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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

14JAN2026
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Eigentlich wollte Katrin nur den Müll rausbringen. Aber jetzt steht sie seit zehn Minuten draußen bei den Tonnen in der Kälte und quatscht mit ihrer Nachbarin. Die beiden kennen sich eigentlich nicht besonders gut. Aber sie haben sich immer gleich was zu erzählen, wenn sie sich zufällig begegnen. Katrin findet: Das ist echt eine Nette, ihre Nachbarin.

Draußen bei den Mülltonnen wird es den beiden jetzt langsam zu kalt. Katrin zögert. Sie hat ihre Nachbarin noch nie zu sich in die Wohnung eingeladen. Sie will nicht übergriffig wirken. Und sie ist auch überhaupt nicht auf Besuch eingestellt. Aber dann gibt sie sich einen Ruck und sagt: „Du, wenn es dir nichts ausmacht, dass bei mir nicht aufgeräumt ist, könnten wir eine Tasse Tee zusammen trinken.“ Und ihre Nachbarin sagt ja.

Als die beiden Katrins Wohnung betreten, ist es Katrin dann doch furchtbar peinlich. „Tut mir leid, hier liegt alles rum, ich bin noch gar nicht zum Aufräumen gekommen“, murmelt sie, und stellt schnell ihr benutztes Geschirr in die Spüle. Es liegen auch noch Krümel vom Frühstück auf dem Tisch. Und auf dem Boden auch, zusammen mit relativ viel Staub. Aber Katrins Nachbarin grinst nur und sagt: „Entspann dich, bei mir zu Hause hätten wir erst über meinen Wäscheberg klettern müssen, um überhaupt in die Küche zu kommen.“ Und Katrin entspannt sich. Während sie den Tee aufgießt, erzählen sich die beiden von ihren größten Haushaltskatastrophen. Sie einigen sich darauf, dass hinter jeder perfekten Fassade irgendwo Staub und Krümel liegen. Und sie versprechen einander, sich in Zukunft nicht zu stressen, wenn die andere spontan vorbeikommt.

Katrin ist froh, dass sie über ihren Schatten gesprungen ist. Sie hat das Gefühl, dass eine neue Nähe entstanden ist zwischen ihr und ihrer Nachbarin. Und das geht eben nur, wenn man jemanden hinter die eigene Fassade schauen lässt.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

13JAN2026
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Mein Auto hat einen eingebauten Sicherheitsassistenten.
Das heißt: Immer, wenn ich mich nicht ganz genau an die Geschwindigkeitsbegrenzung halte, gibt das Auto einen ziemlich schrillen Warnton von sich. Zuerst habe ich mich jedes Mal total erschreckt. Dann hat es mich genervt. Denn mein Auto ist extrem pingelig und piepst andauernd. Dabei gehöre ich wirklich nicht zu den Raserinnen. Aber offensichtlich fahre ich häufig so einen kleinen Tick zu schnell. Und dann wird jede Unterhaltung mit dem Beifahrer immer wieder durch den unangenehmen Warnton unterbrochen. „Betreutes Fahren“, brummelt mein Mann auf dem Beifahrersitz dann, während ich anfange, mit dem Auto zu schimpfen.

Glücklicherweise haben wir irgendwann herausgefunden, dass man diese Funktion auch anders einstellen kann. Jetzt ist der Ton nicht mehr so schrill, sondern eher ein freundliches „Pling“. Seitdem schimpfe ich nicht mehr mit dem Auto. Denn es macht nicht mehr jedes Gespräch kaputt. Oft denke ich sogar „Du hast ja recht“ und nehme den Fuß vom Gaspedal. Im Grunde weiß ich ja, dass es um meine eigene Sicherheit geht und um die der anderen Verkehrsteilnehmer.

An der Sache hat sich dabei eigentlich nichts geändert. Nur am Ton. Und trotzdem fällt es mir jetzt leichter, die Kritik an meinem Fahrstil anzunehmen. Der Ton macht eben die Musik.

In der Bibel werden die Menschen immer mal wieder dazu aufgefordert, aufeinander acht zu geben. Da heißt es dann manchmal sogar, man soll sich gegenseitig ermahnen, wenn jemand sich nicht gut verhält. Ich habe mich damit immer schwergetan. Ich möchte mir nicht anmaßen, andere zu beurteilen oder zu kritisieren.

Andererseits ist es richtig, den Menschen, die mir wichtig sind, zu sagen, wenn ich mir um sie Sorgen mache. Wenn mir zum Beispiel etwas an ihrem Verhalten aufgefallen ist, von dem ich glaube, dass es ihnen oder anderen nicht guttut. Wenn ich so etwas ansprechen will, ist es unheimlich wichtig, den richtigen Ton zu treffen.

Von meinem Auto habe ich gelernt: Ein penetranter, schriller Besserwisser-Ton wird jede Einsicht kaputt machen. Am besten versuche ich es wohl mit einem freundlichen „Pling“.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

12JAN2026
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Wenn ich morgens aufstehe, ist es draußen noch dunkel. Und wenn ich abends von der Arbeit komme, dann ist es wieder dunkel. Für meinen Körper ist das eine Herausforderung. Und auch für die Seele: Mich macht es so müde, dass das Sonnenlicht fehlt, und irgendwann schlägt das dann auch aufs Gemüt.

Die amerikanische Psychologin Kari Leibowitz wollte wissen, wie die Menschen in Norwegen mit der Dunkelheit umgehen. Denn in Norwegen ist der Winter noch länger als bei uns. Von Mitte November bis Ende Januar gibt es dort kaum Tageslicht.  Sie hat herausgefunden, dass die Norweger gute Strategien haben, um mit der dunklen Jahreszeit besser zurechtzukommen. Ich habe mir drei von ihren Tipps gemerkt.

Der erste lautet: Man muss ernst nehmen, dass die dunkle Jahreszeit Kraft kostet. Der Körper verbraucht mehr Energie. Manche Tiere halten ja sogar Winterschlaf. Und auch manchen Menschen tut es gut, sich etwas mehr Schlaf zu gönnen. Es ist okay, einfach mal früher ins Bett zu gehen.

Der zweite Rat lautet: Kopf und Körper müssen die Chance haben, sich auf den Winter einzustellen. Viele Norweger gehen mindestens 20 Minuten am Tag raus, bei jedem Wetter, und auch wenn es dunkel ist. So kann die innere Uhr verstehen, was jahreszeitlich gerade dran ist.

Und der dritte Tipp hat mir besonders gut gefallen: Die Menschen in Norwegen geben sich Mühe, ihr Zuhause schön einzurichten. In Skandinavien gibt es sogar ein Wort dafür: hygge. Es beschreibt eine gemütliche Einrichtung mit sanften Farben, weichen Stoffen und indirektem Licht. Ein Zuhause, das der Seele gut tut.

Was Kari Leibowitz herausgefunden hat, hilft mir. Ich lerne: Es ist keine Schwäche, wenn ich im Winter manchmal müder oder trauriger bin als sonst. Es ist ganz natürlich in dieser Zeit. Und es könnte klug sein, das nicht einfach zu ignorieren. Wir sind schließlich keine Maschinen. Sondern Menschen.

In der Bibel heißt es einmal: „Alles hat seine Zeit“ (Prediger 3) – und dass man das, was die Zeit mit sich bringt, annehmen soll. Ich glaube, jetzt im Winter ist es Zeit, auf die eigenen Kräfte achtzugeben. Und auf das, was die Seele so braucht.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

25OKT2025
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Heute Morgen hat Olli noch zweimal die Schlummertaste gedrückt. Erst dann ist er aufgestanden und ins Bad geschlurft. Jetzt sitzt er am Küchentisch, die Kaffeetasse in der einen Hand und sein Handy in der anderen. Normalerweise würde er jetzt Zeitung lesen. Aber Olli zögert kurz und öffnet stattdessen lieber ein Spiel auf dem Handy.

Er kann sich das einfach nicht mehr geben, jeden Morgen diese Nachrichten. Jeden Morgen Krieg und Leid und Streit, jeden Morgen die Probleme dieser Welt in seiner Hand, in seinem Kopf, in seinem Herzen. „Das tut mir echt nicht gut“, denkt Olli. Lieber ein bisschen am Handy daddeln zur Ablenkung.

Aber das fühlt sich auch nicht richtig an. Denn die Probleme dieser Welt sind ja trotzdem da – und einfach wegschauen und so tun, als würde es einen nichts angehen, das entspricht eigentlich nicht Ollis Einstellung.

Ich glaube, es geht vielen so wie Olli. Mir auch. Ich kann es nur schwer aushalten, was alles gerade nicht gut ist. Ich könnte mir ununterbrochen Sorgen machen um alles mögliche, was in die falsche Richtung läuft, und was so schwer zu ändern ist. Das kann einen richtig runterziehen.

Ich finde es wichtig, die Augen nicht zu verschließen. Aber genauso wichtig ist es, sich selbst vor Hoffnungslosigkeit und Resignation zu schützen. Denn davon wird die Welt auch nicht besser. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: Ich kann den Nachrichtenkonsum einschränken und sagen: Ich muss nicht immer online sein. Es reicht, einmal am Tag die Nachrichten zu hören.

Es gibt auch eine Internetseite, auf der die guten Nachrichten des Tages zusammengestellt werden. Sie heißt „Good News“, und es gibt sie auch als App.

Die gefällt mir. Denn es gibt beides in dieser Welt. Das, was mich traurig und verzweifelt macht. Und das, was mir Mut macht, was Probleme löst und Dinge besser macht. Ich habe immer die Wahl und kann entscheiden, worauf ich  schaue. Und kann bewusst nach dem Ausschau halten, was mir Hoffnung gibt.

In der Bibel steht: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. Und ich glaube, das fängt in unseren Köpfen an.  

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

24OKT2025
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Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ So lautet ein bekanntes Sprichwort. Das soll heißen: Wenn man etwas als Kind nicht richtig geübt hat, kann man das als erwachsener Mensch nicht mehr nachholen.

So ist das bei mir auch. Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht. Vielleicht hätte man da noch was machen können, als ich klein war. Aber jetzt ändere ich das nicht mehr. Kopfrechnen zum Beispiel. Oder Weitwurf.

Zum Glück findet man für die meisten Dinge, die man nicht gut kann, passende Hilfsmittel –  einen Taschenrechner zum Beispiel. Und manches braucht man auch einfach nicht. Ich komme heute gut zurecht, auch ohne dass ich weit werfen kann.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Ich habe lange gedacht, dass das stimmt. Aber mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher.

Ich dachte zum Beispiel immer, dass ich nicht richtig Schach spielen kann. Mein Vater hat mir zwar beigebracht, wie die Figuren gezogen werden, als ich klein war. Aber ich fand andere Spiele interessanter. Und dann war ich irgendwann überzeugt davon, dass ich das eben nicht kann: Spielzüge strategisch aufbauen und voraussehen, was mein Gegner als nächstes machen wird.

Jetzt habe ich aber eine App auf meinem Handy, mit der man Schach lernen kann. Schritt für Schritt werden Figuren und Taktiken erklärt. Und je mehr ich übe, desto schneller erkenne ich die eigenen Möglichkeiten, aber auch die Fallen, die der Gegner mir stellen kann.

Ich bin noch nicht sehr weit mit meinen Schachkenntnissen. Aber eines habe ich schon gelernt: Nämlich, dass der Spruch „Was Hänschen nicht lernt…“ mich nicht daran hindern muss, mir etwas neu zuzutrauen.

In der Bibel gibt es einen Spruch, der mir dazu Mut macht: “Weisheit wird in dein Herz eingehen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein.“(Sprüche 2,10)

Auch als Erwachsene kann ich mich weiter entwickeln. Ich kann noch wachsen und lernen und Neues über mich selber denken. Und vielleicht fordere ich eines Tages meinen Papa zu einer Partie Schach heraus.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

23OKT2025
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Mal wieder stehe ich im Supermarkt an der falschen Kasse. „Warum geht das denn jetzt hier so langsam?“, denke ich und trommle ungeduldig mit den Fingerspitzen auf meinem Einkaufskorb herum.

Beim Blick auf die Frau an der Kasse wird mir alles klar: Sie ist noch sehr jung und scheint ganz neu zu sein. Eine Auszubildende vielleicht. Sie kann es noch nicht. Muss über jeden Handgriff nachdenken, drückt die falschen Tasten, braucht ewig, um das Bargeld richtig einzusortieren.

Eigentlich wollte ich hier nur ganz schnell rein und wieder raus. „Aber jeder muss sein Handwerk erst lernen“, denke ich und nehme mir vor, meine Ungeduld nicht zu sehr zu zeigen.

Jetzt hat aber die Kundin vor mir auch noch Rabattmärkchen dabei. Die junge Frau an der Kasse versucht verzweifelt, diese einzubuchen. Es klappt nicht. Sie wird hektisch, und schließlich geht gar nichts mehr. Die Kasse geht nicht mehr auf, egal, welche Taste sie drückt. Sie wird ganz rot im Gesicht und schämt sich so sehr, dass sie gar nicht mehr hochschaut. Ich spüre, wie schrecklich sie sich fühlt.

Die Schlange hinter mir wird länger und länger. Die Auszubildende wendet sich hilflos an die Kassiererin, die drei Kassen weiter sitzt. Die ruft eine Kollegin aus, die helfen soll.

Unglücklich schaut die Auszubildende in die Richtung der wartenden Menschen und sagt leise: „Es tut mir leid. Meine Kollegin kommt gleich.“ Es müssen also alle warten.

Ich rechne fest damit, dass irgendjemand in der langen Schlange gleich seinen Unmut kundtut. Ich warte darauf, dass das Gemecker losgeht. Aber die Dame vor mir sagt ganz ruhig: „Kein Problem. So eilig haben wir's doch nicht“. Ein Kunde hinter mir murmelt: „Ach, das macht doch nix.“ Und ich selber höre mich sagen: „Alles gut, es gibt Schlimmeres.“

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt endlich eine Kollegin der Auszubildenden zu Hilfe. Sie erklärt ihr ruhig, was zu tun ist. Als es endlich weitergehen kann, legt sie der Neuen noch kurz die Hand auf die Schulter und sagt: „Lass dich nicht hetzen, das wird schon.“

Und ich? Wundere mich kurz, wo meine Ungeduld geblieben ist.  Und muss lächeln, als ich den Laden verlasse.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

16JUL2025
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Seit einiger Zeit suche ich meine Mitte. Meine Körpermitte. Ich habe einen neuen Sport angefangen: Pilates. Das ist eine Sportart mit Übungen, die die Muskulatur kräftigen sollen.

Beim Pilates ist es wichtig, vor jeder Übung bestimmte Muskelgruppen in der Körpermitte anzuspannen, das sogenannte „Power House“.

Meine Trainerin hat mir erklärt, dass das „Power House“ in meiner Körpermitte mir dabei hilft, meinen Körper aufzurichten und ihn stabil zu halten. Sie sagt: Wenn man ein gut trainiertes „Power House“ hat, kann einen so schnell nichts umwerfen.

Mir als Anfängerin fällt es aber gar nicht so leicht, mein „Power House“ zu aktivieren. Ich wusste ja vorher nicht mal, dass es sowas gibt, geschweige denn, wo ich es finde und wie ich es gezielt benutzen kann. Eine bestimmte Atemtechnik gehört dazu – und viel Übung und Geduld. Wenn ich die Übungen ein paar Tage nicht gemacht habe, dann fühlt es sich an, als müsste ich wieder von vorn anfangen. Aber ich versuche es immer wieder, denn ich hätte gerne eine starke Körpermitte, die mir hilft, meinen Körper aufrecht und stabil zu halten.

Ich stelle mir vor, dass es so eine Mitte vielleicht nicht nur für den Körper gibt, sondern auch für die Seele.  So eine Art „Power House“, das hilft, die Seele aufzurichten und stabil zu halten. Und ich denke, dass ich etwas dafür tun kann, diese Mitte zu stärken.

Für mich ist diese Mitte mein Glaube an Gott. Aber dieses „Power House“ in mir zu finden ist nicht immer so ganz leicht. Es ist ein bisschen wie beim Sport: Zum Glauben gehören Übung und Geduld, und wenn man es eine Zeit lang nicht gemacht hat, denkt man vielleicht, man könnte es gar nicht mehr. Manchen hilft eine bestimmte Atemtechnik oder eine Routine wie das regelmäßige Beten, um diese Mitte zu stärken. Die einen trainieren ihre seelische Mitte gern in Gemeinschaft mit anderen beim Gottesdienst oder im Chor. Andere machen das lieber für sich alleine in der Stille.

Es kann manchmal schwierig sein, dranzubleiben. Aber ich versuche es immer wieder, denn ich hätte gerne eine starke Mitte, die mir hilft, meine Seele aufzurichten und im Gleichgewicht zu halten.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

15JUL2025
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Als Kind habe ich im Sommer mit meinen Eltern und Brüdern einmal einen wunderschönen Sternenhimmel gesehen. Wir hatten uns nachts im Garten auf die Picknickdecke gelegt und die Sterne angeschaut. Das war in einer ziemlich abgelegenen Gegend, in der es nachts richtig dunkel wurde.

Es war ein sehr schönes Gefühl, im Dunkeln diese kleinen Lichter zu sehen. Sie sind ja immer da, aber an diesem Abend habe ich sie ganz bewusst wahrgenommen.

Seitdem nehme ich mir immer wieder mal vor, den Sternenhimmel anzuschauen. Aber dann bin ich doch wieder zu müde. Ich müsste wahrscheinlich auch ein Stück rausfahren. Denn von unserem Garten aus sieht man nur einen kleinen Ausschnitt vom Himmel.

Und dann ist da noch die Lichtverschmutzung: das künstliche Licht in unseren Städten, das dafür sorgt, dass es eigentlich gar nicht mehr so richtig dunkel wird. Leuchtreklame, Straßenverkehr und die Betriebe, in denen rund um die Uhr gearbeitet wird. Deshalb ist es in vielen Regionen nachts zu hell, um den Sternenhimmel gut zu sehen.

Wenn es immer hell ist, und die künstlichen Lichter so stark scheinen, dann ist es schwer, die besonderen Lichter zu entdecken.

In der Bibel geht es oft um Licht. Und zwar um besonderes Licht. Einmal heißt es: „Ihr strahlt als helle Lichter in der Welt.“ (Phil 2)

Ich finde, es ist eine schöne Idee, Menschen mit einem besonderen Licht zu vergleichen. Es gibt so viele Menschen, die sich für etwas Gutes einsetzen, die für andere da sind, die anderen Mut machen, einfach weil sie etwas von ihrer Liebe, ihrem Vertrauen und ihrer Hoffnung weitergeben.

Solche Menschen sind wie Sterne am Himmel. Es gibt so viele. Sie sind immer da. Aber ich sehe sie nicht immer. Weil ich ja nur einen kleinen Ausschnitt der Welt wahrnehme. Und wegen der Lichtverschmutzung: weil es so viel Anderes, Grelles in der Welt gibt, das diese besonderen Lichter überdeckt.

Ein besonderes Licht ist überall da, wo wir Menschen füreinander da sind. Wir leuchten einzeln oder tun uns zu Sternbildern zusammen, und je mehr wir sind, desto heller können wir füreinander strahlen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

14JUL2025
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Neulich habe ich in unserem Garten mit einem Ilex gekämpft. Das ist so ein Stechpalmengewächs mit sehr piksigen Blättern. Der stand schon da, als wir eingezogen sind, und ich mochte ihn noch nie.

Ich habe ja leider überhaupt keine Ahnung vom Gärtnern. Ich stelle mir das so schön vor, wenn man einen Garten richtig anlegt und pflegt, so dass immer etwas blüht und jede Pflanze einen guten Standort hat. Aber ich wüsste überhaupt nicht, wo und wie ich das anfangen sollte.

Dieser Ilex hat mich jedenfalls einfach genervt. Also bin ich ihm zu Leibe gerückt, und ich habe einige Kratzer davongetragen.

Zwischendurch habe ich fast aufgegeben. Mir war klar, dass ich die Wurzel nicht alleine entfernen kann. Das piksige Ding wird also wieder nachwachsen. Und ich habe mich gefragt, ob es die Mühe dann überhaupt wert ist. Ich habe mich aber durchgebissen und den Ilex kleingekriegt.

Hinterher war ich aber leider auch nicht glücklich. Denn so hässlich ich den Strauch vorher fand – die Lücke, die jetzt im Garten klaffte, war auch nicht viel besser.  Das kommt davon, wenn man ohne richtigen Plan einfach irgendwo anfängt! Die Lücke ist erstmal geblieben. Irgendwann, habe ich gedacht, muss ich mir überlegen, was ich damit mache.

So ist das hin und wieder in meinem Leben. Manchmal möchte ich etwas verändern, weil ich eine vage Vorstellung davon habe, dass es irgendwie schöner und perfekter sein müsste. Aber oft habe ich keinen richtigen Plan. Dann fange ich irgendwo an, versuche etwas zu verbessern und bleibe auf halber Strecke stehen. Manches in meinem Leben bleibt wahrscheinlich immer irgendwie unfertig.
Oder es kommt ganz anders. Anders als ich gedacht habe.

An der Stelle, an der ich den Ilex zurückgeschnitten habe, sind auf einmal zwei grüne, kräftige Stängel zielstrebig in die Höhe gewachsen. Die Blattform kam mir irgendwie bekannt vor, und ich habe abgewartet. Und tatsächlich: mittlerweile blühen zwei wunderschöne Sonnenblumen in der Lücke.

Keine Ahnung wie die dahin gekommen sind. Aber ich finde, kein Gärtner hätte das schöner anlegen können!

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

13JUL2025
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Herr Schmitz spielt gerne „Mensch ärgere dich nicht“. Er hat eine spezielle Würfeltechnik. Wenn er die Augen schließt, den Würfel anpustet und sich dabei eine Zahl wünscht, dann hat er meistens Glück. Dann reibt er sich die Hände und schmeißt genüsslich seine Gegnerin raus.

Seine Gegnerin heißt Marie. Sie ist 19 Jahre alt und macht ein Freiwilliges Soziales Jahr im Pflegeheim. So gut es geht versucht sie, die Pflegekräfte auf Station 2 zu entlasten. Sie räumt die Spülmaschine aus, bezieht Betten und verteilt Eiskaffee an die Bewohner.

Manchmal hat sie Zeit für eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ mit Herrn Schmitz. Oder um sich die Geschichten von Frau Pohl anzuhören. Die erzählt so gern, wie es war, als sie den schönen Hans kennengelernt hat und er nur mit ihr tanzen wollte. Frau Jaron erzählt auch gern von früher. Aber in ihren Geschichten geht es oft um Vertreibung und Flucht. Das kannte Marie vorher nur aus dem Geschichtsunterricht.

Manchmal fragt sich Marie, warum sie ausgerechnet ins Pflegeheim gegangen ist für ihr Soziales Jahr.  Ihre Freundinnen meinen, sie hätte sich auch „was lustigeres“ aussuchen können. Und ja, Marie findet es manchmal belastend: Dass die Menschen dort so sehr auf Hilfe angewiesen sind, und dass man ihnen ständig in die Privatsphäre trampelt.

Aber wenn sie mit Herrn Schmitz würfelt, oder Frau Pohl vom schönen Hans schwärmt. Und wenn Frau Jaron erzählt, wie sie als Kind zum ersten Mal Schokolade geschenkt bekommen hat, während sie genussvoll ihren Eiskaffee schlürft – dann ist Marie doch ganz froh, hier zu sein.

Diese Menschen sind für sie längst mehr als Versorgungsfälle. Jede und jeder von ihnen trägt ein ganzes Leben in sich. Jede und jeder von ihnen weiß so viel von der Liebe, vom Leid und vom Glück. Jede und jeder hat seine ganz eigene Art entwickelt, mit dem Leben umzugehen.

Im Reli-Unterricht hat Marie mal gelernt, dass man alte Menschen mit Respekt behandeln soll. Damals ging es darum, dass man ihnen im Bus einen Sitzplatz anbietet.

Heute steckt für Marie noch viel mehr dahinter. Die Ehrfurcht vor einem ganzen Leben in all seinen Facetten. Und die Freude an jedem guten Augenblick.

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