Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

26APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Da ist ein reicher Mann, fromm. Erhält sich an alle Gesetzte und fragt sich dennoch: Reicht das. Reicht das, was ich tue, ist es richtig, wie ich lebe. Trotz seines tiefen Glaubens und all seiner Bemühungen ist er sich nicht sicher das ewige Leben zu erreichen. Also fragt er Jesus, was er noch tun kann. Diese Geschichte aus dem Markusevangelium gehört zu meinen liebsten. Jesus antwortet ihm, dass er seinen ganzen Reichtum verkaufen, den Erlös den Armen schenken und fortan selber arm sein soll. Im Anschluss sagt Jesus diesen Satz: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Den Satz finde ich wundervoll. Allerdings nicht unbedingt wegen seines Inhalts. Der ist natürlich wichtig und ein Kernpunkt des Christlichen Glaubens, aber es geht mir jetzt nicht darum. Mich interessiert mehr die Art und Weise, in der Jesus da spricht.

Als ich, da war ich noch klein, die Stelle zum ersten Mal gehört habe, musste ich lachen. Denn ich habe das witzig gefunden. Weil ich mir vorgestellt habe, wie ein Kamel versucht sich durch ein Nadelöhr zu zwängen. Und ich kann mir gut denken, dass in diesem Moment einige der Hörer Jesu auch schmunzeln mussten. Vielleicht hat er selbst auch ein bisschen gelacht. Ganz egal wie ernst das Thema eigentlich gewesen ist, da war auch ein bisschen Humor mit dabei. So stelle ich es mir zumindest vor. Und das macht mir diese Geschichte und die Person Jesus allgemein noch sympathischer. Es geht um die Grundstrukturen unseres Daseins. Um die existenziellsten Fragen, ja, man kann sagen: Eigentlich geht es bei Jesus die ganze Zeit ans Eingemachte. Aber trotzdem gibt es bei all der Tiefe und Ernsthaftigkeit auch noch Platz für ein Schmunzeln. Das finde ich ungeheuer wichtig. Denn es zeigt mir: Jesus war zwar ein hochmoralischer Mensch, aber er war kein Moralist. Er war nicht verbissen oder verbohrt, seine Botschaft war nicht bitter, sondern lebensbejahend. Der reiche Mann, dem aufgetragen wurde seinen Besitz zu verkaufen, fand das wahrscheinlich nicht so witzig. Aber ihm wurde der Auftrag nicht mit erhobenem Zeigefinger erteilt, sondern – so deute ich es - mit einem Lächeln. Und das macht viel aus. Wie schwer die Aufgabe, vor der ich stehe auch sein mag, sie wird noch schwerer, wenn dabei nicht einmal mehr Raum für ein Lächeln oder Schmunzeln ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39793
weiterlesen...
25APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Immer wieder drängt sich im Leben die Frage auf, was denn das alles soll. Gerade wenn es wie derzeit so viel Leid und Elend in der Welt gibt. Wenn jeden Tag von der Eskalation eines bestehenden oder dem Ausbruch eines neuen Konfliktes die Rede ist. Klimakrise, Krieg in Gaza, Krieg in der Ukraine. Und das sind nur die größten Geschehnisse, von denen wir täglich hören. Es gibt noch so vieles mehr, wo die Welt nicht so genau hinschaut. Da frage zumindest ich mich oft, warum das alles sein muss. Was das alles für einen Sinn haben soll.

Aber der Blick in die große Politik ist nicht einmal nötig, auch in meinem kleinen Alltag kommt sie immer wieder hoch: Die Frage nach dem Sinn. Ich habe beispielsweise ein Buch geschrieben, aber niemand interessiert sich dafür. Oder wenn ich mich verliebt habe, aber vom anderen kommt nichts zurück. Das sind so Situationen, in denen das Leben nicht das hält, was es verspricht oder ich mir von ihm erhofft habe. Die mich zweifeln lassen am Sinn und Zweck des Ganzen. Wozu soll ich mich noch abmühen, wenn sowieso nichts dabei rauskommt. Es gibt solche Momente. Ich denke, jeder kennt das. Der Sinn des Lebens ist eine der großen Menschheitsfragen, die philosophische Literatur ist voll davon. Auch das Christentum sichert mir den Sinn des Lebens zu. Zumindest verstehe ich das „Fürchte Dich nicht“ so, von dem in der Bibel immer wieder die Rede ist, das Gott seinen Geschöpfen quasi immer wieder zuruft. Aber manchmal reichen alle Lehren, aller Glaube und alles Vertrauen eben nicht aus. Da brauche ich mehr.

Mir hilft es da, mich an den sinnvollsten Moment meines Lebens zu erinnern: Eine gute Freundin von mir ist schwanger gewesen. Der Vater des Kindes hatte sich aus dem Staub gemacht, sie war gerade in eine neue Stadt gezogen, aber wegen Corona gab es kaum Möglichkeiten jemanden kennenzulernen. Sie wollte unbedingt eine Hausgeburt, die Hebamme hat dem aber nur zugestimmt, wenn sie während und nach der Geburt nicht alleine ist. Schließlich hat sie mich gefragt, ob ich da sein könnte. Und so bin ich Zeuge dieser Geburt geworden. Ein bisschen konnte ich auch helfen. Und ich habe dieses kleine Wesen auf die Welt kommen sehen, habe seinen ersten Schrei gehört. Als einer der ersten Menschen hab ich den Kleinen berührt und in den Arm genommen. Das war das bewegendste, das ich je erlebt habe. In diesem Moment war alles sinnvoll. Es war alles richtig. Es war richtig, dass dieses Kind auf die Welt kommt und es war richtig, dass es Leben gibt, dass es Menschen gibt. Seither denke ich, dass der Sinn des Lebens das Leben selbst sein könnte. Dass mit jedem neuen Leben auch sein Sinn geboren wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39792
weiterlesen...
24APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

94 – was für ein stolzes Alter. Mein Vater hat es heute erreicht - und die ganze Familie freut sich mit ihm: Kinder, Enkel und inzwischen sogar schon Urenkel.

Meinen Vater bringt so schnell nichts aus der Ruhe und gleichzeitig strahlt er eine tiefe Lebensfreude aus. Manchmal frage ich mich: Woher kommt das? Was hat er Gutes erlebt und was war schwierig für ihn? Er erzählt gerne von seinen Jugenderlebnissen, von Radtouren mit Freunden und von seiner kirchlichen Jugendgruppe. Auch von den Menschen, die ihn geprägt haben – etwa sein Großvater. Die Generation meines Vaters musste aber auch den Nationalsozialismus und den 2.Weltkrieg erleben. Er hatte das Glück, nicht mehr eingezogen zu werden, weil er zu jung war. Das Geburtsjahr kann zum Schicksal werden.

Danach ging es in vielfacher Hinsicht wieder bergauf. Es herrschte Frieden und man konnte etwas aufbauen. In dieser Zeit hat mein Vater eine Familie gegründet und das Geld verdient. Für uns Kinder war vor allem meine Mutter zuständig. Dabei hat mein Vater ein Händchen für Kinder. Vieles davon hat er erst später als Großvater mit seinen Enkeln ausleben können.

In welche Zeit und in welche Umstände wir hinein geboren werden, prägt unser Leben. Es ist uns gegeben – und aufgegeben, ob es helle oder dunkle Tage sind. Wir bekommen Chancen und stehen vor Herausforderungen und so weben wir unseren Lebensfaden ins Ganze des Lebens.

In den mittleren Lebensjahren geht es dabei vor allem um das, was wir tun und leisten. Und manchmal sind es gerade die Herausforderungen, an denen wir wachsen und auf die wir zu Recht

stolz sind.

Wenn dann die Kräfte und Fähigkeiten mit zunehmendem Alter nachlassen, ist das nicht einfach zu akzeptieren. Mein Vater sagt manchmal mit Bedauern: „Ich kann ja nicht mehr viel machen“. Das stimmt. Aber mit 94 muss man keine Bäume mehr pflanzen. Und trotzdem gibt er uns ganz viel. Einfach dadurch, wie er ist. Im hohen Alter zählt die innere Haltung. Wie ein Mensch geworden ist. Welche Werte ihm wichtig waren und aus welchem Geist er gelebt hat.

Auch das hinterlässt Spuren im Gewebe des Lebens. Es sind weniger die vordergründigen Farben und Muster – eher die Kettfäden, die alles zusammenhalten. Bei meinem Vater ist ein solcher Faden sein Gottvertrauen. Das macht ihn zuversichtlich, auch wenn er nicht weiterweiß und spürt, dass sein Leben zerbrechlich wird.

Lieber Papa, Gottes Segen zu deinem 94. Geburtstag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39790
weiterlesen...
23APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wilden Tieren in freier Wildbahn begegnen – das habe ich bei einer Safari erlebt. Da sind mir die massigen Körper der Elefanten und Nashörner sehr nahegekommen. Beeindruckend! Und als eine friedlich grasende Herde von Zebras blitzschnell davongerannt ist, weil ein Löwe aufgetaucht ist, hat mir das schon eine Gänsehaut gemacht.

Die ungezähmte Lebenskraft von wilden Tieren fasziniert mich, aber sie macht mir auch Angst. Sie ist mir fremd. In der zivilisierten Welt, in der ich lebe, muss ich nicht befürchten, von einem Tier angegriffen zu werden. Mein Leben ist sicher und bequem, und das weiß ich auch zu schätzen. Aber es ist auch etwas verloren gegangen, nämlich dass ich Leben und Lebendigkeit so ganz direkt und kraftvoll erfahren kann.

Das gilt auch für meinen Glauben. Für mich ist Gott „zivilisiert“.

Wenn ich allerdings in der Bibel lese, finde ich einen Gott, von dem so eine unmittelbare und ganz starke, fast schon wilde Kraft ausgeht. Wenn er etwa dem Mose im brennenden Dornbusch erscheint und ihm den Auftrag erteilt, sein Volk zu befreien. Das ist kein gezähmter Gott. Auch Jesus muss Gott so erfahren haben. Nach seiner Taufe geht er in die Wüste. Er setzt sich 40 Tage lang dem Hunger und dem Durst aus, der Einsamkeit, den wilden Tieren. Und am Ende dienten ihm die Engel. Jesus kommt also wohl in einen tiefen Kontakt zum Göttlichen, weil er sich auf diese fremde, wilde Welt eingelassen hat. Er wird Gott seinen Vater nennen – und zugleich wird ihn dieser Gott herausfordern bis zum Letzten.

Ich gebe zu: mir wird bei diesen Gedanken durchaus ungemütlich. Ich habe mich mit meinem zivilisierten Leben und meinem zivilisierten Gott ganz gut eingerichtet. Da gibt es keine unzumutbaren Herausforderungen.  Aber da ist auch nur wenig, was mich unmittelbar packt und fasziniert.

Ich beginne zu ahnen, dass Gott nicht nur ein transzendentes, geistiges Wesen ist, sondern dass auch die ungebändigte Kraft zu ihm gehört. Wie sonst kann ich mir vorstellen, dass alles vom Einzeller bis zum Elefanten, Giraffen, Zebras, Krokodile und Flusspferde, dass sie alle aus seiner göttlichen Kreativität kommen?

Jetzt bin ich nicht mehr auf Safari. Aber ich ziehe meine Schuhe aus und spüre die Erde unter meinen nackten Füssen und ich schaue nach oben, in den weiten Himmel. Er ist voll von den unfassbaren Energien von Sonne und Wind. Es ist und bleibt wohl ein Geheimnis: wie ungezähmt und wild mein Gott sein kann! 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39789
weiterlesen...
22APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wo habe ich es nur hingelegt – das Handykabel?  Solange die Batterie genug Energie hat, ist das noch kein Problem. Aber spätestens, wenn sie leer ist, fange ich fieberhaft zu suchen an. Denn ohne Verbindung zur digitalen Außenwelt bin ich von Vielem abgeschnitten, was für mich zum Leben dazugehört.

Manchmal geht es mir mit meiner Lebensenergie so ähnlich. Wenn ich nicht rechtzeitig auflade, leert sich mein innerer Akku, manchmal ohne, dass ich es merke - und auf einmal fühle ich mich ausgelaugt. Wie abgeschnitten vom Leben. Es ist nicht so sehr eine körperliche Erschöpfung, sondern eher eine seelische. Ich bin antriebslos, und alles wird mir egal.

Dann hilft mir oft, wenn ich rausgehe und laufe oder etwas Praktisches tue wie Gartenarbeit oder Kochen. Aber das reicht nicht immer. Ich bleibe leer und mir fehlt – bildlich gesprochen – ein Aufladekabel, mit dem ich mich an eine größere Energiequelle anschließen kann. Denn aus mir selber kann ich mich nicht aufladen.

Für mich ist Gott eine solche Energiequelle. Er ist Ursprung und Schöpfer des Lebens, die Urkraft, aus der alles kommt. Ich möchte mit dieser Energie, mit dem göttlichen Spirit, der alles Leben durchströmt, in Verbindung kommen. Natürlich kenne ich die klassischen Wege – Gebet und Gottesdienst…  aber nicht immer finde ich dadurch einen Zugang. Ich bleibe irgendwie außen vor, wie abgeschnitten.

Dann muss ich mich eben - wie bei meinem Handykabel – auf die Suche machen. Wo soll ich anfangen? Bei anderen religiösen Traditionen oder mit fremden Ritualen? Mir hilft es, wenn ich erst mal bei mir selber bleibe und mit meinem Innern Kontakt aufnehme. Wonach sehne ich mich eigentlich? Was fehlt mir? Die Suche führt mich zu meiner Seele, zu diesem inneren Raum, in dem ich zu Hause bin. Aber wenn ich nur um mich selber kreise und in mir gefangen bleibe, dann leidet meine Seele. Sie möchte sich mitteilen und angesprochen sein. Sie sehnt sich nach einem Gegenüber, nach einem Du. Sie sehnt sich danach, verbunden zu sein.

So wird gerade die schmerzliche Leere zur Kontaktstelle zu Gott.

Wenn ich mir diese Sehnsucht eingestehe, dann werde ich durchlässiger. Meine Seele öffnet sich für Gott. Oft ereignet sich das in der Stille. Auf einmal ändert sich mein Lebensgefühl. Ich fühle mich verbunden mit mir selbst, mit dem Leben und mit Gott. Und die Lebensenergie beginnt wieder zu fließen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39788
weiterlesen...
20APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Die Finnen sind die glücklichsten Menschen der Welt. Das hat der „Weltglücksbericht“ gerade wieder bestätigt. Im internationalen Ranking stehen sie auf Platz 1. Und das, obwohl sie in einer politisch extrem bedrohlichen Lage mit einer langen Grenze zu Russland leben.

Die Ursachen für dieses Finnenglück sind vielfältig. Die Finnen leben Chancengleichheit und Gleichberechtigung, sie sind im Umgang miteinander freundlich und zuvorkommend und kümmern sich umeinander. Emotionale Fähigkeit steht als Lehrfach auf dem Stundenplan. Vor allem aber: Finnen sind nicht neidisch. Sie vergleichen sich nicht mit anderen Menschen. Neid ist ihnen fremd.

Kein Wunder, dass wir Deutschen im Glücksranking wieder abgerutscht sind. Platz 24. Objektiv gesehen geht es uns ziemlich gut. Aber es scheint, dass wir ein Volk sind, das ganz besonders anfällig dafür scheint, sich vom Neid auffressen zu lassen. Mit unserem Neid vertreiben wir uns aber selbst aus dem Paradies. Jedenfalls gibt es Millionen Menschen auf der Welt, die sehr gerne mit uns tauschen würden. Doch der Neid vernebelt den Blick auf unsere eigene gute Wirklichkeit.

Neid gilt als eine der sieben Todsünden. Neid vergiftet und zerstört Beziehungen. Wer niemandem etwas gönnt und sich ständig vergleicht, wird garantiert unglücklich.

Neid ist – Stichwort Paradies – eine sehr alte schlechte Eigenschaft des Menschen. Davon erzählt eine der Schöpfungsgeschichten in der Bibel. Der erste Mensch ist neidisch auf Gott, der als einziger vom Baum in der Mitte des Gartens essen darf. In der nächsten Generation bringt Kain seinen Bruder Abel aus schierem Neid um.

Jede Sünde führt zu einem getrübten Blick. Es geht also um einen Perspektivwechsel. Statt zu schauen, was der Nächste mehr hat, wäre es eine Idee, auf das zu schauen, was er braucht. Statt auf das Glück der anderen zu schielen, könnte ich mich freuen über das Glück, das mir selbst geschenkt ist. Wenn es richtig gut läuft mit dem Perspektivwechsel: Ich könnte auf die Idee kommen, mein Glück zu teilen!

Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die das können. Gönnen und Teilen. Etwa alle, die sich für andere engagieren und so viel Sinn im Leben fühlen.

Vielleicht sollte man sie in Schulen schicken, so dass sie ihre Erfahrungen weitergeben können. Oder auch das Schulfach „emotionale Fähigkeiten“ bundesweit einführen. Oder beides.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39802
weiterlesen...
19APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Was wäre mein Leben ohne einen richtig guten Freund oder eine richtig gute Freundin? Eine Freundin, der ich bedingungslos vertrauen kann. Ein Mensch, der mir, wenn es notwendig ist, auch einmal auf die Sprünge hilft, mich ergänzt und zugleich Verständnis für mich hat. Der Reformator Martin Luther hatte einen solchen Freund. Philipp Melanchthon. Heute ist sein Todestag, am 19. April 1560 ist er gestorben.

Melanchthon war für Luther ein außerordentlicher Glücksfall, ein Freund auf Augenhöhe, intellektuell ebenbürtig, ein ausgezeichneter Wissenschaftler und Kenner der antiken Schriften, zugleich ein Reformer, der offen war für neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse.

Altes und Neues konnte er in seinem Denken verbinden und so verwundert es nicht, dass er schnell für die Gedanken der Reformation entflammt ist, die sich durch Martin Luther verbreitet haben. Er hat seinen Freund dann in politischen und religiösen Konferenzen vertreten, wenn der als Geächteter nicht reisen konnte.

Wichtige Bekenntnisschriften stammen aus Melanchthons Feder. Wenn Martin Luther wieder einmal als Hitzkopf agierte, versuchte Melanchthon zu vermitteln.

Die Freundschaft hat beiden gutgetan. Denn Melanchthon profitierte auch selbst! Er war nämlich jemand, der sich das Leben schwer machte. Er war bis aufs Äußerste skrupulös ist darüber immer wieder krank geworden. Schlaflosigkeit und Magengeschwüre quälten ihn. Ständig hat er gegrübelt: Waren seine Entscheidungen richtig oder falsch? Welche Konsequenzen würden sich ergeben? Würde er schwere Sünden auf sich laden? Melanchthon zweifelte. In dieser Situation hat ihm sein Freund Martin Luther weitergeholfen. Luther ist zwar ein Hitzkopf gewesen, doch zugleich ein sensibler Seelsorger. Pecca fortiter, zu deutsch: Sündige tapfer! lautet sein Ratschlag an seinen Freund Melanchthon. Dieser Ratschlag könnte heute glatt als moderner therapeutischer Hinweis durchgehen. Eine kluge Intervention!

Wenn du Angst vor den Konsequenzen deines Handelns hast, obwohl du eigentlich alles wohl bedacht hast: Riskiere es, schau dem, was du vorhast, mutig ins Auge! Die Folgen des eigenen Handelns kann schließlich kein Mensch vollständig übersehen. Und Luther hat noch eins draufgesetzt: glaube noch tapferer. Auch noch der letzte Rest an Zweifel, der an den Magenschleimhäuten Melanchthons genagt hat, sollte beseitigt werden. Sündige tapfer, glaube noch tapferer!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39700
weiterlesen...
18APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein Physikprofessor hat mir von einem faszinierenden Gedankenexperiment erzählt, das Albert Einstein zu verdanken ist. Angenommen, ein Mensch hätte einen Zwillingsbruder und begäbe sich auf eine Reise in einem Raumschiff mit sehr großer Geschwindigkeit in den Kosmos. Beide Zwillingsbrüder haben eine Uhr dabei. Nach Einsteins Theorie vergeht die Zeit in dem mit Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall rasenden Raumschiff unendlich viel langsamer als auf der Erde. Wenn der Raumfahrer daher nach einem Jahr auf seiner Uhr umkehrt, trifft er nach seiner Rückkehr die Ururur-Enkel seines Zwillingsbruders. Bei genügend großer Geschwindigkeit könnte man tatsächlich tausend Jahre zu einem Tag machen. Auch wenn das tatsächlich wissenschaftlich bewiesen ist: Das Gedankenexperiment sprengt, ganz klar, mein Vorstellungsvermögen.

Mir als Theologin fällt dazu der Psalmvers ein: Tausend Jahre sind vor dir, Gott, wie der Tag, der gestern vergangen ist. Daraus folgt nicht, dass die Psalmen schon die Relativitätstheorie erfasst hätten. Es folgt aber daraus, dass eine eindimensionale oder gradlinige Auffassung von Zeit auch theologisch verstanden sicher zu kurz greift.

Ich bewundere Menschen wie Albert Einstein. Heute ist sein Todestag. 1955 ist er gestorben. Ganz ohne künstliche Intelligenz, rein mit der Kraft seiner Gedanken, hat er die Relativitätstheorie entwickelt. Es ist so unfassbar, was Menschen erdenken und erfinden können! Übrigens auch böseste Dinge! Albert Einstein stammte aus einer jüdischen Familie. Seine Schriften wurden von den Nationalsozialisten verbrannt, er emigrierte und half anderen so viel er konnte, aber Familienangehörige wurden von den Nazis ermordet. Antisemitismus und rechtsradikales Denken treiben gerade wieder ihr Unwesen. Es ist eben einfacher, eindimensional zu denken, als Relativitäten einzuplanen.

Aus den Wundern der rasenden Zeit und der Komplexität des Kosmos einen Gottesbeweis zu konstruieren, funktioniert nicht.

Leider nicht, mag mancher sagen. Ich finde: Es ist doch einfach schön, über Faszinierendes zu staunen! Ich muss nicht alle Feinheiten der Relativitätstheorie verstehen. Es kann doch reichen, zu staunen. Faszinierend! Wie übrigens der Astronaut Spock in meiner als Kind so geliebten Serie „Raumschiff Enterprise“ immer gesagt hat. Faszinierend! Und wer mag, so wie ich, kann dafür Gott loben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39699
weiterlesen...
17APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Spielplatz um die Ecke hat unlängst wieder frischen Sand bekommen. Das Spielen mit dem alten, verdreckten Sand hat den Kindern irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Gut, dass er ersetzt wird, hab‘ ich mir gedacht. Und dabei zugeschaut, wie die Kinder ihre Sandburgen bauen. So prächtig sie am Anfang auch aussehen - spätestens nach ein paar Tagen bleibt nur noch ein kleiner Sandhaufen übrig. Die ach so stolze Sandburg war halt nicht nur aus Sand. Sie war auch auf Sand gebaut!

Jesus spricht einmal von Häusern, die buchstäblich auf Sand gebaut sind. In der Bergpredigt sagt er: „Ein unvorsichtiger Hausbauer verzichtet auf ein Fundament, sondern baut einfach auf Sand. Schon beim nächsten Sturm fällt das Haus in sich zusammen.“ (Matthäus 7,26+27) Zumindest als Untergrund taugt Sand also nicht unbedingt. Es sei denn, man fügt Zement und Wasser dazu – und erhält widerstandsfähigen Beton.

Deshalb steht der Sand heute in höherem Kurs als zur Zeit Jesu. Nicht nur Beton lässt sich aus Sand machen. Sondern etwa auch Glas. Inselstrände werden mit Sand gesichert. Und Land ins Wasser ausgedehnt. Sand ist nach Wasser der wichtigste Rohstoff. Und sein Besitz längst Anlass für kriegerische Auseinandersetzungen.

Daran konnte Jesus noch gar nicht denken. Jesu Sand-Beispiel aus der Bergpredigt meint zunächst: Leben braucht einen verlässlichen Grund. Ich muss auch standhaft bleiben können, wenn Sturm und Unwetter über mich hinwegfegen. Deshalb wirbt Jesus für den Glauben an Gott. Mehr noch: Jesus bietet sich selber als Fundament an für ein Leben, das nicht gleich ins Wanken kommt, wenn’s einmal stürmisch wird. In der Bergpredigt geht es genau darum, wie sich ein solches Fundament fürs Leben gewinnen lässt. Indem ich Frieden stifte und auf meine Feinde zugehe. Indem ich für Gerechtigkeit eintrete. Indem ich Licht in das Leben der Menschen bringe. Wenn ich versuche, meinem Leben ein solches Fundament zu geben, ersetze ich also nicht einfach den alten Sand durch neuen. Vielmehr soll ich auf einen Untergrund bauen, der Bestand hat. Höchste Zeit also, meine ich, an den eigenen Sandaustausch zu denken. Damit meine ich: Meinen Lebens-Sand nicht einfach nur ersetzen, das wäre keine Lösung, die Bestand hat. Vielmehr geht es darum, ihn festzumachen. Damit ich auf ihm bauen kann. Auf dem Spielplatz wäre das keine gute Idee. Im Leben aber schon.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39698
weiterlesen...
16APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Keine sportliche Veranstaltung beeindruckt mich so sehr wie ein Marathonlauf. Ich weiß, ich werde nie 42 Kilometer am Stück laufen können. Schon gar nicht mit der Geschwindigkeit eines Marathonläufers. Aber es sind immer Tausende, die bei einem Marathonlauf mitmachen. So wie unlängst wieder in Freiburg. Die Strecke hat ganz nah an unserem Haus vorbeigeführt. Kein Wunder, dass meine Frau und ich auch am Rand der Strecke gestanden und die Läuferinnen und Läufer unterstützt haben.

Am Anfang kommen die Schnellen, denen es ums Gewinnen geht. Die weitaus meisten gehören aber zu denen, die einfach stolz sind, den Lauf durchzuhalten. Wir haben unterschiedslos alle angefeuert. Das Schöne war: Es haben sich auch alle gefreut. Und gestrahlt. Viele haben „Danke“ gerufen. Andere haben uns abgeklatscht. Hinterher haben uns manche der Teilnehmenden dann erzählt, wie wichtig die Menschen an der Strecke für sie sind, um den Lauf durchzuhalten. Läuferinnen und Läufer und die, die am Rand stehen und anfeuern – beide gehören sie zu einem Marathonlauf dazu. Und machen ihn nicht nur für die, die mitlaufen, zu einem besonderen Ereignis.

Wie schon am Beginn der Jesus-Bewegung habe ich gedacht. Da waren auf der einen Seite die, die mit Jesus durchs Land gezogen sind. Die alles zurückgelassen haben. Ihren Beruf. Ihre Umgebung. Die vertrauten Menschen. Sie haben sich auf etwas eingelassen, von dem sie nicht gewusst haben, ob sie es wirklich durchhalten. Ein Marathonlauf der besonderen Art. Aber da gab’s dann eben auch die Sympathisantinnen und Sympathisanten. Menschen, die die anderen mit allem Lebensnotwendigen versorgt haben. Mit Essen. Mit einem Dach über dem Kopf. Es hat also beide gebraucht: Die einen, die das Wagnis eingegangen sind, mit Jesus die besonderen Herausforderungen seines Lebens zu teilen. Und die anderen, die für deren Versorgung nötig gewesen sind. (Lukas 8,1-3)

Für mich heißt das: Ich kann im Leben verschiedene Rollen einnehmen. Ich muss gar nicht der Marathonläufer sein. Manchmal genügt es, einfach an der Strecke zu stehen. Auch dann bin ich dabei und mache mit.  Ich kann mich um Menschen in Not kümmern. Möglichkeiten gibt es genug. Manchmal genügt aber auch schon ein mutiger Widerspruch. Wenn über Menschen schlecht geredet wird. Beides gehört zusammen. Bei beidem kann ich wichtig sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39697
weiterlesen...