Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30APR2024
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Seit dem Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten habe ich bittere Zweifel an meiner pazifistischen Grundhaltung. Ich bin nach dem 2. Weltkrieg geboren und kenne nichts anderes als Frieden. Wir sind für Abrüstung auf die Straße gegangen. Die Abschaffung der Wehrpflicht haben wir als Meilenstein gefeiert.

Der Angriffskrieg in der Ukraine hat meine ganze Überzeugung über den Haufen geworfen. Ich verstehe mittlerweile: Deutschland kommt ohne Aufrüstung nicht aus. Das Land muss militärisch verteidigungsfähig sein. Trotzdem glaube ich: Das widerspricht nicht meiner Überzeugung, dass echter Frieden nicht mit Waffen zu schaffen ist.

Daran weiter festzuhalten, dabei helfen mir die Worte von Hilde Domin, einer deutschen Dichterin: „Nicht im Stich lassen – sich nicht und andere nicht. Das ist die Mindestutopie, ohne die es nicht lohnt, Mensch zu sein. An ihr halte ich fest bis zu meinem letzten Atemzug.“ Diese Sätze kenne ich seit Jahrzehnten. Im Moment helfen sie mir, zu meiner pazifistischen Grundhaltung zu stehen. Weil sie mich gleichzeitig auffordern, das zu tun was ich tun kann: Mich und andere nicht im Stich lassen. Das bedeutet zum Beispiel ganz konkret in meinem Alltag: Ich werde auch weiterhin dafür sorgen, dass die Kinder in meiner Klasse ihre Konflikte ohne Gewalt lösen. Denn Friede ist nur möglich, wenn Menschen aufeinander zugehen, sich verzeihen und sich kennenlernen. Wenn sie darüber sprechen was ihnen gut tut als Gemeinschaft.

Hilde Domin hat es auch als alte Frau nicht aufgegeben, sich über Unrecht und Ungerechtigkeit aufzuregen. Ihr Glaubensbekenntnis in diesem aufregenden Leben fasst sie so zusammen: „Ich glaube, das Wichtige ist, dass wir nicht nur die Erinnerung an das Erlittene weitergeben, sondern auch die Erinnerung an die empfangene Hilfe.“ Hilde Domin hat Recht, denke ich, wenn ich auf meine eigene Geschichte schaue. Ich verdanke vielen Generationen von Menschen in Deutschland und in weiten Teilen Europas, dass ich bisher nie Angst vor einem Krieg haben musste. Sie haben nach dem 2. Weltkrieg für einen stabilen Frieden gesorgt. Der ist nicht vom Himmel gefallen. Das war Arbeit. Ich vertraue darauf, dass es viele gibt, denen es geht wie mir. Dass sie diesen stabilen Frieden zu schätzen wissen und alles dafür tun, was in ihrer Macht steht, um ihn zu erhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39797
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