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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Herz und Verstand gehören zusammen. Wer sich bloß auf seine Klugheit verlässt und alles richtig macht, wirkt kühl. Wer sich nur nach seinen Gefühlen richtet, läuft Gefahr, eine Sache einseitig und falsch zu beurteilen. So einfach ist das. Und so leicht zu verstehen.

Ich fahre regelmäßig mit dem Bus. Hin und wieder ergeben sich da Gespräche mit dem Fahrer. Einige stammen aus der Türkei, aus Griechenland oder Russland. Der eine oder andere kennt mich schon und weiß, dass ich mich gern unterhalte. Und fängt dann von sich aus ein Gespräch an. Meistens ist das nur Small-Talk. Zumindest beginnt es fast immer so. Wir reden dann über die Baustellen in der Stadt, übers Wetter, über Auto- und Fahrradfahrer, die dem Bus das Leben schwer machen. Manchmal geht das Gespräch auch mehr in die Tiefe. Vor kurzem ist es einmal regelrecht philosophisch geworden. Als einer der Fahrer davon gesprochen hat, was für ihn einen guten Menschen ausmacht. Weil wir die brauchen, damit unsere Welt nicht noch mehr aus den Fugen gerät.

Herz und Verstand gehören zusammen. Das war das Fazit zwischen dem Fahrer und mir, als ich am Bahnhof ausgestiegen bin. Wenn eines von beiden fehlt, hat der Mensch ein Problem. Und meistens die anderen mit ihm auch.

Das Schöne dabei war aber nicht, dass wir nur bei so einem klugen Satz heraus gekommen sind, sondern dass wir dabei einer Meinung waren. Und zwar nicht bloß theoretisch, so dass wir den Satz in unserem Kopf hätten abspeichern können. Nein, wir waren uns persönlich einig. Wir hatten einander verstanden und waren uns auf eine Art und Weise nahe gekommen, die so nicht selbstverständlich ist, wenn zwei Menschen sich zufällig begegnen. Das hat richtig gut getan: Zu wissen, da sitzt einer am Steuer des Busses, mit dem ich fahre, und der tickt so wie ich. Wir haben eine gemeinsame Basis, weil wir in einer wichtigen Angelegenheit gleich eingestellt sind. Wir denken gleich, weil wir Menschen sind und menschlich sein wollen. Ob einer Busfahrer ist oder Pfarrer, ob er aus Deutschland kommt oder der Türkei, das spielt dabei eben keine Rolle.

Als ich aus dem Bus ausgestiegen bin, hat es an diesem Tag einen Augenblick länger gedauert als sonst. Wir haben uns verständnisvoll zugenickt und dann haben wir auch gelächelt – und uns die Hand gegeben. Verstand und Herz … sie gehören zusammen.

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Ich bin ein Gutmensch. Ich bin es gerne. Und ich lasse mich auch so nennen. Ich ärgere mich nicht, wenn das einer zu mir sagt. Ich weiß, dass es oft abfällig gemeint ist, wenn einer das Wort benützt. Aber der Vorwurf trifft mich nicht.

Das Wort Gutmensch kommt daher, dass einer ein guter Mensch ist. Dass er es gut mit anderen meint und sich nicht davon beeindrucken lässt, wenn er deshalb übers Ohr gehauen wird. Es ist ihm wichtiger gut zu sein, als dabei kühl zu kalkulieren, wie er am Ende dastehen wird. Wenn man das praktiziert, was die Christen Nächstenliebe nennen, passiert das hin und wieder. Ich meine, Christen sind immer Gutmenschen, wenn sie dieses Hauptgebot ihres Glaubens ernst nehmen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Es gibt da aber eine Grenze: Wenn ich mich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen könnte vor lauter Gutmenschentum, dann müsste mir das zu denken geben. Oder wenn ich mich selbst aufgebe, naiv genug nur darauf zu warten, dass mich wieder einer ausnützt. So meine ich's nicht. Ich bin ein Gutmensch, und ich gebe mich trotzdem nicht auf. Ich bin selbstbewusst und halte daran fest, dass es mir wichtig ist, anderen gutherzig zu begegnen. Ohne voreingenommen zu sein. Ich rechne nicht damit, dass jemand mich ausnützt. Aber ich nehme es in Kauf. Und wenn ein anderer kommt, der meine Güte nötig hat, bin ich zu dem wieder gut. Ich schließe nicht von einem auf den anderen. Das kann man für leichtsinnig halten. Aber auch das nehme ich in Kauf – um des Guten willen.

Am Pfarrhaus klingeln Menschen, die Hilfe suchen. Sie erzählen Geschichten, was ihnen Schlimmes passiert ist. Sie riechen nach Alkohol. Sie sind drogenabhängig. Sie sehen müde und traurig aus, gezeichnet von einem Leben, das ihnen hart mitgespielt hat. Wir unterhalten uns. Ich weiß nicht, ob alles stimmt, was sie mir erzählen. Manches klingt unglaubwürdig in meinen Ohren. Manchmal muss ich mich zurück halten, um ihnen keinen klugen Rat zu geben. Das lasse ich, weil es ihr Leben ist und nicht meines. Aber es verhindert nicht, dass ich gut über sie denke und ihnen versuche, etwas Gutes zu tun. Im Priesterseminar haben wir einen Merksatz gelernt: „Wer noch nie übers Ohr gehauen wurde, hat auch noch nie versucht, anderen etwas Gutes zu tun.“ Daran denke ich dann, und bin auch weiterhin … ein Gutmensch.

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Was haben Gott und eine Plastiktüte miteinander zu tun? Manche werden schon die Frage für eine Frechheit halten. Aber ich meine das so ernst wie fromm. Weil wir mit dem vielen Kunststoff, den wir produzieren und hinterher wieder wegwerfen, unsere Welt kaputt machen. Und weil uns die Welt nicht gehört. Wir tun nur so. In Wahrheit gehört sie keinem Menschen, keiner Nation, auch nicht der Menschheit zusammen. Sie gehört niemanden. Keiner kann mit ihr machen, was er will. Außer: Gott. Wer an ihn glaubt, für den ist er der Eigentümer. Weil er sie geschaffen hat. Und weil er – das dürfen wir unterstellen – ein Interesse daran hat, dass seine Welt geschont wird, pfleglich behandelt.

Aber was machen wir: Wir müllen die Erde regelrecht zu. Es gibt dafür bedrückende Bilder und Zahlen. Strände in Afrika, die über und über voll sind mit Tüten und Flaschen und Folien aus Plastik. Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel, der mittlerweile so groß ist wie Zentraleuropa. Sehr nahe kommt mir das, wenn ich sehe, wie viel Plastikabfall ich selber wegwerfe, Woche für Woche, in meinem gelben Sack. Joghurt, Saft, Butter, Käse, Tomaten, Schokolade. Alles verpackt. Und ruckzuck: Alles Abfall. Pro Person und Jahr produziert jeder Deutsche über 70 Kilo Kunststoffmüll. Wir Deutschen sind dabei Europameister, aber in diesem Fall ein sehr unrühmlicher.

Und Gott? Gott schaut zu. Er greift nicht ein; jedenfalls nicht so, dass wir etwas davon merken würden. Es passiert das, was wir Menschen tun und lassen, oder eben nicht lassen. Und an dieser Stelle kommt Gott eben doch noch einmal ins Spiel. Der Mensch denkt und versteht. Der Mensch ist das Höchste aller Geschöpfe auf dieser Welt. Die Krone der Schöpfung. Der Mensch kann erkennen, was für ein Wunderwerk diese Welt ist. Und er kann das Richtige tun oder eben nicht. Er kann verstehen, dass der Müllberg nicht im Sinne Gottes ist. Und dann kann er etwas dagegen tun. Könnte... Keine Plastiktüten mehr benützen, beim Einkaufen auf Produkte achten, die nicht aufwändig verpackt sind. Mein Bäcker hat mir neulich 5 Cent weniger fürs Brot berechnet, weil ich den Laib unter den Arm geklemmt habe.

Wenn auf dieser Welt etwas geschieht, was sie stört, zerstört gar, dann hat das immer etwas mit Gott zu tun. Und oft auch mit mir.

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Ein Hörer hat sich über einen Beitrag von mir geärgert. Weil ich darin Gott sehr direkt und ungeniert angesprochen, fast angegriffen habe. Ich habe Gott gesagt, dass es mir weh tut und ich mich ärgere, weil es einem Freund so schlecht geht, und das Paket immer größer wird, das der zu tragen hat. Dass ich mich da auch über ihn, Gott, ärgere. Offenbar hat der Hörer Angst gehabt, Gott könnte beschädigt werden, wenn ich ihn wie einen guten Freund behandle. Diesem Hörer und allen, die so denken, versuche ich auf ihre Sorge mit einer biblischen Geschichte zu antworten.

Dort geht es auch um eine heftige Auseinandersetzung. Zwei streiten, ja, sie kämpfen miteinander. Der eine ist Jakob, der andere - und das ist schon außergewöhnlich - ist Gott. Jakob kämpft mit Gott. Ohne Waffen, aber mit dem ganzen Einsatz seines Körpers. Lange ist nicht klar, wer gewinnt. Da schlägt Gott Jakob auf die Hüfte. Das Gelenk springt aus seinem Halt, was ein furchtbarer Schmerz sein muss. Trotzdem lässt er nicht los. Schließlich bringt Jakob unter Schmerzen einen Satz heraus– stammelnd oder schreiend: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. So ist das also: Jakob ringt mit Gott. Er bietet all seine Kräfte auf, um endlich zu wissen, woran er mit Gott ist. Und Gott segnet ihn. Zumindest empfindet Jakob es so. Der Kampf hat sich gelohnt. Gott scheint es zu schätzen, wenn man mit ihm streitet. Erstaunlich!

Ich habe oft Anlass, mich mit Gott auseinander zu setzen. Ein Kind stirbt kurz vor der Geburt im Leib seiner Mutter. Ein Kollege versinkt in seinen Depressionen. Bei einer Freundin hören die Probleme einfach nicht auf. Ich glaube, dass Gott existiert. Und dass er sich für das interessiert, was er geschaffen hat auf dieser Welt. Dass er sich für jeden Menschen interessiert, dass ihm nichts egal ist und er keinen aufgibt. Dass er es gut meint, alles in allem, auch wenn ich das nicht immer und genau verstehe, wie er das macht. Wenn dem so ist, dann muss ich mit Gott streiten, wenn es einem Menschen schlecht geht und ich das mitbekomme. Und ich muss dann auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Wenn Jakob das durfte, darf ich das auch. Der Kampf mit Gott tut gut, er entlastet mich. Und wenn dann am Ende ein Segen steht... Um so besser.

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Manche Sprichwörter stimmen. Und obwohl sie stimmen, sind sie so falsch! „Kleider machen Leute“ ist so ein Sprichwort. Es stimmt: Ich beurteile Menschen auch nach dem, wie sie aussehen. Ob einer elegant gekleidet ist oder nachlässig. Ob mein Gegenüber einen gepflegten Eindruck auf mich macht oder ob er schmuddelig daher kommt. Es ist mir unangenehm, wenn jemand nach Schweiß riecht, oder wenn ich merke, dass er seine Klamotten schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gewechselt hat. Erst wenn ich ein bisschen weiter nachdenke, fällt mir auf, dass das Aussehen nicht alles ist. Ja, dass es gefährlich ist, wenn ich nur danach urteile. Das Sprichwort ist also falsch: Kleider machen eben keine Leute. Zumindest dann nicht, wenn es dabei noch in irgend einer Form um den Menschen geht.

Es gibt ein Experiment. Das habe ich in einem Film gesehen. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, so ungefähr fünf Jahre alt. Die Kleine bekommt Anweisungen, was sie tun soll. Sie soll um Hilfe bitten. Auf einem belebten Platz in einer Stadt. Dort sind viele Menschen unterwegs, manche sitzen in Cafés. In Variante eins ist das Mädchen sauber und hübsch gekleidet. Das andere Mal hat man ihr Gesicht so geschminkt, dass sie schmutzig aussieht, und ihre Kleider sind ein bisschen zerlumpt. Was dann passiert, ist schockierend. Die Leute reagieren auf das verschieden aussehende Kind völlig unterschiedlich. Beim schön angezogenen kümmern sich die Passanten, trösten und fragen, was sie für das Mädchen tun können. Aber der kleine Schmutzfink, der wird entweder nicht beachtet oder sogar offen abgelehnt und weggeschickt. Ein kleines Kind, das traurig aussieht und um Hilfe bittet. Es ist immer dasselbe Kind. Nur die Hülle ist anders.

Ja. Kleider machen also doch Leute. Das stimmt. Leider. Weil unser Auge schon ein Urteil fällt, bevor wir über den ersten Eindruck hinaus gekommen sind. Aber ich erwarte von mir, dass ich auch über die Äußerlichkeiten hinaus sehen und denken kann. Ich will den Menschen hinter der Fassade nicht vergessen. Das halte ich für unmenschlich. Was einen Menschen ausmacht, kann man ohnehin nicht sehen. Und ein Kind ist ein Kind. Egal welche Klamotten es trägt.

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Es hat eine Phase in meinem Leben gegeben, in der ich meinen Beruf gern los geworden wäre. Pfarrer … Sonntag für Sonntag erklären, was Jesus von einem Christenmenschen will. Die Schwierigkeiten von anderen Leuten anhören. Auf dem Friedhof in der Kälte stehen und Tote beerdigen. Das kann ganz schön anstrengend sein.

Und tatsächlich hat dieser Beruf schon manchmal an meinen Kräften gezehrt, und an meiner Geduld. Dann hab ich mir überlegt, was ich statt dessen gerne für einen Beruf hätte. Und bin auf Briefträger gekommen. Feste Arbeitszeiten. Immer an der frischen Luft. Wenig Verantwortung. Und keine Leute, die ständig auf einen schauen und beurteilen, wie man sein Geschäft macht. Ich stelle mir das sehr angenehm vor. Aber gleichzeitig weiß ich, dass das nur die eine Seite der Medaille ist. Ich habe die Kehrseite auch nicht übersehen. Deshalb bin ich ja auch immer noch Pfarrer. Und nicht Briefträger. Weil ich mir nicht sicher bin, ob dieser Beruf etwas für mich wäre - trotz seiner sicher schönen Seiten. Jeden Tag die gleichen Handgriffe und dieselben Wege, kaum Verantwortung? Wäre ich am Ende unzufriedener als vorher?

Ich bleibe der gleiche Mensch – als Briefträger und als Pfarrer. Mein Charakter ändert sich dadurch nicht. Und meine Stärken und Schwächen bleiben auch dieselben. Die Frage, der ich mich stellen muss, lautet also nicht: „In welchem Beruf wirst du zufrieden?“, sondern viel grundsätzlicher: „Wie bist du überhaupt zufrieden?!“ Und das geht nur, wenn ich mit mir selbst im reinen bin – einigermaßen zumindest. Je mehr, desto besser. Ich meine damit, dass ich es mit mir selbst aushalte, dass ich weiß, wann mir etwas zu viel wird und wenn ich eine neue Herausforderung brauche. Und dass meine Arbeit dabei den rechten Platz hat. Sie ist wichtig, weil ich aus ihr Bestätigung bekomme und das Gefühl, etwas zu können und gebraucht zu sein. Aber sie ist nicht alles. Wenn meine Zufriedenheit nur von dem abhängt, was ich beruflich leiste, dann greift das zu kurz. Pfarrer-Sein kann schön und anstrengend sein. Und Briefträger-Sein genauso. Aber den Ausschlag gibt die Frage, ob ich das, was ich bin, gut und gern bin - und bei allem so viel wie möglich „Ich selbst“.

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