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SWR1 3vor8
Ich lese, was Lukas da schreibt, und reibe mir die Augen. Und denen, die den Text heute in einem katholischen Gottesdienst hören, wird es kaum anders ergehen:
Manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden[1].
Ist das nicht genau das Gegenteil, was der Evangelist Lukas da in zwei aufeinander folgende Sätze packt? Er lässt Jesus ankündigen, dass seinen Jüngern eben das bevorsteht. Sie werden gehasst und getötet werden. Bald, in absehbarer Zeit. Und gleichzeitig verspricht er, dass ihnen nichts passieren wird. Sie bleiben trotzdem unversehrt. So verstehe ich, was da steht, und verstehe es eben doch nicht, weil es sich widerspricht. Wie also passt das zusammen?
Der Zusammenhang, in dem die beiden Sätze stehen, ist eine apokalyptische Rede. Jesus zeigt darin, dass mit ihm eine neue Zeit anbricht, dass die Welt sich grundlegend verändern wird. Und dass die Umstände dabei nicht rosig sein werden. Er spricht von Kriegen und Unruhen, von falschen Propheten und Anführern, die die Menschheit an den Rand des Untergangs bringen. Auch die Kräfte der Natur, die kein Mensch beeinflussen kann, werden rebellieren: Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte sind die äußeren Zeichen der bevorstehenden Zeitenwende. Und mittendrin er, Jesus, und die Menschen, die zu ihm gehören. Denen das alles nicht erspart bleibt. Denen aber gleichzeitig ein anderes Schicksal bestimmt ist.
Der Untergang, der Tod wird ihnen nichts anhaben. So die steile Behauptung. Jesus sagt: Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen[2]. Und verspricht damit so etwas wie das Ewige Leben. Jedenfalls sagt er, dass das Ende dieser Welt nicht das letzte Wort sein wird. Die Perspektive lautet: Es geht mit Gott weiter, als ihr im Moment seht.
Was sich wie ein Widerspruch anhört, bekommt dann auf einmal einen Sinn. Dazuhin einen, der aktuell ist und bleibt. Erdbeben in Afghanistan, Verwüstungen in Indonesien, Hungersnöte in Afrika, Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Die apokalyptische Ankündigung Jesu liest sich wie eine Nachrichtensendung unserer Tage. Nur dass die beim Schrecken stehen bleibt. Und Jesus weitergeht. Durch den Schrecken und den Tod hindurch. Weil er ahnt, vielleicht weiß, dass Gott sich damit nicht zufriedengeben kann und wird. So darf es mit der Welt nicht enden, die er geschaffen hat und mit den Menschen nicht, die er liebt. Manch einer wird das als Vertröstung verstehen. Ich nenne es: Hoffnung!
[1] Lukas 21,17f.
[2] Lukas 21,19
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43329SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken
Heute habe ich die Wahl, worüber ich spreche. Weil der 9. November ein Tag mit vielen Erinnerungen ist. Unmittelbar mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wird am 9.11.1918 die erste deutsche Republik ausgerufen. 1989 fällt am gleichen Datum die Berliner Mauer. Aber darum geht es mir heute nicht. Für mich steht jetzt etwas anderes im Mittelpunkt, das den 9. November wirklich zum „deutschen Schicksalstag“ macht. In der Nacht auf heute vor 87 Jahren haben Nazis Synagogen überfallen und die Kultstätten geschändet, Juden aus ihren Häusern gezerrt, geschlagen und gedemütigt. Die Reichspogromnacht war der große Auftakt für die Judenverfolgung in unserem Land; die dann so schrecklich wurde, dass man es kaum wahrhaben will und gerade deshalb immer wieder darüber sprechen muss. So wie ich heute. Das ist mein Thema an diesem 9. November 2025.
Ich spreche darüber, weil ich es für unverzichtbar halte, dass wir unsere Geschichte kennen. Unser Leben heute hängt eben notwendig mit dem zusammen, was früher passiert ist. Niemand kann sich der Geschichte des Landes entziehen, in dem er lebt und dessen Bürger er ist, genau so wenig wie seiner Lebensgeschichte. Ich bin der, der ich bin, weil mein Leben so verlaufen ist, wie es nun mal war. Und ich bin Deutscher mit allem, was meine Vorfahren getan haben, das Gute und das Böse.
Die Reichspogromnacht vom 8. auf den 9. November 1938 war böse. Jüdinnen und Juden, Frauen, Männer, Kinder werden wegen ihres Glaubens ausgegrenzt, verachtet, verfolgt, ermordet. Das muss ich mit bedenken, wenn ich als deutscher Pfarrer im Radio immer wieder davon spreche, dass jeder Mensch vor Gott gleich ist. Demnach also keiner wegen eines äußeren Merkmals geringgeachtet werden darf. Die Nazis haben das jedoch im großen Stil getan: Kommunisten, Homosexuelle, Behinderte, Pfarrer – alle, die ihnen nicht ins Konzept passten, haben sie aus dem Weg geräumt. Aber am meisten hat es die Juden getroffen. Sie waren der Sündenbock, auf den man alle Probleme geladen hat, um von sich selbst abzulenken. An allem waren angeblich die Juden schuld: an der Arbeitslosigkeit, an Krankheiten, zuletzt am Krieg.
*Leider hat dieses Denken eine lange Tradition in Deutschland. *Leider sind daran nicht zuletzt Christen beteiligt gewesen. *Leider gibt es wieder mehr Antisemitismus in Deutschland. Weshalb es gerade für Christen wichtig ist, dem etwas entgegenzusetzen, davon gleich mehr nach etwas Musik.
{Heute vor fast neunzig Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Die Erinnerung an diesen dunklen Teil der deutschen Geschichte muss Konsequenzen haben. Darüber spreche ich heute in den SWR4-Sonntagsgedanken - am 9. November, dem deutschen Schicksalstag. Denn …}
… heute leben Juden in unserem Land erneut in Angst. Wenige haben den Mut wie Michel Friedman öffentlich aufzutreten und deutliche Worte gegen Judenfeindschaft zu finden. Im Hessischen Landtag hat er dazu vor einem Jahr eine großartige Rede gehalten. Friedman macht dabei deutlich, dass keiner sich anmaßen darf „zu bestimmen, wer ein Mensch ist, wer ein Deutscher ist.“ Wer in einem deutschen Parlament sitzt, aber so denkt, dem geht es nicht um das Wohl anderer, sondern er arbeitet gegen Menschen. Friedman nennt solche Politiker „geistige Brandstifter“[1].
Auch deswegen müssen jüdische Einrichtungen von der Polizei bewacht werden. Jüdische Kinder gehen unter Polizeischutz in die Schule und trauen sich nicht in ihren Klassen zu ihrem Glauben zu stehen. Wer die Kippa trägt, muss damit rechnen, schräg angeschaut, verhöhnt oder geschlagen zu werden. So weit sind wir inzwischen wieder. Und das ist eine Schande. Weil es auch bedeutet, dass die Erinnerung an das Böse der Nazi-Diktatur sich nicht ausreichend in den Köpfen verankert hat. Was aber dringend nötig wäre: als abschreckendes Beispiel für etwas, das so nie wieder geschehen darf.
Als Christ habe ich dabei eine besondere Verantwortung. Denn mein Glaube hat seine Wurzeln im Judentum. Jesus war Jude. Und in dem, was ich glaube und wie ich lebe, steckt ganz viel an jüdischer Tradition. Weshalb alle Juden meine Schwestern und Brüder sind. An denen ich auch Kritik üben darf, wie man das in einer Familie tut. Ich muss nicht mit allem einverstanden sein, schon gar nicht mit der aktuellen Politik in Israel. Aber, und dies ist ein nachdrückliches Aber: Ich fühle mich jüdischen Menschen gegenüber besonders verantwortlich, in Deutschland mit seiner Geschichte.
Ich frage mich, was ich als einzelner tun kann. Gegen Rassisten, Judenhasser und Hetzer, die unsere Demokratie zerstören wollen. Michel Friedmann hat die Frage in seiner Rede aufgegriffen und dann über Oskar Schindler gesprochen. Der Industrielle Schindler hat versucht, Juden während des Dritten Reichs in seiner Fabrik zu schützen und sich damit in Gefahr gebracht. Friedman sagt im Rückblick: Im Endeffekt, hat er einfach das getan, was er für richtig und zwingend nötig gehalten hat. Und so seine Antwort gegeben: Einfach handeln.
Und weil ich selbst auch oft unsicher bin, was das Richtige ist, und wie ich was bewegen kann, halte ich seinen Rat für klug: Einfach handeln.
[1]https://www.hessenschau.de/politik/landtag/oskar-schindler-wuerde-sie-verachten-wie-michel-friedman-mit-der-afd-abrechnete-v3,friedman-rede-landtag-afd-100.html
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43289SWR Kultur Lied zum Sonntag
O Tod, wie bitter bist du,
Wenn an dich gedenket ein Mensch,
Der gute Tage und genug hat
Und ohne Sorge lebet;
Und dem es wohl geht in allen Dingen
Und noch wohl essen mag!
O Tod, wie bitter bist du.
O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen,
Der da schwach und alt ist,
Der in allen Sorgen steckt,
Und nichts Bessers zu hoffen,
Noch zu erwarten hat!
O Tod, wie wohl tust du!
„Das ist bitter!“ Mit 41 Jahren zu sterben. In der Mitte des Lebens. Auf dem Höhepunkt der Karriere als Sängerin. Ich spreche von Kathleen Ferrier. Sie ist die Interpretin des Lieds, über das ich heute spreche. O Tod, wie bitter bist du!
Johannes Brahms hat ein Jahr vor seinem Tod einen kleinen Zyklus von vier Gesängen nach Bibeltexten komponiert. Brahms nennt sie ernste Gesänge, weil sie sich mit der Vergänglichkeit des Menschen auseinandersetzen. Aber auch mit der Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod.
Es gibt eine große Zahl von Einspielungen des Werks. Alle großen Baritone haben diese Brahms-Lieder aufgenommen. Fischer-Dieskau, Quasthoff, Gerhaher und wie sie alle heißen. Aber eine Frau, die Interpretin unserer Aufnahme, die britische Altistin Kathleen Ferrier scheint besonders gut zu wissen, wovon sie singt. Ihre Stimme klingt süß und zugleich zerbrechlich, als stünde ihr der Tod schon vor Augen. Wie ein Mädchen, das nicht wissen kann, was sie da singt, und es doch schon ahnt.
Als Kathleen Ferrier zusammen mit dem Pianisten John Newmark 1950 diese Aufnahme macht, ist sie erst 38 Jahre alt. Das ist drei Jahre vor ihrem Tod. Mit ihrer unverwechselbar zarten Stimme ist sie während des Kriegs durch die Dörfer und Fabriken von Großbritannien gezogen, hat oft im Rundfunk gesungen, um den Menschen Mut zu machen. Und dabei wohl immer wieder auch die „Vier ernsten Gesänge“ von Johannes Brahms, aus dem unser Lied zum Sonntag stammt. Ein Jahr nach der Schallplattenaufnahme, die wir hören, bekommt sie die Diagnose Brustkrebs und wird operiert. Erst scheint sie geheilt, dann muss sie erneut operiert werden.
Der Tod ist nicht nur bitter, sondern tut auch wohl. O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen, der alt und schwach ist. So jedenfalls sagt es das biblische Buch Jesus Sirach am Beginn seines 41. Kapitels. Es sind die Verse, die Brahms vertont hat. Unser Lied ist mit „Grave“ überschrieben, schwer. Aber der letzte Teil klingt erstaunlich leicht, fast frohgemut. Er verschleiert erst das moll und wechselt dann nach Dur. Die Melodie wird warm und harmonisch. Als ob der Todgeweihte sein Glück finden kann, wenn er daran glaubt: Hier auf dieser Welt geht es für mich zu Ende. Aber das ist nicht alles, was mich ausmacht. Ich kann Abschied nehmen und hoffen.
Kathleen Ferrier stirbt 1953 im Alter von 41 Jahren. Davor hat sie sich musikalisch immer mehr ins Thema Tod hineinbegeben; hat die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler aufgenommen und dessen „Lied von der Erde“; ein Werk, das davon geprägt ist, Abschied zu nehmen. Ihr Mut, sich dem zu stellen, macht mir Mut, es ihr gleichzutun. Den Tod anzunehmen. Den von anderen und den eigenen, der kommen wird. Dass es bitter ist, wenn der Vater stirbt. Das es schwer ist, aber auch wohl tut zu wissen: Es war alles in allem gut so. Dass es hilft, den Abschied von dieser Welt zu üben. Gerade heute - an Allerseelen, an den Gräbern meiner Lieben.
AMS M0303192(AMS) 01-016 4'12 4'12 Nr. 3: O Tod, o Tod, wie bitter bist du
aus: Vier ernste Gesänge, op. 121.
Für Singstimme und Klavier
Kindertotenlieder; Frauenliebe und Leben; Four serious songs; Lieder
Brahms, Johannes; Ferrier, Kathleen; Newmark, John
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43207SWR Kultur Zum Feiertag
Steiger: Heute am katholischen Fest Allerheiligen mit Pfarrer Thomas Steiger aus Tübingen und mit Professor Dr. Jens Maschmann, dem leitenden ärztlichen Direktor am Universitätsklinikum Tübingen. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für das Gespräch.
Maschmann: Sehr gerne.
Steiger: Bei Allerheiligen denkt man ja zunächst mal: das ist ein sehr katholisches Fest. Das haben Sie wahrscheinlich auch gedacht. Warum will denn der Pfarrer Steiger da mit mir drüber sprechen? Ich bin doch gar nicht katholisch. Aber für mich ist das gar nicht so weit hergeholt, weil das Allerheiligenfest eben gerade kein Fest ist, wo es um einen speziellen Heiligen im römischen Heiligenkalender geht, sondern allgemein darum, dass in jedem Menschen etwas Heiliges ist. Herr Maschmann, ist Ihnen auch etwas heilig, und ich meine das jetzt eben nicht nur so im begrenzt religiösen, sondern eher im umfassenden Sinn.
Maschmann: Ja, tatsächlich. Also jetzt, wo Sie es so noch mal hergeleitet haben, kann ich sagen - auch wenn sich das vielleicht total trivial anhört - aber das Schwimmtraining mit meinen Triathlonkumpels freitagabends um 20 Uhr, das ist mir als Termin wirklich wichtig, um nicht zu sagen heilig, weil das ein schöner Abschluss der Woche ist.
Steiger: Und hat es auch was mit den Menschen zu tun, mit denen sie zusammen schwimmen?
Maschmann: Ja, natürlich. Also das ist mehrdimensional und eben die Personengruppe, die sich da trifft. Neue Leute kommen auch immer mal wieder dazu, aber auch langjährig, jahrzehntelang vertraute Personen. Und das ist einfach eine schöne Geschichte. Und auch der Umstand, dass man sich immer noch ärgern darf, dass man nicht mehr so schnell schwimmt wie früher. Aber sagen muss: solange das mein einziges Problem oder in dem Moment mein einziges Problem ist, dann ist die Welt doch noch ganz schön in Ordnung.
Steiger: Wir denken wahrscheinlich schon bei dem Begriff „heilig“ auch an Dinge, die wir nicht sehen können, also die sich unserem menschlichen Zugriff ein Stück weit entziehen. Können Sie damit auch was anfangen, mit dieser Vorstellung, dass das Heilige etwas ist, das wir jetzt nicht genau definieren, genau bestimmen können?
Maschmann: Na ja, es sind ja oft auch Begebenheiten, die einem widerfahren, wo man denkt: warum ist die Person jetzt so? Oder warum ist der Umstand so, wie er ist? Ist das ein Zufall? Ist das mehr, was dahinter steckt? Oft sieht man es ja auch erst retrospektiv, wie bedeutsam so eine Begebenheit dann auch mal gewesen ist. Und von daher kann ich mit dem schon was anfangen, wenn Sie sagen, da gibt es mehr als das, was man vielleicht auf den ersten Blick sieht.
Steiger: Allerheiligen ist ja so was wie ein Sammelfest. Alle Menschen, die auf der Welt waren und etwas Heiliges gezeigt haben, auch die, von denen wir die Namen gar nicht kennen, werden da zusammengefasst, geehrt oder gefeiert. Kennen Sie in Ihrem Leben oder aus Ihrer Lebensgeschichte auch Menschen, die so eine Assoziation bei Ihnen ausgelöst haben? Der oder die ist vielleicht so was wie ein Heiliger?
Maschmann: Also ehrlich gesprochen: nein. Aber ich glaube, das liegt auch daran, dass der Begriff „heilig“ für mich dann doch eher in dieser sakralen Definition so ist, wo man denkt: okay, also bevor man eine Person dieses Attribut „heilig“ gibt, das muss dann schon was Besonderes sein.
Steiger: Also es (das Allerheiligenfest) steht schon ein bisschen auf dem Sockel. Auf das Allerheiligenfest folgt gleich morgen dann das Allerseelenfest, wo vor allem an den Tod erinnert wird. Gibt es Menschen, die bei Ihnen einen besonderen Platz in ihrem Herzen, in ihrer Erinnerung haben, an die sie denken, wenn sie an den Tod denken?
Maschmann: Ja, also ich sage mal diejenigen, die aus der Familie eben schon gehen mussten oder durften. Also meine Oma väterlicherseits, die ist fast 102 Jahre alt geworden und hat…..
Steiger: Wahrscheinlich irgendwann mal gesagt: jetzt würde ich auch…. Könnte ich… wäre ich bereit…der liebe Gott soll….
Maschmann: Genau. Und so ging es bei der anderen Oma, die 96 geworden ist, auch. Und auch beim anderen Opa, auch 96 geworden. Also das sind so drei, die mich einfach aufgrund des Umstandes, dass sie so alt geworden sind, also mich meiner Lebtag begleitet haben. Und auf der anderen Seite ist mein Vater aber sehr früh verstorben, mit 59. Und das sind eigentlich so die Personen, die, wenn es ums Sterben geht, dann eine Rolle spielen. Und das hört sich vielleicht ein bisschen komisch an bei der Aufzählung, aber wir hatten mal zwölf 1/2 Jahre einen Labrador, eine Labradorhündin und die ist jetzt auch schon fünf Jahre tot. Aber die spielt immer noch für die Familie eine Rolle - für meine Frau und unsere Kinder.
Steiger: Da kommen sie jetzt bei mir gerade an den Richtigen. Ich hatte bis Mai auch zwei Hunde. Einer ist gestorben, mit 13 Jahren - begraben bei mir im Garten. Und ich kann das sehr, sehr gut nachempfinden, dass das schwierig ist, manchmal immer noch weh tut, weil der Kuno – so hieß meiner - zu meiner Familie dazugehört hat und zu mir. Und auch was meinen Vater angeht, da scheint es ja doch Parallelen zu geben, die man gar nicht erwartet. Der starb auch schnell - mit 72 älter als Ihr Vater - aber innerhalb von vier Wochen an einem Pankreaskarzinom. Das war wahrscheinlich das Todesereignis, das mich in meinem Leben am meisten erschüttert hat. Trotzdem gehört der Tod zum Leben und es ist eigentlich eine Banalität, das zu wissen. Und gleichzeitig ist es mit das Schwerste, das ein Mensch bewältigen muss. In einem Krankenhaus und in so einem großen wie das Uniklinikum Tübingen sterben täglich Menschen. Herr Maschmann, was ist Ihnen wichtig, wenn Sie mit einem Menschen zu tun haben, der im Sterben liegt, oder wenn Sie davon erfahren? Als ärztlicher Direktor ist man nicht ganz so nah dran an den unmittelbaren Situationen, aber trotzdem wissen Sie, was das bedeutet…
Maschmann: Ja, also für mich persönlich, aber auch für uns im Klinikum ist eigentlich immer maßgeblich, dass man eine Atmosphäre schafft, die ein Stück weit eben auch anders ist als das, was ansonsten den hektischen Klinikalltag kennzeichnet - nämlich: Ruhe. Im Sinne von auch Stille. Nicht mehr überall piepst irgendwas. Und Zeit. Das sind eigentlich die zwei Faktoren, die eigentlich klar angemessen sind oder angemessen wären. Aber manchmal ganz schön schwer herzustellen und zu vereinbaren sind, damit es einen würdigen Rahmen bekommt.
Steiger: Immer wenn es an die Grenzen des Lebens geht, berühren sich ja Medizin und Religion. Ich weiß, dass es in Tübingen eine Klinikseelsorge gibt und dass Sie mit denen natürlich auch zusammenarbeiten. Sehen Sie auch Möglichkeiten oder einen Bedarf, wo die Seelsorge und die Medizin enger zusammenarbeiten müssten?
Maschmann: Dass es das gibt, die Klinikseelsorge und dass sie auch, so wie ich finde, immer noch gut bestückt ist. Hier in Tübingen hat das eine große Bedeutung, auch für die Patientinnen und Patienten. Das kam immer wieder raus und auch fürs Personal, das in so Situationen jemand noch mit dazukommt, der dieses Spirituelle abdeckt. Was sonst zu kurz käme.
Steiger: Und auch einen Raum schafft, wo die Begrenztheit des menschlichen Lebens aufgefangen werden kann und wo man sagt: okay, das ist aber nun eben mal so! Ich habe noch eine abschließende Frage oder ein abschließendes Thema, das ich gerne ansprechen möchte, Herr Maschmann. Sie und ich, wir werden beide nicht heiliggesprochen. Aller Voraussicht nach. Und tauchen dann später auch mal nicht im Heiligenkalender auf, im strengen Sinn. Aber trotzdem, das ist meine Überzeugung, lebt in Ihnen und in mir auch etwas von Gott. So sehe ich das als Christ. Was ist denn Ihrer Meinung nach, wenn Sie mal auf die Weltlage, unsere gesellschaftliche Situation heute schauen, besonders wichtig, dass das, was wir jetzt so ein bisschen umkreist haben mit dem Thema heilig, nicht verloren geht.
Maschmann: Zuversicht ist da meine klare Antwort. Unser Trauspruch fällt mir da gerade ein. Ich hoffe, ich kriege den einigermaßen zusammen. „Und siehe, ich bin bei dir alle Tage. Sei getrost und unverzagt.“ Bei aller Schwierigkeit, die das einem abverlangt, macht es schon einen Unterschied, ob man jetzt selber immer mit Stirnrunzeln daherkommt und tiefe Sorgenfalten im Gesicht hat. Oder ob man zumindest noch ein bisschen Optimismus ausstrahlt, wissend, dass es nicht einfach ist. Aber das ist es so oder so nicht.
Steiger: Und es bleibt sicher nicht ohne Wirkung. Ich war heute im Gespräch mit Professor Dr. Jens Maschmann, dem leitenden ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Tübingen. Wir beide wünschen Ihnen einen schönen Feiertag heute!
Maschmann: Jawohl, wünsche ich allen Zuhörerinnen und Zuhörern. Vielen Dank.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43198SWR1 3vor8
Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wer einen Hund hat wie ich, weiß das ganz genau. Wenn mein Hund Essen vom Tisch stiehlt oder andere Hunde anpöbelt, dann muss ich Ruhe ausstrahlen und so mit ihm trainieren, dass er sich zu benehmen weiß. Das Problem ist immer am anderen Ende der Leine. Bei dem, der führt, der die Kommandos gibt, der vorausschaut und mitdenkt. Oder eben nicht.
Jesus hat gewusst, was Menschen brauchen. Davon erzählt die Episode aus dem Lukasevangelium, über die heute in den katholischen Gottesdiensten gepredigt wird. Es geht um eine Gruppe von Kranken, die gehört haben, dass von Jesus eine heilende Kraft ausgeht, und sich deshalb an ihn wenden. Ihre Heilung geschieht auch umgehend, allerdings auf ziemlich eigenartige Weise. Jesus kümmert sich nämlich selbst gar nicht um sie, sondern schickt sie zu den zuständigen Seelsorgern. Und als sie sich dorthin aufmachen, sind sie bereits geheilt. Und nun beginnt das Problem. Denn offenbar hatten die Geheilten keinen, der ihnen gute Manieren beigebracht hat. Sie nehmen ihre Heilung an, als wäre sie das Selbstverständlichste von der Welt, und sehen keinen Grund sich zu bedanken. Offenbar hat ihnen das keiner beigebracht. Kein Vorbild, das ihnen eine Perspektive gibt, die über den eigenen kleinen Horizont hinausreicht. Sie haben keine Ahnung, worum es geht. Nämlich nicht nur um die Krankheit, die lediglich ein Teil von ihnen ist, nicht alles. Und sie sehen auch nicht, was möglich wäre, wenn sie sich dankbar zeigen würden. Dass es da einen Gott gibt, der ihnen mehr verspricht als physische Gesundheit. Das bleibt ihnen verschlossen.
Bis auf einen. Der geht zu Jesus zurück und bedankt sich, indem er Gott lobt. Offenbar hat er kapiert, dass es Jesus um ihre ganze Existenz geht. Und dieser eine, der sich dankbar zeigt und noch einmal zu Jesus zurückkehrt, war nicht mal Jude, keiner von Jesu Volks- und Glaubensgenossen, sondern ein Fremder, für den Jesus zunächst gar nicht zuständig ist. Dieser Fremdling weiß, wie man sich benimmt. Vermutlich hatte er gute Lehrer, Vorbilder, die ihm gezeigt haben, wie viel Gutes entstehen kann, wenn man mit Gott rechnet.
Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wenn einer nur an sich selbst denkt, ständig davon spricht, was ihm fehlt, obwohl gerade ein anderer ihm seine Not klagt. Wenn jemand gar nicht sieht, was möglich ist, weil er sich immer zu kurz gekommen fühlt und um sich selbst kreist. Aber es ist ebenso der Mensch, in dem Großes steckt, der Wunderbares erreichen kann - wenn er sich anstecken lässt. Von Menschen, die wissen, dass Gott immer mehr kann als der Mensch.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43103SWR4 Abendgedanken
Nicht nur der Körper kann krank werden, auch die Seele. Unvorbereitet zu sein, wenn es um so etwas Wichtiges geht, ist schlecht, weil man sich dann so hilflos vorkommt.
Als ich mit etwas über 40 einen schweren depressiven Zusammenbruch hatte, habe ich lange gebraucht, um überhaupt zu verstehen, dass es etwas mit meiner Seele zu tun hat. Dabei gab es lange davor Anzeichen. Ich hatte Ängste, die ich nicht einordnen konnte und wenn’s schlimm war sogar Panikattacken. Lange Zeit habe ich mit Hilfe von unterschiedlichen Ärzten nach körperlichen Ursachen gesucht – und nichts gefunden. Bis zu jenem Tag, als ich im Bett lag und nicht mehr aufstehen konnte. Es war, als würde mein Körper auf Hochtouren laufen, wie Vollgas im Leerlauf. Dann kam meine Hausärztin zu mir und es war klar: Es ist psychisch, nicht physisch. Und es ist schwerwiegend, eine echte Krankheit der Seele.
Damals hat es zu lange gedauert, bis ich verstanden habe, was da mit mir los ist. Heute kenne ich meine Seele besser und weiß, worauf ich achten muss. Dass es unmissverständliche körperliche Reaktionen gibt, wenn ich an meine Grenzen komme, weil Seele und Leib ja zusammenhängen. Dann bekomme ich schlimme Kopfschmerzen oder Bauchgrimmen, ich beginne hektisch zu atmen und komme nicht zur Ruhe. Ich bin vorbereitet und weiß, was ich tun kann, damit es zumindest nicht schlimmer wird. Denn ganz in den Griff bekomme ich meine Seele bis heute nicht. Und ich gestehe mir zu, dass ich das auch nicht muss.
Wir Menschen sind komplizierte Geschöpfe. Jeder ist anders, reagiert unterschiedlich. Keiner ist wie der andere, jeder einmalig. Auch das steckt in der Seele drin, unser Charakter, unser unverwechselbares Wesen. Das macht es nicht einfacher, weil es bedeutet: Verstehen kann nur jeder sich selbst. Kein anderer kann das. Kein Arzt, kein Psychotherapeut. Die können zwar helfen, aber die Lösung steckt allein in mir.
Heute beginnt in Deutschland die Woche für seelische Gesundheit[1]. Es gibt dazu überall Aktionstage und Veranstaltungen, zum Beispiel in Biberach in Oberschwaben[2]. Ein Bündnis aus Organisationen des gesamten Landkreises will dort helfen, dass psychische Krankheiten nicht mehr schamhaft verschwiegen oder gar tabuisiert werden. Wer selbst merkt, dass etwas mit seiner Seele nicht stimmt, soll schneller Hilfe finden können; und die Angehörigen gleich mit, die häufig ja auch nicht wissen, was los ist.
Ich wäre damals froh gewesen, mich besser zu verstehen. Denn dann hätte ich gewusst, dass meine Seele krank, aber auch wieder heil werden kann.
[1]https://www.seelischegesundheit.net
[2]http://www.seelische-gesundheit-bc.de
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43062SWR4 Abendgedanken
Krankheit und Tod. Das sind die großen Herausforderungen, die unser Leben bereithält. Liebeskummer vielleicht noch. Wer an Gott glaubt, für den sind das auch die Ereignisse, die den Glauben erschüttern. Wenn Gott mein Leben in seiner Hand hat, dann muss alles mit ihm zu tun haben. Alles, was passiert. In der Fachsprache der Theologie nennt man die Fragen, die daraus entstehen, „Theodizee“. Übersetzt in etwa: Gott muss sich rechtfertigen für das Leid, dass es in seiner Welt gibt. Für Naturkatastrophen zum Beispiel. Aber auch für die Kriege, die aus dem dunklen Herzen von Menschen entstehen, die eben auch Teil seiner Schöpfung sind. Und für schlimme Unfälle, die sich ereignen, die aus heiterem Himmel menschliches Leben vernichten.
Aber muss Gott sich wirklich rechtfertigen? Ich drehe den Spieß heute einmal um und sage: Wer wegen des Todes Gott ablehnt/verneint, glaubt nicht. Ich bin es also, der sich rechtfertigen muss, wenn ich trotzdem an Gott festhalten will. Das ist eine steile These, eine gewagte Behauptung, die ich da formuliere, ich weiß. Und ich kann sie nur aufrecht erhalten, wenn ich meine Vorstellung von Gott größer mache. Ich kann dann nicht nur vom „lieben“ Gott sprechen, vom barmherzigen Vater und gnädigen Herrn. Es reicht dann nicht zu sagen, dass Gott die Welt aber doch als Wohnraum für uns gemacht hat. Ja, das hat er. Aber womöglich nicht so, wie ich mir das ausmale: nur schön und heil. Die Welt ist, wie sie ist. Und das Böse, das Gefährliche, alles Leid und der Tod – die gehören eben auch dazu. Ich kann nicht nur dann an Gott festhalten, wenn es mir gut geht. Das ist die unweigerliche Konsequenz. Gott ist immer da. Er ist immer Gott. Und er ist nicht abhängig von meinem Wohlbefinden.
Ich weiß, es ist hart, so zu sprechen. Ich bin auch mit dem Bild aufgewachsen, dass Gott gut ist, dass er mich liebt und mich nicht fallen lässt. Ich halte mich, so gut es geht daran, wie Jesus von Gott gedacht und gesprochen hat: vom guten Hirten, vom barmherzigen Vater. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Kein göttlicher Zauber hat ihn davor bewahrt. Ich weiß aus der Bibel auch, dass Jesus in seinem Sterben gezweifelt hat, mit Gott gehadert. Schließlich aber doch geglaubt hat, dass Gott auch dort bei ihm ist. Am Kreuz. Nicht weniger als in guten Tagen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43061SWR4 Abendgedanken
„Früher war’s besser.“ Diesen Satz haben schon viele Ältere gesagt oder zumindest gedacht. Ich auch. Und in letzter Zeit denke ich ihn häufiger. So ist das wohl, wenn man älter wird. Vielleicht war nicht alles früher besser, aber doch manches. Ich denke daran, wie es war, als ich zur Schule ging oder an der Uni war. Wie viel ungeplante Zeit ich da mit Gleichaltrigen verbracht habe. Ich erinnere mich an Konzertreisen mit dem Chor. Wie wir auf den großen Plätzen in Prag, Marseille und Dresden einfach so unser ganzes Repertoire rauf und runter gesungen haben. Und ich denke an meine Lehrjahre als Vikar, als ich meine Predigten noch von Hand geschrieben habe, weil ich keinen Computer hatte - jeden Samstagvormittag. Ich spüre, dass ich damals fitter war und besser belastbar. Und wenn ich an die politische Großwetterlage denke, hatte ich zu der Zeit nie ein schlechtes Gefühl – weder in der Weltpolitik noch in unserer deutschen Gesellschaft. Das ist heute anders, ich meine schlechter, und das macht mich traurig. Weniger wegen mir, mehr wegen der jungen Leute. Ich hätte gern, dass es für sie auch so gut ist, wie es für mich damals war. Vielleicht verkläre ich da manches. Mag sein. Aber selbst wenn ich das abziehe, was ich im Nachhinein für besser halte als es in Wirklichkeit war: Der Friede ist mehr gefährdet als es vor 20, 30 Jahren war. Wir rüsten auf, was das Zeug hält. Das macht mir Sorgen. Wenn Menschen mit unterschiedlicher Meinung sich über ein kontroverses Thema auseinanderzusetzen, wird der Ton schnell sehr rau, feindselig, nicht selten sogar voller Hass. Mir fällt auf, dass junge Leute schnell Schubladen aufmachen und andere abstempeln, schneller als früher. Der Türke, der Schmarotzer, die Tussi undsoweiter. Sich von anderen abzugrenzen und so den eigenen Platz zu finden, das spielt eine ganz große Rolle.
War es also früher besser? Mag sein. Allerdings lohnt es nicht, darüber zu grübeln. Es ist heute eben, wie es ist. Und keiner kommt daran vorbei, das möglichst Beste daraus zu machen. Manchmal denke ich mir: „Ok, ich bin ja schon über sechzig. Ich halt das aus, bis ich bald nur noch privat unterwegs bin, mich nicht mehr so den öffentlichen Themen stellen muss.“ Aber dann verbiete ich mir gleich diesen Gedanken, weil ich den für grundfalsch halte. Gerade als Älterer, der die früheren Zeiten kennt, muss ich meine Verantwortung wahrnehmen. Wo ich kann, mitmachen, dass das Gute die Überhand gewinnt. Denn: Wer weiß, wie es sein könnte, muss erst recht was dafür tun.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43060SWR4 Abendgedanken
„Die Antwort auf Hass ist nicht Hass.“ So Erika Kirk, die Witwe des ermordeten Charlie Kirk, auf der Trauerfeier für ihren Mann. Und dann fügt sie an, dass sie dem Mörder ihres Mannes vergibt. Und sie begründet das mit ihrem Glauben: "Das ist es, was Christus getan hat und was Charlie tun würde.“ Denn die Antwort auf Hass sei nicht Hass. Die Antwort aus dem Evangelium sei immer Liebe. "Liebe zu unseren Feinden und Liebe zu denen, die uns verfolgen." Ich war berührt, als ich die junge Frau so habe sprechen hören. Ich finde, das ist menschlich großartig und ein starkes Bekenntnis zu Jesus und seiner Botschaft.
Wäre da nicht Donald Trump gewesen, der amerikanische Präsident. Er tritt unmittelbar nach Kirks Witwe ans Rednerpult und sagt genau das Gegenteil. „Ich hasse meine Gegner“. Auch er bekommt wie zuvor Erika Kirk Applaus von denen, die den Trauergottesdienst mitfeiern. Das eine schließt das andere ja aus, und ich überlege, ob damit die schöne Botschaft wieder verdorben ist.
Die Trauerfeier hat in den USA und weit darüber hinaus große Aufmerksamkeit erregt und kontroverse Reaktionen ausgelöst. Wie der Verstorbene zu bewerten ist und ob die Inszenierung des Abschieds von ihm angemessen war. Ob womöglich auch die Bitte um Vergebung einer taktischen Überlegung entsprungen ist. Das interessiert mich hier aber alles nicht. Mir geht es ausschließlich um den Punkt der Vergebung. Weil ich es für ein Markenzeichen Jesu halte und damit auch für ein Merkmal, an dem andere erkennen sollen, ob sie es mit einem Christenmenschen zu tun haben oder nicht.
Anlass anderen zu vergeben, gibt es jeden Tag. Ständig tritt uns jemand zu nahe oder ärgert uns mit dem, was er denkt oder sagt. Gar nicht zu reden von den großen Konflikten. Eine Freundin von mir muss sich vor Jahren einmal sehr über mich geärgert haben. Als die Funkstille immer länger wurde und ich eins und eins zusammengezählt habe, bin ich auf sie zugegangen, um mich auszusprechen und um Vergebung zu bitten. Leider ohne Erfolg. Sie geht mir aus dem Weg, und das lastet auf mir. Umgekehrt gibt auch es bei mir Menschen, denen ich lieber nicht mehr begegnen will, weil meine Abneigung gegen sie so groß ist. Ich weiß, das ist nicht richtig, Jesus hätte es anders gewollt. Aber es ist eben schwer zu vergeben.
Erika Kirk hätte dem Mörder ihres Mannes nicht verzeihen müssen. Sie muss sich das gut überlegt und sich bewusst dazu entschieden haben. Ich nehme das als ein starkes Zeichen: Es ist möglich, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Wer will, kann dem Hass etwas entgegensetzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43059SWR4 Abendgedanken
Ich wohne am Stadtrand. Ganz in der Nähe gibt es zwei Bauernhöfe und jede Menge Wiesen und Felder. In den letzten Wochen haben die Bauern alles heimgebracht, was noch auf den Feldern stand: Mais und Weizen, und das letzte Gras für die Kühe haben sie auch nochmals gemäht. Äpfel und Birnen werden aufgesammelt, und die Winzer haben vor dem großen Regen ihre Trauben ins Trockene gebracht.
Traditionell war gestern das Erntedankfest. Und in diesem Jahr ist mir das Fest wichtiger denn je. Das hat nicht nur mit der Ernte der Feldfrüchte zu tun, sondern mit einem Dank, der viel größer und umfassender ist. Das Erntedankfest macht nämlich auf einen Umstand aufmerksam, der mich zunehmend ärgert. Unsere Gesellschaft hat es verlernt, dankbar zu sein, und ich schließe mich ausdrücklich mit ein. Ich halte es für falsch, alles selbstverständlich zu nehmen. Ungerührt davon auszugehen, dass immer alles wächst und mehr wird. Es ist ein Fehler zu denken: Das alles steht mir zu. Ich habe es verdient. Nein!! Es wäre richtig und klug zu verstehen: Ich bin privilegiert. Ich habe eine gute medizinische Versorgung. Ich lebe in einem Staat, in dem ich meine Meinung frei äußern darf. Dass es so ist, bedeutet neben der Ernte dieses Jahres, eine große, reiche Ernte, die im Laufe der letzten Jahrzehnte geworden ist.
Ich weiß, dass viele das nicht so sehen. Sie misstrauen unserem Staat und seinen Institutionen, sehen nur die Defizite, nicht das große ganze Gute, vergleichen sich ständig und fühlen sich am Ende: zu kurz gekommen. Und das, obwohl ihnen nichts zum Leben fehlt. Obwohl es ein Gejammere auf hohem Niveau ist, und nur auf die Fehler abzielt. In den Nachrichten wird es uns jeden Abend vorgemacht: Das klappt nicht, und jenes liegt im Argen. Hier fehlt es, und dort müsste man noch unbedingt. Von dem, was gut ist, kaum ein Wort.
Das passiert, wo es keine Dankbarkeit gibt. Dass etwas nicht funktioniert, es gar weniger werden könnte an Reichtum und Wohlstand – daran müssen wir uns wohl gewöhnen. Und am besten fangen wir damit an, das Danken neu zu lernen. Danken verbindet einen nämlich auch mit Gott. Ich kann krank werden, aber ich hatte und habe noch Luft in meinen Lungen, und es ist jeden Tag ein Wunder, dass ich lebe. Die Wirtschaft wächst nicht mehr so, Menschen werden arbeitslos, wir müssen uns wohl darauf einstellen, weniger auf die Seite legen zu können. Wir müssen weniger Öl und Gas verbrennen, weniger unserem Vergnügen nachgehen, damit unsere Nachkommen auch noch genug haben. Trotzdem leben wir nach wie vor ein einem reichen Land, das immer noch abgeben kann an Ärmere. Wer Dank empfindet, teilt. Und das macht andere glücklich – und einen selbst auch.
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