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01JAN2024
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Vor Tagen blätterte ich in einem ganz besonderer Buch. Es liegt am Eingang unserer Krankenhauskapelle auf einem Stehpult. Patientinnen und Patienten schreiben darin ihre Sorgen und Bitten auf. Das Fürbittbuch erzählt von Gesundheit und Krankheit. Von der glücklichen Geburt und dem langen Sterben. Von der Angst vor der OP ist darin zu lesen, aber auch von der Erleichterung nach einer Untersuchung. Ein mit zittriger Hand geschriebener Eintrag fällt mir auf. Er ist so schön und schlicht. Irgendwie auch geschrieben für diesen Neujahrsmorgen:

 

Gott achte auf mich und hülle alle Menschen in deinen Frieden.

 

Das ist ein Segensgebet für 2024.  Heute am Neujahrsmorgen an dem wir uns alle nur Gutes wünschen. Mit dem Sektglas in der Hand. Mit guten Worten und Umarmungen.

 

Gott achte auf mich und hülle alle Menschen in deinen Frieden.

 

Segenswünsche am Neujahrsmorgen tun gut. Mit welchen Worten auch immer sie gesprochen werden. Denn die Tage, die vor uns liegen, liegen nicht in unserer Hand. Sie sind unverfügbar. Nur begrenzt planbar. Das wissen wir allzu gut. Das lehrt uns die Vergangenheit. Was wir in den kommenden 365 Tagen erleben werden, bleibt ungewiss. Dass Gott auf uns achten möge und uns Frieden schenkt, wie die zittrige Hand schreibt, bleibt unsere Hoffnung und Sehnsucht.  Auch 2024.

Meine Mutter war früher für den Segen zuständig. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Wie ich da mit dem Schulranzen in der Küche stand. Kurz vor dem Weg zur Schule. Ein Kreuzzeichen hat sie mir auf die Stirn gemacht. Manchmal glaube ich sogar mit Weihwasser. Kalt fühlte sich das an und doch war es ganz besonders. Einen Moment nur. Was und ob sie überhaupt dabei etwas gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Vielleicht dass ich aufpassen soll und schon alles gut werden wird in der Schule. Der Segen mit dem kleinen Kreuzzeichen hat einfach dazugehört. Wie das Frühstück. Oder wie der Gute Nacht Kuss. Gut hat es mir getan. Beruhigend hat es auf mich gewirkt. Der Segen meiner Mutter. Vor dem Lärm im Bus, der mich zur Schule brachte. Vor der Klassenarbeit gleich in der ersten Stunde. 

 

Segenswünsche am Neujahrsmorgen. Obwohl wir nicht wissen, was auf uns zukommt, erhoffen wir nur Gutes.  Im Namen Gottes. Ist das nicht irrational? Was tun wir da eigentlich? Und warum? Der Theologe Fulbert Steffensky erzählt in einem Erlebnis, was Segen für ihn bedeutet:

 

Ein Freund von mir erlitt vor kurzem einen Herzinfarkt. Einer der Krankenpfleger, die ihn versorgten, ein junger Mann von erfrischender Respektlosigkeit, sagte zu dem Kranken: „Du alter Graukopf, du machst jetzt gar nichts. Du denkst nicht, du bewegst dich nicht, du sorgst dich nicht.“ Der Freund sagte später: „Die Aufforderung des Pflegers empfand ich in diesem Moment der Gefahr wie einen großen Segen“.

 

Warum hat der Kranke die Bemerkung Krankenpflegers wie einen Segen empfunden?

Wenn wir gesegnet werden, sind wir passiv. Tun nichts. Der Pfleger hat es dem Kranken ziemlich deutlich zu verstehen gegeben. Das ist ganz schön schwer. Wer sich segnen lässt muss lernen loszulassen. Gibt zu nicht alles im Griff zu haben. Stellt sich der ungewissen Zukunft. Lässt sich anschauen. Berühren. Trösten. Ansprechen mit guten Worten. Aber auch der Segnende hat nichts in der Hand. Auch der Krankenpfleger weiß nicht, wie das ausgeht mit dem Herzinfarkt. Er gibt nur ein Versprechen. Jetzt da zu sein. Wer segnet geht aufs Ganze. Gibt Gott als Versprechen. Nicht viel ist das. Und Steffensky hat Recht, wenn er schreibt:

 

Der Segen ist die dichteste und dramatischste Stelle des Glaubens. Wer Segen empfängt stürzt in den Abgrund des Schoßes Gottes.

 

In einem Text aus der Bibel, der heute am Neujahrstag im katholischen Gottesdienst vorgelesen wird, steht auch ein Segen.  Es ist der älteste überlieferte Segensspruch der Bibel. Jüdinnen und Juden beten ihn bis heute. Segnen einander mit diesen Worten. Oft wird an einer Stelle dieses Segens ein weibliches Pronomen für Gott verwendet. Das ist gut so. Denn bei mir war es ja auch meine Mutter, die mich treu gesegnet hat. Morgen für Morgen. Und eben nicht mein Vater. Sie hat mir gezeigt was Segen bewirken kann.

Ich wünsche Ihnen mit diesem Segen der Bibel nur Gutes am Neujahrsmorgen.  Dass wir alle dem Geheimnis unseres Lebens trauen. Einem Gott der unverfügbar bleibt. Der uns nahe ist wie der Krankenpfleger. Treu wie damals meine Mutter. Auf uns achtgibt und uns umhüllt wie es im Fürbittbuch mit der zittrigen Hand aufgeschrieben ist. Seien Sie gesegnet mit den Worten der Bibel:

 

G*tt segne dich und behüte dich
G*tt lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Go*tt erhebe ihr Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

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26DEZ2023
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Jahr für Jahr faszinieren mich die verschiedensten Krippen, die es in der Advents- und Weihnachtszeit überall zu sehen gibt. In ihrer Grundausstattung sind sich alle ähnlich: Dazu gehören das Kind in der Krippe, daneben Maria und Josef, Ochs und Esel, ein paar Schafe und Hirten und über allem der Stern und sangesfrohe Engel. Und je nach Geschmack oder Tradition kann diese weihnachtliche Szene natürlich ergänzt und erweitert werden.

Ich habe kurz vor Weihnachten eine besondere Krippe entdeckt; in einer Kirche, direkt vor dem Altar. Dort ist nur ein Futtertrog gestanden mit einem Büschel Stroh. Eine leere Krippe also, die sagen will: Das Wichtigste fehlt noch.

Nicht zu übersehen war das Stroh, eine Menge Stroh! Natürlich hat das zunächst eine praktische Seite. Das Kind soll später weich liegen können und soll es in der kalten Nacht gut haben. Aber ich meine, Stroh hat auch eine tiefere Bedeutung.

Wir sprechen von einem Strohfeuer und denken dabei an eine kurzlebige und oberflächliche Begeisterung. Wir sagen, dass einer nur leeres Stroh drischt und hören nichtssagende Worte. Und wenn einer dummes Zeug macht, dann hat er nur Stroh im Hirn oder ist strohdumm. Stroh ist Mist und Abfall, gerade richtig für den Stall oder für die armen Menschen, die wie ihre Tiere auf dem Stroh schlafen.

Ich verstehe immer mehr, dass das Stroh an Weihnachten nicht nur eine kleine Requisite ist, die zu einer Krippe eben dazu gehört. Es ist vielmehr Teil der guten und frohen Botschaft, die Christen an Weihnachten feiern.

Rainer Maria Rilke schreibt:“Die Menschen schauen immer von Gott fort. Sie suchen ihn im Licht, das immer kälter und schärfer wird, oben. Und Gott wartet anderswo – wartet ganz am Grund von allem. Tief. Wo die Wurzeln sind. Wo es warm ist und dunkel.“

Gott kommt buchstäblich herunter. Von ganz weit oben nach tief unten! So kommt Licht in die Nacht, in die Leere, in die Armut von uns Menschen. Wir würden ihn nie im Stroh und in der Armseligkeit suchen. Aber eben dort will er entdeckt und gefunden werden.

Wie das gemeint ist, mit dem heruntergekommenen Gott, davon erzählt auf amüsante Weise diese Szene:

Ein kleiner Bub schaut sich die Kinderbibel an und ist bei der Weihnachtsgeschichte angekommen. Da ruft er aus voller Kehle den Ruf der Engel: “Ehre sei Gott in der Höhle!“ Scheinbar hat er etwas missverstanden. Die Engel singen in der Höhe und nicht in der Höhle. Und dennoch! Er hat damit wunderbar den Kern der Weihnachtsbotschaft erfasst.

Gott ist eben nicht nur in der Höhe, weit weg, hell leuchtend irgendwo im Himmel. Sondern er ist auch in der dunklen Höhle, in der Felsengrotte eines Stalls in Betlehem. Auf Heu und auf Stroh: Aus der goldenen Herrlichkeit des Himmels, auf das Strohlager der Ärmsten! Das ist sein Weg zu den Menschen. Ein wahrlich „heruntergekommener“ Gott.

Später, wenn dann das kleine Kind aus dem Stall als Jesus von Nazareth in die Öffentlichkeit tritt, wird dieser Weg Gottes von oben nach unten weithin sichtbar. Man trifft ihn am Tisch bei den Sündern, denen man lieber aus dem Weg geht. Er steht an der Seite von kranken und leidenden Menschen, die andere schon längst abgeschrieben haben, er hält sich nicht an Gesetze, die für ihn zu toten Buchstaben geworden sind und er spricht in wunderbarer Weise von der Güte Gottes, die gerade den armen und einfachen Menschen zukommen will. Für viele, die nichts mehr von ihrem Leben erwarten, wird Jesus so zum Lichtblick in ihrer Not, zum rettenden Strohhalm, an den sie sich voller Hoffnung klammern.

Ich glaube, dass wir diese Hoffnung, diese Sehnsucht gut verstehen und vielfach selber in uns verspüren. Ich halte es manchmal schier nicht aus. Hier die schönen Bilder und Klänge eines frohen Festes und dort die zerbombten Häuser und die geschundenen Menschen. Die Botschaft von Betlehem hat es dieses Jahr besonders schwer, weil vom „Frieden auf Erden“ so wenig zu spüren ist.

Aber gerade deswegen ist Weihnachten wichtig. Jesus will mehr sein als eine schöne Kulisse für ein stimmungsvolles Fest. Er zeigt uns einen Weg, wie der Friede auf Erden wahr werden kann. „Mach es wie Gott, werde Mensch!“Ohne Gewalt, klein und ohnmächtig wie ein Kind, wirbt er darum, dass wir ihn aufnehmen und seinem Frieden wirklich eine Chance geben.

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01NOV2023
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Warm leuchtend, reich verziert mit Gold und Silber und beschienen von Kerzen in goldenen Leuchtern, die von der Decke herabhingen.  Das war die Atmosphäre, in die ich in einer Kirche in Griechenland – irgendwann diesen Herbst – eintauchen durfte. In ein warmes Leuchten. Ganz leicht hat es nach Weihrauch gerochen, und überall an den Wänden: Ikonen, die traditionell gemalten Bilder von Heiligen, die in der orthodoxen Kirche verehrt werden. Eine Ikone - ich glaube, es war die des Heiligen Nikolaus - stand frei auf einer Art Staffelei. Eine ganze Weile habe ich in der Kirche auf meinem geflochtenen Stuhl gesessen und beobachtet, wie immer wieder jemand hereinkam, einen kleinen Knicks vor dem Heiligen Nikolaus machte und vorsichtig seine Ikone küsste. Ich konnte sehen, wie die Lippen der Menschen sich bewegt haben. Wahrscheinlich ein leise gemurmeltes Gebet. Eine Bitte an den Heiligen vielleicht– vielleicht auch Dank…

Es war eine heilige Atmosphäre an diesem Ort. Und heute, am Feiertag „Allerheiligen“ merke ich, wie diese Atmosphäre in mir noch nachklingt. Ein Gefühl, dem Heiligen ganz nah zu sein, vielleicht sogar Gott selbst ganz nah zu sein. Obwohl - Gott ist so unvorstellbar groß, dass die Vorstellung auch beängstigend sein kann. Aber zum Glück sind da ja auch noch die Bilder der Heiligen. Vorbilder für den christlichen Glauben, die sich durch nichts haben abbringen lassen, von ihrem Vertrauen auf Gott. Warm leuchten ihre Gesichter auf den reich verzierten Ikonen. Wie das des Heiligen Nikolaus auf der Staffelei: Nikolaus war Bischof in einer Zeit, als Christen vom römischen Staat noch verfolgt wurden – auch er selbst. Aber trotzdem war er da für die Menschen seiner Gemeinde. Der Legende nach hat er sich vor allem um Kinder gekümmert, und sein ererbtes Vermögen hat er denen gegeben, die Unterstützung bitter nötig hatten.

Streng – und gleichzeitig gütig blickt Nikolaus heute den Menschen entgegen: auf seiner Ikone in der kleinen Kirche irgendwo in Griechenland.

Bei einer Frau, die kam, um zu beten, meine ich, Tränen in den Augen gesehen zu haben. Irgendetwas hat sie geplagt und ihr vielleicht Angst gemacht. Sicher hat sie Trost gesucht beim Heiligen Nikolaus in der heiligen Atmosphäre ihrer Kirche. Die Frau hatte vielleicht ihr Vertrauen zu Gott verloren. Aber der Glaube und das Vertrauen des Heiligen Nikolaus waren so groß, dass es sicher auch für die Frau gereicht hat. Bei ihm hat sie deshalb Kraft gesucht – und hoffentlich auch gefunden.

Wenn ich heute, an Allerheiligen, an die Frau und an meinen Besuch in der griechischen Kirche denke, dann sehne ich mich ein wenig nach dieser besonderen Atmosphäre des Heiligen. Der November beginnt, die Tage sind kurz und oft neblig und verregnet. Sie erinnern daran, dass das Jahr langsam zu Ende geht. Und wieder ein Jahr meines eigenen Lebens vergangen ist, und dass wir Menschen sterblich sind. Und dann sind da ja auch noch die Fragen nach dem, was kommen wird und was uns vielleicht Angst macht oder Sorgen bereitet. Manchmal verliere auch ich da mein Gottvertrauen.

Deshalb sehne ich mich nach etwas Trost und danach, mich dem Heiligen nah zu fühlen. Gott nah zu fühlen und der leuchtenden Wärme seiner Liebe zu uns Menschen. Genau wie die Frau in der Kirche in Griechenland. Ich fand damals, dass sie ein wenig besser ausgesehen hat, als sie schließlich die Kirche verlassen hat. Sie konnte von dem Heiligen etwas mitnehmen, was sie selbst verloren hatte.

Als sie damals ging, hat sie noch eine Kerze angezündet. Das habe ich auch getan. Und heute werde ich genau das wieder machen: in meiner Kirche eine Kerze anzünden, damit sie warm leuchtet und mir – und vielleicht auch ein paar anderen Besuchern – die heilige Nähe Gottes wieder nahebringt.

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03OKT2023
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Horizonte öffnen. Das ist das Motto des Tags der Deutschen Einheit in diesem Jahr. Zuerst habe ich mich schon gefragt, was mir dieses Motto eigentlich sagen will. Denn der Horizont, das ist ja erstmal die Linie, an der sich optisch quasi Himmel und Erde begegnen. Wenn ich etwa am Strand der Nordsee stehe und aufs Meer hinausschaue, dann kann ich sie sehen. Weit draußen. Da, wo das Meer scheinbar aufhört und der Himmel beginnt. Wenn ich im Urlaub an der See bin, dann könnte ich manchmal stundenlang dasitzen und mir dieses Bild anschauen. Ein Blick scheinbar bis ans Ende der Welt. Der Welt zumindest, die ich überblicken kann. Doch öffnen lässt sich dieser Horizont genau genommen eigentlich nicht.

Und dann kommt mir beim Horizont natürlich Udo Lindenberg in den Sinn. Wenn er davon singt, dass es hinterm Horizont weitergeht. Seine Ballade, fast 40 Jahre alt, ist inzwischen ein echter Klassiker. Geschrieben hat er sie damals als Hommage an eine enge Freundin, die viel zu früh gestorben ist. Und so eine Freundschaft, die hört nicht einfach so auf, meint der Song. Auch nicht mit dem Tod. Dem ultimativen Horizont jedes irdischen Lebens.

Ein Horizont, der sich öffnet. Das soll wohl vor allem ein Bild sein für eine Hoffnung, die Menschen haben. So, wie im Song von Udo Lindenberg. Dass es irgendwie weitergeht. Und dass diese Linie, die ich da in weiter Ferne sehen kann, eben nicht das Ende der Welt markiert. Und auch nicht das Ende des Lebens. Und dass es deshalb auch nie gut ist, den Kopf hängen zu lassen, Frust zu schieben und zu sagen: „Es hat ja doch alles keinen Sinn“.

Die Bibel kennt etliche von solchen Geschichten. Von Menschen, die sich nicht damit zufriedengegeben haben, dass da eine Linie sein soll, hinter der es nicht weitergeht. Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, aufgebrochen sind. Oft, ohne zu wissen, was sie erwartet. Aber in der Überzeugung, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Da ist zum Beispiel Abraham. Die heiligen Schriften von Juden, Christen und Muslimen erzählen von ihm. Er ist ihr gemeinsamer Urahn. Von Abraham wird erzählt, dass Gott eines Tages zu ihm spricht und ihm sagt, er solle aufbrechen. Land, Heimat, Verwandtschaft. Alles soll er zurücklassen. Losziehen in ein unbekanntes Land, das Gott ihm erst noch zeigen will. Und Abraham macht sich tatsächlich auf. Lässt alles hinter sich und zieht einfach los. Im Vertrauen darauf, dass die Sache gut ausgehen wird.

Oder da sind die Freunde von Jesus, die sich im Haus einschließen, nachdem ihr Freund nicht mehr da ist. Angst haben sie, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Und dann fassen sie plötzlich neuen Mut, machen Fenster und Türen auf und gehen raus. In der Hoffnung, dass es doch weitergeht. Für sie und für die Sache Jesu.

33 Jahre jung ist die Deutsche Einheit heute. Im besten Alter eigentlich. An die Bilder kann ich mich noch gut erinnern. Ich selbst war damals 28 und was war das für eine Aufbruchstimmung? Was für Hoffnungen haben sich da verbunden mit der Zukunft? Nicht nur im Osten war das so. Auch bei vielen Menschen hier im Westen. Sicher, wie immer bei den ganz großen Hoffnungen, war manches davon vielleicht naiv. Haben viele Wünsche der komplizierten Wirklichkeit am Ende dann doch nicht standgehalten. Und dennoch, das ist mein Eindruck, ist unglaublich viel geschafft worden. Eine riesige gemeinsame Kraftanstrengung.

Inzwischen aber hat sich bei so vielen Leuten Wut und Frust angestaut. So viel Unzufriedenheit und auch Angst vor der Zukunft. Mir kommt das heute manchmal vor, als ob viele Menschen zwar den Horizont sehen, aber ängstlich dahin blicken. Vielleicht, weil sie Zweifel haben, ob es dahinter wirklich weitergeht oder eher das Ende der Welt lauert. Manches kann ich sogar verstehen. Weil ich hin und wieder auch dieses Gefühl habe, dass die vielen Krisen mich überfordern und ohnmächtig machen. Weil die Welt so unübersichtlich geworden ist, wie nie zuvor und ich selbst kaum noch mitkomme. Und weil die Zuversicht, die mal da war, dass es immer weiter aufwärts geht, ziemlich brüchig geworden ist.

Mir hilft da manchmal ein Blick auf meine Töchter. Die sehen wie viele junge Leute in ihrem Alter ziemlich deutlich, was los ist. Ihnen ist auch klar, dass es so nicht mehr weitergeht und dass sich was ändern muss. In der Art etwa, wie sie in Zukunft leben und arbeiten werden. Sie wissen auch, dass Wohlstand, Frieden und Freiheit keine Selbstläufer mehr sind. Und dass es jetzt an ihnen liegt, etwas dafür zu tun. Aber sie motzen und jammern nicht, sondern packen an. Mit der festen Zuversicht, dass es hinterm Horizont weitergeht. Irgendwie. Sicher anders als bisher. Aber weiter.

Übermäßig fromm ist keine und keiner der jungen Leute, die ich kenne. Auch meine Töchter nicht. Aber als Christ kann ich trotzdem von ihnen lernen, was es heißt, aus dem Geist der Bibel zu leben. Aus dem Geist der Hoffnung, dass es eine gute Zukunft geben kann, auch wenn ich sie noch nicht kenne. Und dass es sich immer lohnt, mich für diese Zukunft zu engagieren. Auch hier und jetzt. Mit dem, was mir möglich ist. Und dann markiert der Horizont auch nicht mehr das Ende der Welt, sondern jene Linie, an der die Erde den Himmel berührt.

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08JUN2023
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Die letzte Erzählung, die Franz Kafka zu seinen Lebzeiten veröffentlicht hat, heißt „Ein Hungerkünstler“. Am heutigen Fronleichnamstag kommt mir diese Erzählung in den Sinn. Weil sie uns etwas über den Hunger der Menschen auf das Leben erzählt. Und der spielt an Fronleichnam eine große Rolle. Dieser Hungerkünstler ist eine seltsame Gestalt. Auf Jahrmärkten hat er große Auftritte gehabt und große Zeiten erlebt. Die sind jetzt vorbei. Mit dem Hunger leben zu können, ist uninteressant geworden. Der Wohlstand ist ausgebrochen, die Massen rennen im Zirkus achtlos am Hungerkünstler vorbei. Der Mann mit seiner Kunst, den Hunger wachzuhalten, wird vergessen. Man entdeckt ihn eines Tages zufällig beim Aufräumen in seinem Hungerkäfig. Er hungert noch immer – und die Leute denken, er will sich nur interessant machen. Erst im Gespräch mit dem Aufseher kommt heraus, was hinter seiner eigentümlichen Kunst zu verzichten steckt: Nichts von Geltungssucht, nichts von Wichtigtuerei! Er hat gar keine andere Wahl: “Ich kann nicht anders!”, sagt der Hungerkünstler, „weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie Du und alle.“

Die Geschichte endet mit einem offenen Schluss. Es wird nicht gesagt, nach welcher Speise dieser Mensch hungert. Offensichtlich konnte er nicht finden, was er die ganze Zeit gesucht hatte. Sicher ging es ihm nicht nur um dieses oder jenes Brot oder nur um leibliche Nahrung. Sein Hunger scheint grundsätzlicher zu sein. Er bräuchte nicht nur etwas zwischen die Zähne und für den Magen. Er bräuchte Nahrung für seine Seele.

Wie alle übrigen Menschen lebt auch er nicht vom Brot allein. Er will anerkannt werden, respektiert sein und in dem, was er ist, wertgeschätzt werden. Ich glaube dieses Verlangen, dieser Hunger lebt in jedem Menschen. Jeder von uns kennt ihn.

“Hunger auf Leben“ habe ich einmal auf einem geschickten Werbeplakat einer Bäckerei gelesen. Hunger auf Leben ist mehr als Hunger auf Brot. Ich frage mich: In welcher Bäckerei sollte ich diesen Hunger auf Leben stillen können?

Es geht heute um ein kleines Stück Brot, das für die katholischen Gemeinden im Mittelpunkt steht. Sie glauben, dass in der Hostie, in diesem kleinen Brot, Jesus Christus bei ihnen da ist. Sie feiern deswegen ein buntes und fröhliches Fest. Gottesdienste und feierliche Prozessionen finden im Freien, in aller Öffentlichkeit statt. Menschen gehen buchstäblich auf die Straße, um vor aller Welt zu zeigen, was für sie das Wichtigste ihres Glaubens ist: Ein kleines Stück Brot. Sie nennen es Brot des Lebens und schauen ehrfürchtig auf die Monstranz, in deren Mitte das Brot aufbewahrt wird und für die Menschen sichtbar bleibt.

Fronleichnam ist ein traditionsreiches Fest. Die Augen bekommen viel zu sehen und manch einer mag fasziniert sein, andere wieder abgestoßen von einem scheinbar fremden Spektakel. Aber mit den Augen sieht man eben das Entscheidende nicht. Das kleine Brot hinter der Scheibe ist nicht alles. Viel wichtiger und zentraler ist, was dieses Brot beinhaltet und was es bedeutet. Es erinnert an das Abschiedsmahl Jesu vor seinem Tod. Damals nahm er Brot in seine Hände, segnete es, brach es, gab es seinen Jüngern mit den Worten: nehmt und esst das ist mein Leib. Damit hat er den Jüngern gezeigt, wie er sein Leben verstanden hat: Das bin ich für euch: ein Mensch, der sich für andere austeilt wie Brot, einer der sogar sein Leben für andere hingibt.

Jesus verteilt mehr als einen Bissen Brot. Er teilt mit den anderen sein Vertrauen in Gott, seine Liebe zu jedem, ohne Wenn und Aber, und er teilt mit ihnen seine große Hoffnung. Seine Hoffnung, dass teilen nicht ärmer macht, sondern unsere Welt zum Besseren verändert.

Das alles steckt in dem kleinen Brot in der Monstranz. Hier verkörpert sich das ganze Leben Jesu. Er hält den Hunger nach einem guten und gerechten Leben wach und setzt sein eigenes Leben ein und weiß wie kein anderer, was die Menschen brauchen: Natürlich das tägliche Brot aber auch die Nahrung für ihre Seele. Den Abgeschriebenen und Ausgestoßenen sagt er, dass sie bei Gott dazugehören. Den Ungeliebten und Unerwünschten zeigt er, wie willkommen sie sind und die Gescheiterten spüren, dass sie keine hoffnungslosen Fälle sind. Er kennt den vielfachen Hunger auf Leben und gibt jedem Menschen das richtige Brot. Wer nach einem erfüllten und guten Leben hungert, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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29MAI2023
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San Gimignano ist eine Kleinstadt in der Toskana. Der Ort wird auch „Mittelalterliches Manhattan“ oder die „Stadt der Türme“ genannt. Denn San Gimignano besitzt noch einige der mittelalterlichen Türme, die in anderen Städten nur als Stümpfe erhalten blieben. Im Mittelalter versuchten die reichen Familien dort, sich in der Höhe ihres Turmes zu übertreffen, obwohl ein luxuriöses Leben darin nicht möglich war. Hauptsache hoch hinaus. Das war alleiniges Ziel der Bewohner dieser Stadt.

Auch die Bibel kennt eine Geschichte vom Größenwahn der Menschen. Zum Pfingstfest wird sie in den Gottesdiensten vorgelesen. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel.

Dieser Turm steht für alle großspurigen und maßlosen Projekte. Für die Anmaßung von Menschen sich zum Gott aufzuspielen. Die Wahnsinnigen sprechen das sogar offen aus:

 

Auf, bauen wir uns eine Stadtund einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.

 

Das eint die babylonischen Turmbauer. Von ihrem monumentalen Werk erwarten sie sich Macht und Ruhm. Einen Namen wollen sie sich machen und sich selbst wichtigmachen. Vor Gott und den angrenzenden Völkern. Die gemeinsamen Ziele sind bis heute bei solchen Vorhaben klar: Immer größer. Immer höher hinaus. Koste es was es wolle. Zur Not auch über Leichen. Auf Teufel komm raus. Doch Größenwahn treibt in den Wahnsinn. Alles eigenmächtig selbst in die Hand zu nehmen und machen zu wollen geht auf Dauer nicht gut. Immer höher müssen die Türme gebaut werden, um im Wettbewerb zu bestehen.

Gott so erzählt die Bibel sieht nicht tatenlos zu und zerstört die eitlen Pläne der Himmelsstürmer. Um Schlimmeres zu verhindern, steigt er hinab und macht aus der einen gemeinsamen Sprache der eitlen Turmbauer eine verwirrende Sprachenvielfalt. Das Turmbauunternehmen der Bibel platzt.

So ist es doch immer, wenn Menschen maßlos und überheblich werden. Sich zu Göttern machen. Am Ende steht nur selten der Friede, sondern Streit. Konfrontation und Krieg.

Die Erzählung vom Turmbau ist Symbol für die Hybris der Menschen, die meinen, aus eigener Kraft den Himmel berühren zu können. Immer im Wahn sich selbst größer machen zu müssen. Bis heute erzählt die Geschichte von solchen Projekten. Im Großen wie im Kleinen. In der Weltpolitik, zwischen Gartenzäunen und in den eigenen vier Wänden. Wo Menschen sich nicht mehr verstehen, aneinander vorbeireden und Kontakte abbrechen, dort hat Babel gesiegt. Muss das so weitergehen? Gibt es Alternativen? Wege heraus aus der babylonischen Selbstzerstörung und Sprachenverwirrung.

 

 

Die Pfingstgeschichte ist eine Gegengeschichte zu Babylon. Denn in Jerusalem sitzen, nach dem Trauma der Kreuzigung, Jesu Freundinnen und Freunde verängstigt hinter verschlossenen Türen und Fenstern beisammen. Ihr Haus ist kein Turm. Perspektiven wie die eitlen Turmbauer Babylons haben sie sowieso nicht. Denn alles, was mit ihrem Freund Jesus so verheißungsvoll begann, scheint für sie am Ende zu sein. Kraftlos und wie gelähmt sind sie. Buchstäblich die Sprache hat es ihnen verschlagen. Doch am Pfingsttag geschieht für sie das Unerwartete. Die Gegengeschichte zum Turmbau nimmt ihren Lauf. Niemand von ihnen hat damit gerechnet. Denn während sich in Babylon die Menschen selbst zu Gott machen wollen und alles für machbar halten, setzen sie in der Pfingstgeschichte all ihre Hoffnung nur noch auf Gott. Sie bauen keine Himmelstürme, um nach den Sternen greifen zu können und gebärden sich nicht wie Herrgötter. Sie sind bereit zu empfangen, was sie nicht machen können. Menschen eben, die noch mehr erwarten als ihre selbstgemachten Turmbauprojekte. Mehr als sich selbst. Mit Gott rechnen sie noch. Seinem Geschenk aus dem Himmel. Gottes heiligen Geist.

 

Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich auf jeden und jede von ihnen verteilten.

 

So erzählt es der Evangelist Lukas. Wie verwandelt beginnen die Verängstigten auf allen Plätzen der Stadt zu predigen. Wundersamerweise so, dass jeder Mensch in der bunt durcheinander gewürfelten multikulturellen Menge sie in seiner eigenen Sprache sprechen hört und verstehen kann. Ein neuer Geist weht durch die Stadt. Kein Geist der Spaltung, der Zerstreuung und Gegnerschaft. Da sind Menschen, die zulassen, dass der Himmel auf die Erde kommt und Gott im Menschen wohnen kann.

Pfingsten und Babylon. Das Pfingstwunder heilt die babylonische Sprachenverwirrung. Nicht in dem es die babylonische Vielsprachigkeit zurücknimmt. Sondern sie versöhnt mit sich selbst. Es erinnert uns daran, dass eine Botschaft verstanden wird, wenn ich sie in der Sprache derjenigen spreche, von denen ich verstanden werden möchte. Überall dort wird Pfingsten gelebt, wo Menschen in ihrer Vielfalt solidarisch zusammenstehen. Überall dort wo Menschen keine Türme bauen, um sich voreinander zu beweisen. Überall dort, wo Gott Raum gegeben wird.

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01MAI2023
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Arbeit ist das halbe Leben, sagt ein Sprichwort. Das könnte sogar hinkommen, ungefähr jedenfalls. Immerhin wird ein nicht unerheblicher Teil von uns am Lebensende auf 35 bis 45 Berufsjahre zurückblicken können. Grob gerechnet also wirklich auf ein halbes Menschenleben. Arbeiten, das gehört für die allermeisten von uns zum Leben einfach dazu. Mehr noch, ein Leben ohne Arbeit, das war über Jahrtausende hinweg für die ganz große Mehrheit der Menschen schlicht nicht vorstellbar. Leben bedeutete praktisch Arbeiten. Oft von Kindesbeinen an bis ins Alter. In einem Psalm in der Bibel klingt das so: „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer.“ (Ps 90) Und ein anderer Psalm, der den Tagesanfang besingt, meint: „Nun geht der Mensch hinaus an sein Tagwerk, an seine Arbeit bis zum Abend.“ (Ps 104) Arbeit ist nötig zum Lebensunterhalt und war doch immer auch mehr als das. Die Arbeit gibt meinem Leben eine Struktur. Sie sorgt für soziale Kontakte, für Begegnungen. Für den Austausch von Gedanken, mit meinen Mitarbeiterinnen im Büro und auch mit den Kollegen an entfernten Orten. Meine Arbeit weitet also auch meinen Horizont, gibt mir neue Impulse. Das habe ich ganz stark in der Zeit des Lockdowns erlebt, als die Büros geschlossen und Heimarbeit angesagt war. Ich habe es damals genossen, wenn ich hin und wieder trotzdem ins Büro fahren, Kollegen begegnen, mich austauschen konnte. In sicherem Abstand zwar, aber immerhin. Und nicht zuletzt: Arbeit verschafft Ansehen, verleiht mir einen Stand in der Gesellschaft. Nicht umsonst lautet eine oft gestellte Frage, wenn sich Menschen begegnen, die sich vorher nicht gekannt haben: „Und, was machst du so beruflich?“ Selbst die Bibel stellt uns Jesus als Sohn des Zimmermanns vor. Das beschreibt nicht nur den Beruf, den er selbst wohl erlernt hat, sondern auch seinen Status im Ort. Menschen, die ich kennenlernen durfte, haben mir manchmal mit einem gewissen Stolz erzählt, dass sie etwa beim Chemieriesen BASF waren, oder in Stuttgart eben „beim Daimler“. Ihre Arbeit war für sie mehr als nur ein Einkommen.

Auch darum ist es so dramatisch, wenn Jobs einfach gestrichen werden, Menschen ihre Arbeit verlieren. Weil es für die Betroffenen eben nicht nur ein finanzielles Problem ist. Weil Arbeit etwas ist, das den ganzen Menschen betrifft, seine Familie und manchmal sogar das Dorf oder den Stadtteil. Für Menschen, die betroffen sind, gerät da manchmal das Leben aus den Fugen. Vor allem in Ostdeutschland haben Viele das traumatisch erfahren müssen und darum ist so manches Vorurteil über die „Ossis“, wie wir die Ostdeutschen manchmal hier nennen, auch nicht fair. Weil Arbeit tatsächlich immer mehr war und mehr ist als bloßer Gelderwerb. Viel mehr eben als ein halbes Leben.

Natürlich ist der Tag der Arbeit, den es seit über 100 Jahren gibt, kein kirchlicher Feiertag. Aber den sozialistischen Bewegungen, die ihn damals ins Leben gerufen haben, wollte die Kirche den Tag wohl nicht allein überlassen. So hat sie der Arbeit und allen arbeitenden Menschen gewissermaßen eine Art Denkmal gesetzt. Spät zwar, aber immerhin. In der Person des Josef, dem Vater von Jesus. Der Tag der Arbeit ist ihm gewidmet: Josef, dem Arbeiter. Auch, wenn das so nicht ganz stimmt, denn Josef war kein Arbeiter im heutigen Sinne. Er war Zimmermann, Handwerker also. Damals wohl so etwas wie ein Baumeister, der auch ganze Häuser errichtet hat. Viel mehr wissen wir eigentlich nicht von ihm. Im Wesentlichen noch, dass er der Mann der Maria war, die von der Kirche als „Mutter Gottes“ jedoch viel inniger verehrt wird als er. Doch er war es, der nach den biblischen Erzählungen stillschweigend akzeptiert hat, dass seine Verlobte Maria schwanger war – wenn auch nicht von ihm. Er war es, der dennoch zu ihr gehalten und die kleine Familie schließlich vor Verfolgung bewahrt hat. Danach aber verschwindet Josef aus der Bibel und wird auch später nirgends mehr erwähnt. Nur einmal im Jahr, da begegnet er uns noch. In den Weihnachtskrippen. Da steht er dann versonnen und still an der Futterkrippe mit dem Kind. Was aus ihm geworden ist, davon wissen wir nichts. Was von ihm aber bleibt, ist das Bild des ehrlichen, bescheidenen Menschen, der Tag für Tag gewissenhaft seiner Arbeit nachgeht. Einer, der nicht im Vordergrund steht, der kein Aufheben macht um seine Person. Der vielmehr tut, was getan werden muss. Und der so mit seiner Arbeit verlässlich dazu beiträgt, dass der sprichwörtliche Laden „am Laufen bleibt“. Er steht damit für so viele. Für all die Menschen, die auch nie im Rampenlicht stehen. Die einfach verlässlich ihre Arbeit machen und ohne die eine Gesellschaft wie unsere nicht funktionieren würde.

Vielleicht müssen wir heute aber noch weiter schauen. Denn die schlimmsten Schieflagen finden sich ja kaum mehr in den Bereichen, die gerade bestreikt wurden. Sie liegen oft im Verborgenen. In prekären Arbeitsverhältnissen. Bei Liefer- oder Sicherheitsdiensten. Bei billigen Leiharbeitern aus Osteuropa, die manchmal unter erbärmlichen Bedingungen schuften. Sie liegen bei Landwirten, die unsere Nahrung erzeugen und oft nur Dumpingpreise dafür erhalten. In undurchsichtigen Lieferketten rund um den Globus, die im schlimmsten Fall auch Ausbeutung und Kinderarbeit einschließen. Oft waren und sind es die Kirchen und ihre Hilfswerke, die diese Fälle sichtbar machen. Die den Finger in die Wunde legen und so daran erinnern, dass jede menschliche Arbeit wertvoll ist. Überall auf der Welt.

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10APR2023
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Ich mache mich gerne mal auf den Weg. Vor allem, wenn ich nicht weiterkomme mit etwas. Eine Entscheidung treffen muss. Mir eine Begegnung, ein Wort, ein anderer Mensch durch den Kopf geht. Wenn ich traurig bin. Dann schwinge ich mich aufs Fahrrad. Gehe eine Runde spazieren. Da lösen sich manche Gedankenknoten. Ist auch wissenschaftlich erwiesen. Bewegung sorgt für einen fitten Körper und ein fittes Gehirn. So können sich Schritt für Schritt Probleme lösen. Lassen sich Blockaden überwinden. Kann ich klarer sehen, was ich als Nächstes tun will.

Der Ostermontag ist ein guter Tag, um sich auf den Weg zu machen. Viele tun das, weil sie spüren: Ein paar Schritte, die wirken Wunder. Als Verdauungsspaziergang. Aber auch, weil im Gehen vieles leichter fällt. Wir treffen uns zum Beispiel alle bei meinem Schwiegervater, frühstücken ausgiebig und gehen dann los. Auf so einem Spaziergang kann ich mal mit dem, mal mit der reden, mal nur auf den Weg achten, dann wieder fragen: Wie geht’s? und: Was machst du? Ganz zwanglos. Schritt für Schritt.

Für mich hat so ein Auf-dem-Weg-sein viel mit meinem Glauben zu tun. Im Grunde genommen ist der christliche Glaube ein Wegglaube. Das knüpft an jüdische Wurzeln an. Gott, so erzählen es die Schöpfungsgeschichten, macht die Welt und alles was ist – und schon geht’s los. Adam und Eva verlassen das Paradies, Noah baut sich ein Schiff und fährt der Flut davon, Abraham wandert mit seinem Sohn zu einem heiligen Berg, die Juden fliehen aus Ägypten und ziehen jahrelang durch die Wüste. Alles Geschichten vom Aufbruch, vom Weg, vom Unterwegs-Sein. Und in den Jesus-Geschichten ist das nicht anders. Jesus ist ein Wanderprediger, ist mal hier, mal dort, geht auf einen Berg, fährt mit dem Schiff, wandert schließlich nach Jerusalem.

Und auch Ostern erzählt vom Weg. Von einem Menschen, der den Weg vom Tod ins Leben findet. Von einem Menschen, der andere bewegt. Der sie zum Aufbrechen bringt. Da wandern zwei der Freunde Jesu nach Emmaus. Und auf ihrem Weg verändert sich etwas. Finden sie neues Leben.

Der Osterglaube erzählt davon, dass sich auf dem Weg was tut. Dass Menschen da das Leben spüren, Schritt für Schritt. Auferstehung erfahren, ganz praktisch.

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Von Aufbruch und Auf-dem-Weg-Sein erzählt eine biblische Geschichte. Sie handelt von zwei Männern. Jesus hatte sie fasziniert. Hat den richtigen Ton getroffen. Seine Botschaft vom Leben hat sie angezogen. Seine Botschaft, dass jeder Mensch wichtig ist und geliebt wird. Ganz egal, wer man ist, was man kann, wen man liebt, was man besitzt.

Aber jetzt ist dieser Jesu tot. Mit ihm wurde kurzer Prozess gemacht. Sein Leben ausgelöscht. Die beiden Männer machen sich auf. Traurig und enttäuscht. Gehen in ihr Heimatdorf zurück: Emmaus heißt es.

Ich stelle mir vor, dass das alles andere als leicht ist. Was sagen die Leute, wenn sie mit leeren Händen zurückkommen? Wenn sie zugeben müssen, dass sie sich getäuscht haben? Dass ihre Hoffnungen gescheitert sind?

Aber dann passiert etwas. Auf dem Weg. Sie bekommen Gesellschaft. Jemand geht mit ihnen, der sie versteht. Der ihnen den Weg leicht werden lässt. Die beiden Männer reden sich alles von der Seele. Ihre Trauer, dass ein geliebter Mensch getötet wurde. Ihre Enttäuschung, dass sich die Welt nicht verändert hat. Ihre Sorge um eine ungewisse Zukunft.

Der Mann, der sich zu ihnen gesellt, der hat eine seltene Gabe. Er kann zuhören. Stellt Fragen, die das Denken in Gang bringen – in andere Richtungen lenken. So wie jeder einzelne Schritt auf einem Weg neuen Boden unter den Füßen spüren lässt, so entdecken die beiden plötzlich andere Seiten an ihren Erfahrungen. Sie können ihr Leben neu deuten.

Die beiden Männer erleben eine kleine Auferstehung. In ihr erstarrtes Leben kommt wieder Bewegung. Auf dem Weg brechen sie aus ihrer Trauer, ihrer Enttäuschung aus.

Die Geschichte der beiden Männer auf ihrem Weg nach Emmaus ist also selbst eine Auferstehungsgeschichte. Sie macht klar, dass Menschen, die sich aufmachen, neue Perspektiven gewinnen können. Dass sie ihr Leben, ihre Träume und Wünsche, ja sogar ihre Trauer und den Tod anders und neu deuten können. Auf dem Weg finden sie neue Einsichten. Sie gehen in eine neue Zukunft. Einen neuen Morgen, einen neuen Tag. Auf dem Weg, da erschließt sich ihnen: Der Tod ist nicht endgültig, das Leben geht weiter.

 

Zum Evangelium am Ostermontag

Lk 24,13-35

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26DEZ2022
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Ich wünsche Ihnen fröhliche und gesegnete Weihnachten!

Und ich wünsche Ihnen heute, am zweiten Weihnachtsfeiertag Zufriedenheit. Nicht einfach Zufriedenheit darüber, wie das Weihnachtsfest gelaufen ist. Nein, ich meine das weihnachtliche Gefühl von innerem Frieden. Etwas Ruhe für die Seele.

Heute geht es in vielen Familien ja eher turbulent zu: Entweder die Kinder kommen mit den Enkeln, oder man setzt sich selbst ins Auto und geht auf Besuchsreise. Viele Menschen sind aber auch allein zu Hause – und das kann schwer sein, gerade an Weihnachten. Zu ihnen zu Besuch kommen höchstens Erinnerungen - an Früher. An Menschen, die man schmerzlich vermisst. Oder mit denen man sich gerne noch einmal ausgesprochen hätte – vielleicht wegen eines alten Streits oder einfach nur, um wieder einmal zu reden. Mir selbst fallen unterm Weihnachtsbaum manchmal meine Freunde aus Studientagen ein. Und ich frage mich, warum wir den Kontakt haben abreißen lassen. Das ist so schade.

Wenn mir solche Gedanken kommen, versuche ich, Frieden zu machen mit mir selbst. Ja: schade, dass wir den Kontakt verloren haben. Und trotzdem schön, dass ich als Studentin so gute Freunde gehabt habe. Was für ein Glück. Wir haben es so gut oder so schlecht gemacht, wie es uns eben möglich war. Wir können zufrieden sein.

So ist das mit vielen Dingen: Manches vermisse oder bedaure ich und denke gleichzeitig gerne daran zurück. Nur bei der Erinnerung an schlimmen Streit, bei dem etwas in die Brüche gegangen ist, und ich es nicht wieder flicken kann – da komme ich an meine Grenzen. Ich würde gerne etwas tun, um Frieden zu schließen, mit mir selbst und mit allen, die dabei gewesen sind. Aber ich kann es nicht.

In der Weihnachtsgeschichte singen die Engel vom Frieden, als Jesus geboren ist und als winziges Kind in der Krippe liegt. Frieden auf Erden. Und Frieden auch für mich und für meine Seele.

Wenn etwas kaputt gegangen ist in meinem Leben, dann stehe ich nicht alleine vor dem Scherbenhaufen. Ich werfe die Bruchstücke nicht einfach weg. Sondern ich gebe sie dem Kind in der Krippe. Was daraus werden wird? Da bin ich nicht sicher. Ich weiß, dass an Weihnachten nicht alles auf einen Schlag wieder gut ist: jeder Streit vergessen, und jede Traurigkeit verflogen ist. Ich kann dem Kind nur vertrauen, von dem die Engel singen, dass es Frieden bringen wird auf Erden. Und Frieden auch für mich und meine Seele.

Und nicht nur für mich, sondern für alle Menschen. Und nicht nur heute, sondern immer schon – solange die Erde steht. Das Gotteskind hat uns Menschen schon immer begleitet. Davon erzählet auch eine Bibelstelle, die heute in vielen Weihnachtsgottesdiensten zu hören sein wird. Es ist eine lange Liste von Namen: der Stammbaum mit allen Vorfahren von Jesus: Von Abraham bis zum großen König David, und von David durch die Geschichte der Bibel hindurch bis Joseph, dem Ehemann von Maria, die Jesus auf die Welt gebracht hat.

Wozu diese Aufzählung fragt man sich vielleicht. Ich denke, weil sie sichtbar macht, dass Gott das schon immer so geplant hat. Lange bevor es wirklich so weit war hat Gott beschlossen, seinen Sohn auf die Welt zu schicken. Und lange, bevor Jesus wirklich geboren worden ist, wollte Gott Frieden auf Erden für alle Menschen: Egal wann oder wo sie leben.

Gott will Frieden – immer schon. Und er schickt sein Kind zu uns – immer schon. Damit es die Scherben meines Lebens aufsammeln kann, und auch die Scherben der Menschen, die vor mir gelebt habe. Weil er da sein will in allen Krisen, die Welt geplagt haben. Und auch da sein wird bei allen Krisen, in denen wir gerade stecken.

Gott will Frieden. Auch Frieden für mich und meine Seele. Und wenn da Scherben liegen auf meiner Seele, Bruchstücke, Bedauern oder Traurigkeit – dann nimmt das Kind in der Krippe das in seine Hände. Da sind sie, denke ich, gut aufgehoben. Damit kann ich zufrieden sein

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01NOV2022
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Über eine Million Mal ist er verkauft worden: Martin Luther – als Playmobil-Figur. Martin Luther im Plastik-Talar und mit Feder und Bibel in der Hand. Keiner kann da mithalten. Keine Playmobilfigur wurde je so oft verkauft.

„Darf man das?“ haben manche seinerzeit gefragt: Den großen Reformator als kleine Spielfigur vermarkten und ein Spielzeug aus ihm machen? Ich denke:  Dem Ernst tut’s keinen Abbruch. Und Humor schadet sowieso nicht. Auch nicht in der Kirche.

Der berühmteste Satz von Martin Luther hat es sogar auf Socken geschafft: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Das ganze Selbstbewusstsein des protestantisch-trotzigen Reformators liegt in diesem Satz. Mit ihm wurde Martin Luther für die einen zum Mythos, für die anderen zum evangelischen Heiligen. Das kam so:

Vor 501 Jahren ist Martin Luther nach Worms zum Reichstag zitiert worden. Dort wurde er kurz und knapp zu seinen Schriften befragt. Luther hatte darin dem Papst widersprochen. Das war damals ungeheuerlich! Und es war gefährlich! Luther wusste, dass er dafür vor Gericht landen konnte, aber er konnte und wollte sie nicht widerrufen. Er war davon überzeugt: Der Mensch ist vor Gott uneingeschränkt wertvoll. Und Christenmenschen können und sollen das, was sie in der Kirche erleben, kritisch an der Bibel prüfen. Selbst wenn es Worte des Papstes sind. Daran hat Martin Luther unverrückbar festgehalten.

Martin Luther vor dem Kaiser und seinen Leuten in Worms. Das ist eine legendäre Szene aus seinem Leben. Unzählige Kunstwerke zeigen sie.  Mit ihr verbindet sich vieles, was engagierte Christenmenschen sich auf die Fahnen geschrieben haben – von bürgerbewegten Protestanten bis zu aufrechten Verfechterinnen von Maria 2.0: Zivilcourage und Geradlinigkeit. Und der lautstarke Einsatz dafür, dass die Kirchen sich immer wieder reformieren müssen. Martin Luther ist zu einem Vorbild für authentisches und standhaftes Eintreten für eigene Überzeugungen geworden, eben für jene Sturheit, die mehr mit Beharrlichkeit als mit Bockigkeit zu tun hat.

Martin Luther selbst muss sehr stolz auf seine Standhaftigkeit gewesen sein. Sein Leben lang hat er immer wieder über die Szene in Worms erzählt.

Und wie das so ist mit den Geschichten, die wir aus unserem Leben erzählen – sie wurde immer größer, er wurde immer standhafter und der Satz am Ende des Verhörs immer donnernder. Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.

Die Geschichten, die Menschen aus ihrer Erinnerung erzählen, verändern sich mit der Zeit. Das Erlebte wird intensiver, schöner und dramatischer. Das war auch beim Reformator Martin Luther nicht anders. Im Laufe der Zeit verändert sich der Blick auf das, was ich erlebt habe. Die Geschichten meines Lebens verändern sich. Aus der harmlosen Episode am Rand des Schullandheims wird eine atemberaubende Mutprobe. Die Zufallsbegegnung mit weitreichenden Folgen wird zur großartigen Liebesgeschichte. Die Geschichten verändern sich, weil sich meine Sicht darauf verändert. Meist zeigt sich ja erst im Nachhinein, welche Momente im Leben Schlüsselmomente waren.

Das war bei Martin Luther nicht anders. Je älter er wurde, desto bedeutsamer kam ihm sein Auftritt beim Wormser Reichstag vor.

Dabei war der Luther der Tage in Worms nicht so sehr das unerschütterliche Mannsbild, sondern eher das mit sich und Gott ringende Mönchlein, das unter Magen- und Verdauungsbeschwerden litt.“

In unserer Erinnerung wird eben vieles größer. Manchmal wird es auch einfacher. Ich glaube, dass wir in diesen Tagen die Bereitschaft zum zweiten Blick brauchen. Wir brauchen den Mut, genauer hinzusehen und der Versuchung zu widerstehen, auf komplexe Fragen einfache Antworten zu geben. Es wäre so viel einfacher, wenn es Menschen gäbe, die sich dem Bösen unerschütterlich entgegenstellen. Mutige Kraftprotze, die wir dann zu Helden und Heiligen erklären. Aber Martin Luther ist für mich kein Heiliger, schon gar nicht ist er unerschütterlich.

Erst 300 Jahre nach dem Ereignis in Worms wurde Martin Luther zum unerschütterlichen Mannsbild. Da wurde nämlich die Bronzestatue von Johann Gottfried Schadow geschaffen und auf den Marktplatz in Wittenberg gestellt. Sie ist das Vorbild der millionenfach verkauften Playmobilfigur. Aber heilig ist Martin Luther nicht.

Heilig sind für mich die Erschütterten und die Ringenden, die Zweifelnden und die Sehnenden, die, die an der Hoffnung trotz allem festhalten, die Verletzlichen und die Verletzten. Sie alle tragen an sich etwas von Gottes Glanz und von seiner Heiligkeit. So sind sie alle Heilige. Heute und an allen anderen Tagen des Jahres.

Ich wünsche Ihnen einen glänzenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

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