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Massa, Sidra und Malak sind die Namen von drei Schülerinnen. Ich bin seit diesem Schuljahr ihre Französisch Lehrerin. Es hat gedauert, bis ich mir ihre Namen merken konnte. Zumal in der Klasse mehr als die Hälfte der Schüler Namen haben, die ich noch nie gehört habe. Die Eltern von Massa, Sidra und Malak sind vor zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Die drei Mädchen waren damals alle ungefähr zwei Jahre alt. Seit dem Sturz von Assad hoffen ihre Familien, dass sie zurück nach Hause können. Sidra war im Mai für mehrere Wochen zum ersten Mal seit der Flucht in ihrem Heimatland. Ihre Familie hat großes Heimweh. Am liebsten wollen sie so schnell wie möglich zurück nach Syrien.
Ich bin froh, dass ich Massa, Sidra und Malak kenne. Ihre Gesichter und ihre Geschichten schützen mich davor, von Flüchtlingen oder Geflüchteten im Allgemeinen zu sprechen. Malak ist eine Powerfrau. Sidra eine echte Frohnatur. Sie lacht gerne und traut sich viel zu. Massa ist eher leise und zart. Alle drei wollen lernen und sind ehrgeizig. Es fällt ihnen leicht, Französisch zu sprechen. Dass sie schon früh Deutsch lernen mussten, hilft ihnen wahrscheinlich auch bei dieser Fremdsprache. Sie freuen sich, wenn ich ihnen sage, wie toll sie das machen. Wenn wir uns jetzt im Schulhaus begegnen, grüßen wir uns. Sie merken, dass ich mich für sie interessiere. Das gefällt ihnen. Es sind junge Frauen, die ihr Leben vor sich haben. Die von einer guten Zukunft träumen und die keinerlei Verantwortung dafür haben, dass sie in Deutschland gelandet sind.
Ich bin froh, dass ich Massa, Sidra und Malak kenne. Das schützt mich davor, von ihnen zu sprechen, als seien sie wie ein Paket. Das man einfach wieder zurückschicken kann. Ich käme nie auf die Idee vor ihnen darüber zu streiten, wie man sie am besten wieder loswird. Oder ihnen womöglich vorzuwerfen, dass deutsche Steuergelder ihren Lebensunterhalt sichern. Ich wünsche den dreien und ihren Familien von Herzen, dass sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren können. Und ich wünsche mir auch, dass sie Deutschland in guter Erinnerung behalten – weil wir sie aufgenommen haben, als sie in Not waren.
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Ich erinnere mich an jede Einzelheit dieser Situation. Dabei ist das fast 20 Jahre her. Manchmal brennen sich ganz alltägliche Augenblicke ja deshalb so ein, weil jemand etwas Bestimmtes sagt oder fragt. Ich habe Bekannte in der Nähe von Bremen besucht. Die Sonne war schon warm, das Ehepaar hat mir gezeigt, wo in ihrem Garten Radieschen und Karotten wachsen. Herr Wolff hat mich damals, eher beiläufig, gefragt, warum ich Grundschullehrerin geworden bin. Geantwortet habe ich ihm: Weil ich als achtjährige eine Klassenlehrerin hatte, die mich ernst genommen hat. So wie niemand vorher. Deshalb weiß ich auch wie wichtig Grundschullehrer sein können. Kinder brauchen gute Vorbilder. Die ihnen zeigen, dass sie wertvoll und einzigartig sind. Dass sie etwas bewirken können. Herr Wolff hat mich ungläubig angeschaut. In seinen Augen war ich hoffnungslos optimistisch. Er war überzeugt, dass die Welt nicht zu retten ist und ohnehin alles seinen Lauf nimmt.
Das Gespräch von damals fällt mir manchmal ein. Die Situation auf der Welt ist seitdem nicht hoffnungsvoller geworden. Vielleicht hat Herr Wolff recht mit dem, was er damals gesagt hat - denke ich jetzt manchmal. Aber auch heute bin ich nicht seiner Meinung. Ich bin vielleicht etwas leiser geworden, aber nicht müde. Ich sehe, was möglich ist, wenn ich die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit nicht aufgebe. Zum Beispiel in unserem Klassenzimmer. Auch Kinder können schon so miteinander streiten, dass erst mal keine Lösung in Sicht ist. Und Erwachsenen fällt dann oft nichts Besseres ein als zu sagen: „Jetzt hört endlich auf zu streiten und vertragt euch wieder“. Aber mit dieser Aufforderung allein kommen sie zu keiner friedlichen Lösung. Was den Kindern hilft ist: Wenn wir uns viel Zeit nehmen, um ihren Kleinkrieg zu verstehen; wenn wir herausfinden, wer wen gekränkt hat und warum; wenn die Kinder lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Um Entschuldigung zu bitten, sich für eine bestimmte Zeit in Ruhe zu lassen. Und vor allem: wenn sie erleben, dass wir ernst nehmen, was sie sich so sehr wünschen. Sie wollen nämlich wirklich Lösungen finden. Ich erlebe mit ihnen fast jeden Tag, dass wir es schaffen, Schwierigkeiten zu klären. Es nimmt eben nicht alles automatisch seinen Lauf. Da, wo ich bin, habe ich immer die Chance, das Leben mitzugestalten.
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Mein ganzes Leben lang bin ich schon Katholikin. Der christliche Glaube ist in meiner Familie das Fundament. Die katholische Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen/Enz war viele Jahre eine Gemeinschaft, in der ich zuhause war. Ich war zwar nie mit allem einverstanden, was die katholische Kirche vertreten hat. Aber wie Jesus mit Menschen umgegangen ist, hat mich immer fasziniert. Mit dem Papst und der Kurie hatte ich nichts am Hut. Die pompösen Auftritte der Kardinäle in Rom waren mir unangenehm, eigentlich sogar peinlich. Bis Franziskus Papst wurde. Er hat Rituale und Kleidung vereinfacht und wieder erkennbar gemacht, was Jesus für die Menschen in der Welt wollte. Für eine kleine, aber doch wichtige Veränderung, bin ich Papst Franziskus besonders dankbar: Anders als seine Vorgänger hat er den Segen Urbi et Orbi an Ostern und an Weihnachten dafür genutzt für alle Menschen zu beten, die im Krieg leben. Diese Krisenherde und die verfeindeten Völker hat er einzeln benannt. Mir ist da erst bewusst geworden, dass ich von vielen bewaffneten Konflikten auf der Welt keine Ahnung habe. Papst Franziskus hat es geschafft, dass ich mir für einen Moment innerlich die Weltkarte vorgestellt habe, um mir das klarzumachen; er hat es geschafft, dass ich mich verbunden gefühlt habe mit denen, die das aushalten müssen; mit allen, die sterben mussten, die Angst haben oder die um tote Angehörige trauern. Das hat keinen der kriegerischen Konflikte verändert. Aber es ist ein Unterschied, ob ich auf der Seite der Gleichgültigen oder Mächtigen stehe oder auf der Seite der Menschen, die mitfühlen und Frieden wollen. Papst Franziskus wird für mich immer der Papst bleiben, mit dem ich erlebt habe, dass Jesus eindeutig auf der Seite der Benachteiligten einer Gesellschaft stand. Er hat seine Macht genutzt, zu zeigen, wie die Botschaft Jesu wirkt. Und jetzt empfinde ich es als ein Geschenk des Himmels, dass Leo der XIV zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Es war der 08. Mai. Genau 80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. „Friede sei mit euch!“ Mit diesem Satz hat Leo XIV seinen Dienst begonnen. Ich hatte Gänsehaut.
Und ich habe seitdem so viel Hoffnung, dass der neue Papst sich genau dafür einsetzt.
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Manche Worte wirken wie aus einer anderen Welt. „Heiliger Geist“ – das klingt für viele nach Kirche, Weihrauch und alten Texten. Ich glaube, dieser Geist ist etwas, das uns heute noch ganz real begegnet. In der Bibel wird er als Kraft beschrieben. Nicht als Gespenst oder Zauberwesen, sondern als etwas, das Menschen miteinander verbindet, tröstet, inspiriert. Wenn ich ihn beschreiben soll, dann würde ich sagen: Der Heilige Geist ist wie der Atem Gottes. Unsichtbar, aber wirksam. Wie Wind, der Bäume bewegt, obwohl ich ihn selbst nicht sehen kann. Mir ist der Heilige Geist zu einem vertrauten Freund und Begleiter geworden, der mich immer wieder überrascht. Wie zum Beispiel bei einem Konzert während der Salzburger Festspiele. Ich habe nichts Besonderes erwartet. Es war ein experimentelles Konzert. Drei Männer haben miteinander musiziert, auf einem Klavier, einem Vibraphon und einer Flöte. Schon nach wenigen Minuten war in der voll besetzten Kirche tiefer Friede spürbar. An mir selbst habe ich gemerkt: ich habe auf einmal tief und langsam geatmet, mein Herzschlag ist ganz ruhig geworden. Der ganze Raum war erfüllt von einer versöhnlichen und liebevollen Stimmung.
Erfahren kann ich diesen Geist überall. Nicht nur in Kirchen. Erst vor kurzem bin ich mit meinen Walking Stöcken über die Felder gelaufen. Da wo ich wohne. Unterwegs habe ich eine alte Dame getroffen. Wir sind eher zufällig ins Gespräch gekommen. Aber schon nach wenigen Minuten hatte ich das Gefühl, wir würden uns ewig kennen. Sie war unerwartet nah und vertraut. Hinterher hab ich gedacht: Es ist erstaunlich, dass es Menschen gibt, die ich zwar nicht kenne, aber mit denen ich mich trotzdem so tief verbunden fühle.
Der Heilige Geist weht, wo er will. Er wirkt nicht nur in Gebeten oder Predigten. Sondern auch in überraschenden Begegnungen, in Musik, in Momenten der Klarheit. In einem plötzlichen Gedanken, der uns weiterbringt. In einer Liebe, die wir uns selbst nicht erklären können. Er ist überall da, wo Versöhnung möglich wird. Manchmal ganz leise und manchmal mit Wucht.
Für mich ist das die Botschaft: Ich bin nicht auf mich alleine gestellt. Es gibt eine Kraft, die mich begleitet. Die verbindet.
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Ich bin in Vaihingen an der Enz aufgewachsen. Wir sind als Familie dort gelandet, weil mein Vater damals in der Nähe Arbeit gefunden hatte. Wir waren in der Kleinstadt erst einmal vollkommen fremd. Für meine Eltern gab es nach der Vertreibung aus Tschechien 1945 keine Heimat mehr. Sie kannten niemanden, egal wo sie hingekommen sind. Deshalb war die Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen die erste Gemeinschaft, zu der sie Kontakt aufgenommen haben. Der Glaube an Jesus, die vertrauten Rituale im Gottesdienst, gemeinsame Gebete und andere Heimatvertriebene, die das gleiche Schicksal hatten wie wir, haben uns als Familie Halt gegeben. Ich habe schon als Kind gespürt, wie existentiell es ist, dazuzugehören. Mit anderen Menschen verbunden zu sein, sich füreinander zu interessieren, Freundschaften zu finden. Vaihingen/Enz als Stadt kann sich glücklich schätzen, weil sie jedes Jahr an Pfingsten ein Jahrhunderte altes Fest feiert: Den Maientag. Alle Bewohnerinnen und Bewohner sind eingeladen, als Menschen dieser Stadt ihre Gemeinschaft zu feiern. Dieses Jahr ist mir das besonders zu Herzen gegangen als mir ein Schwarzes Mädchen auf dem Marktplatz über den Weg gelaufen ist. Sie hatte ein rotblaues Kleid an. Das sind die Stadtfarben von Vaihingen. Im Haar ein wunderschön gebundenes Kränzchen aus echten Blumen und weiße Lackschuhe an den Füßen. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Für einen Moment war ich selbst wieder acht Jahre alt. Habe mich gesehen mit meinem rotblauen Kleid und dem Blumenkranz im Haar zum Maientag. Ich war glücklich damals. Beim traditionellen Umzug bin ich mit meiner Klasse mitgelaufen. Ich habe dazugehört. Zu dieser Schule. Zu dieser Stadt. Zur ökumenischen Gemeinde. Die ganze Stadt feiert an Pfingsten miteinander. Musikvereine, alle Sportvereine, Schulen, Stadtteilgemeinden, alle ausländischen Vereine. Menschen, die sich kennen oder auch nicht, wünschen sich auf der Straße „an scheena Maiadag“.
Zum Abschluss des Maientags am Pfingstmontag auf dem Vaihinger Markplatz singen alle, die gekommen sind: „Nun danket alle Gott. Mit Herzen, Mund und Händen.“ Ein Gänsehautmoment für mich. Weil ich etwas davon spüren kann, wie wir Menschen verbunden sind. Ganz gleich, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen und wo wir geboren sind.
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Der Vater eines meiner Schulkinder hat türkische Wurzeln. Er erzählt mir, wie er plötzlich angefeindet wird, obwohl er Deutscher ist und Steuern bezahlt wie alle anderen Arbeitnehmer auch. Bis vor wenigen Jahren sei das anders gewesen. Er hat das Gefühl, dass der Hass in den letzten Jahren gewachsen ist gegen alles, was nicht Deutsch klingt oder aussieht. Auch für mich hat sich etwas verändert. Bisher musste ich mich zu diesem Thema noch nie positionieren. Ich bin Demokratin und Christin. Es gehört sozusagen zu meiner DNA, dass jeder Mensch seine Meinung frei sagen darf. Dass jeder einzigartig ist und wertvoll. Ganz egal was er glaubt, woher er kommt und welche Sprache er spricht. Das war einfach immer klar. So habe ich das in meinem Elternhaus und in unserer Kirchengemeinde erlebt. So habe ich das in der Schule gelernt. Jeder Lehrer und jede Lehrerin wollte, dass wir lernen unsere Meinung zu sagen und dazu zu stehen. Dass wir lernen Unterschiede auszuhalten und respektvoll miteinander umzugehen. Auf einmal spüre ich, dass diese Selbstverständlichkeit in Gefahr ist. Und ich fühle mich aufgefordert laut zu sagen wieviel es mir bedeutet, frei sagen zu dürfen, was ich denke, mich nicht unterwerfen zu müssen und als Frau eine Position zu haben, wie sie meine Großmütter noch längst nicht hatten. Bemerkenswert daran ist, dass mein Bewusstsein für die Werte des deutschen Grundgesetzes auch geschärft wurde durch Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben – wie beispielsweise der Vater meines Schulkindes oder auch der Rapper und Schauspieler Eko Fresh. Seine Großeltern sind in den 60er Jahren als türkische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Eko Fresh ist in Köln geboren und hatte es als Kind und Jugendlicher nicht leicht. Er hat lange das Gefühl gehabt, nicht dazuzugehören, weil er immer wieder als „Kanake“ beschimpft wurde. Heute kann er trotzdem klar und deutlich sagen, warum er in Deutschland bleibt: Eko Fresh ist ein großer Fan unseres Grundgesetzes. Und er fordert von allen, die in diesem Land leben, dass sie genau dahinter stehen. Sie sollen zeigen, dass sie die Gesellschaft mitgestalten wollen. Als Wähler in einer Demokratie, als empathische Nachbarn und, als Eltern, die ihre Kinder freiheitlich erziehen. Ganz egal, woher sie kommen.
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Was wäre, wenn wir uns für das Ende des Lebens genauso interessieren würden wie für den Anfang? Diese Frage hat mich neugierig gemacht. Der Palliativmediziner Steffen Eychmüller hat sie gestellt. Der Beginn eines Lebens hat unsere volle Aufmerksamkeit. Das habe ich bei der Geburt meines Enkels noch intensiver erlebt als damals bei der Geburt meines Kindes. Mein Sohn und seine Frau haben sich umfassend informiert. Was man während einer Schwangerschaft essen darf. Welcher Kinderwagen am besten ist, welcher Kindersitz fürs Auto. Die Hebamme haben sie sorgfältig gewählt. Und sie haben viel darüber gesprochen, was ihnen bei der Erziehung ihres Sohnes wichtig ist. Auch, wie sich ihre Beziehung als Paar verändern wird. Das ist so geblieben, seitdem der Junge auf der Welt ist. Was braucht er, dass er gut aufwachsen kann? Dass er lernt, was für das Leben wirklich wichtig ist? Ich finde richtig, wenn Kinder heute mit so viel Aufmerksamkeit ins Leben begleitet werden. Denn jedes Leben ist kostbar.
Umso mehr hat mich die Frage aufgerüttelt, was wäre, wenn wir uns für das Ende eines Lebens ebenso interessieren würden. Wenn wir selbstverständlich damit umgingen, dass unser Leben endlich ist. Dass wir uns von unseren Kräften und Fähigkeiten verabschieden müssen. Dass wir öfter krank werden können. Mein Vater ist 90 und mit ihm erlebe ich nach dem Tod meiner Mutter zum zweiten Mal, dass es mehrere Jahre dauert, um sich vom Leben wieder zu verabschieden. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die zeigen, wie ignorant unsere Gesellschaft mit Menschen umgeht, die ihre letzten Jahre erleben. Zum Beispiel, wenn plötzlich nur noch per E-Mail kommuniziert werden kann obwohl alte Leute nicht selbstverständlich über digitale Medien verfügen. Oder wenn die Frau im Finanzamt nicht bereit ist, einem alten Mann die Vordrucke für die Steuererklärung zuzuschicken, sondern von ihm verlangt, sie selbst abzuholen. Mich überzeugt, was Steffen Eychmüller sagt: Es ist wichtig den Wert des Lebensendes neu zu definieren. Dass wir alte Menschen nicht als Last sehen. Sie haben ein Recht darauf, dass wir würdevoll mit ihnen umgehen in den letzten Jahren ihres Lebens. Lernen können wir dabei von den Kindern. Mich fasziniert jedes Mal, wenn mein Enkelsohn auf seinen Uropa trifft. Er begegnet ihm automatisch so andächtig und respektvoll, dass jeder sehen kann, wie wertvoll der alte Mann ist. Mit allem, was er in 90 Jahren erlebt hat.
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„Und ich bin gut so.“ Das steht auf einer Tasse in meinem Geschirrschrank. Sie ist eine meiner Lieblingstassen und sie erinnert mich daran, dass Gott mich so liebt und annimmt wie ich bin. Das klingt vielleicht kitschig und flach. So wie der Satz: „Jesus liebt dich“, der manchmal in Bahnhöfen auf riesigen Plakaten steht. Sozusagen als Werbung für den christlichen Glauben. Ich mag diese Plakate nicht. Aber der Gedanke, dass es eine Instanz gibt, die mich gut so findet, wie ich bin, lässt mich jedes Mal tief durchatmen. Ich muss nichts tun, ich muss mich nicht anstrengen, ich muss mich nicht verhalten, wie andere das gerne hätten – da ist einer, der mich lieb hat ohne Wenn und Aber. Ich nenne diese Instanz Gott. Und ich bin dankbar, dass ich Ihm glauben kann. Denn es gibt genügend Menschen, mich selbst eingeschlossen, die gar nicht finden, dass ich uneingeschränkt gut so bin. Den einen lache ich zu laut. Andere finden, ich bin zu emotional. Ich selbst ärgere mich, wenn ich im Klassenzimmer mit einem Kind zu schnell die Geduld verliere. Oder wenn ich was esse, das mir nicht gut tut.
Die Sehnsucht, dass mich jemand liebt, genauso wie ich bin, teile ich mit vielen Menschen. Wer Glück hat, erlebt dieses bedingungslose Angenommensein in einer Liebesbeziehung. Zumindest am Anfang, wenn beide verliebt sind. Manchmal haben auch Kinder das Glück, dass sie sich von ihren Eltern grenzenlos geliebt fühlen. Und jeder Mensch kann selbst daran arbeiten sich zu mögen, einverstanden zu sein mit sich und sich anzunehmen trotz aller Unvollkommenheit. Realistisch betrachtet ist das natürlich kein Dauerzustand. Als Mensch in dieser Welt bin ich unvollkommen, mache Fehler und ich verändere mich. Manchmal kann ich mich so mögen wie ich bin. Manchmal auch nicht. An manchen Tagen fühle ich mich von den Menschen um mich herum geliebt, so wie ich bin. An anderen Tagen merke ich, was sie an mir nervt. Dann spüre ich die Sehnsucht danach, dass ich für immer und ewig uneingeschränkt geliebt bin. Diese Sehnsucht erinnert mich an das Paradies. Ich glaube, dass ich dort ankomme nach meinem Tod. Dass meine Sehnsucht ein Hinweis ist auf die Wirklichkeit, die auf mich wartet. Diese Wirklichkeit, die ich Gott nenne. Bis dahin reicht es mir, von Zeit zu Zeit tief durchzuatmen, wenn ich daran denke, dass es eine Instanz gibt, die mich gut findet, genauso wie ich bin.
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Überraschend. Erstaunlich. Unfassbar. So kann das Leben manchmal sein. Wie das Leben von Johanna. Sie ist eine Kollegin. Mit 40, unverheiratet und kinderlos, hatte sie mit dem Thema Familie abgeschlossen. Und dann ist sie umgezogen in ein anderes Dorf, hat sich verliebt und wurde unerwartet schwanger. Ich weiß noch, wie sehr ich mich mit ihr gefreut habe. Johanna ist Grundschullehrerin und geht mit Kindern großartig um. Sie würde eine tolle Mutter sein. Und dann der Schock. Das Baby von Johanna und ihrem Mann ist kurz nach der Geburt gestorben. Das war nur schrecklich. Es war ein Moment, in dem ich mich wieder einmal gefragt habe, warum solche Schicksalsschläge sein müssen. Darauf gibt es keine Antwort. Ich weiß. Aber wenn es so hart kommt, stellt sich die Frage einfach. Die Beerdigung war trotz allem tröstlich. Getragen hat die Vorstellung, dass das kleine Mädchen als Sternenkind im Himmel einen Platz gefunden hat. Glauben zu können, dass sie bei Gott aufgehoben ist. Getragen hat auch die Gemeinschaft. Viele Menschen sind auf den Friedhof gekommen. Die Eltern waren nicht allein mit ihrem Kummer.
Wenige Monate später wurde Johanna wieder schwanger. Ich habe ihren Mut bewundert. Wieder ist ein kleines Mädchen auf die Welt gekommen. Sie ist inzwischen zwei Jahre alt, quicklebendig und große Schwester von Brüdern, die als Zwillinge geboren sind. Für Johanna und ihren Mann gehört selbstverständlich auch ihr verstorbenes Kind zur Familie. Ihr Geburtstag wird gefeiert, ihr Todestag bedacht und ihr Grab sorgfältig gepflegt.
Wenn ich an Johanna denke, fällt mir immer die Liedzeile ein: „Wunder gibt es immer wieder…“. Unglaublich, wie sich ihr Leben gewendet hat. Was mich beeindruckt: Johanna hat das Leben immer genommen, wie es sich ihr gezeigt hat. Schmerzhaft, niederschmetternd, beglückend und wundervoll. Sie ist nicht stecken geblieben im Schmerz. Hat auch nicht damit gehadert, warum gerade ihr das passieren muss. Und sie hat mit zwei anderen Müttern einen Stammtisch gegründet, um ihre Erfahrungen mit Eltern teilen zu können, die auch ein Kind verloren haben. Nicht jeder Mensch ist so gesegnet. Und ich verstehe sehr gut, wenn Schicksalsschläge einen auch für lange Zeit aus der Bahn werfen. Aber ich wünsche jedem Menschen, möglichst nicht müde zu werden und daran zu glauben, dass Wunder immer wieder geschehen.
Stammtisch für verwaiste Eltern und Angehörige jeden ersten Dienstag im Monat um 20 Uhr im LTT-LOKAL Eberhardstr. 6 72072 Tübingen
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Ich habe gelernt, um Hilfe zu bitten. Das ist mir schwer gefallen. Wenn ich für etwas Hilfe gebraucht habe, war mir das immer unangenehm. Zum Beispiel als Schülerin in Mathe. Da habe ich Nachhilfe gebraucht, weil ich Mathe nicht kapiert habe. Auch als ich anfing, ein Smartphone zu nutzen, hab ich das nicht alleine hingekriegt.
„Ich brauche Hilfe.“ Es hat gedauert, um diesen kleinen Satz offen aussprechen zu können. Unterstützt hat mich dabei eine Predigt, die ich vor vielen Jahren gehört habe. Das war während eines Gottesdienstes am 11. November zu St. Martin. Die Geschichte vom Heiligen Martin erzählen wir uns ja bis heute, weil er gerne geteilt hat und hilfsbereit war. Der Prediger damals hat sich interessanterweise mehr mit dem Bettler beschäftigt als mit dem Heiligen Martin. Und wortwörtlich gesagt: „Martin konnte nur helfen und etwas Gutes tun, weil da jemand war, der seine Hilfe gebraucht hat.“ Ich war baff. Das war ein außergewöhnlicher Perspektivwechsel. Der Gedanke war völlig neu für mich. Der arme Mann am Straßenrand, der Hilfe gebraucht hat, war wichtig und wertvoll. Weil Martin ohne ihn gar nicht hätte zeigen können, dass er hilfsbereit ist und gerne teilt.
Damals ist mir noch tiefer bewusst geworden, wie wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Manchmal bin ich diejenige, die hilft und teilt. Manchmal brauche ich jemanden, der für mich da ist. Ich mag es noch immer nicht, wenn ich auf Hilfe angewiesen bin. Und ich schaffe es auch nicht immer, darum zu bitten. Wie vor Jahren als ich mit einem gebrochenen Zeh zu einer Untersuchung in die Klinik musste. Mit der Plastikschiene konnte ich zwar laufen, aber halt mehr schlecht als recht. Trotzdem habe ich mich entschieden lieber den Bus zu nehmen als jemanden zu fragen, der mich mit dem Auto fährt. Dann hat mich meine Nachbarin gefragt, wie ich in die Klinik komme. Auf meine Antwort hat sie liebevoll gesagt: „Nein, nein ich fahre dich. Ich steh um viertel vor 9 vor deiner Tür.“ Ich hab mich so gefreut und das Angebot gerne angenommen. Es ist wundervoll, wenn Menschen wie der Heilige Martin oder meine Nachbarin merken, dass jemand Hilfe braucht. Trotzdem übe ich weiter auch um Hilfe zu bitten, weil es menschlich ist, nicht alles alleine zu schaffen.
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