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„Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ - so heißt eines der wunderbaren Bücher von Joachim Meyerhoff. „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war?“ Dieser Satz beschreibt treffsicher, wie sehr die Erinnerung die Vergangenheit oft schönfärbt. Manchmal verdrängt sie sogar schlimme Erfahrungen aus dem Gedächtnis.
Das habe ich auch gemerkt, als ich mit meiner Schwiegermutter am Küchentisch sitze; sie blättert in der Zeitung. Sie ist 95 Jahre alt und noch immer am Weltgeschehen interessiert. Jetzt schüttelt sie den Kopf über all die Bilder von Krieg und Zerstörung und sagt:
„Ach, die Welt wird immer schlechter!“
„Weißt du, was mich wundert?“ frage ich sie. „Wie jemand aus deiner Generation das sagen kann: Die Welt wird immer schlechter.“
Sie sieht überrascht auf. „Warum?“ fragt sie.
„Weil du und deine Generation ja nun wirklich in der schlimmsten aller Welten großgeworden seid.“
Sie sieht mich verständnislos an.
„Ja, weiß du denn nicht mehr? Als du ein Kind warst, kam Hitler and die Macht. Und als du ein junges Mädchen warst, sind hier in diesem Land Millionen von Menschen systematisch ermordet worden. Menschen, die nichts getan haben, außer, dass sie sich gerade so gut als Sündenböcke geeignet haben.
Und du hast diesen unsäglichen Krieg miterlebt, den Hunger, die Zerstörung, die Vertriebenen, die Millionen von Toten...“
„Ja, das stimmt“, sagt sie und wirkt plötzlich sehr nachdenklich. „Daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.“
„Und würdest du jetzt immer noch sagen: Die Welt wird immer schlechter?“
Sie überlegt einen Augenblick.
„Ja, wenn man sie mit der guten Zeit vergleicht, die nach dem Krieg kam.“
War in der guten Zeit danach alles gut? Ganz sicher nicht. Aber ich verstehe, was sie meint: Tief in mir spüre ich auch diese Hoffnung, dass es endlich wieder gut wird. Und ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass es einmal so gut wird, wie es noch nie war.
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Die Geschichten der Bibel sind unendlich vielschichtig. Ich bin immer wieder überrascht, was ich alles neu entdecke, wenn ich mich in eine vertiefe.
Gerade habe ich mich mit der Geschichte vom „ungläubigen Thomas“ beschäftigt. - Das ist der, der sprichwörtlich geworden ist. Und dabei ist mir zum ersten Mal aufgefallen: Sein Unglaube ist gar kein Makel; sein Unglaube ist nur der Ausdruck verzweifelter Sehnsucht.
Thomas gehörte ja dem Kreis der zwölf Jünger an. Er gehört also zu den engsten Vertrauten von Jesus. Und als Jesus getötet wird, sind alle am Boden zerstört. Doch dann berichten die ersten Jüngerinnen und Jünger, dass sie Jesus gesehen haben, dass er auferstanden ist und lebt.
Thomas hätte gewiss alles darum gegeben, ihm auch einmal zu begegnen. Aber wenn Jesus in Erscheinung tritt, ist er nie dabei.
Anscheinend sehen alle Jesus wieder - nur er nicht. Alle sind außer sich vor Freude - nur er nicht. Wie ausgeschlossen muss er sich gefühlt haben, wie verletzt und allein… Kein Wunder, dass er den wundersamen Begegnungsgeschichten nur noch trotzig entgegensetzt: „Das glaube ich nur, wenn ich Jesus mit meinen eigenen Augen sehe und seine Wunden mit meinen eigenen Händen anfassen kann.“
Und Jesus geht darauf ein. Eine Woche später erscheint er wieder seinen Jüngern und dieses Mal ist Thomas dabei. Jesus sieht ihn an und sagt: „Leg deine Hand in meine Wunde.“
Was in diesem Augenblick wohl in Thomas vorgehen mag? Ob er sich ertappt fühlt? Ist er beschämt...? Wir erfahren es nicht. Jesus nimmt einfach seine Hand, legt sie in seine Wunde und sagt: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Wurde je ein Zweifel ernster genommen? Da bricht alles aus Thomas heraus und er bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“ Sein Unglaube hat ihm geholfen; er hat ihm Gott nahegebracht.
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Ein Bekannter hat mich gefragt: „Sag mal, du als Pfarrerin, glaubst du wirklich alles, was in der Bibel steht?“„Kommt darauf an“, sage ich. „Woran denkst du denn genau?“„Ich denke z.B. an die Wunder, die Jesus vollbracht haben soll. Oder an die Auferstehung. Glaubst du das wirklich?“
„Ja“, sage ich. „Das glaube ich.“ „Jetzt sag bloß, du glaubst auch noch an die jungfräuliche Empfängnis?“ „Ja“, sage ich. „Auch das. “Er sieht mich entsetzt an. „Und ich habe dich immer für einen vernünftigen, aufgeklärten Menschen gehalten...“
„Ich sehe da keinen Widerspruch“, sage ich und zeige auf seine Hände:
„Sieh dir doch mal deine Fingerkuppen an. Es gibt Milliarden Menschen, aber kein einziger hat dieselben Fingerabdrücke wie du. Oder sieh nach oben zu den Sternen: Da leuchten Millionen von Sonnen in einem unvorstellbar großen Universum. Und alle Kräfte, die da draußen herrschen, sind so perfekt ausbalanciert, dass das Universum weder auseinanderfliegt noch zusammen-kracht. Das muss man sich einmal vorstellen!
Wenn Gott das alles erschaffen hat: jedes Lebewesen ganz einzigartig und dieses überwältigende Ausmaß an Größe - was ist dagegen schon ein Heilungswunder?“
Mein Bekannter überlegt einen Moment. Dann sagt er: „Vorausgesetzt, man glaubt an einen Schöpfergott...“
„Ja, das stimmt“, sage ich. „Aber anzunehmen, dass dieses hochkomplexe Universum durch Zufall entstanden ist, ist nicht vernünftiger als anzunehmen, dass es einen Schöpfergott gibt. So oder so - es ist eine Glaubensentscheidung.“
“Okay, okay“, sagt er und hebt die Hände, als würde er sich ergeben. „Aber an die jungfräuliche Empfängnis Marias glaubst du nicht wirklich, oder?“ „Ich glaube an die Möglichkeiten Gottes“, sage ich. „Und die sind grenzenlos.“„Na, gut,“, sagt er, „lass uns über was anderes reden.“
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Ich fahre meine Enkelkinder nach Hause. Der Verkehr ist chaotisch: Jemand nimmt mir die Vorfahrt; dann werde ich ausgebremst; und dann hupt auch noch einer hinter mir, weil ich an einer gelben Ampel stehenbleibe…
„Das gibt es doch nicht! Warum kann eigentlich keiner mehr richtig Auto-fahren?“ schimpfe ich laut vor mich hin. Nach einer Weile sagt mein Enkel:„Vielleicht, weil ihre Beine zu kurz sind…?“
Augenblicklich ist mein Ärger verflogen. Was für ein wunderbarer Gedanke:Ihre Beine sind einfach zu kurz.
Kinder verstehen nicht, was eine rhetorische Frage ist. Deshalb hat mein Enkel auch ganz ernsthaft über meine Frage nachgedacht. Er hat sich in die anderen Autofahrer hineinversetzt und hat überlegt, was sie wohl daran hindern könnte, richtig Auto zu fahren.
Er selbst liebt es, am Steuer zu sitzen und Autofahren zu spielen. Aber nicht nur, dass er kaum über das Lenkrad hinweg schauen kann; mit seinen dreieinhalb Jahren kommt er auch nicht annähernd an die Pedale ran, so sehr er sich auch danach streckt. „Vielleicht“ - so wird er gedacht haben - „vielleicht haben die ja alle dasselbe Problem wie ich: Die Beine sind einfach zu kurz.“
Und damit stellt er die Welt so herrlich auf den Kopf: Da haben die Erwachsenen plötzlich mit der Not viel zu kurzer Kinderbeinchen zu kämpfen und jeder Anspruch auf fehlerloses Fahren ist augenblicklich dahin.Um wieviel milder wird da gleich mein Blick auf die Welt!
Ja, ich sehe immer noch, dass da welche zu schnell fahren. Aber wann genau habe ich nochmal das letzte Knöllchen bekommen, weil ich nicht darauf geachtet habe, dass man nur 30 fahren darf…?
Vermutlich überschätze ich ja mein eigenes Fahrvermögen und in Wirklichkeit fahre ich auch nur ziemlich durchschnittlich. Und das bedeutet doch: Ich bin pausenlos darauf angewiesen, dass meine Fahrfehler ausgeglichen werden. Weil - die Beine sind leider nur allzu oft zu kurz…
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Manchmal sagen die Menschen, von denen ich es am wenigsten erwarte, die weisesten Dinge:
Da sitze ich neben einem alten Mann mit Demenz. Ich spüre, wie unruhig er ist. Die ganze Zeit blickt er suchend auf dem Boden herum; gelegentlich linst er auch unter den Tisch und hebt das Tischtuch an. „Was suchen Sie denn?“ frage ich schließlich. „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe“, antwortet er, ohne aufzusehen. „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe…“ - Dieser Satz ist so wahr! Mein halbes Leben lang ist es mir so ergangen:
Immer bin ich auf der Suche gewesen, so ruhelos, wie dieser Mann; habe an den seltsamsten Stellen gesucht und hätte doch nie sagen können, was es genau ich suche. Hätte mich jemand gefragt: „Was suchst du denn?“
Ich wäre vermutlich ausgewichen; vielleicht hätte ich aber auch geantwortet: „Das Glück.“ Aber was das Glück ist, das habe ich erst gewusst, als ich es gefunden habe: Meine Familie, meinen Mann, meine Kinder; meinen Beruf. Freundschaften. Glückliche Augenblicke, in denen alles stimmt…
Manchmal habe ich mein Glück direkt bemerkt. Und manchmal habe ich Jahre gebraucht, bis ich mein Glück begriffen habe. Aber immer habe ich es zuallererst finden müssen. Am Ende des Lebens sieht die Suche vielleicht etwas anders aus.
Ich glaube ja, viele suchen am Ende des Lebens den Heimweg; da ist so eine unbestimmte Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren. Dahin, wo alles vertraut ist und man sich geborgen fühlt.
Ich möchte am Ende meines Lebens in die Arme Gottes zurückkehren, der mir mein Leben geschenkt hat. Wenn mich dann einer fragt: „Was suchst Du denn?“
Dann werde ich mich vielleicht an den alten Mann erinnern. Und antworten: „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe.“
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Lässt sich Nächstenliebe einfordern? Das habe ich mich nach einem Telefongespräch gefragt. Da hat einer angerufen - ich nenne ihn mal Herr Weyer - und er hat gesagt:„Ich bin alt und hab niemanden. Können Sie nicht mal jemand zum Putzen zu mir schicken und Besorgungen machen?“
„Ich glaube, da sind Sie falsch verbunden“, sage ich. „Hier ist das evangelische Gemeindebüro.“ „Ja, genau“, sagt er. „Sie sind doch von der Kirche.“ „Stimmt“, sage ich. „Ich dachte, die von der Kirche müssen sowas machen, aus Nächstenliebe.“
„Nein, da haben Sie etwas missverstanden“, sage ich. „Fürs Putzen müssen Sie jemanden anstellen und dafür bezahlen.“
„Und ich dachte, die Kirche wäre mal zu irgendetwas nutze!“ sagt er und legt auf.Ich starre noch eine Weile auf den Hörer. Ich kenne Herrn Weyer nicht, aber seiner Lebensstrategie bin ich schon oft begegnet. Sie lautet: „Wie kann ich stets das Beste für mich rausholen?“
Und das ist der genaue Gegenentwurf zur Nächstenliebe. Jesus hat das mitbedacht, als er die Nächstenliebe auf den Punkt gebracht hat. Er hat gesagt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie.“ (Mt 7,12) Das heißt, die Nächstenliebe ist kein Freibrief, um andere auszunutzen.
Sie verlangt allen etwas ab: Ich soll mich so verhalten, wie ich es von anderen erwarte. Das wird auch „die goldene Regel“ genannt. Weil sie so klar und einleuchtend ist: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie.“Ja, und was machen wir mit den Herren Weyers dieser Welt?
Nehmen wir sie doch einfach als perfekte Trainer, um sich von ihnen abzugrenzen. Etwa von der Erwartung, Nächstenliebe einfach einfordern zu können. Und dabei eigentlich Ausnutzen zu meinen. Und bringen wir ihnen bei, dass sie damit nicht durchkommen.
Nach allen Regeln der Nächstenliebe, versteht sich: Nämlich so respektvoll und freundlich, wie ich auch behandelt werden möchte.
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Dass sich Leute selbst neu erfinden, das höre ich immer öfter. Sie erzählen:
„Und da hab ich mich dann selbst ganz neu erfunden.“Und ich frage mich jedes Mal: Wie machen die das bloß? Ich kann das nicht. Und ich glaube, das überlasse ich auch lieber meinem Ersterfinder. Der kennt sich besser damit aus.
Wie bei dem Apostel Paulus. Das ist der, auf den das Sprichwort zurückgeht: „Vom Saulus zum Paulus werden“. Aber nicht etwa, weil der sich neu erfinden wollte. Es ist über ihn gekommen, von ganz oben.
Eigentlich war Saulus ein fanatischer Christenverfolger. Er hasste die Christen, weil sie in seinen Augen Anhänger einer neuen, gefährlichen Sekte waren. Und deshalb hat er sich auch in grimmiger Entschlossenheit auf den Weg nach Damaskus gemacht. Mit dem einen Ziel: Die dortigen Christen, Frauen und Männern, alle in Ketten zu legen. Es war ein langer, anstrengender Weg. Doch als sich Saulus und seine Männer endlich der Stadt nähern, geschieht etwas Unglaubliches:
Plötzlich fällt ein gleißendes Licht vom Himmel und beleuchtet Saulus so hell, dass er geblendet zu Boden fällt. Dann hört er eine Stimme:“Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Es ist Gott selbst, der mit ihm spricht.
Danach ist nichts mehr, wie es war: Saulus ist blind. Er, der eben noch lautstark das Kommando geführt hat, muss nun selbst geführt werden. Drei Tage dauert dieser Zustand an. Er isst nichts; er trinkt nichts. Er betet. Und verwandelt sich.
Aus Saulus wird Paulus. - Der brillante Anführer der frühen Christenheit. Weil ihn sein Ersterfinder neu ausgerichtet hat. Er brauchte ihn gar nicht neu zu erfinden. Schon im ersten Entwurf war Paulus gerade unvollkommen und perfekt genug.
Und ich glaube: Ja, so sieht es auch bei mir aus: Es braucht keine Neuerfindung; es genügt, wie ich bin. Nur manchmal verrenne ich mich. Und da braucht es schon mal einen ordentlichen Schubs von ganz oben.
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Kürzlich hat mich jemand gefragt: „Was tun Sie eigentlich, um Gott näherzukommen?“
„Nichts“, habe ich geantwortet.
„Wie, nichts? Sie tun rein gar nichts?“ Es klang enttäuscht, fast entsetzt.
„Nein“, habe ich gesagt. Weil es nun mal stimmt. Vielleicht, weil ich Gott gar nicht näherkommen will. Denn das geht mit gewissen Risiken einher. Man muss nur mal in der Bibel nachschlagen: Die Leute, die Gott näherkommen, kriegen in der Regel ziemlich unbequeme Aufträge…
Ich meine, ich habe großen Respekt vor Menschen, die regelmäßig geistliche Übungen machen; oder feste Gebetsstunden einhalten. Oder meditieren. Aber mich zieht es leider nicht zu solchen Anstrengungen hin.
Ich bleibe wohl ein Mensch, mit dem Gott sich mehr abmühen muss als ich mich mit ihm... Und dennoch gelingt es ihm tatsächlich immer wieder, mich in Situationen hinein zu schubsen und etwas durch mich zu bewirken.
Selbst wenn ich es gar nicht will. An eine Szene erinnere ich mich besonders deutlich:
Da habe ich als Krankenhausseelsorgerin einen Patienten besucht, der war mir auf Anhieb unsympathisch. Er hat in jede Schublade gepasst, um die ich gerne einen großen Bogen mache: Er war ein offensichtlicher Menschenfeind.
Mürrisch und stets schlecht gelaunt. Vertreter eigenwilliger Verschwörungstheorien über die Strahlentherapie, die er doch so dringend gebraucht hätte. Hat den Ärzten nicht getraut. Und der Kirche schon gar nicht… - Kurzum, Gott musste mir schon ganz schön ins Gewissen reden, damit ich diesen Mann besuche.
Aber dann, bei meinem dritten Besuch, ist etwas geschehen:
Da habe ich plötzlich seine abgrundtiefe Einsamkeit gespürt. Und wie von fremder Hand geleitet, habe ich etwas getan, das ich eigentlich grundsätzlich nie tue: Ich habe mich neben ihn aufs Bett gesetzt und habe meinen Arm um ihn gelegt. Und er hat angefangen, bitterlich zu weinen. Denn ihn hatte schon so lange niemand mehr berührt.
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Das Wesentliche ist oft unsichtbar. Nehmen wir zum Beispiel die Luft zum Atmen. Oder Gedanken und Gefühle. Oder die Seele eines Menschen. All das ist unsichtbar. Und doch wird es manchmal sichtbar, wenn ich wachsam durchs Leben gehe.
Mein Schwiegervater hat immer, wenn er mit dem Hund rausgegangen ist, gesagt: „Wir gehen jetzt Zeitung lesen.“
Er hat beobachtet, wie intensiv sein Hund alles und jedes beschnuppert. Und für ihn war irgendwann klar: Sein Hund liest auf jedem Spaziergang die neuesten Hundenachrichten. So ist für meinen Schwiegervater etwas Unsichtbares sichtbar geworden: nämlich die gigantische Geruchswelt seines Hundes.
Gut, er hat es nicht wirklich gesehen. Ich weiß aber auch von Ausnahmesituationen, in denen Menschen tatsächlich etwas sehen, das sie normalerweise nicht sehen würden. Es sind Augenblicke außergewöhnlicher Hellsichtigkeit, in denen sich plötzlich eine ganz andere Wirklichkeit offenbart, eine verborgene Wirklichkeit.
Eine Frau hat mir einmal von so einer Erfahrung berichtet. Sie hat erzählt:
„Ich habe mit meinen Geschwistern am Sterbebett unserer Mutter gesessen. Alle waren untröstlich. Nur ich habe so eine seltsame Ruhe in mir gespürt. Und als meine Mutter dann schließlich gestorben ist, habe ich etwas unfassbar Schönes gesehen: Es war so eine Art durchsichtige Lichtkugel, kaum zu beschreiben, die hat ihren Körper verlassen. Für einen Moment hat sie über ihr geschwebt, wie zum Abschied, und dann ist sie langsam aufgestiegen und war nicht mehr zu sehen. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Während meine Geschwister sich die Augen ausgeweint haben. Aber ich konnte es ihnen nicht erzählen. Da waren Welten zwischen uns. Seither weiß ich: die Seelen der Toten sind sicher geborgen.“ So etwas - das sind selten kostbare Momente, in denen sich das Unsichtbare offenbart. Ein kleiner Blick in Gottes Ewigkeit, vielleicht…
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Die Bibel ist voller Geschichten über Untergang und Rettung. Eine davon mag ich besonders gerne:
Da wird erzählt, wie Jesus und seine Freunde in ein Boot steigen, um über den See zu fahren (Mk 4,35-41). Plötzlich kommt ein Sturm auf. Alle an Bord sind erfahrene Fischer, aber dieser Sturm ist so gewaltig und die Wellen so hoch - sie sind sich sicher: Gleich gehen wir unter!
Voller Panik schauen sie zu Jesus. Aber was macht der? Liegt hinten im Boot auf einem Kissen und schläft. - Ist das zu fassen?
„Wach endlich auf, Jesus! Ist es dir denn völlig egal, dass wir umkommen!“ Schreien sie. Da steht er auf, bedroht den Wind und sagt zu dem See: „Schweig und verstumme.“
Und der Wind legt sich. Es wird ganz still. „Was seid ihr so ängstlich?“, sagt Jesus. „Habt ihr noch keinen Glauben?“
Es klingt enttäuscht, fast vorwurfsvoll. Und das finde ich seltsam. Ich meine, seine Freunde hatten doch Todesangst! Und dass sie Jesus wecken, zeigt doch auch, wieviel Vertrauen sie zu ihm haben. Also: Was hätten sie denn sonst tun sollen?
Ich habe diese Geschichte auf einer Tagung erzählt und die Teilnehmenden gefragt: „Stellen Sie sich vor, Sie wären einer der Freunde Jesu gewesen. Was hätten Sie getan?“
Erst einmal war Stille. Dann hat eine Frau gesagt:
„Mir geht dieser schlafende Jesus nicht mehr aus dem Sinn. Und ich glaube, ich weiß, was ich getan hätte: Ich hätte mich einfach ganz dicht neben ihn gelegt.“
Sich ganz dicht neben Jesus legen… Darauf wäre ich nie gekommen. Das ist auch keinem seiner Freunde eingefallen. Und doch trifft es in meinen Augen genau ins Schwarze: Mich ganz dicht neben Jesus legen, in der Not. Und vertrauen wie ein Kind. Selbst in den größten Stürmen meines Lebens: Wo er schläft, da bin ich sicher.
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