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SWR Kultur Wort zum Tag
Jeder Mensch braucht Pausen. Jedenfalls, wenn er kreativ sein möchte. Kreativität ist ein wunderschönes Gottesgeschenk; und kreative Pausen halten es am Leben. Jeder Künstler braucht Pausen, in denen er Kraft, Ideen und Inspirationen für sein Werk sammelt. Pausen eröffnen - wenn es gut geht – sogar einen Blick in den Himmel.
Wie unverzichtbar Pausen sind, zeigt sich besonders deutlich an einer besonders schönen Kunst und Gottesgabe: der Musik.
Zwei österreichische Musiker haben sich besonders mit der Pause beschäftigt: Anton Bruckner und sein Namensvetter Anton von Webern. Bruckner hat im 19., Webern im 20. Jahrhundert gelebt. Beide Komponisten nähern sich dem Phänomen der Pause aus unterschiedlichen, ja entgegengesetzten Richtungen. Bruckner komponiert die Pause als Raumklang. Seine Pausen erinnern an den Nachhall von Tönen in großen Kathedralen. Seine Musik will, wie der Raum einer großen Kirche, ein Lob Gottes sein. Bei Anton von Webern dagegen ist die Pause wie ein umgedrehter Urknall, eine extreme musikalische Verdichtung. Seine Kompositionen werden im Laufe der Jahre immer kürzer und konzentrierter. Als Ergebnis ist dann jeder einzelne Ton ein Ereignis - und eben auch jede Pause. Man könnte sogar sagen: Die Töne sind dafür da, die Pausen hörbar zu machen. Tastend sucht Webern nach dem Klang, der in die Stille führt und aus der Stille kommt.
So unterschiedlich ihre Kunst ist: Anton von Webern und Anton Bruckner zeigen uns, dass eine Pause weit mehr ist als die Lücke zwischen zwei Noten. Und ich meine, dass der Umgang dieser beiden Künstler mit Pausen auch Inspiration für Normalsterbliche sein kann, die nicht von der Muse geküsst worden sind.
Denn: Wie auch immer wir Pausen in unser Leben hineinkomponieren wollen - ob wir sie in der konzentrierten Stille finden oder in einem weiten Raum, der unseren Blick nach oben öffnet - Pausen können zur Quelle für ganz persönliche Kreativität werden.
Pausen sind die kreative, schöpferische Lücke, durch die der Himmel scheinen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45035SWR Kultur Wort zum Tag
Es ist eine wunderschöne Kirche: Das Münster auf der Insel Reichenau im Bodensee. Vor weit über tausend Jahren wurde mit dem Bau begonnen, und im Laufe der Jahrhunderte wurde das Gotteshaus dann immer mehr erweitert. Ursprünglich war es romanisch, dann wurde ein gotischer Chor angebaut. Unermüdlich haben die Mönche der Reichenau an ihrem Haus Gottes weitergearbeitet.
Christen sind immer schon leidenschaftliche Baumeister gewesen. Vielleicht liegt das daran, dass sich schon der Apostel Paulus als Baumeister verstanden und sogar eine Arbeitsteilung eingeführt hat. Er sah sich dabei für die Grundsteinlegung zuständig, andere sollten auf diesen Fundamenten die Gemeinde weiter aufbauen. Denn Kirche ist mehr als Stein und Mörtel, es sind die Menschen mit ihren Begabungen und ihrer Persönlichkeit, die an einem lebendigen, atmenden Bau mitarbeiten, einer Kirche aus Fleisch und Blut. Das Fundament aber, so schreibt es Paulus, ist Jesus Christus selbst.
Auf diesem Fundament bauen Menschen seit 2000 Jahren. Nicht immer ist die Architektur ein großer Wurf, schon Paulus merkt kritisch an, dass einige seiner Nachfolger mit Heu und Stroh bauen. An der Qualität des Fundaments ändert das jedoch nichts. Und auf diesem Fundament bauen viele mit, ob sie nun große Apostel oder bescheidene Handlanger sind, Meister ihres Fachs oder Ehrenamtliche. So bleibt der Bau lebendig. Und flexibel. Und was die Qualitätsmängel angeht: Aus Fehlern kann man lernen.
Das Fundament trägt alle.
Ich finde, das ist sehr tröstlich. Denn auch ich bringe möglicherweise nichts anderes als Strohwände zustande. Nebenan entsteht ein Fenster aus kostbarem Glas, ich schaffe das nicht. Dann fange ich an zu vergleichen: Mein Beitrag ist nicht so beeindruckend wie der anderer. Ich sehe meine Grenzen. Und baue trotzdem weiter. Fenster und Stroh haben einen gemeinsamen Grund.
Auf der Reichenau haben sich Teile der alten Kirchen in dem späteren Bau erhalten. Die Reste der ältesten Kirchen liegen unter dem Boden des nördlichen Seitenschiffs. Ihre Mauern sind verbrannt oder abgebrochen worden, ihre Fundamente sind bewahrt.
Was ich in meinem Leben zum Bau der Kirche beigetragen habe, wird wahrscheinlich die Zeiten nicht überdauern. Oder doch? Ich stelle mir vor: Irgendein Hälmchen von mir wird sich schon in einem gebrannten Ziegel erhalten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45034SWR Kultur Wort zum Tag
Manche Leute sagen: Das Leben ist wie ein Irrgarten. Du weißt nicht, wohin, verläufst dich, steckst immer wieder in einer Sackgasse. Und du weißt erst am Ziel, ob du den richtigen Weg gegangen bist. So kann man es sehen. Ich meine, das Leben ist kein Irrgarten, es ist eher wie ein Labyrinth.
Auf den ersten Blick ist ein Labyrinth kaum von einem Irrgarten zu unterscheiden. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: ein Labyrinth hat keine Sackgassen. Der Weg führt auf verschlungenen Wegen immer ins Zentrum. Du kommst auf jeden Fall an.
Das wohl berühmteste Labyrinth der Welt findet sich auf dem Boden der Kathedrale von Chartres. Es hat beeindruckende Ausmaße: einen Durchmesser von 12,5 m, und wenn man seine verschlungenen Wege geht, muss man 305 Meter laufen, um bis in die Mitte zu kommen. Wer das tut, folgt den Spuren unzähliger Menschen, die im Lauf der Jahrhunderte diesen Pfaden gefolgt sind und dabei über sich, ihr Leben und Gott nachgedacht haben. Die Menschen haben dieses Kunstwerk nämlich als kleinen Pilgerweg genutzt. Wer nicht auf den langen Weg nach Santiago de Compostela in Spanien gehen konnte, weil er zum Beispiel zu jung war oder krank oder kleine Kinder hatte, der ging zum Ausgleich den Weg des Labyrinths. Und dachte, laufend, über sein Leben nach.
Wer ein Labyrinth beschreitet, kann erfahren: Im Leben gibt es keine Sackgassen. Auch wenn einem das manchmal so vorkommen mag, weil der Weg scheinbar wieder vom Ziel wegführt. Ganz wie im richtigen Leben. Das Labyrinth erinnert mich daran, dass manche Entwicklungsphase Durchhaltevermögen braucht. Und Umwege nicht unbedingt sinnlos sind. Belohnt werde ich am Ende vielleicht mit einer überraschenden Kehre, die mir eine neue Sicht zeigt, genau aus der umgekehrten Richtung.
Sogar dunkle Erfahrungen können sich verwandeln. Die nächste Wegbiegung wird sicher eine neue Perspektive eröffnen.
Was im Herz des Labyrinths passiert, ist offen. Eine Gottesbegegnung vielleicht, oder ein Verstehen? Petrus hat einmal Jesus gefragt: Zu wem sollen wir gehen? Und sich gleich selbst die Antwort gegeben: Du hast Worte des Lebens. Für mich war es im Zentrum des Labyrinths klar: Das Herz des Lebenslabyrinths hat einen Namen. Den Namen Gottes. Im Herz des Labyrinths breitet Christus die Arme aus.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45033SWR Kultur Wort zum Tag
Das Geheimnis des Lebens ist mir ganz nah - bei jedem Atemzug. Ich kann meinen Atem zwar beobachten, doch nie ganz fassen. Wenn ich mit anderen im Chor singe oder meinen Körper trainiere, dann achte ich bewusst auf meinen Atem. Wenn ich aber schlafe, mich auf meine Arbeit konzentriere oder einen Film oder ein Theaterstück anschaue, dann atme ich einfach, ohne darüber nachzudenken.
Hin und wieder lege ich meine Hände auf meinen Bauch und atme ganz bewusst tief ein und aus. Dann staune ich darüber, wie selbstverständlich mein Atem in mir strömt und meinen Leib bewegt. Ich ahne, warum die Bibel sagt: Gott haucht dem Menschen den Atem ein und macht ihn dadurch lebendig. Das könnte auch beängstigend sein, Gott so nah in mir. Doch ich finde, es ist ein schöner Gedanke. Ich mag es, mir vorzustellen, dass es Gottes Atem ist, der mich bewegt und durchströmt. So nah kommt Gott mir, wie mein eigener Atem, und doch habe ich ihn, wie meinen Atem, nicht im Griff. Ich kann nur staunen über seine fremde Kraft.
Manchmal zeigt mir mein Atem lange vor meinem Verstand, dass ich mich nicht wohl fühle, er wird eng und gepresst, meine Stimme zittert. Manchmal stockt mir der Atem vor Schreck über diese Welt, vor Angst. Dann wieder gibt es Momente, in denen mein Atem ganz ruhig fließt, weil ich entspannt bin, an einem guten Ort, von Menschen umgeben, die mir zugewandt sind. Wenn ich auf meinen Atem höre, kann er mir viel zeigen und sagen.
Die Sommerzeit jetzt wird für mich eine Zeit des Aufatmens sein. Morgens laufe ich am Strand, mit langem Atem. Ich brauche solche Atempausen. Für mich, für die Menschen, die ich liebe, für meinen Gott. Damit ich nicht atemlos an mir vorbeilebe.
Ein alter Pater hat mir einmal erzählt, für ihn sei jeder Atemzug wie der Name Gottes. Der Mann meint, dass wir von unserem ersten Atemzug bis zu unserem letzten Gottes Namen beten. Der Name Gottes: Ein Hauch.
Die Abendsonne am Meer erinnert mich daran, dass ich eines Tages mein Leben aushauchen werde. Irgendwann kommt mein letzter Atemzug, vielleicht ein schwacher Seufzer, ein Gebet, hinein in Gottes unfassbare Wirklichkeit.
In meiner Atempause am Meer werde ich darüber nachdenken. Dankbar für die würzige Seeluft, die ich atmen darf, dankbar für das Leben, das Gott mir eingehaucht hat.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44690SWR Kultur Wort zum Tag
„Bevor du über einen Menschen urteilst - geh erst mal vier Wochen in seinen Schuhen,“ das hat meine Mutter immer gesagt. Vor kurzem habe ich jetzt die tiefe Weisheit dieses Satzes erfahren.
Wir hatten eine Reise nach Los Angeles zu unserem Patenkind geplant, dann kam eine dringend notwendige Fußoperation meines Mannes dazwischen. Wir hatten überlegt, den Besuch abzusagen, weil mein Mann zwar kurze Strecken gehen konnte, keinesfalls jedoch die weiten Wege im Flughafen. Aber die kundige Frau im Reisebüro hat uns ermutigt und uns einen Assistenz-Service gebucht. Das ist gut organisiert. Allerdings ist die Perspektive aus dem Rollstuhl gewöhnungsbedürftig. Wir warten in einer Gruppe der Mühseligen und Beladenenen darauf, abgeholt zu werden. Schließlich holt uns eine freundliche Dame ab und dann geht es mit dem Rollstuhl durch den Flughafen. Ich wundere mich: Wie wenig die Leute aufeinander achten! Immer wieder kommt es vor, dass jemand fast in den Rollstuhl hineinläuft.
Mein Mann sagt, dass es auch ein merkwürdiges Gefühl ist, aus der Rollstuhlperspektive ständig nach oben sprechen zu müssen, ähnlich wie ein kleines Kind. Plötzlich ist er im wörtlichen Sinn nicht mehr auf Augenhöhe, das fühlt sich nicht gut an. Auch die mitleidigen Blicke der Menschen haben ihn seltsam berührt. „Ein Perspektivenwechsel ab und zu ist aber gar nicht schlecht,“ meint er.
Wir haben viel gelernt auf dieser Reise. Zum Beispiel, achtsam hinzusehen. Menschen im Rollstuhl oder mit einer Behinderung brauchen kein Mitleid, sondern Respekt. Das war mir theoretisch schon vorher klar, aber wenn man es am eigenen Leib oder gemeinsam mit einem Menschen, den man liebhat, fühlt, dann begreift man es ganz neu.
Wieder zurück im Alltag hat sich meine Wahrnehmung in vielen Situationen geändert. Wie viel Platz muss ich beim Parken auf dem Bürgersteig lassen, damit Kinderwagen und Rollstühle noch bequem durchpassen? Ich habe mich auch getraut, einen Mann anzusprechen, der unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz geparkt hat. Achte ich auf Kinder und darauf, dass sie nicht übersehen werden? Auf Augenhöhe miteinander sprechen, das geht - auch wenn jemand kleiner ist - oder größer als ich.
„Geh erst mal vier Wochen in den Schuhen eines anderen Menschen.“ Meine Mutter hatte Recht. Übrigens: Beim Warten auf dem Flughafen haben wir viele interessante Gespräche mit den anderen Menschen geführt, die ebenfalls auf einen Rollstuhl-Transport gewartet haben. Und gemeinsam festgestellt: Toll, dass es diesen Service gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44689SWR Kultur Wort zum Tag
„Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ Ein starker Hinweis, er stammt vom Apostel Paulus. Im Moment meditiere ich diesen Satz jeden Tag - er ist zu einem meiner augenblicklichen Lieblingssätze geworden. Er erinnert mich daran, dass ich Leib bin, und dass es mir insgesamt nur gut gehen kann, wenn ich mit diesem Leib auch liebevoll, zumindest freundlich umgehe.
Erstaunlich, dass ausgerechnet der Apostel Paulus den Körper so sehr wertschätzt: als Tempel Gottes – höher geht´s ja nicht. Schließlich war der Apostel selbst kein gesunder Mensch, wahrscheinlich litt er unter wiederkehrenden Anfällen. Sein Geist jedoch arbeitete auf höchstem Niveau. Da hätte es doch nahegelegen, den kranken Körper dem glänzenden Intellekt unterzuordnen. Doch Paulus denkt anders. Er ist nicht leibfeindlich, im Gegenteil. Er bewundert die feine Justierung aller Gliedmaßen und schärft mir ein: In meinen vergänglichen Sehnen und Gliedern, in meinem Hirn und Herz wohnt: der Heilige Geist!
Das lässt auch mich meinen Leib mit anderen Augen betrachten. Denn: Was tue ich ihm alles an! Oft gönne ich ihm keine Ruhe, trainiere ihn nur halbherzig, manchmal höre ich nicht auf seine Signale. Lange Jahre habe ich ihm mit Zigaretten die Luft zum Atmen genommen. Meinen persönlichen Tempel des Heiligen Geistes habe ich ganz schön vernachlässigt, ja richtig schlecht behandelt. Dabei geht es ohne ihn nun wirklich nicht, und, fromm gesprochen: Gott hat sich ja wohl was dabei gedacht, dass er uns Menschen handfest in Fleisch und Blut verpackt hat. „Verherrlicht Gott mit eurem Leib!“, ermuntert Paulus die Menschen. Wenn Menschen achtsam und liebevoll und zärtlich mit ihrem Körper umgehen, dann ist das zum Lob Gottes - eine atemberaubend schöne Vorstellung!
Mir gefällt auch, dass Paulus den Leib mit einem Tempel vergleicht, also mit einem lebendigen Ort, an dem Menschen Gott begegnen können. Oft genug wird der Körper mit einer Maschine verglichen, das Gehirn mit einem Steuermechanismus. Doch unser Körper ist keine seelenlose Maschine, sondern ein lebendiger Organismus, ständig in Resonanz, in Begegnung mit anderen Menschen und der Umwelt.
Vielleicht stelle ich mich heute Morgen einmal vor den Spiegel, so wie Gott mich schuf, und betrachte mich mit seinen Augen, liebevoll und achtsam, und stelle mir vor: Der Heilige Geist wohnt in mir, in jeder Zelle, in jedem kleinen Blutkörperchen. Kein schlechter Tagesanfang!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44688SWR Kultur Wort zum Tag
Im Frühling, werden die Lämmer geboren. Manchmal ist auch ein kleines schwarzes mit dabei. Wer es einmal gesehen hat, weiß: Es gibt kaum ein schöneres Bild als kleine Lämmer auf der Weide. Sie springen vor Lebensfreude! Und voller Leben ist auch der 23. Psalm, einer der bekanntesten Psalmen der Bibel: Der Herr ist mein Hirte. So fängt er an. Für viele Menschen ist dieser Psalm wie ein vertrauter Begleiter auf dem Lebensweg.
Dabei verschweigt der Psalm auch die dunklen Seiten des Wegs nicht. Neben der grünen Aue droht Gefahr, im frischen Wasser spiegeln sich dunkle Wolken. Manchmal ist der Tisch gedeckt im Angesicht von Feinden. Gerade so ist das Leben. Schön und gefährlich, sanft und hart, unglücklich und sinnenreich. Deshalb ist der 23. Psalm tatsächlich ein Lebenspsalm.
Ich erinnere mich an einen Konfirmanden, den ich sehr gemocht habe. Ein wilder Junge, selbstbewusst, Typ „Kopf durch die Wand“. Wir sind trotz aller Sympathie einige Male heftig aneinander geraten, besonders, wenn er sich nicht an Regeln gehalten hat. Bei seiner Konfirmation hat er sich Psalm 23 als Konfirmationsspruch gewählt, konkret den Vers „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Ich war verblüfft. Er war entschieden in seiner Wahl. Jahre später, er ist inzwischen erfolgreich im Beruf und junger Familienvater, hat er mir davon erzählt, dass ihn dieser Vers durch alle Höhen und vor allem Tiefen seines Lebens begleitet hat. „Da gab es schon Abgründe,“ sagt er. „Manchmal war es ziemlich finster. „Ich fürchte kein Unglück!“ Darauf habe ich mich irgendwie immer verlassen. Das war meine Rettung.“
Gerade werden überall in Deutschland Konfirmationen gefeiert, junge Menschen gesegnet für ihren Lebensweg. Viele wählen immer noch diesen Psalm als Konfirmationsspruch. Ich wünsche mir, dass die jungen Leute an diesem Tag mit allen Sinnen erfahren: Ich bin gesegnet, umgeben von lieben Menschen. An diesem Tag müssen die Feinde, in deren Angesicht der Tisch gedeckt wird, mal Pause machen.
Mir gefällt, dass der Psalm von Großzügigkeit erzählt. „Du schenkst mir voll ein“ heißt es. Nicht knausrig knapp unter den Eichstrich, sondern so, dass das Glas fast überfließt. Das Leben ist immer wieder zum Feiern schön!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44154SWR Kultur Wort zum Tag
Das Leben geht weiter, nach jedem Fest, auch nach Ostern. Auferstehung, der Tod besiegt, da stellt man sich die Schar der Jünger eigentlich beschwingt vor. Kraftstrotzend, mutig voran, in einer nicht enden wollenden Feierstimmung. Die Realität sieht anders aus. Statt Konfetti gibt’s den Kater danach. Das Johannesevangelium präsentiert uns die Jünger nach Ostern weder als Superhelden noch als Sieger auf dem Treppchen.
Sie sind wieder bei der Arbeit. So richtig frisch sieht die nachösterliche Gruppe dabei nicht aus. Als sie sich am See Genezareth treffen, surfen sie nicht auf den Wellen des Erfolgs. Zum ersten Arbeitstreffen sind noch nicht einmal alle gekommen. Nur sieben der elf Jünger haben sich zusammengefunden.
Das Evangelium ist realistisch. Der Alltag ist hart und frustrierend. Manchmal hilft da die Rückkehr in den alten Trott. Die Jünger werfen die Netze aus, am See Genezareth wie eh und je. Sie fangen erst einmal: nichts.
Der Alltag ist mühsam, manchmal ist gar kein Erfolg zu sehen, trotz aller Anstrengungen. „Was habt ihr erreicht?“ fragt der auferstandene Jesus, als er in dieser Situation plötzlich bei den Jüngern auftaucht. Eine unbequeme Frage, worauf können sie verweisen - auf zerrissene Netze und Hoffnungen?
Worauf kann ich verweisen, wenn mich jemand so fragen würde, ganz direkt, wenn ich gerade mit leeren Händen dastehe. „Was hast du erreicht?“ Enttäuschte Träume, langweiliges Einerlei? Die Sache wird nicht besser dadurch, dass ich mir eigentlich alles schöner vorgestellt habe.
Manchmal bleibt nur eine ehrliche Antwort: „Nichts.“ „Nichts“, antworten die Jünger. Zumindest sind sie ehrlich. Ich selbst mache mir manchmal noch etwas vor. Nichts.
„Wagt es,“ sagt Jesus, „werft das Netz noch einmal aus“. Versuch´s noch mal, es gibt Hoffnung. Mag sein, es sind nicht alle gekommen, aber die, die da sind, die sind gut und wichtig, die packen mit an. Auf die, die da sind, kommt es an.
Sieben Jünger waren es damals, sechs zählt das Johannesevangelium mit Namen auf. Und der siebte... Ich meine, es ist kein Zufall, dass offen bleibt, wie dieser Jünger heißt. Jede kann hier ihren, jeder kann hier seinen Namen einsetzen. Und dazugehören.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44153SWR Kultur Wort zum Tag
Weiß haben sie gestrahlt – die Kleider, die sich die ersten Christen nach ihrer Taufe angezogen haben. Als Zeichen für einen grundsätzlichen Neuanfang im Leben. Rein und weiß. Wie neugeboren! Die ersten Christen haben diese Taufkleider dann eine ganze Woche lang getragen. Nach meiner eigenen Erfahrung mit weißen Blusen und Hosen und den Versuchen, sie nur halbwegs sauber über den Tag zu retten, weiß ich, ganz sicher und bestimmt: diese weißen Kleider der Täuflinge dürften nach sieben Tagen nicht mehr rein Weiß gewesen sein. Das kann gar nicht funktioniert haben!
Ich finde, symbolisch betrachtet hat das aber auch etwas. Sich durch die Taufe wie neugeboren fühlen heißt nicht, von nun an unbefleckt durchs Leben zu gehen. Pannen wird es immer geben. Darüber kann ich mich ärgern, ich kann es aber auch tröstlich finden. Denn die Flecken auf den weißen Kleidern der Täuflinge machen die Taufe nicht ungültig. Wahrscheinlich hätten sich auch die frischgetauften Christen lieber eine Woche lang rein weiß gezeigt. Gerade weil das nicht funktioniert hat, konnten sie aber entdecken: Gott wird sich von keinem Fleck, von keinem Schatten, von keinem Schmutz abhalten lassen, seine Menschen zu lieben.
Sicher – ich wäre auch lieber perfekt. Strahlend weiß. Manchmal merke ich dann, dass sich hinter diesem Wunsch auch ganz schön viel Hybris versteckt. Und Eitelkeit. Meine ich wirklich, ich könnte ausgerechnet Gott etwas vormachen? Ein perfektes Weiß - das funktioniert ja nicht einmal bei meinen T-Shirts.
Dann wieder bin ich nicht eitel, sondern komme mir wie eine Versagerin vor. Kein Wunder, wenn ich an akutem Perfektionswahn leide, das kann ja auf Dauer nicht gut gehen. An solchen Tagen kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand, geschweige denn Gott, mich liebevoll ansehen könnte. Das kann genauso problematisch sein wie Eitelkeit. Mit Selbstvorwürfen kreise ich letztlich auch nur um mich selbst.
Was mich tröstet ist: Auch im schmutzigsten Taufkleid findet sich noch ein Rest Weiß. Und das finde ich, wieder symbolisch betrachtet, wichtig. Denn die Taufe wird durch die Flecken auf den Taufkleidern nicht unwirksam.
Manchmal denke ich: Einige Flecken gewinnen sogar Sinn, zumindest im Nachhinein betrachtet. Es gibt dunkle Schatten, die mir helfen, andere Menschen besser zu verstehen, die gerade unter einer ähnlichen Situation leiden.
Nicht zuletzt: Jeder Dreckspritzer ist eine Lebensversicherung gegen Arroganz.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44152SWR Kultur Wort zum Tag
Mein erster Ausflug als Kind in alpine Bergwelten endete schnell mit einer schlimmen Fraktur. Beim Skifahren habe ich mir das Bein gebrochen. Ich lag hilflos im Schnee, zum Glück haben mir mitleidige Menschen geholfen, mich von der Piste getragen und versorgt. Der Knochen wurde eingerenkt und das Bein eingegipst. Das ist lange her - aber die Narben in meinen Knochen kann man heute noch im Röntgenbild erkennen.
Das hebräische Wort für Knochen hat zwei Bedeutungen. Es kann auch das Schilfrohr meinen. Beides ist zerbrechlich. Schilfrohr, einmal geknickt, ist wertlos geworden. Manchmal kommen sich Menschen wie zerbrochenes Schilfrohr vor. Nicht nur, wenn sie einen Skiunfall hatten.
In der Bibel wird beim Propheten Jesaja von einem Mann erzählt, der das geknickte Schilfrohr nicht zerbricht und wegwirft. Er tut nicht das, was eigentlich wirtschaftlich wäre und vernünftig. Er tut nicht das, was nahe liegt. Er tut nicht, was durchaus recht und billig wäre. Billige Lösungen liegen nahe, aber für ihn ist etwas anderes wichtiger: Barmherzigkeit. Das Matthäusevangelium bezieht die Worte des Propheten Jesaja auf Jesus. Dessen Leib wurde zerbrochen am Kreuz. Aber noch im Tod blieb Jesus barmherzig.
Vielleicht muss man Brüche im Leben schon einmal selbst erlebt haben, um zu verstehen, wie kostbar das ist: Barmherzigkeit. Das gilt für Knochenbrüche, es gilt auch für die Brüche der Seele. Sie brauchen: Barmherzigkeit.
Menschen leben von Barmherzigkeit. Viele Menschen warten darauf. Sehnsüchtig. In vielen Ländern der Welt! Manchmal muss man Präsidenten daran erinnern. In einer so schrecklich oft erbarmungslosen Welt. Herr Präsident, seien Sie barmherzig!
Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen. Diese Botschaft der Barmherzigkeit klingt weiter, liebevoll und zugleich beharrlich. Selbst dort, wo auf den Straßen geschossen und gebrüllt wird, wo die Sprache der Gewalt regiert, das Recht der Bosheit herrscht. Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen. Menschen sagen diese Worte weiter. Und es gibt, seit der Zeit des Propheten Jesaja, immer mindestens einen Menschen, der im Namen der Barmherzigkeit protestiert, sich nicht abfindet, die Kraft zur Liebe und zur Vergebung aufbringt - wenn auch oft nur mit Tränen in den Augen.
Barmherzigkeit lässt leben. Mit den Brüchen im Leben, mit der eigenen, ganz persönlichen Geschichte. So dass die Narben des Lebens zu Linien werden, durchlässig für einen göttlichen Schein.
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