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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

08APR2026
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Am Anfang meines letzten Seminars hat der Dozent einen Satz losgelassen, der mir bis heute hängengeblieben ist. Er hat gesagt: „Holen Sie sich nicht erst Hilfe, wenn es notwendig ist, sondern dann, wenn es hilfreich sein könnte, und das ist meistens deutlich früher.“

Seitdem sage ich das auch, wenn ich anderen meine Hilfe anbiete: „Gerne melden, wenn es hilfreich sein könnte, nicht erst, wenn es notwendig ist.“

Und ich versuche mich selbst daran zu halten. Auch wenn es mir nicht immer leichtfällt, andere frühzeitig um Hilfe zu bitten. Zum einen ist da die Angst, ihnen unnötig zur Last zu fallen.

Zum anderen ist da mein Ehrgeiz, das selbst schaffen zu wollen. „Das kann doch nicht so schwer sein.“ Oder noch schlimmer: „Ich kann doch nicht so unfähig sein, dass nicht selbst hinzubekommen. Andere schaffen das doch auch.“ Manchmal ist da auch etwas Scham dabei.

Aber tatsächlich fällt es mir mit zunehmendem Alter leichter, andere um Unterstützung zu bitten, oder Sachen, die mich beschäftigen, nicht nur mit mir selbst ausmachen zu wollen. Ich habe das gelernt.

Und wenn ich frühzeitig frage, dann ist der Druck nicht so hoch, auf beiden Seiten. Ich kann ganz vorsichtig anfragen: „Ich bräuchte da mal deine Hilfe, nur falls du Zeit hast, ansonsten schaffe ich es vielleicht auch allein oder überlege mir, wen ich sonst fragen kann. Ach ja, und es muss auch nicht gleich sein, nächste Woche reicht auch noch.“

Wenn es gelingt, dann entlaste ich mich selbst früher und quäle oder überfordere mich nicht unnötig mit Dingen, die mit Hilfe anderer viel einfacher zu lösen wären, z.B. durch ein Gespräch, bei dem ich loswerden kann, was mich gerade beschäftigt. Oder wenn ich ein Formular ausfülle, für das ich stundenlang recherchieren muss, und am Ende immer noch unsicher bin. Warum frage ich erst dann meine Bekannte, die mir ohne große Mühe sagen kann, wie ich es machen muss? Warum habe ich sie nicht gleich angerufen.

Meistens mache ich die Erfahrung, dass andere mir gerne helfen, ja, sich sogar freuen, dass ich sie gefragt habe. Und andersherum geht es mir ähnlich. Ich freue mich, wenn ich andere unterstützen kann. Es gibt mir ein gutes Gefühl, auch dann, wenn es nur hilfreich war und nicht absolut notwendig.

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SWR Kultur Wort zum Tag

07APR2026
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Auf meinem Weg durch die Fußgängerzone hat mich eine Baustelle zu einem kleinen Umweg gezwungen. Ich habe etwas Zeit verloren, aber eine ordentliche Portion Hoffnung gewonnen.

Das lag an dem Saugbagger, den ich dort zum ersten Mal in meinem Leben gesehen habe. Ein Saugbagger sieht nicht aus wie ein Bagger, sondern eher wie ein Kanalreinigungsfahrzeug. Am Heck des Fahrzeugs ist ein Schlauch, an dessen Ende ein Stahlkranz mit Zacken angebracht ist. Mit diesem ist der Bagger in der Lage, die Erde aufzubaggern. Das dabei gelockerte Material wird dann durch den Schlauch ins Innere des Fahrzeugs gesaugt. Es ist weniger die Technik, die mich fasziniert hat, sondern dass ich bis dahin keine Ahnung hatte, dass es so etwas gibt.

Und genau hier ist ein Bild in meinem Kopf entstanden – das passiert mir manchmal. Könnte dieser Bagger nicht dafür stehen, dass die Zukunft noch einiges Spannendes bereithält: nicht nur für Baustellen in Fußgängerzonen, sondern auch für die Baustellen in meinem Leben. Dieser Gedanke beflügelt mich. Er gibt mir Hoffnung für mein Leben. Er macht mir Lust Neues zu entdecken, mich überraschen zu lassen, welche Lösungen es geben könnte, von denen ich jetzt noch keine Ahnung habe.

Und es arbeitet weiter in meinem Kopf: in der Bibel wird Gott immer wieder als derjenige vorgestellt, der Hoffnung macht und Zukunft verspricht. Dem alten Ehepaar Abraham und Sarah stellt er Nachwuchs in Aussicht, dem Volk Israel sagt er zu, dass es aus der Sklaverei befreit wird oder aus dem Exil zurückkehrt.

Manchmal lässt die Bibel Gott dabei sogar in Baustellenbildern sprechen, beim Propheten Jesaja heißt es zum Beispiel: „Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste und Flüsse durchs Ödland.“ (Jes 43,19)

Jetzt an Ostern feiern Menschen, dass Jesus auferstanden ist. Sein Tod hatte seine Jünger und die Frauen in seinem Umfeld verzweifeln lassen. Alles schien verloren. Aber er begegnet ihnen noch mal, in ganz anderer Weise als sie erwartet haben, und das gibt ihrem Leben wieder eine Hoffnung.

Ich weiß, wie leicht der Glaube verloren gehen kann, dass in der Zukunft noch etwas Gutes auf einen wartet, und wie schwer es manchmal ist, Zeichen der Hoffnung dafür zu entdecken. Manchmal aber hat man Glück, und sie begegnen einem ganz unerwartet, so wie mir neulich der Saugbagger.

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SWR Kultur Wort zum Tag

17JAN2026
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„In Verbundenheit, Tobias“. Das schreibe ich manchmal sehr bewusst unter eine Kurznachricht. Neulich zum Bespiel an eine Freundin, die an diesem Tag ein wichtiges Vorstellungsgespräch hatte. „Ich denk an dich und wünsche dir ein gutes Gespräch. In Verbundenheit, Tobias.“ Diese vielleicht etwas altmodisch klingende Grußformel habe ich von einem befreundeten Kollegen übernommen, der zufälligerweise auch Tobias heißt. Wir haben uns während der Ausbildungszeit kennengelernt und haben damals entdeckt, dass uns viel mehr verbindet als nur unser gemeinsamer Vorname. Inzwischen sehen wir uns eher selten. Aber die Verbundenheit ist geblieben. Wenn ich diese beiden Worte von ihm lese, dann erinnern sie mich daran. Mir tut das gut, und ich nehme mal an, dass es uns Menschen grundsätzlich guttut, zu spüren, dass wir mit anderen verbunden sind, und was uns verbindet.

Mich fasziniert, dass Verbundenheit Zeit und Raum überwindet. Mit guten Freunden aus der Schulzeit oder dem Studium fühle ich mich bis heute verbunden, auch wenn wir oft Jahre keinen Kontakt mehr haben. Wenn wir uns dann mal begegnen, ist diese Verbundenheit sofort wieder spürbar. Manchmal reicht es auch, dass ich aus irgendeinem Grund an eine Person denke.

Selbst bei Menschen, die inzwischen gestorben sind, fühle ich, dass wir immer noch verbunden sind. Manchmal ist das schön, weil ich dankbar für die gemeinsame Zeit bin, manchmal ist es auch sehr schmerzhaft, weil ich die Person vermisse. Und trotzdem tut es gut.

Ich kann mich sogar mit Menschen verbunden fühlen, die ich gar nicht persönlich kenne. Es reicht, zu merken, dass ich etwas mit ihnen teile: Werte, Interessen, Gedanken, Fragen oder Zweifel. Z.B. entsteht das Gefühl bei mir, wenn ich ein Interview mit ihnen höre oder eine Reportage über sie lese. Tatsächlich müssen sie dazu noch nicht einmal wirklich existieren, sondern können auch eine Romanfigur oder eine Person in einem Film sein.

Mir tut es gut, wenn ich spüre, mit wem ich verbunden bin, und was mich verbindet. Manchmal ist dieses Gefühl einfach da oder stellt sich ganz von selbst ein. Manchmal scheint es aber auch weg zu sein. Es fühlt sich so an, als sei es verloren. In dieser Situation hilft mir, mir Zeit zu nehmen und bewusst zu machen, welche Verbindungen mich jetzt gerade besonders tragen. Und wenn mir dann eine bestimmte Person einfällt, dann kann ich ihr ja eine Kurznachricht schreiben. „Hey, ich habe gerade an dich gedacht. Sollen wir uns mal wieder treffen? In Verbundenheit, Tobias.“

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SWR Kultur Wort zum Tag

16JAN2026
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Einmal kurz schütteln, und dann geht es ganz entspannt weiter. Was gerade noch ziemlich gestresst hat, scheint von einem auf den anderen Moment abgehakt zu sein. Unsere Hündin Mary hat das drauf – bewundernswert! Wenn sie z.B. einem anderen Hund begegnet ist und das mit viel Stress verbunden war, dann schüttelt sie ihre Anspannung ab und kann sich ganz gelöst wieder anderen Dingen widmen.

Mir selbst gelingt das nicht immer so gut. Wenn ich in einem Gespräch eine seltsame Reaktion meines Gegenübers wahrnehme und das nicht klären kann, dann beschäftigt mich das noch eine ganze Zeit. Mein Kopf sagt mir, dass ich die Situation eigentlich abhaken könnte, weil sie nicht so gravierend war. Aber dann ploppt sie plötzlich wieder auf. Manchmal verbunden mit unangenehmen Gefühlen, unangenehmer als die Situation selbst. Das nervt mich und stört mich dabei, mich den Dingen zuzuwenden, die eigentlich dran wären.

Vielleicht täte mir da auch mal gut, mich im wahrsten Sinne des Wortes zu schütteln. Mich zu schütteln, um die negativen Empfindungen, die noch hängengeblieben sind, loszuwerden. Es dort zu lassen, wo es passiert ist, anstatt es noch eine ganze Weile mit mir herumzuschleppen. Denn das kostet mich Kraft und Aufmerksamkeit, die dann anderswo fehlt.

Aber geht das, was bei Hunden so erstaunlich gut funktioniert, auch bei uns Menschen? Vermutlich ja, weil unsere Gedanken und Gefühle so eng mit unserm Körper verbunden sind. Wenn ich an etwas Schönes denke, dann beginne ich mich aufzurichten, meine Mundwinkel gehen nach oben, und meine Augen fangen an zu strahlen. Wenn mich etwas ärgert, dann verfinstert sich meine Mine, meine Muskulatur spannt sich an, und Herzschlag und Atmung werden schneller.

Unser Körper reagiert auf das, was im Gehirn geschieht. Aber genauso geht es auch andersrum. Auch der Körper kann Botschaften an das Gehirn senden, zum Beispiel durch Abschütteln. Wenn ich meinen Körper schüttle, dann lockern sich die Muskeln und signalisieren meinem Gehirn: „Entspann dich, lass los, was dich gerade noch beschäftigt hat!“ Schauspieler nutzen diese Technik, um aus ihren Rollen zu schlüpfen und wieder ins eigenes Ich zurückzukehren.

Und auch ich kann das nutzen. Wenn ein schwieriges Gespräch beendet ist, dann kann ich erstmal nichts mehr daran ändern, wie es gelaufen ist. Ich kann mir überlegen, ob es hilfreich ist, es weiter mit mir herumzutragen, oder ob ich mir einen passenden Ort suche, um mich zu schütteln und meinem Kopf damit zu sagen: „Du kannst jetzt loslassen!“.

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SWR Kultur Wort zum Tag

15JAN2026
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Ich wünsche mir sehr, dass dieses Jahr ein hoffnungsvolles Jahr wird, und ich bin fest entschlossen, etwas dafür zu tun. Ich bin von Natur aus ein zuversichtlicher Mensch und denke, es ist gut, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Allerdings gibt sich die Welt gerade alle Mühe, mich vom Gegenteil zu überzeugen: es herrscht Krieg in Europa, Autokraten bauen ihre Macht aus, das Klima wandelt sich auf bedrohliche Weise und meiner Ansicht nach gefährliche politische Positionen gewinnen an Zuspruch.

Wäre es da nicht realistischer, pessimistisch zu sein und die Hoffnung aufzugeben? Mag sein, aber das halte ich für höchst gefährlich. Ich bin überzeugt, dass es uns Menschen schadet, wenn wir die Hoffnung aufgeben. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir ohne Hoffnung auf Dauer nicht überleben können.

Deshalb mag ich das folgende Zitat des Philosophen Ernst Bloch. Er sagt: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.“ Wer hofft, so Bloch, sei in das Gelingen verliebt nicht in das Scheitern. Aber wie geht das? Wie kann ich immer wieder neu lernen, zu hoffen.

Mir hilft, mich in schwierigen Situationen darauf zu fokussieren, was trotz allem noch gut ist oder zumindest nicht ganz so schlimm. Und es hilft mir, mir bewusst zu machen, welche Ressourcen und Möglichkeiten ich habe, damit sich die Situation bessert.

In meinen Gesprächen als Seelsorger und Berater erlebe ich, dass sich etwas verändert, wenn meinen Gesprächspartnern gelingt, auch das Gute wieder in den Blick zu nehmen und ein wenig zu spüren, welche positiven Erfahrungen und hilfreichen Fähigkeiten sie besitzen, um selbst wirksam werden zu können.

Es kommt aber auch vor, dass jemand zu niedergeschlagen oder erschöpft ist, um noch hoffen zu können. Dann hoffe ich stellvertretend für diese Person und sage ihr das auch. Dafür sind Menschen oft dankbar, und es könnte sein, dass daraus eines Tages auch wieder eigene Hoffnung wachsen kann.

Als gläubiger Mensch habe ich noch eine größere Hoffnung. Sie trägt mich, und ich glaube und vertraue darauf, dass sie allen Menschen gilt, unabhängig davon, ob sie diese in ihrem Leben gerade spüren können. Sie ist da und ich halte an ihr fest, auch wenn ich nicht so genau sagen kann, worin konkret sie besteht.

Ich wünsche mir sehr, dass 2026 ein hoffnungsvolles Jahr wird und bin fest entschlossen, etwas dafür zu tun. Und ich wünsche mir Menschen an meiner Seite, die mit mir hoffen, die für mich und für andere hoffen, und die nicht aufhören, ins Gelingen verliebt zu sein.

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SWR Kultur Wort zum Tag

26OKT2024
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Es gibt so Tage, da frage ich mich am Abend: Was habe ich heute eigentlich geschafft? Vieles von dem, was ich mir vorgenommen habe, konnte ich nicht erledigen, weil ständig etwas dazwischengekommen ist. Oder ich habe viel Zeit und Arbeit in ein Projekt gesteckt und ich beginne zu zweifeln, ob es sich überhaupt lohnt. Wenn solche Tage und solche Projekte sich häufen, dann frage ich mich auch, wozu das Ganze überhaupt?

Es gab eine Zeit, da hat mich diese Frage sehr belastet. Und da bin ich auf ein Gedicht von Hilde Domin gestoßen, das mich unheimlich getröstet hat. Es beginnt mit den Zeilen:

„Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.“[1]

Das Gedicht greift meine Stimmung auf, nichts bewirken zu können und beschreibt dann in poetischen Worten das Gefühl, dass ich keine Spur hinterlasse, wenn ich mal nicht mehr da sein werde. Da fühle ich mich gut verstanden.

Aber Hilde Domin bleibt dabei nicht stehen, sondern spricht einen Gedanken aus, der etwas verändert. Bei allem, was ich mache, könnte vielleicht doch etwas von mir bleiben: der Ton meiner Stimme, mein Lachen und meine Tränen und ein paar meiner Worte. Vielleicht bleiben sie in den Menschen, denen ich begegne. Und so endet das Gedicht mit Worten, die mich trösten. Hilde Domin schreibt:

„Und im Vorbeigehen,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.“

Die Worte trösten mich nicht nur, sie geben mir auch eine neue Perspektive. Sie lenken meinen Blick auf die Menschen, die mir begegnen. Vielleicht gerade auch auf die, die mich an manchen Tagen gehindert haben, mit meinen Sachen fertig zu werden. Oder die, mit denen zusammen ich etwas bewirken möchte.

Ich hoffe, dass ich ganz absichtslos die ein oder andere „Laterne in ihren Herzen angezündet habe“, wie es Hilde Domin nennt. Und mir fallen Menschen ein, die in meinem Herzen immer wieder Laternen anzünden. So ganz nebenbei, indem wir zusammen an etwas arbeiten, gemeinsam lachen oder auch verzweifeln. Und uns Worte sagen, die wir in diesem Moment brauchen: wie z.B. „Gemeinsam kriegen wir das schon irgendwie hin“ oder „Ich finde, du hast es richtig gut gemacht.“

Ich mag Gedichte von Hilde Domin. Ihre Worte zünden immer wieder die ein oder andere Laterne auch in meinem Herzen an.

 

[1] Hier und im Folgenden zitiert aus: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, Frankfurt am Main 1987, S.30f. Das Gedicht in voller Länge ist aber auch vielfach im Internet zu finden.

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SWR Kultur Wort zum Tag

25OKT2024
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Im Zug sind Plätze an einem Vierertisch frei geworden. Ich frage die Frau, die dort noch sitzt, ob ich mich zu ihr setzen darf. Sie wirkt erfreut und antwortet: „Sie sind der erste, der mich heute im Zug anschaut. Ich sitze seit Hannover hier, aber Sie sind tatsächlich der erste, der mich ansieht. Das ist schön.“ Was die Frau sagt, freut mich. Und ich frage mich, ob ich mich manchmal einfach neben jemanden setze, ohne den Blickkontakt zu suchen? Oder nehme ich automatisch Blickkontakt auf? Ehrlich gesagt bin ich mir nicht zu 100% sicher. Aber ich hoffe, dass es mir fast immer gelingt. Ich bin überzeugt, dass es einen Wert hat, wenn wir Menschen uns gegenseitig ansehen. Auch in der Öffentlichkeit. Ich kann gut akzeptieren, wenn Menschen für sich entscheiden, keinen Blickkontakt zu wollen, aber ich merke, dass mir Blickkontakt guttut.

Etwas pathetisch ausgedrückt könnte man sagen: „Angesehen werden“ führt zum Gefühl „angesehen zu sein“. Und ich glaube, „angesehen zu sein“ ist wichtig für uns Menschen. Zumindest erlebe ich in meiner Arbeit, was es mit Menschen macht, wenn dieses „Ansehen“ fehlt. Als Seelsorger und Berater begegnen mir immer wieder Menschen, die in ihrer Kindheit, in ihrem Beruf oder im Privaten Situationen erlebt haben, in denen sie nicht gesehen wurden. Sie leiden darunter oft auch noch viele Jahre später.

Die kurzen Begegnungen, bei denen wir anderen in die Augen schauen und angeschaut werden, können dieses Defizit sicherlich nicht ausgleichen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, gut zusammenzuleben. Und ich habe Angst, dass etwas verloren geht, wenn die Gelegenheiten einander anzusehen seltener werden, weil Maschinen das Gegenüber ersetzen. Die Kasse zum Selbstscannen ersetzt die Kassiererin, der Comfort-Check-In ersetzt den Kontakt mit dem Zugbegleiter, in einer fremden Stadt zeigt mir mein Handy den Weg und ich muss niemanden mehr danach fragen.

Wir verlieren damit Gelegenheiten, anderen Ansehen zu schenken und selbst angesehen zu werden. Das finde ich schade. Aber wenn mir das klar und wichtig ist, dann möchte ich die Gelegenheiten nutzen, die sich mir bieten. So wie neulich im Zug.

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SWR Kultur Wort zum Tag

24OKT2024
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Sie gehen an Schulen und sprechen mit Jugendlichen über den Nahostkonflikt. Sie, das sind eine Palästinenserin und ein Jude. Genauer: Jouanna Hassoun, eine Deutsch-Palästinenserin und Shai Hoffmann, ein deutscher Jude mit israelischen Wurzeln. Die beiden können miteinander über dieses schwierige Thema sprechen, auch wenn sie unterschiedliche Perspektiven auf den Konflikt haben. Und sie sind überzeugt, dass es gut ist, wenn Jugendliche miteinander über dieses Thema ins Gespräch kommen. Das Projekt heißt „Trialog“ und Shai Hoffmann ist es wichtig, dass die Jugendlichen sich trauen, alles zu sagen, was ihnen auf der Seele brennt. Keiner soll Angst haben, seine Meinung zu äußern oder in eine Ecke gestellt zu werden.

In einem Raum, in dem alle die gleichen Erfahrungen teilen, ist es einfacher, über so ein emotionales Thema zu sprechen. Aber solch einen „safe space“, einen sicheren Rahmen, will das Projekt bewusst verlassen. Das Projekt „Trialog“ möchte einen „braver space“, einen „mutigeren Raum“, eröffnen. Und es braucht tatsächlich Mut, die eigene Position zu vertreten, wenn nicht zu erwarten ist, dass alle nur zustimmen. Es braucht auch Mut, zuzugeben, wo man bei diesem schwierigen Thema unsicher ist, was man denken soll oder darf. Kann ich z.B. Israel kritisieren, ohne antisemitisch zu sein? Darf ich fragen, was daran falsch ist, sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wurde? Genauso herausfordernd ist es aber auch, sich gegenseitig zuzuhören und die Gründe zu erfahren, warum der eine die Sache so, und die andere sie anders sieht. Und es braucht Mut, die Gefühle zuzulassen, die in einem solchen Raum entstehen.

Was Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann Hoffnung macht, ist, dass die meisten Jugendlichen sich auf dieses Experiment einlassen. Sie freuen sich, wenn die Jugendlichen sich einander nähern, indem sie einander zuhören und den gegenseitigen Schmerz anerkennen. Die beiden wollen verhindern, dass die Gesellschaft auseinanderbricht. Das motiviert sie.

Mir machen solche Projekte Hoffnung, weil auch ich nicht will, dass unsere Gesellschaft auseinanderdriftet. Und ich frage mich, wo ich mutiger nach Gelegenheiten suchen sollte, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die bei emotionalen gesellschaftlichen Themen eine andere Meinung haben. Spontan fällt mir da ein Kollege ein. Immer wieder irritiert mich, was er zum Thema Migration in seinem Status postet. Bisher habe ich es vermieden, ihn darauf anzusprechen. Aber jetzt habe ich mir fest vorgenommen, ihn zu fragen, wie er das genau meint. Ich will ihm zuhören und versuchen, seine Gründe zu verstehen. Und natürlich werde ich ihm auch meine Meinung sagen. Dazu brauche ich Mut, aber ich glaube, es lohnt sich.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27AUG2024
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Für mich arbeiten zurzeit ungefähr 60 Sklaven. Das behauptet zumindest die Professorin Evi Hartmann. Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin und hat einen Lehrstuhl für „Supply Chain Management“ inne, d.h. sie beschäftigt sich mit Lieferketten in unserer globalisierten Wirtschaft. Sie kennt sich also aus, wie und woher die Waren kommen, die wir kaufen – und wie sie produziert werden. Sie sagt: „Wenn Sie Kleidung tragen, Nahrung zu sich nehmen, ein Auto fahren oder ein Smartphone haben, arbeiten derzeit ungefähr 60 Sklaven für Sie.“ Das trifft auf mich zu. Leider.

Natürlich wusste ich, dass unser globales Wirtschaftssystem in vielen Bereichen ungerecht ist, und viele Menschen zu schlechten Löhnen und unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten, um unseren Konsum und Wohlstand zu ermöglichen. Aber so direkt hat es mir noch niemand gesagt: 60 Sklaven arbeiten für mich. Das möchte ich nicht.

Klar, möchte ich gut leben. Dazu gehört für mich auch: leckeres Essen, Klamotten, die mir gefallen, ein Smartphone, um mit anderen in Kontakt zu sein und unterwegs Internet zu haben. Dafür nehme ich in Kauf, dass es anderen Menschen schlecht geht. Ich kann es vermutlich nur, weil ich diese Tatsache normalerweise verdränge. Meinem T-Shirt sehe nicht direkt an, ob es für einen Hungerlohn von einer Näherin hergestellt wurde. Keine Ahnung, ob jemand seine Gesundheit ruiniert hat, um die Rohstoffe für mein Smartphone zu gewinnen. Aber unwahrscheinlich ist es nicht.

Ich weiß es nicht – oder ich will es nicht wissen? Weil wenn ich es weiß, dann kann ich guten Gewissens nicht mehr so weiterleben wie bisher. Ich kann das System im Ganzen nicht ändern, und einfach so aussteigen geht auch irgendwie nicht. Aber ich kann mir die Ungerechtigkeit immer wieder bewusst machen und mein Verhalten ändern. Ich kann Produkte kaufen, die zu fairen Bedingungen hergestellt wurden. Bei vielen Lebensmitteln achte ich schon bewusst darauf, aber bei Kleidung und vielen anderen Produkten habe ich ehrlich gesagt noch viel Luft oben. Ich müsste mich besser informieren. Manchmal bin ich mir auch nicht sicher, ob der Mehrpreis, den ich bereit bin zu zahlen, tatsächlich dort ankommt, wo er hingehört. Mir ist bewusst, dass viele Menschen sich diesen Aufpreis nicht leisten können, weil ihr Einkommen trotz harter Arbeit dazu nicht reicht. Auch das ist Teil eines ungerechten Systems. Aber ich kann es.

Deshalb ist einfach so weiter machen keine Option, denn ich will nicht, dass 60 Sklaven für mich arbeiten.

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SWR Kultur Wort zum Tag

26AUG2024
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Noch ein paar Tage Urlaub, dann geht es wieder los. Ich fühle mich gut erholt. Mal schauen, wie lange das anhält, wenn mich der Alltag wieder hat. Wenn alles auf mich einströmt, und jeder etwas von mir will, dann ist die Erholung oft schnell dahin. Nach ein oder zwei stressigen Wochen fühle ich mich dann schon wieder urlaubsreif.

Für diese Situation hat der mittelalterliche Mönch und Mystiker Bernhard von Clairvaux einen Tipp. Er empfiehlt eine Schale zu sein und kein Kanal. Im Unterschied zum Kanal achtet die Schale darauf, selbst immer genug gefüllt zu sein, bevor sie weitergibt, was sie empfangen hat. „Auf diese Weise,“ sagt Bernhard, „gibt sie das, was bei ihr überfließt, weiter, ohne eigenen Schaden zu nehmen. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.“ Das klingt für mich nach mittelalterlicher Burn-Out-Prävention.

Jetzt nach dem Urlaub ist der Akku voll. Ich habe genug Energie und Kraft getankt, um für meine Familie, die Freunde und die Menschen an meiner Arbeitsstelle da zu sein. Aber jetzt sollte ich schauen, dass ich nicht einfach die Schleusen öffne und gebe, gebe, gebe, ohne dafür zu sorgen, dass zuvor immer ausreichend nachgefüllt wurde. Aber wie kommt etwas nach? Das sagt Bernhard in diesem Text nicht direkt. Ich kann nur spekulieren. Als Zisterziensermönch war sein Alltag durch festgelegte Gebetzeiten strukturiert. Ich könnte mir denken, das waren für ihn Zeiten, in denen er Kraft geschöpft hat, für seine Arbeit und um für andere dazu sein.

Ich selbst merke, dass ich dann auslauge, wenn diese Zeiten zu kurz kommen, in denen ich auftanken kann. Bei mir gibt es viel Dinge, die meine Schale füllen. Beten oder meditieren zum Beispiel, aber auch Tischtennis spielen, Unkraut zupfen, alte Fotos anschauen oder Gedichte lesen. Ich muss mir nur Zeit dafür einplanen und nehmen.

Für Bernhard ist klar, dass das kein reiner Eigennutz ist, denn er fragt kritisch: „Wenn du mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut?“ Und er möchte dem anderen diese Selbstfürsorge zugestehen. „Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, dann schone dich.“

Vom mönchischen Leben mit seinen festen Strukturen kann ich lernen, dass die Tankstellen ihren festen Platz brauchen, sonst drohen sie im Trubel des Alltags zu kurz zu kommen. Dafür will ich sorgen, wenn es jetzt nach dem Urlaub wieder los geht.

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