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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich hatte noch nie eine echte Waffe in der Hand. Und war auch noch nie an einer Jagd beteiligt. Der Gedanke, töten zu müssen, ist mir ein Gräuel. Allerdings: Meinen Hund Kuno habe ich einschläfern lassen, als er alt war und offenkundig vom Leben genug hatte. Eine Patientenverfügung habe ich auch, damit ich vorbereitet bin, wenn es bei mir aufs Sterben zugeht. Und ich esse Fleisch, für das ein Tier getötet wurde. Ganz komme also auch ich nicht um den Tod und das „Töten“ herum. Aber die Vorstellung, bewusst einen anderen Menschen zu töten, mit einer Waffe in der Hand wie es im Krieg üblich ist, diese Vorstellung ist furchtbar für mich. Ich will es nicht, und ich werde es nicht. Das habe ich mir fest vorgenommen. Lieber lasse ich mich erschießen.
So mutig diese Entscheidung auf der einen Seite sein mag, so feige ist sie auf der anderen. Sich nicht zur Wehr setzen, wenn man angegriffen wird, ist in gewisser Weise egoistisch. Was ist mit denen, die womöglich auf meinen Schutz angewiesen wären? Wie stelle ich mich denen entgegen, die unserem Land, unserer Kultur und Lebensweise an den Kragen wollen? Bringe ich es fertig, mich denen zu ergeben, ohne Widerstand?
Ich war noch nie in der Situation, mich für das eine oder andere entscheiden zu müssen. Ich habe mir oft ausgemalt, wie es wäre, wenn ich angegriffen würde, wenn ich meinen Freund verteidigen müsste. Würde ich dann vielleicht doch von meinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch machen? Wer weiß. Sicher weiß ich nur, dass ich es nicht tun will, weil ich davon überzeugt bin. Es ist das Schlimmste, das es auf der Welt gibt: einem anderen das Leben zu nehmen. Und weil ich auch weiß, dass es nur den Kreislauf fortsetzt, der aus Gewalt und Gegengewalt besteht. Und in diesen Teufelskreis will ich mich nicht hineinziehen lassen, weil er nur immer mehr Leid verursacht. Jesus hatte schon Recht, als er das mit der anderen Wange gesagt hat, die man hinhalten soll, wenn man auf die eine geschlagen wird. Und auch damit: dass ein Christ sogar seinen Feind lieben sollte, wenn der einem Böses will. Das Böse kann nur mit dem Guten ausgehebelt werden. Ich ahne schon, dass diese Einstellung anecken wird bei manchem Hörer heute morgen. Dem stelle ich mich. Weil ich es gerade jetzt für unverzichtbar halte, der Logik des Krieges etwas entgegenzuhalten.
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„Der Weg zu Gott kann niemals am Menschen vorbeiführen.“ Dieser Satz wird Franz von Assisi zugeschrieben. Aber ob er so von Franz von Assisi gesagt wurde? Bei einer Person, die gestern vor 800 Jahren gestorben ist, ist das schwer zu sagen. Aber dem Sinn nach entspricht das wohl genau seiner Grundüberzeugung. Ich versuche es einmal mit meinen Worten zu sagen: Wer etwas über Gott sagen will, muss den Menschen kennen. Er muss wissen, was ein Mensch braucht, um zu leben, was ihn glücklich sein lässt oder traurig macht. Er muss tief in die menschliche Natur eindringen, um zu verstehen, wo der Mensch über sich selbst hinauswachsen kann und wo er erbärmlicher ist als jede andere Kreatur.
„Der Weg zu Gott kann niemals am Menschen vorbeiführen.“ Ich könnte es auch so sagen: Wer Gott nahe sein will, muss den Menschen lieben. Anderen helfen, dass ihre Sehnsüchte erfüllt werden, dass sie an ihren Grenzen - zuletzt am Tod - nicht verzweifeln.
Gott ist Mensch geworden, damit wir ihn besser verstehen. An Weihnachten in Jesus von Nazareth. An jedem Tag in jedem von uns. Das ist ein Kerngedanke des christlichen Glaubens, den es so in keiner anderen Religion gibt. Mir scheint, aus diesem Grund hat der Hl. Franziskus die Weihnachtskrippe erfunden. Weil der Weg zu Gott bei ihm über die Kreaturen führt. Ochs und Esel, Hirten und Schafe sind von Gott geschaffen, um Gott in ihre Mitte zu holen und ihn dort anzubeten. Umgekehrt bedeutet das: Überall, wo zerstört wird, was Gott geschaffen hat, geht es gegen Gott. Dort kann kein wahrer Glaube sein, dort ist Gott fern. Wo Tiere gequält werden, damit wir billiges Fleisch haben. Wo das Wetter verrückt spielt, weil uns egal ist, wie das Klima sich verändert. Wo Krieg geführt wird, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was der Mann aus Assisi tun würde, sähe er das Ausmaß, mit dem der Mensch gegen Gottes Schöpfung handelt.
Ein Text ist von Franziskus mit Sicherheit überliefert: der Sonnengesang. Er heißt ursprünglich „Cantico delle Creature“, wörtlich übersetzt: Gesang der Geschöpfe. Alle, die wissen, dass Gott sie geschaffen hat, loben den Höchsten. Sie beugen sich unter seiner Weisheit und Größe. Sie stellen eben nicht sich selbst an die erste Stelle, sondern verstehen, wie klein und unbedeutend sie im Bezug zum Wunder der Schöpfung sind. Das liegt eben auch im menschlichen Wesen. Es ist entscheidend, sich darüber klar zu sein. Und wahrscheinlich der erste Schritt, um unsere Welt besser zu machen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45248SWR4 Abendgedanken
Unsere Erde ist ein Wunderwerk. Weil viele verschiedene Faktoren zusammenkommen mussten, um sie zu einem Ort zu machen, auf dem wir leben können. Denn so weit Wissenschaftler mit ihren Fernrohren schauen können, haben sie nie etwas entdeckt, das unserer Erde ähnlich ist. Keinen zweiten Planeten, auf dem Leben möglich wäre, wie wir es kennen. Den müsste es wohl geben, vielleicht haben wir ihn halt noch nicht entdeckt. Trotzdem ist es schier unglaublich, dass es gerade bei uns so gekommen ist. Ich finde: ein Wunder!
Der Planet Erde hat seinen Platz in einer rasiermesserscharfen Zone, die gerade so weit von der Sonne entfernt ist, dass Temperaturen herrschen, die Wasser auf Dauer flüssig halten. Etwas weiter weg und es würde zu Eis. Etwas näher am Stern unseres Planetensystems dran, und die Ozeane würden verdampfen. Im Erdinnern gibt es einen geschmolzenen Kern. Das Magnetfeld der Erdmasse sorgt für die Schwerkraft zu diesem Kern hin, damit wir uns bewegen können. Es schützt außerdem die Erdoberfläche vor der kosmischen Strahlung, die sonst unsere Atmosphäre zerstören würde. Denn diese Atmosphäre ist ein kompliziertes ausbalanciertes Gemisch aus Gasen, die das Klima regulieren und Luft zum Atmen erst erzeugen. Der Mond, der die Erde umkreist, stabilisiert die Erdrotation und garantiert mit seiner Anziehungskraft ein stabiles System zwischen Festland und Meer. Und noch etwas: Unser Planetensystem liegt in einer eher ruhigen Zone der Milchstraße, wo verglühende Sterne und andere kosmische Ereignisse selten auftreten.
Alles in allem ist die Erde nur deshalb so bewohnbar, wie wir es kennen, weil eine Vielzahl von Faktoren zusammenkommt. Ich bin vorsichtig, mit vollmundigen Behauptungen in dieser Hinsicht. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das reiner Zufall ist. Dafür passt zu viel an äußeren Umständen zusammen. Das bringt mich zum Staunen. Und daran erinnere ich mich gerne und momentan oft, wenn ich davon höre, wie unzufrieden manche Erdlinge im reichen Westeuropa sind. Ja, es gibt auch Grund zu klagen, das bezweifle ich nicht. Aber wie wunderbar unsere Welt ist, und dass ich einer bin, der hier existieren darf - dieser große Zusammenhang, der viel größer ist als alles andere - der stimmt mich demütig und gibt mir großen Trost.
SWR4 Abendgedanken
Ich hatte in meinem Leben schon viel und oft Angst. Lange Zeit habe ich nicht verstanden, woher das kommt. Bis mir klar geworden ist: Da gibt es gar nichts zu verstehen. Es passiert einfach, und Du musst lernen, damit richtig umzugehen. Nicht weglaufen vor den Situationen, die Angst auslösen. Und mich nicht hineinziehen lassen in die Spirale, dass ich aus Angst, es könnte wieder eine Panikattacke kommen, im Bett bleibe. Meine Hausärztin war klug und hat mich begleitet, und die Psychotherapeuten auch. Gut war, dass ich mich nie geschämt habe, sondern offen darüber sprechen konnte.
Inzwischen habe ich nur noch ganz selten Angst. Und darüber bin ich heilfroh! Die Stellen, wo ich angreifbar war, sind vernarbt. Die Wunden sind noch da und manchmal spüre ich sie auch. Aber sie brechen nicht mehr auf. Im übertragenen Sinn: Es „blutet“ nicht mehr. Trotz allem bin ich froh, dass ich weiß, was Angst ist und was sie mit einem Menschen macht. Den viele Menschen haben Angst. Viele zeigen körperliche Reaktionen, die auf Angst zurückzuführen sind: Magenkrämpfe, Schwindel, Herzrasen, Kopfweh. Und genau wie ich früher verstehen viele nicht, woher das kommt, was ihr Körper da macht. Manchmal habe ich gedacht, wenn ich panisch wurde: Jetzt ist’s vorbei mit dir. Und so wollte ich manchmal auch nicht mehr weitermachen. Aber es ging immer weiter. Ich bin nicht gestorben, bin immer noch am Leben. Heute bin ich froh, dass ich das alles kenne - und besonders froh, dass ich meine Erfahrung an andere weitergeben kann.
Ob mein Glaube an Gott mir dabei geholfen hat? Ich weiß es nicht. In den schweren Situationen eher nicht. Ich habe gebetet und gefleht manchmal, und es hat nicht unmittelbar geholfen. Aber so funktioniert Glaube auch nicht: dass Gott tut, was ich will. Nach wie vor halte ich mich aber daran, was Jesus immer wieder seinen Jüngern sagt, wenn sie Angst hatten. Und das hatten sie; gar nicht so selten. Als er ihnen nach seinem Tod erscheint, halten sie ihn für ein Gespenst und wollen davonlaufen. Als Jesus Petrus auffordert übers Wasser zu ihm zu kommen, geht der unter. Die Aufforderung Jesu lautet dann immer gleich: „Habt keine Angst!“ Im Moment hat das ihre Angst nicht weggeblasen. Aber als Zusage steht der Satz im Raum. Mit Gott an der Seite wird euch die Angst nicht völlig überwältigen. Heute kann ich sagen, dass es so war. Ich kann es mir sagen, und anderen, die es brauchen.
SWR4 Abendgedanken
Ich war in diesem Sommer in Schottland und habe Freunde besucht. Die Landschaft dort ist weit und karg, an der Küste hat man betörend schöne Ausblicke aufs Meer. Es gab an jedem Tag alles, was das Wetter zu bieten hat: Sonne, Regen, Wind. Vor allem aber gibt es in Schottland freundliche Menschen. Das fiel mir auf, wenn ich in einem Geschäft bedient wurde oder auf der Straße nach etwas gefragt habe. Ganz besonders im Pub oder wenn ich in einem Lokal zum Essen war. Ich hatte nie eine Bedienung, die schlechte Laune hatte; oder wenn sie sie hatte, hat sie sie mir nicht gezeigt. Das war angenehm. Und auffallend. Besonders auffallend im Vergleich, als ich wieder zurück in Deutschland war. Anfangs war ich regelrecht geschockt, wie viel Miesepetrigkeit mir da an manchen Stellen entgegengekommen ist. Bedienungen an der Wursttheke, die mit sich selbst beschäftigt sind; Verkäufer, die ein grantiges Gesicht machen; unwirsche Antworten, wenn ich auf einer Behörde etwas fragen musste. Ok, das wird alles seine Gründe haben, und pauschale Vergleiche sind immer schwierig. Trotzdem ist mir die schottische Freundlichkeit aufgefallen und sie war wohltuend. Weshalb ich hier und heute dafür plädiere, dass wir alle es einfach mal probieren, freundlicher zu sein. Ich nehme es mir jedenfalls vor.
Was aber ist Freundlichkeit, und wie geht sie? Ich meine damit ja nicht, dass mich jemand angrinsen soll oder sich mit gekünstelten Worten überschlägt. Wenn das Freundliche oberflächlich bleibt, dann wirkt es entweder komisch oder peinlich. Ich bemerke dann, dass dahinter nichts Echtes steckt. Nein, für mich beginnt Freundlichkeit damit, dass ich mich über den Menschen freue, der mir gegenübersteht. Das gilt vor allem dann, wenn wir uns gar nicht kennen, also keine Vorgeschichte haben, die womöglich schwierig war. Wenn ein Brautpaar zu mir kommt oder mich eine Hörerin in einer Angelegenheit sprechen will, dann ist das für mich keine Belästigung. Ich freue mich, dass jemand ein Interesse hat, mit mir zu tun zu haben, weil ich bei etwas nützlich sein kann. Das ist die Grundeinstellung, die es mir möglich macht, freundlich zu sein. Wer mag, kann sich denken: Das ist Nächstenliebe. Für mich hat es etwas damit zu tun, wie ich einen Menschen anschaue. Ganz grundsätzlich. Da ist eine oder einer wie ich. Es tut ihm gut, wenn ich freundlich bin. Gerade so, wie es mir auch gut tut. Und in der Summe hilft es für unser ganzes Zusammenleben.
SWR4 Abendgedanken
Ein ehemaliger Schüler meldet sich bei mir. Ich nenne ihn hier Linus. Wir verabreden uns auf einen Kaffee in der Stadt und sprechen zwei Stunden miteinander. Es gibt viel zu erzählen, weil wir uns lange nicht mehr getroffen haben. Linus hat inzwischen sein Studium abgeschlossen und ist gerade dabei, erste Schritte ins „normale“ Berufsleben zu unternehmen. Und: Er forscht dabei in einem medizinischen Spezialgebiet der Krebsforschung. Wenn es ihm gelänge, da etwas Neues zu entdecken, einen Durchbruch zu schaffen, das wäre für ihn das Größte. Weshalb er viel Zeit dafür einsetzt. Linus hat aber noch andere Interessen und Gaben: Er spielt hervorragend Geige, ist ein leidenschaftlicher Rennradler, interessiert sich für die Zukunft in unserem Land und andere Menschen wie mich, mit denen er zu tun hat. Wir sprechen deshalb auch über Musik, über Oper und Literatur, über Politik und die Kirche. Es ist schön, dass wir uns etwas zu sagen haben, obwohl wir altersmäßig weit auseinanderliegen und uns lange nicht gesehen haben.
Was für mich aber am schönsten ist: zu sehen, was aus einem Jugendlichen geworden ist, den ich vor zehn Jahren als Schüler unterrichtet habe. Was mir da für eine Persönlichkeit gegenübersitzt. Wie sein Charakter sich ausgeprägt hat, stark und positiv. Wieviel Kraft in ihm steckt, etwas zu tun, das anderen nützt; die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, mit den Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen. Das ist ansteckend, berührend und tut mir gut, sehr gut.
Linus ist dabei nur einer. Im Laufe meiner Zeit als Lehrer habe ich immer wieder solche Mädchen und Jungs erlebt, gesehen, begleitet. Manchen merke ich schon am Ende der Schulzeit an, dass aus ihnen etwas wird. Eine Persönlichkeit wird, von denen wir viele brauchen können – in unserer großen, komplizierten, verworrenen Welt.
Ein Auftrag der Kirche besteht darin, Menschen eine gute Perspektive für ihr Leben zu geben. Besonders jungen Menschen. So habe ich immer den Religionsunterricht in der Schule verstanden: Ich habe versucht, Wege aufzuzeigen, wie Menschen glücklich werden können. Ich habe darauf hingewiesen, dass Geld allein nicht glücklich macht. Ich habe versucht, ihnen den Menschen als Gottes Ebenbild nahe zu bringen. Und gesagt, wie wichtig es ist, dass sie ihre Begabungen erkennen und ausbauen. Linus und all die anderen, die ich kenne, machen mir Hoffnung, dass das Gute, das Gott in den Menschen gelegt hat, am Ende doch die Oberhand behält.
SWR4 Abendgedanken
Jeden Abend eine schöne Begebenheit in den SWR4-Abendgedanken. Das ist mein Programm für diese Woche, auch weil es sonst so viel Unerfreuliches gibt.
Meine Mutter ist mit 85 Jahren inzwischen eine alte Frau. Und nach zwei großen Operationen an der Wirbelsäule hat sie das auch akzeptiert. Aber der Weg dahin war hart für sie und anstrengend für mich. An manchen Tagen war sie sehr niedergeschlagen und hatte die Hoffnung aufgegeben, es nochmal zu packen: ein eigenständiges Leben zu führen, in die Stadt zu laufen, selber zu kochen, sich mit Freundinnen zu treffen. Inzwischen ist sie wieder in der Wohnung, in der sie seit bald sechzig Jahren lebt und kommt mit etwas Hilfe gut zurecht. Sie ist überglücklich, dass sie in ihrer vertrauten Umgebung ist, dass sie in ihrer Küche etwas zubereiten kann. Dass sie ein Krankenbett hat, das es ihr leicht macht aufzustehen. Dass alles in allem für sie gesorgt wird und gesorgt ist. Mir scheint, dass sie das nicht (mehr) für möglich gehalten hat. Und jetzt klappt es doch!
Diese Erfahrung hat etwas in ihr ausgelöst: Sie ist dankbar und – wie sie selbst manchmal sagt: demütig geworden. Ich freue mich, dass sich da in ihrem hohen Alter nochmals etwas bewegt. Wo man doch sonst immer denkt, ab einem bestimmten Punkt lässt sich an einem Menschen nichts mehr ändern. Offenbar doch. Und offensichtlich sind es die schwierigen Erlebnisse, die einen weiterbringen. Das weiß ich aus eigener Anschauung. Weitergebracht haben mich stets die Ereignisse, die Kraft gekostet haben, die ich erst nicht verstanden habe, aber im Nachhinein meinen Horizont weiter gemacht haben. Ich will damit nicht das Leiden verherrlichen oder schönreden. Ich sehe es ganz nüchtern: Die Dinge geschehen einfach. Ich werde krank, ich habe Streit. Das ist so, es ist normal. Wenn ich sie allein bewältige, ist das gut. Wenn ich Hilfe dazu brauche auch. Und wenn ich am Ende dankbar dafür bin, dann ist es besonders gut, weil die Dankbarkeit den Menschen groß macht, weil sie Ausdruck seiner Würde ist. Weil dankbar zu sein die einzig angemessene Reaktion ist, wenn der Mensch so sein will, wie Gott ihn erschaffen hat.
Meine Mutter ist nach ihrer schweren Zeit sehr dankbar, dass sie Menschen hat, die an ihrer Seite stehen und dass sie es nochmals gepackt hat. Was für eine schöne Verwandlung!
SWR Kultur Wort zum Tag
Der Klimawandel ist eine Tatsache. Das anzuerkennen, ist keine Frage der politischen Gesinnung. Genauso wenig wie Klimaschutz für eine bestimmte politische Richtung reserviert ist. Wer an Gott als den Schöpfer glaubt, dem muss die Schöpfung heilig sein. Jeder, der bei Trost ist, sollte sich eingestehen: Wir müssen etwas tun, damit sich die Erde nicht weiter erwärmt. Wir müssen von den fossilen Brennstoffen wegkommen. Jeder kann etwas dafür tun.
Das zeigt ein Verein, der sich hauptsächlich an die richtet, die zum konservativen Spektrum in unserer Gesellschaft gehören. Ein Verein, der nicht ohne Grund „Heimatwurzeln“ heißt, weil er vor allem die bürgerliche Mitte ansprechen will. Landwirte und kleinere Unternehmen in Familienhand. Dort gibt es ein starkes Misstrauen gegenüber der Klimapolitik. Weil die Sorge vorherrscht, die eigenen Lebenshaltungskosten könnten dadurch noch mehr steigen und man müsste an sein Erspartes ran. Der Verein „Heimatwurzeln“ hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Denk-Blockaden aufzulösen. Er bietet deshalb Abende an, an denen Interessierte von Anfang an dabei sind, wenn ein Projekt entsteht; das schafft Vertrauen. Denn wer sich nicht mitgenommen fühlt, wem Vorwürfe gemacht werden, der läuft eher in die Hände von Klimaleugnern und Populisten. Eine Gesellschaft, die sich weiter polarisiert, wird die Ziele der Klimapolitik nicht erreichen. Im Grunde muss es sich lohnen dabei mitzumachen, dann ist Klimapolitik attraktiv.
Ich bin auf den Verein aufmerksam geworden, weil ein ehemaliger Schüler von mir dort arbeitet. Er weiß, dass auch in den traditionellen Kirchengemeinden oft Skeptiker sind. Die bürgerliche Mitte gibt auch dort den Ton an. Es ist deshalb gut, Brücken zu schlagen – am besten in Form von einfachen Projekten, in denen sich die Leute selbst engagieren können. Ein Projekt von Heimatwurzeln heißt „Lecker, nachhaltig und von nebenan“. Die Teilnehmerinnen haben gelernt, wie Ernährung, Garten und Landwirtschaft miteinander verbunden sind. Da geht es um Dinge, die früher selbstverständlich waren: wenig wegwerfen, Gemüse haltbar machen, regional einkaufen. Wenn Lebensmittel nicht weit transportiert werden müssen, das ist gut fürs Klima.
Politiker müssen die Weichen stellen. Entscheiden muss ich am Ende selbst: wie und wohin ich in den Urlaub fahre, ob ich öffentliche Verkehrsmittel nutze, wo ich Energie einspare. Wenn am Ende auch die ein gutes Gefühl haben, die erst skeptisch waren – dann hat’s funktioniert, und der Klimaschutz ist in der eigenen Heimat verwurzelt.
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Sie hatten ein schwieriges Verhältnis. Jesus, der Christus, und Simon Petrus. Der Chef und sein Abteilungsleiter. Missverständnisse und Enttäuschungen pflastern den Weg der beiden. Ich spreche heute darüber, weil ich Konflikte für den Normalfall halte. Wo Menschen zusammenleben und -arbeiten, gibt es unterschiedliche Auffassungen. In der Kirche ist das nicht anders. Und es ist mir wichtig, das einmal ausdrücklich herauszustellen.
Immer wieder wird Petrus zudringlich, wenn es darum geht, seinem Chef besonders nahe zu sein. Dass der ihm die Füße wäscht, beim Letzten Abendmahl, genügt ihm nicht. Nein, auch die Hände, bitte schön, und den Kopf[1]. Jesus verweigert ihm das, wohl auch, weil er ihm den schon an anderer Stelle wiederholt gewaschen hatte.
Jesus ist nicht zimperlich, wenn er sich über Petrus ärgert. Gerade weil er ihm viel Verantwortung gegeben hat, erwartet er von ihm auch mehr. Einmal bezeichnet er ihn sogar als „Satan“ und weist ihn schroff ab: Weg von mir, denn du willst, was Menschen wollen, nicht was Gott will[2]. Petrus hat das wohl anders gesehen, denn bewusst hätte er sich kaum gegen seinen Chef gestellt.
Mit großem Vertrauensvorschuss hat Jesus gerade den Fischer Petrus als Ersten ins Jünger-Team berufen. Der ist der Richtige, der kann das. Allerdings reicht es offenbar nicht, dass Petrus alles stehen und liegen lässt. Immer wieder muss er seinen Glauben, seine Treue unter Beweis stellen. Einmal wäre er dabei fast ertrunken. Aber nur fast. Jesus reicht ihm die Hand und verspottet ihn als „Kleingläubigen[3]“.
Am Ende leugnet Petrus, überhaupt zur Firma „Gott & Sohn“ zu gehören. Als ihm klar wird, dass Jesus in den Untergang steuert, rennt er weg und taucht erst wieder auf, als er davon hört, es sei etwas Unglaubliches geschehen: Der Tote lebe. Dann rennt er von neuem los, weil er so ein emotionaler Typ ist und nie wirklich aufgehört hat, seinen Herrn und Meister zu lieben. Trotz allem, was zu Lebzeiten davor passiert ist.
Es entlastet mich zu sehen, dass es schon bei Jesus keine heile Welt gab. Streit und harte Worte gehören auch dort zur Tagesordnung. Am Ende gibt es bei Jesus und Petrus aber immer Versöhnung. Sie ringen miteinander. Der Obere aber lässt den Unteren nicht fallen. Er sieht, dass er daran wächst und entzieht ihm nie das Vertrauen. Das ist ein Unterschied, und der ist entscheidend.
[1] Johannesevangelium 13,9
[2] Markusevangelium 8,33
[3] Matthäusevangelium 14,31
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Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in Deutschland ist 79 Jahre. Ich bin jetzt 62.
Nun könnte ich anfangen zu rechnen und zu planen. Was ich noch alles erleben will, welche Reise ich schon lange im Sinn aber nie in die Tat umgesetzt habe. Ich könnte mir Ziele setzen, die ich konsequent abarbeite. Aber all das werde ich nicht tun. Erstens, weil ich so über viele Jahre hinweg gelebt habe, und es mir nicht immer gut damit ging. Zweitens, weil es den folgenden Satz von Jesus gibt: Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage[1]. Ich betrachte diesen Satz als eine enorme Herausforderung, weil ich ganz oft an morgen und übermorgen und noch viel weiter denke und plane. Und gleichzeitig halte ich es für absolut richtig, im Heute zu leben. Nicht in den Tag hinein, ohne etwas Gutes zu tun. Das ist nicht damit gemeint. Ich habe schon an das Ende gedacht, habe ein Testament, eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung. Gleichzeitig denke ich aber auch: Wenn es morgen so weit wäre, Thomas, könntest Du dann sagen: „Es war gut, Dein Leben?“ Ja, alles in allem, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die es auch bei mir gibt, könnte ich sagen: „Ja, mein Leben war gut.“ Und den Plagen, die Tag für Tag kommen werden, die ich nicht kenne, stelle ich mich.
Was also tue ich heute? Wie jeden Morgen gehe ich mit meinem Hund Gassi. Da brauche ich nichts zu entscheiden, es ist immer so. Manchmal ist es eine Plage, weil ich lieber etwas anderes tun würde, oft ist es mit das Schönste vom ganzen Tag, weil ich draußen an der frischen Luft bin, andere Hunde und deren Besitzer treffe, den Kopf frei bekomme. Dabei kommen mir die besten Ideen. Und außerdem weiß ich, dass es für meinen Hund einer der Höhepunkte seines Tages ist. Anschließend telefoniere ich mit meiner Mutter, die inzwischen auf etwas mehr Unterstützung angewiesen ist. Wir haben meistens nichts Weltbewegendes zu besprechen, geben uns nur das Gefühl, dass wir füreinander da sind. Dann nehme ich mir Zeit für die Nachrichten des Tages. Damit ich nicht um mich kreise, und meine kleine Welt nicht wichtiger nehme als die große. Meistens vermische ich das mit dem Beten und lege Gott die Sorgen und Nöte ans Herz, die ich wahrnehme. Zwischendurch arbeite ich, und muss dabei doch auch Dinge planen, für die ich nicht allein verantwortlich bin. Aber auch bei denen hilft mir der Jesus-Satz: Mach heute, was geht. Mach es, so gut du kannst. Sei in der Gegenwart. Und dann … ist morgen auch noch ein Tag.
[1] Matthäusevangelium 6,34
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