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Barbara Wurz trifft Wolfgang Heck
Von Frühjahr bis Herbst ist er immer wieder einmal auf dem Autobahn- Rastplatz „Kochertalbrücke Süd“ an der A6 zu finden – als Ehrenamtlicher beim Trucker-Treff. Der findet hier jeden dritten Dienstag im Monat statt. Manche der Fahrer, halt machen, kennen den Treff schon. Andere kommen eher zufällig dazu.
Wenn die LKW-Fahrer sehen, dass wir da auf dieser Raststätte stehen mit unserem Grill und sie einladen zum Essen und zum Trinken, dann sagen die: Wieso macht ihr das?
Sie machen das vor allem, um ein gastfreundlicher Ort zu sein. Die Fahrer kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und sind teils monatelang unterwegs. Hier finden sie etwas Abwechslung – und ein offenes Ohr für alles, was sie gerade umtreibt.
In seinen ersten Berufsjahren ist Wolfgang Heck selbst LKW gefahren, als der Verkehr bei weiten noch nicht so dicht war. Was er damals besonders geschätzt hat:
[…] einfach diese Freiheit, nicht in einer Firma zu arbeiten mit geschlossenem Tor und einer Maschine, sondern den Sonnenaufgang zu sehen, wenn man zum Beispiel durch Bayern gefahren ist und morgens sind die Bauern dann ihre Milchkannen an die Straße gestellt und dann kamen irgendwann die Schulkinder und dann hat die erste Bäckerei aufgemacht. Da hat man sich ’ne Brezel geholt oder oder oder so was. Das waren einfach schöne Erlebnisse auch.
Heute kann man sich das kaum noch vorstellen – wenn sich auf den Autobahnen LKW an LKW reiht, so weit das Auge reicht. Später hat Wolfgang Heck dann die Tankstelle eines Autohofes an der Autobahn übernommen. Und ist auch hier manchem Original der Landstraße begegnet:
Das eine war der Wolfgang Viermal. Ja, der kam wirklich viermal in der Woche und war von Schleswig-Holstein da oben. Und der ist ins Allgäu gefahren und hat Käse geholt und ist dann auf der Hinfahrt vorbeigekommen und auf der Rückfahrt und hat das zweimal in der Woche gemacht. […] Und mit denen hat man sich natürlich dann auch angefreundet oder hat man schon: Ah, hallo, wie geht es, wie war es und wie ist es?
Wolfgang Heck ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und arbeitet heute als Bereichsleiter in einem Recycling-Betrieb, in dem täglich um die 150 LKW ankommen. Den Kontakt zur Straße hat er also nicht verloren. Und auch nicht sein großes Talent, sich für andere zu engagieren – und zwar genau mit den Mitteln, die ihm seine Arbeit gerade bietet.
Als überzeugtem Christen ist es ihm wichtig, sich für seine Mitmenschen zu engagieren: Mit dem, was er kann und den Möglichkeiten, die sich gerade bieten. Und zwar nicht nur im Team der Ehrenamtlichen beim Trucker-Treff an der A6, Raststätte Kochertalbrüche Süd. Angefangen hat er damit schon zu Beginn der 90er Jahre.
Ich hab gesagt: Okay, jetzt bin ich halt nur LKW-Fahrer geworden. Jetzt möchte ich mit dem auch etwas für das Reich Gottes tun. Ja, und was kann man da tun? Das ist dann wirklich Sachen transportieren. Wir haben zum Beispiel, als die Perestroika begann, hat Russland ja zugelassen, dass Bibeln geliefert werden dürfen. […] Und dann haben wir wirklich für eine Missionsgesellschaft […] einen Lastzug voll Bibeln nach Moskau gefahren, 26 Tonnen Bibeln.
Seit damals fährt er außerdem für die Hilfsorganisation Global Aid Network, kurz GaiN:
Ja, also das, das eine ist so ein Mitmach-Hilfswerk. Die, die haben also wirklich mit den Hungerwintern damals 1990, 91 angefangen. Da war ich damals auch mit den Hilfsgütern in Moskau, mit einer Gruppe mit fünf LKWs waren wir da. Und die haben das immer weiter gemacht und fahren eben nach Litauen und dann Moldawien fahren sie jetzt teilweise. Dann haben sie es jetzt geschafft, bis in den Gazastreifen Hilfsgüter zu liefern, was nicht ganz so einfach war.“
Und wenn der Ruhestand erst einmal erreicht ist, will Wolfgang Heck verstärkt Hilfsfahrten übernehmen - aber auch bei den Trucker-Treffs an der Kochertalbrücke weiter dabei sein. Seine Motivation:
„Zum einen hat Jesus gesagt, dass wir unserem Nächsten Gutes tun sollen und dass wir hinausgehen sollen an die Straßen und Hecken und an die Landstraßen […] Und es ist ja immer so, dass auf diesen Landstraßen oder auf diesen Autohöfen, Tankstellen oftmals auch Leute sind, die sehr einsam sind […] und diese Leute dann auch anzutreffen und denen was anzubieten. […] Ich oder wir alle bedanken uns auch bei den LKW-Fahrern, dass sie diesen Job machen. Die machen das ja für uns alle.“
Der Job der LKW-Fahrer ist härter geworden – bestimmt von Termindruck, Stauproblemen und zunehmender Aggression auf der Straße. Der Trucker-Treff bietet da eine willkommene Abwechslung. Und für manche die unverhoffte Gelegenheit, durchzuatmen und ein offenes Ohr zu finden für das, was gerade auf der Seele liegt.
Wenn das Herz sich öffnet und die Menschen berührt sind, das erlebt man ja nicht so oft. Ja, und wenn es nur durch das Essen ist oder durch das Angebot, das freundliche Angebot, das da ist – also ich bin da gern dabei bei so was.
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… heute mit Martin Wolf und mit dem Franziskanerbruder P. Norbert Lammers. Ich treffe ihn am sogenannten Geistlichen Ort Hofheim im Taunus. Da lebt und arbeitet er. Seit mehr als 40 Jahren gehört Bruder Norbert der Gemeinschaft des Heiligen Franz von Assisi an. Der ist fast auf den Tag genau vor 800 Jahren gestorben. Geboren als Sohn eines reichen Kaufmanns in Assisi gibt Franz mit 26 Jahren allen Wohlstand auf. Er lebt von da an radikal so, wie er die Botschaft Jesu verstanden hat. Als Armer unter den Armen. Eine irre Geschichte. Was ist das, was Menschen noch heute an ihm fasziniert?
Das eine Stichwort ist in der Tat Armut. Ich würde es heute übersetzen mit „einfaches Leben“. Also was brauche ich oder was brauche ich auch nicht? Das andere ist, wie Franziskus Schöpfung gesehen und entdeckt hat und wie er sich darin bewegt hat. Ich glaube, das ist heute etwas sehr Aktuelles. Und das Stichwort Evangelium. Nicht nur die Lebensbiografie eines Jesus von Nazareth, sondern einfach, was da an Impulsen drinsteckt. Was lässt sich herunterbrechen in meine Zeit und Welt. Es gibt ja diesen schönen Satz: Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast. Und ich glaube, darum geht es.
Nun ist Armut ja etwas, das vielem widerspricht, was Menschen heute wichtig ist. Wie schafft man es, freiwillig arm zu leben?
Mit einer Portion Ernsthaftigkeit und mit einer Portion Leichtigkeit. Also Armut sollte nichts Verkrampftes sein, sondern ich sehe es als eine Grundrichtung im Sinne eines einfachen Lebens. Das heißt auch für mich, ich brauche nicht alles, sondern ich finde hinein in ein miteinander teilen. Ich bin mir auch dessen bewusst: Ich werde nicht so arm leben, wie ein Armer lebt. Und da ist für mich ganz wichtig, die Armen zu sehen: wie nehme ich sie wahr, wie begegne ich ihnen?
Franz ist damals, wie Jesus, zu den Leprakranken gegangen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren? Warum war das im Rückblick so wichtig?
Die Begegnung mit dem Aussätzigen ist für Franziskus die zentrale Schlüsselstelle seines Lebens gewesen. Den Menschen nicht auszuweichen in ihren Lebenssituationen, sondern sich diesen Situationen auch zu stellen. Franziskus hat sich selber überwinden müssen und kann rückblickend sagen: das ist nicht aus meiner eigenen Kraft entstanden, sondern ich weiß mich geführt von etwas Größerem.
Ich begegne Franziskanerbruder P. Norbert Lammers. Einem echten Nordlicht. Aufgewachsen im Emsland hat es ihn durch seinen Orden vor vielen Jahren nach Hessen verschlagen.
Sein Ordensgründer Franz von Assisi hat im Jahr vor seinem Tod ein Stück Weltliteratur geschrieben. Ein großes Loblied auf Gottes Schöpfung. Auf alles, was ihn umgibt. Alles seine Brüder und Schwestern, sagt Franz.
Dieser Gesang ist ja geboren worden in einer für Franziskus sehr schwierigen Zeit, wo er über sich und seinen Weg nachgedacht hat. Und als wenn so ein Schalter umgelegt wird, dass er, wenn er über sich und sein Leben reflektiert, aufmerksam wird mehr und mehr auf den, der hinter allem steht. In der Schöpfung entdeckt Franziskus etwas von der bedingungslosen Liebe des Schöpfers, der Schöpferin.
Meine ganze Umwelt also ein einziger Ort, an dem auch ich Gott erfahren kann.
Jemand hat mal davon gesprochen, dass Gott transparent ist. Und das finde ich eigentlich ein schöner Ausdruck auch. Gott wird transparent in der Schöpfung. Wenn der Mensch darüber staunt, wie schön die Schöpfung ist.
Wenn ich die Welt so wie Franz von Assisi sehe, was wären die Konsequenzen?
Ich glaube, den Blickwinkel auf die Schöpfung zu verändern. Also nicht als Gegenüber, mit dem ich machen kann, was ich will. Die Schöpfung wirklich sehen zu lernen als Mitgeschöpf und ja, der Schöpfung zum Leben zu verhelfen.
Naturschutz könnte man dann auch als eine Art spirituelle Übung sehen.
Spiritualität hat etwas mit einer Einstellung oder mit einer Geisteshaltung zu tun. Das heißt, aus welchen Quellen lebe ich? Oder möchte ich leben? Also ich glaube schon, dass Schöpfung und der Umgang mit ihr etwas mit Spiritualität zu tun hat.
Am Ende frage ich Br. Norbert zu einem besonderen Aspekt der Schöpfung. Nach der Bibel erschafft Gott zum Schluss den Menschen. Gott sah alles an, heißt es da, und es war sehr gut. Daran knüpft die berührende ARD-Doku „Wie Gott uns schuf“ an. Auch Br. Norbert hat darin mitgewirkt. Sie stellt mehr als 100 Menschen vor, die für die Katholische Kirche arbeiten und queer sind. Für Manche in der Kirche ein Problem. Ist also doch nicht alles gut, was Gott geschaffen hat?
Also ich sage immer gerne: Gott ist der Liebhaber oder die Liebhaberin der Vielfalt. Die Vielfalt der Schöpfung. Die Buntheit. Und wenn er den Menschen geschaffen hat, und es war sehr gut, dann liebt Gott auch die Liebesfähigkeit und die Liebesbedürftigkeit des Menschen und will, dass der Mensch sich auch entfalten kann. Also ich glaube, wir queere Menschen sind von Gott gewollt und geliebt und das ist bei allen Menschen noch nicht angekommen. Leider.
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Ich bin begeistert von der Literatur der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin. In ihren Büchern greift sie ernste und wichtige Themen wie Trauer oder Pflege auf. Und trotzdem sind ihre Texte immer auch mit Humor gespickt. So erlebe ich Helga Schubert auch bei unserer Begegnung: Eine Frau, die mit ihren 86 Jahren sehr witzig ist, obwohl sie sehr viel Schlimmes durchgemacht hat: Geboren im Zweiten Weltkrieg, aufgewachsen mit einer Mutter, die sie ablehnte. Der Vater im Krieg gefallen. Ein Leben als Christin in der DDR. Bespitzelt durch die Stasi. Sie arbeitete als Psychotherapeutin. Besiegte eine Krebserkrankung. Und pflegte zuletzt ihren schwerkranken Ehemann, der 2025 verstorben ist. Wie hat sie das alles geschafft?
Indem man es annimmt, das ist wirklich meine einzige Antwort nach den vielen Jahrzehnten, die ich selbst in der Psychotherapie gearbeitet habe und in der ich einfach diesem Leben so gegenübergestanden habe, bis ich gedacht habe das nehme ich jetzt an. Das hört sich vielleicht ganz einfach an, aber das ist die Lösung. Wenn man dann auf irgendeine Weise noch eine Distanz dazu kriegt, die aber nur durch Humor kommen darf. Die Distanz, die muss dadurch kommen, dass man sich auch relativiert, dass man das eigene Leben relativiert und einfach weiß, es gibt etwas viel Größeres als dieses eigene Leben. Und daran glaube ich.
Helga Schubert ist evangelisch, sie gehört zu den wenigen Christen in Mecklenburg-Vorpommern. Über die Pflege ihres Mannes hat sie ein Buch ganz ohne Pathos geschrieben. Es heißt: “Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe.” Darin spielt auch ihr christlicher Glaube eine große Rolle:
Denn dann sollte durchaus auch was Religiöses sein in diesem Buch, denn ich habe ja auch ein Motto genommen aus Matthäus: „Darum sorge nicht für den morgigen Tag – denn der morgige Tag wird für das seine Sorgen.”Also das ist durchaus ein Hoffnungssatz.
Dieser Satz von Jesus Christus gibt ihr Zuversicht - auch in schweren Zeiten. Und der Untertitel “Stundenbuch der Liebe”, der hat mich als Theologe neugierig gemacht. Denn Stundenbücher sind seit dem Mittelalter die Andachts- und Gebetbücher der Gläubigen. Ich mag Helga Schuberts Gedanken: Auch die Pflege eines geliebten Menschen kann Gebet sein. Dabei ist Helga Schubert überhaupt nicht religiös erzogen worden:
Wodurch bin ich jetzt gläubig geworden? Ich bin dadurch gläubig geworden, dass ich gemerkt habe, was es für eine unglaubliche Wärme bedeutet, wenn man gesegnet wird, wenn man zu etwas dazu gehört, was ruhig, vernünftig, warmherzig und dann auch noch geborgenheitsspendend ist. Ja, dass es friedlich ist.
Auch und gerade in der Zeit nach dem Tod ihres Mannes, hat sie diese Wärme und Geborgenheit weiter gespürt. Ihr aktuelles Werk, das nun auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird und von der Zeit der Trauer nach dem Tod ihres Mannes erzählt, heißt: “Die Woche danach. Ein Stundenbuch der Hoffnung.” Wie sie auf den Tag der deutschen Einheit blickt, hören Sie nach der Musik.
Ich treffe die Schriftstellerin Helga Schubert in ihrer Wohnung in den Weiten von Nordwestmecklenburg. Mitten auf dem Land. Geboren wurde sie 1940 in Berlin. Die Autorin erinnert sich an ihre ersten Schuljahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie durfte am Religionsunterricht teilnehmen, obwohl sie im russischen Sektor Berlins wohnte. Dort und auch im Kindergottesdienst lernte sie die Botschaft Jesu kennen:
Das war für mich eine vollkommen andere Geisteshaltung als die, die in der Schule gepredigt wurde mit […] Diktatur der Arbeiterklasse und so. Hier ging es immer um Versöhnung, um Frieden und vor allen Dingen dieser Segen am Ende des Gottesdienstes, das war für mich also dass alles vergeben wird und dass einem nicht jemand immerzu was Übel nimmt. Und das man nicht immerzu mit einer schweigenden Mutter konfrontiert ist, die einem das oder das Übel nimmt, die tagelang nicht mit einem gesprochen hat.
Das Verhältnis zu ihrer Mutter war ganz schwierig- die Ablehnung, die sie von ihr erfahren hat, thematisiert Helga Schubert immer wieder in ihrer Literatur. Aber sie erzählt mir auch, dass sie ihrer Mutter dankbar ist: dafür, dass sie ihr kritisches Denken beigebracht hat und den Wert der Demokratie.
Sie ist sehr, sehr politisch klar gewesen in ihrer Ablehnung der SED [...]- also meiner Mutter verdanke ich diese politische pro-demokratische Haltung und da war ich sehr früh eigentlich vorgewarnt, dass man sehr vorsichtig sein muss. Und dann hab ich auch in der Staatssicherheitsakte, die über mich geführt worden ist wegen staatsgefährdender Hetze und Diversion - seit 1976 haben sie gegen mich ermittelt - da hat dieser Leiter dieser Untersuchung gegen mich reingeschrieben in meine Akte: Es ist trotz jahrelanger Bemühung nicht möglich […] in das Privatleben der Schubert einen informellen Mitarbeiter zu platzieren.
Aufgrund dieser Erfahrungen ist es Helga Schubert umso wichtiger gerade auch heute für demokratische Werte, Gewaltenteilung und Menschenwürde einzustehen. Weil ihr die freie Wahl so wichtig ist, war sie auch gemeinsam mit dem Pastor ihrer Gemeinde bei der Auszählung der Stimmen am Wahlabend jetzt bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern vor Ort in ihrer Heimatgemeinde. Sie hat am eigenen Leib unter zwei Diktaturen gelitten- der Nazizeit und der DDR. Wenn jemand heute in ihrem Umfeld rechtsextremistische Gedanken vertritt oder die DDR schönredet, dann kann und will sie dazu nicht schweigen. Was bedeutet ihr der Tag der deutschen Einheit?
Das ist eine äußere Erlösung, die wirklich bei mir ein großes Glücksgefühl immer wieder hervorruft. Dass wir eine Diktatur überwunden haben mit friedlichen Mitteln. [...] Dass ich in einem Europa lebe und in einem Land, in dem die Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet ist, ist für mich das Wichtigste. Weil daraus alles andere folgt. Daraus folgt alles. Ich kann wählen. Ich kann nicht wählen. Ich kann mich informieren. Ich bin nicht eingesperrt, ich werde nicht überwacht. Das sind alles Dinge, die zu einem Lebensglück beitragen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45277
Ich bin Manuela Pfann von der katholischen Kirche und zu Gast im großen Apfelgarten des Klosters Beuron in der Nähe von Sigmaringen. Rund 200 Apfelbäume stehen da, 26 verschiedene Sorten. Was diesen Apfelgarten so besonders macht, erklärt mir Markus Ellinger. Er ist Experte für das, was in Wald und Wiese lebt. Hauptberuflich arbeitet der studierte Förster als Ranger und ehrenamtlich ist er in der BODEG engagiert, der bäuerlichen Vermarktungs-Genossenschaft oberes Donautal. Und die kümmert sich um den klösterlichen Apfelgarten, in dem wir stehen.
Wir versuchen hier viel Strukturvielfalt zu schaffen. Man sieht Biotope, die Lebensraum sind für viele Insekten, aber auch für Vögel oder Kleinsäuger. Wir hängen Nisthilfen in die Bäume. Das kann mal ein Insekten-Nistklotz für Wildbienen sein. Das kann ein Ohrenzwicker Töpfchen sein, weil die Ohrenzwicker fressen uns wieder die Blattläuse.
So sieht also eine echte Streuobstwiese aus: Die große Artenvielfalt ist wichtig. Es gibt Streuobstwiesen, da leben 5000 Tier- und Pflanzenarten.
Ich bin mir sicher: Hier hätte es auch dem heiligen Franziskus gefallen. Der berühmte Mönch aus Assisi ist vor 800 Jahren gestorben. Er hat die gesamte Schöpfung immer als eine große Familie gesehen. Deshalb hat er Tiere und Pflanzen auch als Bruder und Schwester der Menschen bezeichnet. Markus Ellinger meint:
Ich glaube, dass wir uns gut verstehen würden, so wie ich ihn verstanden habe, nämlich, dass jedes Wesen seinen Wert hat und seine Berechtigung hat. Und das ist das, was wir hier im Apfelgarten als BODEG auch versuchen oder was mir als Ranger draußen in der Natur wichtig ist. Dass wir mit Respekt miteinander umgehen, mit unseren Mitgeschöpfen wie auch mit unseren Mitmenschen.
Bruder Felix kommt bei uns im Apfelgarten vorbei. Der Benediktinermönch ist der Gärtner und Schnapsbrenner des Klosters Beuron. Etliche Äpfel aus dem Garten landen bei ihm in der Brennerei. Er schlägt noch einen anderen Ton an, wenn er an den heiligen Franziskus denkt, den Gründer des Franziskaner-Ordens.
Ihn würde einfach schmerzen, wie wir mit der Welt umgehen. Ohne jetzt an die Konsequenzen zu denken. Dieser Ressourcenverbrauch, den wir uns gerade leisten, ich sag einfach mal, das ist ungesund.
Und gleichzeitig setzt Bruder Felix auf die Widerstandsfähigkeit der Natur und ist sich sicher:
Die Natur hat immer eine Antwort. Die sieht vielleicht nicht so aus, wie wir es uns vorstellen oder wie wir meinen, dass es uns dient. Wenn wir von Naturschutz reden, dann meinen wir eigentlich, die Natur sollte so sein, dass wir was davon haben.
Genau deshalb mag Bruder Felix den Apfelgarten so gern, weil es hier anders ist: keine Maßnahmen, um den Ertrag zu steigern. Im Gegenteil: Die Genossenschaft hat sogar Bäume entfernt, damit mehr Licht und Luft auf die Wiese kommt, es gibt keine Pflanzenschutzmittel und die Bäume werden nur alle vier oder fünf Jahre geschnitten.
Wir haben uns dem Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft verschrieben, weil wir davon überzeugt sind, dass sie für Natur wie aber auch für den Menschen ein ganz, ganz wichtiges Gut ist, was ein Wohlgefühl erzeugt und uns resilient macht gegen äußere Einflüsse, ob es jetzt Klimawandel oder anderes ist.
Mitten im Apfelgarten hat Markus Ellinger einen Tisch aufgestellt. Ich darf probieren, was aus dem Streuobst im oberen Donautal gemacht wird: Birnenschorle, Apfelcidre – und Essige. Wir machen ein kleines Essig-Tasting. Bisher kannte ich das nur mit Wein oder Whisky und bin deshalb gespannt.
Es gibt eine Dramaturgie. Man muss mit dem anfangen, der am filigransten schmeckt und aufhören mit dem, der am süßesten ist.
Markus Ellinger taucht eine Pipette zuerst in den Quitten-Essig.
Es gibt eine rustikale Variante zu verkosten, nämlich auf der Hand. Diese Kuhle hier, wenn man die Hand überdehnt. Der Franzose nennt es Tabatiere, weil man da auch den Schnupftabak rein macht.
Und eins ist dabei wichtig:
... dass man nicht falsch genant ist und die Zunge nur vorsichtig dippt, sondern wie ein Hund die ganze Zunge durch den Essig zieht.
Ich probiere das aus. Es funktioniert und ich finde alle Essigsorten sehr schmackhaft. Am liebsten mag ich den Birnen-Balsamico: Hmh, der ist richtig lecker. Der ist gut.
Und wenn es ein Kräuteressig ist, dann wird der Apfelessig als Basis vom Bruder Felix mit Kräutern angesetzt. Also die werden nicht vorher getrocknet, sondern die Kräuter kommen frisch in den Essig.
Ich merke, wie Markus Ellinger brennt für die Streuobstwiesen und ihre Früchte. Ich frage ihn, woher seine Leidenschaft kommt.
Ich bin im Streuobstgürtel vor der Schwäbischen Alb groß geworden. Als Kind bin ich durch die Wacholderheiden, Streuobstwiesen und Hecken meiner Heimat gestreift. Jeder hat ein Bild vom Paradies für sich. Glaube ich zumindest. Für mich ist das Paradies ein Obstgarten.
Ein schönes Bild finde ich! Und es kommt der biblischen Bedeutung von Paradies nahe. Es ist ein Synonym für den Garten Eden; also für den Ort, an dem das Leben begonnen hat, in dem die Geschöpfe in Einklang mit sich und den anderen leben. Die Realität im Streuobstgarten ist aber nicht in allen Aspekten paradiesisch:
Streuobst ist hochdefizitär, aber einer der artenreichsten Lebensräume, die wir überhaupt haben. Und den würden wir gerne erhalten.
Ich finde es toll, dass sich so viele Menschen, meistens ehrenamtlich, um Streuobstwiesen kümmern. Und dass die UNESCO sie zum immateriellen Kulturerbe erklärt hat, ist ja ein Zeichen! Aber die Schieflage bleibt: Mit Masse und Monokulturen kann man Geld verdienen, mit naturnaher Pflege und Bewirtschaftung nicht. Und deshalb teile ich die Mission von Markus Ellinger und der bäuerlichen Genossenschaft:
Wenn es uns gelingt zu zeigen, dass Ökologie und Ökonomie sich nicht ausschließen, sondern zwei Seiten derselben Medaille sind. Vielleicht ist es das, wo ich merke, was mich schon lange antreibt. Mit der Natur wirtschaften und ein gutes Einkommen für uns alle erzielen. Das ist so eine Vision.
Und die würde ganz sicher auch der heilige Franziskus unterstützen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45241
Peter Annweiler trifft Maike Schult, Expertin für traumasensible Seelsorge
Teil 1: Von 9/11 in die Traumaforschung
Vor genau 25 Jahren hat die Marburger Theologieprofessorin angefangen, sich mit dem Phänomen „Trauma“ zu beschäftigen – also mit tiefen seelischen Verletzungen. Damals, im Jahr 2001, war sie dort, wo das Jahrhundert so prägend begonnen hat.
Ich war ein einziges Mal in meinem Leben in den Vereinigten Staaten und das war nun ausgerechnet über den 11. September. Ich war gar nicht selbst Teil der Ereignisse. Aber ich habe an mir beobachtet, dass mich die Berichterstattung über 9/11 noch über sehr viele Jahre sehr stark emotional beschäftigt hat. Wenn ich die Bilder gesehen habe, hat es in mir einfach geweint - und auch nach außen geweint, und ich konnte diese tiefe, vielleicht zu tiefe Einfühlung in die Ereignisse nicht abstellen.
Wenn wir in erster Reihe oder auch „nur“ medial bei einer bedrohlichen Lage dabei sind, hat das manchmal kaum kontrollierbare Folgen. Und die können sogar bei Zeugen ein Trauma auslösen. – Doch wie erkennt man so eine verletzte Seele? Wenn Menschen zunächst gar keine Worte finden?
Betroffene schweigen vor allem. Wenn sie davon erzählen, erzählen sie immer wieder dasselbe, ohne Fortschritt. Und bei mir selber entsteht vielleicht ein Gefühl der Aussichtslosigkeit, als ob ich mit jemandem im Kreis fahren würde. Auf der anderen Seite ist es dann oft der Körper, der spricht. Es sind Körpersymptome, die sich zeigen können. Angststörungen, Panikattacken, Schweißausbrüche.
Maike Schult hat sich gründlich mit dem Phänomen Trauma auseinandergesetzt. Mich beeindruckt, wie sie theoretisch fundiert und praktisch versiert damit umgeht.
Es gibt manche Dinge, die man tun sollte und manche, die man lieber lässt. Das eine ist zum Beispiel, Traumatisierte nicht noch stärker in die Vergangenheit wieder hineinzuführen, weil sie manchmal nicht aus eigener Kraft aus der alten Geschichte herausfinden. Trauma ist etwas, was sich nicht abnutzt, es meldet sich wieder mit einem Hier-und-Jetzt-Gefühl.
Und diese Forschungsergebnisse hat Maike Schult in einem Buch zusammengefasst: „Ein Hauch von Ordnung – Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge“ heißt es. Und darin wird klar:
Für Betroffene ist es oft so, dass ihre Welt aus den Fugen geraten ist. Sie sehnen sich danach neu geordnet, vielleicht auch behütet, wieder durchs Leben gehen zu können. Aber dieses Bedürfnis nach Ordnung kann auch schnell kippen in die andere Richtung und wird dann zwanghaft. Dann gibt es ein Zuviel an Ordnung.
Wer ständig Ordnung um sich braucht, ist nicht mehr fähig, sich auf Neues einzulassen. Wie schön, dass die Theologin dafür eine Perspektive zeigt:
Dann braucht es den Hauch, um die Dinge zu beleben, wie wir ihn aus der biblischen Schöpfungsgeschichte kennen, die Ruach, die Beseelung des Menschen. Und mit diesem Hauch verbinden wir vielleicht auch so einen Moment der Leichtigkeit, der Distanzierungsfähigkeit, die Möglichkeit zu beleben, kreativ zu werden.
Beides ist für Traumatisierte also wichtig: Die haltgebende Ordnung und der beseelende Hauch – das Geschenk, sich neu lebendig zu fühlen.
Teil 2: Von der Traumaforschung in die Seelsorge
Die Marburger Theologieprofessorin hat sich viel mit traumasensibler Seelsorge beschäftigt – und dabei in der letzten Zeit eine Veränderung festgestellt. Das kleine Wort „Trauma“ meint ja eigentlich eine seelische Wunde und das „Unbesprechbare“ an erlebtem Schrecken, an Kriegen, Krisen und Katastrophen. Trotzdem ist das Wort ja gerade in aller Munde. Seit Maike Schult an dem Thema arbeitet
ist aus einem Tabuthema ein Modethema geworden. Und man hat ein bisschen den Verdacht, dass man gerade über das ständige Benennen von Trauma dem Gegenstand selber wieder ausweicht.
Das habe ich auch schon beobachtet: Manchmal kommen die Worte „Trigger“ oder „Trauma“ so oft vor, dass ich mich frage: Wer kümmert sich da eigentlich noch um die seelische Wunde?
Nach meiner Erfahrungsprechen Traumatisierte von sich selber sehr selten mit Trauma-Vokabular. Sie erzählen ohnehin nicht gerne ihre Geschichte, sie sind eher scheu, sich mit diesen Dingen auszuweisen.
Im Blick auf ein Trauma genau das zu hören, was jemand nicht sagen kann –am besten gelingt das in der Seelsorge, wenn jemand nicht nach Details fragt – und auch nicht versucht, empathisch mitzufühlen. Traumatisierte brauchen eher ein ordnendes und lenkendes Gegenüber. Da muss man auch aushalten, etwas „Unverdauliches“ vor die Füße gespuckt zu bekommen. Manchmal müssen sich Zorn oder Klage einfach Bahn brachen - ohne ein „schönes“ oder „lösendes“ Gespräch. Und womöglich hilft genau das, anzuerkennen wie zerbrechlich das Leben ist.
Trauma ist vielleicht ein Extremereignis, aber erinnert doch an eine Grundbefindlichkeit des Lebens, dass wir ein sehr verletzliches Leben haben und eben auch nur eines, dass in Sekundenschnelle zerstört werden kann, mindestens verwundet werden kann.
Und hier kommt für die Theologin Maike Schult die Mitte der christlichen Religion zum Tragen. Denn in der Mitte steht in Jesus Christus ein gekreuzigter Mensch, der auch unfassbar Schreckliches erlebt hat.
Da könnte ich mir vorstellen, dass wir eigentlich eine Grundakzeptanz haben, uns auch einen verwundeten Gott zum Beispiel vorzustellen und ausdieser Haltung heraus vielleicht nicht der Illusion anhängen, dass Traumatisierungen einfach geheilt werden können, aber dass auch dieses verwundete Leben bei Gott gesehen wird.
Und das ist tröstlich: Dass ich auch trotz Verwundungen ein wertvolles und würdiges Leben führen kann. In meinen Augen ist das der wichtigste Beitrag der Seelsorge für die Krisen der Gegenwart: Menschen mit ihren Verwundungen „resilient“, also stark, zu machen. Durch eine Botschaft, die auch dem Unaussprechlichen und Unverdaulichen Raum gibt.
Maike Schult leistet mit ihrer Forschung zu traumasensibler Seelsorge einen wichtigen Beitrag dazu.
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Mehr Infos:
Maike Schult, Ein Hauch von Ordnung: Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge, Leipzig 2023

Seinen Durchbruch feierte der Schauspieler in der Komödie “Fack ju Göthe” als rebellischer Schüler Danger. Seit Anfang September läuft sein neuer Film “Das gewisse Etwas” in den Kinos. Den hat Max von der Groeben gemeinsam mit Menschen mit Beeinträchtigung gedreht - eine ganz besondere Erfahrung:
“Der Dreh zu “Das gewisse Etwas” war definitiv einer der emotionalsten, die ich je hatte. Unser Regisseur Marc Rothemund war sehr offen was Ideen und auch Improvisationen angeht. Und wir sind dann auch eingegangen auf die Ideen, aber auch Bedürfnisse von den Kolleginnen und Kollegen mit Beeinträchtigung und dann sind da ganz tolle Sachen entstanden!
Max spielt einen Kleinganoven, der sich nach einem Banküberfall in eine Reisegruppe von Menschen mit Behinderung reinmogelt, um dem Knast zu entgehen-diese Gemeinschaft verändert und prägt ihn und er versteht, dass jeder Mensch eine Seele hat und Gefühle, die verletzt werden können.
Der Film zeigt, dass es gemeinschaftlich nicht nur schöner ist, sondern einfacher für alle Beteiligten. Reicht euch die Hand, helft Leuten die Hilfe brauchen, lasst euch aber auch mal helfen , das ist auch nicht immer ganz leicht. Ich finde dieses Gemeinschaftsgefühl ist extrem stark in dem Film- ich glaub das ist gerade in der heutigen Zeit und auch generell auf Deutschland, Europa , die ganze Welt zu übertragen: ein bisschen mehr Miteinander wäre hier und da nicht schlecht.
Die Botschaft ist umso wichtiger, weil Menschen mit Behinderung immer noch diskriminiert werden.
Der Film versucht nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf einer spielerischen, humorvollen Art dem Thema zu begegnen - das ist glaub ich oft ein guter Ansatz, der erreicht häufig mehr Menschen, aber mit kleinen Botschaften versuchen wir eben so aufmerksam zu machen auf die Probleme, auf die Rückstände die es in der Gesellschaft immer noch gibt für viele Menschen mit Beeinträchtigung.
Max von der Groeben positioniert sich da ganz klar:
Das geht natürlich gar nicht und ich hoffe, dass wir vielleicht mit unserem Film auch noch mal eine breite Öffentlichkeit ansprechen können und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Menschen mit Beeinträchtigung Teil unserer Gesellschaft sind. Und ja, die sind teilweise auch auf Hilfe angewiesen -manche mehr, manche weniger. Und das man niemanden hintenüberfallen lassen darf, nur weil er vielleicht nicht ganz so oft gesehen wird und das versuchen wir mit diesem Film eben zu ändern. Und mehr Sichtbarkeit einfach schaffen.
Ich treffe Max von der Groeben in seiner Geburts- und Heimatstadt Köln. Hier hat er beim Judotraining als Jugendlicher zum ersten Mal Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung gehabt. Sein Vater Alexander von der Groeben war Judo-Europameister. Seine Mutter Ulrike von der Groeben Moderatorin. Ich erlebe ihn bei unserer Begegnung als Kumpeltyp, locker und witzig...
Ja, da hilft glaub ich grundsätzlich meine positive, offene , meine kölsche Art, die hilft glaub ich generell oft im Leben, Menschen zu begegnen und erst mal das gute in jedem zu sehen.
Besonders berührt hat mich die Schlusssequenz des Films: Da werden alle Schauspieler mit und ohne Behinderung in Großaufnahmen gezeigt - als Geschöpfe mit Würde. Die Botschaft: Jedes Leben ist unendlich wertvoll. Welche Rolle Glaube für Max von der Groeben spielt und warum er sich auch gegen Rassismus positioniert, hören Sie nach der Musik.
Ich treffe den Schauspieler Max von Groeben. Er hat die renommierte Otto-Falckenberg-Schule in München besucht und wurde berühmt mit der Trilogie “Fack ju Goethe.” Aktuell spielt er die Hauptrolle in dem Film “Das gewisse Etwas”. Die Komödie läuft gerade in den Kinos und ist eine Produktion gemeinsam mit Menschen mit Behinderung. Was bedeuten dem 34-Jährigen christliche Werte?
In Europa oder in der westlichen Welt hat die Kirche viele unserer Werte geprägt, z.B. die Zehn Gebote, die Nächstenliebe und ich glaube das sähe heute hier alles wahrscheinlich anders aus, wenn wir nicht diese Prägungen in der Moralität und im Umgang miteinander mit der Kirche gehabt hätten und das sind auch meine Werte, die ich vertrete.
Und an was glaubt Max von der Groeben?
Daran, dass es etwas über allem gibt, das uns auch irgendwie erschaffen hat und uns irgendwie zusammenhält.
Kann er etwas mit dem biblischen Satz anfangen: “Gott ist die Liebe?”
Ja, vielleicht ist es die Liebe, die verbindet ja auch alles... und Liebe heißt ja nicht immer eine romantische Liebe.
Sondern, so meint Max von der Groeben, auch die Liebe zu den Mitmenschen. In der Serie “Hundertdreizehn” spielt er voller Hingabe etwa den Feuerwehrmann Jesper, der, unter Lebensgefahr, zwei Kinder aus einem brennenden Bus rettet. Und der sich mit seinem Vater nach Jahren des Streits wieder versöhnt:
Jeder Mensch macht Fehler und sich die einzugestehen ist nicht leicht, aber es gibt manche Dinge, die kann man nicht ewig vor sich hinschieben. Ich glaub es gibt keinen Mensch der Welt der sagt: Dass ich mich da jetzt mit dem versöhnt habe oder ausgesprochen hab, das war echt nicht gut - also es ist doch immer besser! Und man kann es nur selber machen und man muss es einfach machen und und da gehört Mut dazu.
Mut hat Max von der Groeben auch, wenn es darum geht sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu positionieren. Gleich zwei seiner Filme - “Die Mittagfrau” und “Die Nichte des Polizisten” - wollen die Zuschauer aufrütteln, die Demokratie zu verteidigen:
Niemand, kein Mensch der Welt,wird rassistisch oder mit Vorurteilen geboren, die kommen immer von außen - und deshalb sind Begegnungen ein großer Weg zum Erfolg genauso wie Bildung. Ich glaube Bildung, Bildung, Bildung und Aufklärung ist so entscheidend. Ich glaube jeder Mensch ist erst mal mit einem guten Herzen geboren und mit einem Offenen und es liegt an uns das auch weiter offen zu halten und zu füttern.”
Seinen Durchbruch feierte der Schauspieler in der Komödie “Fack ju Göthe” als rebellischer Schüler Danger. Seit Anfang September läuft sein neuer Film “Das gewisse Etwas” in den Kinos. Den hat Max von der Groeben gemeinsam mit Menschen mit Beeinträchtigung gedreht - eine ganz besondere Erfahrung:
“Der Dreh zu “Das gewisse Etwas” war definitiv einer der emotionalsten, die ich je hatte. Unser Regisseur Marc Rothemund war sehr offen was Ideen und auch Improvisationen angeht. Und wir sind dann auch eingegangen auf die Ideen, aber auch Bedürfnisse von den Kolleginnen und Kollegen mit Beeinträchtigung und dann sind da ganz tolle Sachen entstanden!
Max spielt einen Kleinganoven, der sich nach einem Banküberfall in eine Reisegruppe von Menschen mit Behinderung reinmogelt, um dem Knast zu entgehen-diese Gemeinschaft verändert und prägt ihn und er versteht, dass jeder Mensch eine Seele hat und Gefühle, die verletzt werden können.
Der Film zeigt, dass es gemeinschaftlich nicht nur schöner ist, sondern einfacher für alle Beteiligten. Reicht euch die Hand, helft Leuten die Hilfe brauchen, lasst euch aber auch mal helfen , das ist auch nicht immer ganz leicht. Ich finde dieses Gemeinschaftsgefühl ist extrem stark in dem Film- ich glaub das ist gerade in der heutigen Zeit und auch generell auf Deutschland, Europa , die ganze Welt zu übertragen: ein bisschen mehr Miteinander wäre hier und da nicht schlecht.
Die Botschaft ist umso wichtiger, weil Menschen mit Behinderung immer noch diskriminiert werden.
Der Film versucht nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf einer spielerischen, humorvollen Art dem Thema zu begegnen - das ist glaub ich oft ein guter Ansatz, der erreicht häufig mehr Menschen, aber mit kleinen Botschaften versuchen wir eben so aufmerksam zu machen auf die Probleme, auf die Rückstände die es in der Gesellschaft immer noch gibt für viele Menschen mit Beeinträchtigung.
Max von der Groeben positioniert sich da ganz klar:
Das geht natürlich gar nicht und ich hoffe, dass wir vielleicht mit unserem Film auch noch mal eine breite Öffentlichkeit ansprechen können und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Menschen mit Beeinträchtigung Teil unserer Gesellschaft sind. Und ja, die sind teilweise auch auf Hilfe angewiesen -manche mehr, manche weniger. Und das man niemanden hintenüberfallen lassen darf, nur weil er vielleicht nicht ganz so oft gesehen wird und das versuchen wir mit diesem Film eben zu ändern. Und mehr Sichtbarkeit einfach schaffen.
Ich treffe Max von der Groeben in seiner Geburts- und Heimatstadt Köln. Hier hat er beim Judotraining als Jugendlicher zum ersten Mal Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung gehabt. Sein Vater Alexander von der Groeben war Judo-Europameister. Seine Mutter Ulrike von der Groeben Moderatorin. Ich erlebe ihn bei unserer Begegnung als Kumpeltyp, locker und witzig...
Ja, da hilft glaub ich grundsätzlich meine positive, offene , meine kölsche Art, die hilft glaub ich generell oft im Leben, Menschen zu begegnen und erst mal das gute in jedem zu sehen.
Besonders berührt hat mich die Schlusssequenz des Films: Da werden alle Schauspieler mit und ohne Behinderung in Großaufnahmen gezeigt - als Geschöpfe mit Würde. Die Botschaft: Jedes Leben ist unendlich wertvoll. Welche Rolle Glaube für Max von der Groeben spielt und warum er sich auch gegen Rassismus positioniert, hören Sie nach der Musik.
2.Teil:
Mit Christopher Hoffmann. Ich treffe den Schauspieler Max von Groeben. Er hat die renommierte Otto-Falckenberg-Schule in München besucht und wurde berühmt mit der Trilogie “Fack ju Goethe.” Aktuell spielt er die Hauptrolle in dem Film “Das gewisse Etwas”. Die Komödie läuft gerade in den Kinos und ist eine Produktion gemeinsam mit Menschen mit Behinderung. Was bedeuten dem 34-Jährigen christliche Werte?
In Europa oder in der westlichen Welt hat die Kirche viele unserer Werte geprägt, z.B. die Zehn Gebote, die Nächstenliebe und ich glaube das sähe heute hier alles wahrscheinlich anders aus, wenn wir nicht diese Prägungen in der Moralität und im Umgang miteinander mit der Kirche gehabt hätten und das sind auch meine Werte, die ich vertrete.
Und an was glaubt Max von der Groeben?
Daran, dass es etwas über allem gibt, das uns auch irgendwie erschaffen hat und uns irgendwie zusammenhält.
Kann er etwas mit dem biblischen Satz anfangen: “Gott ist die Liebe?”
Ja, vielleicht ist es die Liebe, die verbindet ja auch alles... und Liebe heißt ja nicht immer eine romantische Liebe.
Sondern, so meint Max von der Groeben, auch die Liebe zu den Mitmenschen. In der Serie “Hundertdreizehn” spielt er voller Hingabe etwa den Feuerwehrmann Jesper, der, unter Lebensgefahr, zwei Kinder aus einem brennenden Bus rettet. Und der sich mit seinem Vater nach Jahren des Streits wieder versöhnt:
Jeder Mensch macht Fehler und sich die einzugestehen ist nicht leicht, aber es gibt manche Dinge, die kann man nicht ewig vor sich hinschieben. Ich glaub es gibt keinen Mensch der Welt der sagt: Dass ich mich da jetzt mit dem versöhnt habe oder ausgesprochen hab, das war echt nicht gut - also es ist doch immer besser! Und man kann es nur selber machen und man muss es einfach machen und und da gehört Mut dazu.
Mut hat Max von der Groeben auch, wenn es darum geht sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu positionieren. Gleich zwei seiner Filme - “Die Mittagfrau” und “Die Nichte des Polizisten” - wollen die Zuschauer aufrütteln, die Demokratie zu verteidigen:
Niemand, kein Mensch der Welt,wird rassistisch oder mit Vorurteilen geboren, die kommen immer von außen - und deshalb sind Begegnungen ein großer Weg zum Erfolg genauso wie Bildung. Ich glaube Bildung, Bildung, Bildung und Aufklärung ist so entscheidend. Ich glaube jeder Mensch ist erst mal mit einem guten Herzen geboren und mit einem Offenen und es liegt an uns das auch weiter offen zu halten und zu füttern.”
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45165
Anne Waßmann-Böhm trifft Pfarrerin Manuela Rimbach-Sator
40 Jahre lang war sie Gemeindepfarrerin in Rheinhessen und kennt das Leben der Leute hier: die Arbeit in den Weinbergen im Rhythmus der Jahreszeiten. Und genau deshalb hat ihre Landeskirche sie jetzt, im Ruhestand, mit einer neuen Aufgabe betraut: der Winzerseelsorge. Aber warum braucht es für Winzer überhaupt ein eigenes Angebot?
Dahinter steckt die Wahrnehmung, dass es in der Weinbaubranche im Augenblick ganz besonders krisenhaft ist und dass es den Winzerinnen und Winzern, gerade den kleinen Betrieben, im Moment sehr schlecht geht und das belastet diese Menschen so sehr, dass manche sehr, sehr verzweifelt sind.
Auch früher ist das Geschäft mit dem Wein mal besser mal schlechter gelaufen – je nach Wetter oder auch der Kauflaune der Leute. Jetzt kommt aber eine Vielzahl neuer Herausforderungen noch oben drauf: Ein kompliziert gewordener Absatzmarkt, hohe Zölle im Auslandsgeschäft…
…oder die Klimakrise bewirkt, dass sich die Rebstöcke anders verhalten, die Schädlinge verhalten sich anders, die Winzer müssen mehr darauf reagieren, unter Umständen häufiger in den Wingert fahren. Das bedeutet, sie haben höhere Personalkosten, sie haben höhere Benzinkosten, also auf allen Ebenen ist das gerade besonders kompliziert geworden. Und manche mussten bereits das, was sie fürs Alter zurückgelegt haben, in den Betrieb stecken … Und das bedeutet, dass viele Winzer an dem Punkt stehen, dass sie sich fragen, ob sie nicht komplett aufgeben müssen, den Betrieb einstellen.
Was das mit den Menschen macht, kann Manuela Rimbach-Sator gut nachfühlen.
Mein ganzes Leben lang habe ich mit Winzern auch als Pfarrerin zu tun gehabt. Oft waren Winzer bei mir im Kirchenvorstand. Meine Konfirmanden haben selbstverständlich Trauben gelesen, damit der Wein zu ihrer Konfirmation selbst von ihnen gelesen war...Ich bin seit ungefähr 20 Jahren Mitglied der Weinbruderschaft Rheinhessen.
Und nun ihre neue Aufgabe: Menschen zu begleiten die vor der Entscheidung stehen: Aufgeben oder nicht? Gerade in Familienbetrieben weit mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung.
Und das ist wiederum für einen Winzer emotional fast nicht zu machen, wenn man sich überlegt, diese Betriebe sind oft in der zweiten, dritten, vierten Generation, und gegenüber meinem Vater, meinem Großvater, zu sagen, ich bin derjenige, der den Betrieb jetzt abwickelt, das ist eine große Hürde.
Aber wie kann eine Winzerseelsorgerin helfen? Was können die Betroffenen mit der Pfarrerin besprechen, das sie mit Kollegen, Freunden oder Familie nicht besprechen können?
Mit mir können sie zunächst einmal etwas besprechen, von dem sie sicher sind, es erfährt sonst niemand. Es bleibt zwischen dem Gesprächspartner und mir.
Denn zuzugeben: „Ich kann nicht mehr.“ das ist schwer. Das geht leichter in einem geschützten Raum und bei einer Außenstehenden. Und wenn nun jemand anruft und sagt, ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Was sagt die Seelsorgerin so jemandem?
Dann sage ich, erzählen Sie mir, was heute der Anlass war, weshalb Sie besonders heute nicht mehr können. Und dann gibt es manchmal einen Anlass, warum gerade jetzt der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und dann schauen wir uns diesen Anlass an und schauen von da aus weiter, was sonst alles noch ist.
Es sind ganz unterschiedliche Dinge, die das Fass zum Überlaufen bringen können. Manchmal nur Kleinigkeiten. Besonders dramatisch wird es aber, wenn es um Alter oder sogar Tod geht.
Wenn es ein Ein-Mann-, Zwei-Mann-Betrieb ist, dann ist die Krise sehr schnell, sehr existenziell. Und was besonders noch die Sache verschlimmert, ist, wenn vielleicht sogar ein Todesfall eintritt, wenn der Betriebsleiter plötzlich stirbt, oder wenn einfach die Generation, die mithilft, älter wird und nicht mehr mithelfen kann.
An diesem Punkt wird mir klar: Es geht um weit mehr als die wirtschaftliche Existenz. Das alles zusammen kann eine Seele nur schwer verkraften. Und wenn ein Betrieb wirklich nicht mehr zu retten ist, dann kommt auch noch die Scham dazu:
Menschen halten sich für Versager, auch wenn alle anderen sagen, du bist nicht dran schuld, kann es unter Umständen sich doch so anfühlen, als hätte man da versagt und hätte etwas falsch gemacht.
Wer mit solcher Last auf der Seele bei der Winzerseelsorgerin anruft, findet bei ihr natürlich nicht die Lösung für all diese Probleme, dafür aber einen Menschen, der diese Nöte mit aushält.
Es ist eigentlich sehr viel schlimmer, das nicht auszusprechen und das laufen zu lassen und sich keine Hilfe zu holen. Und da kann die Seelsorge begleiten und kann sagen, du bist nicht dran schuld, wenn du diese ganzen Krisen, die um dich herum entstehen, als zu groß empfindest. Das ist kein Versagen, das ist eher sogar ein angemessenes Reagieren auf die Situation.
Das ist wohl der Kern ihrer Arbeit als Winzerseelsorgerin: Anlaufstelle zu sein, wenn die Betroffenen gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Not.
Und in der Regel erlebe ich, dass Menschen manchmal wirklich vor allem diese Erfahrung machen müssen, dass einer mit ihnen aushält, was sie da gerade an Problemen haben. Aushält und dann sortiert.


Guten Morgen, ich bin Sabine Winkler (atmosphärische Schritte und Kinderstimmen) und hier mit meiner Familie im Wildparadies Tripsdrill bei Heilbronn unterwegs (eine Begrüßung ist im Hintergrund zu hören) und das ist Emilia Mappes, sie arbeitet für das ökumenische Kirchen-Projekt „Bibeltiere“. D.h. sie und ihr Team bieten Führungen zu Tieren an, die in der Bibel vorkommen:
„Also es geht eigentlich darum, dass wir die Tierwelt oder die Tierinformationen altersgerecht vermitteln, damit sich eben eine Art Verantwortung für die Tiere als Mitgeschöpfe herausbildet.“
Heute begleitet sie meine Familie und mich. Wir sind schnell per „Du“. Doch kaum angekommen, werden wir ganz neugierig begrüßt: Ein Damhirsch will wissen, ob wir was zu futtern dabeihaben.
(atmosphärischer Tier-Schnaufer, dann Emilia Mappes:) „Du bist jetzt aber schüchtern! - (eine Kinderstimme) Schau mal, Spucke hat der gemacht! - (eine andere Kinderstimme) Wieso gehen die immer weg von uns? (Emilia Mappes spricht) Hirsche und Rehe sind relativ scheue Tiere. Also, die leben zwar unter sich, meistens in Rudeln, aber bei Menschen sind sie relativ scheu.“
Wir sind plötzlich mitten auf Tuchfühlung mit den Tieren, lassen uns beschnuppern und streicheln sogar ein paar.
Emilia verrät mir dann, dass sie das mit einer Kindergruppe normalerweise erst am Ende einer Führung macht. Verständlich. Ihre Führungen beginnt sie stattdessen mit einem Impuls, um die Kinder zum Nachdenken anzuregen.
„Entweder ein Spiel oder mit so Tierkarten und Fotokarten. Welches Tier ist euer Lieblingstier? Was verbindet ihr mit dem Tier? Bei den Erwachsenen fragen wir auch oft: In welchem Tier seht ihr Gott oder versteht ihr Gott? Welche Eigenschaften erinnern euch an Gott?“
Und dann geht’s los zu den Tieren der Bibel. Jede Station ist ähnlich aufgebaut:
„Bei den Schafen, reden wir zum Beispiel darüber, dass Schafe sehr soziale Tiere sind, dass sie Freundschaften schließen., (…) Wir gehen dann auf die biblische Bedeutung des Tieres ein. Beim Schaf ist es zum Beispiel das am häufigsten erwähnte Tier in der Bibel mit ganzen 193 Malen, wenn ich mich recht erinnere [redaktionelle Anmerkung: 196 ist korrekt] und wird halt auch als besonderes reines Tier beschrieben.“
Schafe - sind die kleinen Superstars der Bibel, verrät Emilia:
„Das Mähen finden die Kids halt super, wenn die dann anfangen zu blöken.“
Das oft weiße Fell und die sanfte, ruhige Art von Schafen haben den Menschen schon früh das Gefühl von Reinheit und Frieden vermittelt. In der Bibel wird dieses Bild aufgegriffen. Schaf und Wolf stehen für das Gute und das Böse.
„Wölfe fressen das Schaf oder reißen das Schaf. Auf der anderen Seite gibt es auch Hoffnungsbilder mit dem Schaf und dem Wolf, wo die friedlich koexistieren. Was halt auch so ein Hoffnungsbild für die Zukunft sein soll, um eben noch mal einen anderen Zugang zu den Gefühlen des Menschen zu erlangen. Das finde ich voll spannend.“
Eine Führung dauert so zwischen ein und zwei Stunden und entdeckt werden können knapp 15 biblische Tiere. Das Wildparadies hat da einiges zu bieten. Plötzlich klappert es:
(Kinderstimme:) „Was macht hier so?“ - (Emilia Mappes:) „Das ist der Storch, der klappert. Das klingt cool, ne?“
Störche gelten als Symbol der Fürsorge, weil sie sich sowohl um die Jungtiere als auch um die Alten kümmern. Sie sind sehr treu und zuverlässig. „Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten“, so steht es bei Jeremia (Jer 8,7). Erinnert wird an die Zugzeiten der Vögel, die vorbildlich eingehalten werden, während die Menschen Gottes Gebote immer mal wieder ignorieren. (Erneutes klappern.) Und jetzt klappert der Storch direkt über uns!
Emilia ist Teil eines 4-köpfigen ökumenischen Kirchen-Teams, das Führungen im Wildparadies von Tripsdrill anbietet.
Eine biblische Tierführung können Familien oder Klassen kostenlos zum Eintritt dazubuchen und dann die Tiere hautnah kennenlernen.
Das Projekt-Team will damit eine Brücke zur Bibel schlagen:
Wir haben die Verantwortung für die ganze Schöpfung. Also, dass wir Tiere als Mitgeschöpfe erfahrbar machen, das ist ja der Punkt.
Wir kommen aus dem Wald heraus und sehen Greifvögel, wie sie die Sonne genießen. Meine Kinder staunen, denn da ist kein Käfig. Lediglich eine unscheinbare Flugleine bindet die Vögel an ihre Arena. Ein Weißkopfseeadler sitzt auf einem Baumstumpf und präsentiert sich uns.
„Guck mal, jetzt hat er seine Flügel ausgebreitet. Als ob er sich dir zeigen möchte. (…)Und jetzt kann man auch gut sehen, wieso der Adler als Wappentier benutzt wird. Wenn er seine Flügel ausbreitet, sieht er richtig majestätisch aus. Aus diesem Grund nennt man ihn auch König der Lüfte.“
In der Bibel steht der Adler für Gottes Schutz und Fürsorge. Gott trägt uns, wie ein Adler seine Jungen auf seinen Flügeln trägt (Ex 19,4) und zum anderen werden wir Menschen auch mit einem Adler verglichen, der seine Schwingen ausbreitet, um zu fliegen (Jes 40,31). Man muss wissen, Adler sind Segelflieger und nutzen gezielt die Thermik, ohne sich selbst anzustrengen. Was für ein tolles Bild für die Beziehung zwischen Gott und Mensch! Mit so einem biblischen Tiefgang bin ich einem Adler noch nie begegnet!
Aber wie ist das denn mit den Kids will ich von Emilia wissen, welche Erfahrungen macht sie da?
„Also ich finde das richtig interessant und schön zu sehen, wie motiviert und wie clever Kinder dann eigentlich doch sind. (…) und dann stellen die auch Rückfragen und können Verknüpfungen erstellen. (...) Also ich finde insbesondere menschliche Verhaltensweisen werden von Kindern sehr viel öfter in Tiere und in ihre Verhaltensweisen reininterpretiert. So eine Art Faszination von wegen wir sind gar nicht so verschieden. Die hat einen Freund, ich habe Freund…“
So eine Bibeltier-Führung vermittelt nicht trockene Fakten rund ums Tier, sondern ermöglicht eine lebendige Begegnung. Dazu gehört beobachten, staunen, anfassen und auch füttern.
„Mama, fass mal das Geweih an, das ist mega pelzig!“
Wer die Infos zu den Tieren nachlesen will, kann es gerne unter bibeltiere.de tun. Die Kirchen stellen die Infos kostenlos zur Verfügung. Emilia Mappes und ihrem Team ist eines dabei wichtig:
„Es geht nicht darum, irgendwie den Glauben zu verkünden, sondern es geht wirklich nur darum, die Tierwelt näher zu bringen. Und wir bedienen uns zusätzlich eben dieser religiösen Komponente, weil wir aus dem Bereich kommen.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45130
Martina Steinbrecher trifft Ralf Köster aus Karlsruhe-Durlach
Zusammen mit seiner Frau Steffi hat Ralf Köster in siebzig Tagen Deutschland von Süd nach Nord durchwandert. Allerdings nicht am Stück, sondern etappenweise in sieben Jahren. Angefangen hat alles im Jahr 2020 am Haldenwanger Eck, dem südlichsten Punkt Deutschlands.
Und ich war erst mal sehr skeptisch, weil es erschien mir schon sehr weit, sehr lang, beide berufstätig; ich voll. Und dann haben wir aber gesagt, ok, es fängt ja in Bayern an; das ist ja schön da, da probieren wir doch das mal.
Die beiden starten gut vorbereitet und sind keine Anfänger. Den Westweg durch den Schwarzwald sind sie schon gegangen, machen regelmäßig Wochenendtouren mit anderen Eltern aus der Kindergartenzeit ihrer Kinder: Ralf organisiert die Touren für die Männer; Steffi ist mit den Frauen unterwegs. Auch eine Alpenüberquerung haben sie schon hinter sich. Trotzdem sind nicht nur die täglichen zwanzig Kilometer, die sie sich vorgenommen haben, eine Herausforderung. Sondern auch die richtige Menge an Gepäck:
Im ersten Jahr hatte mal Steffi ein schönes Kleid dabei und ich ne Jeans wegen des einen Hotels, das haben wir in Friedrichshafen dann am Bodensee auf die Post gebracht, haben ein Paket geschickt, weil das Quatsch war, und das haben wir in Zukunft dann vermieden. Also, ich hab manchmal sogar Lotto gespielt unterwegs: Ich hab die Regensachen zuhause gelassen, hab gedacht, hm, zehn Tage tolles Wetter, ich nehme keine Regensachen mit. Und dieses Jahr hatten wir Glück: Wir waren zehn Tage unterwegs, wir hatten keine einzige Minute Regen.
Mit wie wenig Sachen man unterwegs letztlich auskommt! Das ist eine der beglückenden Erfahrungen, die Kösters unterwegs gemacht haben. In den ersten Jahren war Ralf noch voll berufstätig; mit 63 ist der Entwicklungsingenieur dann in Rente gegangen. Seine Frau arbeitet noch in einer Anwaltskanzlei. Wenn sie dann mal beide in Rente sind, wird erst recht weitergewandert.
Ich glaub, im ersten Jahr war uns das gar nicht so bewusst, dass wenn man losläuft, ist alles, was einem im Alltag nachts vom Schlafen abhält, Kopfkino, da gibt es ein Problem und da, das ist sofort weg, also das war wirklich erstaunlich und ab dem zweiten Jahr hab ich das dann auch gemerkt und hab es auch genossen.
Genossen haben die beiden auch die Wege durch bis dahin unbekannte Landschaften, verschlafene Dörfer ohne Einkaufsmöglichkeiten, den Wechsel von öden Strecken und überraschend schönen Abschnitten, das unmittelbare Erleben der Natur:
Wir haben dieses Jahr einen Specht beobachtet, wie er in der Höhle seine Jungen füttert, mit dem Fernglas, oder mal einen Fuchs, wie er gejagt hat, die springen ja dann so hoch, hab ich vorher noch nie gesehen in meinem Leben, das ist schon sehr bemerkenswert.
Das Schönste waren dann aber doch die Begegnungen mit anderen Menschen. Nur 20 andere Langstreckenwanderer sind ihnen in den sieben Jahren unterwegs begegnet. Allerdings hätten sie sich vorher auch nicht träumen lassen, einfach irgendwo zu klingeln und um Wasser zu bitten. Überall durften sie ihre Trinkflaschen auffüllen. Dazu die unvergesslichen Erlebnisse in den Übernachtungsquartieren. Zum Beispiel bei Frau Schmidt im Hohenlohischen, die ihren früheren Edeka-Laden zur Pilgerherberge umgebaut hat und nun dort Gäste bewirtet. Und mehr als das:
Als wir abends gegessen hatten, kam sie wieder und hat gesagt, ja, mein Mann und ich, wir spielen immer Musik in Altersheimen. Mein Mann spielt Akkordeon und ich singe und wenn wir Spaß dran hätten, dann haben die für uns im Wohnzimmer oben eine Stunde lang gesungen, und es war schon sehr, sehr bewegend.
Als Pilgerweg haben Steffi und Ralf Köster ihre Deutschlandtour nicht verstanden. In diesem Jahr, dem siebten ihrer Reise, haben sie den nördlichsten Punkt erreicht: Den Lister Ellenbogen auf Sylt. Nach so vielen unterschiedlichen Landschaften, bergauf und bergab, verlief es am Ende noch mal ganz entspannt:
Überrascht hat uns auch die Strecke Hamburg nach Brunsbüttel an der Elbe entlang, schöne Wege zum Wandern, topfeben, man hat da ja keine Steigungen mehr, und natürlich wenn man dann an der Küste ist und die Insel Sylt mit ihrem riesigen weißen Sandstrand; die kannten wir aber schon, und da am Meer fühlen wir uns immer wohl.
Sich wohlfühlen, an Grenzen gehen. Abschalten können und offen sein für Neues: Ihre Wanderung haben Steffi und Ralf Köster nicht als Pilgerweg angelegt. Und haben trotzdem und vielleicht gerade beim Wandern die Spiritualität kirchlicher Orte entdeckt:
Wir haben oft festgestellt, wenn man eine Rast gebraucht hat, im Umfeld von Kirchen gibt es immer große Bäume, Schatten und eine Bank. Das haben wir ganz oft genutzt, auch dieses Jahr wieder. Und wir waren oft auch in den Kirchen drin. Und dann haben wir uns oft auch mal hingesetzt und zehn Minuten einfach mal Stille gehalten und das war immer sehr, sehr schön.
Es zählt der Augenblick. Wer ihn genießen kann, braucht nicht viel zum Glück. Das stressfreie Leben schätzen Steffi und Ralf Köster übrigens auch im Alltag. Mit der Geburt ihres ersten Kindes haben sie vor über dreißig Jahren ihr Auto verkauft und sind seither auch mit drei erwachsenen Kindern und Enkelkind mit dem Rad, der Bahn oder eben zu Fuß unterwegs. Das wollen sie auch für künftige Urlaube so beibehalte. Denn, so fasst Ralf Köster die Erfahrungen ihrer Deutschlandreise zusammen:
Wir kennen unsere Grenzen jetzt, auch bei 35 Grad kann man noch wandern; sechs Kilo Gepäck reichen. Man kann nirgendwo so gut abschalten wie beim Wandern und wir beide können das super zusammen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45099
Caroline Haro-Gnändinger trifft: „Schwalbe“ aus Stuttgart. So ist sein Spitzname. Er ist 54 und lebt schon seit knapp 30 Jahren auf der Straße. Inzwischen ist er ziemlich bekannt. Denn vor einem dreiviertel Jahr, zu Weihnachten, hat er 200 Euro gespendet, für alleinerziehende Mütter in Not, weil er Christ ist. Von Jesus spricht er immer auf Englisch, Jesus.
Ich bin überzeugter Christ und an Weihnachten hat Jesus Geburtstag und es war einfach mein Geburtstagsgeschenk an Jesus.
Er erzählt mir, dass er immer mal wieder zu Weihnachten für andere spendet. Geld vom Pfandflaschensammeln und davon, was ihm Passanten geben:
Auch die Jahre vorher schon - einem Gott, dem schon alles gehört, was soll man dem zum Geburtstag schenken? Also mache ich, was in seinem Sinne ist. Also, an alleinstehende Mütter mit Kindern, weil die auch nicht so von der Gesellschaft beachtet werden und denen geht es auch nicht so gut.
Für sie hat er die 200 Euro Spenden mit einem Brief bei einer Ordensfrau eingeworfen, Schwester Nicola Maria, er nennt sie Schwester Nico, und sie hat alles an den Sozialdienst katholischer Frauen weitergegeben.
Letztes Weihnachten habe ich es so in einen Briefkasten reingeschmissen, mit der Spende. Schwester Nico, die macht es schon - und fertig. Dass da mal was Größeres draus wird, war ja nicht mal in meinem Sinn oder nicht mal ein Gedanke.
Ja, ein Stein ist ins Rollen gekommen - durch Artikel über ihn haben auch viele andere Menschen aus Solidarität gespendet. Für alleinerziehende Mütter in Not. Dann auch für obdachlose Frauen – Stand Ende Juli mehr als 100.000 Euro. Dafür hat Schwalbe gemeinsam mit dem Sozialdienst katholischer Frauen eine Stiftung gegründet – die Schwalbenneststiftung.
Ich denke mal, Frauen haben es eh schwerer auf der Straße. Ein Mann kann sich eher noch zur Wehr setzen als eine Frau. Wo ich jetzt gehört habe, dass es so und so viele Frauen auf der Straße gibt, ich weiß jetzt die Zahlen nicht so, aber ich war auch ein bisschen überrascht, weil ich glaubte, das sind eigentlich weniger. Obdachlose Frauen sieht man nicht so in der Öffentlichkeit.
Tatsächlich ist circa jede fünfte obdachlose Person in Deutschland eine Frau - und Frauen verstecken ihre Obdachlosigkeit eher. Schwalbe möchte sie unterstützen. Wenn sie schon obdachlos sind. Oder damit sie gar nicht erst hineingeraten. Abrutschen kann man schneller als man denkt.
Ich kann jetzt hundert Obdachlose hinstellen, du hast hundert verschiedene Geschichten. Ich habe im Laufe der Jahre auch Leute kennengelernt, die waren früher mal gehobene Gesellschaft - Ärzte, Rechtsanwälte... Autounfall, Frau und zwei Kinder tot, der Typ fängt an zu saufen. Wenn der nach zwei, drei Wochen nicht wieder klarkommt, dann ist der Job weg. Die Wohnung, die die Leute haben, zahlt das Sozialamt auch nicht. Also ist er irgendwann auf der Straße. Und das kann jedem passieren.
Ich treffe „Schwalbe“. Er ist wohnungslos. Und hat mit seiner Spende von 200 Euro an Frauen in Not eine große Spendenwelle ausgelöst. Auch ihm wollten viele was geben, aber er wollte nichts nehmen. Nur einen Biwak als extra Schutz für seinen Schlafsack hat er behalten.
Ich habe alles, was ich brauche. Was ich nicht habe, brauche ich nicht. Zum Leben braucht man ja nicht viel. Also ich habe meinen Essen, ich habe meinen Tabak. Ich habe ein bisschen Geld auf der Seite. Ich habe mein Schlafsack, ein paar Klamotten. Wenn ich ständig alles annehmen würde, dann bräuchte ich einen 40 Tonner-LKW, wo ich den ganzen Scheiß‘ reitschmeißen kann. Den schenkt mir aber keiner.
Seine Habseligkeiten bewahrt er in mehreren Tüten und einem Kinderwagen auf. Seit fast 30 Jahren lebt er auf der Straße – war in der Nähe von Augsburg, in Berlin und anderen Städten, aktuell sitzt er meist im Stuttgarter Schloßgarten. Wie ist es überhaupt dazu gekommen?
Ich bin ja mehr oder weniger ein Aussteiger, das war nicht direkt ein Schicksalsschlag. Ich bin dann mit 14 schon bei mir in der Kleinstadt in die Punkszene gekommen. War immer gut am Saufen. Und mit 19 dachte ich: Ich fang jetzt mal einen Führerschein an. Und dann habe ich das Auto von meinem Stiefvater verschrottet. Ich bin ein paar Kilometer nach Hause, habe meine Sachen zusammengepackt - das gibt Stress, da hab ich keinen Bock drauf - und bin weg.
Und seitdem fast durchgehend obdachlos. Er sagt, dass er von zehn Euro am Tag lebt und alles hat, was er braucht. Und doch höre ich raus, dass das Leben auf der Straße nicht ohne ist:
Im letzten Jahr gab es 2600 gemeldete Straftaten gegen Obdachlose, also die Dunkelziffer ist ein bisschen größer. Da frage ich mich ja auch, was soll der Scheiß, warum? Bloß weil ich obdachlos bin, werde ich zusammengeschlagen? Also mir ist es zwar noch nicht passiert, aber wenn ich dann höre, wie vor ein paar Jahren: Jugendliche zünden Obdachlosen im Schlafsack an, da fehlt es irgendwo, oder?
Ja, das ist schrecklich. Da fehlt es an Mitmenschlichkeit und Verantwortung für andere. Woher nimmt er Kraft und Zuversicht? Schwalbe sagt: auch durch seinen christlichen Glauben.
Ich meine, Jesus, ist 24 Stunden am Tag bei mir, auch wenn ich nicht immer spür, aber gerade so abends, wenn ich bei mir auf Platte bin, wenn ich für mich alleine bin und keinen Menschen mehr sehe - dann ist es teilweise schon ein bisschen intensiver. Weil ich merke, wie eine unsichtbare Decke um mich herumgelegt wird, einfach nur Frieden und innere Freude.
Er erlebt Gott immer wieder – eben auch in der Schöpfung:
Jetzt vor Kurzem waren ja noch die Glühwürmchen unterwegs, da habe ich gemeint: Ey, Jesus, geile Erfindung.
Was er Jesus letztes Weihnachten zum Geburtstag geschenkt hat, seine Spende für Frauen in Not, hat dazu geführt, dass inzwischen viele Menschen für wohnungslose Frauen spenden. Schwalbe glaubt, dass da auch Gott am Werk ist:
... hast du schon mal den Wind gesehen? Du siehst vielleicht die Auswirkungen, wenn jetzt ein paar Blätter rascheln oder sich im Wind bewegen, aber wie der Wind aussieht, weiß ich auch nicht. Aber du kannst den Wind spüren und es ist bei Gott auch so.
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