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SWR Kultur Lied zum Feiertag/Zum Feiertag

Musik:
- Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit!
Schon sinkt die Welt in Nacht und Dunkelheit.
Geh nicht vorüber, kehre bei uns ein.
Sei unser Gast und teile Brot und Wein.
Endlich gibt es ein Lied zur Emmausgeschichte im katholischen Gesangbuch. Für mich ist die Episode mit den beiden Freunden, die gemeinsam unterwegs sind, die schönste Ostererzählung des Neuen Testaments. Weil sie so behutsam mit dem Glauben an Jesus umgeht. Und weil sie mit einer Frage endet: Brannte uns nicht das Herz in der Brust ...? Die Frage, ob ich von Jesus berührt werde, ist existentiell für mich. Und mit ihr verbunden, dass ich balancieren muss zwischen Ungewissheit und Hoffnung. Deshalb ist der Satz mein Leitwort seit der Priesterweihe, so etwas wie mein persönliches theologisches Motto.
Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit heißt das Lied, das im Gotteslob die Nummer 325 trägt. Es bewahrt die Zurückhaltung, die der Evangelist Lukas in seine Ostergeschichte gelegt hat, und es transportiert die Sehnsucht, mit der Kleopas und sein Freund unterwegs sind. Peter Gerloff, der die Verse verfasst hat, versteht es eindringlich, sich in die Stimmung der beiden Jünger hinein zu versetzen. Mehr noch: Er überträgt sie auf uns, in unsere Zeit. Ostern - das ist zwar ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren; trotzdem bleibt es keinem Menschen erspart, den Weg dorthin selbst zu gehen - durch die Zeit, auch in Nacht und Dunkelheit - die Erfahrungen des persönlichen Karfreitags eingeschlossen. Ich weiß, wie oft ich darum gebetet habe, dass ich dabei nicht allein bin: dass es immer Menschen an meiner Seite gibt, einen Freund wie Kleopas. Und dass Jesus mit mir geht, auch wenn ich ihn nicht bemerke, dass er bei mir einkehrt.
Musik:
- Weit war der Weg. Wir flohen fort vom Kreuz.
Doch du, Verlorner, führtest uns bereits.
Brennt nicht in uns ein Feuer, wenn du sprichst?
Zeige dich, wenn du nun das Brot uns brichst.
Der Tonsatz des Liedes greift die sehnsuchtsvolle Stimmung wunderbar auf. Sie nimmt im Verlauf der Strophen noch zu, sie entfaltet sich regelrecht. Und ich ertappe mich dabei, dass mir genau dieser melancholische Ton, die leicht traurige Musik besonders wohl tut. Vielleicht bin ich dann zu mir selber am ehrlichsten: wenn ich die Fragen meines Daseins anschaue, die Ungewissheiten, meine Ängste. Und trotzdem nicht zu verzweifeln brauche.
Die Jünger von Emmaus machen eine tiefe Glaubenserfahrung. In ihrem Kopf hat sich das Bild festgesetzt, wie Jesus am Kreuz hängt. Damit verbinden sie das Aus all ihrer Sehnsucht nach Leben und Glück. Bis sie merken: Dieses Bild ist nicht das Ende. Das Geheimnis Gottes ist größer. Und sie dürfen daran teilnehmen. Wie ein Aha-Erlebnis setzt sich diese Erfahrung in ihnen fest. Sie begleitet sie bis in den eigenen Tod. Sie – und wenn wir wollen – auch uns.
Musik:
Weihe uns ganz in dein Geheimnis ein.
Lass uns dich sehn im letzten Abendschein.
Herr, deine Herrlichkeit erkennen wir:
Lebend und sterbend bleiben wir in dir.
Quellen:
- Chor der Kath. Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart:
Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit
Privataufnahme für den Autor dieser Sendung vom 29.04.2014
Entstehungsart: sonstige Produktion
Leitung: Prof. Jan Schumacher
T: Peter Gerloff
M: William Henry Monk (1861)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44091SWR Kultur Lied zum Sonntag

Es gibt Lieder im Gesangbuch, mit denen ich religiös groß geworden bin. Unter ihnen nimmt das Lied, das ich Ihnen heute vorstelle, eine besondere Stellung ein: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.
Wie kaum ein zweites charakterisiert dieses Lied eine Haltung, die mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden ist: vorsichtig zu sein, wenn ich von Gott spreche. Nicht im vollmundigen Ton der Gewissheit. Besser zu fragen, als etwas zu behaupten. Gott nicht für mich und meine Interessen zu vereinnahmen. Alles in allem nie zu vergessen: Meine Unkenntnis über Gott ist größer als all das, was ich über ihn zu wissen meine.
Als Seelsorger habe ich oft genug erlebt, wie ich mit leeren Händen dastand. Vor Jahren musste ich ein 14-jähriges Mädchen beerdigen. Sie hatte einen bösen Tumor an der Leber und alle medizinische Kunst hatte in kurzer Zeit versagt. Ihre Eltern waren tapfer, aber todtraurig. Sie selbst hat bei meinen Besuchen vor dem Tod kein Wort mit mir gesprochen. Auch ich habe nichts gesagt. Denn: Was hätte ich da sagen können? Dass Gott alles gut machen wird? Das ist meine stumme Hoffnung geblieben. Ich saß lange am Bett des Kindes und habe geschwiegen. Ich habe mit dem Mädchen und seinen Eltern ausgehalten, so gut mir das eben möglich war. Ich habe stumm gebetet und gefleht. Weil mir Gottes Wege dabei fremd geblieben sind. Weil ich nicht verstanden habe, was ER damit bezweckt. Weil hier wie in so vielen anderen Fällen der Tod eine große Macht entfaltet hat. Auch bei der Ansprache zum Begräbnis habe ich Fragen gestellt. Wie es das Lied heute in seiner ersten Strophe tut.
Musik:
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott. der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.
Auch in der zweiten Liedstrophe stehen die Fragen an Gott im Zentrum. Ja, sie werden nochmals verstärkt. Und zwar mit Blick auf die großen Verheißungen der Bibel: dass Gott sein erwählten Volk aus der Sklaverei in ein gelobtes Land führt[1]; dass er den Namen jedes einzelnen Menschen in seine Hand geschrieben hat[2]. Huub Oosterhuis, der Verfasser des Lieds, begegnet dem ausdrücklich mit Skepsis. Nicht weil er die Existenz Gottes in Frage stellt. Im Gegenteil: Weil er an ihm festhalten will, weil er seinen Glauben stärken will, muss er so radikal ehrlich bleiben. In den meisten Fällen hat er keine abschließende Antwort. Aber dass es stimmt, was in der Bibel steht, das muss sich erst zeigen: im nackten Leben eines jeden, der die Worte im Mund führt:
Musik:
Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?
Die letzte Strophe wechselt den Ton. Vorsichtig zeigt sich ein Lichtstrahl am Horizont. In einer ganzen Kaskade aus Anrufungen wird Gott bestürmt. So, als ob auf ihm allein die ganze Hoffnung des Menschen ruht: Gib Trost, schenke Frieden, sei die Nahrung, die ich zum Überleben brauche. Gerade in schweren Zeiten waren das Bitten, die ich mir gerne zu eigen gemacht habe. In denen ich - bei aller Vorsicht - Gott näher gekommen bin als an vielen anderen Stellen.
Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und laß mich unter deinen Söhnen leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.
[1] Exodus 3,13
[2] Jesaja 49,16
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43928SWR1 3vor8
Mit Wasser getauft sind viele. Noch immer. Die meisten als Kind. Ich seit 61 Jahren. Aber mit Geist getauft? Das Sonntagsevangelium heute wirft diese Unterscheidung auf. Johannes tauft mit Wasser, Jesus mit heiligem Geist. Was bedeutet diese Unterscheidung? Wörtlich sagt Johannes der Täufer: Er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft[1].
Wer schon einmal bei einer Taufe dabei war, erinnert sich an das Wasser, das der Priester über das Haupt des Taufbewerbers ausgegossen hat. Wasser kann man sehen und jeder versteht, was es bedeutet. Wasser reinigt und erfrischt. Es ist unser Lebenselixier, auf das wir nur für kurze Zeit verzichten können. Wasser ist auch eine gewaltige Macht. Das Volk Israel konnte nur aus Ägypten fliehen, weil Gott sie vor den Flutmassen des Roten Meeres gerettet hat. Christen glauben, dass Gott so jeden rettet, der getauft ist und zu ihm gehört.
Und der Geist, was bedeutet es, mit ihm getauft zu sein? Den Heiligen Geist kann man nicht sehen. Er lässt sich nicht so leicht in ein konkretes Bild fassen wie Wasser. Wir können ihn nicht festhalten, ihn uns zu eigen zu machen. Das geht mit dem Geist Gottes nicht. Und das ist gut und richtig; und typisch für alles, was unmittelbar mit Gott zu tun hat. Denn zu Gott dringt man nur vor, wenn man nicht an Äußerlichkeiten hängen bleibt. Ich verstehe das Bedürfnis. Ich will auch lieber genau sagen können: So ist das mit Gott. Aber ich weiß auch: So geht das nicht. Gott ist immer mehr und größer und anders, als ich mir es ausdenke und wünsche.
Die Kirche lehrt: „Christus selbst tauft.“ Wer die Taufe vornimmt, ist lediglich sein Werkzeug. Also glaube ich, dass ich durch meine Taufe direkt mit Jesus verbunden bin, mit seinem Geist getauft wurde. Und dass es meine lebenslange Aufgabe bleibt, diesen Geist zu suchen und ihm zu folgen. Dazu darf ich nicht an Äußerlichkeiten hängen bleiben. Es kommt nicht in erster Linie auf das richtige „Gesangbuch“ an oder darauf, Vorschriften zu befolgen. Stattdessen muss ich hinter die Fassade schauen. Weil der Geist Jesu auch außerhalb der Kirche zu finden ist – auch bei denen, die ihr den Rücken gekehrt haben. Wo Not gelindert wird, wo der Gewalt ein Ende gemacht wird, wo Verzweifelte getröstet werden, da ist er. Denn: Der Geist weht, wo er will.
[1] Johannes 1,33
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43684SWR4 Abendgedanken
Jeden Tag mache ich etwas falsch. Manchmal bemerke ich es sofort, manchmal erst im Nachhinein. Ich trete jemandem zu nahe. Ich bin zu laut und lasse andere nicht richtig zu Wort kommen. Oder ich fälle ein schnelles Urteil, merke dann aber, dass es der Sache gar nicht gerecht wurde. Die meisten meiner Fehler hängen damit zusammen, dass ich zu schnell bin, mir nicht genügend Zeit lasse, um noch einmal nachzudenken, bevor ich den Mund aufmache. Normalerweise führt das nicht zu großen Problemen, weil ich dann doch noch rechtzeitig „die Kurve kriege“. Aber es stört mich, wenn es mir passiert, und sobald ich es bemerke, tut es mir leid. Diese Eigenschaft, dieses Temperament – es scheint tief in meiner Person verankert zu sein. So tief jedenfalls, dass ich es nicht wirklich beherrschen kann, obwohl ich darum weiß. Am Ende bleibt mir fast immer nur die Bitte um Entschuldigung, und ich merke: Ich brauche Vergebung. Jeden Tag. Es ist ein hin und her wie beim Ping-Pong. Ich mache was falsch, ich bitte um Vergebung.
Das zu wissen, gibt mir Bodenhaftung. Weil es ein Vorgang ist, der zu uns Menschen gehört. Und eigentlich wissen wir das auch. Aber um Vergebung zu bitten, das fällt oft schwer. Weil man dabei über eine Hürde springen muss. Ich darf mich nicht an meinem Fehler festbeißen. Ich bin eben nicht perfekt bin und bedarf der Vergebung. Ich muss den Vorgang so normal wie möglich nehmen, mir klar darüber sein. Es passiert ständig, mal so rum, mal andersrum.
Ich stelle mir vor, wie das unsere Welt verändern würde, wenn alle Menschen unablässig bereit wären zu vergeben. Dann gäbe es keinen Rosenkrieg, unter dem Kinder leiden, wenn ein Ehepaar sich scheiden lässt. Dann wären Hetzkampagnen in den Medien passé, in denen es nur darum geht, den anderen schlecht zu machen. Dann würden aus Konflikten keine Kriege entstehen, die am Ende den Gegner vernichten wollen.
Ich weiß, das ist eine Utopie, eine Wunschvorstellung, die sich in der Realität nicht bewahrheiten wird. Weil wir eben auch bei der Vergebung an unsere Grenzen kommen. Aber warum sollte ich mir nicht wünschen dürfen, dass es so ist. Und beim Wünschen mich selbst ein bisschen mehr anstrengen, anderen zu vergeben, das nächste und das übernächste Mal. Schon das wäre ein gewaltiger Schritt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43664SWR4 Abendgedanken
Wie viele Freunde habe ich? Ich stelle mir diese Frage, wenn ich mir etwas ganz Schlimmes ausmale: dass ein Mensch stirbt, dem ich mich sehr nahe fühle; oder ich so schwer krank werde, dass ich dauerhaft auf Hilfe angewiesen bin. Wer steht dann zu mir, wer wird sich um mich kümmern, wer ist dann wirklich für mich da? Natürlich können Freunde nicht den Menschen ersetzen, der mit einem durchs Leben geht. Aber es braucht ja auch nicht nur die oder den einen. Es ist gut, wenn man ein paar Freunde hat, die sich ergänzen, weil sie Unterschiedliches gut können: schreiben, tragen, hören, musizieren, erzählen, informieren, streiten, stillsein.
Ich denke, ich habe ein paar solcher Freunde. Es sind Menschen, die ich schon lange kenne, manche fast mein ganzes Leben. Manche wohnen in meiner Nähe und wir haben Gelegenheit, uns regelmäßig zu treffen. Andere wohnen weiter weg und wir begegnen uns nur ein, zweimal im Jahr. Aber das macht nichts. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können, weil wir gute Erfahrungen miteinander gemacht haben; so gute, dass es ein Vertrauen gibt, das nicht leicht erschüttert werden kann.
Was zeichnet solche Freundschaften noch aus? Zum einen: Sie halten was aus. Sie gehen nicht kaputt, wenn es nicht rund läuft oder Erwartungen aneinander nicht erfüllt werden. Das passiert unweigerlich, aber es ist nicht schlimm, weil mir der andere wichtiger ist als meine eigenen Bedürfnisse. Im Umkehrschluss heißt das: Überall, wo Egoismus im Spiel ist, gedeiht keine echte Freundschaft. Es gibt schon auch ein Geben und ein Nehmen. Aber sobald einer zu rechnen beginnt, einen Ausgleich dabei erwartet, stirbt das Vertrauen und das tötet die Freundschaft. Insofern ist Freundschaft immer Nächstenliebe, und damit eine recht christliche Sache. Dann ist da noch was anderes: Wenn zwei Menschen miteinander befreundet sind, geht es nicht um Themen, Fragen, Ansichten. Es geht immer nur um die Person des anderen. Dazu gehört auch, was der jeweils andere denkt, wie er eingestellt ist. Da braucht es schon Übereinstimmungen. Aber wenn einer mein Freund ist, dann halte ich so gut es geht auch zu ihm, wenn er mal vom Gegenteil überzeugt ist wie ich. Das sage ich ihm dann, ehrlich und frei heraus, damit er Bescheid weiß – und unsere Freundschaft leidet hoffentlich kein bisschen.
Mein erster Chef in der Ausbildung vor der Priesterweihe hat mir dazu eine Lehre erteilt. Als ich einen Kollegen kritisiert habe, sagte er mir klipp und klar: „Sie können über den denken, was sie wollen, aber der ist mein Freund!“ Da wusste ich Bescheid. Und ich habe den Satz nie mehr vergessen, sondern ihn mir so gut es geht zu eigen gemacht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43663SWR4 Abendgedanken
Wozu gibt es eigentlich die Kirche? Wegen Jesus natürlich. Damit weitergegeben wird, was ihm wichtig war: dass einem andere nicht egal sind und es richtig ist, sich an den Schwächsten zu orientieren. Damit von seinem Leben erzählt wird: wie er Sündern vergeben hat und die in ihre Schranken wies, die hartherzig waren. Damit sein Erbe nicht vergessen wird: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Aber ist auch genügend Jesus drin in der Kirche, die voll sein sollte von ihm?
Ich arbeite jetzt seit über dreißig Jahren in der Kirche. Meine schönsten und berührendsten Erlebnisse hatte ich stets mit Menschen, die mich gebraucht haben. Ich konnte Eltern trösten, die ein Kind verloren hatten. Ich habe Paare begleitet, die schon mal verheiratet waren, und von Gott Segen erhofften. Ich saß am Bett von Sterbenden, die nicht mehr sprechen konnten, und habe ihre Hand gehalten, manchmal ein Lied gesungen. Ich habe jungen Menschen zugehört, die mir ihr Herz ausgeschüttet haben. Seit ich fürs Radio arbeite, erzähle ich hier davon, was im Menschen ist. Ich erzähle von Gutem und Bösem, und dass es immer und bei allem wichtig ist, die Hoffnung nicht aufzugeben. Weil es dem Menschen hilft, den Weg Jesu zu kennen und mitzugehen.
Ich bin dankbar, dass ich das so erlebe, dass mir diese Möglichkeiten offenstehen, dass die Kirche mir den Raum dafür schenkt. Manchmal aber bin ich besorgt und traurig darüber, dass „die Kirche“ das nicht genügend zeigt, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, sich im Kreis dreht. Da steht ihr wohl im Weg, dass sie eine Organisation mit komplizierten Strukturen ist. Und das dabei in den Hintergrund tritt, was Jesus wichtig war. Denn im Endeffekt kann es bei allem, was die Kirche tut, immer nur um den einzelnen Menschen gehen. Um jeden einzelnen, der etwas von ihr braucht. Weil sich Jesus immer für den einzelnen interessiert. Weil er genau hingeschaut und -gehört hat, was die oder der braucht, der zu ihm kommt:
Der Steuereintreiber Zachäus will endlich dazugehören trotz seiner unbeliebten Aufgabe. Die Frau am Jakobsbrunnen sucht Ruhe nach einem aufregenden Leben mit sieben verschiedenen Männern. Der weggelaufene Sohn hofft auf einen Vater, der nicht vergessen hat, dass er sein Sohn ist. Und der Hirte sucht nach dem einen verlorenen Schaf, bis er es gefunden hat. Diesen Gott verkündet Jesus und setzt in die Tat um, wovon er überzeugt ist. Jedem gerecht zu werden in seiner Sehnsucht nach Liebe. Dazu gibt es die Kirche. Zu nichts anderem.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43662SWR4 Abendgedanken
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal daran zweifeln würde. Dass der Mensch von Grund auf gut ist. Ich bin davon ausgegangen, dass ein Mensch seine Veranlagung zum Guten nicht ganz vergessen kann. Ich habe meinen Glauben noch immer nicht aufgegeben, weil ich ihn nicht aufgeben will. Aber meine Zweifel daran sind so groß, wie sie noch nie waren.
Seit ich gesehen habe, wie hasserfüllt Menschen sich äußern. Seit ich weiß, was für böse Worte sie gebrauchen und damit andere als Person regelrecht vernichten. Es sind Worte, die ich hier nicht zitieren kann, weil es sie gar nicht geben sollte, weil kein Mensch sie verdient hat. Nicht einmal der, der tatsächlich Fehler begangen hat. Ich lese manchmal in meinem E-Mail-Postfach oder im Internet Worte, die den letzten Rest an Respekt oder Anstand vermissen lassen. Und ich frage mich, woher das kommt, dass die Schwelle dazu immer niedriger wird.
Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass man mit denen besonders streng ins Gericht geht, die man gut kennt, wo man nicht so viel Rücksicht nehmen muss, weil man vertraut miteinander ist. Einem guten Freund gegenüber bin ich auch mal sehr direkt. Meine Mutter muss aushalten, dass ich ihr die Wahrheit ins Gesicht sage. Sie weiß aber auch, dass ich ihr nie wirklich etwas Böses wünsche. Bei Fremden bin ich viel vorsichtiger. Aber in manchen Mails und Kommentaren erlebe ich gerade das Gegenteil. Man kennt sich nicht, also tut man so, als ob der andere kein Mensch wäre. Jeder ist doch mehr als die Momentaufnahme, die man gerade erlebt. Ein Mensch kann doch nicht auf einen Satz, ein Bild reduziert werden. Das ist viel zu wenig, als dass es der Person gerecht werden würde. Also muss ich vorsichtig sein, wenn ich ein Urteil spreche. Ich muss voraussetzen, dass es da immer auch Gutes gibt, das ich womöglich nicht kenne. Ich muss zunächst darauf vertrauen, dass andere es gut meinen, bevor ich das Fallbeil über sie senke. Das wäre schlicht menschlich. Und erst recht ist es angebracht, wo Christen streiten – über ihren Glauben, über ihr Bild von Gott, über die Kirche.
Deshalb ermahne ich mich, nicht am Menschen zu verzweifeln, keinem das Gute abzusprechen, auch denen nicht, die es anderen gegenüber tun.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43661SWR4 Abendgedanken
Jesus sagt: Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage[1]. Das ist ein Gedanke, der mich schon als Jugendlicher fasziniert hat. Wahrscheinlich, weil ich schon damals gemerkt habe, wie wenig mir das gelingt. Ich bin eher jemand, der sich sorgt, der plant, der vorausdenkt und sicher sein will, dass er vorbereitet ist – für den Fall der Fälle, den ich mir manchmal so genau ausmale, bis mir der Kopf schwirrt. Erst seit ich einen Hund habe, gelingt es mir besser.
Wenn ich abends nach Hause komme, steht noch etwas bevor. Etwas, auf das ich mich immer freue, egal wie mein Tag war. Ich gehe Gassi mit meinem Hund. Er heißt Quax und kann es sowieso kaum erwarten. Nach der Morgenrunde ist das der zweite Höhepunkt seines Tages: Ich habe Zeit nur für ihn, wir unternehmen etwas miteinander. Ich passe mich ein Stück weit seinem Rhythmus an, überlasse mich seiner Führung. Den übrigen Tag tut er das umgekehrt. Aber auch für mich ist das am Abend eine besondere und wichtige Stunde. Weil ich mich dann nicht mehr um sich selbst drehe, sondern mich auf Quax einstelle. Wohin er zieht, wenn er etwas riecht, oder ein anderer Hund seine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Quax lenkt mich von allem ab, was sich in meinem Kopf dreht. Und wenn es mir schwerfällt, das loszulassen, dann kommt wenigstes Luft in mein Hirn und gar nicht so selten sogar eine Lösung, eine Befreiung, die ich sonst nicht gefunden hätte.
Es ist erstaunlich, was da passiert. Mein Hund tut mir so gut, wie es ein anderer Mensch gar nicht könnte. Weil Menschen oft kalkulieren und eigene Interessen haben. Weil sie Fragen stellen und Antworten verlangen. Quax dagegen will nur, dass ich da bin. Das genügt ihm, weil er dann weiß, dass ich für alles sorge, was er braucht. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ich beschütze ihn, ich gebe ihm zu essen, ich schenke ihm Aufmerksamkeit. Fertig.
Ich weiß, dass mir das nicht genügen würde, dass ich ohne andere Menschen eingehen würde. Weil ich diskutieren will und feiern, weil ich die Welt und mein Leben verstehen will. Manchmal aber ist das ungemein anstrengend. Dann wäre ich gerne wie Quax. Scheinbar ohne Sorge. Ohne an Morgen zu denken. Nur im Augenblick zu leben. Er hat ja mich.
Und ich, wen habe ich? Jesus spricht davon, sich keine Sorgen zu machen, weil er Gott hat, weil er ihm vertraut. Ok. Ich weiß Bescheid…
[1] Matthäus 6,34
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43660SWR1 3vor8
Heute mit Pfarrer Thomas Steiger.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben von Herzen ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest!
Sollten Sie heute in eine katholische Kirche gehen, hören Sie einen berühmten Bibeltext. Den Anfang des Johannesevangeliums, wie er die Menschwerdung Gottes versteht: Im Anfang war das Wort[1] …
Mir geht es heute aber um einen anderen Bibeltext, der auch zu Weihnachten gehört. Er steht im Alten Testament beim Propheten Jesaja und wird durch den berühmten Johannestext so in die Ecke gedrängt, dass man ihn fast überhört. Sehr zu Unrecht und besonders in diesem Jahr. Er beginnt so: Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt[2] (…). Dass Menschen verunsichert sind, dass wir unser Land absichern müssen gegen Feinde von außen, dass der Krieg in der Ukraine kein Ende findet und neue Kriege aufflammen – davon ist überall die Rede. Aber wie bei Jesaja vom Frieden und von der Freude? Kaum. Und das ist tragisch, weil die Sehnsucht nach Frieden ja da ist; vielleicht so sehr wie lange nicht mehr. Und es ist falsch, weil es neben allem Schlechten und Bösen auch Grund zur Freude gibt. Darauf weist Jesaja hin. Und darauf verweise auch ich.
Jesaja begründet, weshalb für ihn Friede möglich ist. Obwohl die äußeren Umstände katastrophal sind: Seine Heimat liegt in Trümmern, seine sind Landsleute frustriert, müde und traurig. Jesaja findet den Grund zum Frieden in Gott, von dem er wörtlich sagt: Der Herr hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Nationen entblößt[3]. Gott zeigt sich nackt, also ungeschützt, wehrlos. So wie Tiere das tun, wenn sie sich auf den Rücken drehen und dem Angreifer die Kehle anbieten. Der Stärkere aber beißt in aller Regel nicht zu, sondern respektiert, dass der schwächere Gegner sich ergibt, und lässt ihn ziehen. Gott entwaffnet die Kriegstreiber, indem er sich dem Kreislauf der Gewalt entzieht; obwohl, ja gerade weil er der Stärkere ist. So macht er einen neuen Anfang möglich und zaubert ein Lachen auf die Gesichter derer, die so sehr gelitten haben. Brecht in Jubel aus, (…) ihr Trümmer Jerusalems![4]
Und wir, und heute? Weihnachten heißt: Gott wird Mensch. Der Kern des Festes liegt also in uns selbst. Wo wir uns wirklich menschlich zeigen – nackt, waffenlos und nicht als Feind des Nächsten – da zeigt sich Gott. Friede und Freude gehören zusammen. Weil wir nur froh sein können, wo wir in Frieden leben. Dafür können wir etwas tun. An allen Tagen des Jahres. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
[1] Johannesevangelium 1,1
[2] Jesaja 52,7a
[3] Jesaja 52,10a
[4] Jesaja 52,9a
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43565SWR Kultur Wort zum Tag
Weihnachten ist für mich das radikalste Fest des christlichen Glaubens. Radikaler als Ostern. Dass es Gott möglich ist, den Tod zu überwinden, das kann ich mir gut vorstellen. Schließlich gehört es zum Wesen Gottes, unsterblich, also nicht unseren Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen zu sein. Die Auferstehung ist also nur so etwas wie die logische Konsequenz: Wer Gott denkt, muss ihn ewig denken.
Mit Weihnachten ist es anders. Die Christenheit feiert an Weihnachten, dass Gott ein Mensch wird. Was ja schon an und für sich eine paradoxe Angelegenheit ist. Das eine schließt das andere doch aus. Entweder Gott oder Mensch. Aber genau mit diesem scheinbaren Widerspruch haben die ersten Christen das festgelegt, was für sie das Neue Ihres Glaubens ausmacht: Wenn Gott die Welt liebt und ihr so nahe sein will, dass wir Menschen ihn verstehen können, dann muss er so nahe wie möglich an unsere Welt heran. Und das geht nur, wenn er einer von uns wird. Ein Mensch wie wir, Mensch unter Menschen. Die junge Kirche hat das mit einem Wort sehr eindrücklich beschrieben: Inkarnation. „Einfleischung“. Gott ist von unserem Fleisch und Blut.
Das hat radikale Konsequenzen. Und die sind mit einem manchmal sehr rührseligen Bild von Weihnachten nur schwer in eins zu bringen. Gott als Mensch teilt dann mit uns alles, was wir kennen. Er empfindet Glück wie zwei, die sich lieben. Er ärgert sich wie das Kind, das sich ungerecht behandelt fühlt. Er leidet in denen, die eine schwere Krankheit durchmachen. Er lacht mit, wo es unbekümmert zugeht. Er stirbt in jedem Geschöpf, das stirbt. Das heißt: Wir haben Gott in allen Lebenslagen an unserer Seite. Er teilt unser Leben. Ich brauche ihn nicht zu suchen, weil er schon immer mit dabei ist.
Der Evangelist Lukas hat die bekannteste Weihnachtsgeschichte geschrieben. Viele kennen sie seit ihrer Kindheit. Wenn wir die Teile abziehen, die ein idyllisches Bild von Weihnachten abgeben – Ochs und Esel, die Hirten und die himmlische Engelschar – bleibt am Ende ein Kind übrig, das gerade das Licht der Welt erblickt. Und damit der Mensch, der schon alles hat, was ihn ausmacht, aber noch nichts weiß von der Welt. Arglos, verletzlich, schwach – so kommt Gott zu uns. Damit wir nicht an uns selbst verzweifeln. Sondern wie Neugeborene von der Liebe leben.
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