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Manchmal sagen die Menschen, von denen ich es am wenigsten erwarte, die weisesten Dinge:
Da sitze ich neben einem alten Mann mit Demenz. Ich spüre, wie unruhig er ist. Die ganze Zeit blickt er suchend auf dem Boden herum; gelegentlich linst er auch unter den Tisch und hebt das Tischtuch an. „Was suchen Sie denn?“ frage ich schließlich. „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe“, antwortet er, ohne aufzusehen. „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe…“ - Dieser Satz ist so wahr! Mein halbes Leben lang ist es mir so ergangen:
Immer bin ich auf der Suche gewesen, so ruhelos, wie dieser Mann; habe an den seltsamsten Stellen gesucht und hätte doch nie sagen können, was es genau ich suche. Hätte mich jemand gefragt: „Was suchst du denn?“
Ich wäre vermutlich ausgewichen; vielleicht hätte ich aber auch geantwortet: „Das Glück.“ Aber was das Glück ist, das habe ich erst gewusst, als ich es gefunden habe: Meine Familie, meinen Mann, meine Kinder; meinen Beruf. Freundschaften. Glückliche Augenblicke, in denen alles stimmt…
Manchmal habe ich mein Glück direkt bemerkt. Und manchmal habe ich Jahre gebraucht, bis ich mein Glück begriffen habe. Aber immer habe ich es zuallererst finden müssen. Am Ende des Lebens sieht die Suche vielleicht etwas anders aus.
Ich glaube ja, viele suchen am Ende des Lebens den Heimweg; da ist so eine unbestimmte Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren. Dahin, wo alles vertraut ist und man sich geborgen fühlt.
Ich möchte am Ende meines Lebens in die Arme Gottes zurückkehren, der mir mein Leben geschenkt hat. Wenn mich dann einer fragt: „Was suchst Du denn?“
Dann werde ich mich vielleicht an den alten Mann erinnern. Und antworten: „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe.“
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Lässt sich Nächstenliebe einfordern? Das habe ich mich nach einem Telefongespräch gefragt. Da hat einer angerufen - ich nenne ihn mal Herr Weyer - und er hat gesagt:„Ich bin alt und hab niemanden. Können Sie nicht mal jemand zum Putzen zu mir schicken und Besorgungen machen?“
„Ich glaube, da sind Sie falsch verbunden“, sage ich. „Hier ist das evangelische Gemeindebüro.“ „Ja, genau“, sagt er. „Sie sind doch von der Kirche.“ „Stimmt“, sage ich. „Ich dachte, die von der Kirche müssen sowas machen, aus Nächstenliebe.“
„Nein, da haben Sie etwas missverstanden“, sage ich. „Fürs Putzen müssen Sie jemanden anstellen und dafür bezahlen.“
„Und ich dachte, die Kirche wäre mal zu irgendetwas nutze!“ sagt er und legt auf.Ich starre noch eine Weile auf den Hörer. Ich kenne Herrn Weyer nicht, aber seiner Lebensstrategie bin ich schon oft begegnet. Sie lautet: „Wie kann ich stets das Beste für mich rausholen?“
Und das ist der genaue Gegenentwurf zur Nächstenliebe. Jesus hat das mitbedacht, als er die Nächstenliebe auf den Punkt gebracht hat. Er hat gesagt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie.“ (Mt 7,12) Das heißt, die Nächstenliebe ist kein Freibrief, um andere auszunutzen.
Sie verlangt allen etwas ab: Ich soll mich so verhalten, wie ich es von anderen erwarte. Das wird auch „die goldene Regel“ genannt. Weil sie so klar und einleuchtend ist: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie.“Ja, und was machen wir mit den Herren Weyers dieser Welt?
Nehmen wir sie doch einfach als perfekte Trainer, um sich von ihnen abzugrenzen. Etwa von der Erwartung, Nächstenliebe einfach einfordern zu können. Und dabei eigentlich Ausnutzen zu meinen. Und bringen wir ihnen bei, dass sie damit nicht durchkommen.
Nach allen Regeln der Nächstenliebe, versteht sich: Nämlich so respektvoll und freundlich, wie ich auch behandelt werden möchte.
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Dass sich Leute selbst neu erfinden, das höre ich immer öfter. Sie erzählen:
„Und da hab ich mich dann selbst ganz neu erfunden.“Und ich frage mich jedes Mal: Wie machen die das bloß? Ich kann das nicht. Und ich glaube, das überlasse ich auch lieber meinem Ersterfinder. Der kennt sich besser damit aus.
Wie bei dem Apostel Paulus. Das ist der, auf den das Sprichwort zurückgeht: „Vom Saulus zum Paulus werden“. Aber nicht etwa, weil der sich neu erfinden wollte. Es ist über ihn gekommen, von ganz oben.
Eigentlich war Saulus ein fanatischer Christenverfolger. Er hasste die Christen, weil sie in seinen Augen Anhänger einer neuen, gefährlichen Sekte waren. Und deshalb hat er sich auch in grimmiger Entschlossenheit auf den Weg nach Damaskus gemacht. Mit dem einen Ziel: Die dortigen Christen, Frauen und Männern, alle in Ketten zu legen. Es war ein langer, anstrengender Weg. Doch als sich Saulus und seine Männer endlich der Stadt nähern, geschieht etwas Unglaubliches:
Plötzlich fällt ein gleißendes Licht vom Himmel und beleuchtet Saulus so hell, dass er geblendet zu Boden fällt. Dann hört er eine Stimme:“Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Es ist Gott selbst, der mit ihm spricht.
Danach ist nichts mehr, wie es war: Saulus ist blind. Er, der eben noch lautstark das Kommando geführt hat, muss nun selbst geführt werden. Drei Tage dauert dieser Zustand an. Er isst nichts; er trinkt nichts. Er betet. Und verwandelt sich.
Aus Saulus wird Paulus. - Der brillante Anführer der frühen Christenheit. Weil ihn sein Ersterfinder neu ausgerichtet hat. Er brauchte ihn gar nicht neu zu erfinden. Schon im ersten Entwurf war Paulus gerade unvollkommen und perfekt genug.
Und ich glaube: Ja, so sieht es auch bei mir aus: Es braucht keine Neuerfindung; es genügt, wie ich bin. Nur manchmal verrenne ich mich. Und da braucht es schon mal einen ordentlichen Schubs von ganz oben.
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Kürzlich hat mich jemand gefragt: „Was tun Sie eigentlich, um Gott näherzukommen?“
„Nichts“, habe ich geantwortet.
„Wie, nichts? Sie tun rein gar nichts?“ Es klang enttäuscht, fast entsetzt.
„Nein“, habe ich gesagt. Weil es nun mal stimmt. Vielleicht, weil ich Gott gar nicht näherkommen will. Denn das geht mit gewissen Risiken einher. Man muss nur mal in der Bibel nachschlagen: Die Leute, die Gott näherkommen, kriegen in der Regel ziemlich unbequeme Aufträge…
Ich meine, ich habe großen Respekt vor Menschen, die regelmäßig geistliche Übungen machen; oder feste Gebetsstunden einhalten. Oder meditieren. Aber mich zieht es leider nicht zu solchen Anstrengungen hin.
Ich bleibe wohl ein Mensch, mit dem Gott sich mehr abmühen muss als ich mich mit ihm... Und dennoch gelingt es ihm tatsächlich immer wieder, mich in Situationen hinein zu schubsen und etwas durch mich zu bewirken.
Selbst wenn ich es gar nicht will. An eine Szene erinnere ich mich besonders deutlich:
Da habe ich als Krankenhausseelsorgerin einen Patienten besucht, der war mir auf Anhieb unsympathisch. Er hat in jede Schublade gepasst, um die ich gerne einen großen Bogen mache: Er war ein offensichtlicher Menschenfeind.
Mürrisch und stets schlecht gelaunt. Vertreter eigenwilliger Verschwörungstheorien über die Strahlentherapie, die er doch so dringend gebraucht hätte. Hat den Ärzten nicht getraut. Und der Kirche schon gar nicht… - Kurzum, Gott musste mir schon ganz schön ins Gewissen reden, damit ich diesen Mann besuche.
Aber dann, bei meinem dritten Besuch, ist etwas geschehen:
Da habe ich plötzlich seine abgrundtiefe Einsamkeit gespürt. Und wie von fremder Hand geleitet, habe ich etwas getan, das ich eigentlich grundsätzlich nie tue: Ich habe mich neben ihn aufs Bett gesetzt und habe meinen Arm um ihn gelegt. Und er hat angefangen, bitterlich zu weinen. Denn ihn hatte schon so lange niemand mehr berührt.
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Das Wesentliche ist oft unsichtbar. Nehmen wir zum Beispiel die Luft zum Atmen. Oder Gedanken und Gefühle. Oder die Seele eines Menschen. All das ist unsichtbar. Und doch wird es manchmal sichtbar, wenn ich wachsam durchs Leben gehe.
Mein Schwiegervater hat immer, wenn er mit dem Hund rausgegangen ist, gesagt: „Wir gehen jetzt Zeitung lesen.“
Er hat beobachtet, wie intensiv sein Hund alles und jedes beschnuppert. Und für ihn war irgendwann klar: Sein Hund liest auf jedem Spaziergang die neuesten Hundenachrichten. So ist für meinen Schwiegervater etwas Unsichtbares sichtbar geworden: nämlich die gigantische Geruchswelt seines Hundes.
Gut, er hat es nicht wirklich gesehen. Ich weiß aber auch von Ausnahmesituationen, in denen Menschen tatsächlich etwas sehen, das sie normalerweise nicht sehen würden. Es sind Augenblicke außergewöhnlicher Hellsichtigkeit, in denen sich plötzlich eine ganz andere Wirklichkeit offenbart, eine verborgene Wirklichkeit.
Eine Frau hat mir einmal von so einer Erfahrung berichtet. Sie hat erzählt:
„Ich habe mit meinen Geschwistern am Sterbebett unserer Mutter gesessen. Alle waren untröstlich. Nur ich habe so eine seltsame Ruhe in mir gespürt. Und als meine Mutter dann schließlich gestorben ist, habe ich etwas unfassbar Schönes gesehen: Es war so eine Art durchsichtige Lichtkugel, kaum zu beschreiben, die hat ihren Körper verlassen. Für einen Moment hat sie über ihr geschwebt, wie zum Abschied, und dann ist sie langsam aufgestiegen und war nicht mehr zu sehen. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Während meine Geschwister sich die Augen ausgeweint haben. Aber ich konnte es ihnen nicht erzählen. Da waren Welten zwischen uns. Seither weiß ich: die Seelen der Toten sind sicher geborgen.“ So etwas - das sind selten kostbare Momente, in denen sich das Unsichtbare offenbart. Ein kleiner Blick in Gottes Ewigkeit, vielleicht…
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Die Bibel ist voller Geschichten über Untergang und Rettung. Eine davon mag ich besonders gerne:
Da wird erzählt, wie Jesus und seine Freunde in ein Boot steigen, um über den See zu fahren (Mk 4,35-41). Plötzlich kommt ein Sturm auf. Alle an Bord sind erfahrene Fischer, aber dieser Sturm ist so gewaltig und die Wellen so hoch - sie sind sich sicher: Gleich gehen wir unter!
Voller Panik schauen sie zu Jesus. Aber was macht der? Liegt hinten im Boot auf einem Kissen und schläft. - Ist das zu fassen?
„Wach endlich auf, Jesus! Ist es dir denn völlig egal, dass wir umkommen!“ Schreien sie. Da steht er auf, bedroht den Wind und sagt zu dem See: „Schweig und verstumme.“
Und der Wind legt sich. Es wird ganz still. „Was seid ihr so ängstlich?“, sagt Jesus. „Habt ihr noch keinen Glauben?“
Es klingt enttäuscht, fast vorwurfsvoll. Und das finde ich seltsam. Ich meine, seine Freunde hatten doch Todesangst! Und dass sie Jesus wecken, zeigt doch auch, wieviel Vertrauen sie zu ihm haben. Also: Was hätten sie denn sonst tun sollen?
Ich habe diese Geschichte auf einer Tagung erzählt und die Teilnehmenden gefragt: „Stellen Sie sich vor, Sie wären einer der Freunde Jesu gewesen. Was hätten Sie getan?“
Erst einmal war Stille. Dann hat eine Frau gesagt:
„Mir geht dieser schlafende Jesus nicht mehr aus dem Sinn. Und ich glaube, ich weiß, was ich getan hätte: Ich hätte mich einfach ganz dicht neben ihn gelegt.“
Sich ganz dicht neben Jesus legen… Darauf wäre ich nie gekommen. Das ist auch keinem seiner Freunde eingefallen. Und doch trifft es in meinen Augen genau ins Schwarze: Mich ganz dicht neben Jesus legen, in der Not. Und vertrauen wie ein Kind. Selbst in den größten Stürmen meines Lebens: Wo er schläft, da bin ich sicher.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42814SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Vergeben ist etwas Wunderbares, denn ohne Nachsicht und Vergebung ist ein friedliches Miteinander kaum denkbar.
Nur: Vergeben ist mühsam; und manchmal ist es unmöglich. Das wussten auch schon die Menschen zur Zeit Jesu. Deshalb hat ihn auch einer gefragt: „Meister, wie oft müssen wir eigentlich vergeben? Reicht siebenmal?“
Vielleicht hatte er jemandem schon so oft vergeben und hat gedacht, dass es jetzt mal reicht, damit. Aber Jesus hat geantwortet: „Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“
Siebzigmal siebenmal… das ergibt vierhundertneunzig. - Vierhundertneun-zigmal vergeben! Das ist so eine große Summe, da würde ich direkt den Überblick verlieren. Und ich denke, genau das wollte Jesus auch damit sagen: Vergeben hört nie auf, solange wir leben...
Wie anstrengend… Auf der anderen Seite: Wenn ich meine Enkelkinder beobachte, fällt mir auf: Kinder vergeben ständig ohne jede Anstrengung. Und ohne nachzuzählen. Mein Enkel, drei Jahre alt, zum Beispiel liebt seine kleine Schwester über alles. Nur, sobald er auf dem Spielplatz ist, kann er es einfach nicht lassen: Jedes Mal, wenn er an ihr vorbeirennt, wirft er sie mit diebischer Freude um.
Was folgt, ist immer das gleiche: Seine Schwester schreit vor wilder Empörung. Wir Erwachsenen ermahnen und trösten. Doch eh wir uns versehen, rennt sie ihrem großen Bruder wieder hinterher, als sei nichts gewesen.
Warum gelingt Kindern vergeben so mühelos?
Vermutlich ist für sie entscheidend, was mehr Spaß macht: Schmollen oder weiterspielen? Und da ist weiterspielen offenbar sehr viel verlockender.
Für mich ist das leider nicht mehr so. Wenn sich jemand mir gegenüber rücksichtslos verhält und ich mich frage: Wovon habe ich mehr: Mich auf meinen Ärger zu fokussieren? Oder einfach darüber hinweggehen, um meiner guten Laune willen? - Dann entscheide ich mich sehr oft für den Ärger - obwohl ich nichts davon habe.
Und vielleicht ist das ja das Geheimnis: Wer Nachsicht übt, hat mehr vom Leben. Kinder wissen das. Und vielleicht kann ich mir ja mal was von ihnen abschauen...
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Es gibt sie, die heiligen Augenblicke. Für mich ist der erste Atemzug so ein heiliger Augenblick. Und der letzte Atemzug. Wenn ich mein Leben aushauche, alle Kontrolle verliere, und falle: Aus dem Leben falle, in die Ewigkeit.
Rätselhaft und furchteinflößend zugleich. Und ein heiliger Augenblick, weil ich glaube, dass Gott mein Leben zurücknimmt, das er mir mit dem ersten Atemzug gegeben hat.
Vielleicht ist das ja auch ein Grund, weshalb viele Angehörige so dringend dabei sein wollen, wenn einer ihrer Liebsten stirbt; und weshalb sie so lange mit sich hadern, wenn es ihnen das nicht gelingt. Weil sie spüren: „Das ist ein besonderer, ein heiliger Augenblick!“
Natürlich gibt es Sterbende, die genau das möchten: all ihre Lieben um sich haben. Und doch ist Sterben so unterschiedlich, wie alles im Leben, und es gibt auch viele, die möchten ganz ungestört für sich allein sein.
Ich habe einmal ein Trauergespräch mit einer Witwe geführt, die konnte sich nicht verzeihen, dass sie nicht dabei war, als ihr Mann gestorben ist.
„Jede Minute bin ich bei meinem Mann gewesen, im Krankenhaus“, hat sie gesagt. „Aber ausgerechnet, als er gestorben ist, war ich nicht da!“
Im Gespräch ist dann herausgekommen: Ihr Mann hatte sie mit einem völlig unsinnigen Auftrag weggeschickt.
„Bing mir bitte frische Socken“, hat er zu ihr gesagt. Dabei waren noch genügend Socken im Schrank. Aber er hat darauf bestanden. Und als sie zurückkam, war er tot.
Als sie mir die Geschichte erzählt, ist es ihr plötzlich selber aufgegangen: „Mein Mann wollte, dass ich weggehe! So war es leichter für ihn…“
Und vielleicht erklärt das auch manch andere Sterbegeschichte, bei der niemand anwesend war, obwohl sich die Angehörigen Tag und Nacht gekümmert haben.
So ist das mit dem letzten, heiligen Augenblick: Er bleibt rätselhaft. Nur in einem bin ich mir sicher: Dann wird alles von uns abfallen - jede Last, jede Not, jede Erwartung und jede Enttäuschung. Und das ist gut. Für alle.
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Jesus war ein Meister der paradoxen Intervention. Dabei hat erst die moderne Psychologie das so genannt. Und doch hat Jesus sie schon damals ganz gezielt eingesetzt. Er wollte seine Gesprächspartner verwirren, damit sie sich neu sortieren und ihre Meinung überdenken.
Einmal haben die Gegner von Jesus eine Frau vor ihn hingestellt; oder besser gesagt: vor ihn hin gestoßen haben sie sie; und gesagt:
„Diese Frau haben wir auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.“
Für uns hier und heute vielleicht keine große Sache mehr, aber damals stand darauf die Todesstrafe. Und die Gegner Jesu wollten ihn in die Enge treiben.
Sie sagen:„Mose hat uns geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?“ Und schon steckt Jesus mitten im tödlichen Dilemma:
Denn: tut er nichts, wird die Frau getötet. Und schlägt er sich auf ihre Seite, dann verstößt er gegen das Gesetz und wird mitangeklagt. Was tun?
Jesus antwortet nicht. Stattdessen bückt er sich nieder und schreibt mit dem Finger in den Sand. Was er da schreibt? Schwer zu sagen. Jedenfalls ist er ganz versunken dabei. Seine Gegner fragen ihn noch einmal, doch er schreibt einfach weiter. Sie lassen aber nicht locker:
„Was sagst du dazu, Jesus? Müssen wir sie nicht steinigen?“
Da richtet er sich auf und sagt diesen einen Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“
Dann bückt er sich und schreibt weiter in den Sand. Und während er da vor sich hinschreibt, heruntergebeugt, seine Gegner gar nicht anschaut, können sie unbeobachtet in sich gehen. Er lässt ihnen Zeit. Er greift sie nicht an. Kein bohrender Blick; kein kontrollierendes Nachhaken. Jesus vertraut einfach auf seine Worte. Und lässt die Ankläger frei entscheiden.
Als er schließlich wieder aufsieht, sind alle gegangen, bis auf die Frau. Seine Gegner haben nicht das Gesicht verloren und die Frau nicht das Leben. Meisterhaft - in jedem Sinne!
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Normalerweise steige ich nicht zu Fremden ins Auto. Normalerweise quatsche ich auch keine Fremden auf der Straße an. Normalerweise… Aber dummerweise habe ich mich verirrt, überall Baustellen, und ich kann die Haltestelle für den Bus zurück zum Bahnhof nicht finden. Also spreche ich eine Frau an, die mir vertrauenerweckend erscheint:
„Wissen Sie, wo ich hier die Bushaltestelle in Richtung Bahnhof ist?“
„Tut mir leid“, sagt sie im Vorbeigehen, „ich kenne mich hier selber nicht aus.“ Und damit überquert sie die Straße. Sie überlegt es sich und kommt zurück.
„Soll ich Sie mitnehmen? Ich kann am Bahnhof vorbeifahren, ist kein Problem.“ Sie spricht mit südländischem Akzent.
„Wirklich?“, frage ich verdattert. „Das würden Sie tun?“
„Na klar“, sagt sie. „Kommen Sie! Kommen Sie! Da hinten steht mein Auto.“
Ich folge ihr. Sie fährt ein flottes Cabrio und erzählt freudestrahlend von ihrer Mutter in Tunesien, die schon immer gesagt hat:
„Mädchen, du bekommst nie einen Mann ab, so bestimmend, wie du bist!“
Ich muss lachen, denn das kann ich mir lebhaft vorstellen.
„Und sie hatte recht!“, sagt sie lachend und haut übermütig aufs Lenkrad. Plötzlich kommt uns ein Geldtransporter entgegen mit Polizeieskorte und viel Blaulicht. Sie winkt und sagt:
„So einen bin ich früher auch mal gefahren.“ Und wir unterhalten uns ein wenig über ihre beruflichen Erfahrungen. Dann wirft sie mir einen Seitenblick zu:
„Und was machen Sie?“
„Ich bin Pfarrerin.“
„Oh, dann sind Sie ja auch Fahrerin!“
„Nein, nein. Pfarrerin - in der Kirche.“
„Was??“, ruft sie und tritt vor Überraschung auf die Bremse. „So jemandem bin ich ja noch nie begegnet! Gut, ich bin ja auch Muslima. Trotzdem: das ist doch was Seltenes, oder? Das freut mich! Das freut mich sehr!“
Als wir am Bahnhof ankommen, tut es mir fast leid, auszusteigen. Es kam mir wie eine himmlische Fügung vor, so spielend verschiedene Religionen zusammenzubringen. Man glaubt ja gar nicht, was man alles versäumt, wenn man sich immer nur nach demselben Muster verhält.
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