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09NOV2025
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Manchmal schreiben mir Hörerinnen oder Hörer, wenn sie mich im Radio gehört haben. Bedanken sich für einen anregenden Gedanken, erzählen, was sie noch beschäftigt hat. Manche stimmen mir zu, andere nicht. Und manche hauen mir ihre gesammelte Wut auf die Kirche und ihr Personal um die Ohren. Was alles dahinter steckt, kann ich oft nur vermuten. Aber manchmal trifft mich so eine Nachricht, ob ich will oder nicht, auch ganz persönlich. Ärgert oder verletzt mich. Manchmal hab ich dann große Lust, genauso aggressiv und pampig zurückzuschreiben. Ich versuche aber, erst mal eine Nacht drüber zu schlafen. Denn morgens gelingen sachliche Formulierungen und ein freundlicher Tonfall meist besser. Und siehe da: Schon oft ist es passiert, dass die Hassschreiber ganz überrascht reagieren, weil sie eine Antwort erhalten und sich mit ihrem Anliegen ernst genommen fühlen. Manche entschuldigen sich sogar für ihren rüden Ton. Ein Automatismus wird positiv durchbrochen, jemand kommt zur Besinnung.

Ich glaube, das ist es, was Jesus beabsichtigt, wenn er in der Bergpredigt sagt: „Liebet eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen. Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin. Und nimmt dir einer den Mantel weg, dem überlasse auch das Hemd.“ Diese Sätze muss man erst mal auf sich wirken lassen. Sie sind ja wirklich eine Zumutung! Aber sie bieten eben auch diese Chance: dass aus Konfrontation etwas andres werden kann. Ich glaube, sie sind ein Versuch, vorhersehbare Gewaltspiralen zu durchbrechen: Eine Beleidigung nicht mit einer noch ätzenderen Beleidigung kontern. Das Streitgespräch mit einer Liebeserklärung durchkreuzen, statt die schon tausendmal ausgetauschten Argumente nochmal rauszuhauen. Den, der mir immer so blöd kommt, überrumpeln mit einem Satz oder einer Geste, mit der er im Leben nicht gerechnet hat. Und im besten Fall können wir dann darüber in ein echtes Gespräch kommen, oder zusammen in helles Gelächter ausbrechen. Keine Garantie, dass das immer funktioniert. Und was Jesus in der Bergpredigt sagt, bleibt eine Zumutung. Aber eine, die es Wert ist, finde ich. Schreiben Sie mir gerne, was Sie davon halten. Ich schreib auch zurück.

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02NOV2025
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Als mein Vater vor sechs Jahren starb, wie sehr hätte ich mir da für einen Moment gewünscht, seinen Tod rückgängig machen zu können. Womöglich geht es vielen so, die einen geliebten Menschen verlieren. Aber den Tod rückgängig machen, das geht nicht. Wenn etwas in diesem Leben unwiderruflich und endgültig ist, dann ist es der Tod.

Doch der Bibeltext, der heute, am Fest Allerseelen, dem Gedenktag für alle Verstorbenen, in den katholischen Kirchen verlesen wird, erzählt etwas anderes. Da wird Jesus zu einem schwerkranken Freund gerufen, Lazarus. Als er endlich dort ankommt, ist dieser Lazarus schon seit vier Tagen tot. Marta, die Schwester des Toten, ist sich sicher: Ihr Bruder wäre gar nicht erst gestorben, hätte Jesus früher da sein können. Aber der sagt zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Was er Marta damit wohl sagen will: Wer wie Lazarus auf Gott vertraut hat, der wird leben. Auch nach dem Tod. Sicher völlig anders als im Hier und Jetzt. Aber er wird leben. Wenig später wird dann sogar erzählt, wie Jesus zum Grab hinausgeht und den seit Tagen toten Freund zurück in dieses Leben holt. Eine Vorstellung, mit der nicht nur ich mich schwertue.

An dieser Stelle könnte ich natürlich aussteigen, das Ganze als abstruses Märchen abtun. Denn diese Art von Happy End gibt es nicht. Nichts und niemand hätte meinen Vater damals wieder lebendig machen können. Das ist die bittere Wahrheit, mit der sich jede und jeder abfinden muss, der einen Menschen verliert. Doch wenn ich das, was die Bibel erzählt, nur darauf verkürze, dass es ja biologisch absurd ist, übersehe ich vielleicht das Entscheidende: Dass es letztlich nicht darauf ankommt, ob ein Toter wieder lebendig herumspaziert. Es kommt darauf an, dass es etwas gibt nach dem Tod. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt. Die Wundergeschichte von Lazarus erzählt eben keine Naturwissenschaft. Sie erzählt vom Glauben. Von der Hoffnung, die gläubige Menschen seit alters her mit Gott verbinden. Von der Hoffnung, dass es noch mehr geben kann als dieses Leben - über den Tod hinaus.

Mir hat dieser Glaube damals sehr geholfen. Meinen Vater musste ich loslassen. Unwiderruflich. Aber die Hoffnung, dass er nun in einem anderen, besseren Dasein ist und dass wir uns dort vielleicht einmal wiedersehen, irgendwann, die hat mich getröstet. 

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01NOV2025
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Heute ist der erste November: Allerheiligen. Eigentlich ist das ein katholischer Feiertag.

An der Grundschule, an der ich unterrichte, haben wir uns ökumenisch auf die Suche gemacht. Evangelische und katholische Kinder zusammen haben überlegt: Wer sind denn diese Heiligen, an die heute gedacht wird? Und wo begegnen uns eigentlich Heilige?

„Wer von Euch kennt denn einen Heiligen?“ frage ich. Und sofort schnellt der Finger eines Jungen in die Luft. Er ist katholisch, und der Heilige Stephanus hat es ihm besonders angetan. „Dem ist unsere Kirche geweiht“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Der Junge weiß noch mehr: Zum Beispiel, dass Stephanus in der allerersten christlichen Gemeinde in Jerusalem mitgearbeitet hat. Und dass er für seinen Glauben sogar gestorben ist. Die Bibel erzählt davon: Wie er wegen seines Bekenntnisses zu Christus angefeindet worden ist. Und wie ihn eine aufgebrachte Menschenmenge schließlich gesteinigt hat. „Deshalb“ erzählt mein Schüler weiter „wird Stephanus oft mit Steinen in der Hand dargestellt. Und er ist der Schutzheilige der Maurer!“

Ich bin aber kein Maurer.“ sagt darauf ein anderer Junge „Und sterben will ich auch nicht.“

Einen Moment lang ist es still im Klassenzimmer. Dann erzähle ich von meinem Lieblingsheiligen, dem heiligen Judas Thaddäus. Der ist nämlich der Heilige für hoffnungslose Fälle. In Mexico z.B. haben ihn kriminelle Banden zu ihrem Schutzpatron auserkoren – vielleicht, weil viele gezwungen werden, mitzumachen. Und weil es so hoffnungslos erscheint, wieder auszusteigen und ein friedliches Leben zu führen.

Der Heilige Judas zeigt mir: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Da ist jede und jeder wert, gerettet zu werden und sei es vor sich selbst.

Auch Judas Thaddäus ist der Legende nach für seinen Glauben gestorben. Aber genau deshalb bitten ihn bis heute viele Menschen um Hilfe – grade dann, wenn es richtig schwierig wird im Leben. Oder wenn jemand merkt, dass er absolut kein Heiliger ist, sondern einfach nur ein sterblicher Mensch.

Ich weiß nicht, ob meine Schülerinnen und Schüler mit den Heiligen jetzt mehr anfangen können. Mich jedenfalls haben sie weiter beschäftigt. Und auch die Frage, was mich mit ihnen eigentlich verbindet. Und ich meine: Es ist unser gemeinsamer Glaube an Jesus Christus. Vielleicht ist meiner nicht so stark wie der von Stephanus oder dem Heiligen Judas Thaddäus. Aber er ist da. Mein Glaube, dass Christus an meiner Seite ist. Dass er mich rettet, mich heiligt, auch wenn ich mich gar nicht so fühle und nichts mehr tun kann. Christus schenkt mir das Vertrauen: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

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26OKT2025
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Ich denke gern über Worte nach, die etwas angestaubt sind. Das Wort „Demut“ ist eines davon. Ein Wort, in dem ganz viel Lebensweisheit steckt, aber auch eines, auf das man gut aufpassen muss. Denn das Wort darf nicht in falsche Hände geraten und benutzt werden, um andere runterzumachen. Demut meint auch nicht, dass ich mich selbst klein mache oder gar für wertlos halte. Doch was heißt es dann?

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, hilft mir, etwas besser zu verstehen, was Demut meint. Jesus erzählt in einem Gleichnis von zwei Menschen. Der eine macht auf den ersten Blick alles richtig. Heute würde man sagen, er lebt einfach und nachhaltig, verzichtet auf übermäßigen Konsum und spendet für die, die weniger haben. Der andere ist das genaue Gegenteil. Er denkt nur an sich und den eigenen Vorteil.
Beide gehen in den Tempel, um zu beten. Schnell wird dem einen klar: so wie ich bislang gelebt habe, kann es nicht weitergehen. Er betet: „Gott, vergib mir. Ich weiß, dass ich ein Sünder bin.“ (Lk 18,13). Der andere aber fühlt sich moralisch überlegen, schließlich führt er ein vorbildliches Leben und hat sich nichts vorzuwerfen. Hochmütig betet er: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen“ (Lk 18,11).
Jesus macht damit denen, die ihm zuhören, deutlich: egal, wie gut du lebst, halte dich nicht für etwas Besseres. Dieses Urteil steht dir nicht zu.

Und da sind wir wieder bei der Demut. Denn wer demütig ist, braucht die anderen nicht, um groß zu sein. Sondern schaut ehrlich auf sich selbst. Und kann dabei erkennen: da gibt es einiges, was wertvoll und liebenswert an mir ist. Was mir gelingt und was ich einbringen kann, damit es anderen dient. Aber ich gestehe mir auch ein, dass ich an Grenzen komme. Dass ich nicht immer so bin, wie ich mich gern nach außen gebe. Das erfordert Mut. Denn ich muss mich mir selbst stellen.

Wie es im Alltag gehen kann, weder in die Falle zu tappen, überheblich zu werden noch sich klein und ohnmächtig zu fühlen, zeigt eine jüdische Erzählung. Darin empfiehlt ein Rabbi seinen Schülern: „Jeder von euch muss zwei Taschen in seiner Jacke haben, um nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können: In der einen Tasche liegt ein Zettel, auf dem steht: ‘Ich bin Erde und Asche’, und auf dem Zettel in der anderen Tasche steht: ‘Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden’“.

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19OKT2025
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„Bin ich Jesus?“ mit einem lockeren Schulterzucken haben wir in meinem Freundeskreis diesen Satz oft gesagt – früher, als ich noch ein Teenager war. Auch ich habe diesen Satz gerne benutzt. Wenn ich jemandem nicht helfen konnte oder wollte. Wenn ich etwas nicht verändern konnte oder wollte. „Bin ich Jesus?“

Meine Mutter hat dieser Satz damals sehr geärgert. „Nein, natürlich bist Du nicht Jesus, das weiß ich auch. Aber ist Jesus etwa der Einzige, der dafür zuständig ist, sich zu kümmern? Du kannst Dich nicht immer nur zurücklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“ Diese oder eine ähnliche Antwort musste ich mir dann anhören.

Damals fand ich mich lässig, mit meinem Schulterzucken und meiner Antwort: „Bin ich Jesus?“ Heute verstehe ich die Reaktion meiner Mutter sehr gut und mag den Satz auch nicht mehr. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und verteile Armbändchen an meine Konfirmandinnen und Konfirmanden. Auf denen steht: „WWJD“. Das ist die Abkürzung für: „What would Jesus do? – Was würde Jesus tun?“ Mit diesen „Was würde Jesus tun?“-Bändchen schicke ich sie dann in ihre Woche. Als kleine Erinnerung in ihrem Alltag kurz darüber nachzudenken, wie Jesus wohl in dieser oder jener Situation reagieren würde. Würde er freundlich bleiben, helfen, ehrlich sein?

Diese Frage hat auch Jakobus umgetrieben. Jakobus ist Gemeindeleiter in einer der frisch gegründeten christlichen Gemeinden im Römischen Reich. Viele Menschen in seiner Gemeinde sind arm. Andere in der Gemeinde sehen diese Not, könnten helfen, sagen aber: „Bin ich Jesus?“ Denen schreibt Jakobus ins Buch: „Was nützt es wenn jemand behauptet zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt?“ (Jakobus 2,14) Und er spitzt es noch zu: „Wenn der Glaube sich nicht in Taten zeigt, ist er tot.“ (Jakobus 2,17)

Nein, ich bin nicht Jesus. Ich kann die Welt nicht retten. Aber ich darf Gottes Liebe in meinem Leben spüren. Und wer geliebt wird, der will das doch auch weitergeben. Dann kann ich doch gar nicht mit den Schultern zucken und die Welt so lassen wie sie ist. Dann juckt es mich in den Fingern, sie liebevoller zu machen. Und deshalb ist es gut, dass Jakobus mich heute daran erinnert: „Denk in Deinem Alltag immer mal wieder kurz darüber nach – Was würde Jesus tun?“

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12OKT2025
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Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wer einen Hund hat wie ich, weiß das ganz genau. Wenn mein Hund Essen vom Tisch stiehlt oder andere Hunde anpöbelt, dann muss ich Ruhe ausstrahlen und so mit ihm trainieren, dass er sich zu benehmen weiß. Das Problem ist immer am anderen Ende der Leine. Bei dem, der führt, der die Kommandos gibt, der vorausschaut und mitdenkt. Oder eben nicht.

Jesus hat gewusst, was Menschen brauchen. Davon erzählt die Episode aus dem Lukasevangelium, über die heute in den katholischen Gottesdiensten gepredigt wird. Es geht um eine Gruppe von Kranken, die gehört haben, dass von Jesus eine heilende Kraft ausgeht, und sich deshalb an ihn wenden. Ihre Heilung geschieht auch umgehend, allerdings auf ziemlich eigenartige Weise. Jesus kümmert sich nämlich selbst gar nicht um sie, sondern schickt sie zu den zuständigen Seelsorgern. Und als sie sich dorthin aufmachen, sind sie bereits geheilt. Und nun beginnt das Problem. Denn offenbar hatten die Geheilten keinen, der ihnen gute Manieren beigebracht hat. Sie nehmen ihre Heilung an, als wäre sie das Selbstverständlichste von der Welt, und sehen keinen Grund sich zu bedanken. Offenbar hat ihnen das keiner beigebracht. Kein Vorbild, das ihnen eine Perspektive gibt, die über den eigenen kleinen Horizont hinausreicht. Sie haben keine Ahnung, worum es geht. Nämlich nicht nur um die Krankheit, die lediglich ein Teil von ihnen ist, nicht alles. Und sie sehen auch nicht, was möglich wäre, wenn sie sich dankbar zeigen würden. Dass es da einen Gott gibt, der ihnen mehr verspricht als physische Gesundheit. Das bleibt ihnen verschlossen.

Bis auf einen. Der geht zu Jesus zurück und bedankt sich, indem er Gott lobt. Offenbar hat er kapiert, dass es Jesus um ihre ganze Existenz geht. Und dieser eine, der sich dankbar zeigt und noch einmal zu Jesus zurückkehrt, war nicht mal Jude, keiner von Jesu Volks- und Glaubensgenossen, sondern ein Fremder, für den Jesus zunächst gar nicht zuständig ist. Dieser Fremdling weiß, wie man sich benimmt. Vermutlich hatte er gute Lehrer, Vorbilder, die ihm gezeigt haben, wie viel Gutes entstehen kann, wenn man mit Gott rechnet.

Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wenn einer nur an sich selbst denkt, ständig davon spricht, was ihm fehlt, obwohl gerade ein anderer ihm seine Not klagt. Wenn jemand gar nicht sieht, was möglich ist, weil er sich immer zu kurz gekommen fühlt und um sich selbst kreist. Aber es ist ebenso der Mensch, in dem Großes steckt, der Wunderbares erreichen kann - wenn er sich anstecken lässt. Von Menschen, die wissen, dass Gott immer mehr kann als der Mensch.

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05OKT2025
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Heute feiern viele Kirchengemeinden das Erntedankfest. Es ist eine gute Ernte gewesen, dieses Jahr. Und auch bei mir in der Gemeinde danken wir heute Gott dafür, dass er seinen Segen gegeben hat – zu der Arbeit der Landwirte auf den Feldern, im Weinberg oder in den Obstanlagen. Denn dafür, dass wir die Früchte unserer Arbeit auch ernten dürfen, braucht es den Segen.

Eigentlich ist das bei jeder Arbeit so – nicht nur in der Landwirtschaft - auch im Büro zum Beispiel, in einem Handwerksbetrieb oder einer Werkhalle. Wir Menschen arbeiten, stecken unsere Kraft in eine Aufgabe so weit es in unserer Macht steht. Und hoffen, dass wir gute Ergebnisse ernten dürfen. Und natürlich auch den angemessenen Lohn. Allerdings fällt die Ernte hier manchmal nicht so rosig aus, wie erhofft. Immer öfter stimmt das Verhältnis nicht. Reicht trotzt lebenslanger Berufstätigkeit die Rente nicht, verlieren Arbeitnehmer unverschuldet ihren Arbeitsplatz, ist es für alleinerziehende Mütter oder Väter besonders schwer, eine vernünftige Arbeit zu finden usw. Und das liegt sicher nicht daran, dass auf der Arbeit dieser Menschen kein Segen liegen würde.

Nein, das liegt an etwas anderem. Und ich denke, dass der Bibeltext, der heute in vielen Erntedankgottesdiensten im Mittelpunkt steht, den richtigen Hinweis gibt. Der Text steht im Alten Testament beim Propheten Jesaja, und da heißt es:

Schaff die Unterdrückung bei dir ab,
zeig auf niemanden mit dem Finger
und unterlass‘ üble Nachrede.
Nimm dich des Hungrigen an
und mach den Notleidenden satt. (aus Jes. 58, Basisbibel)

Wenn Menschen nicht das bekommen, was ihre Arbeit wert ist, dann fehlt nicht einfach der Segen Gottes. Sondern das hat mit Ungerechtigkeit zu tun, mit Unterdrückung und Not. Und daran sollten wir etwa ändern. Da sollten wir unsere Arbeitskraft reinstecken, gerade jetzt, wo es in der Wirtschaft nicht so gut läuft. Dieses Jahr heißt Erntedank für mich auch: Meine Arbeitskraft in ein gutes Miteinander zu stecken. Mit aufzupassen, dass niemand bei uns übersehen wird. Oder nicht das bekommen kann, was zum Leben nötig ist. Sich dafür einzusetzen, lohnt sich ganz bestimmt. Und ganz bestimmt ist Gott mit seinem Segen dabei, wenn er verspricht:

Mach die Notleidenden satt.
Dann wird Gott dich immer und überall führen.
(...)
Dann wirst du wie ein gut bewässerter Garten sein,
wie eine Quelle, die niemals versiegt.

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28SEP2025
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Zu sehen, wie in den USA gerade Politik und Religion vermischt werden, wirkt verstörend. Dabei eignet sich die Bibel nicht, um politische Forderungen zu stützen. Parteipolitische schon gar nicht. Wer sie so als Steinbruch benutzt, nimmt sie nicht ernst, missbraucht sie letztlich für seine eigene Agenda. In dieser Hinsicht ist die Bibel kein politisches Buch.

Das heißt allerdings nicht, dass ihr Inhalt nicht politisch wäre. Etwa da, wo es darum geht, wie wir zusammenleben können. Wo ethische Fragen aufkommen. Wo gesagt wird, was vor Gott recht ist und was nicht. Einer, der klare Ansagen nicht gescheut hat, auch gegenüber den Mächtigen seiner Zeit, war der Prophet Amos. Gelebt hat er vor rund 2800 Jahren. Da haut er einer reichen und satten Oberschicht etwa um die Ohren: Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern … aber über den Untergang des Landes sorgt ihr euch nicht. Amos war ein Prophet, der scharf wie kaum ein anderer die krasse Ungleichheit im Land angeprangert hat. Der einer abgehobenen Elite vorhielt, dass ihr die Armut so vieler Menschen gleichgültig sei. Und bei all seiner beißenden Kritik beruft er sich auf Gott.

Sicher, die Gesellschaft im damaligen Israel ist mit der unseren kaum vergleichbar. Und trotzdem gibt es das Phänomen noch heute. Obszöne Ungleichheit in vielen Staaten der Erde. Wahre Abgründe zwischen Superreichen, die sich Weltraumtrips leisten, und Abermillionen, die kaum über die Runden kommen. Zum Teil trifft das auch in Europa zu. Träte dieser Amos heute auf, manche würden ihn wahrscheinlich als linken Spinner und Chaoten bezeichnen. Was dann wieder zu der Frage verleiten könnte, ob dieser Gott, in dessen Namen er spricht, etwa auch ein Linker ist?

Ist er natürlich nicht! Weil Gott eben weder links noch rechts noch sonst was ist. Gott hat kein Parteibuch. Und doch ist der Gott, den die Propheten verkünden und von dem auch Jesus spricht, ein parteiischer Gott. Weil er sich offenbar auf die Seite der Armen, der Unterdrückten, der Vergessenen stellt. Wenn ich die Wut des Amos richtig verstehe, dann richtet sie sich auch nicht gegen wohlhabende Menschen. Sie richtet sich gegen die Gleichgültigkeit. Dagegen, dass manche, die damals reich und mächtig waren, nur noch sich selbst genügten. Dass ihnen die Nöte der Schwächeren und der Zusammenhalt der Gesellschaft egal war. Es braucht Menschen, die darauf hinweisen. Laut und vernehmlich. Heute ebenso wie vor 2800 Jahren.

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21SEP2025
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In meiner Studienzeit kam es bei einer Chorprobe einmal zum Eklat. Ein paar der weniger kirchlich-geprägten Chorsänger hatten den Altar als Ablage für ihr Pausenvesper und ihre Notenmappen verwendet. Darüber hat sich ein Mitsänger ganz schön aufgeregt. Er fand es respektlos, einen heiligen Ort wie den Altar als Ablage zu verwenden. 

Ein heiliger Ort. Oft werden Kirchen so bezeichnet. Oder einzelne Bereiche wie der Altarraum. Das ist sehr vielen Menschen noch bewusst. Wenn ich als Relilehrer mit meinen Schülerinnen und Schülern mal in eine Kirche geh, muss ich das eigentlich kaum erklären. Die sonst wuseligen Schülerinnen und Schüler werden auf einmal ganz still, wenn sie die Kirche betreten und bewegen sich bedacht und vorsichtig. Weil irgendwie klar ist: Die Kirche ist ein heiliger Ort. Warum eigentlich?

In der Bibel gibt es viele heilige Orte. In einer Geschichte gerät ein junger Mann namens Jakob eher zufällig an einen solchen Ort. Und als er da abends ankommt, deutet auch nichts darauf hin, dass der Ort heilig ist. Jakob hat seinen Bruder betrogen und ist vor ihm geflohen. Im Freien sucht er sich einen Platz zum Übernachten. Der Ort ist so trostlos, dass sich nur ein Stein als Kopfkissen findet. Aber irgendwie findet Jakob dort zur Ruhe. Und im Schlaf hat er eine Begegnung mit Gott. Er träumt von einer Leiter voller Engel, die bis in den Himmel führt. Ganz oben, am Ende der Himmelsleiter, steht Gott und spricht Jakob Mut zu. Als Jakob am Morgen aufwacht, schaut er anders auf diesen trostlosen Ort. Da sagt er plötzlich: Wie heilig ist diese Stätte! 

Ein Mann auf der Flucht, der mitten im Nirgendwo Gott begegnet. Und einen Stein in der Wüste als Heiligen Ort ausmacht. Wenn ich da an den Ärger um das Vesper auf dem Altar denke, muss ich schmunzeln. Mir zeigt die Geschichte von Jakob: Ein Ort ist nicht an sich heilig, sondern er wird es, wenn Menschen dort Gott begegnen. Kirchen sind für viele Menschen ein guter Ort dafür – aber nicht, weil man Gott woanders nicht finden könnte . Für die Begegnung mit Gott braucht es keinen besonderen Ort – vielleicht vielmehr ein suchendes Herz.

Respekt vor den heiligen Orten finde ich trotzdem richtig – nicht um Gottes willen, den bringt ein Pausenbrot auf dem Altar glaube ich nicht so schnell aus der Fassung. Aber auf die Bedürfnisse meiner Nächsten will ich achtgeben – schließlich kann mir in denen ja auch immer Gott begegnen.

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14SEP2025
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Der folgende Satz steht heute im Mittelpunkt des katholischen Gottesdienstes: Jesus sprach zu Nikodemus: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat[1].

Was wohl Abt Nikodemus Schnabel denkt, wenn er heute im Gottesdienst diesen Bibelvers hört oder selbst vorträgt? Abt Nikodemus leitet das Benediktinerkloster auf dem Zionsberg in Jerusalem. Dort kennt man diesen Satz aus dem Johannesevangelium gut, in dem von Liebe und ewigem Leben die Rede ist. Es ist für Juden und Christen ein heiliger Ort. Und Abt Nikodemus kennt die Bibelstelle bestimmt erst recht, weil er seinen Ordensnamen jenem biblischen Nikodemus verdankt. Der hat sich als jüdische Autorität seiner Zeit mit Jesus angefreundet und nun führen beide ein Gespräch miteinander: über den Glauben und das Leben, über Gott und die Welt. Das würde Abt Nikodemus heute, 2000 Jahre später, bestimmt auch gerne tun. Weshalb findet der Hass gerade hier in Jerusalem kein Ende? Wie kann ich da von Gott sprechen, der die Welt liebt?

Gott scheint in diesen Tagen im Heiligen Land, in Palästina fern zu sein. Die Wahrheit des schönen Bibelverses muss jedem bitter schmecken, der sie heute ausspricht. Von Rettung und ewigem Leben keine Spur. Stattdessen wird die Kriegspolitik der israelischen Regierung immer unbarmherziger. Auch zivile Ziele werden angegriffen. Die Not der Menschen im Gaza-Streifen schreit zum Himmel. Ich weiß natürlich, dass die Hamas Israel angegriffen hat. Ich weiß, dass Israel von Feinden umgeben ist. Das kleine Land der Juden hat jedes Recht, dass es sich wehrt und verteidigt.  Aber mit dieser Brutalität, die so viele unschuldige Menschenleben fordert?!

Abt Nikodemus sieht das jeden Tag und kann dazu nicht schweigen. Im Blick auf die lange Zeit, die der Krieg nun bereits dauert, spricht er von „700 Tage Hölle von Gaza“ und ergänzt: „700 Tage geht der Blick immer wieder auf das Kreuz[2]“. Daran wird er auf dem Zion heute am Fest „Kreuzerhöhung“ besonders denken. Ein Fest, das ganz in der Nähe in Jerusalem seinen Ursprung hat, weil dort im Jahr 335 die erste Kirche über dem Grab Christi eingeweiht wurde. Gott hat seinen Sohn aus Liebe hingegeben, schreibt der Evangelist Johannes. Um die Wahrheit dieses Satzes muss Abt Nikodemus wohl ringen. Ich auch. Wie alle, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass Gott das letzte Wort behält.

 

[1] Johannes 3,16

[2]https://de.catholicnewsagency.com/news/21163/jerusalem-abt-nikodemus-schnabel-nimmt-700-tage-holle-von-gaza-in-den-blick

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42927
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