffen wir, dass sich viele da zumindest immer wieder dran erinnern.
Frieden. Dazu Vertrauen, das Wunder eines neuen Lebens. Themen, die heute wie früher berühren. Und die im Musical in einem Song zu so etwas wie einer Kernbotschaft konzentriert sind: :
Der vorletzte Song heißt das Leben gewinnt. Das ist eine schöne Zeile. Alle Eltern können das glaube ich nachvollziehen, dass sie in ihre Kinder all die Wünsche hineinprojizieren, die sie selbst vielleicht nicht erfüllt bekamen. Das Leben gewinnt. Wir projizieren die Hoffnungen und den auch den Wunsch nach Frieden in die nächste Generation hinein. Das Leben gewinnt mit jedem Kind. Das ist wirklich so eine dieser zentralen Aussagen dieses Musicals.
Das Leben gewinnt – eine der zentrale Aussagen, die mit der klassischen Weihnachtsgeschichte erzählt werden. Wie geht das insgesamt – von einer vorliegenden Geschichte zu einem Musical zu kommen?
Das Musical ist natürlich eine Form, die gerade beliebt ist und Menschen anzieht.
Aus meiner Sicht eignet sich die Weihnachtsgeschichte ganz toll für ein Musical, weil man diese Hauptprotagonisten Maria und Joseph, ganz klar weiß. Dann natürlich die die Hirten, dann die Könige und dann König Herodes. Die Figuren sind klar, und das ist für den Stoff eines Musicals eigentlich wunderbar.
Der Stoff ist also geeignet. Aber wie geht es dann weiter? Wie findet Dieter Falk den richtigen Ton für die Geschichte?
Anfangs komponiere ich immer so auf Tonsilben. Bethlehem, Bethlehem, das stand schon so als Idee. "da,da, dadada" und das schicke ich Michael und zurück kommt wird Dokument und das passt dann wirklich zielgenau. Und dann muss ich nur noch mal ein neues Demo machen, mit dem Text drauf gesungen.
Bei einem Stück zu Weihnachten kommt man ja eigentlich gar nicht drum herum, nicht auch die klassischen Weihnachtslieder einzubauen. Auch im Musical „Bethlehem“ kommen Weihnachtslieder vor- aus ganz unterschiedlichen Traditionen:
Ich habe schon in der Tat weihnachtliche Songs benutzt und sie in Gospel neu arrangiert. Zum Beispiel Herbei, o ihr Gläubigen. Dann habe ich den amerikanischen Weihnachtsong „Joy to the World“ „Joy to the world“ heißt jetzt „Freue dich Welt“ und das Ganze ist auch relativ flott und sehr gospelig. Das habe ich gemacht. Und dann habe ich auch hin und wieder das Weihnachtsoratorium zitiert, das allerdings nur zitiert. Bei den anderen Songs sind Sie wirklich völlig neu arrangiert. Alles unter der Überschrift Gospel.
Wenn das Stück fertig ist, ist die Arbeit des Komponisten dann eigentlich getan. „Behlehem“ ist aber nicht nur ein Musical, sondern ein Chormusical, an dem viele Laiensängerinnen und -sänger mitwirken. Und deswegen ist Dieter Falk bei fast jeder Aufführung dabei… .
weil ich das natürlich auch sehen möchte und diese Gänsehaut fühlen möchte, wenn zum Ersten Mal diese dieser Riesenchor von 2000 Sänger und Sängern in Bethlehem singt. Das ist einfach ein tolles, unvergleichlich tolles Gefühl.
Auch dieses Jahr ist das Musikal auf Tour – schon das dritte Jahr in Folge. In Stuttgart ist es am 28.12. zu hören : Und Dieter Falks Musik zieht noch weiter ihre Kreise…,
wenn Lieder unseres Stücks, wenn die Sonntags dann Weihnachtsgottesdienst oder am Heiligabend, also nicht am ersten Weihnachtstag, wenn das an Weihnachten gesungen wird. Und das passiert schon seit einigen Jahren. Das freut uns sehr.
Ein Lied das es schon in einige Weihnachtsgottesdienste geschafft hat und auch eine Kernbotschaft des Musicals ausdrückt: „Das Leben gewinnt mit jedem Kind“. Ich wünsche Ihnen eine frohe Weihnachtszeit!
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Mehr Infos zu den Aufführungsorten und dem Musical gibt es hier: Chormusical Bethlehem
Einen kleinen Einblick ins Musical „Bethlehem“ gibt es hier: Weltpremiere in Düsseldorf | Bethlehem - Das Chormusical

Ich bin Manuela Pfann und heute mit Heiko Hauger unterwegs. Er hat Theologie studiert und war kurz vor der Weihe zum katholischen Priester. Dann hat er sich in einen Mann verliebt und ihn geheiratet. Priester ist er so nicht geworden. Und jetzt, über 20 Jahre später, ist er der erste Seelsorger, der sich im Auftrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart um queere Menschen kümmert. Er arbeitet also bei der Kirche! Das war damals undenkbar.
Gibt es den Platz überhaupt noch für mich in der Kirche oder wo könnte der sein? Erstmal habe ich auch einfach Abstand gebraucht. Einfach eine Zeit der Selbstvergewisserung.
In der Zeit war die Kirche St. Fidelis in der Stuttgarter Innenstadt ein wichtiger Ort für ihn. Da sitzen wir beide gerade. Heiko Hauger legt den Kopf in den Nacken, schaut nach oben, in den hohen, hellen Kirchenraum. Und denkt zurück:
Dann bin ich damals hier auf den Queergottesdienst gestoßen, der einmal im Monat stattfindet. Da konnte ich dann wieder leise anklopfen. Ja, bei Kirche, bei vielleicht auch den Wurzeln, die von mir da waren.
Denn sein Glaube und Gott sind ja nicht verschwunden, nur weil er als schwuler Mann lebt. Da war er sich immer sicher, …
… dass mir das auch niemand und keine Institution oder sonst jemand verwehren könnte.
Hauger teilt sich die Stelle für „queersensible Pastoral“ wie sie offiziell heißt mit einem Kollegen. Und die beiden haben eine klare Vision:
Uns ist ganz einfach auch wichtig von so einer kühlen Toleranz „Es ist okay irgendwie, dass queere Menschen da sind“, hin zu einem „echt queer geliebt“, dass das Menschen erfahren können.
Genau das ist gerade so wichtig. Weil Queerfeindlichkeit zunimmt. Beim Christopher Street Day beispielsweise gab es in diesem Jahr in etlichen Städten Übergriffe. Gut, dass die Kirche wenigstens ein Signal setzt! Aber es geht natürlich um viel mehr, das weiß Heiko Hauger auch:
Es geht auch um Glaubwürdigkeit bei Kirche an dem Punkt. Und das gilt im Umgang mit queeren Menschen. Das gilt aber genauso im Umgang mit wiederverheiratet Geschiedene oder wie auch immer. Wie sehr nimmt sie es denn ernst mit der Nächstenliebe? Oder fängt sie dann an, Grenzen zu setzen und auszuschließen?
Heiko Hauger bleibt da kritisch mit „seiner“ Kirche, und er weiß auch, wie die Realität aussieht bei heiklen Fragen.
Natürlich ist es immer noch so wenn wieder so ein großes Ringen um den Segen kommt für alle Paare. Ja, da denke ich manchmal Boah! Sind wir wirklich noch an dem Punkt? Ja, wir sind an dem Punkt, und wir kämpfen weiter.
Für Heiko Hauger und seinen Kollegen heißt das konkret: rausgehen, vor Ort, kleine Veranstaltungen machen, Filmabende, Gesprächsrunden. Denn im Grunde geht es um eine Haltung, immer noch, wie vor 20 Jahren:
Also einfach zu wissen, ich bin willkommen mit meiner ganzen Geschichte. Ich muss mich nicht erklären, ich bin erst mal da, als der Heiko. Das find ich ganz wichtig. Da Sicherheit zu haben, das hätte ich damals gebraucht.
Wir verlassen die Kirche St. Fidelis und gehen über die Straße, rüber zu einem alten Friedhof. Wir spazieren ein wenig durch das liegengebliebene Herbstlaub. Friedhöfe waren für Heiko Hauger fast zwanzig Jahre Einsatz- und Arbeitsort, nachdem er entschieden hatte, wegen der Liebe nicht Priester zu werden. Stattdessen hat er für einen Stuttgarter Bestatter gearbeitet.
Da habe ich dann einen Beruf gesucht, der einfach auch sehr nah an der Seelsorge ist. Deswegen gehört der Friedhof auch zu meinem Leben mit dazu. Und ja, das war eine sehr wertvolle Zeit, die Aufgabe war für mich sehr sinnerfüllend. Und Menschen da nah sein zu dürfen und zu begleiten, ist eine total wichtige Aufgabe.
Als vor einem Jahr dann zum ersten Mal in der katholischen Kirche in Württemberg eine Seelsorgestelle für queere Menschen ausgeschrieben wurde, hat Heiko Hauger nicht lange überlegt.
Ich fühle mich jetzt schon am richtigen Platz und ich freue mich einfach, dass das, was ich aus dem Theologiestudium mitgebracht habe und so meine Lebensgeschichte und ja, an der Stelle was bewegen zu dürfen zu können. Für die queere Community.
Und das ist auch mit einer Hoffnung verbunden, nämlich:
Einen Beitrag dazu leisten, dass Gemeinden sich öffnen können, ja, dass sich die Kirche öffnen kann, dass Menschen sich zeigen dürfen. Ich glaube, das ist ganz, ganz existenziell.
Was so einfach und logisch klingt, ist es in der Realität nicht. Heiko Hauger weiß so gut wie ich auch: Gegen queere Menschen und ihre Liebe gibt es viel Gegenwind, aus den Reihen evangelikaler Christen oder aus fundamentalistischen Kreisen. Da werden Bibelstellen zitiert, die angeblich belegen, dass Homosexualität Sünde sei. Wie zum Beispiel aus dem Buch Leviticus: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau“.
Dann denke ich immer: Boah, können wir jetzt mal die wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nehmen, die jetzt einfach da sind?
Bibelstellen kann man nicht einfach wörtlich nehmen, sondern muss schauen:
Wann sind sie entstanden, wie sind sie entstanden, welche Aussage steckt dahinter und welche kulturelle Erfahrung?
Und die Gesellschaft vor 2000 Jahren war nun mal eine völlig andere als heute. In diesem patriarchalen Kontext ging es um Machtrollen, aber nicht um gleichberechtigte Partnerschaften.
Zum Schluss habe ich noch eine Frage an Heiko Hauger. Weil ich etwas nicht ganz verstehe. Warum wollte er Priester werden? Er muss doch gewusst haben, dass das schwierig werden würde.
Also dass ich schwul bin, war mir eigentlich klar. Aber ich wollte es lange nicht wahrhaben. Und es braucht manchmal ne Riesenpackung Mut, einfach zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und zu dem, was einen ausmacht. Ja, und da hat es wirklich dieses totale Verlieben gebraucht, dass ich da rausgekommen bin.
Die Liebe also. Die führt nicht nur zu einem anderen Menschen, sondern eben auch zu sich selbst.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43472
Barbara Wurz trifft Philipp Kuch
In der evangelischen Landeskirche von Baden und in der von Württemberg wird heute gewählt: Und zwar wählen die einzelnen Ortsgemeinden ihren neuen Kirchengemeinderat, also den Vorstand ihrer Gemeinde. Auch in Gruibingen auf der Schwäbischen Alb, das zur Kirchengemeinde „Oberes Filstal“ gehört. Hier treffe ich Philipp Kuch. Er ist seit 2014 Mitglied im Kirchengemeinderat. Und es ist also schon das dritte Mal, dass er sich zur Wahl aufstellen lässt. Um noch einmal für sechs Jahre Verantwortung zu übernehmen - zum Beispiel für die Finanzen seiner Gemeinde, um übers Gottesdienstangebot zu entscheiden oder um beim Gemeindefest Bänke zu schleppen und die Getränke zu bestellen… Viel Zeit und Hirnschmalz, die Philipp Kuch da investiert.
Die Versuchung war natürlich groß, nach zwölf Jahren sich nicht mehr zur Wahl zu stellen. (...) Und mit Anfang 30 möchte man ja vielleicht auch noch mal andere Dinge im Leben ausprobieren. Aber ich war dann am Ende der Meinung, durch diesen großen Umbruch, der gerade in unserer Kirche stattfindet, mit Verwaltungsreform, Pfarrstellen-Streichungen, Fusionen, (...) dass es in der Gemeinde jemanden braucht, der einfach Sicherheit geben kann.
Heute kann Philipp Kuch das – verunsicherten Gemeindemitgliedern etwas Sicherheit geben. Vor 12 Jahren, als frisch gebackener Kirchengemeinderat war das noch ganz anders.
Ich kannte ja die Arbeit ein bisschen von meiner Mutter, die ja vorher schon im Kirchengemeinderat war. Aber wie es dann in so einer Sitzung natürlich zugeht, das war mir völlig unbekannt - vor allem als Jüngster mit Anfang 20. - traut man sich da oft nicht, einfach das Wort zu ergreifen, wenn lauter Ältere vor einem sitzen. Das war dann schon eine große Überwindung am Anfang .
Von den Älteren ist er aber immer ermutigt worden, erzählt mir Philipp Kuch. Und konnte so gut hineinwachsen in den sechswöchigen Rhythmus der Sitzungen. Er hat gelernt, mitzudiskutieren, und schnell hat er auch Spaß daran gefunden, als Junger auch was bewegen zu können. Zum Beispiel, als es daran ging, die Martinskirche von Gruibingen zu renovieren.
Also wir haben dann damals auch schon an Social Media gedacht und Online-Übertragungen. (...) Und haben dann damals auch schon die Leitungen gelegt für Videokameras und Übertragungen ins Internet. Das war natürlich für mich als junger Mensch was Tolles.
Trotzdem konnte das Projekt damals dann doch nicht an den Start gehen. Das Geld für die nötige Hardware – Kameras, Monitore usw. – ist ihnen damals ausgegangen. Philipp Kuch hat trotzdem nicht das Handtuch geworfen. Er weiß: Als Kirchengemeinderat muss man manchmal auch Frust wegstecken können. Und: Das Geld ist überhaupt knapper geworden in den letzten Jahren. Die Gemeindemitlieder sind weniger geworden. Sein Heimatort Gruibingen hat sich mit Wiesensteig zusammengetan, um als Gemeinde „Oberes Filstal“ die Kräfte zu bündeln. Aber nachdem sie so viel geschafft haben, ist Philipp Kuch sich sicher: Nach dieser anstrengenden Phase lässt sich jetzt auch wieder was bewegen.
Raus zu den Leuten muss die Kirche gehen, sagt Philipp Kuch. Und erzählt mir, was sie zum Beispiel für Heilig Abend geplant haben.
Da wird es einen Gottesdienst im Dorfgeben, nicht in der Kirche. (…) Das ist dann ein Gottesdienst, der etwas kürzer ist. Man muss nicht ewig in die unbequeme Kirchenbank rein sitzen und kann dann danach einfach auch noch mit den Leuten dort zusammenstehen.
Es lässt sich was bewegen, in einer Kirchengemeinde, weiß Philipp Kuch: Mit Adventsandachten z.B. die mitten in der Woche stattfinden und ziemlich gut besucht sind. Genauso in der Jugendarbeit oder mit Aktionen für die Konfirmanden
Wir gehen zum Beispiel in den Kletterwald oder haben das Bestattungsinstitut Maichle besucht zum Thema Tod. Also da finden viele Veranstaltungen auch außerhalb des Unterrichts statt, die die Konfis einfach zusammenschweißen.
Bei der Kirche haben sie die Chance, auch mal über etwas ganz anderes zu reden, als in der Schule oder im Sportverein:
Wo können sich Jugendliche mit dem Thema Tod auseinandersetzen, wenn nicht bei uns in der Kirche? Und ich glaube, vielleicht nicht jeder Jugendliche, aber viele haben diese Erfahrung schon machen müssen und haben vielleicht dort auch keinen Anlaufpunkt in der bürgerlichen Welt gehabt. Und dafür ist ja denn die Kirche auch da.
Philipp Kuch hofft, dass die Jugendlichen auch die Chance nutzen, heute bei der Wahl des Kirchengemeinderats mitzumachen. Denn wählen darf man in der evangelischen Kirche schon mit 14 Jahren. Und damit auch alle neu Konfirmierten:
Sie bekennen sich ja mit ihrer Konfirmation zur Gemeinde (...) Und dann würde ich Ihnen raten, auch dann das Recht, das aktiv mitzugestalten, durch die Wahl ernst zu nehmen und auch wahrzunehmen. Und wo kann man mit 14 Jahren schon aktiv wählen und ein Gremium mitbestimmen, das seine Interessen eventuell mit vertritt?
Philipp Kuch selbst ist noch einen Schritt weitergegangen – geht nicht nur wählen, sondern stellt sich zur Wahl – für seine Gemeinde, denn...
das ist eine Gemeinschaft mit Menschen, an die ich mich wenden kann, generationsübergreifend. (...) Und ich weiß, ich kann jederzeit wo ich ein Problem habe, auch privat mit denen drüber reden und die verstehen mich. Und auch andersherum ist das dann der Fall. Und das gibt für mich einfach so ein Stück weit Gewissheit: Du bist nicht allein, du wirst durch den Alltag getragen, durch diese Gemeinschaft und den Glauben an Gott.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43419
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