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SWR Kultur Wort zum Tag
Eine gute Freundin hat was Schlaues gesagt: „Mit Kontakten ist es ähnlich wie mit Essen. Es gibt Kontakte, die dich nähren und andere, die es weniger tun.“ Der Gedanke leuchtet mir ein, und ich bin froh, dass mir auch gleich ein paar Menschen einfallen, die ich als „Kontakte, die mich nähren“ einstufen würde. Meine Familie zum Beispiel oder bestimmte Personen auf der Arbeit, die ich besonders schätze und natürlich gute Freunde. Wenn wir uns sehen, uns unterhalten, Zeit miteinander verbringen oder auch nur telefonieren, dann tut mir das gut. Es baut mich auf, gibt mir Kraft, und manchmal zehre ich noch ein paar Tage später davon, wenn wir uns mal wieder getroffen haben. Und da ist dann auch schon ein erster Haken. Wenn ich anfange so darüber nachzudenken, dann ist das mit den nährenden Kontakten ein bisschen wie mit der gesunden Ernährung. Natürlich weiß ich theoretisch wie ich mich gesünder ernähren könnte, aber im stressigen Alltag kriege ich es oft nicht so hin. Genauso weiß ich, welche Kontakte mir guttun, und trotzdem vernachlässige ich sie manchmal. Es gibt immer wieder Tage, an denen meine Frau und ich keine Zeit finden, um uns gegenseitig zu erzählen und zuzuhören, was uns gerade beschäftigt. Seit langem möchte ich mich mal wieder bei einem guten Freund melden, und mache es dann doch nicht.
Als ich mit einer Kollegin, die ich sehr schätze, aber selten sehe, über das Thema spreche, meint sie: „Es nervt mich, mir immer vorzunehmen, es besser zu machen. Ich freue mich stattdessen, wenn ich in einem Gespräch merke, wie gut es mir gerade tut. Und dann genieße ich es ganz bewusst.“ Wow, denke ich, das gefällt mir.
Wenn ich darauf achte, dann bemerke ich auf einmal, wie auch scheinbar kleine, unbedeutende Begegnungen mich aufbauen z.B. ein kurzes, aber herzliches Gespräch mit der Mitarbeiterin in der Kantine, während sie mir Essen auf den Teller lädt. Oder ein Patient, der mir von weitem zuwinkt und sich freut mich zu sehen.
Ich glaube, es ist gut, sich bewusst zu machen, welche Kontakte mich nähren. Und es ist gut diese zu pflegen und vielleicht sogar zu intensivieren. Vor allem aber möchte ich sie wahrnehmen und genießen.
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Es gibt ein Lied, das auf der ganzen Welt zu hören ist. Es lautet: „I just wanna be loved - Ich möchte nur geliebt werden.“ Dieser Meinung ist die Therapeutin Virgina Satir. Sie sagt: Dieses Lied singen alle Menschen auf der Erde. Oder präziser: Der Selbstwert, den jeder Mensch in sich trägt, singt dieses Lied. „Ich möchte nur geliebt werden.“ Unser Selbstwert, so sagt Virginia Satir, ist immer da, aber manchmal verlernen Menschen auf sein Lied zu hören. Warum? Weil ihnen Regeln beigebracht werden, die sagen, dass man sich und seine eigenen Bedürfnisse nicht zu wichtig nehmen soll. Oder weil andere sie spüren lassen: Du bist nichts wert! Nimm dich nicht so wichtig! In ihrer Arbeit hat die Therapeutin immer wieder erfahren: Wenn Menschen mit ihrem Selbstwert in Kontakt kommen, dann verändert sich für sie und ihr Umfeld etwas zum Besseren.
Eine biblische Geschichte, die das für mich eindrücklich beschreibt, ist die Geschichte von Zachäus. Er ist der oberste Zöllner von Jericho und bei den meisten Leuten unbeliebt. Zum einen weil er mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert. Zum anderen nimmt er mehr Zoll ein als gefordert und bereichert sich auf Kosten der anderen. Als der Zöllner erfährt, dass Jesus in die Stadt kommt, will er ihn unbedingt sehen. Weil er klein ist, steigt er auf einen Baum. Als Jesus ihn dort oben sieht, spricht er ihn an, und sagt: „Zachäus, ich möchte heute dein Gast sein.“ Die Leute drumherum sind empört, dass Jesus sich ausgerechnet so einem Menschen zuwendet. Sie können es nicht verstehen. Aber nachdem Jesus ihn angesprochen hat, verspricht Zachäus, die Hälfte seines großen Vermögens den Armen zu geben und allen, denen er zu viel Zoll abgenommen hat, das Vierfache zurückzugeben.
Ich verstehe die Geschichte so: Keine moralische Belehrung, kein Vorwurf führt dazu, dass Zachäus sein Verhalten ändert. Die Veränderung geschieht, weil er sich durch Jesus gesehen und wertgeschätzt fühlt. Diese Erfahrung verändert sein Leben zum Besseren. Für ihn selbst und für sein Umfeld.
Gemeinsam mit Virgina Satir glaube ich, dass so etwas tatsächlich passieren kann, und dass wir wie Jesus etwas dazu beitragen können. So schnell wie in der biblischen Geschichte geht es vermutlich selten, es braucht Zeit. Aber ich bin überzeugt: wenn wir Menschen wertschätzend begegnen und ihre Bedürfnisse und Gefühle ernstnehmen, dann verändert sich etwas. Vielleicht können wir dann gemeinsam das Lied hören, das immer gesungen wird: „I just wanna be loved.“
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Manche Zitate finde ich hilfreich und gefährlich zugleich. So zum Beispiel den Ratschlag „Sei freundlich, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf.“ Das Zitat stammt vermutlich vom schottischen Autor und Pastor Ian Mclaren. Er geht davon aus, dass jeder Mensch mit irgendwelchen Belastungen zu kämpfen hat, und ich deshalb freundlich zu ihm sein soll. Gefährlich finde ich das Zitat, weil ich glaube, dass es in manchen Situationen angemessen ist, wütend, ärgerlich oder zornig zu sein und auch entsprechend zu reagieren. Ich habe dabei Menschen im Blick, die oft schon früh lernen mussten, dass man immer freundlich zu sein hat, egal wie groß das Unrecht ist, das einem zugefügt wird. Diesen Menschen hilft es oft, wenn sie lernen, dass wütend sein auch seine Berechtigung hat, dass sie ihre Wut spüren und auch angemessen äußern dürfen.
In anderen Situationen, glaube ich, kann dieser Ratschlag aber sehr nützlich sein: „Sei freundlich, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf.“ Wenn Menschen freundlich agieren, dann reagiert das Gegenüber meistens auch so. Was aber, wenn jemand unfreundlich zu mir ist? Das Zitat legt mir nahe, nicht nur auf das äußere Verhalten zu achten, sondern sagt mir: Es könnte sein, dass diese Person vermutlich mit irgendwelchen Widrigkeiten zu kämpfen hat, von denen ich keine Ahnung habe: Stress, Zeitdruck oder chronischer Schlafmangel, Ängste oder inneren Druck oder einfach nur einen schlechten Tag.
Ich mache die Situation für sie und für mich vermutlich nicht besser, wenn ich jetzt auch unfreundlich reagiere. Vielleicht auch nicht, wenn ich freundlich bin, aber ein Versuch könnte es wert sein. Freundlich sein bedeutet dabei nicht, sich alles gefallen zu lassen. Ich kann auch freundlich sagen, was mich gerade stört oder was ich absolut nicht möchte.
Und manchmal bin wahrscheinlich auch ich unfreundlich. Auch ich bin ein Mensch, der mit den verschiedensten Dingen zu kämpfen hat, der manchmal unter Druck steht, genervt ist oder einfach einen schlechten Tag hat. Dann freue ich mich, wenn andere mir gegenüber freundlich bleiben, und sie es dadurch vielleicht sogar schaffen, mich wieder in einen anderen Modus zu bringen.
Immer wenn das gelingt, dann ersparen wir uns gegenseitig einen weiteren zusätzlichen Kampf. Wer sagt denn, dass Leben immer ein schwerer Kampf sein muss. Die Vorstellung, dass es auch mal leicht sein könnte – dafür würde es sich doch lohnen, freundlich zu anderen und zu sich selbst zu sein.
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Am Anfang meines letzten Seminars hat der Dozent einen Satz losgelassen, der mir bis heute hängengeblieben ist. Er hat gesagt: „Holen Sie sich nicht erst Hilfe, wenn es notwendig ist, sondern dann, wenn es hilfreich sein könnte, und das ist meistens deutlich früher.“
Seitdem sage ich das auch, wenn ich anderen meine Hilfe anbiete: „Gerne melden, wenn es hilfreich sein könnte, nicht erst, wenn es notwendig ist.“
Und ich versuche mich selbst daran zu halten. Auch wenn es mir nicht immer leichtfällt, andere frühzeitig um Hilfe zu bitten. Zum einen ist da die Angst, ihnen unnötig zur Last zu fallen.
Zum anderen ist da mein Ehrgeiz, das selbst schaffen zu wollen. „Das kann doch nicht so schwer sein.“ Oder noch schlimmer: „Ich kann doch nicht so unfähig sein, dass nicht selbst hinzubekommen. Andere schaffen das doch auch.“ Manchmal ist da auch etwas Scham dabei.
Aber tatsächlich fällt es mir mit zunehmendem Alter leichter, andere um Unterstützung zu bitten, oder Sachen, die mich beschäftigen, nicht nur mit mir selbst ausmachen zu wollen. Ich habe das gelernt.
Und wenn ich frühzeitig frage, dann ist der Druck nicht so hoch, auf beiden Seiten. Ich kann ganz vorsichtig anfragen: „Ich bräuchte da mal deine Hilfe, nur falls du Zeit hast, ansonsten schaffe ich es vielleicht auch allein oder überlege mir, wen ich sonst fragen kann. Ach ja, und es muss auch nicht gleich sein, nächste Woche reicht auch noch.“
Wenn es gelingt, dann entlaste ich mich selbst früher und quäle oder überfordere mich nicht unnötig mit Dingen, die mit Hilfe anderer viel einfacher zu lösen wären, z.B. durch ein Gespräch, bei dem ich loswerden kann, was mich gerade beschäftigt. Oder wenn ich ein Formular ausfülle, für das ich stundenlang recherchieren muss, und am Ende immer noch unsicher bin. Warum frage ich erst dann meine Bekannte, die mir ohne große Mühe sagen kann, wie ich es machen muss? Warum habe ich sie nicht gleich angerufen.
Meistens mache ich die Erfahrung, dass andere mir gerne helfen, ja, sich sogar freuen, dass ich sie gefragt habe. Und andersherum geht es mir ähnlich. Ich freue mich, wenn ich andere unterstützen kann. Es gibt mir ein gutes Gefühl, auch dann, wenn es nur hilfreich war und nicht absolut notwendig.
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Auf meinem Weg durch die Fußgängerzone hat mich eine Baustelle zu einem kleinen Umweg gezwungen. Ich habe etwas Zeit verloren, aber eine ordentliche Portion Hoffnung gewonnen.
Das lag an dem Saugbagger, den ich dort zum ersten Mal in meinem Leben gesehen habe. Ein Saugbagger sieht nicht aus wie ein Bagger, sondern eher wie ein Kanalreinigungsfahrzeug. Am Heck des Fahrzeugs ist ein Schlauch, an dessen Ende ein Stahlkranz mit Zacken angebracht ist. Mit diesem ist der Bagger in der Lage, die Erde aufzubaggern. Das dabei gelockerte Material wird dann durch den Schlauch ins Innere des Fahrzeugs gesaugt. Es ist weniger die Technik, die mich fasziniert hat, sondern dass ich bis dahin keine Ahnung hatte, dass es so etwas gibt.
Und genau hier ist ein Bild in meinem Kopf entstanden – das passiert mir manchmal. Könnte dieser Bagger nicht dafür stehen, dass die Zukunft noch einiges Spannendes bereithält: nicht nur für Baustellen in Fußgängerzonen, sondern auch für die Baustellen in meinem Leben. Dieser Gedanke beflügelt mich. Er gibt mir Hoffnung für mein Leben. Er macht mir Lust Neues zu entdecken, mich überraschen zu lassen, welche Lösungen es geben könnte, von denen ich jetzt noch keine Ahnung habe.
Und es arbeitet weiter in meinem Kopf: in der Bibel wird Gott immer wieder als derjenige vorgestellt, der Hoffnung macht und Zukunft verspricht. Dem alten Ehepaar Abraham und Sarah stellt er Nachwuchs in Aussicht, dem Volk Israel sagt er zu, dass es aus der Sklaverei befreit wird oder aus dem Exil zurückkehrt.
Manchmal lässt die Bibel Gott dabei sogar in Baustellenbildern sprechen, beim Propheten Jesaja heißt es zum Beispiel: „Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste und Flüsse durchs Ödland.“ (Jes 43,19)
Jetzt an Ostern feiern Menschen, dass Jesus auferstanden ist. Sein Tod hatte seine Jünger und die Frauen in seinem Umfeld verzweifeln lassen. Alles schien verloren. Aber er begegnet ihnen noch mal, in ganz anderer Weise als sie erwartet haben, und das gibt ihrem Leben wieder eine Hoffnung.
Ich weiß, wie leicht der Glaube verloren gehen kann, dass in der Zukunft noch etwas Gutes auf einen wartet, und wie schwer es manchmal ist, Zeichen der Hoffnung dafür zu entdecken. Manchmal aber hat man Glück, und sie begegnen einem ganz unerwartet, so wie mir neulich der Saugbagger.
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„In Verbundenheit, Tobias“. Das schreibe ich manchmal sehr bewusst unter eine Kurznachricht. Neulich zum Bespiel an eine Freundin, die an diesem Tag ein wichtiges Vorstellungsgespräch hatte. „Ich denk an dich und wünsche dir ein gutes Gespräch. In Verbundenheit, Tobias.“ Diese vielleicht etwas altmodisch klingende Grußformel habe ich von einem befreundeten Kollegen übernommen, der zufälligerweise auch Tobias heißt. Wir haben uns während der Ausbildungszeit kennengelernt und haben damals entdeckt, dass uns viel mehr verbindet als nur unser gemeinsamer Vorname. Inzwischen sehen wir uns eher selten. Aber die Verbundenheit ist geblieben. Wenn ich diese beiden Worte von ihm lese, dann erinnern sie mich daran. Mir tut das gut, und ich nehme mal an, dass es uns Menschen grundsätzlich guttut, zu spüren, dass wir mit anderen verbunden sind, und was uns verbindet.
Mich fasziniert, dass Verbundenheit Zeit und Raum überwindet. Mit guten Freunden aus der Schulzeit oder dem Studium fühle ich mich bis heute verbunden, auch wenn wir oft Jahre keinen Kontakt mehr haben. Wenn wir uns dann mal begegnen, ist diese Verbundenheit sofort wieder spürbar. Manchmal reicht es auch, dass ich aus irgendeinem Grund an eine Person denke.
Selbst bei Menschen, die inzwischen gestorben sind, fühle ich, dass wir immer noch verbunden sind. Manchmal ist das schön, weil ich dankbar für die gemeinsame Zeit bin, manchmal ist es auch sehr schmerzhaft, weil ich die Person vermisse. Und trotzdem tut es gut.
Ich kann mich sogar mit Menschen verbunden fühlen, die ich gar nicht persönlich kenne. Es reicht, zu merken, dass ich etwas mit ihnen teile: Werte, Interessen, Gedanken, Fragen oder Zweifel. Z.B. entsteht das Gefühl bei mir, wenn ich ein Interview mit ihnen höre oder eine Reportage über sie lese. Tatsächlich müssen sie dazu noch nicht einmal wirklich existieren, sondern können auch eine Romanfigur oder eine Person in einem Film sein.
Mir tut es gut, wenn ich spüre, mit wem ich verbunden bin, und was mich verbindet. Manchmal ist dieses Gefühl einfach da oder stellt sich ganz von selbst ein. Manchmal scheint es aber auch weg zu sein. Es fühlt sich so an, als sei es verloren. In dieser Situation hilft mir, mir Zeit zu nehmen und bewusst zu machen, welche Verbindungen mich jetzt gerade besonders tragen. Und wenn mir dann eine bestimmte Person einfällt, dann kann ich ihr ja eine Kurznachricht schreiben. „Hey, ich habe gerade an dich gedacht. Sollen wir uns mal wieder treffen? In Verbundenheit, Tobias.“
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Einmal kurz schütteln, und dann geht es ganz entspannt weiter. Was gerade noch ziemlich gestresst hat, scheint von einem auf den anderen Moment abgehakt zu sein. Unsere Hündin Mary hat das drauf – bewundernswert! Wenn sie z.B. einem anderen Hund begegnet ist und das mit viel Stress verbunden war, dann schüttelt sie ihre Anspannung ab und kann sich ganz gelöst wieder anderen Dingen widmen.
Mir selbst gelingt das nicht immer so gut. Wenn ich in einem Gespräch eine seltsame Reaktion meines Gegenübers wahrnehme und das nicht klären kann, dann beschäftigt mich das noch eine ganze Zeit. Mein Kopf sagt mir, dass ich die Situation eigentlich abhaken könnte, weil sie nicht so gravierend war. Aber dann ploppt sie plötzlich wieder auf. Manchmal verbunden mit unangenehmen Gefühlen, unangenehmer als die Situation selbst. Das nervt mich und stört mich dabei, mich den Dingen zuzuwenden, die eigentlich dran wären.
Vielleicht täte mir da auch mal gut, mich im wahrsten Sinne des Wortes zu schütteln. Mich zu schütteln, um die negativen Empfindungen, die noch hängengeblieben sind, loszuwerden. Es dort zu lassen, wo es passiert ist, anstatt es noch eine ganze Weile mit mir herumzuschleppen. Denn das kostet mich Kraft und Aufmerksamkeit, die dann anderswo fehlt.
Aber geht das, was bei Hunden so erstaunlich gut funktioniert, auch bei uns Menschen? Vermutlich ja, weil unsere Gedanken und Gefühle so eng mit unserm Körper verbunden sind. Wenn ich an etwas Schönes denke, dann beginne ich mich aufzurichten, meine Mundwinkel gehen nach oben, und meine Augen fangen an zu strahlen. Wenn mich etwas ärgert, dann verfinstert sich meine Mine, meine Muskulatur spannt sich an, und Herzschlag und Atmung werden schneller.
Unser Körper reagiert auf das, was im Gehirn geschieht. Aber genauso geht es auch andersrum. Auch der Körper kann Botschaften an das Gehirn senden, zum Beispiel durch Abschütteln. Wenn ich meinen Körper schüttle, dann lockern sich die Muskeln und signalisieren meinem Gehirn: „Entspann dich, lass los, was dich gerade noch beschäftigt hat!“ Schauspieler nutzen diese Technik, um aus ihren Rollen zu schlüpfen und wieder ins eigenes Ich zurückzukehren.
Und auch ich kann das nutzen. Wenn ein schwieriges Gespräch beendet ist, dann kann ich erstmal nichts mehr daran ändern, wie es gelaufen ist. Ich kann mir überlegen, ob es hilfreich ist, es weiter mit mir herumzutragen, oder ob ich mir einen passenden Ort suche, um mich zu schütteln und meinem Kopf damit zu sagen: „Du kannst jetzt loslassen!“.
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Ich wünsche mir sehr, dass dieses Jahr ein hoffnungsvolles Jahr wird, und ich bin fest entschlossen, etwas dafür zu tun. Ich bin von Natur aus ein zuversichtlicher Mensch und denke, es ist gut, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Allerdings gibt sich die Welt gerade alle Mühe, mich vom Gegenteil zu überzeugen: es herrscht Krieg in Europa, Autokraten bauen ihre Macht aus, das Klima wandelt sich auf bedrohliche Weise und meiner Ansicht nach gefährliche politische Positionen gewinnen an Zuspruch.
Wäre es da nicht realistischer, pessimistisch zu sein und die Hoffnung aufzugeben? Mag sein, aber das halte ich für höchst gefährlich. Ich bin überzeugt, dass es uns Menschen schadet, wenn wir die Hoffnung aufgeben. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir ohne Hoffnung auf Dauer nicht überleben können.
Deshalb mag ich das folgende Zitat des Philosophen Ernst Bloch. Er sagt: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.“ Wer hofft, so Bloch, sei in das Gelingen verliebt nicht in das Scheitern. Aber wie geht das? Wie kann ich immer wieder neu lernen, zu hoffen.
Mir hilft, mich in schwierigen Situationen darauf zu fokussieren, was trotz allem noch gut ist oder zumindest nicht ganz so schlimm. Und es hilft mir, mir bewusst zu machen, welche Ressourcen und Möglichkeiten ich habe, damit sich die Situation bessert.
In meinen Gesprächen als Seelsorger und Berater erlebe ich, dass sich etwas verändert, wenn meinen Gesprächspartnern gelingt, auch das Gute wieder in den Blick zu nehmen und ein wenig zu spüren, welche positiven Erfahrungen und hilfreichen Fähigkeiten sie besitzen, um selbst wirksam werden zu können.
Es kommt aber auch vor, dass jemand zu niedergeschlagen oder erschöpft ist, um noch hoffen zu können. Dann hoffe ich stellvertretend für diese Person und sage ihr das auch. Dafür sind Menschen oft dankbar, und es könnte sein, dass daraus eines Tages auch wieder eigene Hoffnung wachsen kann.
Als gläubiger Mensch habe ich noch eine größere Hoffnung. Sie trägt mich, und ich glaube und vertraue darauf, dass sie allen Menschen gilt, unabhängig davon, ob sie diese in ihrem Leben gerade spüren können. Sie ist da und ich halte an ihr fest, auch wenn ich nicht so genau sagen kann, worin konkret sie besteht.
Ich wünsche mir sehr, dass 2026 ein hoffnungsvolles Jahr wird und bin fest entschlossen, etwas dafür zu tun. Und ich wünsche mir Menschen an meiner Seite, die mit mir hoffen, die für mich und für andere hoffen, und die nicht aufhören, ins Gelingen verliebt zu sein.
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Es gibt so Tage, da frage ich mich am Abend: Was habe ich heute eigentlich geschafft? Vieles von dem, was ich mir vorgenommen habe, konnte ich nicht erledigen, weil ständig etwas dazwischengekommen ist. Oder ich habe viel Zeit und Arbeit in ein Projekt gesteckt und ich beginne zu zweifeln, ob es sich überhaupt lohnt. Wenn solche Tage und solche Projekte sich häufen, dann frage ich mich auch, wozu das Ganze überhaupt?
Es gab eine Zeit, da hat mich diese Frage sehr belastet. Und da bin ich auf ein Gedicht von Hilde Domin gestoßen, das mich unheimlich getröstet hat. Es beginnt mit den Zeilen:
„Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.“[1]
Das Gedicht greift meine Stimmung auf, nichts bewirken zu können und beschreibt dann in poetischen Worten das Gefühl, dass ich keine Spur hinterlasse, wenn ich mal nicht mehr da sein werde. Da fühle ich mich gut verstanden.
Aber Hilde Domin bleibt dabei nicht stehen, sondern spricht einen Gedanken aus, der etwas verändert. Bei allem, was ich mache, könnte vielleicht doch etwas von mir bleiben: der Ton meiner Stimme, mein Lachen und meine Tränen und ein paar meiner Worte. Vielleicht bleiben sie in den Menschen, denen ich begegne. Und so endet das Gedicht mit Worten, die mich trösten. Hilde Domin schreibt:
„Und im Vorbeigehen,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.“
Die Worte trösten mich nicht nur, sie geben mir auch eine neue Perspektive. Sie lenken meinen Blick auf die Menschen, die mir begegnen. Vielleicht gerade auch auf die, die mich an manchen Tagen gehindert haben, mit meinen Sachen fertig zu werden. Oder die, mit denen zusammen ich etwas bewirken möchte.
Ich hoffe, dass ich ganz absichtslos die ein oder andere „Laterne in ihren Herzen angezündet habe“, wie es Hilde Domin nennt. Und mir fallen Menschen ein, die in meinem Herzen immer wieder Laternen anzünden. So ganz nebenbei, indem wir zusammen an etwas arbeiten, gemeinsam lachen oder auch verzweifeln. Und uns Worte sagen, die wir in diesem Moment brauchen: wie z.B. „Gemeinsam kriegen wir das schon irgendwie hin“ oder „Ich finde, du hast es richtig gut gemacht.“
Ich mag Gedichte von Hilde Domin. Ihre Worte zünden immer wieder die ein oder andere Laterne auch in meinem Herzen an.
[1] Hier und im Folgenden zitiert aus: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, Frankfurt am Main 1987, S.30f. Das Gedicht in voller Länge ist aber auch vielfach im Internet zu finden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=40902SWR Kultur Wort zum Tag
Im Zug sind Plätze an einem Vierertisch frei geworden. Ich frage die Frau, die dort noch sitzt, ob ich mich zu ihr setzen darf. Sie wirkt erfreut und antwortet: „Sie sind der erste, der mich heute im Zug anschaut. Ich sitze seit Hannover hier, aber Sie sind tatsächlich der erste, der mich ansieht. Das ist schön.“ Was die Frau sagt, freut mich. Und ich frage mich, ob ich mich manchmal einfach neben jemanden setze, ohne den Blickkontakt zu suchen? Oder nehme ich automatisch Blickkontakt auf? Ehrlich gesagt bin ich mir nicht zu 100% sicher. Aber ich hoffe, dass es mir fast immer gelingt. Ich bin überzeugt, dass es einen Wert hat, wenn wir Menschen uns gegenseitig ansehen. Auch in der Öffentlichkeit. Ich kann gut akzeptieren, wenn Menschen für sich entscheiden, keinen Blickkontakt zu wollen, aber ich merke, dass mir Blickkontakt guttut.
Etwas pathetisch ausgedrückt könnte man sagen: „Angesehen werden“ führt zum Gefühl „angesehen zu sein“. Und ich glaube, „angesehen zu sein“ ist wichtig für uns Menschen. Zumindest erlebe ich in meiner Arbeit, was es mit Menschen macht, wenn dieses „Ansehen“ fehlt. Als Seelsorger und Berater begegnen mir immer wieder Menschen, die in ihrer Kindheit, in ihrem Beruf oder im Privaten Situationen erlebt haben, in denen sie nicht gesehen wurden. Sie leiden darunter oft auch noch viele Jahre später.
Die kurzen Begegnungen, bei denen wir anderen in die Augen schauen und angeschaut werden, können dieses Defizit sicherlich nicht ausgleichen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, gut zusammenzuleben. Und ich habe Angst, dass etwas verloren geht, wenn die Gelegenheiten einander anzusehen seltener werden, weil Maschinen das Gegenüber ersetzen. Die Kasse zum Selbstscannen ersetzt die Kassiererin, der Comfort-Check-In ersetzt den Kontakt mit dem Zugbegleiter, in einer fremden Stadt zeigt mir mein Handy den Weg und ich muss niemanden mehr danach fragen.
Wir verlieren damit Gelegenheiten, anderen Ansehen zu schenken und selbst angesehen zu werden. Das finde ich schade. Aber wenn mir das klar und wichtig ist, dann möchte ich die Gelegenheiten nutzen, die sich mir bieten. So wie neulich im Zug.
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