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Pfarrerin Barbara Wurz trifft Lucas Zehnle
Seit seiner Kindheit sitzt er im Rollstuhl – und das hat natürlich Auswirkungen auf seinen Alltag: auf ganz alltägliche Dinge, über die ich mir normalerweise gar keine Gedanken mache: Wo zum Beispiel die Bremse ist in seinem Auto:
Ich kann halt meine Beine zum Autofahren nicht benutzen.(...) Das behilft sich aber relativ leicht durch ein Auto mit Automatik. Es übernimmt die Schaltung komplett und ich fahr halt eben mit den Händen, also über Handgas und Handbremse und hab wie bei einem Traktor zum Lenken so einen Knopf auf dem Lenkrad. Und das war schon der ganze Zauber.
Lucas Zehnle ist ein sportlicher Typ Mitte dreißig. Und mit seiner frischen und offenen Art genau der richtige Hauptdarsteller für die neue Web-Serie „Wheel Life“ die kommende Woche an den Start geht. Geplant sind sechs Kurzfilme, produziert vom Evangelischen Online-Magazin Indeo – um auf unterhaltsame und niederschwellige Weise Einblick in die Perspektive von Lucas zu geben. Und die Produktion ist auch für Lucas die Gelegenheit gewesen, ganz neue Sachen auszuprobieren:
Also, wie ich Auto fahre, das weiß ich. Aber was es bedeutet, inklusive Mode zu gestalten, worauf man da guckt, was die wichtigen Faktoren und dann auch über die Bedarfe von einem Rollstuhlfahrer hinaus an an Kleidung gestellt werden (...) das war mir überhaupt nicht klar.
Dass es das überhaupt gibt - spezielle Mode für Menschen mit Beeinträchtigungen – auf solche Spuren bringt mich die Web-Serie „Wheel Life“. Oder auch auf die Frage, wie Rollstuhl-tauglich das Volksfest beim Cannstatter Wasen eigentlich ist. Im Kurzfilm auf Youtube klingt das dann so:
Herzlich willkommen zum offiziellen Barrierefrei-Wasen-Check. Wir gehen der Frage nach: Wie gut komme ich als Rollstuhlfahrer auf dem Wasen klar? Ich bin der Lucas – und jetzt geht’s los.
Bereits als Jugendlicher auf Ferienfreizeiten des CVJM und auch später, in seiner Zeit beim Jugendwerk hat Lucas ein Gespür dafür entwickelt, wie möglichst alle mitmachen können – ob mit Beeinträchtigung oder ohne. Auch später hat er sich mit Inklusion beschäftigt.
Am 14. April ist es soweit und geht die erste Folge von „Wheel Life“ online. Und wird im Internet zu finden sein auf Youtube, unter Indeon.de und auf den dazugehörigen Social-Media-Kanälen. Das erste Thema: Lucas` große Leidenschaft fürs Hand-Biking.
Die Folge, die wir jetzt gedreht haben übers Handbiken, hat tatsächlich dafür gesorgt, dass ich einigermaßen fit war im Radsport(...) Und plötzlich brauchten wir eine coole Szene in einem Rennen. Also habe ich an einem Rennen teilgenommen und es war sensationell.
In einer anderen Folge von „Wheel Life“ testet Lucas auf dem Cannstatter Wasen die Achterbahn. Und so hört sich sein Facit im Film dann an:
Das war jetzt wirklich echt ne coole Begegnung, ein cooles Fahrgeschäft. Ich habe das noch nie so erlebt, dass man wirklich über ne Rampe zur Achterbahn fahren kann. Mir wurde auch Hilfe angeboten. Das hat echt Spaß gemacht, war cool.
Für Lucas Zehnle bietet „Wheel Life“ allen Interessierten die Chance, einmal seine Perspektive als Rollstuhl-Fahrer einzunehmen.
Also, es wäre natürlich spitze, wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn sie das gucken, genauso vieles noch mal lernen wie ich in den Folgen.
Um anderen einen Einblick zu geben hat Lucas Zehnle mitgemacht bei „Wheel Life“. Und hat dabei auch selbst profitiert:
Ich bin, glaub ich, derjenige, der am meisten gelernt hat und ich hab mich komplett drauf verlassen, dass ich eben gerne kommuniziere und gerne auch dann im Scheinwerferlicht stehe und dachte mir, ja, das muss reichen, wenn die mich wollen, ja, dann probieren wir das aus, es kann nichts passieren.
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Die SWR1 Begegnung mit Sabine Winkler und Fabian Schwarz. Er ist freier Redner, Moderator, Bühnencoach und – Kabarettist!
„2011 bin ich mit meinem Soloprogramm an den Start gegangen und habe aber schon einige Jahre davor, mit einem Freund zusammen Musik-Comedy gemacht: „Besenreim“. Wir waren halt nie perfekt, wir waren immer so ein bisschen schlecht, aber wir waren ziemlich lustig und das hat uns ausgemacht. Von dem her ist der Humor immer dabei.“
Wenn ich mit Fabian Schwarz rede, dann muss ich fast schon aufpassen, dass unser Gespräch nicht die nächsten Sketche für eine Bühnenshow liefert. Denn immer wieder kreiert er humorvolle Blickwinkel:
„Man kann sich ja immer entscheiden: Wenn mir irgendwas Blödes passiert, entdecke ich dann die Komik darin oder sage „Öööh es ist ja alles jetzt so scheiße!“ Und die meisten Sachen, die uns passieren, die irgendwie schlimm sind, sind ja gar nicht schlimm. Wie oft haben wir beimRückwärtseinparken ein anderes Auto so krass geschubst, dass es dann in den Fluss reingefallen ist oder so? (lacht herzhaft). Es ist nicht so das treffendste Beispiel. Aber weißt du, die meisten Dinge sind ja nicht so tragisch.
Sein herzhafter Lacher sagt es: Ein wenig Humor schafft erstmal Distanz zur Sache.
„Also mir ging es oft so in meinem Leben, dass wenn ich einen Konflikt mit jemandem hatte oder auch eine Situation, wo es schwierig war. In dem Moment, wo ich mir überlegt habe, wie könnte ich das Ganze auf der Bühne kabarettistisch verarbeiten? Ab dem Moment hatte ich wieder Handlungsfähigkeit, weil es dann so diese Distanz hatte, vielleicht auch ein Perspektivwechsel. Und da habe ich wieder den Blick nach vorne bekommen.“
Die richtige Dosis Humor und eine Prise Selbstironie können helfen, leichter durchs Leben zu gehen – davon ist Fabian Schwarz überzeugt. Es geht darum sich selbst nicht zu ernst zu nehmen:
„Das finde ich auch auf der Bühne, egal ob jetzt als Rednerin, Redner oder auch als Kabarettist ganz wichtig, über mich selbst lachen zu können!“
Fabian Schwarz ist gläubiger Katholik und kirchlich sozialisiert. Es liegt daher auf der Hand, dass er schon einige Auftritte in Kirchengemeinden hatte. Katholische Kirche, Glaube und das ganze humorvoll betrachten? – Das geht für ihn, erstaunlich gut sogar:
„Ich finde, dass man da auch Witze drüber machen darf, bis hin sogar zu der Frage, ob nicht der Gott, an den wir als Christinnen und Christen glauben, der uns in der Bibel beschrieben wird, ob der nicht so ein starker Gott ist, dass wenn es irgendjemand aushält, dann er, ne?
Also, der ja auch sich von Hiob gefallen lassen musste, irgendwie angefeindet zu werden und angemotzt zu werden und da denke ich mir: Dann steht er da schon drüber. (Schmunzelt)
Ja, ich glaube… also wenn du jetzt davon ausgehst, wenn er oder sie das geschaffen hat und so runter guckt… und dann denkst du so „Oaah - meine Schöpfung“ (lacht herzhaft) – das geht glaube ich, oft nur mit Humor!“
Gott ist stabil und muss Humor haben – das glaub ich auch, wenn ich an unser menschliches Verhalten im Alltag denke.
Während unseres Gesprächs holt er die Bibel und verweist dann auf die Stammvatergeschichte, in der Gott Abraham verkündet, dass Sarah, seine Frau ein Kind bekommen wird. Die hört es und weil sie aber schon ziemlich alt ist, lacht sie.
„Gott kriegt es ja schon mit. Und er fragt dann ja auch Abraham „Äääh, warum hat denn Sara gelacht?“ Und Sara hat dann Angst und sagt „Ääh, ich habe gar nicht gelacht!“ und Gott sagt „Doch, doch, du hast gelacht.“ Aber er lässt es so stehen. Es gibt keine Strafe. Das ist für mich ein sehr starker Beleg so: Gott hält es aus, weil er schon natürlich darum weiß, was in uns vorgeht und was für Reaktionen passieren. Und weil er schon wahrscheinlich auch ein Verständnis für Komik hat.“
Schwarz hat katholische Theologie studiert und arbeitet in einem Feld, das typisch für die Kirche ist: Beerdigungen. Als selbstständiger, freier Theologe schreibt er Reden für Trauerfeiern. Wie geht das mit seiner humorvollen, kabarettistischen Seite zusammen?
Also ich finde auch bei einer Trauerrede ist es schon auch wichtig, wenn es schöne, lustige Geschichten gibt über den Verstorbenen oder die Verstorbene, dann müssen die Geschichten ja auch in die Rede rein. Das wäre ja verschenkt.
Wenn du dann so einen Moment hast, wo die ganze Trauerhalle einmal kurz lacht, weil alle irgendwie connecten können und sagen „Ja, genau so war sie oder so war er.“
Manchmal ist Fabian Schwarz auch für freie Trauungen unterwegs. Ich frage mich, wieso er dann nicht in der Kirche arbeitet, oder ist seine Arbeit keine Konkurrenz zur Katholischen Kirche?
„Ich finde das gar nicht, dass es Konkurrenz ist. Ich glaube, dass Menschen, die sich für eine freie Trauung entscheiden, sich sehr bewusst für eine freie Trauung entscheiden. Genauso wie Menschen, die kirchlich heiraten, sich sehr bewusst für eine kirchliche Trauung entscheiden. Ich sitze ja nicht als Brautpaar zu Hause vorm Rechner oder am Tablet und gucke, wer hat die besseren Google Bewertungen?
Die Gründe, weshalb seine Kunden ihn auswählen, sind unterschiedlich. Mal kommen sie mit Frust wegen einer schlechten Kirchenerfahrung und manchmal auch, weil sie gar kein Kirchenmitglied sind und dennoch das Bedürfnis haben, ein Ritual zu finden, ein paar schöne Worte bei ihm zu bekommen, die unterstützen, die tragen.
In Zeiten von Mitgliederaustritten interessiert mich dann auch noch, ob seine Kunden denn überhaupt gläubig sind?
„Wenn ich frage, zum Beispiel im Trauergespräch, „Ja, gab es denn einen Glauben? -“ „Nee, haben wir eigentlich nicht drüber gesprochen“. Oder dann frage ich so: „Haben Sie da einen Glauben oder eine Vorstellung, was nach dem Tod so vielleicht ist?“ - „Hm…“ Und dann kommt aber trotzdem ganz viel so an „Ja, der guckt jetzt da von oben runter.“ (…)
Ich glaube schon, dass ganz viele so eine Sehnsucht haben oder so eine Hoffnung und eben nicht nur, weil es dann halt für die Kinder leichter ist, wenn man sagt, der Opa ist jetzt oben und guckt runter. (…) Also ich glaube, da steckt viel mehr Hoffnung in uns, als wir uns vielleicht manchmal als Menschen zugestehen.“
Das ist auch die Botschaft von Ostern: Der Tod hat eben nicht das letzte Wort. Daran glaubt auch Fabian Schwarz und das gibt ihm die Gelassenheit und den Grund humorvoll durchs Leben zu gehen.
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Heute mit Martina Steinbrecher und dem Schauspieler Oliver Mommsen. In der ARD läuft heute Nachmittag um 15.30 Uhr ein neuer Film mit ihm in der Hauptrolle: „Oliver Mommsen und das Rätsel von Ostern“. Als Kind hat er Ostern geliebt.
Also, es ging um Überraschungen, es ging um viel Schokolade, es ging um Familie ist zusammen. Im schönsten Fall gab es dann auch den Osterspaziergang. Das war so der Haupttenor: Zusammensein und überall in irgendwelchen Büschen tauchten irgendwelche Überraschungen auf.
Ums Überrascht-Werden geht es dann auch in dem halbstündigen Oster-Film. Ein himmlischer Taxifahrer mit dem vielversprechenden Namen Gabriel Engel fährt Oliver Mommsen quer durch die Republik zu Menschen, die allerorten ganz unterschiedliche Osterbräuche praktizieren. Der ahnt nicht einmal, was ihn dort jeweils erwartet.
Ich bin überall reingepurzelt und fand das alles nur aufregend, spannend, bereichernd, lustig und auch bis zum gewissen Grad irre. Und als dann irgendwann uns auch noch der Osterhase überholt mit seinem doch wirklich sehr speziellen Gefährt; also es war jedes Mal so, der Vorhang öffnet sich …
So viel sei schon mal verraten: Deutschlands dienstältester Osterhase nimmt Oliver Mommsen mit in eine Kinderklinik. Dort verteilen die beiden bunt gefärbte Ostereier an sterbenskranke Kinder. Bei manchen schleicht sich dabei ein schüchternes Lächeln aufs Gesicht. Trotzdem frage ich mich: Was kann so ein buntes Ei schon ausrichten gegen den Tod, der dort allgegenwärtig ist?
Was man aus dem Ei macht, ist ja jedem selbst überlassen, also welcher Gedanke mitschwingt, das ist ja, wenn einem die Geschichte nicht erzählt wird, weißt du nicht, wie groß sie ist. Und der Gedanke des Neubeginns, des Wiederanfangs, der ja auch zu dem Zeitpunkt bei uns jetzt einhergeht mit Frühling und mit es wird wieder hell, es wird wieder warm, und aus diesen komischen Töpfen, die tot aussehen, kommen plötzlich wieder Keimlinge und Pflanzen und Blüten und so weiter und so fort. Das ist ja um einen rum, ist ja ein kompletter Neuanfang und dass zeitgleich dann auch dieser wirklich große Gedanke des christlichen Glaubens zeitgleich stattfindet. Wer das sehen möchte, kann das sehen.
„Wenn einem die Geschichte nicht erzählt wird, weißt du nicht wie groß sie ist.“ Das klingt wie das geheime Drehbuch zum Film: Denn er erzählt auch die große Oster-Geschichte von Jesu Tod und von seiner Auferstehung. Ich frage Oliver Mommsen direkt: Glauben Sie an die Auferstehung?
Was wäre denn, wenn? Stell dir mal vor, es hätte Jesus gegeben. Stell dir vor, und da gibt es ja auch die ein oder anderen Fakten sozusagen, man hätte ihn getötet und plötzlich geht in unserem Kopf etwas auf, was wir uns eigentlich nicht vorstellen können. Es geht trotzdem weiter. Was macht das mit dir? Du musst jetzt nicht sofort Kirchensteuer zahlen und irgendwie dich entscheiden für irgendeinen Glauben, aber lass es mal zu. Und da bin ich sofort dabei, da springe ich gerne mit rein.
Reinspringen – und sehen, ob es trägt – für mich eine ganz schöne Beschreibung von dem, was Glauben ist.
Mit dem kundigen Taxifahrer Gabriel Engel an seiner Seite nähert Oliver Mommsen sich im Film dem Kern des christlichen Osterfests. Nachdem sie Milchkannenschießen und Osterhasenrituale hinter sich gelassen haben, bleiben die Aussagen der biblischen Texte: Der Tod hat seine Macht verloren. Jesus Christus ist von den Toten auferstanden. Da wartet ein neues Leben nach dem Tod.
Das hilft einem ja. Es hilft einem ja zu denken, ey, das ist nicht das Ende. Keine Ahnung, wo es hingeht, aber das ist nicht das Ende. Finde ich für so ein kleines Menschenhirn auf jeden Fall ein schönes Trostpflaster oder eine schöne Seitentür, wo man sagen kann, nee, ist nicht, das weißt du ja nicht, lass dich mal überraschen.
Da ist sie wieder: Die Überraschung. Immer wieder hat sie ihren Auftritt gehabt. In den Lebensgeschichten rund um Ostern, im Film und in unserem Gespräch. Und vielleicht ist sie ja überhaupt ein ganz guter Wegweiser, um sich dem Geheimnis von Ostern zu nähern: Lass dich überraschen! Lass den Gedanken einfach mal zu, dass es wahr sein könnte, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Jedes Jahr öffnet das Osterfest diese Chance: Mit Traditionen, die sich wiederholen, in der Kirche mit den immer gleichen Erzählungen. Und gerade weil das Fest verlässlich wiederkehrt, hält es unerwartete Überraschungen parat. Oliver Mommsen kennt solche Momente, wenn er seine Texte für Film oder Theater auswendig lernt. Und sie dafür fünfzig, siebzig, hundert Mal liest und wiederholt:
Und plötzlich aber, je tiefer du gehst und je mehr du dich damit beschäftigst, liest du in dem gleichen Text andere Sachen. Und deswegen bin ich sehr für die Wiederholung und dem immer wieder Auseinandersetzen mit dem gleichen Text, wenn es denn tolle Texte sind, die Bestand haben. Sie gehen ja auch mit Gedanken um, die vor Ihnen schon ganz, ganz viele gedacht, ausgesprochen, interpretiert haben. Sie gehen ja auch immer wieder neugierig, nehme ich mal an, an die Bibel ran.
Die Neugier – eine schöne Haltung, um heute das Osterfest zu feiern. Vielleicht mit Oliver Mommsen und dem Rätsel von Ostern: Um 15.30 Uhr in der ARD
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Karfreitag erinnert an die Kreuzigung Jesu. An eine Geschichte von Tod, Abschiednehmen und trauern.
Über Jahrhunderte war die Kirche der Ort, an dem Menschen gelernt haben, mit solchen Situationen umzugehen. Doch das ist längst nicht mehr immer so. Heute ist nur noch jede zweite Beerdigung eine kirchliche. Die Zeiten haben sich geändert und die Rollen auch. Wenn jemand stirbt, reden Angehörige meist nicht zuerst mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer. Sie rufen beim Bestatter an.
Was dort passiert und wie Angehörigen begegnet wird – das möchte ich in Tübingen erfahren. Ich treffe Gudrun und Laura Höhn, Mutter und Tochter. Laura ist Bestattermeisterin im Familienunternehmen, ihre Mutter Gudrun hat dort ein Begegnungscafé eingerichtet.
Zunächst spreche ich mit Laura, sie ist Anfang 30 und hat zuvor einige Jahre in der Wirtschaft gearbeitet. Und jetzt: Jeden Tag Trauer, Tod und Leid. Warum hat sie sich für diesen Job entschieden?
Weil ich den Bereich sinnvoll finde, diese Übergänge zu schaffen und für Menschen da zu sein, die gerade nicht wissen wohin. Und das auch erlebe in dem Feedback.
Tatsächlich hat ihr gerade eine Frau gesagt, dass sie eigentlich etwas ganz anderes erwartet hat, als sie zu ihr ins Bestattungshaus gekommen ist.
Das war ein Musstermin und das kann ich total nachvollziehen. Es will ja eigentlich keiner da sein. Und wenn ich dann höre, dass sie völlig erleichtert wieder gegangen ist, dann ist alles erfüllt.
Laura Höhn hat zwar keine seelsorgliche Ausbildung, aber ich erlebe sie empathisch und gleichzeitig sehr reflektiert. Wie geht sie damit um, dass sie eigentlich nie vorher weiß, in welcher Situation und in welchem Zustand Menschen zu ihr kommen?
Es sind nicht meine Emotionen, die da passieren. Und trotzdem möchte ich mitfühlend sein, aber trotzdem auch zu wissen, wo die Grenze ist. Das heißt, ich bin auf vielen Ebenen, glaube ich, Begleiterin. Begleiterin im Herausfinden, was sie gerade brauchen. Weil viele das erst mal nicht wissen und wir zusammen diesen Weg gehen.
Das hört sich für mich nicht nur nach jemandem an, der die Beerdigung abwickelt. Laura Höhn ist es sehr wichtig, viel zu erklären und nicht nur rechtliche Vorgaben umzusetzen.
Warum brauche ich einen Sarg? Was soll mir die Urne bringen? Da einen roten Faden zu gestalten und auch zu erklären, was das emotional für sie bedeuten könnte.
Tote bestatten und trauernde Menschen gut zu begleiten, darin sieht Laura Höhn ihre Aufgabe. Sie selbst hat sich von der Institution Kirche zwar distanziert, aber eine Haltung zum Glauben hat sie trotzdem – und das finde ich persönlich wichtig.
Ich glaube daran, dass es mehr gibt, als wir zwischen Himmel und Erde erkennen und sehen können. Ich respektiere jedoch, und das ist glaube ich das Wichtige für meine Arbeit, wo das miteinfließt, jegliche Form von Glauben oder Nichtglauben, die mir begegnet.
Nun treffe Gudrun Höhn, Lauras Mutter. Beide arbeiten zusammen im Familienbetrieb. Vor ein paar Jahren hat Gudrun Höhn dort ein Begegnungscafé eingerichtet.
Als ich über den Hof laufe, fällt mir sofort die Kreidetafel auf mit dem Wort „Leichenschmaus“. Ich zucke ein wenig zusammen, weil ich dachte, dieses Wort verwendet man heute nicht mehr so gern. Gudrun Höhn mag das Wort:
Weil es genau das bezeichnet, was es ist. Ich finde das Essen wichtig und ich finde den Verstorbenen wichtig. Und das ist so ein bisschen ein Begriff, der knallt. Und ich mag es gern knallen. Es ist uralt, dieses Wort und es hat eine Historie und deswegen mag ich es.
Nach einer Trauerfeier mit Familie und Gästen nochmals zusammenzusitzen, das war lange selbstverständlicher Teil einer Trauerkultur. Gudrun Höhn beobachtet, dass viele sich schwertun mit dem Thema Tod und Trauer, und am liebsten alles schnell hinter sich bringen wollen. Deshalb ermutigt sie Angehörige, nicht gleich auseinanderzugehen.
Ich würde es jedem empfehlen und einfach mal zu gucken, was passiert. Es ist etwas, was man nicht vorgreifen kann. Diese Überraschung, die ist immer sehr spürbar hier bei allen Gästen, die da gewesen sind.
Das kann ich mir jetzt schwer vorstellen, wie ein Trauer-Kaffee mit Überraschung zusammenpasst.
Dass ich mit Menschen, die ich über Jahre nicht gesehen habe, plötzlich aufgrund dieser Situation mich in einer Gemeinschaft befinde, die mir guttut. Schon das ist Überraschung. Dass was guttun kann, dass irgendwas als schön empfunden werden kann, auch zu diesem scheinbaren Paradox Tod und Verlust.
Dass ein Bestattungshaus gleichzeitig ein eigenes Café hat, das gibt es äußerst selten. Für Gudrun Höhn ist es die Antwort, auf das, was sie seit langem wahrnimmt.
Es ist eine gewisse Scham, ein gewisses Verbergen wollen. Es gibt viele Menschen, die andere Menschen nicht weinen sehen können. Ja, warum denn nicht? Weinen ist Bewegung. Weinen ist Zeigen einer Emotion. Da passiert was. Das kann entlasten. Das kann erleichtern.
Das Café ist für sie ein Plädoyer an die Angehörigen: Zeigt, wie es Euch wirklich gerade geht! Sie selbst hat diesem Ort den Namen „Café Inspiration“ gegeben. Denn sie will inspirieren:
Für ganz viele Dinge – Ich darf frei sein. Ich muss traurig sein nicht definieren. Ich muss hier nicht traurig sein. Ich darf lustig sein. Ich darf Schnaps trinken. Ich kann hier lachen dürfen. Es hat auch etwas Befreiendes. Und für uns gibt es hier kein Richtig und kein Falsch.
Zum Schluss spreche ich mit Gudrun Höhn noch über ihren eigenen Blick auf den Tod und erfahre dabei etwas Überraschendes. Sie ist gelernte Hebamme. Sie hat also einen professionellen Blick – sowohl auf den Anfang des Lebens und auch dann, wenn es zu Ende geht.
Bei dem Übergang Geburt weiß ich, wo ich hingehe. Dieses Mysterium „Was kommt nach dem Tod?“, das bleibt verborgen. Und das darf es. Und da eine Gelassenheit zu bekommen und auch einfach irgendwann mal zu sagen: Okay, ich genieße das, was ich habe im Augenblick und ich nehme das, was kommt, dann werd ich den Rest auch hinkriegen.
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Peter Annweiler trifft Wiltrud Bauer, „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge
Teil 1: Begegnungen mit Alpakas
Bei bester Frühlingssonne stehe ich auf einer Weide im saarländischen Schiffweiler, neben mir neben die „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge. „Tierisch“ neugierig bin ich und – schwupp – kommen ihre tierischen Mitarbeiter auf mich zu: Elf Lamas und Alpakas. Neugierig und kontaktfreudig, als ob sie auf mich gewartet hätten.
Die Tiere sind sehr zugewandt. Ein Alpaka kommt auf einen zu und schaut einem in die Augen, mit beiden Augen schaut es in deine Augen und man hat das Gefühl, da entsteht direkt eine Verbindung. Ein Alpaka ist zugewandt, es ist wahnsinnig neugierig, es will dich kennenlernen.
Und genau das spüre ich sofort. Fasziniert (wie ich bin) mache ich dann das, was Menschen gegenüber Vierbeinern halt so machen: Ich strecke meine Hand aus und will in das flauschige Fell fassen. Doch das mag mein Gegenüber gar nicht und wendet sich gleich wieder ab. Wiltrud Bauer weiß:
Gleichzeitig ist es zurückhaltend und achtet die Privatsphäre, weil es möchte die selber haben. Das sind Tiere, die sind uns Menschen gar nicht so unähnlich.
Also schon mal Respekt, liebe Alpakas, für diesen Auftakt: Zuviel Nähe am Anfang mag ich ja eigentlich auch nicht, eine tätschelnde Übergriffigkeit schon gar nicht. Schön, wie ich darüber gleich mit Wiltrud Bauer ins Gespräch komme. Sie hat den Kontakt mit den südamerikanischen Lasttieren „eigentlich“ gar nicht aktiv gesucht.
Dann bin ich zufällig auf dem Alpaka-Hof gelandet. Und ich habe die Tiere dort angeschaut und ich war verliebt. Es gibt so einen Spruch, der heißt, man darf dem Alpaka nicht so tief in die Augen schauen, weil das stiehlt einem die Seele.
Der wache und weite Blick: Er zeichnet auch die Seelsorgerin Wiltrud Bauer aus. Sie hat mit ihrer feinen und zarten Art ganz schnell gesehen, wie gut die Vierbeiner in Gemeinde und Seelsorge wirken können – und dann prompt eine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention gemacht. Heute setzt sie ihre Tiere ganz vielfältig ein: In der Arbeit mit Konfis, in der Begleitung von Trauernden oder in der Seelsorge mit psychisch Kranken. So oft wirken die Tiere im Kirchendienst ganz ohne Worte stärkend und heilend.
Wir hatten einen großen Termin im Altenheim hier in der Näheund eine Frau war ganz begeistert, die saß im Rollstuhl. Und dann steht sie aus dem Rollstuhl auf und läuft auf uns zu. Und dann sagt die Hausleitung zu mir: Das war jetzt ein echtes Wunder, die hatte einen schweren Schlaganfall … und seit sie aus dem Krankenhaus gekommen ist, hat sie nicht mehr laufen können, obwohl sie eigentlich hätte laufen können. Und in dem Moment, wo sie unbedingt zu dem Tier wollte, ist sie einfach aufgestanden und gelaufen.
Wie ein Wunder scheint das, ist aber keine Wunderheilung. Sondern eher eine wundervolle Begegnung.
Teil 2: Tiere als Mitgeschöpfe
Die 53jährige Wiltrud Bauer hat entdeckt, wie wirksam Tiere in der Seelsorge sind. Wenn sie mit ihren Lamas und Alpakas unterwegs ist, dann wird oft das wieder weicher, was sich bei Menschen in Krisen und Krankheit verhärtet hat.
Sie begegnen dem Alpaka und sie öffnen sich, sie lassen los, sie entspannen.
Und dabei passiert genau das, was für die Pfarrerin in der Seelsorge wesentlich ist.
Ich sag‘ immer so ein bisschen flapsig, wir spiegeln, was Gott eigentlich von uns will. Da-Sein, dem Menschen zugewandt Sein und Gucken, was dann passiert.
Wiltrud Bauers Bauers Tiere sind darauf trainiert, sich auf Menschen zu beziehen. Es ist, als ob sie damit Menschen helfen, von sich abzusehen – und „weiter“ zu werden. Tiere sind geschaffen und endlich wie wir. Sie entstammen dem selben Schöpfungs-Paradies – das hat allerdings der Mensch laut biblischer Erzählung aus dem Gleichgewicht gebracht und wird daraus ausgeschlossen.
Die Tiere haben sich da nie draus entfernt. In ihrem Dasein sind die immer noch diese Geschöpfe und die sind da nicht weg davon. Das verbindet uns und das trennt uns. Und dieses zurückzukommen zu dem Leben miteinander, zu schauen, wie bin ich als Geschöpf unterwegs.
Tieren zu begegnen – das bindet uns Menschen an die Schöpfung zurück. Und das wird in einern digitalen Welt immer wichtiger. Wenn SmartPhones vertrautere Begleiter als Tiere sind, wenn KI uns immer weiter entgrenzt, dann ist es höchste Zeit für eine neue Balance, meint Wiltrud Bauer:
Man muss nicht die Welt immer auf dem Display vom Smartphone sehen. Natürlich habe ich auch ein Smartphone und mache Fotos von meinen Tieren. Aber irgendwo muss man das auch mal weglegen und irgendwo muss man auch mal sein. Und zwar mit beiden Füßen auf dem Boden und mit der Nase atmend und mit den Händen was tun – und ich genieß das wahnsinnig.
Wiltrud Bauer regt mit ihren tierische Begleitern dazu an, sinnlich und geschöpflich im Leben zu stehen – und das kann gelingen, wenn Mensch und Tier gut aufeinander bezogen sind. Genau das können wir übrigens auch heute am Palmsonntag sehen. Bei seinen Lesungen spielt ja auch ein Tier eine prominente Rolle.
Der Esel beim Einzug in Jerusalem, der die Last der Welt auf den Rücken trägt. Ich habe ja so ein großes graues Lama, das ist ja so in bester Eselfarbe. Ich denke mir immer, das könnte wunderbar den Einzug nach Jerusalem darstellen. Jesus wusste ja, wo der Weg hinführt. Der Esel hat ihn da hingetragen und hat ihn dann eine Weile davon entlastet.
Wegweisend und entlastend also, wenn Tier und Mensch gut aufeinander bezogen sind. Ich wünsche Ihnen einen tierisch angeregten und weg-weisenden Palmsonntag.
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Mehr Infos zur Arbeit von Wiltrud Bauer:
https://www.seelsorge-tiergestuetzt.de/

Christopher Hoffmann trifft: Dr. Nana-Yaw Bimpong-Buta.
Er ist Kardiologe, Autor eines Spiegelbestsellers über Herzgesundheit und in den sozialen Medien folgen ihm allein auf Instagram 210.000 Menschen. Dort heißt er “Herzens_doc”, denn dieses Organ fasziniert ihn ganz besonders:
Das Herz schlägt ja 70 Mal die Minute im Durchschnitt - 150.000 Schläge pro Tag! Und bis zur Geburt allein in den ersten neun Monaten hat es schon 60 Millionen. Mal circa geschlagen. Es ist für mich das faszinierendste Organ überhaupt.
Kardiologen wie Dr. Nana-Yaw Bimpong-Buta sind gefragt, denn sehr viele Menschen haben Herzprobleme:
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nun mal die Haupttodesursache nicht nur in Deutschland, sondern der Welt -weit vor Krebs. Und allein in Deutschland sterben an Herzkreislauferkrankungen 1000 Menschen pro Tag.
Dr. Nana-Yaw Bimpong-Buta nennt sich kurz “Doc Nana” - der Name kommt aus Ghana, von dort kam einst sein Vater als Arzt nach Deutschland. Doc Nana wuchs in Bonn auf -es folgten Medizinstudium, Promotion, über 5.000 Einsätze als Notarzt. Er wurde Oberarzt und bald eröffnet er seine eigene Praxis. Und er hat einen Lehrauftrag an der Uni. Ein Wissenschaftler durch und durch. Aber gleichzeitig sieht er im Herz noch viel mehr - denn Doc Nana ist gläubiger Christ und postet regelmäßig Bibelverse, die das menschliche Herz thematisieren:
Ich les in der Bibel jeden Tag -selbst wenn ich nur einen Satz schaffe, weil das mein Herz stärkt, mich beruhigt und mir hilft. Ich bin sehr gläubig, ich sprech darüber immer wieder, weil ich weiß: Dass der liebe Gott mir hilft und vielen anderen helfen kann und möchte. Und in der Bibel steht: ”Mehr als alles andere behüte dein Herz.”(Spr 4,23)
Und da steht auch: “Selig, die ein reines Herz haben.” (Mt 5,8) Jesus sagt das in der Bergpredigt - was bedeutet dieser Vers dem Herzensdoc?
Ein reines Herz ist für mich ein liebendes Herz - weil Liebe ist die stärkste Kraft, die es gibt.
Ein Mediziner, der einerseits am offenen Herzen operiert und andererseits offen über seinen Glauben und die biblische Bedeutung des Herzens nachdenkt - wie geht das zusammen?
Ich glaub man kann es gar nicht trennen - ich glaub sogar man muss es kombinieren! Wir haben Leitlinien, wir können Messungen machen, Ultraschall, wir sehen das EKG. Ich finde Wissenschaft als Basis für die medizinische Behandlung essentiell wichtig - und Wissenschaft ist eben auch, dass wir nicht wissen, warum eigentlich das Herz schlägt.
Die Wie-Frage, die beantwortet die Wissenschaft. Die Frage aber, warum wir überhaupt hier sind und leben, die hat für mich und auch für den zweifachen Familienvater Nana mit Gott zu tun:
Viele Fragen mich: du bist doch Arzt und Wissenschaftler - das ist doch mit Glaube nicht vereinbar, aber ich sag genau das Gegenteil: ich muss glauben! Weil: es kann doch nicht sein, wenn eine Eizelle und ein Samen sich treffen, dass daraus ein Leben entsteht, ein Mensch.
Der 45-Jährige will Menschen über das Herz aufklären, sie motivieren, dass sie etwas für ihre Herzgesundheit tun. Ganz wichtig: Bewegung, Ernährung, Stress reduzieren. Als Seelsorger stimme ich ihm zu, dass in unserer Gesellschaft noch ein weiteres Risiko dazugekommen ist:
Einsamkeit ist ein Risikofaktor wie Rauchen inzwischen, das ist nachgewiesen wie Cholesterin und Bluthochdruck, aber auch da können wir ja was tun.
Und auch das hat für den Herzensdoc mit seinem christlichen Glauben zu tun- er ist sich sicher: Herzgesundheit und seelische Gesundheit hängen zusammen:
Es geht um Liebe, es geht um Geduld, es geht um teilen, es geht darum zu sehen: Was kann jeder von uns beitragen in seinem Umfeld. In der Bibel steht auch, dass wir ein Licht sein sollen!
Beziehungen tun seinem und jedem Herzen gut. Und er fühlt sich verbunden mit Gott. Gott ist für ihn ein Gesprächspartner, der weiß was ihn bewegt, noch bevor er eine Silbe ausgesprochen hat :
Wenn wir wütend sind oder traurig oder einsam, dann hilft mir nur das Gebet - weil es gibt bestimmte Sachen, die kannst du mit keinem anderen besprechen, weil dich keiner so verstehen wird wie Gott dich versteht, weil er ist ja die ganze Zeit dabei, er weiß ja genau wie du dich fühlst .
Doc Nana gibt dann an Gott ab, was - wie man umgangssprachlich sagt - sein Herz schwer macht:
Dieses Abgeben, das find ich so toll, weil bestimmte Dinge können wir gar nicht selber tragen. Und es muss nicht kompliziert sein. Ich rede mit Gott so wie mit dir, ich red nicht so: Könnten Sie, lieber Gott, mir heute vielleicht Bescheid geben? Nein, ich sag: Gott das war nicht gut, wo bist du denn? Komm doch dazu, ich weiß du bist Gott, du hast gesagt: Fürchte dich nicht, ich bin dein Gott. Hab keine Angst, ich geh mit dir.
Und das gibt ihm dann auch wieder Elan für seine Herzensmission. Er wirbt dafür sich zu begegnen, sich gegenseitig nicht zu vergessen, sich zu umarmen - all das schüttet Oxytocine aus, Hormone, die erwiesenermaßen gut sind fürs Herz:
Es kann sein, dass du jetzt nach dieser Sendung sagst ich schicke jetzt meinem Lieblingsmenschen eine schöne Nachricht: “Hab dich lieb, schön, dass es dich gibt, Danke dafür.” Und wenn das jeder von uns macht, regelmäßig, dann hat man einen guten Oxytocinflow.”
Und ich glaube dann lebt man auch ganz viel von der Botschaft Jesu, der gesagt hat: “Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, [...] und deinen Nächsten wie dich selbst.”(Lk 10,27)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44114
Felix Weise trifft Nana Myrrhe
Kein Sex vor der Ehe. In den christlichen Kreisen, in denen ich aufgewachsen bin, war das durchaus eine Position, die manche vertreten haben. Gerade, weil mir das so bekannt vorkam, war ich gespannt auf mein Gespräch mit Nana Myrrhe. Sie ist mit solchen Einstellungen aufgewachsen und hat sich erst als Erwachsene von der sogenannten purity culture distanziert. Worum geht es da genau? Nana Myrrhe beschreibt purity culture als…
…eine Atmosphäre, in der sehr strenge Regeln in Bezug auf alles, was mit Sexualität zu tun hat gelten. Und das umfasst ganz viele Verbote und findet oft in religiösen Gruppen statt, kann aber auch in sehr konservativen Familienumfeldern so sein.
Verboten ist nicht nur Sex bevor mein heiratet, sondern noch mehr:
Beispielsweise Masturbation ist verboten, weil das als Sünde gilt in diesen Kontexten. Dating vor der, Ehe ist auch verpönt, eher, weil es auch zur Sünde verleitet. Am besten soll man schon die Person irgendwie kennenlernen, aber jetzt nicht so in dem romantischen Kontext treffen, weil sonst könnte ja was passieren. Queerness gilt als Sünde, als verboten
Schwierig wird es vor allem, wenn jungen Menschen vermittelt wird, dass nur wer sich an die Regeln und Verbote der purity culture hält, seinen Glauben richtig lebt:
…weil die Pubertierenden sitzen ja da und merken sie haben Sexualhormone, sie sind betroffen und unterdrücken sich dann ganz, ganz stark. Das kann zu sexuellen Funktionsstörungen führen, das kann einfach zu einem krassen Selbsthass, also einer extremen psychischen Belastung führen. Das ist mir sehr wichtig zu sagen Ich. Das geht bis hin zu Suizidalität für Gedanken, die komplett normal sind, für Pubertierende, für Jugendliche.
Wenn solche extremen Verbote und Regeln als Last empfunden werden – warum haben sie sich in manchen freikirchlichen Gemeinden, aber auch landeskirchlichen Kreisen trotzdem durchgesetzt? Ein Grund:
Es ist auch eine Aufwertung, eine innere spirituelle Aufwertung von sich selbst. Das habe ich bei mir auch gemerkt. Ich hatte ganz, ganz wenig Selbstbewusstsein und habe mich dann, wie viele andere auch super stark angefangen zu identifizieren. Darüber, dass ich das in dieser Welt, die so unmoralisch ist, als einzige, quasi als eine der wenigen Auserwählten, richtig mach und wirklich rein bin und wirklich damit heiliger und näher bei Gott bin. Und das ist ja ein totales Missverständnis von wer Gott ist, finde ich. Aber ich habe daran geglaubt, dass Gott denen auch näher ist, die da mehr investieren.
Nana Myrrhe hat ein Buch über diese Erfahrungen, über ihr Aufwachsen in konservativen Kreisen, in denen eine rigide Sexualmoral gelehrt wird, geschrieben. „Feucht und Fromm“ Sie erzählt, dass sich bei ihr erst etwas verändert hat, als sie mit ihrem Ehemann das erste Mal versucht hat zu schlafen.
Diese Regeln jahrelang einzuhalten in Bezug auf eben ich muss warten um jeden Preis mit penetrativem Sex auf meine Ehe, um dann zu merken, wenn man dann so weit ist und dann das erste Mal versucht zu haben, dass es gar nicht geht, weil man so massivste Schmerzen hat, weil man dann merkt, man hat eine sexuelle Funktionsstörung, die dann bei mir diagnostiziert wurde, ist einfach mein Turning Point gewesen und auch der Moment, wo ich gemerkt habe, das ganze System geht nicht auf.
Ich finde es erstaunlich, dass meine Gesprächspartnerin, nachdem der Glaube ihr auch so viele schlechte Erfahrungen gebracht hat, nicht eine eigentlich nachvollziehbare Konsequenz gezogen hat: Mit dem christlichen Glauben zu brechen. Sie bezeichnet es selbst als kleines Wunder, dass sie noch glaubt.
Das Gottesbild, das ich hatte, war sehr negativ, also ein sehr strafender, sehr willkürlicher Gott und ein sehr kontrollierender Gott. Und an den glaube ich heute nicht mehr. Ich glaube an den Gott der Liebe. Und es wird zwar in den Gemeinden, wo ich herkomme, zwar auch gesagt und auch immer wieder betont, dass Gott die Liebe ist. Daran sind Bedingungen geknüpft. Wenn du die nicht hältst, dann verwandelt sich Gott in das strafende Monster, der einen in die Hölle schicken will.
Unsere Gottesbilder sind auch immer menschlich beeinflusst – das finde ich nachvollziehbar. Wie unterscheidet man dann aber, was menschengemacht ist von dem, wie Gott wirklich ist?
Ich denke, das ist tatsächlich einfacher als man denkt. Alles, was schadet, kommt nicht von Gott. Alles, was heilt und was aufrichtet und was Menschen weiterhilft, dahinter steckt Liebe. Und dahinter steckt meiner Überzeugung nach göttliche Energie.
Gott in dem, was lebensförderlich ist. Ich überlege: Liegt dann ihrer Meinung nach in einer gesunden Sexualität auch etwas Heiliges?
Ich bin heute fest davon überzeugt, dass Sexualität auch eine Form der Anbetung sein kann.
Das ist steil formuliert. Und vielleicht für den ein oder anderen zumindest eine herausfordernde These. Vielleicht etwas weniger Steil gefragt. Hat der christliche Glaube etwas zu Fragen des Umgangs mit der Sexualität beizutragen?
Ich glaube, aus den christlichen Werten von beispielsweise Nächstenliebe ergeben sich bestimmte Regeln. Ehebruch ,also gerade dieses Hintergehen von einem Partner ist unchristlich. Das würde ich schon beispielsweise so sagen. Die Bibel gibt uns viel zu Bedenken, auch beim Thema Sexualität, aber es geht nicht, dass man einfach sagt, wir möchten jetzt die Regeln aus der alttestamentarischen Zeit wie eine Schablone auf die heutige Zeit legen und behaupten, dass man nur heilig und ein guter Christ sein kann, wenn man enthaltsam lebt

Das Buch „Feucht und Fromm“ kann direkt auf der Homepage der Autorin bezogen werden: https://www.nanamyrrhe.de/
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Caroline Haro-Gnändinger trifft: Elisabeth Knaus.
Sie engagiert sich ehrenamtlich bei einem Kinder- und Jugendhospizdienst im Landkreis Heilbronn. Wir treffen uns im Theater Heilbronn und schauen uns das Stück „Schlafen Fische?“ an. Das ist ein Stück über ein Kind, über Jette, und ihren schwerkranken kleinen Bruder Emil. Elisabeth Knaus ist dabei, wenn sich Schulklassen das gemeinsam anschauen und sich zu Trauer austauschen:
Ich finde total berührend, wie die Schauspielerin alle Themen die uns so in unserer Begleitung immer wieder begegnen, wie gut sie sie ausdrücken kann.
Auch mir wird beim Zuschauen klar, was so eine schwere Situation mit einer Familie machen kann – zum Beispiel ist die kleine Jette auch mal sauer, weil sie findet, dass ihre Mutter mehr Zeit mit Emil als mit ihr verbringt. Elisabeth Knaus hat im echten Leben so eine Familie begleitet - der große Bruder hatte Krebs und der kleine Bruder sollte nicht zu kurz kommen:
Das Geschwisterkind hatte sehr viel Auslauf gebraucht, die haben in einer engen Wohnung gelebt, da war einfach angesagt: mit Ball auf den Spielplatz und draußen rumtoben. Da war einfach: Für das Geschwisterkind eine gute Zeit zu schaffen und die Eltern zu bestärken und zu unterstützen.
Sie unterstützt die Familien mal für ein paar Monate, mal für ein paar Jahre. Bis sie selbst wieder besser allein zurechtkommen. Sie macht das über den Kinder- und Jugendhospizdienst der Malteser – und geht dabei zu den Familien nach Hause. Gerade begleitet sie einen Jungen, schon sieben Jahre lang.
Zum Beginn konnte das Kind selbstständig schlucken, es ist eine degenerative Muskelerkrankung, das heißt alle Fähigkeiten der Muskeln lassen nach. Und inzwischen ist es einfach so, dass er sich selbst nicht mehr drehen, bewegen kann, dass er mit Sonde versorgt ist, mit ab und zu Sauerstoff.
Seine Eltern kümmern sich um ihn und ein Pflegedienst kommt vorbei. Elisabeth Knaus als Ehrenamtliche will vor allem Zeit schenken – dem Jungen tut Musik sehr gut:
Er liebt Töne, und das hat er von Anfang an geliebt. Ich habe für ihn, Musik gemacht. Reime, Lieder, Kinderlieder. Und inzwischen habe ich jetzt eine gute Möglichkeit gefunden, mit einem Monochord. Das ist ein Saiteninstrument, des Schwingungen hat und diese Schwingungen können sich auf den Körper übertragen. Das liebt er, da wird er ganz ruhig und entspannt.
Es ist praktisch, dass Elisabeth Knaus als Erzieherin und Heilpädagogin gearbeitet hat. Inzwischen ist sie in Ruhestand. Sie macht das, weil das Ehrenamt sie bereichert – und gleichzeitig ist es schwierig, manche Situationen sind belastend.
Ich treffe Elisabeth Knaus aus Mainhardt im Kreis Schwäbisch Hall. Sie engagiert sich für Kinder und für Jugendliche, wenn in deren Familien jemand eine schwere Krankheit hat, die manchmal sogar zu einem frühen Tod führen kann. Einmal die Woche geht sie normalerweise zu den Familien:
Für mich ist da ein ganz intensives Leben spürbar - es ist sehr viel Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit, über jede noch so kleine positive Veränderung oder jedes Mal, wo man es gemeinsam schafft, einen Besuch zu machen oder gemeinsam rauszugehen.
Und doch fragen sich Eltern auch: Warum unser Kind? In manchen Fällen stirbt das Kind. Dann begleitet sie die Familien auch in der Trauer.
Die Gefühle, die dann kommen im Moment des Abschieds, da drauf kann man sich, glaube ich, nicht gut vorbereiten, die kommen mit einer Wucht und gerade deshalb ist wichtig, dass dann jemand da ist, der weiß mit diesen Gefühlen umzugehen.
Sie begleitet auch junge Familien, in denen die Mutter oder der Vater gestorben ist. Spricht mit ihnen oder kocht mit ihnen. Und sie sagt, etwas machen zu können, kreativ, das tut oft gut:
Wir haben gemeinsam Erinnerungs-Schatzkisten gebastelt, da kamen Bilder rein, ich erinnere mich aber auch an eine andere Familie, da kam ein alter Strumpf vom Papa rein, oder ein Ohrring von der Mama.
Für Kinder da sein – wenn sie solche schweren Zeiten erleben – das macht Elisabeth Knaus seit inzwischen 17 Jahren. Sie hat selbst als Kind so etwas erlebt:
Der Tod begleitet mich tatsächlich schon lange, weil meine Mutter gestorben ist, als ich zwölf Jahre alt war.
Für sie, ihren Vater und ihre Schwestern war es schwierig damals. Sie erinnert sich an viel Sprachlosigkeit. Und an Menschen außerhalb der Familie, die ihr auch Halt gegeben haben:
Ein Klassenlehrer, der einfach für mich da war. Er hat mir einfach zugetraut, dass ich trotz diesem Verlust einen guten Weg weitergehen kann.
Und das möchte sie auch Kindern heute mitgeben. Sie erlebt mit den Familien schwere Tage, aber auch lustige und fröhliche. Elisabeth Knaus ist Christin und jetzt in der Vorbereitungszeit auf Ostern erkennt sie etwas wieder. In den Erzählungen der Bibel geht es um Erfahrungen, die sie von der Arbeit mit den Familien gut kennt:
Karfreitag, der Tag, an dem es ganz dunkel wird, an dem der Vorhang zerreißt, wo Jesus am Kreuz stirbt, und der Ostermorgen, wo ein helles Licht am Grab ist, das Grab leer ist, Jesus lebt, Jesus ist von den Toten auferstanden, das ganz Dunkle und dieses Leben. Das ist einfach was, was in den Begleitungen immer wieder spürbar ist.
Sie zieht auch aus diesem Glauben Kraft. Ich finde es wunderbar, wie sie für Kinder und deren Familien da ist.
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Heute mit Martina Steinbrecher und Hannah Broß aus Achern-Fautenbach. Hannah ist in der 12ten und steckt gerade mitten in ihren Abi-Vorbereitungen. Zur Entspannung liest sie Fantasyromane oder übt sich im Bühnentanz. Und sie hat gerade den zweiten Preis im Wettbewerb „Christentum und Kultur“ gewonnen. Mit einer 40 Seiten starken Arbeit über die katholische Jugendkirche in Fautenbach. Der Preis wird jährlich von den evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg vergeben und richtet sich an Oberstufenschülerinnen. So hat auch Hannah davon erfahren: Vor gut einem Jahr ist ihre Religionslehrerin mit einem Werbeflyer in die Klasse gekommen …
… mit der Übersicht, Themen und so weiter, und hat uns halt auch eben vorgestellt, dass man damit eine mündliche Prüfung ersetzen kann und dann hat mich das dann doch interessiert.“
Weil ihr auch sofort ein Thema eingefallen ist: Die Jugendkirche, die es seit 2017 in ihrem Heimatort gibt. Die will eine neue Verbindung zwischen Christentum und Jugendkultur schaffen. Angefangen hat alles mit dem Umbau der katholischen Dorfkirche:
… und seitdem gibt es dort eben keine festen Kirchenbänke mehr, sondern Stühle. Es gibt auch noch einen verschiebbaren Altar, der ganz neugestaltet wurde. Der steht jetzt auch in der Mitte des Gebäudes. Und dann natürlich auch diese moderne technische Ausstattung …
Das Besondere sind für Hannah aber nicht nur die coolen neuen Räume, sondern …
… das Team, das dazugehört. Also Jugendliche hier aus der Gegend zwischen 14 und 27 Jahren, die auch selbst diese Aktivitäten sich überlegen und die Veranstaltungen planen und dann auch gemeinsam durchführen. Und das ist eben das Besondere, dass das von Jugendlichen für Jugendliche geplant wird.
Ein Pater, eine Pastoralreferentin und eine Gemeindepädagogin gehören zum hauptamtlichen Personal der Jugendkirche. Wenn sie zusammen mit den Jugendlichen planen und gestalten, fühlt sich auch der Gottesdienst gleich ganz anders an:
Also in so einem normalen Gottesdienst hat man vielleicht manchmal das Gefühl, man muss jetzt geradestehen und man soll lieber nicht reden und so weiter, aber das war da ganz anders. Also, es hat niemandem was ausgemacht, wenn man sich auch mal kurz mit dem Nachbarn unterhalten hat, oder es wurden vielleicht auch sogar Anlässe dafür geschaffen und eben auch Witze erzählt.
Der „Funfact“, meint Hannah, spielt in der Jugendkirche überhaupt eine große Rolle, also dass die Leute selber Lust haben auf das, was sie da veranstalten. So sind schon Spieleabende, Bälle, ein Pub-Quiz oder ein Sommerfest zustande gekommen. Alles übrigens kostenlos oder mit Essen und Getränken für wenig Geld.
Man will natürlich den Jugendlichen auch den Glauben näherbringen und auch das Erleben von Gott. Aber es geht eben auch um die Gemeinschaft, sich auch mit anderen Jugendlichen zu unterhalten, ins Gespräch zu kommen, vielleicht auch über Religion, aber auch nicht nur.
Für ihren Wettbewerbs-Beitrag über die Jugendkirche hat Hannah einige Veranstaltungen besucht und zahlreiche Interviews geführt. Sie hat aber auch kirchliche Konzeptpapiere gelesen, Statistiken ausgewertet und sich mit theologischen Fragen beschäftigt. Eine dieser Fragen ist zum Titelthema ihrer Arbeit geworden: „Heißt ‚zum Glauben finden‘ ‚zur Vernunft kommen‘?“ Die Abiturientin aus Achern hat in einer preisgekrönten Arbeit „kirchliche Jugendarbeit im Spannungsfeld von Denkanstößen und starken Gefühlen“ untersucht. Ich habe sie gefragt, wo sie sich da selber sieht. Sie zögert ein bisschen:
Wahrscheinlich würde ich sagen, ich bin eher der rationalere Typ. Ja, weil es natürlich eben doch wichtig ist, auch vernünftig zu denken.
Das steht aber für sie nicht im Gegensatz zu emotionalen Momenten oder religiösen Gefühlen. In der Jugendkirche findet sie beides in einer guten Mischung. Christlicher Glaube und jugendliche Lebenswelten treffen sich. Und was prägt jetzt die Lebenswelt von jungen Leuten?
Natürlich Schule auch, weil man da doch sehr viel Zeit verbringt. Social Media, würde ich auch sagen, weil das auch immer mehr wird und weil das auch fast jeder hat. Ja, und dann natürlich aber auch der Freundeskreis und Hobbies und Sport.
Social Media auf Platz zwei. Noch vor Freunden und Hobbies und Sport. Hannahs vielleicht eher zufällig genannte Reihenfolge passt zur aktuellen Diskussion um ein Handyverbot an Schulen. Dazu hat Hannah eine klare Meinung:
Also ich glaube, dass es auch schwierig ist, das wirklich konsequent zu machen, dass man einfach gar keinen Zugang mehr hat. Da ist es vielleicht dann wichtiger, auch einfach den Jugendlichen zu erklären, wie man am besten damit umgehen sollte, was dann vielleicht eher der richtige Weg ist.
Was für eine kluge, kritische und sympathische junge Frau! Fazit ihrer Arbeit: Die Lebenswelten von Jugendlichen ernst nehmen, eine Atmosphäre zum Wohlfühlen schaffen, aber auch Freiräume zum kritischen Nachfragen und zum gegenseitigen Austausch, das hält Hannah für wichtige Ziele kirchlicher Jugendarbeit.
Weil die Kirche natürlich auch Mitglieder verliert und dann muss man die Jugendlichen auch früh ansprechen, weil, wenn man schon in der Jugend oder in der Kindheit auch keinen Kontakt hat dazu, dann ist es, glaube ich, schwieriger als Erwachsene dann überhaupt irgendwie noch einen Bezug dazu zu finden. Darum sollte man das auf jeden Fall weiter ausbauen, wenn möglich.
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Ich bin Manuela Pfann und spreche heute mit zwei Menschen, die sich nicht kennen – und die dennoch etwas verbindet: Und das ist ein Stolperstein. Stolpersteine sind jene kleinen gold-glänzenden Gedenksteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Ich treffe zunächst den Künstler Gunter Demnig, den Erfinder der Stolpersteine. Er hat vor Kurzem in Wendlingen am Neckar einige Steine verlegt. Anschließend lasse ich mir von Raimund Grammer erzählen, wer sein Großvater war. Denn für den ist einer der Wendlinger Stolpersteine.
Weit über 100.000 sind mittlerweile in ganz Europa zu finden. Die Namen der Opfer sind für Gunter Demnig entscheidend, sie sind auf jedem Stein eingraviert.
Na ja, der Rabbi von Köln hat mir mitgegeben: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Und das war eigentlich der Auslöser.
Vor über 30 Jahren hat Demnig die ersten Stolpersteine verlegt. Aber anfangs gabs nicht nur Unterstützung für seine Arbeit, erinnert er sich.
Es kam ja oft dieses Argument, man trampelt auf den Menschen rum, wie damals die Nazis auf den Menschen herumgetrampelt haben.
Es ging Gunter Demnig nie ums Trampeln, die Leute sollen stolpern. Und zwar so, wie es ein Schüler bei einer Verlegung mal gesagt hat, ihn zitiert Demnig gerne:
Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.
Von den jungen Leuten ist Gunter Demnig ohnehin begeistert, die machen ihm Mut.
Ich habe das Gefühl, dass die Enkel, Urenkel-Generation jetzt auftaucht, davon erfährt und wissen will: unsere Familiengeschichte, woher kommen wir eigentlich? Wo sind unsere Wurzeln und was ist passiert?
Denn die Anfragen, neue Steine zu verlegen, die reißen nicht ab.
Jede Geschichte ist besonders, sagt der mittlerweile 78-jährige Künstler. Und doch gibt es Momente, die er nicht vergisst: Er hatte irgendwo in Deutschland vier Steine verlegt. Für Eltern, die in Ausschwitz ermordet wurden und für deren Töchter. Die waren zuvor mit einem Kindertransport nach England verschickt worden. Denn auch Menschen, die fliehen mussten oder weggeschickt wurden gehören für Demnig zu den Opfern der NS-Zeit. Auch wenn sie überlebt haben.
Und dann kamen die beiden Schwestern quietschlebendig angereist. Eine aus Kolumbien, die andere aus Schottland, hatten sich seit 60 Jahren nicht mehr gesehen und standen dann vor den Steinen und sagten nur: Schön, jetzt sind wir mit unseren Eltern wieder zusammen.
Die Erinnerung an diese Begegnung bewegt ihn noch immer.
Na, da weißt du, warum du es machst.
Ich frage mich, ob sein Engagement eigentlich etwas mit dem Glauben zu tun hat. So viel Herzblut, wie er da reinsteckt. Seine Antwort lässt mich ein wenig schmunzeln.
Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Aber mit diesem Typen da, mit diesem Jesus, also mit dem hätte ich mich bestimmt gut verstanden.
Ich bin Manuela Pfann und spreche im zweiten Teil der Begegnungen mit Raimund Grammer. Für dessen Großvater hat Gunter Demnig vor kurzem in Wendlingen einen Stolperstein verlegt.
Wir stehen vor seinem Elternhaus, direkt am Wendlinger Bahnhof. Da ist Raimund Grammer mit dem Großvater aufgewachsen. Auf dem Gehweg der frisch einbetonierte Stein für ihn. Darauf steht: „Hier wohnte Konrad Zäh, Jg. 1877, Gegner der NS-Diktatur, schikaniert, bedroht, Zwangsruhestand 1937, überlebt.“
Als ganz fanatischer Katholik und gefährlicher schwarzer Bruder …
… haben die Nazis ihn bezeichnet, so hat es der Enkel in den Akten der Nationalsozialisten gelesen. Raimund Grammer ist selbst schon weit über 70 und wie vehement sich sein Großvater damals gegen das Nazi-Regime gestellt hat, erfährt er teilweise erst jetzt. Der Großvater war aktiv in der Pfarrgemeinde und hat den Krankenpflegeverein mitgegründet. Für ihn war klar: Seine Kinder gehen nicht zur Hitlerjugend und seine Frau nicht zum Deutschen Frauenwerk.
Die Frau vom Bahnhofsvorsteher, die hat den Auftrag, Frauen anzuwerben für die Frauenbewegung der NSDAP und der Konrad Zäh hat die dann hochkant rausgeschmissen.
15 Seiten Verhörprotokolle hat der Bürgerverein Wendlingen in den Archiven gefunden. Immer wieder taucht darin auch die Formulierung auf, “das kann ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren”.
Sein Enkel zitiert ihn aus einem Schreiben der NSDAP:
„Und dazu muss ich noch sagen, ich bin ganz einverstanden, was der Nationalsozialismus auf wirtschaftlichem Gebiet geleistet hat und noch leistet. Aber mit der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht, die lehne ich grundsätzlich ab. Lieber lasse ich mich an die Wand stellen.“
So eine Aussage hatte Konsequenzen. Weil Konrad Zäh kein normaler Arbeiter war, sondern Staatsbeamter. Er war der Postmeister von Wendlingen.
Da gibt es eine Aktennotiz aus dem Ministerium, in der drinsteht: Ein Beamter, der die Ziele des Nationalsozialismus nicht unterstützt, muss weg.
Das hieß konkret: Die ganze Familie sollte zwangsversetzt werden nach Erfurt. Doch Konrad Zäh ist dem zuvorgekommen und hat den einzig möglichen Ausweg gewählt, er hat sich in den Ruhestand versetzen lassen. Das hieß gleichzeitig: Er stand ohne Job da – mit Frau und sechs Kindern. Wie die Familie das geschafft hat, weiß Raimund Grammer bis heute nicht. Was er aber weiß ist: Der Opa hat deshalb nicht geschwiegen.
Wenn der Opa in die Wirtschaft gegangen ist am Sonntagmorgen und hat den Jungen, Nazijugend oder Hitlerjugend, gesagt, sie sollen jetzt da rüber gehen, da sei nämlich jetzt Hauptmesse in der Kirche, da hat er sich nicht beliebt gemacht.
Raimund Grammer hat große Hochachtung vor dem Mut seines Großvaters. Erst als er dessen Akten gelesen hat, ist ihm klar geworden, was der damals aufs Spiel gesetzt hat:
Der Opa ist praktisch über Wochen zum Gauleiter nach Nürtingen, zur Gauleitung, nach Tübingen, zur Oberpostdirektion nach Stuttgart. Was haben die durchgemacht! Die haben ja nie gewusst, dass der Papa wieder heimkommt.
Er kam wieder. Und jetzt, 70 Jahre nach dem Tod von Konrad Zäh, erinnert ein Stolperstein an ihn.
Ich glaube: Solche Vorbilder brauchen wir mehr denn je. Ebenso wie jene, die nicht müde werden, an sie zu erinnern, Stein um Stein.
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