Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


29OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal bin ich so richtig „grätig“. Für alle, die mit diesem Wort nichts anfangen können: „grätig“ bedeutet in diesem Zusammenhang: „schlecht gelaunt“. Ich habe das Wort bis vor einiger Zeit nicht gekannt. Gelernt habe ich es von Michi, einer guten Freundin. Seitdem mag ich „grätig“ - also den Ausdruck, nicht den Zustand. Der ist nämlich echt doof.

Wenn ich „grätig“ bin, dann bin ich irgendwie mit allem unzufrieden - mit der Welt und mit mir selbst. Auf das was ich machen soll, habe ich keine Lust. Entweder erledige ich es missmutig oder aber ich beschäftige mich stattdessen mit irgendwelchen anderen Sachen, und am Ende bin ich noch unzufriedener als davor. Menschen in meiner Umgebung fällt es dann besonders leicht, mich zu nerven. Und meistens tun sie es auch.

Manchmal ahne ich, was mich so unzufrieden macht, manchmal aber weiß ich gar nicht auf Anhieb, warum ich so schlecht drauf bin.

Und dann hilft mir das Wort „grätig“. Weil ich damit einen Ausdruck habe, um mir selbst zu sagen: So ist es gerade – Du bist „grätig“. Das macht es tatsächlich schon ein kleines bisschen besser. Ich bin diesem Zustand nicht mehr ganz so ausgeliefert, weil ich ihn benennen kann. Ich kann ihn wahrnehmen als eine Stimmung, die mich gerade beherrscht, und die ich nicht so einfach abstellen kann. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass sie auch wieder enden wird.

Das kann mich davor bewahren, spontanen Impulsen zu folgen, wenn ich „grätig“ bin. Sei es, jemandem mal so richtig die Meinung zu sagen und dadurch zu verletzen. Oder eine Sache einfach hinzuschmeißen, weil mich gerade alles ankekst.

Es ist nicht gut, diesen destruktiven Impulsen unmittelbar nachzugeben – aber trotzdem sind die Impulse wertvoll. Wenn ich sie aufmerksam wahrnehme, können sie mir zeigen, wo gerade etwas schiefläuft. Oft sind sie gefühlt ganz schön heftig, aber vielleicht sind sie das, weil ich sie sonst ignorieren würde.

Meine Schlechte-Laune-Impulse signalisieren mir, wo ich handeln sollte: mit wem ich mal in Ruhe ein Gespräch führen müsste, um ihm oder ihr zu sagen, wie es mir gerade mit unserer Beziehung geht. Oder in welchen Bereichen ich Dinge verändern möchte, um zufriedener mit mir selbst zu sein.

Aber dazu muss ich erstmal aufhören „grätig“ zu sein. Inzwischen weiß ich ganz gut, was mir dabei hilft. Sport zum Beispiel, oder aber mit einer guten Freundin wie Michi zu telefonieren, der ich ganz offen sagen kann, wie „grätig“ ich gerade bin.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36402
28OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Seit Anfang Oktober ziert ein Schriftzug das Fenster der Propsteikirche in Leipzig. In großen weißen Buchstaben steht dort: „22 ist nicht 89“ – Eine Anspielung auf die Jahre 2022 und 1989. Und etwas kleiner steht in rot darunter: „Wir leben in keiner Diktatur.“ Das Fenster zeigt zum Innenstadtring. Dorthin, wo im Herbst 1989 die Montagsdemonstrationen vorbeigezogen sind, bei denen die Teilnehmenden friedlich für Reformen und mehr Freiheit in der DDR demonstriert haben.

Auch 2022 gibt es wieder Montagsdemonstrationen in Leipzig. Ein großer Unterschied zu damals: wenn die Demonstrierenden friedlich bleiben, dann brauchen sie nicht zu fürchten, dass sie verhaftet werden. Das war 89 anders: Niemand wusste, was passieren würde. Die Menschen mussten damit rechnen, dass sie verhaftet, verhört, gefoltert und ins Gefängnis gesteckt werden. Oder dass die Volkspolizei den Befehl bekommt, alle niederzuknüppeln oder scharf zu schießen.

Auf diesen entscheidenden Unterschied soll der Schriftzug aufmerksam machen: „22 ist nicht 89“. Das soll verhindern, dass heutige Gruppierungen die friedlichen Demonstrationen von damals unrechtmäßig für ihre eigenen Ziele vereinnahmen.

Als ich im Internet von der Aktion lese, bin ich erst wenige Tage zurück aus Leipzig. Dort habe ich die Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-Zentrale besucht und mit einem Dominikanerpater gesprochen, der damals bei den Friedensgebeten und den Montagsdemonstrationen dabei war.

Beeindruckt hat mich darüber hinaus die Ausstellung „Demokratie ist kein Denkmal“, die auch virtuell im Internet zu sehen ist.[1] Sie zeigt Videos, in denen Bürgerrechtler aus der ehemaligen DDR und syrische Aktivisten des sogenannten Arabischen Frühlings den Besuchern von ihren Erfahrungen berichten. Die sind teilweise ähnlich, aber es gibt einen großen Unterschied: Im Gegensatz zur friedlichen Revolution in der DDR ist der arabische Frühling in Syrien brutal niedergeschlagen worden.

Und nicht nur in Syrien, sondern in vielen anderen Ländern der Welt ist es im Jahr 2022 lebensgefährlich, Kritik an der Regierung zu äußern und Veränderungen einzufordern: Iran, Myanmar, Hongkong, Belarus, Russland sind nur einige Namen einer viel zu langen Liste.

Diese Beispiele zeigen, Demokratie ist nicht selbstverständlich. Wir müssen sie täglich neu aushandeln, gestalten und verteidigen. Für Deutschland gilt: „Wir leben in keiner Diktatur.“ Gott sei Dank. Aber es ist unsere Verantwortung, dass es so bleibt. Und wir sollten solidarisch mit all jenen sein, die hoffen und sich dafür einsetzen, dass dieser Satz in der Zukunft auch auf ihr Heimatland zutrifft.

 

[1]https://www.demokratie-kein-denkmal.org/virtuelle-ausstellung#289220

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36401
27OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich bin auf der Einschulung meiner Nichte gewesen, und dort bin auf eine alte Geschichte gestoßen, die ich dieses Jahr mit ganz neuen Ohren gehört habe. Die Kinder der dritten Klasse haben ein kleines Theaterstück aufgeführt. Es heißt „Frederick“ von Leo Lionni. Ich kenne die Geschichte aus meiner eigenen Kindheit. Sie handelt von einer Familie von Feldmäusen. Der Inhalt ist schnell erzählt.

Im Herbst sammeln die Mäuse fleißig Vorräte für den Winter - alle außer Frederick, der arbeitet anscheinend nichts. Als sich die anderen beklagen, antwortet er: Ich sammle ebenfalls Vorräte für den Winter: Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Als es dann im Winter kalt ist, und die Essenvorräte der anderen Mäuse immer weniger werden, erinnern sie sich an Fredericks Vorräte und fragen ihn danach. Da bittet er sie, ihre Augen zu schließen. Dann erzählt er ihnen von den Sonnenstrahlen, und den kleinen Mäusen wird warm. Er beschreibt die Farben des Sommers so eindrücklich, dass die anderen sie bildlich sehen können, und mit den gesammelten Wörtern trägt er ihnen ein Gedicht vor. Am Ende sind alle begeistert und klatschen.

Die Geschichte ist nett für Kinder und vermutlich geht sie auch vielen Erwachsenen zu Herzen. Aber wie klingt sie heute für die, deren Geld am Monatsende nicht mehr zum Einkaufen reicht und deren Wohnung kalt ist? Ich könnte jeden verstehen, der diesem Frederick sagen möchte: „Hättest du mal lieber mit dafür gesorgt, dass wir genug zu Essen haben. Auf deine warmen Worte kann ich gerne verzichten. Davon werde ich auch nicht satt.“

Und trotzdem glaube ich, dass etwas Wahres in der Geschichte steckt. Ich bin überzeugt, dass es Menschen wie Frederick braucht, gerade auch in Zeiten, in denen materielle Not herrscht.

Menschen, die zum richtigen Zeitpunkt – nämlich dann, wenn sie gefragt sind – die richtigen Worte finden. Worte, die anderen Menschen helfen, sich daran zu erinnern, was ihr Leben hell und warm macht. Worte, die das Alltagsgrau zurücktreten lassen, um die Buntheit und die Farben sehen zu können, die das eigene Leben trotz allem noch bereithält. Worte, die sie hoffen und glauben lassen, dass wieder andere, bessere Zeiten kommen.

Ich weiß, das alles lindert nicht die materielle Not. Wenn es nur Fredericks gäbe, dann wären die Feldmäuse jämmerlich verhungert. Ich will die Macht der guten Worte nicht überschätzen, aber ihre Stärke auch nicht kleiner reden als sie ist. Wir brauchen beides: etwas, das unseren Körper nährt und wärmt und etwas, das unseren Seelen Kraft und Energie gibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36400
03AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mein Lieblingsplatz in unserem Garten ist die Treppe, die leicht geschwungen hinunter zum Gartentor führt. Wenn ich etwas Zeit habe, dann setze ich mich dort gerne für einen Moment auf die oberste Stufe. Rechts und links von der Treppe blühen jetzt im Sommer Lavendelsträucher. Bienen und Hummeln summen und brummen, während sie von einer Blüte zur nächsten fliegen. Am blauen Himmel ziehen einzelne weiße Wolken langsam vorbei. Nach einer Weile nehme ich wahr, wie im Hintergrund die Vögel zwitschern, ich rieche den Duft des Lavendels und spüre, wie der Wind über meine Haut streicht.

In diesem Moment staune ich wie schön die Natur ist. Und auf einmal fällt mir die Schöpfungserzählung aus der Bibel ein. In diesem Text beschreibt der biblische Autor, wie Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. An mehreren Stellen heißt es, nachdem Gott etwas Neues gemacht hat: Und er sah, dass es gut war.

Und jetzt sitze ich in meinem Garten, diesem kleinen Stück Welt, und sehe, dass es gut ist. Und ich sehe es nicht nur, nein, ich höre es auch, rieche es und spüre es: es ist gut und vor allem: Es ist schön.

In meiner Fantasie stelle ich mir vor, dass der Autor genau durch einen solchen Moment inspiriert wurde, seinen Schöpfungshymnus zu schreiben. Durch einen Moment, in dem er von der Schönheit der Natur überwältigt war und fest überzeugt gewesen ist, dass die Welt, so wie sie ist, gut ist und ein großartiger Schöpfer dahintersteckt.

Als Mensch begreift er sich selbst als Teil dieser Schöpfung, aber beansprucht auch eine Sonderstellung. Er lässt Gott sagen: „Ich will Menschen machen als mein Bild, mir ähnlich!“ (Gen 1,26a)

Indem der Autor den Menschen als Ebenbild Gottes beschreibt, macht er den Menschen zu einem Gegenüber zur restlichen Schöpfung. Ähnlich wie Gott kann auch der Mensch auf die Welt schauen und sie nach seinen Ideen und Vorstellungen gestalten.

An dieser Stelle könnte man viel diskutieren, ob es richtig ist, dass sich die Menschen eine Sonderstellung im Umgang mit der restlichen Natur herausnehmen und welche negativen Folgen das hat. Aber darum geht es mir an dieser Stelle erstmal gar nicht.

Es geht darum, was vielleicht auch der besondere Auftrag des Menschen in dieser Welt sein könnte: Die Welt in ihrer Schönheit wahrnehmen. Immer wieder innehalten und sich mit allen Sinnen in den Bann ziehen lassen. Als Mensch kann ich staunen über die Vielfalt und den Reichtum, der sich mir zeigt, wenn ich aufmerksam bei den Dingen verweile.

In solchen Momenten spüre ich, wie ich aus dem Alltäglichen herausgehoben werde und zu mir selbst kommen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35860
02AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Applaus verebbt. Die vielleicht sechzehnjährige Sängerin lächelt ein wenig unsicher. Mit einer Hand greift sie das Mikrofon, als wollte sie sich daran festhalten. „Es bedeutet mir so viel für Euch zu singen“, sagt sie mit gehauchter, etwas brüchiger Stimme, aber ihre Augen strahlen dabei. Dann ein kurzer Blickkontakt zu ihrer Gesangslehrerin am Klavier. Diese nickt ihr aufmuntern zu und beginnt die Anfangsakkorde zu spielen.

Ich bin bei einem Vorspiel in der Musikschule „Musiclab“. Mein Sohn hat kurz zuvor ein Stück auf der Ukulele gespielt. Jetzt sitzen wir da und hören den anderen zu. Für viele ist es ihr erster oder zweiter Auftritt – und ehrlich gesagt, hört man das auch immer mal wieder. Mal hängt das Tempo, mal klingt es ein bisschen schief oder der Einsatz klappt nicht sofort. Aber allen scheint es Spaß zu machen. Den Lehrerinnen und Lehrern gelingt es, eine besondere Atmosphäre zu schaffen: jede und jeder kann sein Können präsentieren, auch wenn es noch nicht perfekt ist. Alles hat eine gewisse Leichtigkeit, in der Fehler dazugehören und nicht stören.

Und dann gibt es da noch diese wundervollen Momente: Die Band, bei der das Tempo zuvor ein wenig gerumpelt hat, beginnt auf einmal zu grooven. Der Sänger, der sich anfangs noch etwas unsicher mit dem ein oder anderen falschen Ton durch die Strophe gehangelt hat, entfaltet auf einmal im Refrain das ganze Potential seiner Stimme. Und ich bekomme eine Gänsehaut.

Immer wenn der letzte Ton verklungen ist, brandet Applaus auf. Ich spüre, die einzelnen Kinder und Jugendlichen sind erleichtert, dass sie es geschafft haben. Aber sie sind auch stolz – und das zu Recht.

Am Ende gehe ich beglückt nach Hause. Es war ein tolles Konzert. Es hat mich begeistert, gerade weil es nicht vollkommen war. Und es hat mich nachdenklich gemacht.

Ich selbst neige eher zum Perfektionismus. Wenn ich etwas mache, dann habe ich hohe Ansprüche an mich selbst und setze mich dadurch oft unter Druck. Aber dieser Abend hat mir gezeigt, dass es auch anders geht – und wie schön das ist. Darum wünsche ich mir mehr davon auch in anderen Situationen. Ein neues Rezept zum ersten Mal ausprobieren, auch wenn Besuch kommt. In einer Konferenz eine Methode einsetzen, die spannend klingt, aber von der ich nicht sicher bin, ob sie funktioniert. Mich trauen, die Dinge, die mir Freude bereiten, einfach mal zu machen, egal wie gut ich sie kann und dadurch andere zu ermutigen, es auch zu tun.

Ich bin zuversichtlich, dass es dann diese wundervollen Momente geben wird. Diese Momente, in denen Sachen gelingen, die ich mir selbst nie zugetraut hätte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35859
01AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal ärgern mich sehr kleine Dinge. Zum Beispiel ein schmutziger Topf, der in der Spüle steht. Er steht dort, um einzuweichen – aber er steht im Weg, wenn ich den Wasserhahn benutzen möchte. Darum finde ich es viel sinnvoller Töpfe zum Einweichen neben die Spüle zu stellen, aber meine Frau sieht das anders.

Seit einiger Zeit versuche ich mich in solchen oder ähnlichen Situationen an ein Gedicht zu erinnern. Es stammt vom israelischen Dichter Jehuda Amichai und heißt: Der Ort, an dem wir recht haben.[1]

Der Text beginnt so:

An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart wie ein Hof.

Für mich spricht Jehuda Amichai darin eine tiefe Wahrheit aus, die nicht nur für so banale Alltagssituationen wie dem Kochtopf in der Spüle gilt. Um bei meiner Frau und mir für schlechte Stimmung zu sorgen, kann ich ihr vorhalten: Warum steht der Topf schon wieder da, wo er nicht hingehört. Meistens reicht es schon, wenn ich es nur für mich denke. Dann dauert es erstmal eine Weile bis ich ihr wieder unbefangen begegnen kann.

Noch mehr gilt diese Wahrheit von Jehuda Amichai für wichtigere Angelegenheiten, bei denen ich unterschiedlicher Meinung als andere bin. Wenn ich mir einbilde, dass nur ich Recht habe, dann bleibt für die anderen kein Raum. Das führt dazu, dass jeder seine Positionen zementiert und nichts mehr wachsen und entstehen kann.

Jehuda Amichai gibt aber auch einen Tipp, welche beiden Haltungen dagegen helfen können. In seinem Text heißt es weiter:

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Natürlich kann ich meinen, dass die Dinge so wie ich sie mache, am besten gemacht sind. Aber ich kann es auch anzweifeln. Vielleicht gibt es ja mehrere Möglichkeiten, von denen ich eine und meine Frau eine andere bevorzugt. Und wenn ich sie liebe, dann kann ich ihr zugestehen, die Dinge so zu machen, wie es ihr entspricht. Und gleichzeitig hoffe ich, dass sie mir das genauso zugesteht.

Wenn ich bei manchen Konflikten genauer hinsehe, entdecke ich darin immer auch Momente, bei denen es nur darum geht, Recht zu haben.

Aber wenn ich Jehuda Amichai folge, dann lohnt es sich, darauf zu verzichten. Vielleicht gelingt es ja, mit Zweifel und Liebe die Welt aufzulockern.

 

[1] Jehuda Amichai: Zeit. Gedichte. Aus dem Hebräischen von Lydia Böhmer und Paulus Böhmer,

Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1998, S. 21.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35858
04SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es ist Sonntagnachmittag. Ich sortiere Legosteine vom Kinderzimmerboden in verschiedene Kisten. Unter der Woche hat die Zeit mal wieder nicht gereicht, für Ordnung zu sorgen. Jetzt ist das Chaos groß und muss endlich weg. Alleine schaffen es die Kinder nicht, also helfe ich ihnen, besser gesagt: ich räume auf und versuche sie zu motivieren, dass sie mir dabei helfen. Leider mit mäßigem Erfolg. Dabei fällt mir ein, dass wenn ich hier fertig bin, ich unbedingt noch zwei Mails schreiben und ein paar Unterlagen sortieren sollte. Die nächste Woche ist wieder so voll, dass auch das ansonsten untererledigt bleiben würde.

In diesem Moment muss ich an meine jüdischen Bekannten aus unserem „interreligiösen Gesprächskreis“ denken. Ihnen würde es nicht einfallen, an ihrem Ruhetag, dem Schabbat, Kinderzimmer aufzuräumen und Bürokram zu erledigen.

Für sie ist der Schabbat „heilig“. Wenn wir als Gruppe eine gemeinsame Aktion planen, dann ist klar, dass dafür die Zeit des Schabbats von Freitagabend bis Samstagabend nicht in Frage kommt. Der Schabbat ist für sie ein Ruhetag, an dem jede Form von Arbeit verboten ist, damit der Mensch sich von den Anstrengungen der Woche erholen kann. Der Schabbat ist dazu da, sich losgelöst von den Zwängen des Arbeitsalltags mit geistigen Dingen zu beschäftigen, die Tora zu studieren, aber auch um Zeit mit der Familie zu verbringen und den Zusammenhalt zu stärken.

Für mich ist der Sonntag mein Ruhetag oder sollte es zumindest sein. Denn ich merke, dass ich hier nachlässig bin.

Jesus sagt: „Der Schabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Schabbat.“ Ich wende dieses Wort für meine Sonntage an und nutze sie oftmals auch dazu, Dinge zu erledigen, die ich innerhalb der Woche nicht geschafft habe. Ich mache das, weil ich in diesen Momenten glaube, dass es besser ist, die Dinge jetzt zu tun, auch wenn Sonntag ist. Einfach, weil sie irgendwann getan werden müssen und ich sonst keine Zeit finde.

Das ist praktisch, aber ich bin mir nicht sicher, ob es auch wirklich gut ist. Ich mag aufgeräumte Kinderzimmer, aber sie am Sonntag mit den Kindern aufzuräumen, stärkt bei uns in der Familie nicht den Zusammenhalt. Erledigte Mails und sortierte Unterlagen geben mir ein gutes Gefühl, aber manchmal denke ich am Sonntagabend, ein freier Tag morgen wäre schön.

Für dieses Wochenende bin ich fest entschlossen, mir meine jüdischen Freunde zum Vorbild zu nehmen. Gleich an heute Morgen werde ich mir überlegen, was alles noch unbedingt erledigt werden muss. Dann werde ich loslegen und machen so viel ich kann. Aber nur bis zum Abend. Dann höre ich auf, dann beginnt der Sonntag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33757
03SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich habe mir noch nie „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ einen Kaffee gemacht. Diese Formel benutze ich normalerweise nur im Gottesdienst oder wenn ich bete. Bei meiner muslimischen Bekannten Gülda ist es anders. Sie hat mir mal erzählt, dass sie morgens, wenn sie sich den ersten Kaffee macht, dazu die Basmala spricht, so heißt die entsprechende muslimische Gebetsformel. Bevor sie anfängt, Kaffee zu kochen, sagt sie auf Arabisch: „bismi-llahi r-rahmani r-rahim“. Das heißt auf Deutsch: „Im Namen Gottes des Allbarmherzigen, des Erbarmers.“

Für eine Muslimin ist das nichts Außergewöhnliches, im Gegenteil. Gläubige Muslime sprechen diese Formel in vielen Situationen, z.B. vor dem Essen, Fußballer, wenn sie das Stadion betreten oder ein Verkäufer, wenn er einem Kunden die Ware in die Tüte einpackt. All das geschieht im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Erbarmers.

Von Gülda weiß ich, wie wichtig ihr diese Formel ist. Sie sagt sie nicht nur so aus Gewohnheit. Sie sagt die Formel, weil sie davon überzeugt ist, dass sie ihr Leben und alles was sie hat, Gott zu verdanken hat. Und sie sagt die Formel beim Kaffeekochen, um sich selbst daran zu erinnern.

In dieser Gebetsformel kommen zwei Gottesnamen vor: Rahman und Rahim. Sie klingen nicht nur ähnlich, sondern beziehen sich beide auf die Barmherzigkeit Gottes. Und doch gibt es einen Unterschied. „Rahman“ ist die allgemeinere, umfassendere Bezeichnung. Es ist ein Ausdruck, der nur für Gott und niemand anderen verwendet wird. Seine Barmherzigkeit zeigt sich darin, dass er diese Welt erschaffen hat und in jedem Moment dafür sorgt, dass sie weiterexistiert. Der Begriff „Rahim“ drückt aus, dass Gott nicht nur alles geschaffen hat, sondern sich auch dem einzelnen Geschöpf gütig zuwendet, indem er ihm die tägliche Nahrung gibt, die jeder zum Leben braucht. Und er ist „rahim“, barmherzig, zu denen, die an ihn glauben und auf ihn vertrauen. Er wendet sich ihnen zu, verzeiht Fehler, sorgt sich liebevoll um sie und hilft ihnen. Auf diese Weise können aber auch Menschen zueinander barmherzig sein.

Der Glauben an den einen barmherzigen Schöpfergott verbindet uns mit unseren muslimischen Schwestern und Brüdern und er gibt uns, Christen wie Muslimen, den Auftrag freundlich, hilfsbereit und mitfühlend zu allen Geschöpfen zu sein.

Wenn mir Gülda erzählt wie sie ihren Glauben im Alltag lebt, dann berührt mich das. Dank Gülda halte ich manchmal beim Kaffeekochen einen Moment inne, mache mir bewusst, dass Gott mir in diesem Moment das Leben schenkt, dass er da ist und barmherzig ist und möchte, dass auch ich barmherzig bin.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33756
02SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Nächste Woche geht’s wieder los. Nach meinem Sommerurlaub beginnt am kommenden Montag wieder der Arbeitsalltag. Schaue ich in meinen Kalender, dann merke ich schnell, dass der Herbst ziemlich voll wird. Viele Termine und Projekte stehen an. Daher habe ich mir so gut es gegangen ist, bewusst zwischen den einzelnen Termin Zeitfenster freigehalten, um nicht von einer Sache in die nächste zu stürzen. Aber ich fürchte, diese ruhigeren Zwischenphasen werden sich schneller füllen als mir lieb ist. Das ist irgendwie immer so.

Ein Blick in die Bibel zeigt mir, dass es Jesus und seine Jüngern ganz ähnlich gegangen ist. Nachdem Jesus seine Jünger zu den Menschen ausgesandt hatte, kommen sie zurück. Sie erzählen ihm alles, was sie erlebt haben. Aber sie sind nicht alleine, sondern ständig kommen und gehen Menschen, die etwas von ihnen wollen. Deshalb schlägt Jesus vor, gemeinsam mit dem Boot an einen einsamen Ort zu fahren, um sich dort auszuruhen. Das Dumme ist nur, die Leute bekommen das mit und laufen zu Fuß dorthin. Als das Boot ankommt, sind sie schon da.

Kurz vor der Sommerpause habe ich mich mit einigen Kollegen über diesen Text unterhalten. Ich habe die Jünger und Jesus bedauert, worauf mein Kollege meinte: „Aber sie hatten zum Glück ja noch die Bootsfahrt. Wenn die anderen Menschen zu Fuß schneller dort waren als sie mit dem Boot, dann muss die Bootsfahrt doch etwas gedauert haben.“ Er hat Recht, darauf bin noch nie gekommen: Sie hatten die gemeinsame Zeit im Boot und ich hoffe, sie haben sie genutzt.

Ich frage mich, wann sie gemerkt haben, dass der Plan mit dem einsamen Ort nicht funktioniert, und wie sie dann darauf reagiert haben. Sind sie ärgerlich geworden, weil sie wussten, was sie erwartet? Oder sind sie gelassen geblieben und haben gerade darum die Zeit besonders intensiv genutzt; haben weiter in aller Ruhe miteinander geredet oder sich einfach nur ausgeruht? Es wäre schön, wenn ihnen das damals gelungen wäre.

Ich habe den Verdacht, dass mir diese „Zeit im Boot“ nicht nur in der biblischen Geschichte entgangen ist. Solche geschenkten Zwischenzeiten entgehen mir vermutlich auch immer wieder in echt. Entweder weil ich sie im Trubel und Stress einfach übersehe. Oder weil es mir nicht gelingt, sie wirklich zu genießen, weil ich mit meinen Gedanken schon bei dem bin, was mich am „andern Ufer“ erwartet.

Aber vielleicht gelingt es mir ab jetzt: beim Kaffee, den ich in Ruhe mit der Kollegin trinke, in den zehn Minuten bis zum nächsten Telefontermin, in denen ich einfach mal nichts tue oder auf Weg zum Bahnhof, bei dem ich die frische Luft einatme und die Sonnenstrahlen oder den Regen auf meiner Haut spüre. Bootszeiten aufspüren und sie genießen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33755
07JUL2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mein Freund Fabi war als Bundeswehrsoldat im Auslandseinsatz in Mali. Zusammen mit seinen Kameraden ist er regelmäßig Patrouille gefahren. Bei diesen Fahrten liefen sie immer Gefahr, in Feuergefechte oder Sprengfallen zu geraten. „Nein“ sagt Fabi, „Angst habe ich nicht vor diesen Fahrten gehabt, höchstens davor, einen Fehler zu machen, durch den einer meiner Kameraden verletzt oder getötet werden könnte.“

Nach seiner Rückkehr ist er dann einmal mit seiner Freundin aneinandergeraten. Sie hatte ihm erzählt, dass sie vor irgendeiner anstehenden Aufgabe Angst hat. Er hat sie gefragt, ob es denn tödlich enden könne? Wenn nicht, dann solle sie doch entspannt sein. Sie hat diesen Rat nicht sehr hilfreich gefunden, sondern verletzend und war dementsprechend sauer auf ihn. Zu Recht, wie ich finde.

Auch wenn es bei Fabis Freundin ein ganz anderer Kontext war, weitaus weniger lebensgefährlich, dann handelt es sich im Kern doch um die gleiche Angst. Die Angst, den eigenen Ansprüchen oder den Ansprüchen anderer nicht zu genügen, die Angst zu versagen. Die Gründe für diese Angst mögen für Außenstehende manchmal lächerlich wirken, für einen selbst fühlt sich die Situation trotzdem bedrohlich an. Ich glaube, das liegt daran, weil ich mich selbst als Person dabei in Frage stelle.

Ich kenne solche „lächerlichen“ Ängste, die für andere nicht nachvollziehbar sind. Oft verstecken sie sich in ganz alltäglichen Dingen: wenn ich eine komplizierte Mail schreiben muss, ein unangenehme Gespräch führen soll oder eine unerledigte Aufgabe vor mir herschiebe, weil mir noch eine gute Lösung fehlt.

Das sind scheinbar kleine Probleme, aber in ihnen versteckt sich immer wieder die große Angst, nicht gut genug zu sein. Diese Angst zu entlarven, zu erkennen, was sie ist, kann vielleicht ein erster Schritt sein, sie zu überwinden. Die Band „Ton, Steine, Scherben“ singt in einem ihrer Lieder: „Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Angst“. Ich setze dagegen: Natürlich haben wir etwas zu verlieren, aber in vielen Situationen vermutlich viel weniger als wir denken, außer eben unsere Angst.

Seit dem Gespräch mit Fabi über seinen Bundeswehreinsatz sage ich tatsächlich manchmal zu mir selbst: „Entspann dich mal, bei dem, was dir gerade Angst macht, geht es nicht um Leben und Tod. Hier entscheidet sich nicht, ob dein Leben gelingt. Wage es, etwas zu tun und vertraue, dass es gelingt. Und vergiss nicht, auch wenn du scheiterst, davon geht die Welt nicht unter.“

Und wenn es mir gelingt, in diesen Situationen meine Angst zu überwinden, dann wächst mit jedem Mal auch das Zutrauen in mich selbst. Vielleicht ist das wie ein Training für die entscheidenden Situationen, in denen tatsächlich etwas auf dem Spiel steht. Ein Training, das mich stärkt, um der Angst etwas entgegensetzen zu können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33470