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18FEB2024
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Bettina Klünemann Foto: Dagmar Brunk

Annette Bassler trifft Bettina Klünemann, Notfallseelsorgerin, Flughafenpfarrerin Frankfurt/Main

Teil 1- Halt im freien Fall

Bettina Klünemann ist Pfarrerin am Frankfurter Flughafen und war schon immer Notfallseelsorgerin. Angefangen hat sie damit in den USA. Im Brennpunktviertel einer Großstadt. Im Krankenhaus dort war sie Teil des Teams. Das hat im Emergency-Room die akuten Notfälle aufgenommen und behandelt.

Das war jetzt Downtown, das heißt, wir hatten jede Nacht Leute, die mit Stichverletzungen, nach irgendwelchen Bandenkriegen, mit Schussverletzungen angekommen sind. Leute, die nach Autounfällen angekommen sind.

Und in der Situation hat sie sich erst mal um die Angehörigen gekümmert.

Und dann konnte ich einfach versuchen, den Druck von dem Rest des Teams wegzunehmen, um zu erklären, was sind die Prozesse im Krankenhaus, was ist, was brauchts, wie werden sie versorgt und sowas.

Ein Theologe hat mal gesagt: „Dem Hungrigen erscheint Gott als ein Stück Brot.“ Also- Gott erscheint immer als das, was Leben rettet. Das Ärzteteam behandelt dazu den Körper. Was „behandelt“ Bettina Klünemann?

Die Leute brauchen Unterstützung. Denen gibt man nicht nur einen Stuhl und ein Glas Wasser, sondern da ist es gut, wenn da jemand noch mit dabei ist, einfach Zeit mit denen verbringt und hilft, einfach so eine Leitplanke zu sein in der Situation.

Da sein- mit viel Zeit und Aufmerksamkeit. Das leuchtet mir ein. Aber wie kann man Leitplanke sein für Menschen, die von jetzt auf gleich in eine Katastrophe geraten sind und die den Boden unter den Füßen verloren haben? Die gerade ins Bodenlose fallen?
Vielleicht dadurch, dass man selber Halt ist, mit seiner ganzen Person?

Dieses Sprichwort „Not lehrt beten“ ja also, wenn die Menschen selbst in dem Moment das nicht gekonnt haben. Aber dann haben sie mich vielleicht auch gebeten. Und wussten, dann ist es da in guten Händen. Oder: „Die findet vielleicht jetzt Worte, wo ich keine Worte finden kann.“  

Es ist ein großes Geschenk, wenn jemand sich in der Not plötzlich gehalten fühlt. Das kann man nicht machen. Als Notfallseelsorgerin erlebt Bettina Klünemann aber oft, dass ihr Vertrauen ansteckend ist. Das Vertrauen, dass man nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand. Das wirkt weiter. Sogar bei Muslimen. Als Seelsorgerin am Frankfurter Flughafen hat sie heute öfters mit Muslimen zu tun. Und immer sind die dankbar, wenn sie da ist.

Weil die oftmals in dem Moment, wo sie hören, dass ich Pfarrerin bin, dann wissen:  das ist ein Mensch, der glaubt! Also das ist jemand, der hat irgendwie eine Verbindung zu einer höheren Macht! Das ist auch jemand, der betet zu Gott! Und dann, ist das wie so oft, dass wir auch miteinander beten können. Oder dass sie auch sagen: Beten Sie für uns!

So schrecklich die Not dann ist, kann sie aber auch ein Auslöser dafür sein, neue, gute Erfahrungen mit Gott und den Menschen zu machen.

Teil 2- Notfallseelsorgerin werden

Notfallseelsorge ist bei kleinen und großen Katastrophen kaum noch wegzudenken. Bettina Klünemann war schon immer als Notfallseelsorgerin im Einsatz. Erst im Krankenhaus, dann in der Gemeinde und jetzt, mit 59 Jahren am Flughafen Frankfurt. Immer wieder kommt es vor, dass Reisende ganz plötzlich versterben, dass deren Angehörige in der Fremde völlig orientierungslos sind, dass aus Krisengebieten Leute nur mit den Kleidern auf der Haut ankommen und versorgt werden müssen. Was macht sie dann?

Bevor ich meine Jacke überziehe, überlege ich wirklich: Bin ich jetzt im Moment die Richtige? Auch wenn ich noch nicht genau weiß, was mich da erwartet. Aber in dem Moment, ich muss wirklich auch für mich innerlich abchecken, was hab ich an dem Tag gemacht? Hab ich die Kapazitäten innerlich und haben es auch die Leute die mit mir kommen?  

Die mitkommen, das sind Leute aus allen möglichen Berufen, die ehrenamtliche Notfallseelsorger sind. Die werden zuerst auch von Bettina Klünemann dafür ausgebildet. Und sie lernen: das allererste und Wichtigste ist- achtsam zu sein.

Was ist da? Einfach mal die Situation wahrzunehmen, möglichst alles wahrzunehmen. Also diejenigen, die da gerade am Arbeiten sind vom Rettungsdienst, vom Notarzt, Notärztin, von der Polizei eventuell. Alle die, die da gerade in Aktion sind.

Dabei ist es wichtig, den spontanen Gefühlen und Impulsen nicht gleich zu folgen. Sondern genauer hinzusehen, auch auf sich selbst. Hinhören, sich einfühlen und- die Nähe aushalten zu den Betroffenen. Das muss man wollen. Das kann man aber auch lernen in so der Ausbildung. Mitbringen sollte man eine gewisse körperliche Fitness für Einsätze im Freien und eine gewisse Lebenserfahrung. Am wichtigsten aber ist die Freude, sich auf Menschen einzulassen. Ohne darauf zu schauen, welches Alter, welche Religion, welche Kultur dieser Mensch hat, der da Hilfe braucht.

In der Bibel kennen wir die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Und das ist genau der, der anders ist, der anders glaubt und der auch anders lebt und der andere Grundsätze erstmal hat und Werte.

Mit dieser Geschichte hat Jesus erzählt, wie wir das Gebot der Nächstenliebe verstehen sollen. Nächstenliebe kennt nämlich keine Grenzen. Sie gilt über die eigene Nation hinaus. Über die eigene Ethnie und die eigene Religion hinaus. Christliche Nächstenliebe gilt allen Menschen, weil alle Menschen Gottes Geschöpfe sind. Und deshalb kann die Kirche, die Nächstenliebe lebt, immer nur eine Kirche für alle Menschen sein. Bettina Klünemann erinnert sich an eine junge Frau. Die war aus der Kirche ausgetreten, hat sich aber zur Notfallseelsorgerin ausbilden lassen. Und die sagte mal:

Weißt du, Bettina. Ich hab jetzt erst hier am Flughafen verstanden, warum es eigentlich Kirche gibt und für was Kirche da ist! Und dann denke ich mir: Mensch, das ist gut. Ja, das ist wirklich gut. Dass wir für andere da sind.

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11FEB2024
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Shay Cullen Copyright: Weltpartner

Caroline Haro-Gnändinger trifft: Shay Cullen, Ordensmann und Menschenrechtsaktivist. Er lebt auf den Philippinen in der Nähe von Manila.

Wir sprechen miteinander, weil er gemeinsam mit Filipinos die Organisation PREDA gegründet hat. Viele Kinder haben durch PREDA aus der Armut und Ausbeutung herausgefunden und können jetzt selbstbestimmt leben. Als Erwachsene kommen einige regelmäßig zu einem Ehemaligentreffen:

Es ist ein toller Festtag, wenn sich Ehemalige hier zum Wiedersehen versammeln. Die verheiratet und groß geworden sind. Das ist ein sehr fröhlicher Tag, wenn ich alle diese Kinder sehe, die jetzt ein erfolgreiches, glückliches Leben haben.

Er und sein Team haben tausende Kinder von der Straße und aus der Zwangsprostitution geholt – seit inzwischen 50 Jahren. Shay Cullen erinnert sich, wie er ganz am Anfang aus Irland auf die Philippinen kam:

Ich kam 1969 auf die Philippinen, voller Idealismus, die Welt zu verändern. Klar, deshalb bin ich Missionar geworden.

In der Stadt Olongapo hat er gleich am Anfang gesehen, was Kinder miterleben mussten. Im Umfeld eines damaligen US-Militärstützpunkts. Dort haben Soldaten Kinder missbraucht, aber auch in Familien gab es Gewalt. Und ein riesiges Problem war und ist Sextourismus.

Ich habe herausgefunden, welche schrecklichen Verbrechen an den Kindern verübt wurden. Sie wurden Opfer von sexuellem Missbrauch und Ausbeutung. Und das schon im Alter von sechs, sieben, acht Jahren.

Es ist schwer, so etwas zu hören. Denn mich erinnert das sofort auch an den Missbrauch in der Kirche. Wo das Leben vieler Kinder zerstört wurde. Mich macht das wütend und auch Shay Cullen. Er erzählt, dass die Kirchengemeinde in Olongapo damals beim Sextourismus auch weggeschaut hat. Für ihn unfassbar:

Sie haben es einfach akzeptiert, so: Naja, das ist halt so. Aber ich habe mich gefragt: Warum erheben wir nicht die Stimme wie ein Prophet und unternehmen etwas gegen diese Situation? Ich habe niemanden dort gesehen, der etwas Bedeutendes dagegen getan hätte.

Shay Cullen kann nicht wegschauen - er bekommt mit, wie verzweifelt die Kinder sind, dass sie Krankheiten bekommen und drogenabhängig werden. Und will gerade als Christ etwas tun:

Sonntags zur Kirche zu gehen und davon zu träumen, in den Himmel zu kommen, das ist nicht christlich. Sorry, wissen Sie, das ist tot. Wir wollen einen lebendigen Glauben, in dem Menschen Gutes tun, die Wahrheit verbreiten, den Kranken und den Missbrauchten helfen und die Unschuldigen schützen.

Auch ich frage mich immer wieder, was es heißt, zu glauben. Für mich gehören, wie auch für Shay Cullen, Gottesdienste und Gebete dazu. Aber auch zu handeln. Nicht nur, wenn es um Familie und Freunde geht. Aber wer ist mein Nächster konkret? Dass Shay Cullen für Menschen in Not in seiner Umgebung nicht lockergelassen hat und wirklich etwas verändern konnte, macht mir Mut. Übrigens unterstützen auch viele Ehrenamtliche aus Kirchengemeinden hier bei uns im Südwesten seine Organisation PREDA. Daher kenne auch ich seine Arbeit. Und sie berührt mich auch, weil ich Halb-Filipina bin. Für die Kinder dort hat sein Team viel erreicht.

Es ist Teamarbeit, wir sind bei all dem nicht allein. Wir haben ein sehr gutes philippinisches Team und arbeiten alle zusammen und das macht mir Mut.

Sie sind etwa 50 Leute, kooperieren mit der UNO und weiteren Kinderschutzorganisationen oder auch der Polizei. Um Kinder aus der Prostitution zu holen, aus Gefängnissen und von der Straße. Die können in der Nähe der Hauptstadt Manila ein Dach über dem Kopf bekommen, zur Schule gehen und erhalten eine ganz bestimmte Therapie, bei der sie herausschreien können, was sie erlebt haben. PREDA hat außerdem Kinderschutzgesetze im Land erkämpft und unterstützt Kinder vor Gericht:

Wir bringen ihnen Gerechtigkeit, Freiheit und ein neues Leben. Und dass sie Fälle vor Gericht gewinnen - Verurteilungen ihrer Missbrauchstäter und Menschenhändler! Und das hilft, mehr Opfer zu verhindern. Unser Traum ist natürlich, dass Kinder nirgends mehr missbraucht werden und wir wollen warnen.

Warnen, denn die Sextouristen kommen auch aus Deutschland. Das ist schrecklich. Trotz vieler Hindernisse und auch Drohungen hat Shay Cullen den Mut nicht verloren. Er kämpft gegen Armut, damit Kinder gar nicht erst in schlimme Situationen rutschen. Ich glaube, entscheidend ist, dass sein Team immer wieder an die Öffentlichkeit gegangen ist und sich ein gutes Netzwerk von Unterstützern aufgebaut hat.

Glauben zu haben heißt, ganz davon überzeugt zu sein, dass das Gute und die Wahrheit und die Gerechtigkeit das Böse besiegen. Jesus hat ganz klar gemacht, dass wir Gutes tun müssen und für die Rechte jedes Menschen kämpfen und uns für Kinder stark machen sollen. Eines Tages, so glauben wir, werden wir hoffentlich das Schlechte überwinden, genau das ist der Glaube.

Und jeder kann etwas bewegen, findet er: sich für Geflüchtete einsetzen oder sich um einsame Nachbarn kümmern. Und so konsumieren, dass die Produzenten weltweit von ihrem Einkommen leben können. PREDA will als nächstes anstoßen, dass ein Gericht entsteht, speziell für Straftaten an Kindern, damit Täter schneller bestraft werden.

Die Richter sind ziemlich unorganisiert und sehr langsam. Und wir versuchen, das zu ändern. Wir setzen uns gerade für ein Kindergericht ein. Wir haben oft Konzepte für Politiker entwickelt und damit hatten wir schon oft Erfolg und jetzt geht’s eben um ein Kindergericht, wo nur Fälle von Kindern verhandelt werden sollen.

Shay Cullen ist inzwischen 80 und er hat ein Team mit Nachfolgern aufgebaut. Ich finde, es ist wichtig, dass sein Lebenswerk und dieser große Einsatz für Kinder in Not weitergehen.

                

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04FEB2024
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Cheyenne Dziurczik Foto: privat

Wolf-Dieter Steinmann trifft Cheyenne Dziurczik aus Mainz, ehrenamtliche Hospizbegleiterin.

Mitten im Gespräch mit Cheyenne Dziurczik ist mir dieser Satz eingefallen: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.“ Stimmt, sie hat auch was von nem Engel: geerdet, himmlisches Lachen, Lebensfreude und Hingabe zu Menschen.
Beim ambulanten Hospizdienst in Mainz engagiert sich Cheyenne Dziurczik ehrenamtlich, schenkt ihre Zeit. Z.B. einem noch gar nicht so alten Mann.

Er ist jetzt 65. Leider an Krebs erkrankt. Wir halten telefonisch regelmäßig Kontakt und ja, trinken auch des Öfteren mal einen gemeinsamen Tee zusammen.

Sie ist noch keine 30 Jahre alt. Trotzdem macht sie das und sie würde auch ins stationäre Hospiz mitgehen, wo Sterbende in den letzten Wochen begleitet werden. Leben solle auch dort spürbar sein.

In meinen Begleitungen geht es ganz, ganz viel um das Leben, gar nicht mal extrem viel um den Tod oder das Sterben an sich. Das ist natürlich auch Thema. Ich denke, das ist auch für die Verarbeitung sehr wichtig, dass man auch auf die lustigen und schönen Dinge im Leben zurückblicken kann. Es wird schon sehr viel gelacht.

Und lacht dabei. Das Leben soll immer wieder blühen. -
Damit man als Ehrenamtliche reflektiert begleiten kann, durchläuft man bei der Mainzer Hospizgesellschaft einen Grund- und Aufbaukurs. Weit über 100 Stunden.

Wie gehe ich mit den Sterbenden um, wie ist die Kommunikation, aber auch, warum entscheide ich mich dafür, ehrenamtlich in diesem Bereich tätig zu sein? Wo sind meine eigenen Grenzen?

Ihr erster Freund ist ums Leben gekommen, da war sie 15. Das war traumatisch. Aber nicht traumatisierend. Cheyenne engagiert sich auch, weil sie menschlich wachsen will, und aus Neugierde.

Was passiert noch mal am Lebensende und was sind auch noch mal Ziele oder Gedanken von den Menschen.
Dadurch, dass ich da sehr, sehr viel mit mir selbst dann auch irgendwie erarbeitet habe, war das dann so der Weg.

Sie will begleiten, Angehörige entlasten, und auch mal ein bisschen ablenken. Die Krankheit soll nicht alles beherrschen.

 Ja, die Krankheit, das ist einfach Scheiße. Da steht die Welt erstmal komplett auf dem Kopf. Aber es gibt eben auch am Lebensende noch schöne Seiten. Das zu zeigen, mitzugeben. Das ist viel mehr die Intention dahinter als den Leuten zu helfen, weil das kann ich nicht.

Sie gibt Zeit und Lebensfreude, damit auch diese Phase des Lebens, ja, „gefeiert“ wird. Das Leben geehrt. Aber dann muss ich sie doch auch fragen: Kriegt sie auch was zurück? Ja, sagt sie, viel Dankbarkeit.

Und noch mal ein anderes Lebensgefühl. Weil man einfach noch mal geerdeter wird: Diese kleinen Alltagssituationen, über die man sich banal aufregt, die sind nach den Begleitungen verpufft. Das Leben ist eigentlich so schön. Man kann dankbar sein für das, was man hat.

Ich bin sicher: Cheyenne Dziurczik tut Menschen gut. Wenn sie mit Schmerzen  zu ihr, als Physiotherapeutin, kommen. Demnächst wird sie andere dazu auch ausbilden. Mit noch nicht mal 30.
Und auch ehrenamtlich tut sie gut: begleitet Sterbende ambulant über die Mainzer Hospizgesellschaft. Kraft dafür geben ihr die Supervision dort und sie hat Rückhalt im Netzwerk ihrer großen Familie. Das trägt. Vor 50 Jahren sind ihre Großeltern aus Polen gekommen.

Kraft nehme ich tatsächlich viel aus meinem familiären Umfeld, aber auch der Rollendefinition.
Ich fühle als Cheyenne sehr mit, hab am Sterbebett auch geweint. Aber ich trauere danach auch nicht weiter. Es ist dann ein Abschluss, den man finden muss, dann hat man eben auch wieder Energie für was Neues.

Vermutlich kann man sich auf neue Begegnungen nicht ganz einlassen, wenn man nicht Abschied nehmen konnte. Und dazu spielt auch der Kopf eine wichtige Rolle: Welchen Sinn sieht man für die, die uns vorausgehen.

Tatsächlich ist es so für mich, dass alle irgendwie in den Himmel kommen. Für mich gibt es keine Hölle. Und ab und zu hab ich auch den Eindruck, dass in verschiedenen Situationen dann wirklich auch kleine Schutzengel draus werden. Und man so Situationen als Angehöriger auch ein Stück weit besser verkraften kann.

Diese umfassend lebensbejahende Einstellung hilft wohl, dass sie ihrem Anspruch gerecht werden kann: Ganz da zu sein für Angehörige und Gehende. Sie will dem gerecht werden, dass auch das Lebensende individuell ist und das auch mit ermöglichen.

So sein, wie man ist. Ohne irgendwie die Menschen versuchen wollen, in eine Richtung zu lenken. Alles fühlen zu lassen, was irgendwie an Emotionen aufkommt, es ist alles erlaubt. Dass keiner wirklich alleine ist, da sein und zuhören.

Sie erlebt, dass sie dabei auch selbst sehr viel bekommt. Sie hatte Sorge, gibt sie zu, als sie zum ersten Mal im Hospiz dabei war in der letzten Stunde. Aber es muss gut gewesen sein.

Weil das ein unheimlich friedlicher Moment war. Da habe ich das erste Mal so die Ehrfurcht gespürt und ganz tiefe Dankbarkeit. Dass ich einfach diesen Moment miterleben durfte.

Zum Abschluss gibt mir Cheyenne Dziurczik noch etwas ganz Praktisches mit. Klingt beinahe wie eine Kleinigkeit. Aber vielleicht ist es in Wahrheit doch auch fundamental, wie es uns gelingen kann, einander menschlich loszulassen.

Immer sich verabschieden. Wenn es nur gerade mal eine Kaffeetasse oder, ja, mal ein Toilettengang ist, sollte man sich vorher verabschieden.

 

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28JAN2024
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Marcus Grünewald Copyright: Bistum Mainz/Hoffmann

… und mit Marcus Grünewald. Seit zwei Jahren ist er der Umweltbeauftragte des Bistums Mainz und der erste, der diese Aufgabe auch hauptamtlich übernimmt. Darin kommt zum Ausdruck, dass Umwelt- und Klimaschutz eben kein Neben-Thema mehr ist, sondern etwas, das drängt und das ins Zentrum gehört. Nicht nur, weil es der Gesetzgeber inzwischen so vorschreibt, sondern weil es für Christinnen und Christen selbstverständlich sein muss, die Schöpfung so gut es geht zu schützen, statt sie immer weiter zu ruinieren. Und da hat sich in den letzten Jahren offenbar Einiges zum Besseren verändert.

Also das Bewusstsein, dass wir handeln müssen, das ist da und da gibt es auch kaum noch Diskussionen darüber. Problematisch ist, wie überall: die Kolleginnen und Kollegen sind bis an die Grenzen der Belastbarkeit in Arbeit. Aber dieses: „Ja bleib mir vom Leib. Umweltschutz brauchen wir nicht.“ Das hat sich radikal geändert, das ist klar.

Nun weiß ich aber auch als Privatmann, dass wirksamer Klimaschutz nicht nur Arbeit macht, sondern auch richtig teuer sein kann und die finanziellen Spielräume der Kirchen werden gerade drastisch enger.

Bei den finanziellen Mitteln ist es einfach auch ein Rechenexempel. Wenn ich Photovoltaik installiere, dann muss ich in Vorleistung gehen. Aber die Einsicht, dass unser Handeln in fünf, zehn, 15 Jahren viel, viel teurer kommt, die ist da und trotzdem bleibt es eine Gratwanderung zwischen dem, was wir müssten und sollten und dem, was wir können.

Und wie kann ich mir das vorstellen, was ein kirchlicher Umweltbeauftragter so tut?

Mein Hauptauftrag ist die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes. Wir wollen bis spätestens 2045 klimaneutral sein und dieses Konzept in Aktionen, in Projekte zu übersetzen, das ist mein Hauptauftrag. Es gibt die Möglichkeit, besonders interessante Projekte zu Leuchtturmprojekten zu machen, die wir auch finanziell unterstützen. Und letztlich kann ich fachliche Kompetenz vermitteln. Und da kommt mir auch mein zweiter Arbeitsplatz an der TH in Bingen zugute. Da sitzt die geballte Fachkompetenz.

Denn seit vielen Jahren schon arbeitet er als Studierendenseelsorger an der Technischen Hochschule Bingen, wo sie unter anderem auch intensiv zu Umwelt- und Klimaschutz forschen.

Mir wird schnell klar, dass Marcus Grünewald keiner sein will, der mit erhobenem Zeigefinger rumläuft und andere damit nervt, was sie alles immer noch falsch machen.

Ich will mit allem, was ich tue, ein Angebot machen, und das ist eine Gratwanderung. Nicht zu viel, die Menschen auch nicht bedrängen, sondern immer wieder sagen: Ich mach dir ein Angebot, das du annehmen oder auch ablehnen kannst. Und trotzdem können wir noch gut miteinander umgehen.

Für mich ist das katholisch im besten Sinne. Immer wieder klar zu sagen, was ist und was Not tut und trotzdem leben und auch den anderen leben lassen. Und das Gottvertrauen haben, dass das Richtige sich am Ende dennoch durchsetzen wird.

Nun erlebe ich ja selbst, dass ich zwar viel darüber weiß, wie ich umwelt- und klimaschonender leben könnte – es aber oft genug nicht mache. Das geht vielen so. Warum eigentlich?

Weil wir alle Menschen sind. Ich auch. Wir sind alle Menschen mit unseren Routinen, aus denen es ganz schwer fällt auszubrechen. Mit unseren Bequemlichkeiten, vielleicht auch mit unseren Ängsten, dass wir da vielleicht ein Stück Lebensqualität verlieren. Ich kann es aus meiner Sicht verstehen. Auch mir geht es so, dass ich immer wieder denke: jetzt hättest du mal das Auto stehen lassen können! Ich bin deshalb auch kein Freund von grundsätzlichen, radikalen Verboten: Ihr dürft jetzt nicht mehr fliegen! Fliegt weniger, fliegt alle zwei Jahre oder statt dreimal im Jahr nur noch einmal im Jahr. Aber wem die griechischen Inseln so wichtig sind, dass er sie gerne mal sehen würde. Ja, okay, dann flieg hin.

Es ist die Kunst der kleinen Schritte. Der Weg dauert länger, aber auch er führt zum Ziel und nimmt vielleicht sogar mehr Menschen mit. Doch Bewahrung der Schöpfung, das heißt für ihn noch viel mehr als die Reduktion von CO2. Darum wünscht er sich …

Dass wir nicht nur auf das Klima schauen. Lasst uns auf das Klima schauen. Aber diesen anderen großen Bereich des Lebensschutzes, des Tierschutzes, der Bewahrung der göttlichen Schöpfung nicht vergessen.

Fragen, bei denen es inzwischen ja oft grundsätzlich und damit ruppig wird. Zwischen denen, denen alles viel zu langsam geht und den anderen, die sich gegängelt und bevormundet fühlen.

Es geht um einen Weg miteinander. Das Gegeneinander ist mir in unserer momentanen Gesellschaft und momentanen Umgang viel zu stark. Kaum macht einer den Mund auf, schreien die Ersten los und umgekehrt. Miteinander reden, gemeinsam Wege gehen. Und dann, bin ich der festen Überzeugung, finden wir Lösungen.

Ist das vielleicht sogar seine wichtigste Aufgabe? Menschen zusammenzubringen?

Ja, da müsste ich sogar noch viel mehr Zeit haben. Menschen, die das gleiche Anliegen haben, zusammenzubringen. Momentan, glaube ich, ist meine Aufgabe doch eher, den Finger in die diversen Wunden zu legen und zu sagen: Bei allem Verständnis, aber hier müssten wir jetzt mal einen Schritt weiterkommen. Ich mache das, glaube ich, auf eine gute Form. Ich mache das mit viel Verständnis. Aber wer mich kennt weiß auch, durchaus mit viel Penetranz.

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21JAN2024
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Matthias Hiller Pfarrer und Flughafenseelsorger vor dem Flughafen Stuttgart. Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Barbara Wurz von der evangelischen Kirche trifft Diakon Matthias Hiller. Er ist Flughafenseelsorger und betreut - zusammen mit seiner katholischen Kollegin und einem Kreis von Ehrenamtlichen – nicht nur die Reisenden, die in Stuttgart ab- und anreisen. Auch fürs Personal an den Terminals, in der Abfertigung oder den Sicherheitskräften ist er Ansprechpartner. Besonders dann, wenn es um Dinge geht, für die sonst keine Stelle zuständig ist. Matthias Hiller dem Team begegnen bei ihrer Arbeit die unterschiedlichsten Menschen – vom Unternehmer bis zum Asylbewerber. Aber alle befinden sich in einer besonderen Situation, sind auf Reisen, verlassen das Vertraute und stehen an der Schwelle zu einem neuen Ort. Und das bringt manche Überraschungen mit sich. 

Es sind tausende, die jeden Tag am Stuttgarter Flughafen abfliegen oder ankommen, aus den unterschiedlichsten Gründen unterwegs sind und ihren Rollkoffer hinter sich herziehen. Im Gepäck dabei ist aber immer auch die eigene Lebensgeschichte. Diakon Matthias Hiller von der Flughafenseelsorge weiß aus Erfahrung, dass dieses Seelengepäck gerade am Flughafen ganz unerwartet zum Vorschein kommen kann. Es sind zwar nur 100 Meter durch den Check-in, aber dahinter ist plötzlich alles anders

In dem Augenblick, wo ich auf den Weg nach Rom bin, schwäbelt es um mich herum nicht mehr. Plötzlich ist die Familie, die ganze Situation, alles, was mich bewegt hat hinter mir und der Fokus ist: Ich in Rom an - Leonardo da Vinci Flughafen - und alles ist anders.

Abheben, den festen Boden und das alltägliche Leben hinter sich lassen; und das an einem Ort wie dem Flughafen mit seinen ganz eigenen Regeln und Abläufen, die alles andere als alltäglich sind: Wo sonst bitte lässt man sich von wildfremden Menschen von oben bis unten abtasten oder seine persönlichen Sachen durchwühlen? Zu fliegen ist eine Ausnahmesituation, weiß Matthias Hiller. Und die führt so manchen Fluggast kurz vor Reisebeginn zu ihm

Die bringt durchaus auch Dinge hoch, wo man spürt, da möchte ich noch mal drüber reden. Aber hier, während des Wartens fällt mir auf: da war eine Situation, da muss ich mit jemandem drüber reden, weil ich weiß, das macht mir Bauchweh, da kann ich heut Nacht nicht drüber schlafen. Und dann gibt es bei uns durchaus Räume und Möglichkeiten, darüber zu reden. 

So war es auch, als einmal ein Fluggast mit dem unguten Gefühl im Bauch zu Hiller gekommen ist, dass er eine Situation hinter sich zurückgelassen hat, bei der eine echte Katastrophe drohen könnte.

Dann kam es zu einem längeren Gespräch, und wir konnten das dann übernehmen und über die kirchliche Struktur jemand dort hinschicken. Und es war tatsächlich so, dass da ein Betrieb vor dem Ruin stand und Seniorchef und Juniorchef so miteinander umgingen, dass zu befürchten war, dass da bis zu Gewalt kommt.

Die Flughafenseelsorge ist gut vernetzt und so konnte über den Handwerkerverband und die örtliche Kirchengemeinde Schlimmeres verhindert werden.

Natürlich geht es nicht immer so dramatisch zu. Und es sind auch nicht immer die Passagiere, mit denen Matthias Hiller zu tun hat. 

Matthias Hiller leitet seit 2019 zusammen mit seiner katholischen Kollegin, Mechthild Foldenauer die Stuttgarter Flughafenseelsorge, zu dem auch ein Team von etwa 30 Ehrenamtlichen gehört. So ein Flughafen ist wie ein eigener kleiner Kosmos mit seinen ganz eigenen Regeln. Und obwohl Matthias Hiller ein fester Bestandteil dieses kleinen Kosmos ist, kann er gleichzeitig gesunde Distanz bewahren. Ein Stück weit bleibt er Außenstehender und kann deshalb manchmal genau da helfen, wo der Kosmos Flughafen an seine Grenzen stößt.

Wir sind ein Dienstleister für alle Fälle, wo es am Flughafen keinen Dienstleister gibt. Das heißt, wir übernehmen das, was im Betriebsablauf an menschlichen Tiefen und Untiefen entsteht. Das können ganz lustige Fälle sein wie Jemand hat versehentlich statt des Reisepasses das, was daneben liegt, aus der Schublade geholt und möchte nach Rom fliegen. Und dann war es das Sparbuch der örtlichen Sparkasse.

Aber auch die Menschen, die am Flughafen arbeiten – vom Check-in über die Beamten der Bundespolizei, die Angestellten der Verkaufsstellen bis hin zum Kabinenpersonal  – kommen gerne bei der Flughafenseelsorge auf eine Tasse Kaffee und ein paar freundliche Worte vorbei.

Wenn man in dem Beruf ist, steht man sehr viel in der Öffentlichkeit. Und es sind die Menschen im Check-in, die andere Menschen in der Sicherheitskontrolle anfassen, in andere Leute Handtaschen herumwühlen müssen. Das ist durchaus nicht immer so einfach und das sind wir gerne bereit, mitzuhelfen, mitzudenken, auch zu schauen, was tut den Menschen gut?

Was tut den Menschen gut? Egal ob Passagiere oder Personal. Matthias Hiller stellt diese Frage ganz bewusst mit den Worten, mit denen auch Jesus in der Bibel gerne gefragt hat: „Was willst Du, dass ich Dir tun soll?“ Und das aus gutem Grund:

Das heißt, wir helfen ausdrücklich nicht mit dem, was wir denken. Wir denken manchmal, dem Menschen sollte man eine Duschmarke für die Dusche am Flixbus-Busbahnhof drüben geben. Aber was er tatsächlich braucht, kann er nur selber benennen. Und gerade so ein ungeduschter Spargelstecher aus Georgien, der braucht nichts Wichtigeres als einen Anruf in seiner Heimat, dass hier was nicht geklappt hat und er in Kontakt treten muss und ein georgisches Handy funktioniert nicht. Dann ermöglichen wir den Anruf.

Das ist es, was die Flughafenseelsorge in Stuttgart und die Arbeit von Matthias Hiller ausmacht: Den einzelnen Menschen sehen mit dem, was der gerade dringend braucht. Und damit einen Beitrag leisten, den Flughafen zu einem menschenfreundlichen Ort zu machen.

 

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14JAN2024
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Joshi Nichell Copyright: Joshi Nichell

…und mit Joshi Nichell, der gebürtig aus Mainz kommt, aber schon per Anhalter mit Segelbooten über den Atlantik gereist ist - bis ins südamerikanische Feuerland. Wie ein Feuer, erzählt mir Joshi, brannte in ihm auch die Sehnsucht, nach dem Abitur die Welt zu sehen. Darüber hat er auch sein Buch „Volles Glück voraus“* geschrieben – der Untertitel lautet: „Meine Reise ins Vertrauen“. Und genau das hat Joshi auf der Reise gelernt – zu vertrauen, weil er sehr viele hilfsbereite, offene Menschen kennengelernt hat:

Ich glaub das Tolle ist eben mit einer offenen Haltung einander zu begegnen – voll Akzeptanz, Annahme. Es ist oft schwer, es ist nicht immer leicht, und mir fällt es auch nicht immer leicht, aber den anderen erst mal einfach anzunehmen wie er ist, sich drauf einzulassen, ihm zuzuhören, bevor ich da irgendwen schon in eine Schublade schiebe, vorverurteile oder gar nicht erst in einen Dialog gehe und vielleicht auch Begegnung suchen.

Gibt es denn etwas, was dabei helfen kann? Was Menschen in allen Ländern, die Joshi schon bereist hat, gemeinsam haben?

Ja, es gibt eins was wir überall bei uns Menschen finden und das ist das Lachen, das Lächeln und das ist so was Verbindendes! Jeder lächelt gerne und jeder und jedem tut ein Lachen gut.

Auch wir beide lachen während unserer Begegnung herzlich und viel – Joshi ist ein humorvoller Mensch, der aber auch die existentiellen Sinnfragen des Lebens nicht scheut. Joshi hat auf der Weltreise seinen Glauben an Gott vertieft und nach seiner Rückkehr sogar mit dem Studium der katholischen Theologie in Landau begonnen. Warum?

Weil ich auf der Reise gemerkt hab: Boah, der Glaube, der lebt in mir irgendwie oder ich hab da was, was mir unheimlich viel Kraft gibt, und ich wünsch' mir, dass das andere für sich auch entdecken. Eine Kraft, die einem hilft und speziell fehlt mir da aber das theoretische Fundament.

Was er schon mitbrachte: Die ganz praktische Erfahrung von gelebtem Gottvertrauen. Wer ist Gott für ihn?

Ja, wer ist Gott? Gott ist für mich ein treuer Freund, oder wie ein treuer Freund, ein Kumpel der immer mitgeht, der da ist, mit dem ich sprechen kann, wo ich meine Dankbarkeit loswerden kann, wo ich aber auch traurig sein kann, wo ich auch weinen kann. Wie auch immer Gott aussehen mag – es ist wie eine Hand, die mal trägt, es ist so wie ein Ohr, was mal zuhört, es ist greifbar irgendwie und bleibt immer ungreifbar.

Staunen – ein Wort, das Joshi in diesem Kontext immer wieder nutzt. Über den Schöpfer und über die Schöpfung. Und gleichzeitig ist er Naturwissenschaftler und hat eine spannende Kombi gewählt: Neben der Theologie studiert er als zweites Fach Naturschutzbiologie.

Wenn wir Naturschutz betreiben, betreiben wir auch Schutz für uns selber. Und ich glaube das ist ganz wichtig zu verstehen.  Wenn wir liebevoll mit uns umgehen, können wir liebevoll mit anderen umgehen. und wenn wir liebevoll mit der Natur umgehen, dann werden wir uns selber was Gutes tun.

Gleich hören Sie wie er zum erfolgreichsten Naturfotografen Europas wurde und warum er sich für den Erhalt der Wildnis auf unserem Kontinent einsetzt.

Ich treffe den Fotografen und Filmer Joshi Nichell an seinem Studienort Landau. Der 25-Jährige wurde zu Europas Naturfotograf des Jahres gekürt. Joshi nimmt mich mit nach Spanien. In jenen Moment, als ihm am Abend das atemberaubende Siegerfoto eines jungen kantabrischen Braunbären gelingt:

Und der kam dann runter, und ich hab ihn so Minute für Minute weniger sehen können, und dann war er eben an den Felsen und das allerletzte Licht, also nicht mal die Sonne, sondern man sieht dann nur noch so ein Orange, hat bisschen durchgeschienen von hinten. Und ich hab ihn dann letztendlich nur noch durch die Kamera gesehen. Und die Waldohreulen haben im Hintergrund die Jungen gerufen in hohen Tönen. Und das sind Momente da steh ich und da könnte ich weinen vor Freude.  

Weinen vor Freude – in Spanien, ja... aber auch jetzt im bitterkalten Winter im Pfälzer Wald?

Auf jeden Fall! Rausgehen! Das ist ein Zauber - wenn es richtig kalt ist und du hast die Eiskristalle und dann schaust dir so ein Kristall mal ganz nah an, vielleicht hat man sogar ne Lupe und kann sich das mal ansehen - eine magische Welt, die sich da auftut. Wir haben unheimlich Tolles vor der Haustür. Wir müssen nicht weit weg reisen, wir müssen nicht mit dem Flugzeug irgendwohin jetten und wir dürfen uns bewusst werden, dass das ein Geschenk ist und das wir das bewahren dürfen und sollten.

Die Bewahrung der Schöpfung - das ist sogar das Bachelorthema, in dem seine Studienfächer Theologie und die Naturschutzbiologie beide ihren Platz haben, denn Joshi glaubt…

… dass wir diesen Satz: „Macht euch die Erde Untertan“ oft ziemlich falsch ausgelegt haben und sehr falsch verstanden haben. Und es eben nicht drum geht sich die Erde Untertan zu machen im Sinne von „ich herrsche darüber, ich bestimme“. Wir Menschen, wir sind -  ich erleb's oft,  leider – in unserem sehr egozentrischen Sein und Denken.

Wie aber versteht dann Joshi diesen Auftrag aus der Bibel, „sich die Erde Untertan zu machen“?

Da sehe ich vielmehr in diesem Untertan: Passt auf sie auf, nehmt sie an die Hand, aber ihr seid nicht der Bestimmer, sondern so wie wenn ich ein Kind hab: Dann nehm ich das an die Hand, aber wenn ich dem Kind immer sage. Mach das und mach das und mach dies und dem alles vorschreibe und hier und dort kürze, dann wird das ein sehr eingeschüchtertes Kind und kein Gesundes.

Und da sieht er auch bei der Kirche noch Luft nach oben, will, dass sie als Gemeinschaft ganz vorne im Naturschutz dabei ist-weil es ihr ureigener Auftrag ist! Als weltoffener und moderner junger Mann wünscht er sich ohnehin mehr Veränderung in seiner Kirche. Aber ihm ist Kirche als Gemeinschaft auch wichtig:

Warum ich auch noch so an der Kirche festhalte, ist das was ich mitgenommen hab und was in Situationen, die bisher vielleicht am Schwersten waren in meinem Leben, da kam immer dieser Glaube durch. Und da war ich so froh diesen vorher gelebt und praktiziert zu haben, wie ein Werkzeugkasten, den ich mir in der Kirche zusammengestellt hab oder im Rahmen der Kirche und des gelebten Glaubens. Und dann eben drauf zugreifen kann oder wie ein Rucksack, den ich mir gepackt hab.

Und in diesem Rucksack hat er Gottvertrauen und Werte, um ehrenamtlich mit seiner Organisation „Wild Europe“** auch Naturschutzprojekte in Europa zu dokumentieren. Menschen zu portraitieren, die gegen illegale Wilderei oder illegale Abholzung von Wäldern kämpfen. Und zeigt auf seinen Fotos immer wieder die Natur: wie schön sie ist – und wie schützenswert.

*Joshi Nichell: Volles Glück voraus, adeo-Verlag

**www.wild-europe.org

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07JAN2024
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Raimund Hertzsch Quelle: Ev. Brüder-Unität

Martina Steinbrecher trifft Raimund Hertzsch, der täglich in der Bibel liest, jährlich einen Bestseller in 60 verschiedenen Sprachen herausgibt und immer noch darüber staunt, wie geloste Bibelworte das Leben begleiten können.

Über der Tür hängt ein großer Herrnhuter Stern. In dem schlichten Haus am Ortsrand von Bad Boll bin ich mit Raimund Hertzsch verabredet. Er ist Direktor der dort ansässigen Brüder-Unität. In seinem Büro liegt der Bestseller der Herrnhuter Brüdergemeinde auf dem Tisch: Die Losungen. Jährlich übersetzt in mehr als 60 Sprachen.  

Ja, wir finden, es ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. Seit 1731 erscheint dieses Büchlein schon jedes Jahr, also jetzt im Jahr 2024 ist es der 294. Jahrgang.

Die Losungen: Ein Andachtsbuch mit kurzen Bibelworten für jeden Tag des Jahres. Erfunden hat sie Graf Nikolaus von Zinzendorf. Auf seinem Hofgut in der Oberlausitz hat er im 18. Jahrhundert Glaubensflüchtlinge aus Mähren aufgenommen. Die nannten ihre neue Heimat Herrnhut: Unter der Obhut des Herrn.  

Am Anfang hatte Zinzendorf die Idee, den Menschen in Herrnhut einen Text, eine Art Parole für den Tag mitzugeben, über den sie dann während des Tages nachdenken konnten. Damals sind die Losungen mündlich in die Häuser hineingerufen worden.

Ein Tag, eine Losung. Selbstverständlich aus der Bibel. So haben die Leute die Bibel als lebenstauglich erlebt und sie nebenbei auch noch auswendig gelernt. Die mündliche Verbreitung kam allerdings schnell an ihre Grenzen. Deshalb werden die Losungen seit bald 300 Jahren gedruckt. Und gefunden werden die täglichen Worte aus dem Alten Testament tatsächlich durch ein Losverfahren.

Jedes Jahr um den 3. Mai herum wird im Gebäude der Kirchenleitung in Herrnhut die Losung gezogen aus einer Sammlung von reichlich 1800 Bibeltexten, eben Texten aus dem Alten Testament.

Im Livestream? Mit medienwirksamer Verbreitung auf Social Media? Raimund Hertzsch winkt ab. Das große Ereignis findet in einem feierlichen, aber überschaubaren Rahmen statt. Die eigentliche Arbeit beginnt nach dieser Ziehung. Dann machen sich nämlich Theologen ans Werk, um jedem der 365 gelosten Verse eine passende Stelle aus dem Neuen Testament zuzuordnen. Mit der Auswahl der 1800 zum Teil von Zinzendorf noch eigenhändig geschriebenen Losungen geht man dabei auch kritisch um. Bibelstellen, die Krieg oder Gewalt verherrlichen, wurden inzwischen aussortiert. Und …

… nach dem zweiten Weltkrieg sind stark Texte hineingekommen, die mit Buße und mit dem Thema Schuld und Vergebung zu tun hatten. Dann vielleicht in den 80er, 90er- Jahren war es stark auch das Thema Gerechtigkeit, Friedensthemen.

Und heute? Welche biblischen Texte können Menschen im Jahr 2024 brauchen? 

Raimund Hertzsch gehört zum Direktionsteam der Herrnhuter Brüdergemeinde, die die täglichen Losungen herausgibt. In mehr als 60 Sprachen. Manchmal findet er, passt der Bibelvers ganz wunderbar zur Situation eines Tages. Heute zum Beispiel, bevor morgen die erste Arbeitswoche des neuen Jahres beginnt:

Die Losung für den 7. Januar 2024 steht im 2. Mosebuch, Kapitel 14, Vers 13: „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird.“

An anderen Tagen, sagt er, braucht es ein paar Überlegungen mehr, was denn diese Bibelverse für ihn bedeuten sollen.

Manchmal reibe ich mich an den Losungen, auch wenn er so gar nicht passen will zu meiner Situation. Aber meistens empfinde ich es wirklich als eine Kraftquelle, je nachdem, Ermutigung, Trost, als Anlass, selbstkritisch nachzudenken.

Passt es oder passt es nicht? Raimund Hertzsch warnt davor, die Losungen als eine Art Orakel für den Tag misszuverstehen. Im Gegensatz dazu gefällt ihm, was zum Beispiel der Theologe Fulbert Steffensky über seine Losungspraxis denkt. Er empfängt die Bibelworte wie einen fremden Gast.

Der fremde Gast kam zu mir, der fremde Text. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht. Ich würde mir immer die aussuchen, die zu mir passen. Ich würde mich fortsetzen in den Texten, die ich mir aussuche, und stattdessen unterbrechen die Losungen die eigenen Gewohnheiten.

Raimund Hertzsch hat es aber auch schon ganz anders erlebt. Dass der Text der Losung die eigene Lebenswirklichkeit fantastisch interpretiert hat.

Ich bin ja in der DDR aufgewachsen, da waren die Losungen wirklich ganz vielen Menschen besonders wichtig. Und oft passte die Losung sehr schön zu dieser absurden Wirklichkeit des damaligen Regimes. 

Besonders gerne zitiert er dazu eine Losung aus dem Jahr 1987. Am 13. August, also ein Vierteljahrhundert nach dem Bau der Mauer, stand da zu lesen:  

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“ aus dem Psalm 24. Und am 17. August, die hat sich besonders eingeprägt bei uns, die haben wir immer wieder zitiert: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“

Was für eine Erfahrung! Alte Bibelworte, zufällig für einen bestimmten Tag ausgelost, kündigen im zeitgenössischen Kontext das Ende einer Diktatur und den Fall der Berliner Mauer an. Großartig, dass Menschen mit so starken Hoffnungsbildern versorgt werden und wirklich Halt finden können.

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06JAN2024
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Hartmut Rosa Copyright: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft den Soziologen und Hobbyastronom Hartmut Rosa

Heute an Dreikönig ist noch einmal Weihnachten. Für die orthodoxen Christen auf jeden Fall. Der Evangelist Matthäus erzählt es so: Drei Astronomen aus dem Orient sind einem Stern gefolgt, der über dem Stall von Bethlehem stehen bleibt; dort, wo Jesus geboren wurde. Was es mit diesem Stern von damals auf sich hat, darüber spreche ich heute mit Hartmut Rosa. Der ist im Hauptberuf Professor für Soziologie in Jena und ist weltweit unterwegs und gefragt. Doch zuhause, in seinem Garten im Schwarzwald, da hat er seine eigene kleine Sternwarte. Wenn der Himmel klar ist, dann sind in den ersten Tagen des neuen Jahres regelmäßig Kinder und Erwachsene zu Besuch, um mit ihm in die Sterne zu gucken. Wie kam’s dazu, dass er Hobby-Astronom geworden ist?

Ich erinnere mich wirklich, als ich, ich glaube, da war ich fünf oder sechs, noch nicht in der Schule, da habe ich sogar davon geträumt, dass ich mit meinem kleinen Plastiklaster raus in den Garten fuhr und plötzlich die Sterne über mir sehen würde.

Und dieser Traum ist bis heute Realität, der Sternenhimmel über dem Garten. Den kann man von hier aus ganz wunderbar sehen, weil Hartmut Rosas Heimatort Grafenhausen fast 1000 Meter hoch liegt; und nachts ist es da wirklich richtig dunkel.

Und irgendwie hatte ich schon seit frühester Zeit an dieses Gefühl, dass es da eine Verbindung gibt zwischen mir und den Sternen. Und deshalb wollte ich da wissen, was da eigentlich leuchtet und wie es aussieht. Und so sind die Teleskope immer größer geworden.

Und er kommt noch immer ins Schwärmen:

In die Sterne zu gucken ist fast so interessant wie ein Märchenbuch zu lesen, weil eben diese Weiten und diese Größenverhältnisse und die Prozesse, die da draußen sind, so unvorstellbar sind.

Ich habe bisher immer nur mit bloßem Auge in den Sternenhimmel geguckt. Warum ist es Hartmut Rosa wichtig, Menschen etwas von dem zu zeigen, was er gesehen hat? Warum also sollten wir alle einmal durch ein Teleskop geschaut haben?

Also ich glaube wirklich, es ist der Blick in diese Tiefen des Weltalls. Das erzeugt, glaube ich, in Kindern wie in Erwachsenen den Sinn einer lebendigen Verbindung. Für mich sind die Sterne das Umgreifende, das Äußerste, was wir sehen können. Die letzte Realität da draußen und der Blick durch die Sterne gibt einem irgendwie den Sinn. Das hat was mit mir zu tun.

Ich schaue etwas skeptisch – die Sterne haben etwas mit mir zu tun? Hartmut Rosa weiß natürlich, dass ich an Horoskope denke und bestätigt gleich …

…  dass auch die Astrologie davon lebt, von dieser Vorstellung, dass die Bewegung der Sterne irgendwas mit meiner Seele zu tun haben. Aber ich glaube, man braucht gar keine Astrologie. Die Astronomie alleine tut es auch schon.

Ich spüre die Freude, wenn Hartmut Rosa von dem erzählt, was er durchs Teleskop in seinem Garten im Schwarzwald sieht. Mir kommen dabei die Worte des Evangelisten Matthäus in den Sinn. Der hat über die heiligen drei Könige geschrieben: „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.“ Geht es ihm auch so, wenn er die Sterne sieht?

Das ist ganz eigenartig, aber es geht mir wirklich so. Vielleicht hat es auch was Tröstliches, irgendwie zu wissen, dass bei den ganzen Schwierigkeiten, die wir hier auf der Welt haben und bei den Sorgen, in denen wir stecken, diese kosmischen Geschehnisse so unendlich weit und eben doch real sind.

Und er findet einen schönen Vergleich, wenn er an das denkt, was sich am Himmel und in den Tiefen des Alls abspielt.

Es kommt mir wirklich immer wie ein Schmuckkästchen vor. Du siehst auf engem Raum Sterne, die grün und blau leuchten und irgendwie wie so eine Sammlung von Edelsteinen aussehen. Vielleicht entsteht da der Sinn, dass da eine Schönheit ist, die nicht beeinträchtigt werden kann von unseren irdischen Wirrnissen und nicht mal von einem Krieg oder einer Klimakatastrophe.

Ich möchte nochmals zurück in die Zeit von Jesu Geburt. Auch wenn es natürlich schwierig ist, sich das vorzustellen; trotzdem reizt mich die Frage – wenn Hartmut Rosa damals einer der drei Sterndeuter gewesen wäre, wie hätte er auf den Stern reagiert?

Ich hätte das vielleicht als Zeichen interpretiert; dass da was passiert, was wichtig ist. Aber eben in diesem Sinne, dass diese äußere Erscheinung vermutlich etwas mit meiner Seele zu tun hat. Ich glaube, das hätte ich jedenfalls damals gedacht. Ja, ziemlich sicher. Das geht mich existenziell etwas an.

Der Stern weist auf Jesus hin – und dieses Kind im Stall wird also jemand sein, der unsere Seelen bewegt und die Welt verändert. So verstehe ich Hartmut Rosa. Bis heute kann man den Stern von Bethlehem naturwissenschaftlich nicht klar deuten. Das ist für Rosa aber nicht entscheidend.

Also aus meiner Sicht geht es eindeutig um die Symbolik. Was man da in dieser biblischen Geschichte auch schön sieht, ist sozusagen die Mutter-Vater-Kind-Situation in der Krippe, im Stall, im ganz Kleinen. Also das Innerste, was auch unser innerstes Wesen berührt, die Geburt Christi. Die Idee ist jetzt, dass da auch am Himmel eine Reaktion sein muss.

Für Hartmut Rosa bleibt sein Schwarzwälder Himmel etwas, das zu seinem Jahreslauf gehört. Und seinen Blick aufs Leben prägt.

Mir geht es tatsächlich so, dass wenn ich diese Objekte schweigend ihre Bahn ziehen sehe und dann vielleicht fällt lautlos eine Sternschnuppe, dann bekräftigt das in mir diesen Sinn, dass ich da verbunden bin mit dem Universum. Das ist ein Sinn, wie er auch in der Religion entstehen kann.

Und Hartmut Rosa erklärt mir am Ende an einem Beispiel, wie er das genau meint:

Es sind Kirchen, es sind Religionen, die uns nämlich genau diesen Sinn geben. Da ist einer, der hat dich bei deinem Namen gerufen, der hört dich. Was tun wir, wenn wir beten? Eigentlich versuchen wir, unser Innerstes zu öffnen und in eine Verbindung zu setzen mit einem umgreifenden Äußeren. Und dieser Sinn, diese Haltung können wir auch gewinnen, wenn wir ins Universum schauen.

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31DEZ2023
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Christoph Sonntag Copyright: sonntag.tv

Martina Steinbrecher trifft: Christoph Sonntag, Kabarettist, Wohltäter, einundfünfzigprozentiger Gläubiger 

(Eine Wiederholung der Sendung vom 18.09.2022)

Er hätte auch Pfarrer werden können. Neben einem passenden Namen bringt er vieles mit, was ihn statt auf die Bühne auch auf eine Kanzel hätte führen können. Der Kabarettist Christoph Sonntag stammt aus Waiblingen und ist in einem pietistisch geprägten Umfeld aufgewachsen: Er ist getauft und konfirmiert und bis heute Mitglied der evangelischen Landeskirche. Vor allem aber bescheinigt ihm seine Mutter ein „Talent zur Menschenfischerei“:

Ja, meine Mama hat jahrelang gejammert: „Ach, Kerle, wärsch doch Pfarrer worre!“ Wahrscheinlich denkt meine Mama, dass ein Pfarrer automatisch in den Himmel kommt. Und zweitens hat sie wahrscheinlich meine menschenfischende Art erkannt. Und drittens wäre es halt in der Gesellschaft wahrscheinlich besser angekommen als ein Kabarettist.

Ich kenne keinen Pfarrer, der den Begriff Menschenfischer heute auf sich bezieht. Klingt wahrscheinlich zu sehr nach „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“. Dabei gehört das Wort unbedingt in die Tradition christlicher Nachfolge. Im Lukasevangelium erkennt Jesus die menschenfischende Art von Petrus, einem Berufsfischer vom See Genezareth. „Von nun an sollst du Menschen fischen“, sagt Jesus zu ihm. Und ich höre heraus: Du kannst das: Menschen für eine Sache gewinnen, überzeugen, begeistern …

Wir haben alle eine Botschaft und möchten, glaube ich, darauf hinweisen, dass wir alle in ein Leben geschmissen wurden, wo keiner uns jetzt beweisen kann, dass es vom lieben Gott gesteuert ist. Dass es ihn überhaupt gibt, weiß keiner. Das ist eine Mutmaßung. Aber wir sind in diesem Leben und haben die Möglichkeit, Spuren zu hinterlassen.  

Christoph Sonntag sieht sich nicht als Comedian, der nur unterhalten möchte, sondern als Mensch mit einer Haltung, einer Weltanschauung. Die will er verbreiten, ohne ätzend zu sein, ohne die Leute zu belehren. Sein Vehikel ist der Humor. Und die Botschaft kommt im Beifang.

Ich bin Unterhalter. Da kommen Menschen zu mir, die haben einen ganzen Tag geschafft, die haben ihre Probleme. Die haben Probleme mit den Kindern, mit dem Job, mit der Gesundheit. Und denen möchte ich zwei Stunden lang einfach Tränenlachen bieten, damit sie mal davonschweben können. Und wenn im Beifang ein bissle Weltanschauung mit durchfließt und sie am Schluss sagen, hey, das war supergeil beim Sonntag, aber da mit der Ukraine hat er recht gehabt oder: da mit dem Umweltschutz hat er recht gehabt. Das ist doch toll. Mehr kannst du gar nicht kriegen.

Wenn ich Christoph Sonntag von seinem Beruf schwärmen höre, muss ich denken: So unterschiedlich sind die Erwartungen an Kabarettisten und Pfarrerinnen ja gar nicht. Auch zu mir in den Sonntagsgottesdienst kommen Leute mit Problemen. Und auch ich möchte, dass sie verändert nach Hause gehen, nachdenklich, wachgerüttelt, getröstet, beschwingt. Dass sie sagen: Hey, geil war`s am Sonntag. Christoph Sonntag meint:  

Ihr seid immer in der Gefahr, dass man denkt, ach, jetzt kommt was Betuliches. Ihr müsst immer dagegen ankämpfen: Hör mir doch bitte zu, weil so blöd ist es gar nicht. Aber ja, das ist halt die Bürde eures Jobs.

Ich habe eine Übereinstimmung zwischen unseren Berufen festgestellt: Hier die Pfarrerin, da der Kabarettist. Beide wollen wir den Menschen etwas mitgeben, was das Leben leichter macht. Den großen Unterschied formuliert Christoph Sonntag so:

Der Pfarrer hat seine Texte vorgeschrieben vom lieben Gott, der Kabarettist darf sie sich selber schreiben. Wir sind etwas freier.

Über die Sache mit der Freiheit muss ich lange nachdenken. Stimmt das? Klar, beim Predigen bin ich an die biblischen Texte verwiesen. Die sind zwar nicht vom lieben Gott geschrieben, aber in einer gewissen Reihenfolge für jeden Sonntag vorgegeben. In der Auslegung bin ich als Protestantin aber nur meinem Gewissen verpflichtet. Ausgerechnet der Kabarettist, der kein Pfarrer werden wollte, hat mich zu Beginn unseres Gesprächs daran erinnert. Auf der Kaffeetasse, die er mir hingestellt hat, steht „I muss gar nix!“  Und dazu meint er augenzwinkernd: „So was in der Art hat der Luther ja auch mal gesagt!“ Stimmt. Im O-Ton: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan!“ Erlebt Christenmensch Sonntag den Glauben auch als eine befreiende Kraft?

Es gibt fünfzig Prozent Chance, dass es Gott gibt, fünfzig Prozent Chance, dass es ihn nicht gibt. Ich sehe es einundfünfzig zu neunundvierzig, weil für mich sind zu viele Momente auf dieser Erde da, die mich schon erstaunen lassen und mir eine Gänsehaut machen. Diese Kraft gibt es definitiv. Diese Kraft gibt es, und sie ist für mich die göttliche Kraft, die wir anzapfen können, und wenn man sie anzapft, fließt sie. Wenn sie durch uns durchfließt, geben wir sie ab und kriegen sie zurück.

Etwas abzugeben von dem, was er bekommt, auch das ist für Christoph Sonntag wichtig. Sein gesellschaftliches Engagement könnte direkt aus der Bibel abgeleitet sein. Mit seiner Stiphtung, die sich wie sein Vorname mit ph in der Mitte schreibt, packt er Probleme dort an, wo sie ihm wie einst dem barmherzigen Samariter direkt vor die Füße fallen:

Wir kümmern uns um Obdachlose und Wohnsitzlose. Wir kümmern uns um ökologische Projekte. Wir machen im Prinzip Dinge, die wir sehen, und machen sie einfach. Also wir sind jetzt keine Stiftung, die zum Beispiel sagt, wir retten jetzt alle Straßenhunde dieser Welt. Aber wenn ein Kaninchen vorbeihoppelt, ist es uns egal, sondern wir kriegen halt mit, dass jemand in Not ist und versuchen, dann schnell zu helfen.

Und dann hat er zum Schluss noch dieses Wort vom Sonntag:

Ich hole mir meinen Kontakt zu der himmlischen Weisheit, indem ich ständig damit lebe. Indem ich ständig mit dem Wissen lebe, dass es etwas Höheres gibt, indem ich ständig mit dem Wissen lebe, dass mich das immer gemahnt, freundlich gemahnt, was ich auch richtig machen soll. Dann mache ich es falsch, dann liege ich im Bett. Und dann weiß ich, dass mir verziehen wird. Das ist geil.

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26DEZ2023
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Stephan Wahl Foto: privat

… und mit Stephan Wahl. Seit mehr als fünf Jahren schon lebt der Priester des Bistums Trier nun in Jerusalem. Davor war er viele Jahre lang für die Kirche bei Hörfunk und Fernsehen unterwegs. Hat das „Wort zum Sonntag“ gesprochen und ein paar Jahre auch diese Sendung „Begegnungen“ gemacht. Zur Zeit ist er auf Heimaturlaub - und auf einer Lesereise. Unter anderem mit Psalmen, die er in den vergangenen Jahren in Israel geschrieben hat. Schon sehr früh, als Austauschschüler erzählt er mir, habe er sich in dieses Land verliebt.

Und dass ich zum Ende meiner beruflichen Tätigkeit dann die Möglichkeit bekam, noch mal was völlig Anderes zu machen und dann in dem Land, in das ich mich schon früh verliebt hatte, ist für mich eine große Herausforderung und ein großes Geschenk.

Als deutscher Christ im Heiligen Land vermeidet Stephan Wahl es, sich auf eine Seite zu schlagen. Vielmehr versucht er beide, soweit das möglich ist, irgendwie zu verstehen.

Ich bin kein Palästinenser, ich bin kein Israeli. Ich werde nie ein Palästinenser, nie ein Israeli sein. Wenn, stehe ich auf beiden Seiten oder auf keiner. Es ist nicht mein Land. Also von daher surfe ich zwischen den Fronten und das war vor dem Krieg schon schwierig genug. Und jetzt muss ich sagen, es zerreißt es mich.

Was das konkret heißen kann, dieses innere Zerissensein, schildert er mir mit einem Erlebnis, das er während der mehrtägigen Feuerpause im November erlebt hatte.

Ich war am letzten Tag der Feuerpause nach Tel Aviv gefahren und war dann auch auf dem Platz vor dem Museum, der jetzt der „Vermissten-und Geisel-Platz“ heißt. Die haben ihn umbenannt. Es ist sehr bewegend. Da steht der große Schabbat-Tisch, der leer ist mit so und so viel Stühlen. Für jede gefangene Geisel einer, und einen Teller und dann ein Glas. Aber niemand sitzt dort. Und viele Leute waren da. Sehr eindrückliche und belastende Stimmung. Von da aus bin ich zurück in mein arabisches Shuafat, wo ich wohne, ich wohne in Ostjerusalem, und da springen einem die Gesichter entgegen, die um ihre Verwandten und Freunde in Gaza zittern oder trauern oder weinen. Das zerreißt dich.

Und ich frage mich und auch ihn, wie da jemals wieder Frieden herrschen kann, bei so viel Leid und so viel Hass.

Die Frage wüsste ich auch gerne beantwortet. Im Moment weiß ich nicht, wie diese offenen Wunden auf beiden Seiten irgendwie zu schließen sind. Das Land hat viel erlebt. Seit Israel existiert werden laufend Wunden geschlagen und nur notdürftig verdeckt. Aber ich sage trotzdem, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass vielleicht irgendetwas passiert, was wir jetzt nicht überschauen, was ermöglicht, über diese Gräben zu springen.

Was ihm trotz Allem ein bisschen Hoffnung macht, darüber sprechen wir gleich.

…ich spreche mit Stephan Wahl, der seit 2018 in Israel lebt.

Seit dieser Krieg dort tobt frage ich mich, wie Juden, Muslime und auch Christen in dieser Katastrophe überhaupt zu Gott beten können. Einen Gott, den es doch eigentlich auch zerreißen müsste. Wie geht es ihm damit seit dem 7. Oktober?

Mir geht es da so, wie es mir bei der Ahr-Katastrophe ging. Und ich mich wiedergefunden habe in dem Versuch, trotz allem zu glauben, wie es uns die Psalmen lehren. Die ja mit Gott sehr hart ins Gericht gehen zwischendurch. Und ich kann nicht trösten im Moment mit: Der liebe  Gott wird schon alles irgendwie gut machen. Das wird alles fade, wenn man es schon sagt. Mein Gebet ist eigentlich, ihm diese Fragen in den Himmel zu schleudern und zu fragen: Wie kann das sein? Wie kannst du das selber aushalten, dass in deinem Heiligen Land, das so oft unheilig ist, so was passiert?

Scheitert unser Reden vom „lieben Gott“ also an der Realität?

Deswegen bin ich immer vorsichtiger, was fromme Sprüche angeht. Also ich, ich kann diesen Satz nicht mehr schreiben: Gott weiß, oder Gott hat das und das gemacht. Ich weiß nicht. Ich kann mir das vorstellen, ich kann mir das wünschen, ich kann es bitten, ich kann es erflehen. Aber ich weiß es nicht.

Gibt es denn bei all diesen Gräben etwas, das Hoffnung macht für die Zeit danach. Wenn die Waffen schweigen und die Menschen ja weiter miteinander leben müssen?

Hoffnung macht mir zum Beispiel die israelische Menschen- und Friedensbewegung Tag Meir. Das sind Israelis, die sich einfach nicht nehmen lassen, Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten anzugehen und auch entsprechend zu reagieren. Zum Beispiel vor Jahren: Ein behinderter Palästinenser, Autist, junger Mann. In der Altstadt von einem Soldaten, der meint, er wär ein Terrorist, weil er sich auffällig verhalten hat, der wird erschossen, was ein entsetzliches Drama ist. Dann geht Tag Meir, gehen Israelis in das Trauerzelt der Familie und ich bin damals mitgegangen - ich merke jetzt, dass es mich noch berührt, wenn ich es erzähle - um bewusst zu sagen: Wir finden das genauso schrecklich wie ihr! Und man hat das genau in den Gesichtern gesehen. Auf der einen Seite die Verachtung gegenüber Israel und auf der anderen Seite die tiefe Dankbarkeit, dass die diese Schwelle überwunden haben und in diese Familie gehen. Da gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass dieser Wille, die eigenen Gräben zu übersteigen, auch durch den Krieg bei vielen nicht ausgelöscht sein wird.

Ende Januar will Stephan Wahl auf jeden Fall wieder zurück nach Jerusalem. Nach Hause, wie er sagt.

Obwohl es so schwierig ist, im Moment in diesem Land zu leben. Ich bin trotz allem immer noch dankbar, jeden Morgen in Jerusalem aufwachen zu dürfen. Und ich bin gerne hier in Deutschland, aber je länger ich dann immer hier bin merke ich, dass ich sage: hier ist meine Heimat, aber zu Hause bin ich in Jerusalem.

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