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SWR Kultur Wort zum Tag
Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam
So beginnt ein Gedicht von Rose Ausländer.
Vergesst nicht – Freunde – wir reisen gemeinsam
besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden
Die Worte von Rose Ausländer gehen mir zu Herzen. Die Zärtlichkeit, mit der sie das gemeinsame Reisen von uns Menschen beschreibt: „Wir besteigen Berge, pflücken Himbeeren, lassen uns tragen von den vier Winden.“ Die ganze Menschheit auf gemeinsamer Lebensreise wie auf einem Sommerausflug. Beinahe paradiesisch.
Doch zugleich ist die Welt geteilt. In politische Lager, extremistische Parteien, kriegsführende Völker. Menschen werden vernichtet: Migranten, Jüdinnen, Kinder in Kriegsgebieten. Auch das findet sich in ihrem Gedicht:
Vergesset nicht, schreibt sie,
vergesset nicht,
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte
Die uns aufblühen lässt, die uns vernichtet.
Ach, die geteilte Welt. Voller Hass und Hetze. Die uns zu vernichten droht. Rose Ausländer hat das selbst erlebt. Sie wird 1901 in eine jüdische Familie. Die Nazis erobern die Stadt, Rose Ausländer wird ins Ghetto gesperrt, ihr Leben ist täglich bedroht. Sie überlebt diese Zeit nur mit Glück in einem Kellerversteck. Es heißt, dass sie auch danach Zeit ihres Lebens aus Koffern gelebt hat. Eine wirkliche Heimat in äußeren Orten hat sie nie mehr gefunden. Sie bleibt ruhelos: zieht erst wieder in die USA und dann doch zurück nach Europa, nach Wien, schließlich nach Deutschland. Von 1966 bis zu ihrem Tod lebt sie in einem jüdischen Seniorenheim in Düsseldorf und verlässt dort die letzten zehn Jahre ihr Zimmer nicht mehr. Ein Zuhause findet sie nur noch in Wörtern, im Wort. Sie schreibt hunderte von Gedichten und wendet sich mit ihren Worten der Welt zu, in der sie so Furchtbares erlebte.
Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte
die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen
Für mich ist das eine Botschaft, die zum Advent passt. Gemeinsam reisen – trotz aller Hass und Hetze. In der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein eine gemeinsame Aktion starten. Gemeinsam einem Licht entgegen reisen, das jeden Tag ein wenig heller leuchtet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41185SWR Kultur Wort zum Tag
Viele sind zutiefst erschüttert von den Ereignissen vom 07. Oktober, von dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Vom Morden der Hamas. Aber auch von den vielen Toten auf palästinensischer Seite durch die Reaktion Israels. Und viele Menschen sind davon erschüttert, wie sehr sich die Gräben weiter vertiefen zwischen den Israelis und den Palästinensern im Nahen Osten. Eigentlich sind sie sprachlos. Und doch gibt es einige, die sagen: gerade jetzt müssen wir „trotzdem sprechen.“
„trotzdem sprechen“ – so heißt ein Buch, das ich vor ein paar Wochen angefangen habe zu lesen und das mich seitdem aufwühlt. Darin kommen Menschen aus Deutschland zu Wort, die aus dem arabischen Raum stammen. Und die erzählen, wie sich auch ihr Leben hier in Deutschland nach dem 07. Oktober verändert hat. Herausgegeben hat das Buch Lena Gorelik – sie ist eine deutsche Schriftstellerin aus jüdischer Familie, die enge Verbindungen mit diesen Menschen pflegt.
Mich hat besonders der Beitrag von Nazih Musharbash berührt. Er ist ein Christ wie ich und besitzt wie ich die deutsche Staatsbürgerschaft. Doch er erlebt Deutschland momentan ganz anders als ich, das Mitglied der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Weil Musharbash geborener Palästinenser ist und somit auch wie ein Araber aussieht, wird er oftmals nicht für einen Deutschen gehalten. Und da viele Deutsche nicht wissen, dass es eine christliche Minderheit in Palästina gibt, wird er mit seinem arabischen Aussehen automatisch für einen Muslim gehalten. Als arabischer Muslim aber wird er verdächtigt, Sympathien für die Hamas zu haben. In jedem Radiointerview, das er gibt, wird er aufgefordert, sich ausdrücklich von der Hamas zu distanzieren. Er, der christliche Deutsche, der seit 58 Jahren hier lebt, er, der im Stadtrat und im Kreistag von Osnabrück gesessen hat, um Deutschland mitzugestalten: Er wird seit dem 07. Oktober in der Öffentlichkeit allzu oft für einen Unterstützer der Hamas gehalten. Jeden Tag muss er sich gegen Worte und Blicke zur Wehr setzen, die von seinem Äußeren auf seine Gesinnung schließen wollen.
In dieser Situation sagt er: Ich will trotzdem sprechen. Mein Glaube gibt mir die Kraft dazu. Mit den Menschen will ich trotzdem sprechen, die mir Nähe zum Terror unterstellen, und mit allen Menschen, die andere aufgrund ihres Aussehens beurteilen. Denn trotz unserer verschiedenen Aussehen pulsiert in den Adern von uns allen dasselbe Blut. Und in Gottes Augen sind wir alle gleichermaßen seine geliebten Kinder. Davon will ich gerne „trotzdem sprechen“.
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Seit über 1000 Jahren ist die Insel Reichenau im Bodensee schon besiedelt. Und genauso alt sind die Klosterkirchen, die die Mönche dort errichtet haben. Besonders beeindruckt haben mich bei meinem Besuch die Wandgemälde in St. Georg. Sie stellen verschiedene Szenen aus dem Leben Jesu dar. Auf dem ersten Bild sehe ich, wie sich Jesus mit segnender Hand einem Menschen nähert. Er steht außerhalb der Stadtmauern: Es ist ein Aussätziger, ausgestoßen von der ganzen Gesellschaft. Indem sich Jesus ihm nähert, erfährt der Aussätzige wieder menschlichen Kontakt. Buchstäblich und auch im übertragenen Sinne – er wird von Jesus aus seiner Einsamkeit herausgeholt und in die Gemeinschaft hineingebracht.
Das Bild daneben stellt die Geschichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus dar. Die Tochter ist schwerkrank. Die Eltern sind verzweifelt und rufen nach Jesus. Während Jesus zu ihr eilt, kommen ihm Diener entgegen und sagen, dass sie bereits gestorben ist. „Sie schläft doch nur“, erwidert Jesus, fasst sie an der Hand und sagt: „Steh auf – auferstehe – heraus aus Deiner schweren Krankheit, hinein in dein junges Leben“. Und tatsächlich steht das Mädchen auf, reibt sich die Augen und hat Hunger.
Zuletzt ein Bild von der Auferweckung des Lazarus. Lazarus ist tatsächlich bereits ins Reich der Toten gegangen. Vier Tage zuvor ist er gestorben, und das heißt nach antiker Tradition: Jetzt ist er wirklich mausetot. Aber Jesus lässt auch Lazarus nicht im Totenreich, sondern ruft ihn zurück ins Leben.
Was verbindet diese Bilder? Für mich zeigen sie verschiedene Formen von Auferstehung. Jesus holt einen Menschen aus seiner sozialen Isolation zurück in die Gemeinschaft. Außerdem schenkt er neue Lebensgeister in schwerer Krankheit. Und er lässt selbst die nicht allein im Totenreich, die schon länger gestorben sind.
Wenn ich heute Menschen begegne, will ich genau hinhören, welche Form der Auferstehung sie brauchen Brauchen sie Auferweckung aus der Einsamkeit? Oder erlebe ich bei meinem Nachbarn eine schwere Krankheit, die ihn vom Leben abschneidet? Oder hoffe ich für einen verstorbenen Verwandten, dass sein Tod ihn nicht von Gott trennt?
Ich lasse mir die Bilder in St. Georg gefallen. Und ihre Grundaussage – dass Jesus genau diejenige Form der Auferstehung schenkt, die ein Mensch gerade braucht. Im Leben und im Tod.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=40446SWR Kultur Wort zum Tag
Wenn ich müde bin, lege ich mich auf mein Sofa und schaue durch das Fenster auf den Perserteppich, der bei meinem Nachbarn an der Wand hängt. Es ist ein riesengroßer Perserteppich voller wunderbarer Blumen. Und ich erinnere mich an die gute Tradition persischer Teppichknüpfer, in jeden noch so kunstvollen Teppich einen kleinen Fehler hineinzuarbeiten. Einen Webfehler. Eine faszinierende Idee: Denn dadurch werden die Perserteppiche menschlicher. Wärmer. Und die Teppichknüpfer bringen zum Ausdruck, dass nur Gott perfekt ist. Kein Mensch, auch kein noch so begabter Handwerker. Neulich bin ich an einem Plakat vorbeigekommen, das diese Kunst auf den Punkt gebracht hat. Darauf stand: „When too perfect, lieber Gott böse“ – wenn es zu perfekt ist, dann ist der liebe Gott böse.
Der Spruch stammt von dem koreanischen Künstler Nam June Paik. Paik hat sich mit moderner Technik auseinandergesetzt und sie gefeiert, aber auch kritisiert. Denn die moderne Technik zielt ja auf Perfektion: Mein neues Smartphone liegt nochmal besser in der Hand als das Vorherige. Seine Fotos sind fast so gut wie die von einer professionellen Kamera, und die sieht mittlerweile viel besser als jedes menschliche Auge. Moderne Technik zielt auf Perfektion, und im Alltag profitiere ich ja oft davon. Aber manchmal hat dieses Streben nach Perfektion auch etwas Ermüdendes. Während ich als Mensch mit meinen Fähigkeiten langsam abbaue, setzt der Fortschritt immer noch eins drauf. Geradezu unmenschlich kann das sein.
Gott aber mag es nicht, wenn Menschen so tun, als wären sie Gott – mit Paik gesprochen: „When too perfect, lieber Gott böse“.
Der Satz ist eigentlich auch eine gute Zusammenfassung der Rechtfertigungslehre. Steh zu deinen Fehlern, zu deinen Unzulänglichkeiten. Stehe zu deinem Menschsein. Gott verlangt garkeine ständige Perfektionierung von mir. Ich denke den Gedanken weiter. Vielleicht so: „When not perfect, lieber Gott lächelt“ – wenn ich nicht perfekt bin oder wenn ich einen Fehler mache, dann lächelt Gott. Weil er will, dass wir auch lächeln. Ich denke über mich selbst nach: Wie oft ärgere ich mich über einen Fehler von mir. Manchmal liege ich eine halbe Nacht wach und komme kaum zur Ruhe, weil ich etwas nicht perfekt gemacht habe. Anstatt voller Groll dazuliegen, werde ich in Zukunft versuchen, darüber zu lächeln. Oder ich hänge am nächsten Morgen ein Plakat auf, leicht schräg, und mit dem Spruch drauf: When too perfect, lieber Gott böse.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=40445SWR Kultur Wort zum Tag
Seit 800 Jahren liegt es malerisch am Rhein, das Schloss Beuggen direkt an der Schweizer Grenze. Heute erstrahlt es in frischem Glanz und ist ein Erholungsort für die Bessergestellten unserer Gesellschaft. Aber vor 200 Jahren war das Schloss fast ganz zerfallen – und dennoch begann gerade damals das vielleicht eindrücklichste Kapitel seiner langen Geschichte. Denn 1820 hat Heinrich Christian Zeller dieses Schloss zum Rettungshaus für arme Kinder und Jugendliche umgewandelt und damit eine Bewegung begründet, die in ganz Deutschland Schule gemacht hat. Heute ist Zellers Gedenktag, und ich freue mich, von ihm für unsere Gegenwart zu lernen.
Zeller wird in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren, die erst bei Tübingen und dann in Ludwigsburg wohnt. Der Vater ist ein angesehener Jurist. Doch die Schulzeit ist für den klugen, aber ruhigen Zeller eine Qual. Schläge sind an der Tagesordnung, und die Kinder werden vor der ganzen Klasse bloßgestellt, wenn sie ihre Aufgaben nicht gut lösen.
Zeller tritt in die Fußstapfen des Vaters, studiert Jura und beginnt, als Anwalt zu arbeiten. Seinem Naturell und seiner christlichen Prägung entsprechend hat er jedoch gar kein Interesse daran, für seine Mandanten einen Sieg zu erringen. Schließlich sieht auch der Vater ein, dass aus dem Sohn kein guter Jurist wird, und erlaubt ihm, Lehrer und Schulinspektor in der Schweiz zu werden. Doch dann gibt Zeller diese gesicherte Stellung auf und beginnt das große Abenteuer seines Lebens: den Aufbau einer Schule für „verwahrloste“ Schüler. 1820 bekommt er dafür Schloss Beuggen zur Verfügung gestellt und unterrichtet nach seinen eigenen Grundsätzen. Der Tag beginnt mit einer Andacht, und diese besteht nicht in einer abstrakten Belehrung, sondern in einem Gespräch mit den Schülern. Ebenso wie die angehenden Lehrer erhalten auch die Schüler eine handwerkliche Ausbildung. Und die Rute bleibt dort, wo sie hingehört – nämlich draußen.
Was Heinrich Christian Zeller geleistet hat und wie konsequent er seinen Weg gegangen ist, beeindruckt mich auch heute noch. Weil er dafür die Muster seiner eigenen Kindheitserfahrungen verändert hat. Indem er das nicht weitergegeben hat, was er an übergroßer Härte selbst erfahren hat. Sondern aufgrund von schlechten eigenen Erfahrungen eine neue Umgangsweise für kommende Generationen entwickelt hat. Offener, im echten Gespräch miteinander und ganzheitlich. – Aus Glaubenszuversicht eigene negative Kindheitserfahrungen in positive Muster umzuwenden: Darin will ich selbst zum Schüler des großen Lehrers und Schulgründers Zeller werden.
Pfarrer Martin Wendte aus Ludwigsburg von der Evangelischen Kirche
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39939SWR Kultur Wort zum Tag
Mehrmals im Jahr flattert ein Werbeprospekt auf meinen Schreibtisch, in dem kleine Mitgebsel angepriesen werden. Geschenke, die ich als Pfarrer bei Besuchen mitbringen kann. Da ist für jede Zielgruppe etwas dabei: Es gibt Teetassen mit pausbäckigen Puttenengeln für das gehobene Alter. Aber ich kann auch Windelpackungen bestellen mit dem Aufdruck: Einfach spitze, dass Du da bist. Besonders mag ich einen kleinen Fisch aus ganz weichem Holz. Er dient mir als Handschmeichler. Der Fisch war eine Art Geheimzeichen der ersten Christen. Denn im griechischen Wort für Fisch: Ichthys verstecken sich die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus. Den Fisch aus dem Werbeprospekt habe ich in meiner Hosentasche, und da liegt er dann neben dem Portemonnaie und dem Smartphone. Reibt sich ein bisschen an beiden. Und wenn ich mit der Hand in die Hosentasche greife, erinnert mich der Holzfisch daran, dass ich nicht zuerst dem Geld gehöre oder meinem Handy, sondern vor allem auch Gott.
Die letzte Ausgabe von diesem Werbeprospekt hat etwas Neues im Angebot: ein Kreuz, vielleicht 15 Zentimeter hoch. Und der Clou: Es ist fast unsichtbar. Ein schmaler Draht bildet den Umriss eines Kreuzes nach, und dieser schmale Draht steht auf einem durchsichtigen Glasboden. Sonst nichts. Ein fast unsichtbares Kreuz.
Ich habe mir eins bestellt und es auf meinen Schreibtisch gestellt. Ich muss schon ganz genau hinschauen, um es überhaupt zu sehen. Ansonsten verschwindet es zwischen allem anderen, was auf meinem Schreibtisch so herumsteht: meiner alten Teekanne. Dem neuen Laptop. Und den vielen bunten Notizzetteln, vollgeschrieben mit Dingen, die ich heute noch dringend erledigen muss.
Ich schaue auf das fast unsichtbare Kreuz und denke mir: So ist es vielleicht auch, wenn ich anderen Menschen begegne. Vieles fällt mir direkt ins Auge: die Kleidung und die Frisur. Es ergeben sich die ersten Gespräche über Pläne und über das, was im Alltag noch zu erledigen ist. Doch wenn ich genauer hinhöre, dann entdecke ich vielleicht auch bei meinem Gegenüber den Umriss eines Kreuzes. Etwas, das beinahe verschwindet zwischen all dem Offensichtlichen. Und was doch da ist. Ein fast unsichtbares Kreuz, das mein Gegenüber mit sich trägt: eine Not, eine Sorge, eine Angst. Ich freue mich, wenn ich diese Umrisse wahrnehmen kann. Und wenn sie sich im Gespräch nach und nach füllen.
Ein fast unsichtbares Kreuz, das mein Gegenüber trägt. Ich will heute genau hinschauen, damit ich es entdecke zwischen allen Plänen und Anforderungen des Alltags.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39940SWR Kultur Wort zum Tag
„Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel“ – Dieser poetische Satz mit seinem starken Hoffnungsbild hat sich mir eingeprägt: „Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel.“ Er stammt von Serij Zhadan, einem der berühmtesten gegenwärtigen Schriftsteller der Ukraine. Der Satz ist umso eindrücklicher, wenn man weiß, aus welcher Situation heraus es entstanden ist. Zhadan wurde 1974 in der Ostukraine geboren, als Kind hat er noch die Sowjetunion erlebt. Später engagiert er sich mit wilder Entschlossenheit für den Demokratisierungsprozess und kämpft bei der „Orangenen Revolution“ auf dem Maidan in Kiew 2014 mit. Und nun erlebt er den Krieg mit Russland im Osten seines Landes.
„Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel“: Zhadan hat diesen Satz 2020 geschrieben, als der große Krieg von Russland aus noch nicht losgegangen war. Aber der kleine Krieg war schon da, die Krim war bereits besetzt, von 2014 an. Und an der Grenze zu den russisch besetzten Gebieten wurde täglich geschossen. Zhadan setzt sich hin und schreibt Gedichte. Sie sind oftmals von Vögeln bevölkert. Er schreibt: Singende Vögel, leidenschaftliche Tenöre unserer Stimmlosigkeit/ihr habt gesungen, während die Kiefern an der Grenze leuchteten/Ihr müsst Klagelieder singen für die, die man in den Schützengräben beerdigt.
Inzwischen stochert die ganze Welt im Nebel. Nicht nur in dem, den die Raketen hinterlassen, sondern auch in einem Nebel der politischen Ratlosigkeiten: Waffenlieferungen ja oder nein? Wann welche? „Ja, das Herz der kleinsten Schwalbe IST stärker als der Nebel“. Kein Mensch soll sich im Nebel verlieren. An den Herausforderungen des Lebens scheitern. Den Mut verlieren.
Zhadan verbindet seine Hoffnungsbotschaft mit der Aufforderung, sich für die Menschen einzusetzen, denen es schlecht geht. Für die einzustehen, die vom Schlimmsten bedroht sind. Die Zeile nach unserem Vers lautet: „Die Seele des hoffnungslosesten Vogels verdient unsere Sorge.“ - Vor vier Wochen hat Serij Zhadan aus seiner eigenen Aufforderung eine radikale Konsequenz gezogen. Er, der Poet und Friedenspreisträger, hat sich freiwillig beim Militär gemeldet. Um als ukrainischer Soldat zu kämpfen. Und auf diese Weise die Schwächsten in seinem Heimatland zu schützen. Damit gibt er an mich die Frage weiter: Wie kann ich heute Sorge tragen um die Seele des hoffnungslosesten Vogels?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39941SWR2 Wort zum Tag
Da sitzt er bei der Pressekonferenz: Jürgen Klopp, die Trainerlegende des Fußballs. Der 2015 mit seinem Charisma und seiner Kompetenz von Dortmund nach Liverpool ging. Um einen Verein ganz neu aufzubauen. Einen Verein, der einen großen Namen gehabt hat, aber schon lange keine großen Erfolge mehr. Doch mit Jürgen Klopp sind die Erfolge wiedergekommen: der Gewinn der Champions League und dann, nach über 30 Jahren und mindestens genauso heiß ersehnt, 2021 die englische Meisterschaft. Gegen Pep Guardiola und die Übermannschaft Manchester City. Da sitzt also einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Gegenwart und sagt: „Ich habe da langsam nicht mehr die Energie für. Ich kann das nicht mehr immer und immer wieder machen. Und ich schulde Euch wenigstens die Wahrheit über diese Dinge.“
Einer, dem immer alles gelungen ist, spricht von seinen Grenzen. Davon, was er nicht mehr lange kann. Ich frage mich: Was ist eigentlich die größere Leistung von Kloppo: sein Team so fit zu bekommen, dass sie gemeinsam die Champions League gewinnen? Oder dann öffentlich zu sagen: „I am running out of energy – ich habe keine Energie mehr?“ Hier sind meine Grenzen. Hier geht es für mich nicht mehr weiter. Das schaffe ich nicht mehr.
Ich will das gar nicht gegeneinander ausspielen. Aber mich beeindrucken die Sätze dieser Pressekonferenz genauso wie die großen Erfolge. Dass er seine Grenzen so gut wahrnehmen kann. Und dann öffentlich benennt. Das ist Selbstreflexion auf Champions-League-Niveau. Ausweis einer eigenen inneren Meisterschaft. Es ist ein Ausweis von Stärke, sagen zu können, dass man gerade nicht stark ist. Gerade für einen starken Menschen ist es ein Ausweis von Stärke, die eigenen Grenzen zu erkennen. Denn das ermöglicht, Hilfe und Kraft von außen anzunehmen. Und die brauchen wir alle, egal, wie stark wir sind.
Woher hat Jürgen Klopp diese ganz eigene Stärke? Das hat er bei der Pressekonferenz nicht gesagt. Aber an anderer Stelle hat er darauf hingewiesen, dass er überzeugter Christ ist. Aus seinem Glauben lebt. Vielleicht kennt er den Satz aus der Bibel, in dem Gott sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Wenn ich mir und anderen meine Schwäche und meine Grenzen eingestehe, öffne ich mich für Gott, damit er mir neue Kraft gibt. Und so frage ich mich: Wo bin ich heute so stark, dass ich die Grenzen meiner Stärke erkenne? Und öffentlich benenne – in der Familie oder bei der Arbeit? Mit Gottes Hilfe: Wo mache ich heute den Kloppo?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39386SWR2 Wort zum Tag
Vor ein paar Wochen habe ich mit meiner Konfirmandengruppe Ewigkeitskisten gebastelt. Ewigkeitskisten sind Schuhkartons, in die die Jugendlichen ihre eigenen Vorstellungen der Ewigkeit hineinbasteln.
Dazu gibt es buntes Papier und goldene Pappen, Wollknäule in den verschiedensten Farben, Knet und Kleber. Zuerst wurde viel gekichert. Aber dann haben unsere Konfirmanden immer ernsthafter damit angefangen, ihren Vorstellungen der Ewigkeit Gestalt zu verleihen. Und als wir einander nach einer Stunde die Ergebnisse präsentiert haben, haben wir darüber gestaunt, wie unterschiedlich die Ewigkeitskisten geworden sind. Aber eins hatten sie alle gemeinsam: Die Ewigkeit ist wunderschön.
Eine Kiste glänzt vor lauter Goldpapier: nicht nur der Boden des Schuhkartons, sondern auch die Wände sind ganz golden ausgestaltet. In der Mitte auf dem Boden findet sich ein Tor aus gelbem Knet, und ein Weg aus glänzendem Tonpapier führt dorthin. Eine Jugendliche sagt: „Wir haben einmal gehört, dass wir wie in ein helles Licht hineingehen, wenn wir sterben. So als ob Gottes Herrlichkeit überall da ist. Aber wenn man dann wirklich tot ist – geht man nochmal woanders hin. Wie durch ein Tor. Da wird alles in mir hell, von Gott her.“
Eine andere Kiste hat einen ganz anderen Ansatz: Sie zeigt nicht den Himmel, sondern die Erde. Dazu teilt sie den Boden des Schuhkartons in vier Bereiche. Berge sind dort zu sehen und das Meer. Ein kleiner Wald und ein Haus. Und ein Weg, der alle vier Bereiche miteinander verbindet. „Das sind die Lieblingsorte des Toten“, sagt eine Jugendliche, „vielleicht ist die Ewigkeit ja eher eine Art von Reise. Man begibt sich nochmal an die Orte, die einem besonders wichtig waren. Und entdeckt die Lieblingsorte von anderen Menschen.“
Ich mag die Idee dieser Kiste. Dass die Ewigkeit für uns nicht nur ein fester Ort bei Gott ist. Nicht nur helles Licht im Himmel und Goldglanz. Sondern, dass ich in der Ewigkeit in Bewegung bin.
Dadurch bekommt auch mein jetziges Leben mehr Gewicht. Es ist, als ob der Goldglanz der Ewigkeit bereits hier manchmal aufleuchtet. In einer schönen Situation, bei einer wunderbaren Begegnung mit einem anderen Menschen. Und auch dann, wenn ich traurig bin über den Tod eines Menschen – vielleicht ist dieser Tote heute an seinem Lieblingsort? Es tröstet mich, dass ich mich dem Toten nahe fühle - und dass er zugleich umstrahlt ist vom Goldglanz Gottes
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39385SWR2 Wort zum Tag
Vor hundert Jahren war das eine echte Sensation: Die US-Amerikanerin Margaret Mead ist im Alter von gerade einmal 23 Jahren auf die kleine Inselgruppe Samoa in den südlichen Pazifik gereist. Ohne Begleitung. Sie hat dort einige Jahre lang gelebt und mit heranwachsenden jungen Frauen Gespräche über ihre Rolle in den traditionellen Gesellschaften geführt. Das daraus entstandene Buch hat das Verständnis menschlicher Verhaltensweisen stark beeinflusst und ist ein echter Bestseller geworden. Denn Margaret Mead hat herausgefunden, wie stark Menschen durch ihre jeweilige Kultur und Gesellschaft geprägt sind. Auch in der grundlegenden Frage, was uns Mensch zu Menschen macht.
Als sie später eine berühmte Professorin war, hat eine Studentin diese grundlegende Frage aufgenommen und sie einmal gefragt, was ihrer Meinung nach das erste Zeichen der Zivilisation ist. Wo also die Trennlinie zu ziehen ist zwischen tierischen und menschlichen Verhaltensweisen.
Die Studentin hatte wohl erwartet, dass Mead über das Feuer sprechen würde oder über Angelhaken, Tontöpfe und Schleifsteine. Aber nein, Mead hatte einen ganz anderen Ansatz. Sie hat gesagt: „Das erste Zeichen, das uns sicher zeigt, dass wir es mit Zivilisation zu tun haben, ist ein Oberschenkelknochen. Genauer: ein gebrochener und wieder verheilter Oberschenkelknochen. Warum das so ist? Nun, ein Tier stirbt, wenn es sich das Bein bricht. Denn wenn Tiere sich ein Bein gebrochen haben, können sie nicht mehr vor einer Gefahr fliehen. Sie können auch nicht zum Fluss gehen, um etwas zu trinken oder nach Nahrung zu suchen. Als Tier mit gebrochenem Bein bist du nur noch Fleisch für andere umherstreifende Tiere. Kein Tier überlebt einen Beinbruch lange genug, damit der Knochen heilen kann.
Ein gebrochener Oberschenkelknochen, der verheilt ist, ist dagegen ein Beweis dafür, dass sich jemand die Zeit genommen hat, bei dir zu bleiben. Auf dich aufzupassen. Er hat deine Wunde verbunden, dich in Sicherheit gebracht und dich während der Genesung betreut.Und genau das ist der Beginn der Zivilisation: Jemand anderem zu helfen, wenn er in Schwierigkeiten ist.“
Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Antwort heutzutage umstritten. Aber ich nehme den Impuls gern auf, der in der Position von Margaret Mead liegt: Jede menschliche Zivilisation gründet darin, dass wir einander helfen. Wenn jemand sich ein Bein gebrochen hat oder das Herz. Wir werden dadurch zu Menschen, dass wir einander unterstützen in Situationen der Not. Ich finde: In einer Gesellschaft, die über zunehmende Verrohung klagt, ist die Entdeckung von Margaret Mead aktueller denn je.
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