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07APR2024
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[Heute mit Thomas Weißer …]

… und einem der bekanntesten klassischen Stücke überhaupt. Dem Halleluja von Georg Friedrich Händel aus dem Oratorium Der Messias von 1741.

Hallelujah! / Halleluja!

Halleluja: Da steckt ein ganzer Satz Hebräisch drin. Auf deutsch: Lobt Gott. Passt einfach zu Ostern. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Leben blüht auf. Wenn das kein Grund zum Jubel ist: Mit Pauken und Trompeten.

Hallelujah! / Halleluja!

Ich muss sagen: Das jubilierende Halleluja geht mir trotz der Osterzeit nur schwer über die Lippen. Denn eigentlich sollte heute mein Kollege Stefan Warthmann über diese grandiose Stück Musik sprechen. Doch vor wenigen Wochen ist er überraschend gestorben. Lässt sich da so ganz einfach ein solches Halleluja singen?

Hallelujah! / Halleluja!

Weil ich an meinen toten Kollegen denke, höre ich heute auch die Nebentöne in diesem Halleluja. Da klingt mehr an als nur selbstbewusster und pompöser Triumphalismus. Immer wieder lässt Händel innehalten, führt die Melodie von tief unten nach oben oder bindet mit großen Sprüngen die Tiefen und Höhen zusammen. Händel ringt mit und um Auferstehung.

The kingdom of this world is become the kingdom of our Lord, and of his Christ; and he shall reign for ever and ever. / Das Königreich der Welt ist fortan das Königreich des Herrn und seines Christ. Und er regieret auf immer und ewig.

Was oft vergessen wird: Das Halleluja hat in Händels Oratoriums nur das vorletzte Wort. Mit ihm beschließt der Komponist den zweiten Teil des Messias. Bis hierhin erzählt das gigantische Werk von Geburt, Tod und Auferstehung Jesu. Der dritte Teil aber weitet den Blick. Er setzt sich mit dem Tod des Menschen auseinander und fasst eine Hoffnung in Musik: Dass wir Menschen aufgehoben sein werden in Gott. Auferweckt werden.

Das lässt sich ganz konkret im Alltag erleben. Wenn ich mich heute an meinen Kollegen erinnere, dann bleibt er nicht im Tod. In meiner Erinnerung ist er lebendig. Ich höre seine Stimme, sehe ihn vor mir. Davon singt das Halleluja auch.

King of kings, and Lord of lords. Hallelujah! / Herr der Herren, der Welten Gott. Halleluja!

Auferstehung: Das erzählt von einer anderen Welt. Einer Welt, in der der Tod ausgesperrt wird. Händels Halleluja bringt diese andere Welt auch musikalisch zum Klingen. Indem es ganz viele Welten verbindet: Den weiten Atem der italienischen Oper, die Pauken und Trompeten des britischen Krönungszeremoniells, die barocke Welt der Aufklärung mit ihrer optimistischen Religiosität. Und auch die Kirchenlieder aus Händels deutscher Heimat sind unüberhörbar. So klingt das adventliche Wachet auf, ruft uns die Stimme im Halleluja an.

Es ist auch dieser Mix aus verschiedenen Traditionen, Sprachen und musikalischen Wurzeln, der Musikerinnen auf der ganzen Welt bis heute inspiriert. Und sie auf ihre eigene Art und Weise von der Hoffnung auf Auferstehung singen lässt.

Hallelujah! / Halleluja!

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31MRZ2024
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Musik

„Ho un non so che nel cor, che invece di dolor, gioia mi chiede.“
 „Ich habe was im Herzen, das anstelle von Schmerzen Freude von mir fordert.”

Das singt Maria Magdalena auf dem Weg zum Grab Jesu. Eine Arie aus dem Oratorium La Resurrezione – Die Auferstehung – von Georg Friedrich Händel. Als ganz junger Komponist hat er es in Italien geschrieben. Die junge italienische Sängerin Margherita Durastanti hat diese Arie gesungen. Der Papst war wütend über eine Frau im Oratorium – und Händel wohl ein bisschen verliebt.
Die Freude setzt sich noch nicht richtig durch. Zu viel ist im Weg. Und doch bange Erwartung, leise Hoffnung: Maria „spürt schon etwas im Herzen”.

Musik

Die Musik weiß tatsächlich schon mehr als Maria Magdalena. Das kleine Orchester hüpft und tanzt bereits. Marias Gesang klingt darüber wie der einer einzelnen Lerche über einem Frühlingsfeld. Doch die Osterfreude entwickelt sich erst. Maria ist bereit, vor Freude zu springen. Aber darf sie das? Ist es wirklich wahr, was man ihr sagt? Jesus ist auferstanden?
Eine Osterstimmung, die ihrer Fröhlichkeit selbst noch nicht ganz traut. Ja, das kenne ich. Der Schock und Schmerz über den Tod eines Menschen ist noch frisch. Und da soll plötzlich Ostern werden!
In der Arie heißt es: „Das Herz, an Angst gewöhnt, kann die Stimmen der Freude noch nicht vernehmen, oder vielleicht hält es sie für Hirngespinste.“

Musik
Ma il core, uso a temer, le voci del piacer o non intende ancor, o inganno del pensier forse le crede.

Der Lerchengesang ist etwas tiefer und ernster geworden. Die Freude hat das Herz zwar erreicht. Doch sie kommt noch nicht hinein. Das Herz ist zu sehr an Angst gewöhnt.
Das Markusevangelium erzählt das eindrücklich: Maria und die anderen Frauen fliehen vom Grab. Sie erzählen niemandem etwas, denn sie fürchten sich. Und im Johannesevangelium weint Maria so verzweifelt, dass sie Jesus zuerst gar nicht erkennt.
Ja, sind das Hirngespinste? Oder darf Maria sich jetzt wirklich freuen? Auch das Evangelium weiß schon mehr als Maria in diesem Moment.

Musik

Die Freude ist angekommen.
Die Sängerin flicht in ihren Lerchengesang jubelnde Triller und Verzierungen ein. Und als sie schweigt, ist das kleine Orchester mit einem Mal ein bisschen größer geworden: Plötzlich stimmen Oboen mit ein. Maria hat es schließlich doch weitererzählt, trotz aller Angst und Trauer: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Und seitdem geht die Botschaft um die Welt. Jetzt ist Ostern, Gott sei Dank!

Musik

 --------------------

Lied:
Ho un non so che nel cor. Arie der Maddalena (G.F. Händel, La Resurrezione)

Komponist:
M: Georg Friedrich Händel'
T: Carlo Sigismondo Capece

Musikquelle:
Ho un non so che nel cor. Aria (Maddalena) aus: La Resurrezione Oratorium in 2 Teilen, HWV 47
Händel, Georg Friedrich; Capece, Carlo Sigismondo
Argenta, Nancy; Amsterdam Baroque Orchestra; Koopman, Ton

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24MRZ2024
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Wie das Würzburger Posaunenquartett das Stück "Singt dem König Freudenpsalmen" spielt, so klingt das Lied zum Palmsonntag heute. Es klingt feierlich, wenn diese wunderbar intonierten Bläser aufspielen. Diese edle Musik passt, denn jetzt wird ein König begrüßt. Das Lied beginnt so: „Singt dem König Freudenpsalmen, Völker ebnet seine Bahn! Zion, streu ihm deine Palmen, sieh dein König naht heran!“

Wenn ich nachher in meinem Dorf Palmsonntag feiere, wird es feierlich. Kinder stehen in der ersten Reihe mit selbstgebastelten Palmzweigen in den Händen, und der Kinderchor singt „Hosanna!“ Und Katharina, eine Freundin von mir, die sich in der Gemeinde engagiert, wird ein Plakat mitbringen und nach oben halten. Darauf hat sie in bunten Buchstaben geschrieben: „Rette mich!“

Katharina zeigt damit, dass sie heute Jesus nicht nur als König bejubelt, sie will ihn wirklich in ihr Leben hineinlassen. Denn obwohl sie so eine selbstbewusste und erfolgreiche Frau ist, weiß Katharina: Sie hat nicht alles selbst in der Hand, und im Leben können Dinge über sie hereinbrechen, die kann niemand alleine bewältigen. Was ist das für eine Freude, wenn dann einer da ist und „rettet“!

Vielleicht lässt die Jazz-Sängerin Alexandra Naumann ja deswegen einen verrückten Jubelschrei los, bevor sie in ihre Version unseres Liedes heute einstimmt.

Singt dem König Freudenpsalmen

Völker ebnet seine Bahn:

Salem, streu ihm deine Palmen,

sieh dein König naht heran!

Dieser ist von Davids Samen, Gottes Sohn von Ewigkeit,

der da kommt in Gottes Namen,

er sei hochgebenedeit.                

So kann ein 250-Jahre-altes-Kirchenlied auch klingen. Die Sängerin Alexandra Naumann sagt dazu: „Nach vielen Jahren habe ich zu den alten deutschen Kirchenliedern zurückgefunden. Sie sind archetypisches Material. In jeder Melodie und in jedem Text ist eine Kraft spürbar, die jenseits aller (…) Erklärungen liegt.“

Auch ich entdecke in diesem Lied eine Kraft. Oder eine Sehnsucht nach jemandem, der mich aus allem herausziehen kann. Der verlässlich da ist.

Für Katharina ist das Jesus, das kann man auf ihrem Plakat lesen: „Rette mich!“, steht drauf. Womöglich meint sie damit: „Rette mich, wenn ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Vielleicht durch das Gefühl der Hoffnung, das langsam wieder in mir aufkommt. Oder durch das Gefühl, dass jemand an mich glaubt.“

All das schätze ich auch an Jesus. Ich finde, er ist ein besonnener König. Mit so viel Würde, dass er auch allen anderen davon noch abgeben kann. Und das soll für immer und ewig gelten. So wie unser Lied endet, wenn es heißt: „Mögen Welten einst vergehen, ewig fest besteht sein Thron.“

Geister, die im Himmel wohnen,

preist den großen König heut;

und ihr Völker aller Zonen,

singt, er sei gebenedeit!

Singt: Hosanna in den Höhen,

hoch gepriesen Gottes Sohn!

Mögen Welten einst vergehen,

ewig fest besteht sein Thron.

 

 

Quellen:      

1) Singt dem König Freudenpsalmen, Studio Franken Alte Musik und Volksmusik, Würzburger Posaunenquartett, NE010820002

2) missa, Alexandra Naumann, Track Nr. 10, LC 04780

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17MRZ2024
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Wie kann man in einem leidenden Menschen Gottes Liebe erkennen? Den Dichter und Philosophen Christian Fürchtegott Gellert hat diese Frage umgetrieben. Und er hat seine Gedanken dazu Mitte des 18. Jahrhunderts in einem Lied verdichtet –einem Passionslied: Herr stärke mich, dein Leiden zu bedenken.

Gellert findet Gottes Liebe in Jesus am Kreuz. Aber er spürt: Das, was er dort erkennt, erschließt sich nicht einfach. Es ist nur zu erfassen, wenn man sich darauf einlässt, sich versenkt in das Meer von Gottes Liebe, wie er es sagt.

 

Unermesslich groß und tief wie das Meer muss Gottes Liebe sein, so empfindet es der Gellert, dass Gott in Jesus selbst leidet und stirbt – damit ich vor ihm nicht verurteilt werde für meine Schuld. Denn unsere menschliche Schuld, das Unrecht, das wir tun, ist bei Gott nicht einfach egal und vergessen. Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen, dichtet Gellert, und Gott ist die Lieb und lässt die Welt erlösen. Das ist der Widerspruch, den er am Kreuz verbunden sieht.

Ein Gott, der Mensch wird und wie ein Verbrecher stirbt – Gellert, Philosoph der Aufklärung, weiß, dass das ein kühner Gedanke ist. Ein Gedanke weit ab von jedem philosophischen Gottesbild. Ein Gedanke, der schon von Anfang an Kopfschütteln bei den Gelehrten hervorgerufen hat. Für ihn aber ist es anders – wie er mit Rückgriff auf Worte des Apostels Paulus in der 5. Strophe betont:

Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden ein Ärgernis und eine Torheit werden, so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes, die Weisheit Gottes.

Diese Weisheit aber – und darum gefällt mir Gellerts Passionslied – bleibt für ihn nicht Theorie. In der Liebe, die er in Jesu Leiden entdeckt, sieht er eine Richtschnur für sein eigenes Handeln.

 Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten,

wenn man mich schilt, nicht rächend widerschelten.

Du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder, schaltst auch nicht wieder.

 

Hass nicht mit gleichem Hass vergelten – das, habe ich den Eindruck, bleibt die entscheidende Voraussetzung für Frieden. In der Politik genauso wie in meinem privaten Leben. Dafür aber brauchen wir die Kraft eines inneren Friedens. Und auch den findet Gellert bei dem Gott, der aus Liebe zu uns selbst leidet.

Ja, das glaube auch ich: Wem es gegeben ist, wirklich in Gottes Meer der Liebe einzutauchen, findet Frieden. Heute, am Ende des Lebens – und darüber hinaus.

 

Musikquellen:

  • Strophe 1-2, Martini-Kantorei Braunschweig, Archivnummer 1904904(HAN), 0:00-1:05
  • Intonation Orgel Ellwein, Archivnummer 63061990002(DIG), 0:00-0:04
  • Strophe 10, Bachchor Leverkusen, Archivnummer 6078159105.001.001(DAAS), 1:54-2:33

 

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10MRZ2024
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Auferstehung, das ist für viele ein Märchen, eine Geschichte. Jedenfalls etwas ohne Bedeutung für heute. Für das eigene Leben. Geht mir manchmal ähnlich. Was kann mir Auferstehung schon sagen? Dass irgendwann der Tod an sein Ende kommt? Das scheint mir so weit weg von meinem Leben.

Das Andere Osterlied des Dichters und Pfarrers Kurt Marti denkt Auferstehung ganz anders.

Das könnte den Herren der Welt ja so passen, / wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme, / erst dann die Herrschaft der Herren, / erst dann die Knechtschaft der Knechte / vergessen wäre für immer.

Ein Lied über Auferstehung? Eher ein Lied über Macht und Ohnmacht. Und das hat mit dem Tod zu tun. Der Tod ist eine fremde Macht, kommt und nimmt mir das Leben. Ich kann zwar gegen den Tod ankämpfen. Aber am Schluss werde ich sicher verlieren. Kurt Marti überträgt diese Erfahrung auf eine politische Ebene. Dass Menschen Tag für Tag ohnmächtig gemacht werden. Und dass oft genug niemand die Herren der Welt dafür zur Rechenschaft zieht. Kriegstreiber wie Putin, Konzerne, die sich auf Kosten der Armen bereichern, Länder, die andere ausbluten.

Das könnte den Herren der Welt ja so passen, / wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe, / wenn hier die Herrschaft der Herren, / wenn hier die Knechtschaft der Knechte / so weiterginge wie immer.

Es scheint doch so: Alles bleibt, wie es ist. Macht ist verteilt – Ohnmacht auch. Dagegen singt das Andere Osterlied an. Peter Janssens hat es komponiert. Und verknüpft mit seiner Melodie ganz raffiniert heutigen Protest und den ältesten deutschsprachigen Osterhymnus Christ ist erstanden.

Christ ist erstanden von der Marter alle. Des solln wir alle froh sein; Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Der alte Choral verknüpft Marter und Auferstehung, Trauer und Trost. Auch Kurt Marti weiß um diese enge Verbindung. Und protestiert gegen den Tod. Gegen die Bosse, die von tödlicher Ausbeutung profitieren, gegen eine Kirche, die bloß salbungsvolle Worte für Hinterbliebene kennt, gegen all die, die den Tod einfach so hinnehmen. Gegen alle die, für die Auferstehung ganz weit weg ist.

Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, / ist schon auferstanden und ruft uns nun alle / zur Auferstehung auf Erden, / zum Aufstand gegen die Herren, / die mit dem Tod uns regieren.

Auferstehung und Aufstand werden in dem Lied auf ziemlich unerhörte Weise verknüpft. Marti und Janssens holen Auferstehung so aus einer fernen Zukunft in die Gegenwart. Auferstehung heißt dann: Aufstand gegen all das, was tot macht. Die Ohnmacht abschütteln. Nicht andere über das eigene Leben bestimmen lassen. Aus dem Kreislauf von Demütigung und Diskriminierung ausbrechen.

Das Andere Osterlied beharrt darauf: Auferstehung ist eine Chiffre für die Welt heute. Die Hoffnung auf Auferstehung ist vor allem für die gedacht, die Tag für Tag schon fast tot sind, die keine Hoffnung haben, die trostlos leben. Die Spur der Auferstehung führt so mitten ins Leben hinein.

Marti bringt das in seinem Gedicht Ihr fragt nach der Auferstehung der Toten auf den Punkt: ihr fragt wie ist / die auferstehung der toten? / ich weiß es nicht // ich weiß nur / wozu Er uns ruft: / zur auferstehung heute und jetzt

 

Musikquellen

1

Anderes Osterlied

Text: Kurt Marti / Musik: Peter Janssens 1970

© Peter Janssens Musik Verlag, Telgte

Das Gesangsorchester Peter Janssens

In: Meine Lieder. Peter Janssens

LC 4679 / CD1074 / Track 08 (1:40)

 

2

Christ ist erstanden

Aus: Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten alten Kirchenlieder

CD 2, Track 05, 1:35

Klaus Mertens (Gesang), Kay Johannsen (Orgel)

Carus 83.015 / LC 3989

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03MRZ2024
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Schon in der Bibel findet sich ein Bericht über eine regelrechte Castingshow. Damals wird freilich nicht das nächste Topmodel, sondern der nächste König für Israel gesucht. Auf dem Jurorensessel sitzt der im Umgang mit Führungskräften erfahrene Samuel. Und hinter ihm steht Gott. Die Männer auf dem Laufsteg sehen gut aus, sie haben eine sympathische Ausstrahlung, Samuel findet einen nach dem andern gar nicht so übel. Aber Gott lässt ihn wissen: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“

Schaue hindurch, was immer du siehst.

Schaue hindurch mit deinem Herzensauge.

Gott schaut hindurch, sein Blick geht mitten ins Herz. Er lässt sich nicht ablenken von dem, was vor aller Augen liegt. Wer einstimmt in dieses Lied, bittet für sich und für andere um diese göttliche Gabe. Wünscht sich, mehr zu sehen als das, was auf den ersten Blick gefällt, wagt einen tieferen Blick hinter die vielen Fassaden. Und was für das Herzensauge gilt, funktioniert auch mit anderen Sinnesorganen:

Lausche hindurch, was immer du hörst.

Lausche hindurch mit deinem Herzensohr.

Wer durch Äußerliches hindurchschauen und hindurchhören und mehr wahrnehmen möchte als das, was offensichtlich ist, braucht Zeit. Das geht nicht auf die Schnelle. Zeit schenkt dieses Lied. Denn es wird vielfach hintereinander gesungen und dadurch leicht zu einem Herzensohrwurm. Der Komponist Helge Burggrabe bewegt sich in der musikalischen Tradition der Kommunität von Taizé. Durch das wiederholte Singen werden Sehen und Hören neu eingeübt. Was anfangs vielleicht nur als guter Vorsatz im Kopf existiert hat, geht einem so allmählich in Fleisch und Blut über.

Schaue hindurch, was immer du siehst.

Schaue hindurch mit deinem Herzensauge.

Lausche hindurch, was immer du hörst.

Lausche hindurch mit deinem Herzensohr.

Beim biblischen Königscasting hat damals übrigens der unscheinbare David gewonnen. Während Samuel von dessen großen Brüdern angetan war, hat Gottes Herzensauge im Jüngsten das verborgene Potential einer starken Persönlichkeit erkannt. Und dieser andere, dieser göttliche Blick hat Wirkung gezeigt. Bei David und bei vielen anderen. Denn wer mit Herzensaugen angeschaut wird, kann voll entfalten, was in ihm steckt.    

Schaue hindurch, was immer du siehst.

Schaue hindurch mit deinem Herzensauge.

Lausche hindurch, was immer du hörst.

Lausche hindurch mit deinem Herzensohr.

Schließen möchte ich mit einem Wunsch aus dem Epheserbrief. Da steht: Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr berufen seid und wieviel Kraft in euch steckt.  

 

Quellenangaben:

Musikangaben:

Text: Franz-Xaver Scheidegger

Melodie: Helge Burggrabe

 

Aufnahme:

BR Archiv Nr. C5096050101

Herzensauge, Herzensohr für Chor und Klavier, aus: Hagios. Ein gesungenes Gebet

Ausführende: Christof Frankhauser, Vokalensemble elbcanto

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25FEB2024
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O Tod, wie bitter bist du,
Wenn an dich gedenket ein Mensch,
Der gute Tage und genug hat
Und ohne Sorge lebet;
Und dem es wohl geht in allen Dingen
Und noch wohl essen mag!
O Tod, wie bitter bist du.

O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen,
Der da schwach und alt ist,
Der in allen Sorgen steckt,
Und nichts Bessers zu hoffen,
Noch zu erwarten hat!
O Tod, wie wohl tust du!

 

 

 

(1) O Tod, wie bitter bist du,…

Ja, der Tod kann bitter sein. Wenn ein Freund überraschend stirbt. Wenn jemand zwei Jahre mit einer Krankheit kämpft und verliert, weil der Tod unerbittlich ist. Ist der Tod nicht immer bitter? Ich denke schon, dass man das so sagen muss. Für mich, der zurückbleibt, ist der Tod immer eine traurige Angelegenheit. Ich lebe weiter und vermisse bis heute meinen Vater, der mich geliebt hat, meine Oma, die eine weise Frau war, meinen Schulfreund, mit dem ich nach dem Abi die erste große Reise nach Frankreich unternommen habe. Sie haben zu meinem Leben gehört, und es ist bitter sie nicht mehr zu haben.

(2) Wenn an dich gedenket ein Mensch,
Der gute Tage und genug hat
Und ohne Sorge lebet;
Und dem es wohl geht in allen Dingen
Und noch wohl essen mag!
O Tod, wie bitter bist du.

Allerdings ist der Tod sehr unterschiedlich. Und diesen Unterschied stellt Johannes Brahms in seinem Lied über den Tod in den Mittelpunkt. Es ist Teil eines Zyklus‘, der „Vier ernste Gesänge“ heißt. Brahms wählt als Text für das dritte Lied eine Stelle aus dem Buch Jesus Sirach im Alten Testament der Bibel.

Mein Vater starb innerhalb von vier Wochen an einem aggressiven Krebs. Als er Bescheid wusste, was auf ihn zukommt, und er immer mehr Schmerzen hatte, wollte er sterben. Ich bewundere bis heute seinen Mut. Ich hoffe, dass der Tod am Ende eine Wohltat für ihn war. Auch wenn ich es bitter finde, dass er so früh gestorben ist, und ich ihn dann nicht mehr bei mir hatte. Mein Schulfreund dagegen wollte nicht sterben. Seine Kinder sind gerade aus dem Haus; er hat sich auf seinen Ruhestand gefreut und wollte noch viel unternehmen. Er lag einfach tot da, Herzversagen. Darf ich denken, dass es für ihn ein schöner Tod war, dass er ihm wohltat? Oder verbietet sich das als ungehörig, anmaßend? Auf der einen Seite ist der Tod bitter, auf der anderen tut er wohl. Während am Beginn des heutigen Lieds zum Sonntag das Bittre laut ist und schroff daherkommt, gibt Brahms der zweiten Variante einen wunderbaren Wohlklang…, warm, fast zärtlich.

 (3) O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen,

 Von meiner Oma weiß ich, dass sie um eine gute Sterbestunde gebetet hat. Ich glaube, sie hat den Tod nicht gefürchtet, sich ihn sogar herbeigewünscht. Sie war, wie es das Lied sagt, alt und schwach. Ich hoffe, der Tod war eine Wohltat für sie.

Der Tod hat viele Dimensionen: Jeder stirbt seinen eigenen Tod. Jeder Tod ist verschieden. Und jeder, der mit dem Tod konfrontiert ist, muss sich sein eigenes Bild machen, wie er ihn sieht. Ob er erlöst und befreit, ob er schmerzt und furchtbar traurig macht.

O Tod, wie bitter bist du. O Tod, wie wohl tust du.

Im Lauf des Jahres sind gerade die Wochen vor Ostern eine gute Zeit, um über den Tod nachzudenken, über das eigene Leben und das Sterben, das unausweichlich einmal kommt. Und sich dabei auch zu prüfen, wie es mit der Hoffnung aussieht, dass der Tod nicht alles ist, nicht das Ende.

(4) Klavierbearbeitung

 

 

 

 

QUELLENANGABEN

 

(1)

M0005752(AMS) 01-003 3'24 (3)

O Tod, wie bitter bist du

aus: Vier ernste Gesänge für eine Singstimme und Klavier, op. 121

Brahms, Johannes; Bibel, Prediger Salomo 3,19-22; ...

Fassbaender, Brigitte; Garben, Cord

 

(2)

M0326763(AMS) 01-016 3'21 3'19 Nr. 3:

O Tod, o Tod, wie bitter bist du

aus: Vier ernste Gesänge. Für Bass und Klavier, op. 121.

Bearbeitet für Bass und Orchester

Brahms, Johannes; Glanert, Detlev Mertens, Klaus; Capella Weilburgensis; Hagel, Doris

 

(3)

M0128772(AMS) 01-003 4'27 4'22 Nr. 3:

O Tod, o Tod, wie bitter bist du

aus: Vier ernste Gesänge für Bass und Klavier, op. 121     

Brahms, Johannes;

Fischer-Dieskau, Dietrich; Demus, Jörg

 

(4)

M0624654(AMS) 01-019 4'52 4'52 Nr. 3:

O Tod, wie bitter bist du

aus: Vier ernste Gesänge für Singstimme und Klavier, op. 121.

Bearbeitet für Klavier

Brahms, Johannes; Reger, Max

Levit, Igor

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18FEB2024
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Manchmal genügt ein einziges Wort. Manchmal sogar ein einziges kleines Wörtchen, um einem Satz die entscheidende Wendung zu geben. Josua Stegmann, der Dichter unseres heutigen Liedes zum Sonntag hat so ein Wörtchen gefunden. Die Tiefen des Lebens haben es ihm wohl zugespielt. Und er stellt es direkt an den Anfang. Es verleiht seinem Lied eine ganz eigene Intensität. Und schon wird aus einer schlichten Bitte ein flehentlicher Seufzer:

Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ,
dass uns hinfort nicht schade des Bösen Feindes List.

Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr;
Dein Gnad und dein Vermögen in uns reichlich vermehr.

Das kleine Ach macht dieses Lied für mich so besonders. Sechs Mal eröffnet es jede Strophe und öffnet zugleich Gott das Herz. Ach, wer wollte sich von solchem Bitten nicht erweichen lassen? Nach diesem eindringlichen Auftaktseufzer werden die unverzichtbaren Gaben aufgezählt, die Gott bitte weiterhin reichlich gewähren möge: Seine Gnade, sein Wort, seinen Glanz, seinen Segen, seinen Schutz und seine Treue. Fast wie eine Einladung, noch weitere Strophen dazuzudichten. Es gibt ja so viele begehrenswerte Dinge, die in zwei Silben passen: Ach, bleib mit deiner Liebe, mit deiner Hilfe, mit deiner Sorge bei uns …

Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr;
Dein Gnad und dein Vermögen in uns reichlich vermehr.

Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

Schön ist auch der Reichtum der Namen, mit denen Gott in diesem Lied angerufen wird: „Herr und Gott, du starker Held, Herr Jesu Christ, du wertes Licht.“ So schöpft jede Strophe auf neue Art und Weise aus der Vielfalt der biblischen Gottesbilder und appelliert dadurch an die unerschöpfliche Fülle, aus der Gott gibt. Johann Scheffler, ein Zeitgenosse unseres Liederdichters, sagt es so: „Gott, weil er groß ist, gibt am liebsten große Gaben.“ Und fügt, ebenfalls mit einem Seufzer, hinzu: „Ach, dass wir Armen nur so kleine Herzen haben.“ Beten und bitten aber können wir, und wenn uns große Worte fehlen, so hilft uns der Heilige Geist selbst „mit unaussprechlichem Seufzen“

Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held,
dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

-------------------------------

Musikangaben:

Text: Josua Stegmann (1627)
Melodie: Melchior Vulpius (1609)
Strophen 1,4+6: M0481203(AMS) Komm, Herr, segne uns. Alte und neue Chorsätze zum Evangelischen Gesangbuch, Christiane Heinke, Maria Philipps, Kantorei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin; Helmut Hoeft
Strophe 5: M0042225(AMS) Lobsingt, ihr Völker alle
Torsten Laux, Windsbacher Knabenchor, Karl-Friedrich Beringer

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11FEB2024
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Heile, heile Gänsje

Es is bald widder gut

Es Kätzje hat e Schwänzje

Es is bald widder gut

Heile, heile Mausespeck

In hundert Jahr ist alles weg!

 

So richtig passt dieses Lied gerade nicht zu meiner Stimmung. Obwohl Faschingssonntag ist. Eigentlich wollte unser Autor Stefan Warthmann heute über dieses Lied sprechen. Aber er ist vor wenigen Tagen im Alter von 53 Jahren verstorben. Im Gedenken an ihn und in seinem Sinn übernehme ich heute seinen Sendeplatz. Auch wenn es mir schwerfällt zu sagen, dass bald alles wieder gut ist.

 

 

Bei all den Kleinen Kinderlein

Gibt´s manchen großen Schmerz,

Hat´s Püppchen was am Fingerlein

Bricht Mutti fast das Herz;

Dann kommt die Mamma schnell herbei.

Nimmt‘s Kindchen auf den Schoß

und sagt bedauernd: Ei, ei, ei,

Ja, was hat mein Kindchen bloß?

Bewegt sie es ans Herze zieht

Und singet ihm zum Trost das Lied …

 

Zu diesem Lied passt nicht so recht, was man sich sonst unter Fasching vorstellt: eine Prunksitzung, die saalfüllende Blechkapelle, beißender Spott. Das berühmteste aller Fastnachtslieder ist eigentlich gar keines, sondern ein Kehrreim nach Kinderart. Der Sänger wird nur von einem einzelnen Klavier begleitet. Das Lied ist leise und verlangt ein Publikum, das still ist und zuhören kann. Bei der ersten Aufführung 1929 ging’s eher nachdenklich zu. Manche haben sich sogar Tränen aus den Augen gewischt. Im Liedtext tröstet eine Mutter ihr Kind, das sich verletzt hat und weint. Mit dem einfachen Refrain wiegt sie es in den Schlaf und lässt es spüren: „Auch wenn die Welt voller Gefahren ist, du bist behütet.“ Ein Karnevalslied, das gleichzeitig Wiegenlied und Heilsegen ist.

 

 

 

Und sind die Kinder größer dann,

Erwacht im Herz die Lieb,

Es dreht sich alles um den Mann,

Den bösen Herzensdieb,

Doch wenn das Herz in Flammen steht,

Vor Liebe, Lust und Glück,

Der Mann gar oft von dannen geht.

Lässt weinend sie zurück.

Dann singt die Mutter angst und bang

das Lied, das sie dem Kind einst sang…

 

 

Liebeskummer – das ist nur eine der Sorgen, die dazukommen, wenn man die Kindheit hinter sich lässt. Aber am Ende steht ja immer der melancholische Refrain, der ein Happy-Ende in Aussicht stellt. Ist das Kitsch? Gaukelt es eine heile Welt vor, die es so nie gab und geben wird?

Als das Lied ab 1951 durch den singenden Dachdeckermeister Ernst Neger berühmt wurde, haben sich die Deutschen sehr danach gesehnt. Fasching nach der Katastrophe der Nazi-Dikatatur und des verlorenen Kriegs.

Heile, heile Gänsje ist in meinen Augen ein geniales Lied für Fasching und Karneval, weil es einen doppelten Boden hat. Der Clown macht gute Miene zum bösen Spiel. Der Bajazzo soll lachen, obwohl ihm zum Weinen zumute ist. Oberflächlich ist das Lied harmlos, fast naiv. Es spricht davon, was wir gern hören wollen: dass alles gut wird. Aber darunter, eine Schicht tiefer, geht es um die Sorgen und Nöte der jeweiligen Zeit.

Das Leben ist kein Tanzlokal,

Das Leben ist sehr ernst.

Es bringt so manche Herzensqual,

Wenn du es kennen lernst.

Doch brich‘ _nicht unter seiner Last,

Sonst wärest du ein Tor,

Und trag‘ _was du zu tragen hast,

Geduldig mit Humor.

Und denk´ Dein ganzes Leben lang,

Ans Lied das Dir die Mutter sang:

Fasching feiern ist nicht so mein Ding. Aber ich gebe gerne zu, dass es mir guttut, alles mal ein bisschen leichter zu nehmen. Und dabei die Hoffnung ganz stark zu machen, dass in hundert Jahren alles weg ist. Ich komme normalerweise besser damit klar, alles genau zu erledigen und lieber nochmals eine Runde zu drehen, in der ich aufspüre, was womöglich doch noch alles zu bedenken ist. Dann fühle ich mich sicherer. Vermeintlich. Denn immer wieder falle ich damit auch auf die Schnauze und hole mir Blessuren. Weil ich eben nicht alles in der Hand habe. Weil es menschlich ist, nicht alles richtig zu machen. Weil ich am Ende dann am besten lebe, wenn ich loslassen und vertrauen kann. Und Vertrauen ist vorausgesetzt, wenn ich glauben will, wenn ich Gott da noch etwas zutraue, wo ich nichts mehr tun kann. Was - so schwer mir das fällt – für den Tod meines Freundes Stefan Warthmann auch gilt.

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04FEB2024
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Orgelchoral „Liebster Jesu, wir sind hier“

„Liebster Jesu, wir sind hier“, so heißt das Lied, das eben in dem kunstvollen Orgelvorspiel von Johann Sebastian Bach angeklungen ist. Ich erinnere mich, dass ich es als Kind oft gesungen habe. Im Kindergottesdienst. Da bin ich gerne hingegangen. Einmal, weil es die erste Veranstaltung in meinem Leben war, zu der mich meine Eltern alleine gehen ließen.Aber da war noch etwas Anderes, das wichtiger war: Ich hatte das Gefühl, in der Nähe von diesem Jesus, da bist du gut aufgehoben.

Liebster Jesus, wir sind hier,
dich und dein Wort anzuhören;
lenke Sinnen und Begier
auf die süßen Himmelslehren,
dass die Herzen von der Erden
ganz zu dir gezogen werden.

Erst später habe ich den historischen Zusammenhang verstanden, aus dem das Lied stammt. Es ist kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges entstanden.
Der evangelische Pfarrer Tobias Clausnitzer aus Weiden in der Oberpfalz hat es für einen Friedensgottesdienst gedichtet. Das Wort Frieden kommt im Lied zwar nicht vor, aber die Sache schon. Denn es geht darum, sich ganz auf den auszurichten, der die Sanftmütigen und die Friedensstifter seligpreist.

„Lenke Sinnen und Begier auf die süßen Himmelslehren“, heißt es am Anfang. Und dann in der zweiten Strophe:

Unser Wissen und Verstand
ist mit Finsternis verhüllet,
wo nicht deines Geistes Hand
uns mit hellem Licht erfüllet.

Heute wird das Lied oft im Gottesdienst vor der Predigt gesungen. Ich finde, da passt es auch gut hin. So wird sein Impuls aufgenommen: dass ich mich auf das konzentrieren soll, was Orientierung und Erkenntnis schafft. In dunklen Zeiten.
Das genau ist die stille Hoffnung, die im Lied erklingt: wenn ich mich öffne für die Worte Jesu, dann kommt etwas vom verlorenen Glanz zurück in die Welt.

Und führt mich heraus aus der Beschäftigung mit mir selbst. Und öffnet mir Herzen, Mund und Ohren für den Klang seiner Friedensbotschaft.

O du Glanz der Herrlichkeit,
Licht vom Licht, aus Gott geboren:
mach uns allesamt bereit,
öffne Herzen, Mund und Ohren;
unser Bitten, Flehn und Singen
lass, Herr Jesu, wohl gelingen.

                                        *

Orgelchoral „Liebster Jesu, wir sind hier“, BWV 731. CD: Orgelwerke Opus Bach, Peter Kofler, 5, Faraq Classic 2019, LC 03740
„Liebster Jesu, wir sind hier“. CD: Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten alten Kirchenlieder, 2, Carus Verlag, Track 25, LC 3989
„Liebster Jesu, wir sind hier“. CD: Ein Choralbuch für Johann Sebastian Bach, Gächinger Kantorei, edition hänssler, Track 2, LC 06047

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