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08MRZ2026
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Elisabeth Knaus Copyright: privat

Caroline Haro-Gnändinger trifft: Elisabeth Knaus.

Sie engagiert sich ehrenamtlich bei einem Kinder- und Jugendhospizdienst im Landkreis Heilbronn. Wir treffen uns im Theater Heilbronn und schauen uns das Stück „Schlafen Fische?“ an. Das ist ein Stück über ein Kind, über Jette, und ihren schwerkranken kleinen Bruder Emil. Elisabeth Knaus ist dabei, wenn sich Schulklassen das gemeinsam anschauen und sich zu Trauer austauschen:

Ich finde total berührend, wie die Schauspielerin alle Themen die uns so in unserer Begleitung immer wieder begegnen, wie gut sie sie ausdrücken kann.

Auch mir wird beim Zuschauen klar, was so eine schwere Situation mit einer Familie machen kann – zum Beispiel ist die kleine Jette auch mal sauer, weil sie findet, dass ihre Mutter mehr Zeit mit Emil als mit ihr verbringt. Elisabeth Knaus hat im echten Leben so eine Familie begleitet - der große Bruder hatte Krebs und der kleine Bruder sollte nicht zu kurz kommen:

Das Geschwisterkind hatte sehr viel Auslauf gebraucht, die haben in einer engen Wohnung gelebt, da war einfach angesagt: mit Ball auf den Spielplatz und draußen rumtoben. Da war einfach: Für das Geschwisterkind eine gute Zeit zu schaffen und die Eltern zu bestärken und zu unterstützen.

Sie unterstützt die Familien mal für ein paar Monate, mal für ein paar Jahre. Bis sie selbst wieder besser allein zurechtkommen. Sie macht das über den Kinder- und Jugendhospizdienst der Malteser – und geht dabei zu den Familien nach Hause. Gerade begleitet sie einen Jungen, schon sieben Jahre lang.

Zum Beginn konnte das Kind selbstständig schlucken, es ist eine degenerative Muskelerkrankung, das heißt alle Fähigkeiten der Muskeln lassen nach. Und inzwischen ist es einfach so, dass er sich selbst nicht mehr drehen, bewegen kann, dass er mit Sonde versorgt ist, mit ab und zu Sauerstoff.

Seine Eltern kümmern sich um ihn und ein Pflegedienst kommt vorbei. Elisabeth Knaus als Ehrenamtliche will vor allem Zeit schenken – dem Jungen tut Musik sehr gut:

Er liebt Töne, und das hat er von Anfang an geliebt. Ich habe für ihn, Musik gemacht. Reime, Lieder, Kinderlieder. Und inzwischen habe ich jetzt eine gute Möglichkeit gefunden, mit einem Monochord. Das ist ein Saiteninstrument, des Schwingungen hat und diese Schwingungen können sich auf den Körper übertragen. Das liebt er, da wird er ganz ruhig und entspannt.

Es ist praktisch, dass Elisabeth Knaus als Erzieherin und Heilpädagogin gearbeitet hat. Inzwischen ist sie in Ruhestand. Sie macht das, weil das Ehrenamt sie bereichert – und gleichzeitig ist es schwierig, manche Situationen sind belastend.  

Ich treffe Elisabeth Knaus aus Mainhardt im Kreis Schwäbisch Hall. Sie engagiert sich für Kinder und für Jugendliche, wenn in deren Familien jemand eine schwere Krankheit hat, die manchmal sogar zu einem frühen Tod führen kann. Einmal die Woche geht sie normalerweise zu den Familien:

Für mich ist da ein ganz intensives Leben spürbar - es ist sehr viel Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit, über jede noch so kleine positive Veränderung oder jedes Mal, wo man es gemeinsam schafft, einen Besuch zu machen oder gemeinsam rauszugehen.

Und doch fragen sich Eltern auch: Warum unser Kind? In manchen Fällen stirbt das Kind. Dann begleitet sie die Familien auch in der Trauer.

Die Gefühle, die dann kommen im Moment des Abschieds, da drauf kann man sich, glaube ich, nicht gut vorbereiten, die kommen mit einer Wucht und gerade deshalb ist wichtig, dass dann jemand da ist, der weiß mit diesen Gefühlen umzugehen.

Sie begleitet auch junge Familien, in denen die Mutter oder der Vater gestorben ist. Spricht mit ihnen oder kocht mit ihnen. Und sie sagt, etwas machen zu können, kreativ, das tut oft gut:

Wir haben gemeinsam Erinnerungs-Schatzkisten gebastelt, da kamen Bilder rein, ich erinnere mich aber auch an eine andere Familie, da kam ein alter Strumpf vom Papa rein, oder ein Ohrring von der Mama.

Für Kinder da sein – wenn sie solche schweren Zeiten erleben – das macht Elisabeth Knaus seit inzwischen 17 Jahren. Sie hat selbst als Kind so etwas erlebt:

Der Tod begleitet mich tatsächlich schon lange, weil meine Mutter gestorben ist, als ich zwölf Jahre alt war.

Für sie, ihren Vater und ihre Schwestern war es schwierig damals. Sie erinnert sich an viel Sprachlosigkeit. Und an Menschen außerhalb der Familie, die ihr auch Halt gegeben haben:

Ein Klassenlehrer, der einfach für mich da war. Er hat mir einfach zugetraut, dass ich trotz diesem Verlust einen guten Weg weitergehen kann.

Und das möchte sie auch Kindern heute mitgeben. Sie erlebt mit den Familien schwere Tage, aber auch lustige und fröhliche. Elisabeth Knaus ist Christin und jetzt in der Vorbereitungszeit auf Ostern erkennt sie etwas wieder. In den Erzählungen der Bibel geht es um Erfahrungen, die sie von der Arbeit mit den Familien gut kennt:

Karfreitag, der Tag, an dem es ganz dunkel wird, an dem der Vorhang zerreißt, wo Jesus am Kreuz stirbt, und der Ostermorgen, wo ein helles Licht am Grab ist, das Grab leer ist, Jesus lebt, Jesus ist von den Toten auferstanden, das ganz Dunkle und dieses Leben. Das ist einfach was, was in den Begleitungen immer wieder spürbar ist.

Sie zieht auch aus diesem Glauben Kraft. Ich finde es wunderbar, wie sie für Kinder und deren Familien da ist.

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01MRZ2026
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Hannah Broß Foto: Eugen Niedenthal

Heute mit Martina Steinbrecher und Hannah Broß aus Achern-Fautenbach. Hannah ist in der 12ten und steckt gerade mitten in ihren Abi-Vorbereitungen. Zur Entspannung liest sie Fantasyromane oder übt sich im Bühnentanz. Und sie hat gerade den zweiten Preis im Wettbewerb „Christentum und Kultur“ gewonnen. Mit einer 40 Seiten starken Arbeit über die katholische Jugendkirche in Fautenbach. Der Preis wird jährlich von den evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg vergeben und richtet sich an Oberstufenschülerinnen. So hat auch Hannah davon erfahren:  Vor gut einem Jahr ist ihre Religionslehrerin mit einem Werbeflyer in die Klasse gekommen …

… mit der Übersicht, Themen und so weiter, und hat uns halt auch eben vorgestellt, dass man damit eine mündliche Prüfung ersetzen kann und dann hat mich das dann doch interessiert.“

Weil ihr auch sofort ein Thema eingefallen ist: Die Jugendkirche, die es seit 2017 in ihrem Heimatort gibt. Die will eine neue Verbindung zwischen Christentum und Jugendkultur schaffen. Angefangen hat alles mit dem Umbau der katholischen Dorfkirche:

… und seitdem gibt es dort eben keine festen Kirchenbänke mehr, sondern Stühle. Es gibt auch noch einen verschiebbaren Altar, der ganz neugestaltet wurde. Der steht jetzt auch in der Mitte des Gebäudes. Und dann natürlich auch diese moderne technische Ausstattung …

Das Besondere sind für Hannah aber nicht nur die coolen neuen Räume, sondern …

… das Team, das dazugehört. Also Jugendliche hier aus der Gegend zwischen 14 und 27 Jahren, die auch selbst diese Aktivitäten sich überlegen und die Veranstaltungen planen und dann auch gemeinsam durchführen. Und das ist eben das Besondere, dass das von Jugendlichen für Jugendliche geplant wird.  

Ein Pater, eine Pastoralreferentin und eine Gemeindepädagogin gehören zum hauptamtlichen Personal der Jugendkirche. Wenn sie zusammen mit den Jugendlichen planen und gestalten, fühlt sich auch der Gottesdienst gleich ganz anders an:

Also in so einem normalen Gottesdienst hat man vielleicht manchmal das Gefühl, man muss jetzt geradestehen und man soll lieber nicht reden und so weiter, aber das war da ganz anders. Also, es hat niemandem was ausgemacht, wenn man sich auch mal kurz mit dem Nachbarn unterhalten hat, oder es wurden vielleicht auch sogar Anlässe dafür geschaffen und eben auch Witze erzählt.

Der „Funfact“, meint Hannah, spielt in der Jugendkirche überhaupt eine große Rolle, also dass die Leute selber Lust haben auf das, was sie da veranstalten. So sind schon Spieleabende, Bälle, ein Pub-Quiz oder ein Sommerfest zustande gekommen. Alles übrigens kostenlos oder mit Essen und Getränken für wenig Geld.

Man will natürlich den Jugendlichen auch den Glauben näherbringen und auch das Erleben von Gott. Aber es geht eben auch um die Gemeinschaft, sich auch mit anderen Jugendlichen zu unterhalten, ins Gespräch zu kommen, vielleicht auch über Religion, aber auch nicht nur.

Für ihren Wettbewerbs-Beitrag über die Jugendkirche hat Hannah einige Veranstaltungen besucht und zahlreiche Interviews geführt. Sie hat aber auch kirchliche Konzeptpapiere gelesen, Statistiken ausgewertet und sich mit theologischen Fragen beschäftigt. Eine dieser Fragen ist zum Titelthema ihrer Arbeit geworden: „Heißt ‚zum Glauben finden‘ ‚zur Vernunft kommen‘?“ Die Abiturientin aus Achern hat in einer preisgekrönten Arbeit „kirchliche Jugendarbeit im Spannungsfeld von Denkanstößen und starken Gefühlen“ untersucht. Ich habe sie gefragt, wo sie sich da selber sieht. Sie zögert ein bisschen:

Wahrscheinlich würde ich sagen, ich bin eher der rationalere Typ. Ja, weil es natürlich eben doch wichtig ist, auch vernünftig zu denken.

Das steht aber für sie nicht im Gegensatz zu emotionalen Momenten oder religiösen Gefühlen. In der Jugendkirche findet sie beides in einer guten Mischung. Christlicher Glaube und jugendliche Lebenswelten treffen sich. Und was prägt jetzt die Lebenswelt von jungen Leuten?

Natürlich Schule auch, weil man da doch sehr viel Zeit verbringt. Social Media, würde ich auch sagen, weil das auch immer mehr wird und weil das auch fast jeder hat. Ja, und dann natürlich aber auch der Freundeskreis und Hobbies und Sport.

Social Media auf Platz zwei. Noch vor Freunden und Hobbies und Sport. Hannahs vielleicht eher zufällig genannte Reihenfolge passt zur aktuellen Diskussion um ein Handyverbot an Schulen. Dazu hat Hannah eine klare Meinung:

Also ich glaube, dass es auch schwierig ist, das wirklich konsequent zu machen, dass man einfach gar keinen Zugang mehr hat. Da ist es vielleicht dann wichtiger, auch einfach den Jugendlichen zu erklären, wie man am besten damit umgehen sollte, was dann vielleicht eher der richtige Weg ist.

Was für eine kluge, kritische und sympathische junge Frau! Fazit ihrer Arbeit: Die Lebenswelten von Jugendlichen ernst nehmen, eine Atmosphäre zum Wohlfühlen schaffen, aber auch Freiräume zum kritischen Nachfragen und zum gegenseitigen Austausch, das hält Hannah für wichtige Ziele kirchlicher Jugendarbeit.

Weil die Kirche natürlich auch Mitglieder verliert und dann muss man die Jugendlichen auch früh ansprechen, weil, wenn man schon in der Jugend oder in der Kindheit auch keinen Kontakt hat dazu, dann ist es, glaube ich, schwieriger als Erwachsene dann überhaupt irgendwie noch einen Bezug dazu zu finden. Darum sollte man das auf jeden Fall weiter ausbauen, wenn möglich.

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22FEB2026
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Gunter Demnig Copyright: Manuele Pfann

Ich bin Manuela Pfann und spreche heute mit zwei Menschen, die sich nicht kennen – und die dennoch etwas verbindet: Und das ist ein Stolperstein. Stolpersteine sind jene kleinen gold-glänzenden Gedenksteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Ich treffe zunächst den Künstler Gunter Demnig, den Erfinder der Stolpersteine. Er hat vor Kurzem in Wendlingen am Neckar einige Steine verlegt. Anschließend lasse ich mir von Raimund Grammer erzählen, wer sein Großvater war. Denn für den ist einer der Wendlinger Stolpersteine.

Weit über 100.000 sind mittlerweile in ganz Europa zu finden. Die Namen der Opfer sind für Gunter Demnig entscheidend, sie sind auf jedem Stein eingraviert.

Na ja, der Rabbi von Köln hat mir mitgegeben: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Und das war eigentlich der Auslöser.

Vor über 30 Jahren hat Demnig die ersten Stolpersteine verlegt. Aber anfangs gabs nicht nur Unterstützung für seine Arbeit, erinnert er sich.

Es kam ja oft dieses Argument, man trampelt auf den Menschen rum, wie damals die Nazis auf den Menschen herumgetrampelt haben.

Es ging Gunter Demnig nie ums Trampeln, die Leute sollen stolpern. Und zwar so, wie es ein Schüler bei einer Verlegung mal gesagt hat, ihn zitiert Demnig gerne:

Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.

Von den jungen Leuten ist Gunter Demnig ohnehin begeistert, die machen ihm Mut.

Ich habe das Gefühl, dass die Enkel, Urenkel-Generation jetzt auftaucht, davon erfährt und wissen will: unsere Familiengeschichte, woher kommen wir eigentlich? Wo sind unsere Wurzeln und was ist passiert?

Denn die Anfragen, neue Steine zu verlegen, die reißen nicht ab.

Jede Geschichte ist besonders, sagt der mittlerweile 78-jährige Künstler. Und doch gibt es Momente, die er nicht vergisst: Er hatte irgendwo in Deutschland vier Steine verlegt. Für Eltern, die in Ausschwitz ermordet wurden und für deren Töchter. Die waren zuvor mit einem Kindertransport nach England verschickt worden. Denn auch Menschen, die fliehen mussten oder weggeschickt wurden gehören für Demnig zu den Opfern der NS-Zeit. Auch wenn sie überlebt haben.

Und dann kamen die beiden Schwestern quietschlebendig angereist. Eine aus Kolumbien, die andere aus Schottland, hatten sich seit 60 Jahren nicht mehr gesehen und standen dann vor den Steinen und sagten nur: Schön, jetzt sind wir mit unseren Eltern wieder zusammen.

Die Erinnerung an diese Begegnung bewegt ihn noch immer.

Na, da weißt du, warum du es machst.

Ich frage mich, ob sein Engagement eigentlich etwas mit dem Glauben zu tun hat. So viel Herzblut, wie er da reinsteckt. Seine Antwort lässt mich ein wenig schmunzeln.

Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Aber mit diesem Typen da, mit diesem Jesus, also mit dem hätte ich mich bestimmt gut verstanden.

Ich bin Manuela Pfann und spreche im zweiten Teil der Begegnungen mit Raimund Grammer.  Für dessen Großvater hat Gunter Demnig vor kurzem in Wendlingen einen Stolperstein verlegt.

Wir stehen vor seinem Elternhaus, direkt am Wendlinger Bahnhof. Da ist Raimund Grammer mit dem Großvater aufgewachsen. Auf dem Gehweg der frisch einbetonierte Stein für ihn. Darauf steht: „Hier wohnte Konrad Zäh, Jg. 1877, Gegner der NS-Diktatur, schikaniert, bedroht, Zwangsruhestand 1937, überlebt.“

Als ganz fanatischer Katholik und gefährlicher schwarzer Bruder …

… haben die Nazis ihn bezeichnet, so hat es der Enkel in den Akten der Nationalsozialisten gelesen. Raimund Grammer ist selbst schon weit über 70 und wie vehement sich sein Großvater damals gegen das Nazi-Regime gestellt hat, erfährt er teilweise erst jetzt. Der Großvater war aktiv in der Pfarrgemeinde und hat den Krankenpflegeverein mitgegründet. Für ihn war klar: Seine Kinder gehen nicht zur Hitlerjugend und seine Frau nicht zum Deutschen Frauenwerk.

Die Frau vom Bahnhofsvorsteher, die hat den Auftrag, Frauen anzuwerben für die Frauenbewegung der NSDAP und der Konrad Zäh hat die dann hochkant rausgeschmissen.

15 Seiten Verhörprotokolle hat der Bürgerverein Wendlingen in den Archiven gefunden. Immer wieder taucht darin auch die Formulierung auf, “das kann ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren”.

Sein Enkel zitiert ihn aus einem Schreiben der NSDAP:

„Und dazu muss ich noch sagen, ich bin ganz einverstanden, was der Nationalsozialismus auf wirtschaftlichem Gebiet geleistet hat und noch leistet. Aber mit der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht, die lehne ich grundsätzlich ab. Lieber lasse ich mich an die Wand stellen.“

So eine Aussage hatte Konsequenzen. Weil Konrad Zäh kein normaler Arbeiter war, sondern Staatsbeamter. Er war der Postmeister von Wendlingen.

Da gibt es eine Aktennotiz aus dem Ministerium, in der drinsteht: Ein Beamter, der die Ziele des Nationalsozialismus nicht unterstützt, muss weg.

Das hieß konkret: Die ganze Familie sollte zwangsversetzt werden nach Erfurt. Doch Konrad Zäh ist dem zuvorgekommen und hat den einzig möglichen Ausweg gewählt, er hat sich in den Ruhestand versetzen lassen. Das hieß gleichzeitig: Er stand ohne Job da – mit Frau und sechs Kindern. Wie die Familie das geschafft hat, weiß Raimund Grammer bis heute nicht. Was er aber weiß ist: Der Opa hat deshalb nicht geschwiegen.

Wenn der Opa in die Wirtschaft gegangen ist am Sonntagmorgen und hat den Jungen, Nazijugend oder Hitlerjugend, gesagt, sie sollen jetzt da rüber gehen, da sei nämlich jetzt Hauptmesse in der Kirche, da hat er sich nicht beliebt gemacht.

Raimund Grammer hat große Hochachtung vor dem Mut seines Großvaters. Erst als er dessen Akten gelesen hat, ist ihm klar geworden, was der damals aufs Spiel gesetzt hat: 

Der Opa ist praktisch über Wochen zum Gauleiter nach Nürtingen, zur Gauleitung, nach Tübingen, zur Oberpostdirektion nach Stuttgart. Was haben die durchgemacht! Die haben ja nie gewusst, dass der Papa wieder heimkommt.

Er kam wieder. Und jetzt, 70 Jahre nach dem Tod von Konrad Zäh, erinnert ein Stolperstein an ihn.

Ich glaube: Solche Vorbilder brauchen wir mehr denn je. Ebenso wie jene, die nicht müde werden, an sie zu erinnern, Stein um Stein.

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15FEB2026
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Barbara Holtmann und Christine Wüst-Rocktäschel

Anne Waßmann-Böhm trifft  Barbara Holtmann und Christine Wüst-Rocktäschel

Ich bin mit den beiden an der katholischen Kirche St. Marien in Sporkenheim verabredet. Sporkenheim ist der kleinste Stadtteil von Ingelheim. Und dank der beiden Frauen verbirgt sich in ihrem Kirchlein eine Überraschung. Seit Mai letzten Jahres ist St. Marien nämlich eine Medienkirche, ausgestattet mit Soundsystem und Lichtanlage. Wir gehen also hinein, und Christine Wüst-Rocktäschel zeigt mir das Schaltpult gleich hinter der Eingangstür. Damit kann ich als Besucherin Licht und Ton selbst steuern, erklärt sie mir:

Wir haben Strahler, die zum Beispiel dann eben nur den Tabernakel illuminieren oder nur die Kreuzszene hinter dem Altar. Das System erlaubt regelmäßige Updates, je nach geprägter Zeit, also beispielsweise in der Adventszeit auf Weihnachten zugehend. Es gibt sogar die Möglichkeit, dass man individuell eigene Texte einspielt,  im Grunde genommen sind der Kreativität und Flexibilität da wenige Grenzen gesetzt.

Das probiere ich gerne aus. Experimentiere mit Lichtstimmung, Musik, Meditationen, Gedichten. Und Christine Wüst-Rocktäschel erklärt begeistert:

Es gibt sehr unterschiedliche Möglichkeiten, die Kirche so individuell zu gestalten, wie man das gerade braucht, wenn man hier hineinkommt. Also es gibt sehr ruhige Texte, die man dann eben mit unterschiedlichem Licht auch genießen kann und sich dann im Nachhinein auch seine eigenen Gedanken dazu machen kann. Da haben wir eine Auswahl klassischer Musik, aber auch modernere Musik. Manchmal ist es aber, glaube ich, auch dran, dass man einfach nur die besondere Stimmung des Lichtes genießen kann.

Die Idee für die Medienkirche hat Barbara Holtmann von einem Ausflug mitgebracht. Sie ist Sporkenheimerin und mit „ihrer“ Kirche St. Marien von Kindesbeinen auf tief verbunden:

Ja, wir waren mit Freunden wandern und sind dann in Dilsberg in eine Kirche gegangen während der Wanderung und dort war dieses System installiert. Und ich fand das so schön, das hat so gutgetan, während der Wanderung einen Ort der Ruhe zu finden. Wir waren ganz begeistert danach und mein Mann hatte eigentlich die Idee gehabt: Wäre das nicht was für unsere Kirche?

Wieder Zuhause erzählt sie Gemeindereferentin Christine Wüst-Rocktäschel davon, die als Koordinatorin der Pfarrei für die Kirchenentwicklung vor Ort zuständig ist. Und auch sie war sofort davon überzeugt: Diese Idee müssen wir umsetzen:

Die Idee, unsere Gebäude zu öffnen und Menschen einzuladen, die eben den Weg zum traditionellen Gottesdienst nicht mehr suchen und finden, hat mich sehr begeistert. Diese Kirche wird noch traditionell mit Gottesdiensten bespielt, aber eben nur noch zweimal im Monat und insofern bietet sie sich auch hervorragend dafür an, in der übrigen Zeit als Rastplatz für die Seele genutzt zu werden.

Seit ihrem Umbau entwickelt sich in der kleinen Dorfkirche ein ganz neues Leben, zum Beispiel wenn Kinder den Kirchenraum erobern, wie mir Christine Wüst-Rocktäschel erzählt :

Wir haben Gesänge, Lieder für Kinder zum Mitmachen…denn wir laden auch beispielsweise die Schulen ein, sich hier mal hinzubegeben mit Kindergruppen und dafür gibt es ein Extra Angebot. Es gibt eine sogenannte Kinderkiste, da ist ein kleiner Orientierungs- und Entdeckungsweg durch die Kirche drin…

Auch für Einzelbesucher steht die Medienkirche jeden Tag der Woche offen. Und Barbara Holtmann hält sich gerne auch selbst hier in der Kirche auf mit eigener Lichtstimmung und Musik:

Wenn man sich in die Kirche setzt und über das Leben, über Gott, über seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen nachdenkt, meditiert oder einfach ein Lied hört, dann ist es ja auch eine Form von Gottesdienst.

St. Marien hat sich verändert und entfaltet eine neue Anziehungskraft für die Menschen:

Es gibt eine große Offenheit, hierher zu kommen und diesen besonderen Raum zu nutzen, zum miteinander ins Gespräch kommen, aber auch dazu, einen kleinen Gottesdienst hier zu feiern. Im Dezember gab es hier eine Floristikausstellung, das ist auch eine Nutzung, die man in einer herkömmlichen Kirche so oft nicht hat.

Und heute, am Fastnachtssonntag in Rheinhessen – wie gestaltet Barbara Holtmann sich heute ihre Kirche?

Naja, ich habe in der Blumendeko einen gemischten bunten Tulpenstrauß und ich würde mir dann den Regenbogen-Scheinwerfer anmachen und den Bibelrap hören.

Wenn Sie wissen wollen, wie der Bibelrap klingt oder sich einfach mal einen Kirchenraum so gestalten möchten, dass Sie in Ruhe nachdenken können übers Leben, über Gott und die Welt, dann sind Sie herzlich eingeladen:

Die Medienkirche ist jeden Tag geöffnet, in der Regel morgens ab 8 Uhr bis etwa 18 Uhr.

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08FEB2026
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Benni copyright:Privatfoto

Die SWR1 Begegnungen mit Sabine Winkler und „Pfannkuchenbenni“.

So nennt sich Benni nämlich auf der Social Media Plattform Instagram. Benni ist 17, geht in die 11. Klasse und seine Instagram-Videos erreichen auch mal über 100.000 Aufrufe. Finde ich beeindruckend, denn mit seinem Thema holt man normalerweise nicht so viele Leute ab. Benni beginnt nämlich seine Beiträge meistens mit: „Hey, ich bin Benni, ich bin Christ.“

„Also, ich rede über Glaube im Alltag, über Politik, was das damit zu tun hat, über Ehrenamt, über Engagement, über diese ganzen Dinge.“

Benni spricht offen über sein Christsein, hinterfragt und setzt sich kritisch damit auseinander. Er kommentiert, wenn Politiker sich auf Nächstenliebe berufen oder widerspricht christlichen Influencern, wenn sie mit der Bibel begründen, was erlaubt ist und was Sünde ist.

Benni wehrt sich immer dann, wenn Leute behaupten, sie wüssten ganz genau, wie Christsein „richtig“ ist – und dafür bekommt er dann regelmäßig Hasskommentare.

„Was ich total schade finde, weil es für mich auch zu meinem Glauben gehört, mal zu hinterfragen, was ich da eigentlich glaube oder wie ich glaube oder wie ich die Bibel lese. Und ich würde mir echt wünschen, dass das andere auch mal machen würden, ohne gleich pauschal in die Kommentare zu gehen und zu schreiben: ‚Ey, halt doch mal die Fresse.‘“

Wenn Benni über seine Erfahrungen in Social Media spricht, dann macht ihn vor allem eine Sache ziemlich nachdenklich:

„Also ich finde es krass zu sehen, dass Leute, wo ich mir denke ‚Ey,wir sind in derselben Generation und eigentlich glauben wir an denselben Gott‘, in manchen Meinungen und manchen Punkten so weit auseinandergehen von dem, was ich glaube. Aber ich kann es schon verstehen, weil es oft einfach mit der Lebenswelt der Menschen zusammenhängt“

Ich hab den Eindruck, dass er mit 17, schon gut einschätzen kann, warum er als junger Mensch heute offen und reflektiert ist: 

„Also ich habe das Glück, Eltern zu haben, die mit mir über solche Dinge diskutieren, über politische Themen, über gesellschaftliche Themen, über Glauben offen reden und das auch versuchen, differenziert zu machen. Und ich glaube, wenn sowas wegbricht, dann suchen Leute aus meiner Generation nach eindeutigen Antworten.“  

Das erlebt Benni ganz konkret auch in seinem Freundeskreis. Nicht nur beim Thema Glauben, sondern vor allem auch, wenn es um Politik geht. Da gibt’s dann manchmal einen Punkt, wo diskutieren nichts mehr bringt, sagt er. Weil jeder bei seiner Meinung bleibt. Aber dann wechselt man den Ort und bleibt trotzdem im Gespräch:

„Wir machen es dann in der Garage, bei einem Bier. Und das ist auch okay. Und ich finde es so viel schöner, dass man sich einfach mal zusammensetzen kann und normal reden kann.“

Je länger wir reden, desto klarer wird mir: Benni geht es nicht zuerst um Streitfragen., sondern um das, was ihn trägt.

„Also für mich ist Glaube viel in dem, was ich tue. Auch einfach jeden Tag aufzustehen und mir zu denken: okay, ich kann heute was Gutes tun, ich kann mich irgendwo engagieren, ich kann was machen und Leuten eine Freude bereiten.“

Das klingt nicht nach großen Worten. Sondern nach etwas, das sich im Alltag bewähren muss. Auch sein Gottesbild bleibt nah an konkreten Erfahrungen.

„Für mich ist Gott da, wo die Menschen sind. Und das ist, wenn ich was in der Schule mache, wenn ich in der Gemeinde engagiert bin, aber auch, wenn ich mit meinen Freunden feiern gehe… - überall da habe ich das Gefühl, da ist so eine Verbundenheit da, mit den Menschen und damit auch mit Gott.“ 

Benni ist gern mit Menschen gemeinsam unterwegs. Das klingt für mich nicht nach jemandem, der gesehen werden will, kein digitaler Influencer. Benni ist viel mehr jemand, der etwas bewirken will.

„Die Firmvorbereitung war so langweilig, dass viele Freunde von mir danach gar nicht mehr in die Kirche gegangen sind und auch überhaupt keinen Bock mehr hatten und ich mir halt gedacht habe: okay, eigentlich will ich nicht, dass es so langweilig bleibt.“  

Dieses „Ich will nicht, dass es so bleibt“ treibt Benni an und er engagiert sich: In der Schule, in der Kirchengemeinde, im Jugendgemeinderat, in einer Kinderstiftung. 

Mein Glaube entsteht viel aus den Dingen, die um mich herum sind. Deswegen bekomme ich auch mit, wo es Leuten in unserer Gesellschaft schlecht geht, wo große soziale Probleme sind. Und ich glaube, dass so was mich in meinem Glauben prägt.“

 Für Benni ist dieser Glaube aber nicht immer selbstverständlich:

„Wer ist Gott? Wo ist er überhaupt? Ist Gott gut oder schlecht? Wie spüre ich Gott? -  Es kommt immer wieder vor, dass ich auch mal an meinem Glauben zweifle und mir denke: Ich kann eigentlich gerade überhaupt nichts damit anfangen.“

Ich frage mich, ob genau dieses An- und Hinterfragen, das ist, was Gespräche offen hält - auch jenseits von Social Media.

Ein Thema, dass in unserem Gespräch immer wieder auftaucht: Der Blick zwischen den Generationen. 

„Ich finde es eigentlich immer spannend, alten Leuten zuzuhören, die noch was zu sagen haben. Weil auch wenn ich politisch vielleicht nicht immer einer Meinung mit ihnen bin, gibt es dann doch immer wieder so ein, zwei schöne Sätze aus einem Gespräch, die hängen bleiben.“ 

So geht es Benni auch mit seinem Opa. Er spricht viel mit ihm über den Glauben. Auch wenn sein Opa in manchen Punkten konservativer ist als Benni: 

Ich glaube, dass mein Opa und ich das ziemlich gut hinkriegen, weil wir eher sagen können: Okay, wir reden jetzt über soziale Gerechtigkeit, über Armut, über was auch immer und teilen da Positionen. Und deswegen schauen wir nicht auf die Punkte, in denen wir uns absolut uneinig sind, sondern da, wo wir sagen, okay, da sind wir beide dafür und kümmern uns darum vielleicht eher.“

 Benni zeigt Mut. Mir imponiert, wie er seinen Glauben offenhält – für Fragen und für den anderen.

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01FEB2026
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Ich bin Pfarrerin Barbara Wurz – heute im Gespräch mit Martina Rudolph-Zeller. Seit mehr als 10 Jahren leitet die studierte Sozialpädagogin die Stuttgarter Telefonseelsorge. Ihre Erfahrung aus diesen Jahren: Kein Mensch kommt unbeschadet durchs Leben: ohne Brüche, ohne auch mal zu scheitern. Und damit solche Lasten nicht zu groß werden, dafür ist die Telefonseelsorge da.

Jeder kann Telefonseelsorge nutzen, jeder kann die Telefonnummer wählen. Wir sind so ein offenes Angebot. Wir fragen nicht nach der Krankenkasse, wir fragen nicht nach der Versicherung. Es kostet kein Geld

Als ich Frau Rudolph-Zeller frage, wie viele Anrufe sie und ihr Team pro Tag bewältigen können, bin ich schier überwältigt:

Circa 40 pro Tag. Insgesamt führen wir pro Jahr über 13.000 Gespräche, ungefähr 1500 Chats und sind im Kontakt mit 1500 Menschen per Mail.

Und das allein im Großraum Stuttgart. Sehr viele Menschen suchen den Kontakt, weil sie sich einsam fühlen. Wie zum Beispiel eine junge Frau, die – neu nach Stuttgart zugezogen – einfach keinen Anschluss gefunden hatte.

Wir haben gemeinsam überlegt, welche Möglichkeiten sie noch finden kann, welche Hobbys sie hat und welche Vorlieben und wo sie noch mal schauen kann, welche Gruppe es da noch gibt. Hier in der neuen Stadt. Und die ganz gestärkt und hoffnungsvoll aus dem Gespräch ging, in der Kraft, sich wieder neu doch auch dem Thema zuzuwenden und nicht aufzugeben.

Die Menschen wechseln ihren Wohnort und damit ihr soziales Umfeld viel häufiger als früher, meint Rudolph-Zeller. Gleichzeitig bleibt der Austausch über Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram eher oberflächlich.

Die tragfähigen Beziehungen, die sind rar. Menschen zu haben, mit denen man wirklich über die Dinge sprechen kann, die einen im Tiefsten berühren und nicht nur oberflächlich Smalltalk führen. Da gibt es einen hohen Bedarf und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Mangel.

Wer einsam ist, ist auch mit seinen Sorgen und Ängsten allein. Das kann hilflos machen. Und dann kann es passieren, dass diese Hilflosigkeit umschlägt in Wut und Aggression.  Auch davon bekommen die Ehrenamtlichen an den Apparaten der Telefonseelsorge einiges ab.

Wir hören vor allem zu. Wir versuchen auch nachzuvollziehen und zu verstehen: Wie kommt es zu dieser Haltung? Ganz oft hören wir dann von viel Ungerechtigkeit, die erlebt wurde im Leben. Das Gefühl: alle kriegen und ich krieg nix oder ich komme zu kurz, es geht über mich hinweg. Keiner sieht mich, keiner nimmt Rücksicht.

Der Bedarf nach einem offenen Ohr und einem persönlichen Gespräch ist groß. Und um dem gerecht werden, ist das Team der Telefonseelsorge beständig auf der Suche nach Nachwuchs.

Zusammen mit ihrer Stellvertreterin und einer 50%-Honorarkraft betreut sie 120 Ehrenamtliche, die sich in der Stuttgarter Telefonseelsorge engagieren. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, für die die Ehrenamtlichen gut ausgebildet und sorgfältig ausgewählt werden. 

Man muss sich bei uns bewerben. Wir führen, Kennenlerntage durch, wir nehmen uns richtig Zeit miteinander, führen Einzelgespräche: Wie stabil ist die Person, wie gut hat sie auch die Dinge, die sie erlebt hat, verarbeitet? Welche Motivation hat die Person, dieses Ehrenamt auch zu machen?

Diejenigen, die schließlich ins Team kommen, erwartet eine Tätigkeit, die fürs eigene Leben sehr bereichernd ist.

Ehrenamtliche sagen, dass sie eine Gemeinschaft gefunden haben. Ganz viele sind sehr beglückt über die sinnhafte Tätigkeit und viele sagen, sie selber haben sich auch ein bisschen verändert und können ihre Themen, Konflikte besser angehen

Trotzdem gehen die Sorgen und Nöte der Menschen nicht spurlos an den Ehrenamtlichen vorbei. Regelmäßig treffen sie sich deshalb in Kleingruppen zur Supervision um das Erlebte aufzuarbeiten. Und auch Einzelgespräche sind jederzeit möglich:

Wir haben hier eine Mitarbeiterin, die ein Einzelgespräch bei mir suchte. Ihr Mann war plötzlich verstorben, schon vor einigen Jahren. Und sie dachte, sie hätte es gut verarbeitet. Und dann hat sie am Telefon eine trauernde Frau gehabt, die ihren Mann verloren hat. Und sie war sehr konfrontiert mit ihrer eigenen Trauer, die sie richtig überschwemmte in diesem Gespräch. Und das musste sie erst mal für sich wieder verarbeiten.

40 Telefonate gehen bei der Stuttgarter Telefonseelsorge täglich ein. Der Bedarf wäre sogar noch größer, aber dazu fehlen schlicht und ergreifend die Mittel. Neben der Finanzierung durch die evangelische Kirche und die Stadt Stuttgart ist die Telefonseelsorge jetzt schon auf Spenden angewiesen, und wie die Arbeit auch in Zukunft solide finanziert werden kann, ist ungewiss.

Martina Rudolph-Zeller jedenfalls will den Menschen Mut machen, zum Hörer zu greifen und die 0800 111 0 111 zu wählen, wenn die Sorgen übergroß geworden sind, oder Einsamkeit und Angst nach der Seele greifen. Und sie unterstreicht: die Sehnsucht nach einem offenen Ohr ist konfessionslos:

Es gibt Menschen, die sich bei uns melden, xie hadern mit Gott, die sagen Warum lässt Gott das zu, dass es mir schlecht geht? Wie kann Glaube mir helfen? Und es gibt aber auch Menschen, da ist das Thema Glaube und Gott und Kirche überhaupt gar kein Thema. Die sind ganz in ihrer Situation und suchen jetzt eine Gesprächspartnerin, die für sie da ist und mit ihnen nach einer Lösung und nach einer Erleichterung sucht und auch nach einem Trost.

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25JAN2026
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Johannes Zang copyright: Privatfoto

In der Nähe von Aschaffenburg lebt er. Dort habe ich ihn besucht. Kurz vor Weihnachten hat er ein Buch veröffentlicht, das mich berührt hat. Interviews mit palästinensischen Christinnen und Christen im von Israel besetzten Westjordanland. Menschen, deren Familien als Nachkommen der Urchristen schon seit biblischer Zeit im Heiligen Land leben. Tief berührt hat mich ihr Glaube. Ihre Ablehnung von Gewalt und ihre Hoffnung auf Frieden. Trotzdem überlegen viele, ihre Heimat zu verlassen.

Johannes Zang, selbst gläubiger Christ, der auch Hebräisch und Arabisch spricht, hat mehrere Jahre in Bethlehem und Jerusalem gelebt.

 

In der Zeit, habe ich überwiegend mit palästinensischen Christen zusammengearbeitet, und ich glaube, dass ich in mindestens hundert christlichen Häusern war, zum Mittagessen eingeladen, zum Abendessen, zum Tee, habe mit ganz vielen sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet und ich habe erlebt, wie viele von denen verzweifelt weggegangen sind. Und ich habe gedacht, ich muss diese Menschen zu Wort kommen lassen, bevor sie in Berlin und Stockholm und Paris sind.

 

Viele dutzend Male hat er Israel bereist, hat Pilgergruppen durchs Land geführt, Friedensaktivisten auf jüdischer wie palästinensischer Seite getroffen. Was das Leben der palästinensischen Christen, und auch der Muslime, unter der Besatzung so schwierig macht, beschreibt er so:

 

Als ich im April 25 dort war in diesem kleinen Gebiet, also das ist viel kleiner als Baden-Württemberg, viel kleiner als Rheinland-Pfalz, standen da über 800 Sperren des israelischen Militärs, teils bemannt, teils unbemannt. Und man kann sich vorstellen, was das für den Weg zur Uni, den Weg zum Krankenhaus, den Weg zu Verwandten, den Weg zum eigenen Olivenhain bedeutet.

 

Einer seiner palästinensischen Gesprächspartner aus Bethlehem etwa …

 

… der hatte einen Arzttermin in Ramallah. Luftlinie 20 Kilometer, Fahrstrecke ein bisschen mehr. Der Arzttermin hat keine halbe Stunde gedauert und er war von 7:30 Uhr morgens bis 23:00 Uhr abends unterwegs.

 

Doch da ist noch mehr, das sie zermürbt. Neben der Gewalt durch Soldaten und militante Siedler auch ihre wirtschaftliche Lage, die sehr schwierig ist.

 

Die Christen leben halt sehr stark von Pilgern und Touristen. Schon immer traditionell als Hotel und Restaurantbesitzer, als Souvenirhändler, als Olivenholzschnitzer.Und erst waren die bitteren Jahre der Coronazeit, wo so gut wie keiner kam und jetzt eben schon wieder über zwei Jahre Krieg.

 

In denen ihre Einkünfte praktisch weggebrochen sind. Ich merke, das simple Schwarz oder Weiß, Israel oder Palästina, das oft die Emotionen hier beherrscht, wird der komplexen Realität nicht gerecht. Und, es ist immer gut, den Menschen vor Ort zuzuhören. Ihren Geschichten, ihren Ängsten und ihren Hoffnungen.

 

Mit Sicherheit gibt es auf beiden Seiten Traumata. Und ganz viele Vorurteile. Ich kenne diese Thematik eigentlich sehr gut und muss trotzdem sagen, immer wieder entdecke ich eine neue Facette. Und die Bewunderung für die, die dort bleiben. Die Bewunderung wird immer größer.

 

Seine tiefe Liebe zu Land und Leuten merke ich ihm an. Den Anstoß dazu haben vor vielen Jahren seine Eltern gegeben, als er nach einem abgebrochenen Theologiestudium nicht recht wusste, wie es weitergehen soll. Sie schlugen ihm eine Auszeit vor. Als Erntehelfer in Israel.

 

Das war im Dezember 85, kurz vor Weihnachten. Ich wusste nichts über die Hintergründe und war dreieinhalb Monate in einem Kibbuz im Süden, Be‘eri, Und da war ich die ersten dreieinhalb Monate meines Aufenthalts, der dann doch länger als ein Jahr war, weil ich mich in das Land, die Leute, in die Landschaften verliebt habe. Seitdem lässt mich die Region nicht mehr los.

 

Es war übrigens jener Kibbuz, der Jahrzehnte später beim Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 23 so furchtbar getroffen wurde. Zurück in Deutschland hat er dann Musiktherapie studiert und ist 1999 nach Israel zurückgekehrt.

Ob es irgendwann zu Frieden und Versöhnung kommen wird? Offen. Aber was wäre christlicher Glaube ohne Hoffnung? Schwer vorstellbar finde ich, dass im Land, in dem das Christentum entstanden ist, irgendwann keine Christen mehr sein könnten, die sich in Anlehnung an ein Bibelwort als „lebendige Steine“ verstehen. (1 Petr 2,5).

 

Die haben ja auch vor Jahren bewusst auch dieses Wort gewählt und an die Pilger appelliert: Besucht nicht nur die toten Steine, besucht nicht nur die Kirchen und die Ruinen, sondern auch uns. Ja, sucht die Begegnung mit uns.

 

Wie könnte ich denn die Glaubensgeschwister dort unterstützen, wenn ich will?

 

Also ich habe gestern von einem Mitarbeiter des Würzburger Bischofs eine E-Mail bekommen, dass er wieder Olivenholzherzen in Bethlehem bestellen möchte. Das ist für den Schnitzer und seine vier Angestellten immerhin einige Tage, vielleicht auch zwei Wochen Arbeit, und alle können überlegen, ob sie nicht eben auch bei einem der Schnitzer so was bestellen.

 

Und ein Besuch im Heiligen Land, wenn das wieder möglich ist?

 

Da wäre meine Empfehlung. Bitte planen Sie auch zwei, drei, vier Begegnungen ein mit palästinensischen Christen, aber auch mit israelisch-jüdischen Friedensaktivisten, um diese Menschen vor Ort auch durch so eine Begegnung zu stärken, und vielleicht den Sonntagsgottesdienst zusammen mit einheimischen Christen zu feiern.

 

 

Johannes Zang, "Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung". 33 Christen aus Palästina reden Klartext, Verlag Hampp Stuttgart

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18JAN2026
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Martin Breitling Bildrechte: Offene Kirche

Ich bin Barbara Wurz und heute im Gespräch mit Pfarrer Martin Breitling. Seit Juni 2025 ist er Gefängnisseelsorger in der Ulmer Justizvollzugsanstalt – kurz JVA. Bis zu 100 Männer sitzen dort in Untersuchungshaft. Und wer es möchte und einen Antrag stellt, zu dem kommt Martin Breitling zum Gespräch.

Dann gehe ich hin, frag mal, worum geht. Und dann merke ich, es geht nur um was, dass jemand sagt: „Ich brauch noch ein bisschen Zucker. Haben Sie mir einen Kaffee? Können Sie mir eine Briefmarke geben? Ich habe kein Geld.“

Eine Tassenportion Instant-Kaffee, eine Batterie für den Wecker, eine Briefmarke… ohne Hilfe von außen - einen Freund oder Verwandten, der Geld überweist – sind diese Dinge für einen Häftling in U-Haft unerreichbar. Aber der Gefängnisseelsorger ist es. Und oft geht es schnell um mehr, als ein bisschen Kaffee.

Wir als Gefängnisseelsorger sind in diesem System natürlich die einzigen, mit denen man sprechen kann und und weiß: Von diesem Gespräch wird nichts weitergeleitet. Von diesem Gespräch spielt nichts, was ich sage, irgendeine Rolle  für eventuelle Haftlockerungen.

Etwa 20 Prozent der Gefangenen suchen den Kontakt zur Gefängnisseelsorge. Manche scheinbar nur, wegen des Tütchen Kaffees oder Zucker. Aber zwischenmenschlicher Kontakt, aus dem entwickelt sich dann doch auch etwas, darüber hinaus.

Ich habe so einen, der schreibt jede Woche: Ich bitte um ein Gespräch. (...) Er weiß, ich komme, aber es gibt immer nur zwei so Tassenpäckchen und ein Päckchen Zucker dazu. Aber er weiß: Ich komme regelmäßig dafür. An der Türe machen wir kurz ein bisschen Smalltalk. Und dann frage ich so: „Warum sind Sie eigentlich hier?“ Und er sagt: „Drogen...“

Und das ist es, was Martin Breitling nach solchen Begegnungen besonders beschäftigt: die Frage, was wäre gewesen, wenn. Zum Beispiel bei diesem jungen Mann, der ihn regelmäßig anschreibt.

Es begegnen mir wache Augen und es begegnet mir so ein trockener und feiner Humor, wo ich dann denk: (...) Wäre er nicht auf das Gleis von Sucht und Drogen geraten, was wäre das jetzt für ein Mensch, was für ein Leben?

Es geht Martin Breitling nicht darum, die Tat oder das Verbrechen eines Menschen zu relativieren oder gar zu entschuldigen. Aber da ist eben noch mehr als diese Tat oder das Verbrechen: Ein Mensch mit Fähigkeiten und Begabungen – auch, wenn er sie nicht genutzt hat.

Manchmal fantasier‘ ich so rum: Wo könnte ich mir vorstellen, dass wir beide uns in einem komplett anderen Zusammenhang begegnet wären? Und dann denke ich: Ja, jetzt sitzt er in der U Haft im Gefängnis. Aber ich merke, dieses Leben ist eben auch viel mehr als als dieser Grund für die Haft.

Martin Breitling ist immer noch Pfarrer einer Gemeinde, denke ich mir: Einer Gemeinde, die – wie alle anderen eigentlich auch – versucht, das Leben auch mit seinen Abgründen zu meistern.

Und auch in seiner neuen „Gemeinde“ bietet er einen Gesprächskreis an, ganz ähnlich, wie früher im Gemeindepfarramt.  Aber: „Bibelstunde“, „Männertreff“ für Strafgefangene? Als Außenstehende kann ich mir nur schwer vorstellen, was die gut 10 Männer, die da zusammenkommen, wirklich interessiert.

Einmal kam auch der Wunsch auf einmal einen Bibeltext miteinander anzuschauen (...) Und dann haben wir gemeinsam Kain und Abel gelesen (...) Also das war wirklich eine Sternstunde. (...) Im Spaß habe ich dann auch gesagt: Jeder von meinen Kollegen und Kolleginnen hier auf der Alb wäre wahrscheinlich neidisch, um so einen Bibelkreis, der das so feinfühlig und ernsthaft sich einem Bibeltext zuwendet und dabei von sich persönlich spricht.

Kain und Abel – die Geschichte zweier Brüder, von der die Bibel ganz am Anfang erzählt: Davon, wie unterschiedlich die Brüder sind. Abel – erfolgreich und von Gott geliebt. Und Kain, der darüber so neidisch wird, dass er im Zorn seinen eigenen Bruder mit einem Stein erschlägt.

Ja, und das Spannende war natürlich der Umgang mit mit Schuld.   (...)   Und  ich habe dann gesagt: „Ich verrat‘ euch was: Kain und    Abel, die leben heute noch. Kain und Abel, das bin ich. Und das war auch unser Tenor. Ja, wir sind nicht Kain oder Abel, sondern wir sind      Kain und Abel. Wir sind Kain, der das Potenzial zu Gewalt in sich,   trägt. Und wir sind Abel, der zum Opfer wird oder werden    kann.

Wo, wenn nicht hier wird greifbar, was das heißt? Und ich begreife, wie nah am echten Leben der Schluss der Geschichte von Kain und Abel ist. Denn Kain kommt mit seinem Verbrechen nicht ungeschoren davon. Gott selbst bestraft ihn, reißt ihn heraus aus seiner Heimat und seinem vertrauten Leben. Kain begreift, dass er eigentlich nicht überleben kann. Die Strafe ist zu schwer, die Gott ihm da auferlegt hat.

Und dann, im Gefängnis natürlich, wunderbar, dieses dieser Schluss: Meine Strafe ist zu schwer, die du mir auferlegt. Und das dann in diese Erzählung Gott, an den Kain ein Zeichen macht, das allen zeigt: Dieser gehört trotz allem zu mir. Und wie der Satz im Gefängnis natürlich wirkt -  „Trotz allem“ – das ist wirklich ganz – berührend.

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11JAN2026
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Diana Ezerex copyright: Micha Roth

Die Musikerin ist in Biberach an der Riß geboren und aufgewachsen. Nach Jahren in Karlsruhe lebt sie aktuell in Berlin. Seit 2017 hat die Singer-Songwriterin ein ganz besonderes Ehrenamt: Sie gibt Konzerte im Knast- was für eine mutige Idee!  Sie war schon in fast 60 Gefängnissen bundesweit - auch im Südwesten, etwa in Schwäbisch-Gmünd, Wittlich oder Zweibrücken. Am Anfang war da die Neugier wie Menschen wohl hinter Gefängnismauern leben. Als Betreuerin auf einer christlichen Jugendfreizeit ist sie einem Seelsorger begegnet, der auch in einer Jugendstrafvollzugsanstalt gearbeitet hat. Der öffnete ihr die Tür in diese fremde Welt:

Und da kam einfach ein Gefängnisseelsorger in seiner Kutte, weil er ein Mönch war und dann kamen wir ins Gespräch und dann hab ich ihm gesagt, dass ich schon länger ein Konzert da geben wollen würde und er meinte: “Ja, komm vorbei”.

Jugendliche, die Sozialstunden ableisten mussten oder sogar schon mal im Knast waren, diese Klientel kannte Diana Ezerex schon von ihrer FSJ-Stelle bei einem offenen Jugendtreff des CVJM in Magdeburg. Ohne Berührungsängste geht sie daher auch bei ihrem ersten Konzert in Neustrelitz im Jugendknast in den Kontakt:

Und das war voll cool zu hören, was sie für Träume und Wünsche haben, was sie vor haben, wenn sie da wieder rauskommen, weil sie auch Ausbildungen machen können im Knast.

Die heute 31-Jährige geht nicht nur zu jugendlichen Straftätern,  sondern auch in den Männerknast...

Da war ich schon ganz schön nervös, denn straftätige Männer sind doch noch mal anders dargestellt und man hat ein bestimmtes Stereotyp oder Bild vor Augen. Und ich weiß dass ich mich vorher mit Freunden unterhalten hab und gesagt hab: “Was hab ich mir dabei gedacht?” Und die haben gesagt: “Du schaffst das, du schaffts das!” Und ich war ganz schön nervös.

Nicht jeder der Insassen erhält einen der begehrten Plätze für das Konzert. Die Gefangenen können sich bewerben und wer gute Führung zeigt, bekommt den Zuschlag. Was bedeutet so ein Konzert für Menschen, die teilweise schon seit Jahren in ihrer Zelle sitzen?

Was ich voll oft als Feedback bekomme, dass sie für eine Stunde einfach mal abschalten konnten und nicht drüber nachdenken wo sie sind. Komplett egal ist, wo man ist. Komplett egal ist, was man für Sorgen hat und für Herausforderungen und was gestern war und morgen sein könnte, sondern einfach im Hier und jetzt ist und einfach abschalten kann.

Dabei will sie auf gar keinen Fall verharmlosen, was diese Menschen getan haben - sie weiß, dass im Publikum auch Straftäterinnen und Straftäter sitzen, die viel Leid verursacht haben.

Und trotzdem ist mir in dem Moment erst mal wichtig, dass da ein Mensch sitzt, der auch vielleicht irgendwann wieder rauskommt, der in dieser Gesellschaft funktionieren soll  in Anführungsstrichen und keine Straftaten mehr begehen soll, anderen Menschen nicht mehr schaden soll, und ich glaub es lohnt sich da den Menschen so entgegenzutreten.

Eine Haltung, vor der ich Hochachtung habe. Ein Knast ist ein krasser Ort - ich erinnere mich an einen Praktikumstag mit einem Gefängnisseelsorger und wie viele Türen da immer auf und zu gemacht wurden, bis man mal zu einer Zelle kam. Ein Hochsicherheitstrakt - und dorthin bringt sie ihre Popmusik, die mal rockiger, mal mehr nach Alternative klingt. Immer kommt ihre Musik aber aus ihrer Seele. Ist das, was Diana Ezerex da tut,  vielleicht auch eine Art von Seelsorge?

Ja, auf ne Art, ich glaub auf jeden Fall! Musik hat so ne krasse Macht und das ist ja auch wissenschaftlich nachgewiesen. Ich merk das ja auch selbst bei mir, wenn ich nen Song hör, dass das einfach was mit mir macht und ich glaub das kann voll krass Perspektiven verändern - eine Songzeile, ein Klang.

Dabei kommen Diana auch ihre drei abgeschlossenen Studiengänge Bildungswissenschaften, Kulturvermittlung und Musik zugute. Dianas Vater ist Nigerianer, ihre Mutter Deutsche. Sie weiß wie es sich anfühlt ausgegrenzt zu werden:

Und ich hab schon so einen Herz für Leute, die irgendwie am Rand stehen. Weil ich es selber aufgrund von Rassismus erlebe und dann möchte ich was machen für Leute,  die aus anderen Gründen nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen.

Und ihnen allen will Diana die Botschaft mitgeben, dass jeder Mensch wertvoll ist und angenommen.  Auf ihrem Album “Identity”, also “Identität”, da bringt sie in dem Song “Start from here” genau diese Botschaft rüber.  Und verbindet sie mit einer Glaubensaussage. Ich finde dieses Lied sehr stark, denn da heißt es in den Lyrics, die sich an Gott wenden: “I´m yours, before I´m someone else” - “ich bin dein, bevor ich irgendjemand anderem gehöre”.

Und ich glaub das wünscht sich jeder irgendwie einfach nur gesehen zu werden, für das was man ist und nicht für das was man macht, und was man geleistet hat oder erreicht hat oder wen man kennt  - diese ganzen Sachen, mit denen man angeben kann, sondern einfach nur gesehen wird und angenommen wird für das, was man ist.

Seit Diana 14 Jahre alt ist engagiert sie sich ehrenamtlich und kann es anderen nur empfehlen.

Das hat so einen krassen Mehrwert. Ich hab so viel in meinen Ehrenämtern gelernt und auch Plattformen bekommen mich auszuprobieren und zu wachsen und das möchte ich nicht missen.

Wie sehr ihre ehrenamtlichen Auftritte in Gefängnissen Menschen Hoffnung schenken, das kann sie im Gästebuch nachlesen, das immer bei Konzerten ausliegt:

Also jetzt von der Tour im November war eine Sache, die ich gelesen hatte:  danke dass du an diesen Ort gekommen bist, an dem man sonst nur existiert und hier ein bisschen Abwechslung reingebracht hast. Ein Jugendlicher meinte er hat  das erste Mal seit langem mal wieder Freude gespürt. Danke dass du zu uns gekommen bist, danke dass du uns auch siehst. 

Und ich sage “Danke” Diana Ezerex - für unsere Begegnung und für so ein wichtiges Engagemen

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06JAN2026
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Heute mit Martina Steinbrecher und Thomas Gasenzer. Der Professor lehrt und forscht am Heidelberger Kirchhoff-Institut für Physik. Den biblischen Berichten zufolge haben Wissenschaftler aus dem Orient um die Zeitenwende einen interessanten Stern entdeckt und sind ihm gefolgt, um einen neu geborenen König zu finden. Heute feiert die Christenheit die Ankunft dieser Weisen beim Jesuskind in Bethlehem. Auf der Suche nach dem Stern von Bethlehem hat Thomas Gasenzer mit mir einen Blik ins Universum geworfen. Und dabei erst mal einiges zurechtgerückt.

Ja, also wir sehen ja meistens lauter kleine weiße Punkte. Die können aber sehr unterschiedlicher Art sein. Also, die meisten davon sind Sterne. Aber es sind dabei auch Sternwolken und Galaxien, die aus sehr, sehr vielen Sternen bestehen und die aber zu einem Punkt verschmelzen. Und all diese Punkte, die nennt man typischerweise die Fixsterne, nämlich in Abgrenzung zu den Objekten, die eigentlich gar keine Sterne sind. Und dazu gehören diese sogenannten Wandelsterne. Das sind die Planteten in unserem Sonnensystem.

Das muss ich erst mal für mich klarkriegen: Die Sonne ist aus physkalischer Sicht also ein Stern, weil sie leuchtet. Planeten dagegen sind Wandelsterne, denn sie bewegen sich und leuchten nur, wenn sie von der Sonne angestrahlt werden. Und von den maximal sechstausend Lichtpunkten, die ich nachts mit bloßem Auge am Himmel sehen kann, sind die meisten ebenfalls Fixsterne, also die Lichtquellen weit entfernter Galaxien. Als bewegliches Leuchtobjekt kann der Stern von Bethlehem also weder ein Fixstern noch ein Wandelstern gewesen sein. Aber vielleicht ein Komet?  

Es war so, dass die Menschen den Halley‘schen Kometen 1301 sehen konnten, und es gab da den Giovanni di Bondone aus Florenz, der von früheren Sichtungen auch aus antiken Quellen wusste und dann den Stern auf seinem Fresco „Anbetung der Könige“ in Padua mit einem Kometenschweif darstellt. Und damit hat im Prinzip die Geschichte des Sterns von Bethlehem als Komet so begonnen im 14. Jahrhundert.

Ich bin ein bisschen ernüchtert: Der schöne Kometenschweif, der bis heute über so vielen Krippenszenen schwebt, ist also eine Erfindung der Kunstgeschichte, basierend auf den inzwischen überholten wissenschaftlichen Erkenntnissen des 14. Jahrhunderts? Ich werfe noch einmal einen Blick ins Matthäusevangelium. Da erkundigen sich Sterndeuter am Hof des Königs Herodes in Jerusalem nach einem neugeborenen König, denn so wörtlich: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Was für ein Phänomen, frage ich Thomas Gasenzer, könnte das gewesen sein?

Die Menschen sehen seit jeher und in allen Kulturen Sterne und ihre Konstellationen und bewundern sie. Die haben einen Einfluss auf sie ausgeübt. Konstellation heißt ja sowas wie, dass die Sterne in einer bestimmten Weise beieinanderstehen. Das wurde dann religiös interpretiert oder als Zeichen, vielleicht so ein bisschen wie anregende Geschichten, wie die Welt der Zahlen oder die des Spiels, in der ja auch oft viel Magie gespürt wird. Aber vielleicht auch wie bei uns in der Wissenschaft, die für uns oft so ein übergroßes, unerfassbares, nie ganz zu verstehendes Gebäude ist und dem wir uns irgendwie in Sisyphusarbeit nähern, ohne jemals anzukommen.

Ich bin beeindruckt, wie präzise Thomas Gasenzer physikalische Phänomene beschreibt und dabei ins Staunen gerät über die noch längst nicht erforschten Tiefen des Universums. Ob wir dem Geheimnis des Sterns von Bethlehem noch auf die Spur kommen? Verschiedene Thesen haben wir schon verworfen: Wahrscheinlich haben die Sterndeuter aus dem Matthäusevangelium keinen Wandelstern und auch keinen Kometen gesehen, sondern eine ganz besondere Sternkonstellation:

… etwa die großen Konjunktionen der Wandelsterne, wenn Jupiter und Saturn nah beieinanderstehen, sowas passierte immer wieder. Und die wurden seit sehr langer Zeit immer wieder beobachtet und dann als Vorzeichen wichtiger Ereignisse gewertet.

Ein aufgehender Stern als Zeichen für die Geburt eines zukünftigen Königs. Jahrhundertelang haben Sterndeuter aus unterschiedlichen Kulturräumen aufgezeichnet, was sie am Himmel entdeckt haben. Und besondere Phänomene eben besondere Ereignisse zugeordnet.

Also etwa, wenn wir im Alten Testament, im vierten Buch Mose schauen, dann gibt es dieses „Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel.“

Ein Satz, der später mit der Geburt von Jesus in Verbindung gebracht wurde.

Im Matthäusevangelium zieht der Stern vor den Sterndeutern her von Jerusalem nach Bethlehem. Dort bleibt er stehen. Und sie finden ein Kind – den neugeborenen König. Ein Wandelstern, der plötzlich fix stehen bleibt – physikalisch gesehen nicht sehr wahrscheinlich. Im Gespräch mit Thomas Gasenzer ist mir aber klar geworden, dass es nicht entscheidend ist, ob sich dem Stern von Bethlehem ein eindeutiges Naturphänomen zuordnen lässt. Viel wichtiger ist doch, wofür dieser Stern auch heute stehen könnte:

Das Wichtige war vielleicht, dass Gott irgendwie hier die Macht hat, etwas zu tun und eben sogar so einen Stern anzuhalten, dass dieses Machthaben außerhalb dessen, was die Menschen vermögen, ist, denke ich, sozusagen das wichtigste Element dieser Erzählung.

Was auch immer es gewesen sein mag, dem die Sterndeuter damals gefolgt sind; ihre Botschaft lautet: Wenn Gottes Sohn zur Welt kommt, strahlt das Sternenzelt.

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