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16JUN2024
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Dorothee Höfert

Peter Annweiler trifft Dorothee Höfert, im Feld von Kunst und Religion engagierte Kunsthistorikerin

Teil 1: lebensgeschichtlich und klassisch

Stundenlang kann ich ihr zuhören: Dorothee Höfert erzählt frisch, fundiert und humorvoll. Die Kunsthistorikerin bringt Schwung in die Bude. Beruflich hat sie den als Leiterin der Kunstvermittlung in die Mannheimer Kunsthalle getragen. Immer wieder ist sie auch davon begeistert, wie Kunst und Religion zusammenwirken können. 

Wenn man zumindest mal den Verlauf der 2000 Jahre europäischen Kunst sehen will, dann kommt man ja nicht umhin, sich auch mit theologischen oder religiösen Fragestellungen zu beschäftigen. Denn ein Großteil der auf uns gekommenen Kunst ist religiös, und da war ich dann immer ganz munter dabei.

Diese Munterkeit von Dorothee Höfert gefällt mir. Egal, ob zeitgenössisch oder traditionell. Egal ob Kirche oder Museum. Da spricht eine Frau, deren Herz höherschlägt, wenn die Geschwister Kunst und Religion zusammenfinden.

Mich fasziniert, wie früh das für die 63jährige angefangen hat: In ihrer Kindheit in einfachen Verhältnissen in Norddeutschland.

Ich habe sehr früh lesen gelernt und stöberte in den Büchern, den wenigen, die es bei uns zu Hause gab, und vor allen Dingen an den langen Winterabenden. Und dort ist ein Buch ganz wichtig für mich geworden. Das hieß tausend Jahre deutsche Malerei. Ein Prachtband, den ich bis heute besitze und ich konnte diese Texte überhaupt nicht verstehen. Kunsthistorisches Kauderwelsch -

aber eben die Bilder: Die erreichen nicht nur Kinder schnell, direkt und emotional. Noch Jahrzehnte später erinnert sich Dorothee Höfert an ein besonderes Bild:

Es ist ein Gemälde aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Michael Pacher ist der Autor. Es ist eine Altartafel.  Ich bin ziemlich sicher, dass es der heilige Antonius ist. Und der steht vor einer grünen Dämonengestalt mit vielen Augen und Hufen. Und diese Dämonengestalt hält ihm ein aufgeschlagenes, riesiges Buch hin. Die Begegnung eines würdig gekleideten Kirchenmannes mit einem Dämon. Also eine solche Figur würde man auch heute in irgendeinem Horrorfilm sofort einbauen können - das fand ich ungeheuerlich, dass sich da zwei Sphären auf Augenhöhe begegnen und offenbar miteinander kommunizieren.

Faszinierend, was Kunst ganz ohne Worte sichtbar machen kann: Gefühle, Lebenslagen und -fragen. Manchmal gar nicht „schön“, sondern ungeheuerlich und ungewohnt. Eine grüne Dämonengestalt mit Hufen hält einem Heiligen ein Buch hin. Das Teuflische und das Heilige begegnen sich. Kunst weitet den Blick. Hin auf das, was unsere Augen so nicht im Alltag sehen können. Und genau darin ist sie mit der Religion verwandt: Dass wir mit neu geöffneten Augen ganz andere – und womöglich größere, göttliche - Zusammenhänge sehen, in denen wir Menschen stehen.

Teil 2: zeitgenössisch und interreligiös

Bei ihren Führungen in der Mannheimer Kunsthalle beobachtet die Kunsthistorikerin gerade bei zeitgenössischer Kunst, dass die Leute

ganz schnell sich zurückziehen und sagen, das verstehe ich nicht. Es spricht mich nicht an, das ist hässlich, oder das ist ja gar keine Kunst, weil sie zu schnell vielleicht sich abschrecken lassen von etwas, was erstmal tatsächlich auch Fragen aufwirft. Das geht mir nicht anders.

Ganz entlastend finde ich das, wenn auch die Fachfrau erst mal irritiert ist. Und dann hilft sie mit ihrer Kompetenz eben doch, „dran“ zu bleiben: Sie verhindert, dass ich mich abwende – und trägt dazu bei, dass ich geduldig und neugierig auf ein Kunstwerk blicke.

Was ist da eigentlich los? Denn wenn es gute Kunst ist, dann ist es etwas Menschliches. Dann fließt etwas von dem Menschen, der es gemacht hat, hinein in das Werk. Und ich kann das herausnehmen. Ich kann das versuchen zu verstehen. Ich komme in Kontakt mit etwas, und das kann mich im besten Fall faszinieren, kann mich weiterbringen, kann mich zu einer neuen Sicht auf die Welt stimulieren.

Kunst bildet nicht das Sichtbare ab, sondern macht sichtbar – sagt der Maler Paul Klee – und eben darin bleibt sie für mich verwandt mit Religion. Dabei brauchen zumindest meine Augen für das Sehen des Neuen oft eine Sehhilfe. Dorothee Höfert engagiert sich schon lange für diese Sehhilfe. Deshalb hat sie Gespräche zwischen Kunst und Religion in die Kunsthalle gebracht. Denn sie findet,

dass man auch da ein Angebot schaffen muss. Und wie soll das aussehen? Und dann hab ich gedacht, na ja, ich bin keine Theologin. Ich bin Kunsthistorikerin. Ich würde das ganz gerne mit jemandem zusammen machen, der sich fachlich theologisch dazugesellt. Und auf diese Weise haben wir ganz allmählich etwas aufgebaut, was jetzt 15 Jahre später sogar noch erweitert worden ist. Einfach weil sich das Interesse daran ergeben hat. In … Mannheim, wo ganz viele Muslime auch leben, wo es eine rege jüdische Gemeinde gibt, zu sagen wir bauen das aus in ein interreligiöses Gespräch

- und gerade das lockt bei ihren monatlichen Gesprächen im Feld von Kunst und Religion viele Gäste in die Kunsthalle. Wenn ich an so einem Gespräch teilnehme, dann spüre ich, wie diese Geschwister Kunst und Religion wieder zusammenfinden. Und darüber hinaus sich auch die Religionen auf das besinnen, was sie vereint…

Mir fällt da ein Begriff gerade ein: existenziell. Den Menschen betreffend, menschliche Fragen betreffend, wo kommen wir her? Wo sind wir? Wo gehen wir hin?Gibt es Hoffnung? Ist das Leben zu Ende? Wenn wir sterben, geht es darüber hinaus.

Über diese großen existentiellen Fragen sind Kunst und Religion verbunden. Dorothee Höfert lässt mich neu spüren, wie lebendig diese Verwandtschaft ist.

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09JUN2024
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Militärpfarrer Markus Konrad Copyright: Militärseelsorge Zweibrücken

Martin Wolf trifft den Militärpfarrer Markus Konrad

Der 53-Jährige Priester aus dem Bistum Mainz ist seit einem Jahr katholischer Seelsorger beim Fallschirmjägerregiment der Bundeswehr im pfälzischen Zweibrücken.

Als wir uns in Mainz begegnen, ist er unauffällig gekleidet. Im Dienst aber ist er von den Soldaten oft kaum zu unterscheiden. 

Also für einen Soldaten ist es ja nicht so leicht erkenntlich, weil ich, zumindest wenn ich unterwegs bin mit den Soldatinnen und Soldaten, auch oft Uniform trage. Das ist dann bei mir ein Arbeitsschutzanzug, obwohl es gleich aussieht. Aber Sie wissen dann trotzdem, wenn Sie das Kreuz auf der Schulterklappe finden: Okay, der steht jetzt außerhalb von Befehl und Gehorsam. Mit dem kann ich reden.

Und das tun sie auch. Wenn ein Soldat, eine Soldatin zu ihm kommt, sagt er, dann brennt auch immer etwas auf der Seele.

Da geht es um eine Freundin, die vielleicht sechs Jahre jetzt mitgetragen hat, dass der Partner Soldat ist, aber jetzt irgendwie sagt, wir wollen doch jetzt mal Familie gründen, wie soll man denn das machen? Es geht um Fragen von Todesfällen, die den Soldaten sehr nahegehen. Krankheit von Angehörigen. Vielleicht das Gefühl, nicht genug nah dran sein zu dürfen in dieser Zeit. Das macht das Familienleben und auch die Beziehung mit Freunden nicht ganz einfach.

Vor ein paar Wochen erst hat Markus Konrad sogar Schlagzeilen gemacht, weil er eben nicht nur in seinem Büro sitzt und wartet, ob einer kommt. Er geht raus mit den Soldatinnen und Soldaten, denn ...

Militärseelsorge ist Seelsorge am Arbeitsplatz. Dazu gehört am Anfang ihres Dienstes ja dazu, dass sie auf den Sprungturm gehen und dann quasi 12 Meter da jetzt runterspringen sollen. Und dann haben mir (auch) Soldaten angeboten, auch mal so einen Turm hochzusteigen und dann irgendwie diesen Schritt ins Leere zu tun. Das fand ich schon sehr spannend, sehr extrem.

Fünf Mal ist er da runtergesprungen, erzählt er, und hat das kleine Abenteuer offenbar unbeschadet überstanden.

Militärpfarrer bei den Fallschirmjägern, der sollte schon auch so ein bisschen Interesse haben, auch an Abenteuer usw., und da sind die Soldaten gern bereit, mich dann mit einzubeziehen. Also bei Übungen mal mit dem Flieger zu fliegen und mal dieses Gefühl zu haben, wie das ist, wenn dieser Flieger hoch und runter geht und in den Wendungen und Drehungen dann ist.

Was dann den Magen schnell mal an seine Grenzen bringt, wie er berichtet. Ist es denn wichtig, so dicht am Alltag der Soldatinnen und Soldaten dran zu sein?

Ich glaube, dadurch wächst eine Vertrautheit. Man gehört dann so ein bisschen dazu. Und diese Bereitschaft, jemand Dinge anzuvertrauen, der so etwas dazugehört und gleichzeitig auch Outsider ist, die ist, glaube ich, bei den Soldatinnen und Soldaten sehr hoch. Das habe ich in der Pfarrei nicht so einfach erlebt.

Was mir nochmal deutlich macht, worauf es in der Seelsorge wohl vor allem ankommt. Sich für die Menschen zu interessieren und, soweit es geht, an ihrem Lebensalltag Anteil zu haben.

[Musik]

Ich spreche mit Markus Konrad, der als Militärgeistlicher für die Fallschirmjäger der Bundeswehr in Zweibrücken da ist. Das ist kein Stubendienst im Pfarramt. Als Seelsorger rückt er auch in die möglichen Einsatzgebiete seines Regiments mit aus.

Also der Militärpfarrer geht eigentlich immer mit. Nicht in der Kampfzone, sondern immer dorthin, wo sie nach dem Auftrag wieder zurückkehren.

Und der Pfarrer ist dadurch vielleicht so was wie der psychologische Ersthelfer auch. Also meine Aufgabe sehe ich darin, immer auch den Versuch zu machen, die Themen zu öffnen und möglichst schnell, wenn der Soldat Bilder im Kopf hat, Dinge gesehen hat, mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen.

Und so eine erste Unterstützung anzubieten, wenn schlimme Erlebnisse aus dem Einsatz schwer auf der Seele liegen. In einem Ernstfall wäre es ihm aber auch wichtig, zusammen mit den Führungskräften darauf zu schauen, dass der moralische Kompass nicht verlorengeht.

Ich halte diesen Gedanken des Kompasses und der Orientierung schon für sehr wichtig, damit man sich nicht in Gefühlen wie Rache, absoluter Feindschaft verliert. Man darf das, glaube ich, nicht unterschätzen. Und es wird, glaube ich, jedem Menschen so gehen, wenn er viel Schlimmes erlebt. Und daran mitzuwirken, dass das eben in einem Rahmen bleibt, der auch dem Soldaten selbst die Gelegenheit gibt, sich nicht zu verlieren. Daran, würde ich sagen, muss auch der Militärpfarrer mitwirken.

Nun spricht unser Verteidigungsminister ja offen davon, dass wir „kriegstüchtig“ werden müssten. Ein Wort, das Viele verschreckt hat. Wie erlebt er das unter den jungen Soldatinnen und Soldaten, mit denen er zu tun hat?

Den Soldaten, denen ich jetzt begegne, die haben schon auch die Bereitschaft einzutreten. Manchmal bin ich da nachdenklich und ich merke auch: Die Soldaten, die schon länger dabei sind, die also noch einen größeren Rucksack an Erfahrungen haben, die sind da auch zögerlicher. Insofern wird es, glaube ich, sehr differenziert unter den Soldaten aufgenommen. Kriegstüchtigkeit? Ich würde für mich immer eher definieren: Verteidigungstüchtigkeit. Bereit sein, im Zweifelsfall was entgegenzusetzen.

Und doch stehen Christen ja in dieser Spannung zwischen dem Recht, sich wenn nötig auch gewaltsam zu verteidigen und der Friedensethik eines Jesus von Nazareth.

Es bleibt ein Dilemma, das es auszuhalten gilt. Ich bin schon sehr zögerlich, weil ich glaube, dass Krieg immer eine Dynamik entfacht, nämlich auch eine Dynamik zum Bösen. Das soll man nicht unterschätzen. Das ist oft so eine Spirale, die sich ergibt. Und trotzdem sich einfach schutzlos dem anderen irgendwie auszuliefern, halte ich auch für keine richtige Position. Also, man gibt ja nicht nur sich dann preis, sondern vielleicht auch Menschen und Werte, die einem wichtig sind.

Als Pfarrer steht er für die Botschaft Jesu. Wie kann man die verkündigen, in dem Bereich, in dem er nun arbeitet?

Ich habe es in meinem täglichen Dienst eigentlich mit Menschen zu tun, die vielleicht in einem hohen Maß nicht mehr die Kirchentüren öffnen würden für sich. Und ich finde, dann bin ich jeden Tag eigentlich herausgefordert zu fragen: Was habe ich vom Evangelium verstanden? Und wie möchte ich das so durchbuchstabieren, dass auch einer, dem das vielleicht fremd ist, zumindest vielleicht eine Ahnung davon hat: okay, da scheint es für den was zu geben, was doch dem Leben auch noch mal eine Tiefe gibt. Auch noch mal einen Halt gibt, auch in schwierigen Situationen, was vielleicht Geld, Ansehen, Dienstgrad nicht so einfach geben kann.

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02JUN2024
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Kathrin Fingerle Foto: privat

Omas for Future, Teachers for Future, Science for Future – längst engagieren sich nicht nur Schülerinnen und Schüler für einen Wandel in der Klimapolitik. Mittlerweile gibt es auch Gruppen für alle, die nicht mehr zur Schule gehen. Eine davon ist Christians for Future. Kathrin Fingerle ist bei Christians for Future engagiert. Sie ist Pfarrerin in Sigmaringen und hat dort angefangen, sich neben ihrem Beruf für den Klimaschutz einzusetzen. Wie das kam?

 Also bei mir war es so, dass seit der Geburt unserer Kinder mich das Thema irgendwie immer mehr beschäftigt hat. Und dann habe ich tatsächlich irgendwas, wie „Fridays for Future und Christentum“ oder so in der Suchmaschine eingegeben und bin dann auf die Christians for Future gestoßen. Habe mit denen Kontakt aufgenommen und dann auch relativ schnell eine Ortsgruppe hier gegründet.

Aber braucht es wirklich so viele Untergruppen? Wäre nicht mehr erreicht, wenn sich alle Klimaaktivisten zu einer Gruppe zusammenschließen würden? Kathrin Fingerle glaubt: es ist sinnvoll, dass es eine christliche Version der „Fridays“ gibt, wie sie Fridays for Future gern abkürzt, denn:

…bei uns sind viele Personen in Gemeinden verankert und können dann in die Gemeinden auch hineinwirken. Und die „Fridays“ haben ja auch nicht den Fokus darauf, gerade in die Kirchenleitung auch hineinzuwirken oder gar in die Strukturen. Von daher find ich das schon eine gute Ergänzung.

Christians for Future wollen in ihren Gemeinden vor Ort etwas für den Klimaschutz tun und das Thema in den Kirchenleitungen stark machen. Das unterscheidet sie von anderen Gruppen. Aber Kathrin Fingerle ist auch überzeugt davon, dass sie als Christen und Christinnen etwas ganz Eigenes in die Klimabewegung mit einbringen können

Ich glaube, dass Christ:innen auch eine besondere Art von Hoffnung mitbringen können. Wir glauben, dass Gott die Erde geschaffen hat und uns liebt. Und ich glaube auch, dass Gott will, dass wir es schaffen, sozusagen, also Gott will nicht, dass die Erde leidet und dass die Menschen leiden

Ich höre oft als Vorwurf gegenüber Klimaschützern, dass sie gerade nicht Hoffnung verbreiten, sondern eher Angst schüren. Kathrin Fingerle ist klar, dass beides eng zusammenhängt. 

Also ich denke schon, dass Angst auf jeden Fall eine Rolle spielt. Also ich würde auch sagen, dass ich jetzt nicht ohne Angst bin. Ich glaub, das ist auch schwierig ohne Angst zu sein, wenn man sich wirklich ehrlich dem stellt, was das bedeuten könnte. Aber ich glaube nicht, dass das jetzt der Antrieb ist, sondern ich glaube, der Antrieb ist eigentlich eher Hoffnung, weil wenn man nur von Angst besetzt wäre, dann müsste man sich ja nicht mehr engagieren.

Und das man sich engagieren muss, davon ist Kathrin Fingerle überzeugt. Denn trotz allem Gottvertrauen: Die Klimakatastrophe wird nicht einfach durch ein Wunder von oben gelöst werden. Was aber tun? Persönlicher Verzicht, oder warten auf die großen Veränderungen durch die Politik? 

Wir sind auch privilegiert, weil wir uns ein Lastenfahrrad kaufen können, weil wir Bio oder Fairtrade Lebensmittel kaufen können. Und dass das so ist, ist eigentlich einfach nicht gut. (...) Eigentlich sollte es ja so sein, dass die Wahl, die die klimafreundlichste ist, auch die günstigste ist und die einfachste. Und das ist eben einfach nicht so.

Das ist ein großes Problem. Solange Klimaschutz ein Privileg ist, für das es Zeit und Geld braucht, fühlen sich viele davon abgeschreckt und überfordert. Mit dieser Ablehnung klarzukommen ist nicht immer leicht für die, die sich engagieren. Die Pfarrerin Kathrin Fingerle denkt, auch das ist etwas, womit Christinnen und Christen die Klimabewegung unterstützen können: Seelsorge.

Gerade zu unserer letzten Klimaandacht, da kamen nicht besonders viele Leute. Aber wir hatten hinterher das Gefühl, dass für die Leute war es wirklich gut und wichtig. Weil es eben auch Menschen waren, die sehr engagiert sind und die ja aber auch das Gefühl haben, sie sind so ein bisschen auf verlorenem Posten. Und seelsorgerlich war das, glaube ich, ganz wichtig. Diese Andacht.

Und weil sie gemerkt hat, das ist etwas, was Kraft gibt und wo Christinnen und Christen ihren ganz eigenen Teil zur Klimabewegung beitragen können, hat Kathrin Fingerle ein Buchprojekt mit ins Leben gerufen: Trösten, Hoffen, Handeln, heißt das Buch, dass sie gemeinsam mit einem katholischen Kollegen herausgibt.

 Was für mich eben wichtig war, war Menschen zu finden, die gemeinsam mit mir da unterwegs sein möchten, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Also hier vor Ort und bei Christians vor Future. Und dass man vielleicht auch mal was findet, was zu einem passt. Also ich hatte jetzt das Gefühl, eben dieses Buch da rauszugeben, das passt eben auch zu mir beim Beruf.

Sich als Christin einzusetzen für die Schöpfung: für die Pfarrerin Kathrin Fingerle ist das eine wichtige Aufgabe. Und dabei verbindet sie Klarsicht mit unerschütterlicher Hoffnung:

Also ich habe nicht die Illusion, dass wir in einer Welt leben werden, die so aussieht wie die heute. Aber ich hoffe, dass es eine Welt ist, in der wir eben auch gelernt haben, dass es anders geht und in der wir anders leben. In der wir wissen, dass Wachstum und Reichtum eben nicht das ist, worauf es ankommt. Und dass wir gelernt haben, das umzusetzen, was der eigentlich auch schon längst wissen

Meine Hoffnung wäre tatsächlich, dass Gott durch Menschen wirkt und Menschen dazu befähigt und auch beauftragt. Das wäre meine Hoffnung.

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30MAI2024
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Bettina Berens copyright: Kip TV

Caroline Haro-Gnändinger trifft Schwester Bettina Berens, Ordensfrau und Ex-Fußballerin

 

Sie hat früher in der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gespielt. Wir treffen uns kurz bevor der Nervenkitzel zur Europameisterschaft anfängt. Sie erzählt mir davon, wie es bei ihr mit dem Fußball angefangen hat - in ihrer Kindheit auf dem Bauernhof in der Nähe von Bitburg in der Eifel:

Wie jeder Bauernhof hatten wir ein Scheunentor. Also ich habe immer wieder die ganze Nachbarschaft tyrannisiert, weil es immer bum, bum, bum, bum machte, weil ich dann stundenlang gegen dieses Tor geschossen habe.

Damals entdeckt ihr Sportlehrer ihr Talent und dann kickt sie regelmäßig im Verein. In den 1980ern und 90ern spielt sie erst links außen, dann im Mittelfeld beim Verein TuS Ahrbach. Mit ihm steigt sie in die Bundesliga auf. Und einmal spielt sie in der Frauen-Nationalelf – 1992, ein Länderspiel gegen Italien.

Man steht da so plötzlich in einer Reihe, die man eigentlich sonst immer nur im Fernsehen sieht. Wenn Spieler bei der Nationalhymne dann da stehen. Also das ist schon ein Gänsehautmoment.

Bettina Berens macht den Sport damals wie ein Ehrenamt, neben ihrem Vollzeit-Bürojob. Sie liebt es, muss dann aber mit 28 wegen Problemen an ihrem Sprunggelenk aufhören. Eine große Umstellung:

Wohin mit der Leidenschaft, wo die Leidenschaft wieder spüren, dieses Sich-Freuen und dieses Daraufhinarbeiten.  Heimat, teilweise Heimat.

Sie sucht eine ganze Weile lang. Eine ehemalige Schulfreundin von ihr ist inzwischen Nonne geworden. Über sie kommt Bettina Berens wieder mehr in Kontakt mit dem Glauben an Gott. In ihrer eigenen Familie hatte sie den Glauben eher streng erlebt:

Meine Mutter hat viele Schicksalsschläge gehabt und die hat durch ihren Glauben ihr Leben irgendwo bewältigen können. Der Glaube war ihr ein wichtiger Halt und manchmal ging das für uns etwas in Extreme.

Über ihre Schulfreundin bekommt Bettina Berens also nochmal ein neues Bild von Gott und vom Glauben.

Meine Freundin hat mir dann immer mal wieder Bibelverse geschickt und ich merkte: Da tut sich was in mir und sie spricht da auch was in mir an, was mir wichtig ist.

Ihr Vater war vor ihrer Geburt verunglückt und hat ihr oft gefehlt. Sie glaubt, dass sie auch deshalb fasziniert ist von den Geschichten über Jesus und seinen Vater im Himmel. Ein Satz einer Ordensgründerin spricht sie besonders an: „Gott ist mein Vater und ich bin sein Kind.“ Sie tritt in diesen Orden ein. Ihr ist die Verbindung zu Gott sehr wichtig:

Sein tiefstes Verlangen ist, dass es uns gut geht, dass wir glücklich sind, dass wir unser Leben leben, dass wir unser Leben gestalten, dass wir blühen, dass wir uns nicht verstecken. Ihr seid das Salz der Erde, dass wir die Würze sind für diese Welt.

So hat es Jesus in der Bibel gesagt. Salz der Erde zu sein, dieses Bild gibt ihr im Alltag oft neue Kraft. Gestalten, anpacken - so erlebe ich Schwester Bettina und das finde ich als Christin wichtig. Das Leben in der Ordensgemeinschaft ist für sie aber nicht immer so leicht. Die ehemalige Fußballerin und heutige Ordensfrau Bettina Berens arbeitet in einer Pfarrei in Mönchengladbach und besucht regelmäßig ihre Heimat in der Eifel. Davor war sie viele Jahre lang als Seelsorgerin in verschiedenen Ländern der Welt, eine lange Zeit auch in den Niederlanden:

Wenn ich von Holland so in die Eifel gefahren bin, und ich sehe dann diese Weite und dieses Hügelige, dann geht erst mal mein Herz auf. Also ich habe mich dann noch mal ganz neu in meine Heimat verliebt.

Immer wieder setzt sich Schwester Bettina besonders für Kinder ein – sie spielt mit ihnen zum Beispiel Fußball. Damit sie ihre Taktik trainieren und Selbstbewusstsein tanken können. Und das macht natürlich auch ihr großen Spaß:

Egal wie schwierig es auch manchmal drumherum ist oder wenn was  eben mal nicht passt, sobald der Ball da ist, kommen diese guten Gefühle auch.

Es erinnert sie an ihre Zeit in der Frauenbundesliga in den 1990er-Jahren. An das Training, Wettkampf, Teamgeist. Und Teamgeist spürt sie auch in einem Kinder- und Jugendzentrum, wo sie sich um die Kinder kümmert.

Wir haben 20 Kulturen, verschiedene Religionen, die spielen zusammen, da funktioniert Interreligiosität. Von daher ist für mich auch immer die Einrichtung ein Ort, der mir auch Hoffnung macht auf die Zukunft.

Sie begleitet außerdem Kinder, wenn diese Angehörige verloren haben und trauern. Und das liegt sicherlich auch an ihrer eigenen Geschichte: Sie weiß noch, wie es war, ohne Vater aufzuwachsen und wie wichtig dann Bezugspersonen für sie waren, auch ihre Großeltern, Tanten und Onkel – und sie möchte auch so eine Bezugsperson für andere sein:

Kinder sind halt noch von Erwachsenen wirklich abhängig und ich finde immer noch, dass Kinder oft übersehen werden.

Und überhaupt mag es Schwester Bettina nicht, wenn Menschen übersehen werden. Sie hat Herzblut in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung gesteckt und dann war sie an einem Ort im Einsatz, den man sonst gar nicht zu sehen bekommt, im Frauengefängnis. Sie möchte etwas weitergeben:

Die Botschaft einfach, die Gott uns gibt, ist:  Du bist geliebt. Ich glaube, dass viele Menschen einfach sich nicht geliebt fühlen und viele Menschen einsam sind, aber da ist einer, der uns bedingungslos annimmt und der uns liebt.

Es ist gar nicht so leicht, das immer wieder anzunehmen und dann auch konkret an die Mitmenschen weiterzugeben. Das weiß sie auch. Allein, wenn sie an das Vergeben aus dem Gebet Vaterunser denkt:

Wie schwer tun wir uns oft mit Vergebung? Dann auch wirklich in die Demut zu kommen und zu sagen: Okay, lieber Gott, ich probier‘s, aber ich tu mich mit diesem Menschen schwer.

Bettina Berens als Ex-Fußballerin freut sich übrigens auch auf die Kraft der anstehenden Fußball-Europameisterschaft. Sie wünscht sich viele neue gute Begegnungen:

Dass dieses Fest auch noch mal ermöglicht, dass wir zusammenstehen und das Schöne von Deutschland und den Menschen zeigen. Auch mit den vielen verschiedenen Kulturen, die wir haben, dieses Fest begehen.

Diese Haltung von Schwester Bettina, immer wieder nach dem zu suchen, was einen wirklich begeistert und was Menschen verbindet, motiviert mich als Christin, danach auch in meinem Leben zu suchen.

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26MAI2024
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Martina Rudolph-Zeller Copyright: Stuttgarter EVA

Ich treffe Martina Rudolph-Zeller, die die evangelische Telefonseelsorge in Stuttgart leitet. Die 62-jährige Sozialpädagogin hat mehrere therapeutische Ausbildungen und ist bereits seit 10 Jahren dabei. Was für sie der Kern der Telefonseelsorge ist, beschreibt sie so:

Jeder kann Telefonseelsorge nutzen, jeder kann die Telefonnummer wählen. Wir sind so ein offenes Angebot. Wir fragen nicht nach der Krankenkasse, wir fragen nicht nach der Versicherung. Es kostet kein Geld.

Als ich Frau Rudolph-Zeller frage, wie viele Anrufe sie und ihr Team pro Tag bewältigen können, bin ich schier überwältigt:

Circa 40 pro Tag. Insgesamt führen wir pro Jahr über 13.000 Gespräche, ungefähr 1500 Chats und sind im Kontakt mit 1500 Menschen per Mail.

Und das allein im Großraum Stuttgart. Sehr viele Menschen suchen den Kontakt, weil sie sich einsam fühlen. Wie zum Beispiel eine junge Frau, die – neu nach Stuttgart zugezogen – einfach keinen Anschluss gefunden hatte.

Wir haben gemeinsam überlegt, welche Möglichkeiten sie noch finden kann, welche Hobbys sie hat und welche Vorlieben und wo sie noch mal schauen kann, welche Gruppe es da noch gibt. Hier in der neuen Stadt. Und die ganz gestärkt und hoffnungsvoll aus dem Gespräch ging, in der Kraft, sich wieder neu, doch auch dem Thema zuzuwenden und nicht aufzugeben.

Die Menschen wechseln ihren Wohnort und damit ihr soziales Umfeld viel häufiger als früher, meint Rudolph-Zeller. Gleichzeitig bleibt der Austausch über Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram eher oberflächlich.

Die tragfähigen Beziehungen sind rar. Menschen zu haben, mit denen man wirklich über die Dinge sprechen kann, die einen im Tiefsten berühren und nicht nur oberflächlich Smalltalk führen. Da gibt es einen hohen Bedarf und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Mangel.

Wer einsam ist, ist auch mit seinen Sorgen und Ängsten allein. Das kann hilflos machen. Und dann kann es passieren, dass diese Hilflosigkeit umschlägt in Wut und Aggression.  Auch davon bekommen die Ehrenamtlichen an den Apparaten der Telefonseelsorge einiges ab.

Wir hören vor allem zu. Wir versuchen auch nachzuvollziehen und zu verstehen: Wie kommt es zu dieser Haltung? Ganz oft hören wir dann von viel Ungerechtigkeit, die erlebt wurde im Leben. Das Gefühl: alle kriegen und ich krieg nix oder ich komme zu kurz, es geht über mich hinweg. Keiner sieht mich, keiner nimmt Rücksicht.

Der Bedarf nach einem offenen Ohr und einem persönlichen Gespräch ist groß. Und um dem gerecht werden, ist das Team der Telefonseelsorge beständig auf der Suche nach Nachwuchs. 

Zusammen mit ihrer Stellvertreterin und einer 50%-Honorarkraft betreut Martina Rudolph-Zeller 120 Ehrenamtliche, die sich in der Stuttgarter Telefonseelsorge engagieren. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, für die die Ehrenamtlichen gut ausgebildet und sorgfältig ausgewählt werden. 

Man muss sich bei uns bewerben. Wir führen Kennenlerntage durch, wir nehmen uns richtig Zeit miteinander, führen Einzelgespräche: Wie stabil ist die Person, wie gut hat sie auch die Dinge, die sie erlebt hat, verarbeitet? Welche Motivation hat die Person, dieses Ehrenamt auch zu machen?

Diejenigen, die schließlich ins Team kommen, erwartet eine Tätigkeit, die fürs eigene Leben sehr bereichernd ist.

Ehrenamtliche sagen, dass sie eine Gemeinschaft gefunden haben. Ganz viele sind sehr beglückt über die sinnhafte Tätigkeit und viele sagen, sie selber haben sich auch ein bisschen verändert und können ihre Themen, Konflikte besser angehen.

Trotzdem gehen die Sorgen und Nöte der Menschen nicht spurlos an den Ehrenamtlichen vorbei. Regelmäßig treffen sie sich deshalb in Kleingruppen zur Supervision um das Erlebte aufzuarbeiten. Und auch Einzelgespräche sind jederzeit möglich:

Wir haben hier eine Mitarbeiterin, die ein Einzelgespräch bei mir suchte. Ihr Mann war plötzlich verstorben, schon vor einigen Jahren. Und sie dachte, sie hätte es gut verarbeitet. Und dann hat sie am Telefon eine trauernde Frau gehabt, die ihren Mann verloren hat. Und sie war sehr konfrontiert mit ihrer eigenen Trauer, die sie richtig überschwemmte in diesem Gespräch. Und das musste sie erst mal für sich wieder verarbeiten.

40 Telefonate gehen bei der Stuttgarter Telefonseelsorge täglich ein. Der Bedarf wäre sogar noch größer, aber dazu fehlen schlicht und ergreifend die Mittel. Neben der Finanzierung durch die evangelische Kirche und die Stadt Stuttgart ist die Telefonseelsorge jetzt schon auf Spenden angewiesen, und wie die Arbeit auch in Zukunft solide finanziert werden kann, ist ungewiss.
Martina Rudolph-Zeller jedenfalls will den Menschen Mut machen, zum Hörer zu greifen und die 0800 111 0 111 zu wählen, wenn die Sorgen übergroß geworden sind, oder Einsamkeit und Angst nach der Seele greifen. Und sie unterstreicht: die Sehnsucht nach einem offenen Ohr ist konfessionslos:

Es gibt Menschen, die sich bei uns melden, die hadern mit Gott, die sagen, warum lässt Gott das zu, dass es mir schlecht geht? Wie kann Glaube mir helfen? Und es gibt aber auch Menschen, da ist das Thema Glaube und Gott und Kirche überhaupt kein Thema. Die sind ganz in ihrer Situation und suchen jetzt eine Gesprächspartnerin, die für sie da ist und mit ihnen nach einer Lösung und nach einer Erleichterung sucht und auch nach einem Trost.

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20MAI2024
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Nicole Stockschlaeder copyright: Volker Lambert

Christopher Hoffmann trifft: Nicole Stockschlaeder, Theologin und Leiterin der Lebensberatungsstelle in Mayen in der Eifel
Sie begegnet dort Menschen, die in ihrem Leben vor großen Herausforderungen stehen:
Menschen, wo das Leben in irgendeiner Art und Weise aus dem Tritt gerät, also wo es gerade stockt, wo wir stolpern, wo wir in einer Krise sind, wo wir nicht mehr weiterwissen.
Ich spüre in unserem Gespräch schnell: Die Theologin ist nah dran an den Menschen in Mayen und Umgebung, denn zu ihr und dem multiprofessionellen Team mit Psychologin, Pädagogin und Sozialarbeiterin, kommen die unterschiedlichsten Personen:
Das kann die Frau sein, die gerade ihren Mann verloren hat und jetzt mit einem zweijährigen Kind alleine da ist. Das kann das Paar sein, das jetzt seit 17 Jahren verheiratet ist und sich fragt: Wer sind wir jetzt noch füreinander? Das können Themen sein von hochstrittigen Eltern, die in der Trennungsphase sind und sich als Paar wirklich überhaupt nichts mehr zu sagen haben und kaum mehr ertragen können, aber dennoch eine gemeinsame Erziehungsaufgabe haben und einen Auftrag. Mit denen wir dann gucken: wie können sie gut die Entwicklungsaufgaben ihrer Kinder begleiten in dieser Phase.
Auch einsame Menschen oder Paare, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben, suchen die katholische Lebensberatungsstelle auf. Eine von deren Hauptaufgaben ist es, Familien in schwierigen Situationen zu begleiten. Was ist für die katholische Seelsorgerin und systemische Familientherapeutin denn alles Familie?
Mir gefällt eigentlich die Definition ganz gut, dass Familie da ist, wo Menschen dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen. Das sind alle Lebensformen, in denen Menschen heutzutage unterwegs sind. Also ganz vielfältig und bunt. Das gefällt mir gut und so ist auch mein Familienverständnis.
Und diese Menschen kommen auch wirklich vorbei in einer katholischen Einrichtung?
Wir sagen in unseren Erstkontakten immer, dass wir ein Haus mit kirchlicher Trägerschaft sind und manche Klientinnen oder Klienten sagen dann: „Ah, ich bin ja gar nicht katholisch, darf ich dann trotzdem zu euch kommen?“ Und mich beschämt diese Frage immer sehr- ich bin dann immer sehr offen und sehr werbend -natürlich: wir stehen offen für Konfessionslose, für gläubige Menschen, für Junge, für Alte, also ganz unabhängig welcher Hintergrund.
Und trotzdem ist es für Menschen in einer Krise oft ein langer Prozess, sich Hilfe zu holen. Man kann in der Lebensberatungsstelle anrufen, oder vorbeigehen. Man kann aber auch anonym bleiben und erhält im Internet Beratung:
Es ist möglich, dass ich mich anonym anmelde über unsere Homepage und eine Onlineberatung mache, das heißt ich schreibe was und ich habe die Zusage, dass innerhalb von 48 Stunden jemand mir antwortet und dann bin ich direkt in Kontakt mit einem Berater, einer Beraterin.
Und alle Angebote der Lebensberatung sind kostenfrei und vertraulich. Ich treffe Nicole Stockschlaeder, die in Mayen in der Eifel eine von insgesamt 20 Lebensberatungsstellen im Bistum Trier leitet. Solche Beratungsstellen gibt es im gesamten Sendegebiet. Welche Hilfe ist denn aktuell sehr gefragt? Die 49-Jährige, die selbst Mutter von zwei Teenagern ist, erzählt, dass besonders viele junge Menschen Hilfe suchen:
Wir haben gerade sehr viele Jugendliche auf dem Weg ins Erwachsenwerden: Wie kann ich diesem Druck standhalten? Mobbing ist immer ein Thema: Wie komm ich an meine Stärken ran, wenn alle anderen sagen: „Du bist doof und mit dir wollen wir nichts zu tun haben und du kannst nichts!“
Sehr viele Menschen sind auch auf der Suche nach einem Therapieplatz und sind dann mit langen Wartezeiten konfrontiert:
Das ist gerade auch ein sehr großer Sorgenpunkt und beschäftigt uns in den Beratungsstellen sehr.-Wir haben immer schon stabilisierende Arbeit gemacht mit Menschen, die auf Therapieplätze warten, aber im Moment nehmen wir es schon so wahr, dass das Netz gerade sehr fragil und löchrig ist. Die stabilisierenden Aufgaben werden immer größer.
Es fehlen so viele Psychotherapieplätze und die Lebensberatungsstellen können mit ihrem Angebot keine Therapie ersetzen. Aber sie sind eine erste Anlaufstelle, um Menschen zu stabilisieren und mit ihnen die Zeit bis zur Therapie zu überbrücken. Ohne Vorurteile das anschauen, was ist und nach Lösungen suchen. Das ist Nicole Stockschlaeder ganz wichtig. Die gebürtige Westerwälderin, die heute in Sinzig am Rhein lebt, wurde 2001 im Trierer Dom als Pastoralreferentin beauftragt und ihr Beauftragungsvers ist für sie heute noch ganz zentral. Der steht im Alten Testament beim Propheten Jeremia und lautet: „Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.“(Jer 29,11).
Wir sind unterwegs mitten im Leben und da sehe ich auch den Auftrag von uns als Kirche: mitten im Leben unterwegs zu sein.
Und auch Pfingsten als Geburtsstunde der Kirche und das Wirken des Heiligen Geistes ist der Leiterin der Lebensberatungsstelle ganz wichtig:
Und zwar ist die Blickrichtung Zukunft, in die wir sehen. Und wir schauen von der Gegenwart aus und schauen was ist und alles darf sein gerade. Und mit dem Blick drehen wir dann und gucken in die Zukunft. Und ich finde das ist bei Pfingsten auch so. Wir öffnen die Türen, wir gehen raus und lassen das Leben rein und sind bereit für die Zukunft.
Das Gespräch mit ihr macht mir Mut: auch heute sind Menschen motiviert, mit anderen eine gute Zukunft zu gestalten. Ihr Glaube ist für Nicole Stockschlaeder ganz zentral und ihr Gottesbild gefällt mir. Denn Gott ist für sie ein Co-Pilot:
Was mich gerade trägt ist der Begriff des Co-Piloten, der an meiner Seite ist. Also ich kann vieles steuern und kann vieles tun und weiß aber trotzdem mich gehalten von dem der da neben mir steht und der schützt und der vielleicht gegebenenfalls irgendwie – irgendwie - eingreift, wenn ich nicht mehr fähig bin zu steuern und das ist eigentlich gerade aktuell mein Bild, was mich trägt.

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19MAI2024
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Thorsten Dietz

Wolf-Dieter Steinmann trifft Prof Thorsten Dietz.
Der evangelische Theologe ist medial kreativ. Als Autor, Podcaster und
in Videos inspiriert er zum Denken und Glauben. Seit August 2022 am
"Fokus Theologie" im „REF(ormierten)-LAB(oratorium)“ in Zürich.

Das Christentum ist alt geworden. Hat er auch mal gedacht. Inzwischen hält er es für möglich, dass es seine Zukunft noch vor sich hat. Und das hat für Thorsten Dietz viel mit seinem ‚persönlichen‘ Pfingsten zu tun. Mit der Lebensenergie, die ihn angesprungen hat, als er Bibel gelesen hat. Erst distanziert, wie ein Zuschauer auf den hinteren
Plätzen. Aber dann:

Ich war völlig verstört, aber auch zunehmend ergriffen, mit welcher Leidenschaft in der Bibel gelebt wird. Und habe gelernt, mir zuzugestehen: Ich brauche so etwas eigentlich auch. Dieses ‚Gott hat mich lieb, sieht mich, hört mir zu.‘ Das war eine Lebenswende. Diese Geborgenheit, bei einem DU zu finden, was ich nicht beweisen und begründen kann. Was ich aber spüre, wenn ich mich dafür öffne.

Da war er schon erwachsen, als er Christ geworden ist. Zuvor Atheist. Heute mit gut 50 ist er überzeugt. In Pfingsten steckt ein großer Traum für Menschheit und Erde.

Dieser Traum eines gemeinsamen Lebens, wo diese ganzen Mauern niedergebrochen werden; die von ‚drinnen und draußen‘ und die von ‚oben und unten‘ und wir gemeinsam verbunden werden durch etwas, was uns heilig ist.

In der Bibel wird erzählt, wie Menschen das vor 2000 Jahren erlebt haben: Jesu Traum von einer besseren Welt schien am Kreuz gestorben. Dann haben einzelne gesagt: Jesus sei nicht tot, Gott habe ihn und seinen Traum neu zum Leben erweckt.

Dann machten sie gemeinsam die Erfahrung wie sie das begeistert, wie es sie ergreift und wie es sie zusammenfügt. Und sie haben dann gesagt: ‚Es war das Gefühl, als hätte Gott uns erfüllt mit seinem Geist, mit Mut, mit Kraft, mit Freude‘.

‚Heiliger Geist‘. Thorsten Dietz weiß, das klingt speziell. Aber der ist nicht nur für Religiöse. Im Gegenteil. Geist ist Lebenskraft in allem.

Grade im Alten Testament wird uns Geist, ruach, Windhauch, Geistkraft gezeigt als etwas ungeheuer Dynamisches, was jedem Lebewesen innewohnt, im Atem.

Darum ist für ihn klar: Kirchen und Christenmenschen haben diese Kraft nicht für sich.

Wir werden ab und an freundlich ergriffen und berührt und dürfen staunen und können versuchen, davon etwas zu sagen, in Predigt und Theologie. Das ist es dann aber auch. Er gehört allen.

Es entspricht Gottes Geist auch nicht, wenn wir Menschen uns abgrenzen in „wir drinnen- die draußen“. An Pfingsten sollte man  diesen Traum feiern. Indem soziale Grenzen durchlässig werden, wir Fremde erkennen, unser Wirgefühl weiten.

Wo wir vielleicht lieber denken sollten an Freundinnen und Freunde, an Gemeinschaften, an Netzwerke. es wäre das Freundschaftsfest schlechthin. Geistkraft Gottes ist sehr eventfreundlich und das sollten wir feiern. Gott ist nicht nur auf Familien programmiert.

Pfingsten berührt Thorsten Dietz tief innen. Und lässt weit denken und
neu glauben.

 

Thorsten Dietz war Atheist, dann eine Lebenswende, Pfarrer im Ruhrgebiet. Professor. Heute mit gut 50 bringt er Christliches kreativ in soziale Medien. Er mag Pfingsten. Weil Gottes Geistkraft in allem Leben ist und es an vielen Orten bewegt in eine bessere Richtung. Sie wirkt frei und unverfügbar. Schafft Neues, verändert. Und das tut ja not, bei den Gegenkräften.

Wo Leben aufsteht gegen den Tod, wo Menschen Gemeinschaft knüpfen gegen Vereinsamung, wo Menschen Ungerechtigkeit entgegen treten, weil sie sagen: ‚das tötet, das engt ein, das wollen wir nicht mehr.‘ Und dafür den Sinn zu wecken, möglicherweise ist das nicht etwas, was wir uns wünschen, möglicherweise rührt sich in uns das Geheimnis des Lebens selbst.“

Und diese Kraft berührt auch ganz persönlich. Lange hat er nur „der Heilige Geist“ gesagt. Bis er begriffen hat, für viele Frauen ist das anstößig. Und dass man Gott auch sprachlich nicht einsperren kann.

Ich möchte lernen, neue Worte zu finden, für alte Erfahrungen, die mir lieb und vertraut sind. Aber auch denen neue Seiten abgewinnen, die ich mit anderen Menschen teilen kann. Ich finde, auch das ist Gottes Geistkraft, den Mut, die Offenheit zu finden, Neues zu wagen und zu entdecken.

Aus feministischer Theologie berührt und bewegt ihn Gottes Geistkraft und er findet auch: 2000 Jahre Männerkirche sind genug.

Wo Frauen aufbegehren: Er ist nicht festzulegen auf ein Geschlecht. Wir lassen uns auch Gott und Glaube nicht stehlen und wir akzeptieren nicht, dass wir nicht zählen.‘ Ich lasse mich davon auch gern anstecken. Das tut mir gut.

Es ist ein Geschenk, wenn man sich immer noch ergreifen lassen kann. Auch wenn man älter ist. Ich spüre Feuer und Begeisterung bei ihm.
In unseren Kirchen fehlen ihm die oft. Wir sind ‚hüftsteif‘ geworden,‘ sagt er. Mehr Leben, mehr Geist. Christsein mit dem ganzen Körper, mehr Pfingsten. Musik kann dazu helfen und der spirit von beweglicheren Christenmenschen
zB. aus Afrika.

Die Menschen sind nicht hüftsteif, sie tanzen, sie singen. Sie umarmen einander, sie lassen sich ergreifen und berühren sich gegenseitig. Wir können uns davon inspirieren lassen.
Und ich glaube, Musik ist eine Kernsprache des Göttlichen. Wo wir uns der Musik öffnen, mitschwingen, so in Resonanz versetzen lassen. Ist immer ein guter Anfang.

Thorsten Dietz ist sicher, immer wenn ich spüre, ich bin Teil des großen Lebens auf unserer Welt. Das sind heilige Momente. In diese Richtung wünscht er Ihnen und mir noch viel Pfingstliches, heute und überhaupt.

Möge jeder etwas finden, was ihn berührt und ergreift. Und man kann an so einem Tag ja mal überlegen, ob das stimmt, was viele denken, dass sie das Christentum hinter sich haben. Vielleicht haben sie es auch noch vor sich.

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12MAI2024
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Marion Bohner copyright: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft die Mutter und Landwirtin Marion Bohner aus Bad Waldsee

Am Muttertag heute spreche ich mit der Landwirtin Marion Bohner aus Bad Waldsee. Es ist gar nicht so leicht, mit ihr einen Termin zu finden. Weil sie viel unterwegs ist. Zwischen Kuhstall, Kindern und Küche, zwischen Zweit-Job und ehrenamtlichem Engagement. Wie das alles gut funktionieren kann, das erzählt sie mir bei einem Kaffee vor dem Haus. Im Hintergrund: Vogelgezwitscher, Traktoren und ab und zu muht eine ihrer 45 Milchkühe.

Also der Alltag erfordert ein gewisses Maß an Organisation und Flexibilität. … Wir haben einen Familienkalender, wo jeder einfach eintragen kann, was für Termine sind, so dass wir das gemanagt kriegen.

Für mich sieht es hier nach Idylle aus: grüne Wiesen und blühende Obstbäume, Marion hat die Hofkatze auf dem Schoß – und erklärt mir, wie das hier so läuft:

Das ist ein Familienbetrieb und da müssen einfach alle ran. Anders geht's nicht. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich. Insgesamt finde ich es super, dass wir eigentlich jeden Tag drei Mahlzeiten zusammen einnehmen.

Zur Tischgemeinschaft gehören Marion und ihr Mann Klaus und die beiden Kinder im Teenageralter. Die andere Seite ist: Auf dem Hof gibt es keine Pause, die Arbeitswoche hat sieben Tage. Und wenn’s eng wird, hilft der über 80-jährige Schwiegervater noch mit. Marion sagt es ganz ehrlich:

Das sind schon auch Sachen, mit denen wir manchmal hadern, wenn wir hören, dass andere eben spontan übers Wochenende wegfahren.

Und trotzdem: Sie liebt die Arbeit auf dem Hof. Aber die Bedingungen für kleine Familienbetriebe sind schwierig. Marion Bohner will, dass sich was ändert: Weniger Bürokratie, mehr Planungssicherheit, und dass Bio-Betriebe wie ihrer mehr gefördert werden. Deshalb sitzt sie seit drei Jahren im Präsidium eines großen internationalen Bioland-Verbands. Das bedeutet aber für die Familie: Sie ist regelmäßig unterwegs. Und dann ist ihr Mann zuhause gefragt.

Das ist ein ganz wichtiger Faktor für mich, dass ich mich da einfach auch darauf verlassen kann, dass das daheim dann auch läuft, dass er mir da den Rücken freihält und ich schätze das sehr.

Bei Bohners ist es normal, dass der Papa auch mal kocht oder mit den Kindern zum Zahnarzt geht. Am Ende muss einfach alles passen.

Ich bin ein großer Fan von Gleichberechtigung, egal was jetzt auch eben Hausarbeit oder was auch immer betrifft. Allerdings finde ich es auch manchmal so ein bisschen schräg, wenn man dann die Männer so in den Himmel lobt, weil die jetzt einen Elternabend besuchen oder so.

Ebenso pragmatisch ist Marions Blick auf den heutigen Muttertag und ihre Antwort auf meine Frage, ob ihr der Tag wichtig ist.

Also im Zweifelsfall wäre mir eine ordentliche Absicherung im Alter usw. wichtiger für die Mütter als der Blumenstrauß, wenn ich jetzt wählen könnte. Also ich denke, da gibt es viel Nachholbedarf, auch in der Landwirtschaft.

Marion arbeitet deshalb zwei Tage in der Woche zusätzlich in einer medizinischen Einrichtung. Das tut auch der Familienkasse gut. Denn bei ihnen ist es wie bei vielen kleinen Familienbetrieben: Finanziell ist es immer eng.

 

Ich spreche heute mit Marion Bohner aus Bad Waldsee. Sie ist Landwirtin, Mutter, engagiert bei den katholischen Landfrauen - und vertritt klare Positionen, nicht nur bei den Sitzungen in ihrem Bioverband.

Also ich bin dieses Jahr schon auf die Straße gegangen gegen die neue Gentechnik zum Beispiel. Und dann eben jetzt auch gegen Rechtsradikalismus. Einfach, wo ich sage, okay, das sind die Werte, die mir wichtig sind.

Beim Thema „Proteste“ kommen wir beide dann schnell ins Gespräch über Subventionen. Sind die denn wirklich notwendig, frage ich sie?

Um die kleineren, die familiengeführten Betriebe halten zu können, müssen wir entweder sagen: Okay, diese Subventionen, die brauchen wir weiter, dass die Lebensmittel einigermaßen günstig bleiben können. Oder wir müssen uns überlegen, ob diese hochwertigen Lebensmittel uns einfach nicht ein bisschen mehr wert sind.

Ich möchte es konkret wissen: Wieviel Cent müssten bei ihr auf dem Hof für den Liter Milch ankommen, damit das wirtschaftlich ist? Da gibt es einen Orientierungspreis sagt sie mir; der liegt gerade bei 69 Cent.

Und unser Milchpreis in Deutschland schwankt da gerade so zwischen, ich sage mal, zwischen 52 und 62 Cent.

Und da sind die Subventionen schon miteingerechnet. Ich kann gut verstehen, dass Marion Bohner auch deshalb viel Energie in ihr Ehrenamt beim Verband steckt und sich für Veränderungen einsetzt.

Deutschland ist ein Land, in dem Lebensmittel sehr billig sind und sehr billig sein sollen, dass wir einfach alle noch genug Geld übrig haben für sonstigen Konsum. Da würde ich mir einfach mehr Wertschätzung für diese Lebensmittel, für die wir wirklich jeden Tag früh aufstehen, wünschen.

Vor gut 100 Jahren hat der Uropa von Marions Mann das Land in Bad Waldsee in Oberschwaben gekauft. Seither bewirtschaftet es die Familie. Ich finde es bemerkenswert, wie die beiden mit diesem Erbe umgehen.

Diese Fläche, die wir da von den Vorgenerationen übernommen haben, das ist für uns nicht nur Besitz und Wert, sondern eben auch Verantwortung. Wir wollen da auch was zurückgeben. Also wir holen da jetzt nicht nur runter, sondern wir wollen eben für diesen Grund und Boden gut sorgen; in der Zeit, in der wir dafür verantwortlich sind.

Auch deshalb haben die Bohners den Hof vor über zehn Jahren auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Die Kühe sind mit viel Platz im Kompost-Stall und die Wiesen werden ohne chemischen Dünger bewirtschaftet. Das ist ihr Weg, die Schöpfung zu achten und zu bewahren.

Diese Haltung spüre ich auch, als wir in den Stall gehen. Marion nennt die Kühe liebevoll „meine Mädels“. Und dann erzählt sie mir zum Abschluss vom schönsten Tag im Jahr für sie auf dem Hof:

Wenn wir da das erste Mal die Kühe rauslassen, dass ist echt ein Highlight vom Jahr. Das sind zum Teil Tiere mit 800 bis 1000 Kilo. Ja und wenn man dann da so eine riesen Fleckvieh-Kuh wie einen Gummiball über die Wiese hüpfen sieht und sieht, was die für Riesenfreude haben, dass die da jetzt rauskommen und die dann im Stall schon schier durchdrehn, weil die genau wissen: okay, jetzt ist es dann bald so weit. Das ist einfach schön!

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09MAI2024
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Bernd Schwenkschuster Foto: mudmates

Eine Kirche in der keine Gottesdienste gefeiert werden, sondern in der geklettert wird.  Der schwäbische Pfarrer einer methodistischen Gemeinde, Bernd Schwenkschuster, hat vor 10 Jahren mit Mitstreitern dieses besondere Projekt gestartet. Gemeinsam haben sie überlegt, wie man auch die Menschen erreichen könnte, die bisher mit Kirche wenig anfangen können. Schnell war klar: es soll was mit Sport zu tun haben:

Und viele haben gesagt, wir klettern gerne und wir tun gern Kaffeetrinken. Und da haben wir gesagt: Dann lasst uns doch mal eine Konzeption entwickeln für einen Begegnungsraum mit integrierter Kletteranlage.

Aus der Vision wurde Wirklichkeit: Dort wo früher Kanzel und Altar standen, ragen jetzt hohe Kletterwände in die Höhe. Eine Kirche in der geklettert werden kann. Den Begriff Kletterkirche verwendet Bernd Schwenkschuster trotzdem nicht so gerne.

Weil wir bewusst nicht Kirche sein wollen. Also wir wollen mit Menschen unterwegs sein, auch geistliches Leben miteinander leben. Aber die Schwelle in die Kirche zu gehen, ist hoch. Und wir haben gesagt, der Begriff Kirche, wir brauchen den nicht, wir überzeugen durch das, was wir anbieten. Und wir reden von H3. Hochklettern, herunterkommen und Halt finden. Das ist eigentlich das, was wir hier leben wollen.

Eine Besonderheit ist dabei, dass die Anlage für alle offen ist:

Wir sind die einzige Kletterhalle meines Wissens in Deutschland, die keinen Eintritt verlangt. Wir bieten Räume an, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen. Und wenn sie dann mehr wissen wollen über uns oder über Gemeindeleben oder über Christsein, dann sind Menschen da, die Auskunft geben können.

Auch Gottesdienste gehören zum Gemeindeleben dazu. Und weil in der Kirche ja alles auf das Klettern ausgerichtet ist, finden die an ungewöhnlichen Orten statt.

Wir sind in Kneipen unterwegs. Wir sind Open Air. Es ist ein bisschen schwierig, uns zu finden. Ja, aber die, die uns finden wollen, finden uns. Wir versuchen sehr viel auf sehr einfachem Niveau zu halten. Also, wenn wir Open Air sind, haben wir einen Lautsprecher, Gitarre und Cajon. Mehr nicht. 

Mich fasziniert die Begeisterung und die Energie, die Bernd Schwenkschuster ausstrahlt und die bestimmt auch zum Gelingen des Projekts beigetragen hat. Ich selbst bin kein guter Kletterer. Und frage mich: Gäbe es in der Gemeinde auch was zu tun für Menschen wie mich, die keine passionierten Kletterer sind?

Wir kriegen alle unter. Ey, jeder ist wahnsinnig begabt. Ich finde es eine riesen Wertschätzung, wenn eine Gemeinde es ermöglicht, dir deine Begabungen so zu mir zu ermöglichen, dass du das einbringen kannst in das Ganze.

Eine Gemeinde, in der es Platz für alle gibt! Bernd Schwenkschuster und sein Team haben dazu noch mehr Ideen. 

Vor 10 Jahren hat Bernd Schwenkschuster zusammen mit einer kleinen Gruppe eine Gemeinde in Metzingen gegründet und aus der Kirche eine Kletterhalle gemacht. H3 – so haben sie sich genannt: Hochklettern, herunterkommen, Halt finden. Das Angebot ist ein voller Erfolg. Aber die Gemeinde hat noch mehr sportlichen Ehrgeiz: 

Was wäre es, wenn wir einmal ein Projekt starten, wo wir mindestens 1000 Leute zusammenbringen?

Die Idee: Ein Hindernislauf im Freien! Querfeld ein und mit viel Spaß – da gab im schwäbischen Raum und darüber hinaus noch kein gutes Angebot.

Und so sind wir 2018 in die Planung gegangen von MudMates. Und es hat uns dann ein bisschen rechts überholt, muss man gestehen. Wir hatten relativ schnell 1600 Anmeldungen der Läufer.

Insgesamt waren dann bei der ersten Auflage von MudMates, was auf deutsch so viel bedeutet wie „Schlamm-Kumpels“, 6000 Teilnehmende und Zuschauer dabei. 10 km Hindernislauf, mit Hindernissen, die nur als Team zu überwinden sind. Überhaupt: Teamwork ist bei dem ganzen Projekt ein wichtiges Stichwort. Denn nur dadurch wird so etwas großes möglich, davon ist Bernd Schwenkschuster überzeugt:

Als Team können wir wahnsinnig viel auf die Beine stellen. Und wenn die richtigen Leute zusammenkommen, dann stellst du die Welt auf den Kopf. Und wenn wir es schaffen, einen Rahmen zu bieten, wo Leute sich mit ihrem Potenzial einbringen können und uns sehen, der Mehrwert für alle ist so enorm, dass ich das als Einzelner gar nicht hinbekommen würde, dann ist meine Erfahrung, dass da Großes dabei entsteht

Was MudMates neben dem großen ehrenamtlichen Engagement auszeichnet: Es gibt keine Siegerehrung:

Jeder ist ein Gewinner. Jeder, der durchkommt, hat gewonnen.

Beim gemeinsamen Überwältigen des Hindernisparcours entsteht eine besondere Gemeinschaft.

Also das, was ich bei MudMates erlebe, ist tatsächlich, dass Menschen kommen, manchmal allein und als Team gehen. Ich kann mich 2019 erinnern, da sind Firmen Teams gekommen und danach hat mir einer gesagt: „Mir hat heute der Geschäftsführer aus dem Dreck geholfen.“

Und das verbindet die Kletterhalle mit dem Hindernislauf: Das Anliegen, Räume zu schaffen, wo sich Menschen begegnen, die sonst nicht aufeinandertreffen und Gemeinschaft entsteht:

Und auf einmal sitzt du an einem Lagerfeuer und rede über Abenteuer des Lebens. Und da sitzt einer, der im Knast war und da sitzt ein Geschäftsführer und da sitzt einer, der so Kleinkunstsachen macht,  das sind so heilige Momente, wo ich heute noch manchmal Gänsehaut kriege, wenn ich daran zurückdenke.

Heilige Momente werden möglich, wenn Himmel und Erde sich berühren. Nicht nur damals, zur Zeit Jesus, sondern auch heute noch ist das möglich davon ist Bernd Schwenkschuster überzeugt. Er meint, dazu muss man es den Jüngern nachmachen. Und das heißt: 

 …mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen und mit dem Kopf trotzdem im Himmel schauen. Und ich glaube, das ist genau das, was das H3 und MudMates versucht. Wir wollen mit beiden Beinen im Leben stehen und trotzdem unseren Kopf ein Stück weit im Himmel haben. Und das ist vielleicht auch das, was MadMud und H3 jetzt mit Himmelfahrt verbindet, weil ich glaube, dass wir da schon etwas von diesem, von diesem Himmel auf Erden hier leben können.

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05MAI2024
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Anna Dushime copyright: Johanna Wittig, rbb

Christopher Hoffmann trifft: Anna Dushime

Am vergangenen Wochenende hat sie den Grimme-Preis verliehen bekommen – für ihre Gesprächsführung in der Talksendung „Der letzte Drink“. Bei der Preisverleihung hat sie ihrem Vater, der vor 30 Jahren im Genozid in Ruanda umgebracht wurde, die Auszeichnung gewidmet.  An ihn gerichtet, sagte sie in die Kameras: „Wir haben überlebt…mit dem Grimme-Preis kannst du jetzt im Himmel angeben.“ „Wir“- das sind ihre Mutter und ihre Schwestern. Fast alle anderen Familienmitglieder sind in dem Völkermord umgebracht worden. Rund 1 Millionen Menschen starben innerhalb von 100 Tagen. Anna Dushime war damals fünf Jahre alt, als sie im „Hôtel de Mille Collines“, das später in dem Film als „Hotel Ruanda“ bekannt geworden ist, Zuflucht fand:

Uns hat das das Leben gerettet, dass wir dahin fliehen konnten. Und das war in der Nähe von der Schule, in der mein Vater unterrichtet hat und wiederum diese Schule war direkt in der Nähe von unserem Haus und als es dann losging sind wir zunächst in die Schule geflohen, da waren natürlich die Familien aus der Nachbarschaft. Da wurde dann mein Vater umgebracht und nach und nach wurden die Männer zuerst umgebracht und da wussten wir, dass wir nicht in Sicherheit sind

Nach Wochen in der Schule suchen Anna Dushime, ihre Mutter und ihre Schwestern deshalb zunächst Obdach im „Hôtel de Mille Collines“ und von dort fliehen sie nach Uganda. Annas jüngste Schwester ist damals ein sechs Monate altes Baby, ihre Mutter trägt es auf der Flucht ins Nachbarland auf dem Rücken.  

Ich glaube es ist unmöglich in Ruanda rein zahlenmäßig jemanden zu treffen, der vom Genozid nicht berührt ist. Entweder hat man wie wir Familienmitglieder verloren oder die Familie war in irgendeiner Form am Genozid beteiligt, manchmal sogar beides –das ist eine sehr schmerzhafte, sehr verwobene Geschichte des Landes, die aber nicht unüblich ist für viele Länder, die kolonialisiert wurden. 

Anna Dushime ist es wichtig zu benennen, dass der Konflikt zwischen den Gruppen der Hutus und Tutsis nicht über Nacht ausgebrochen ist. Volksgruppen wurden jahrelang gegeneinander aufgewiegelt. Es begann nicht mit Taten, sondern erstmal mit Hetze im Alltag. Deshalb findet es Anna Dushime auch enorm wichtig jeder Form von Antisemitismus und Rassismus heute zu begegnen, bevor es zu spät ist.

Man kann sich die Stimmung im April 1994 ungefähr so vorstellen, dass man im Radio täglich zugedröhnt wurde: Dass Tutsis Kakerlaken sind. Im Nachhinein denkt man: Was, das haben die Leute geglaubt? Dass Tutsis irgendwie eine Rippe mehr haben.

Unfassbar und schrecklich. Anna Dushime hat den Genozid überlebt, aber auch in ihrer Seele hat er tiefe Wunden hinterlassen. Bis heute arbeitet sie das, was sie erleben musste, therapeutisch auf. Darüber zu sprechen, sagt sie, ist enorm wichtig. Wie geht es ihr heute damit?

Für mich ist das Ziel Frieden in meinem Herzen und, dass ich diese Bitterkeit und diese Gefühle nicht an mein Kind weitergebe oder an andere Menschen, die nichts dafür können.

Ich treffe Anna Dushime in Berlin-Charlottenburg. Hier lebt und arbeitet sie – als Programmchefin des Satireformats „Browser-Ballett“, als Kolumnistin für die taz und als Moderatorin. Mich hat sie neugierig gemacht, als ich sie in einem Podcast von funk, dem jungen Netzwerk von ARD und ZDF, gehört habe: und zwar über Glauben und Kirche. Die 36-Jährige wünscht sich viele Reformen in der Institution Kirche. Aber sie würde nicht austreten. Weil sie denen den Rücken stärken will, die mit langem Atem für Veränderungen in der Kirche kämpfen. Und weil Kirche für sie, die progressive Journalistin aus der Hauptstadt, auch eine Heimat ist:

Vor allem: ich brauch einfach eine Heimat oder etwas, wo mein Glaube sozusagen verwurzelt sein kann. Dafür muss ich nicht jeden Sonntag gehen, das schaffe ich ehrlich gesagt gar nicht, aber wenn ich geh, gibt mir das immer total viel. Früher war ich auch wie jeder Teenager: „Oh nein, ich will nicht in die Kirche“. Aber jetzt fehlt mir das total, wenn ich das nicht mache.

Nach dem Genozid in Ruanda hat sie schwer mit Gott gehadert. Inzwischen ist Gott für sie ein ganz wichtiger Gesprächspartner im Alltag:

Jeden Tag zu beten oder mit meinem Kind zu beten. Also wenn ich bete, habe ich das auch schon mal erlebt, dass Partner gesagt haben: „Hä? Ich wusste gar nicht, dass du betest, ich dachte du telefonierst oder so“, weil ich rede so ganz normal. Und ich erzähle so von meinem Tag und frage auch um Rat und das ist glaub ich dann so eine väterliche oder mütterliche also eine elterliche Figur ist Gott für mich.

Ganz wichtig ist ihr auch das christliche Menschenbild: Dass der Wert eines Menschen nichts mit seiner Leistung zu tun hat, sondern die Würde aller Menschen wirklich gleich ist:

Mensch ist Mensch! Alle haben irgendwas Interessantes zu erzählen oder irgendwas Besonderes an sich, wirklich jeder Mensch!

Anna Dushime ist das auch deshalb wichtig, weil sie immer noch Alltagsrassismus erlebt – manche Menschen können sich nicht vorstellen, dass eine Schwarze Frau eine Redaktionsleiterin ist oder eine Talkshow im deutschen Fernsehen moderiert:

Weil viele Leute eben Schwarze Frauen meistens nicht dahin verorten, wo ich bin. Und deshalb gehen sie auch nicht so mit mir um. Das kommt dann vielleicht im Gespräch und dann ändert sich das und das finde ich sowieso ganz schlimm. Ich finde, dass man immer mit allen Leuten so höflich umgehen sollte und nicht, weil man denkt die Person könnte vielleicht irgendwie wichtig sein oder so.

Menschen, die sich erst über andere erheben und ihr Verhalten dann ändern, wenn sie einen eigenen Vorteil wittern- geht gar nicht! Deshalb thematisiert sie in ihrer Arbeit Rassismus. Aber eben auch, dass Schwarze Menschen mehr zu bieten haben als dieses Thema.

Viele von den Schwarzen Journalist*innen, die ich kenne, reden sehr oft über Diversität und Rassismus, nicht weil sie Expert*innen darin sind, sondern weil sie oft dazu gemacht werden - oft werden uns diese Themen zugeschoben- und ich will damit nur sagen, dass wir auch noch mehr Themen anzubieten haben:  über Finanzen, über Start-ups, über Feminismus, …

Und deshalb hoffe ich sehr, dass auf die Grimme-Preis-prämierte Folge von „Der letzte Drink“ noch viele Getränke und Gespräche mit Anna Dushime folgen.

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