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20MRZ2022
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Schwester Maria Immaculata Kieninger (OSB) Foto: Manuela Pfann

Heute ist Weltglückstag, wie immer am 20. März. So haben es die Vereinten Nationen vor zehn Jahren beschlossen. Es geht darum in den Blick zu nehmen, was Menschen brauchen, um sich wohl und glücklich zu fühlen. Allerdings: Wenn ich heute in unsere Welt schaue, sehe ich gerade viel Unglück. Wie also vom Glück erzählen? Ich fahre dazu an einen Ort von dem ich glaube, dass dort, trotz allem, viele glückliche Frauen leben.

Ich mache mich auf die Reise, ins Schwäbische Oberland. In der Nähe von Ravensburg liegt das Kloster Kellenried. Dort treffe ich Sr. Maria Immaculata. Mir kommt eine lächelnde Frau entgegen, gestützt auf einen Rollator. Sie ist 92 Jahre alt. Ihre Augen sind hellwach und nicht nur ihre Stimme hat etwas Jugendliches bewahrt. Wer ist diese Ordensfrau, die nach über 70 Jahren hinter Klostermauern sagt, ihr Leben sei unwahrscheinlich glücklich verlaufen? Sie erzählt mir von ihrem ersten Tag:

Damals, als ich eintrat, hab ich nur die eine Sorge gehabt: Was tust Du, wenn es Dir langweilig wird? Ich hatte die Vorstellung, da betet man den ganzen Tag und das hältst Du nicht aus.

Sie hat es sehr gut ausgehalten. Denn gebetet hat sie nur während der einen Hälfte des Tages. In der anderen galt es anzupacken. Und das gefiel ihr:

Wir Frauen waren schon immer emanzipiert, weil wir alles selber gemacht haben. Wir hatten Schreinerei, wir hatten Malerei, wir hatten Anstreicherei, Schusterei. Ob das im Viehstall war oder bei den Hühnern, ich hab damals noch überall gute Mitschwestern gehabt. Und was die gemacht haben, hab ich auch gemacht. So dass jede Phase meines Lebens zu meinem Glück geworden ist; das kann ich gar nicht anders sagen.

Das finde ich bemerkenswert. Denn die junge Schwester ist damals ohne jegliche Ausbildung ins Kloster eingetreten. Aber nicht ohne Talent. Wie denkt sie darüber, wenn sie heute zurückblickt?

Um das kurz zu sagen, wie ich mein Leben sehe, dann würde ich sagen - das würde ich jetzt schwäbisch sagen: Wie a Katz, die immer auf d‘ Fiaß fällt. Weil ich die Gaben mitbekommen habe, unkompliziert die Dinge, wie sie kommen, zu tun.

Und mit dem Talent kommt dann das Glück einfach so dazu?

Nein, nein. Hinsitzen und meinen, das fällt mir in den Schoß, da kannst Du lang warten.

Also hat sie geackert, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Kerzenwerkstatt. Und das hat ihr Kloster im Laufe der Jahrzehnte fast ein bisschen berühmt gemacht.

Sr. Maria Immaculata ist 92 Jahre alt und lebt im Kloster Kellenried bei Ravensburg. Fröhlich und bei guter Gesundheit. Die Kerzenwerkstatt im Kloster ist das Lebenswerk der Benediktinerin. Seit fast 60 Jahren ist sie die Chefin.

Als ich angetreten bin, waren wir ganz arme Leute und haben nur von Almosen gelebt. Meine Mitschwestern und ich haben dann die Erwerbszweige aufgebaut, die Krippen und die Kerzen. Von Mal zu Mal ist das gewachsen. Und die Nachfrage wird immer größer.

Sie entwirft Motive und bemalt die Kerzen. Und von Kellenried aus gehen sie ins ganze Land: Osterkerzen für die Kirchen, Kommunionkerzen, Hochzeitskerzen und so weiter. Bis heute geht jede Kerze geht durch ihre Hände. Mit den Jahren sind es wohl Hunderttausend gewesen! Was passiert mit der Kerzenwerkstatt, wenn Sr. Maria Immaculata nicht mehr da ist?

Es ist die absolute Ruhe in mir, ich kann jederzeit verschwinden, ich hab versucht, alles mitzuteilen und zu vermitteln. Das ist natürlich eine große Beruhigung. Und was dann daraus wird, das ist dann nicht mehr meine Sache.

Und trotzdem macht sie sich grundsätzliche Gedanken wie alles weitergeht. Vor allem mit Blick auf die junge Generation. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie viele Jugendliche begleitet. Und sie ist sich sicher:

Dass dieser Jesus Christus wie bei mir damals klopft, aber sie hören es nicht mehr. Weil so viele akustische und optische Eindrücke auf sie einströmen jeden Tag und sie sich keine Zeit nehmen, das zu sortieren.

Damit sie dem eigenen Weg oder gar dem Glück in ihrem Leben auf die Spur kommen, da braucht es noch mehr, sagt sie:

Vor lauter Handy und Smartphone und so weiter können die Ideen, die in ihnen liegen, und die Begabungen, gar nicht erkannt werden. Ohne Zeiten der Besinnung kann nichts erkannt werden.

Sr. Maria Immaculata ist dennoch überzeugt, dass keiner seinen Lebensweg alleine geht; weil sie es selbst so erlebt.

Ich meine, jeder, jede wird gut geführt. Das ist zwar vielleicht ein großes Wort, aber ich mein‘s trotzdem. Unser Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, der hat so viel Ideen mit dem Heiligen Geist zusammen und Fantasie.

Und was ist, wenn Dinge doch einmal anders kommen als geplant?

Das macht an meinem Glück nichts aus, wenn etwas schiefläuft. Oder nicht so genau ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber des kratzt mein Glück nicht an. Das sitzt tiefer.

Denkt jemand, der so ein gesegnetes Alter erreicht hat, der so rundum zufrieden ist, eigentlich an das Ende seiner Zeit auf der Erde?

Jeden Abend. Ich sage: Lieber Bruder Tod, ich bin parat, du kannst kommen, aber mach schnell. Und dann hoffe ich, dass du mich ins Licht führst. Und ich bilde mir sogar ein, dass ich empfangen werde.

Das ist mein kleines Glück an diesem Tag: dass ich Sr. Maria Immaculata begegnen durfte, und dass sie ihren klaren Blick auf das Leben mit mir geteilt und mich mit ihrer Freude angesteckt hat.

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23JAN2022
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Beatrix Schubert Foto: Eckhard Raabe

… und mit einer Frau, die sich so vorstellt, wenn sie zur Tür hereinkommt:

Mein Name ist Beatrix Schubert, ich bin Seelsorgerin an der Frauenklinik hier und ich biete Ihnen an Sie zu besuchen, wenn Sie das gerne möchten.   

Und es passiert nur äußerst selten, dass die Klinikseelsorgerin aus einem Patientinnenzimmer in der Tübinger Frauenklinik wieder hinausgeschickt wird.

Ich komme auch nicht sofort mit dem Vater unser auf den Lippen

Sondern ganz ohne Absicht.

Ich guck erst mal, was ist denn hier los überhaupt, ich frage erst mal und ich höre erst mal. Manchmal nicht auf das, was ich an Worten höre, sondern was ich dazwischen wahrnehme an Botschaft oder auch an Gefühlen. Wenn ich sehe, dass jemand sehr bewegt ist oder erschrocken ist.

Und auf diese Gefühlslage trifft die katholische Theologin oft. Fast täglich. Weil in der Frauenklinik Patientinnen behandelt werden, die den Grenzen des Lebens begegnen: Frauen, die eine Krebsdiagnose erhalten haben. Oder Mütter, deren Kinder krank auf die Welt kommen oder gar nicht leben. Da spielt es keine Rolle, ob jemand an Gott glaubt oder nicht. Da öffnet sich eine Tür zu einer Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit, so formuliert es Beatrix Schubert.

In meinen Geschichten, die ich so begleite, ist das wie ein Refrain, diese Begegnung mit dem jenseits dessen, was wir fassen können.

Sie erlebt täglich Situationen, die ich mir kaum vorzustellen vermag. Wenn Kinder sterben – da fällt doch jede Mutter in ein dunkles und tiefes Loch. Kann da eine Klinikseelsorgerin überhaupt Trost spenden?

Der Trost. In dem vordergründigen Sinne gibt es keinen Trost. Und das bleibt auch glaub ich so. Man kann damit leben lernen, dass man das erleben musste. Aber die Wunde wird bleiben, die wird im besten Fall eben gut verheilen. Ein Kind zu verlieren ist glaube ich eines vom Schlimmsten, was ein Mensch überhaupt erleben kann.

Aber es gibt Trittsteine, die beim Leben lernen helfen, sagt Beatrix Schubert. Die legt die 62-Jährige in solchen Momenten. Mehr noch: Sie ist selbst so ein Stein.  

Das fängt damit an, dass da jemand ist, der vor dieser Situation nicht zurückscheut, jemand in Anführungszeichen Normales. Da ist jemand, der weicht uns jetzt nicht aus. Die bleibt dabei, hat mir eine Mutter mal gesagt. Unfassbar. Sie sind dageblieben!

Und die Klinikseelsorgerin ist sich sicher, dass das nicht nur sie kann: Dabeibleiben, eben nicht weglaufen.

Dieser Flucht-Impuls, wenn etwas Schlimmes ist, den hat auch die Freundin der Brustkrebspatientin oder der Mann oder die Kinder. Jeder will bloß weg hier. Ich glaub wir können da viel mehr als wir uns oft zutrauen. Dieses Dabeibleiben und nicht davonlaufen, das können wir alle. Dabeibleiben kann auch heißen, ich sag meiner Freundin: „Du, wenn Du aus dem Krankenhaus kommst, sag mir einfach einen Tag vorher Bescheid. Ich liefer Euch eine heiße Suppe an dem Tag, Du musst nicht kochen.“

Beatrix Schubert ist Klinikseelsorgerin in der Tübinger Frauenklinik. Sie kümmert sich vor allem um Patientinnen und deren Angehörige. Zu ihrem Auftrag gehört aber auch, das medizinische Personal zu begleiten. Das kann sich auch mal ganz spontan ergeben, während sie Rufbereitschaft hat. Dann ist sie auch in anderen Kliniken in Tübingen im Einsatz.

Sie erzählt mir von einer solchen Situation. Sie war mit im Zimmer, an der Seite eines Arztes, als ein Corona-Patient im Sterben lag:

Ich habe den Sterbesegen gespendet, ich habe die Familie noch begleitet, ich bin noch eine Weile dageblieben, weil die richtig kaputt waren, fertig waren, nach 45 Tagen Intensivstation ihres Mannes bzw. Vaters. Und dann war aber da dieser Arzt …

… der einfach froh war, dass Beatrix Schubert mit dabei war. Der nochmals kurz ein paar Worte mit ihr reden wollte. Warum ist das wichtig, dass sie da ist? Was macht den Unterschied?

Ich glaube tatsächlich, dieses gemeinsame Tragen von diesen Sachen, die wir da erleben, dass es da noch welche gibt, die das auch mittragen und nicht woanders sind und Feierabend haben. Dieses gemeinsame auch sich da reintrauen, in diese hochbrisante Situation, das gemeinsame wir halten aus, einen Menschen so sterben zu sehen.

Für sie ist diese Begleitung nicht einseitig, ganz im Gegenteil. Auch die erfahrene Klinikseelsorgerin braucht das.

Das ist auch für mich so, wenn ich mich manchmal frage, was lässt mich denn noch hoffen, hier in diesem Wahnsinn. Ein ganz großer Teil davon ist: Wir tragen das zusammen.

Hoffnung. Ohne die wäre es wohl ganz schön schwer, inmitten von Schicksalen, Leid und Schmerzen. Ist das denn der Schatz, mit dem die Seelsorgerin von Tür zu Tür geht, die Hoffnung?

Ja, das ist ziemlich gut. Wobei schon auch in unserer Klinikrealität der Faktor Zeit eine Rolle spielt. Der Arzt hat seine Listen mit Terminen, da kommen Patientinnen. Und ich bin an der Stelle natürlich freier.

Beatrix Schubert nutzt diese Zeit und sie nimmt sie sich. Vor allem für jene Frauen, die gerade den Boden unter den Füßen verloren haben. Seit 18 Jahren ist sie an deren Seite. Das beeindruckt mich. Was gibt ihr die Kraft dazu, möchte ich am Ende wissen?

Die Liebe! Das hört sich jetzt unglaublich kitschig an. Aber ich nehme so viel Liebe wahr. In den Geschichten, die die Menschen mir erzählen, in dem, wie Paare solche schwierigen Sachen wie mit einem toten Kind bestehen, wie die das miteinander tragen. Das ist die Liebe, die da spricht. Und ich glaub, da spricht Gott. Ganz einfach. Und das immer wieder zu sehen. Für mich ist das toll, das trägt mich. Jeder Tag neu, jede Geschichte anders. Und immer wieder dieses Wunder.

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21JAN2022
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Wenn Licht ins Spiel kommt, dann geschieht etwas. Weil Licht die Situation verändert. Für mich hat Licht immer mit einem Anfang zu tun. Und mit Gott. Ich denke unweigerlich an die Verse in der Schöpfungsgeschichte, als es auf der Erde noch chaotisch war. Da stehen diese bekannten Zeilen in der Bibel. „Und Gott sprach: Es werde Licht“. Das war der Anfang von allem. Danach konnte das Leben beginnen.

Meine eigenen Licht-Erfahrungen halte ich ganz oft beim Fotografieren fest: Ein Lieblingsfoto des vergangenen Jahres habe ich jetzt aufgehängt. Es ist morgens kurz vor 6 Uhr am Meer entstanden: Es zeigt das erste Licht, das sich wie ein Keil zwischen den dunklen Sand und den tief-blauen Himmel schiebt. Der Strand ist menschenleer. Da habe ich etwas von diesem Ur-Anfang gespürt: „Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“

Wo Licht ins Spiel kommt, da geschieht etwas. Weil Licht die Situation verändert. Das ist nicht immer so poetisch-schön, wie ich es beim Fotografieren erlebe. Es kann auch überraschend und praktisch sein. Das habe ich im letzten Herbst erfahren, in der Nacht auf den 1. November. Ich habe traditionell zu Beginn der dunklen Jahreszeit eine große Wachskugel vor die Türe gestellt. Damit das Licht in dieser Nacht nicht ausgeht, habe ich ein kleines Grablicht im Bauch der Kugel entzündet, es brennt länger als ein Teelicht. Es ist mein Zeichen und meine Form, in der Nacht auf Allerheiligen an verstorbene Freunde und Verwandte zu denken. An die Kinder in ihren Halloween-Kostümen habe ich in dieser Nacht natürlich auch gedacht. Neben die Kerze habe ich deshalb eine große Schüssel mit Süßigkeiten gestellt – zur Selbstbedienung. Als ich kurz nach Mitternacht vor die Tür gegangen bin, war die Schüssel leer - und die Kugel war weg. Das Licht war weg. Das hat mich geärgert.

Aber die Vorstellung, dass die Kinder das große Licht durch die Straßen und von Haus zu Haus getragen haben, die hat mir gefallen. Und mich mit dem kleinen Diebstahl versöhnt. Weil Licht eben so viel mehr ist als eine Wachskugel. Vielleicht war es für die Kinder eine willkommene Begleitung, durch die Dunkelheit. Vielleicht hat es ihren Mut gestärkt, an fremden Türen zu klingeln. Wenn Licht ins Spiel kommt, dann geschieht etwas. Dass das im neuen Jahr bei Ihnen auch so ist, das wünsche ich Ihnen.

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20JAN2022
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Finnland hat es fast geschafft. Dort gibt es nur noch 4.000 Menschen, die obdachlos sind. In Deutschland sind es im Moment fast eine Million! In Finnland leben zwar deutlich weniger Menschen als bei uns. Trotzdem:  Mich beeindruckt, wie die Finnen mit dem Thema Obdachlosigkeit umgehen. Sie haben vor 15 Jahren ein Konzept entwickelt. Es heißt „Housing first“. Und bedeutet: Jeder Mensch, der möchte, bekommt eine Wohnung. Ohne dass er zuvor irgendwelche Auflagen erfüllen muss. Er muss nicht zuerst einen Arbeitsplatz finden oder eine Entziehungskur machen. Einer der Verantwortlichen für das Konzept sagt: „Wir haben erkannt, dass es nichts bringt, Menschen in Not unter Druck zu setzen. Sie brauchen bedingungslose Hilfe und eine Wohnung.“[1] Mir leuchtet das ein. Denn wer täglich neu einen Schlafplatz suchen muss, unterwegs ist, um Pfandflaschen zu sammeln oder etwas zu essen zu organisieren, der hat keine Energie mehr, diesen Teufelskreis zu verlassen.

Vor 15 Jahren habe ich selbst miterlebt was passiert, wenn dieses Prinzip angewendet wird: Housing first!  Auch wenn die Initiative damals natürlich nicht so geheißen hat. Ich bin unterwegs gewesen in Argentinien, mit einer Gruppe unserer Kirchengemeinde. Wir haben das Dorf besucht, in dem mit Spendengeldern Häuser errichtet wurden. Denn viele Einwohner hausten zu diesem Zeitpunkt in Wellblechhütten im Dreck, ohne Toiletten oder fließendes Wasser. Nachdem unser Pfarrer das Haus einer großen Familie gesegnet hatte, sagte die alte Mutter zu uns: „Ihr habt uns unsere Würde zurückgegeben.“ Mich hat dieser Satz damals beeindruckt. Und er hat mir klar gemacht, dass das zusammenhängt: sich als Mensch würdig zu fühlen und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Bis 2027 soll in Finnland niemand mehr auf der Straße leben müssen. Bemerkenswert bei diesem Ziel: Es ist die Regierung, die Hilfsorganisationen auffordert, das umzusetzen. In den meisten Ländern ist das genau umgekehrt.

Ich hoffe sehr, dass die Politik in Deutschland jetzt endlich aktiv wird. Und es ermöglicht, dass dringend benötigter Wohnraum für so viele Menschen entstehen kann. Es wird ganz sicher ein langer Weg, bis auch bei uns jeder ein Dach über dem Kopf hat, der das möchte. Aber das muss das Ziel jeder Gesellschaft sein. Denn jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde. Die muss er sich durch nichts verdienen.

 

[1]Obdachlos in der Corona-Pandemie: Der Mann, der Obdachlosigkeit in Finnland abschafft - DER SPIEGEL,  23.04.2021

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19JAN2022
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Letzte Woche habe ich einen ungewöhnlichen Brief geschrieben. An einen Menschen, dem ich nur einmal kurz über den Weg gelaufen bin, letzten Sommer. Dieser Brief ging an den Lehrer meines Sohnes. Beigelegt habe ich eine kleine Geschichte – über ihn, meinen Sohn und mich. Als Dankeschön. Sie geht so:

Ich mache mich auf den Weg, im schicken Sommerkleid. Die Stadt ist mir fremd, die Menschen auch. Von ein paar wenigen Freunden meines Sohnes kenne ich die Namen; heute lasse ich mir von ihm die Gesichter dazu zeigen. Auf den ersten Blick alles nette Jungs, schwarze Hose, weißes Hemd, viele sind groß und sportlich. Sie alle haben in diesem Sommer das Abitur gemacht; heute Nachmittag ist Zeugnisübergabe. Er hat sich gewünscht, dass ich dabei bin.

Die Rolle des Besuchers, des Fremden an diesem Tag, ist normalerweise die Rolle der Väter, wenn die Kinder nach der Trennung bei der Mutter bleiben. Und der nur in Ausschnitten erlebt, wie sein Kind aufwächst, mit welchen Freunden es um die Häuser zieht, wie es mit der Schule hadert und in welcher Nacht es den ersten Rausch nach Hause bringt. Heute bin ich die Fremde, stellvertretend für Viele. Väter und Mütter. Für viele, die Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen loslassen, die einen früher, die anderen später.

Ich habe meinen Sohn im Alter von 11 Jahren ziehen lassen. Wenn ich an seine Worte damals denke, dann bewegt mich das noch heute. Er hat zu mir gesagt, es sei unfair, wenn alle drei Kinder bei mir wären und keines bei Papa. Er hat es ruhig und überlegt gesagt, mit seinem großen Gerechtigkeits-Herzen. Ich konnte gar nicht anders, als ihn gehen zu lassen. Mit großer Achtung vor diesem kleinen Jungen. Und: mit Gottvertrauen.

Vielleicht war es dieses Gottvertrauen, das uns durch die Jahre getragen hat. Wir haben beide unseren Part so gut wir konnten erfüllt – und beim Rest auf Gott vertraut. 

Als Leistungsfach in seinem Abitur hat mein Sohn Religion gewählt. Der Religionslehrer ist gleichzeitig zwei Jahre lang sein Tutor gewesen. Die Dankesrede des Kurses für ihren Lehrer beeindruckt mich: Er war immer für sie da, er hat sie in allen Lebenslagen motiviert. Auf seine Unterrichtstunden haben sie sich gefreut, obwohl sie am Nachmittag lagen. Er hat sie zu sich nach Hause eingeladen und ihnen beigebracht, wie man von Hand schwäbische Spätzle schabt. Während Corona hat er seinen Schülern nicht nur Kopien ausgeteilt; er hat persönliche Mails geschrieben mit inspirierenden Texten, er hat Briefe in ihre Briefkästen geworfen. Sie bezeichnen ihn als ihr Vorbild. Soweit die Geschichte.

Vielleicht heißt Gottvertrauen auch: darauf hoffen zu dürfen, dass so ein Mensch, wie dieser Lehrer im richtigen Augenblick da ist.

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18JAN2022
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Manchmal zweifle ich, ob es einen Gott gibt. Einen, der mich im Blick behält? Eine übergeordnete Instanz, an die ich mich wenden kann?  Und falls doch bleibt die Frage, wie ich mich Gott nähern kann. Ich spüre eine große Spannung: Da ist auf der einen Seite mein Denken, das sich immer wieder versucht gegen die Existenz eines Gottes zu wehren, weil es ihn nicht kennt. Und gleichzeitig strecke ich auf der anderen Seite meine Hand nach ihm aus. Weil ich mir sehnsüchtig wünsche, dass ich meine Fragen, Bitten und Gebete an ihn adressieren kann, dass sie bei ihm aufgehoben sind. Dass ich selbst bei ihm aufgehoben bin.

Wer oder was ist dieser Gott? Wo taucht er in meinem Leben auf, so dass ich ihn bemerke? Wenn es mir schwerfällt Gott, in meinem Leben zu spüren, dann halte ich mich an eine Art „Vorlage“: Der Schriftsteller und Philosoph Hans-Magnus-Enzensberger glaubt eher weniger als mehr an einen Gott. Trotzdem scheint auch er die Idee, dass es da jemanden gibt, nicht ganz zu verwerfen. Er hat ein berühmtes Gedicht geschrieben mit dem Titel „Empfänger unbekannt“. Hauptthema ist eine Art Lebensdank. Für alles. Zum Beispiel dankt er „für den Anfang und das Ende und die paar Minuten dazwischen“. Für „die vier Jahreszeiten“. Oder für „die Begierde und das Bedauern“. Auch die Alltagsdinge sind ihm ein Anliegen: Er dankt für den Bordeaux, das Koffein und für warme Winterstiefel. Bei wem er sich bedankt, das lässt er offen. So, wie es der Titel des Gedichts klar ausdrückt: „Empfänger unbekannt“. 

Wenn ich das Gedicht von Enzensberger mit meinem Dank fortsetzen wollte, dann könnte ich heute anfügen: Ich danke für den wunderbaren Duft von frischen Zimtschnecken im Haus. Für die Sonne am Morgen. Vielen Dank auch für meine Zweifel; und für den Frieden zwischen den Kindern. Danke für das Thermalwasser und die Lust am Lesen.

Wenn es mir gelingt auf diese Weise zu danken, dann klingt das für mich schon wie ein halbes Gebet. Mehr noch: Ich glaube, je mehr ich es schaffe, für all jene Dinge zu danken, auf die ich selbst keinen Einfluss habe, desto mehr bin ich fähig zu glauben: Und zwar, dass es jemanden gibt, der Grund für meinen Dank ist. Grund und somit Adressat. Und da liegt mir Gott als Empfänger näher als der Unbekannte.

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17JAN2022
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Mit dem Stift in der Hand sitze ich vor einem weißen Block. Das neue Jahr ist noch ganz frisch. Ich habe das Bedürfnis, es zu planen. Also überlege ich: Was nehme ich mir vor? Was will ich ändern? Womit kann ich neu anfangen? Das Blatt wird schnell voll, ich habe viele Pläne, Ideen und Wünsche: Ich will endlich einmal in der Woche wieder Sport machen. Ich möchte im Herbst eine Fortbildung anfangen. Meine Fotos der letzten Jahre will ich zu Fotobüchern verarbeiten. Zum Lesen möchte ich mir jede Woche feste Zeiten einplanen. Im Sommer möchte ich wieder nach Wangerooge, aber eigentlich auch nach Frankreich. Mein Büro will ich einmal im Monat aufräumen. Meine Freundinnen will ich wieder öfter treffen. Und meinen Sohn regelmäßiger Vokabeln abfragen. Und, und, und. Wenn ich mir das Blatt anschaue, habe ich das Gefühl: Es ist eigentlich jetzt schon zu viel. 

Mein Sohn kommt um die Ecke und verdreht die Augen, als er meine Liste sieht. Ich lege sie beiseite und wir entscheiden uns für einen Filmabend. Und das ist genau das Richtige. Denn es läuft ein Filmklassiker, der mich unerwartet auf Antworten stößt. „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Unser Fazit am Ende lautet: „Erst wenn Du das Beste aus Dir rausgeholt hast, dann kriegst Du Dein Leben zurück“. Kurz zusammengefasst geht es in dem Film darum: Ein Mann steckt in einer Zeitschleife fest. Er wacht morgens am immer selben Tag auf. Erst als er mit der Zeit lernt, sich an diesem Tag zu benehmen und nicht mehr egoistisch, sondern freundlich und hilfsbereit ist, darf er die Schleife verlassen. Und ist ein anderer Mensch geworden. Weil er das Beste aus sich und aus jedem Tag herausgeholt hat.

Am Ende unseres Filmabends reiße ich das Blatt mit den Plänen aus meinem Block. Und werfe es in den Papierkorb. Der Film hat mich auf eine ganz neue Spur gebracht, obwohl ich ihn schon dreimal zuvor gesehen habe. Ich blättere meinen Block um. Auf die nächste Seite schreibe ich die Zeilen eines Gedichts vom brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho. Sie lauten so:

Jeder Morgen trägt eine
verborgene Segnung in sich,
die nur an diesem Tag wirksam
ist und nicht aufbewahrt oder
wiederbenutzt werden kann.

Wenn wir das Wunder heute
nicht nutzen, geht es verloren.

Wenn ich mich darauf einlassen kann, dann brauche ich keine langen Listen. Coelhos Worte sind eine wunderbare Anleitung – für das ganze Jahr und für jeden einzelnen Tag.

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19DEZ2021
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Pfarrer Rainer Maria Schießler Foto: Susi Knoll

„Ich gehe zur Beichte“. Das habe ich noch nie von jemandem in meinem Umfeld gehört. Weil es den meisten Menschen wohl so geht wie mir: Bei diesem Thema habe ich mir lange einen alten, muffigen und dunklen Holzkasten vorgestellt, den Beichtstuhl. In der einen Hälfte sitze ich, in der anderen ein Priester; ich kann ihn nicht sehen, nur hören. Und dann soll ich erzählen. Was ich nicht gut gemacht habe in meinem Leben. Wo ich gesündigt habe. Und der Priester urteilt darüber, wie ein himmlischer Richter. Nein, sowas brauche ich nicht.  Aber vielleicht liege ich falsch. Es kann auch ganz anders laufen. Das wird mir deutlich, als ich mit dem Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler spreche. Er ist ein Mann der klaren Worte. Dafür ist er nicht nur in Kirchenkreisen bekannt. Schon sein erster Satz zum Thema Beichte sitzt:  

Du kannst scheiße bauen und bist wieder befreit. Das ist natürlich sehr oberflächlich gedacht. Aber es bringt eigentlich auf den Punkt, was für eine Ur-Erfahrung wir als Kinder bei der Erst-Beiche gemacht haben: den Moment der Befreiung.

Der kleine Rainer Maria und seine Freunde hatten keine Angst damals. Und als sündige Übeltäter haben sie sich nie gefühlt. Deshalb kann er bis heute sagen, dass die Beichte ein tolles Sakrament ist.

Ich werde ein Leben lang dazu eingeladen. Diesen Moment der Befreiung, dass mir jemand zusagt, Leben geht weiter, Zukunft ist da, Deine Begleitung hat sich nicht von Dir verabschiedet. Gott ist immer noch an Deiner Seite. Du musst nicht verzweifeln, nicht mal an Deiner eigenen Schuld, das ist eine starke Zusage.

Und Rainer Maria Schießler weiß, wovon er spricht. Er war noch sehr jung, als er selber genau diese Begleitung gebraucht hat. Jung und sehr wütend auf Gott.

Meine ganz persönlich intensivste Beichte war vor 40 Jahren, am Tag nach dem Tod meiner Mutter. Ich war 19 Jahre alt und ich hab das als so eine Ungerechtigkeit empfunden. Und ich konnte meine Wut ihm gegenüber überhaupt nicht beschreiben.

Ich stutze, als Pfarrer Schießler von dieser Situation erzählt. Ist Wut ein Grund zur Beichte zu gehen?  

Ich hab’s deklariert als Sünde vor Gott, dass ich mich über ihn furchtbar geärgert habe. Ich wollte ihm sagen, was Du hier gemacht hast, ist unter aller Sau. So, wie ein 19-Jähriger, der jetzt grad sein Abitur gemacht hat, der grad sein Leben vor sich hat, jetzt wirklich da steht, wie der Depp vom Dorf.

Die Reaktion des damaligen Beichtpriester sollte für den späteren Pfarrer zum Maßstab werden.

Das war eine meiner wichtigsten Unterweisungen, er hat kein frommes Ei drüber geschlagen. Er hat einfach versucht, mit mir Wut in Trauer umzuwandeln. Was noch lange gedauert hat, aber da war der Anfang.

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Der Münchner Pfarrer und Buchautor Rainer Maria Schießler meint, die Beichte sei das wichtigste Sakrament in der katholischen Kirche. Weil beichten heißt: Du bekommst eine neue Chance. Jedes Mal wieder. Zurück auf Los, quasi. Ganz egal was ich getan habe? Kleine Sünde oder große Sünde?

Völlig egal. Keinem ist diese Umkehr versperrt. Und sei die Schuld noch so groß. Ich geh doch nicht hin mit der Waage oder dem Rechenschieber ob ich ihn jetzt davon lossprechen kann oder nicht. Was ich Dir zusagen kann ist dieses biblische Wort: Fürchte Dich nicht. Vertraue auf diese Urkraft, die auch in Dir da ist. Nämlich eine Sehnsucht, die auf jeden Fall beantwortet wird. Nämlich, dass du angenommen bist.

Auf die Idee bin ich lange nicht gekommen, dass ein Beichtgespräch mir dabei helfen könnte. Und da bin ich wohl nicht allein.

Das ist ja so eine komische Geschichte. Dass der Niedergang dieses Bußsakraments begleitet wurde von dem Aufkommen der öffentlichen Beichten. In Talkshows, in den sozialen Medien. Je leerer die Beichtstühle wurden, umso voller wurden die Fernsehstudios; und jetzt die sozialen Medien.

Das bedeutet: Das Bedürfnis zu beichten ist also grundsätzlich da, aber an anderen Orten beziehungsweise auf anderen Kanälen. Andersrum gefragt: Statt einem Facebook-Post also zwischendurch mal ein geistliches Gespräch suchen, um die Seele zu heilen?

Auf jeden Fall findet, wenn du das möchtest, in Dir ein Prozess der Verwandlung statt. Zumindest an der eigenen Minderwertigkeit nicht zu zerbrechen. Ich muss bei mir anfangen, diese Minderwertigkeit abzubauen, um stark werden zu können. Und dann bin ich auch ein anderer Mensch. Aber das heißt nicht, dass das auf Knopfdruck geht, das ist kein Heilsautomatismus, es ist eine geistliche Übung.

Wann ist ein guter Zeitpunkt für solch ein Gespräch, frage ich den Pfarrer der Münchner St.-Maximilians-Kirche.

Ich brauch die Abwechslung, dann brauch ich wieder die Einkehr. Ich werde jetzt mit Sicherheit nicht nach Mallorca fahren und den belebten Strand mit den Quartalssäufern verlassen, um jetzt in der nächsten Kirche zu beichten. Da gibt’s jetzt keinen Anlass. Aber ich könnte zum Beispiel, wenn ich mich zurückziehe, wenn ich mal drei oder vier Tag in einem Kloster verbringe, das zur Gelegenheit nehmen, dass man dann beichten geht.

Was ist es also am Ende für Rainer Maria Schießler? Was macht dieses Sakrament, die Beichte, so wertvoll?

Einfach den Menschen zusagen können, das Leben ist fragmentarisch. Es geht nicht darum, mich darüber zu ärgern, dass es bruchstückhaft ist, sondern in den Bruchstücken einen Plan zu entdecken. Und dieser Plan ist Gott selber.

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26NOV2021
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Ich habe leider nicht gewonnen. Schade. Ein Jahr lang jeden Monat 1.000 Euro bekommen; 12.000 Euro einfach geschenkt– ohne irgendwelche Bedingungen. Der Verein „Mein Grundeinkommen“ verlost seit einigen Jahren jeden Monat sogenannte bedingungslose Grundeinkommen. Das Geld dafür ist gespendet und der Verein will herausfinden: Was macht dieses Geld mit den Menschen? Wie wirkt sich ein geschenktes Grundeinkommen auf ihr Leben aus? In der Politik wird immer wieder darüber diskutiert; während der Corona-Pandemie verstärkt: Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle eine gerechtere Gesellschaft möglich machen? Es gibt zahlreiche Argumente dafür und zahlreiche dagegen. Und weil noch kein Land so ein Modell tatsächlich für alle ausprobiert hat, kann niemand genau einschätzen, was passieren würde.

Die Befürworter des Grundeinkommens haben einen prominenten Fürsprecher: Papst Franziskus. Er ist bekannt für seine Kritik am Kapitalismus. Und denkt deshalb in seinem Buch „Wage zu träumen“[1] über eine ganz neue Ausrichtung der Weltgemeinschaft nach. Vor kurzem hat er gesagt: „Durch die Bereitstellung eines universellen Grundeinkommens befreien und befähigen wir die Menschen in würdiger Weise für die Gemeinschaft zu arbeiten“. Die ersten Erfahrungen mit verschenktem Grundeinkommen zeigen genau das: Die allermeisten Menschen möchten auch mit einem Grundeinkommen weiterarbeiten - aber zu anderen Bedingungen: weniger arbeiten, mehr Zeit für die Familie, für Weiterbildung und Hobbies oder eben für ehrenamtliches Engagement. Dass Menschen auf der faulen Haut liegen bleiben, ist eher nicht zu erwarten. Auch ich könnte mir das nicht vorstellen. Denn Menschen möchten von sich aus mitgestalten und etwas Sinnvolles tun.

Was mir an dieser Idee vom Grundeinkommen vor allem gefällt: Es steht ein anderes Menschenbild dahinter: Jeder hat ein Recht auf die Dinge, die er zum Leben braucht. Einfach, weil er da ist, weil es ihn gibt. Niemand muss sich seine Existenz erst verdienen oder nachweisen, dass er bedürftig ist.

Was würde ein Jahr Grundeinkommen mit mir machen? Ich würde mir ein Jahr Auszeit erlauben. Und mich dann weiterbilden. Die Schreibtherapie interessiert mich. Auch eine Ausbildung bei der Telefonseelsorge kann ich mir gut vorstellen. Und ich würde gerne mal in einem Café bedienen. 

Der Journalist Heribert Prantl hat über Papst Franziskus und seine Vorschläge gesagt: „Im Vatikan sitzt ein realistischer Träumer“. Ich wünsche mir mehr von diesen realistischen Träumern, die Welt könnte einen großen Feldversuch dringend brauchen. Ich wage zumindest mit zu träumen.

 

[1] Papst Franziskus, „Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise“, Kösel-Verlag

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25NOV2021
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Ich befürchte, ich habe da etwas gründlich missverstanden. Und zwar schon mein ganzes Leben lang. Ich bin katholisch aufgewachsen, war Ministrantin, habe mich in der Jugendarbeit engagiert und Erstkommunion und Firmung gefeiert. In meinem Lebenslauf hat ein Ereignis bislang aber immer gefehlt: Ich bin noch nie bei der Beichte gewesen. Weil ich das für nicht notwendig hielt. Ich hatte nichts Schlimmes angestellt. Und den Rest meines Lebens konnte ich gut mit mir selbst ausmachen; dazu fühlte ich mich mündig genug. Der Beichtstuhl war in meiner Vorstellung ein Ort, an dem ich irgendein Geständnis ablegen sollte. Und mir ein Priester dann zusagt, meine Sünden seien mir vergeben.

Ich habe zum ersten Mal eine andere Idee von Sinn und Wesen der Beichte bekommen, als ich meine Kinder in der Vorbereitung zur Erstkommunion begleitet habe. Sie hatten da die Möglichkeit, mit dem Pfarrer ein Beichtgespräch zu führen. Die Kinder kamen unbeschwert und, so hatte ich den Eindruck, auf eine wohltuende Art andächtig aus den Beichtzimmern zurück. Eines der Kinder sagte damals sogar: „Es hat gekribbelt, ich glaube da war Gott im Raum“.

Das hat mich aufhorchen lassen. Und dann habe ich mich selbst auf den Weg gemacht. Um herauszufinden, was bei der Beichte eigentlich wirklich geschieht. Und das war ganz anders, als ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich habe erzählt. Von all dem, was mich derzeit in meinem Leben bewegt. Was mir Sorgen bereitet, was gut läuft, womit ich nicht zufrieden bin und auch, mit welchen Entscheidungen in meinem Leben ich hadere. Die Beichte habe ich als Gespräch erlebt, mit einem Priester, der aufmerksam zugehört hat. Und am Ende war es ganz und gar kein himmlisches Urteil, das er über mich gesprochen hat. Im Gegenteil. Ich bin mit dem Gefühl nach Hause gegangen: Nichts ist aussichtlos. Bei und mit Gott gibt es immer einen Anfang. Ich bin zwar für mich selbst verantwortlich, aber ich muss keinen Weg alleine gehen. Es war auf eine schöne Weise heilsam.

Heute empfinde ich die Beichte als eine Chance, von Zeit zu Zeit zur Ruhe zu kommen. Und dabei immer wieder auf einen Abschnitt meines Lebenswegs zu blicken. Mir ist klar geworden, dass das Leben nun mal fragmentarisch ist. Aber in diesen Bruchstücken einen Plan zu entdecken – genau dabei hilft mir das Beichtsakrament.

Und falls mich jemand fragt, ob ich zur Beichte gehen weiterempfehlen würde - Ja, auf alle Fälle!

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