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25SEP2022
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Ein 23-jähriger Mann hält einen ICE auf. Er stellt sich in die Tür und verhindert die Abfahrt. Der Grund: Die Pizza, die er und seine Begleiter bestellt haben, ist noch nicht da. Als es den Zugbegleitern nicht gelingt, den Mann aus der Zugtüre zu entfernen, holen sie die Polizei. Am Ende verlässt der ICE mit 15 Minuten Verspätung den Essener Hauptbahnhof. Was sich so unglaublich anhört, als wär’s erfunden, hat sich am 28. August zugetragen.

Ich erzähle diese Episode, weil es kein Einzelfall ist, dass Menschen sich so verhalten. So egoistisch. Und es unter Umständen gar nicht bemerken. Es für ihr Recht halten, einen Zug anzuhalten, Politiker zu beschimpfen, Nachbarn zu drangsalieren. Manche merken erst, wenn man sie mit der Nase draufstößt, dass es da neben ihnen noch andere gibt, die durch ihr Verhalten beeinträchtigt sein könnten.  In einem ICE sitzen hunderte von Menschen, deren ganze Tagesplanung durcheinandergerät. Politiker müssen Entscheidungen treffen und können es nicht allen recht machen. Ihnen böse Absichten zu unterstellen, und die sachliche Ebene des Gesprächs zu verlassen, nur weil sie nicht so entschieden haben, wie man es sich gewünscht hat, das nenne ich egoistisch.

Für einen Sonntagmorgen ist das kein erbauliches Thema. Ich weiß. Aber ich muss darüber sprechen, weil ich Christen dabei in besonderer Verantwortung sehe. Christen sollen sich dadurch auszeichnen, dass sie nicht egoistisch handeln. Das ist das eine. Das andere: Sie sollen darauf aufmerksam machen, wo ihnen Egoismus begegnet und etwas dagegen tun. So jedenfalls verstehe ich das Gebot der Nächstenliebe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Es ist zusammen mit der Liebe zu Gott das christliche Hauptgebot. Und beide Aspekte dieses Hauptgebots haben das gleiche Ziel: dass der einzelne Mensch sich nicht zu wichtig nimmt, nicht wichtiger als den anderen, mit dem er lebt - und erst recht nicht wichtiger als Gott. Dieses Gebot soll verhindern, dass der Einzelne sich auf einen Thron setzt und auf die anderen herabschaut. Und vor allem: dass er andere beleidigt, ihnen wehtut, sie aburteilt, ihnen nicht wie ein Mensch auf gleicher Ebene begegnet. Im Christentum gilt eben nicht der fatale Satz: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Genau das nicht. Sondern das Gegenteil: Keiner lebt für sich allein. Es gibt immer einen anderen, auf den es genauso achtzugeben gilt, wie auf sich selbst. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieser Nachsatz ist entscheidend. Wie dich selbst. Aber dazu mehr im zweiten Teil, gleich nach der Musik.

ZWISCHENMUSIK

Egoismus und Nächstenliebe: Das widerspricht sich. Und weil die Nächstenliebe das wichtigste Gebot im Christentum ist, müssen Christen darauf besonders achtgeben: wo es egoistisch zugeht. Darüber spreche ich heute in den SWR4-Sonntagsgedanken.

Vielleicht können manche es nicht mehr hören, wenn von der Nächstenliebe geredet wird. Weil es ihnen abgedroschen vorkommt. Und sie sich denken: Davon zu reden, ist das eine, es in die Tat umzusetzen, etwas ganz anderes. Weil sie auch in der Kirche oft genug erlebt haben, dass es mit der Liebe zum Nächsten nicht weit her ist. Viele nehmen es deshalb Christen nicht mehr ab, dass ihnen das wichtig ist, heilig gar. Ich verstehe das. Aber das macht es nicht weniger wichtig, anderen mit Respekt und Anstand zu begegnen.

Jedenfalls hält das christliche Gebot der Nächstenliebe eine Faustregel bereit, um egoistisches Verhalten aufzuspüren. Die Liebe zu den Menschen, mit denen man zu tun hat, muss sich an dem ausrichten, was man selbst auch erwartet. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wer das vergisst oder es nicht kann, für den hängt das Gebot in der Luft. Für den ist der andere weit weg, weil er von sich selbst weit weg ist. Das ist aber die Voraussetzung: Ich muss lernen zu verstehen, was ich selbst erwarte und was ich unter keinen Umständen will, dass es mir passiert. Wenn ich das weiß, werde ich andere nicht schlechter behandeln, als ich es für mich erwarte.

Dann bleibe ich nicht sitzen, wenn ich sehe, dass ein älterer Mensch im Bus einen Sitzplatz braucht. Weil ich hoffe, dass mir später auch mal jemand einen anbietet. Ich beschimpfe dann niemanden, weil er etwas sagt, das mir nicht passt, sondern überlege, wie sachlich ich mir eine Auseinandersetzung wünsche, und sei sie noch so kontrovers. Dann unterstelle ich denen, die uns regieren, keine böse Absicht, weil ich das auch nicht will an den Stellen, wo ich Verantwortung trage.

Es könnte sein, dass wir in den zurückliegenden Jahrzehnten zu sehr darauf getrimmt worden sind, uns als Einzelne zu behaupten, uns durchzusetzen gegen die Allgemeinheit. Und viele darin ihr Heil sehen, dass sie sich selbst verwirklichen können. Es ist gut, wenn ich für mich sorge. Aber nur, wenn ich mich dabei nicht wichtiger nehme als jeden anderen. Sonst kippt die heikle Balance in unserer Gesellschaft. Hinweise darauf, wo es egoistisch zugeht, gibt es leider genug. Das Gegenteil bleibt aber auch nicht unbemerkt. Echte Nächstenliebe überzeugt immer!

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18SEP2022
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Alles wird teurer! Was sich daraus ergibt, ist eine einfache Rechnung. Die wenig haben, trifft es hart. Die in der Mitte kommen einigermaßen durch. Die ganz Reichen werden noch reicher, wenn sie zu denen gehören, deren Erzeugnisse dringend gebraucht und teuer verkauft werden können. Die Ölkonzerne und Stromlieferanten verdienen sich eine goldene Nase. Aber für die kleinen Betriebe wird es vielfach ganz schwierig. Handwerksbäcker leiden unter den steigenden Rohstoffpreisen für Butter und Getreide. Restaurants finden keine Mitarbeiter, die sie angemessen bezahlen können. Etliche müssen bereits Insolvenz anmelden. Das Gesetz des freien Marktes kennt in letzter Konsequenz kein Erbarmen und geht dann auf Kosten derer, die sich vieles werden nicht mehr leisten können. Das Phänomen ist altbekannt. Schon die Propheten des Alten Testaments haben sich damit intensiv befasst. Weil das Thema Gerechtigkeit ihr großes Thema war. Allen voran für Amos, aus dessen Buch heute im katholischen Gottesdienst gelesen wird. Dort heißt es: Wir fälschen die Waage zum Betrug, um für Geld die Geringen zu kaufen und den Armen wegen eines Paars Sandalen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld[1].

In meinen Ohren klingen diese Sätze erschreckend aktuell. Auch wenn heute nicht offensichtlich betrogen werden muss und es keinen Menschenhandel mehr gibt. Amos legt seinen Finger in eine offene Wunde. Und das passt leider gut zu dem, was im Moment geschieht. Allerdings tritt in unseren Tagen eben kein Prophet auf, der das so unmissverständlich anprangert. Und der das aus einem Grund tut, der unserer Zeit mehr und mehr verloren zu gehen scheint. Amos sagt, dass Gott das nicht will, ja dass es für ihn unerträglich ist, wenn Arme in eine solche Lage gebracht werden und ihre Not nicht gesehen wird. Amos charakterisiert das in seinen Worten als asozial und egoistisch, so miteinander umzugehen. Wo es ungerecht zugeht, widerspricht das dem, wie Gott sich das Miteinander auf unserer Welt gedacht hat.

Ändert es etwas, wenn man das weiß? Die Gesetze des freien Marktes lassen sich von Gott nicht beeindrucken. Der ist weit weg und der eigene Geldbeutel ist vielen näher als ihr schlechtes Gewissen. Aber wenigstens gesagt werden muss es: dass es Gott nicht gefällt, wenn die Armen noch ärmer werden; dass es zum Himmel schreit, wenn Menschen in Not geraten, weil andere zuerst an den eigenen Profit denken; dass die endgültige Rechnung noch nicht gemacht ist, weil Gottes Einfluss nicht hier und jetzt endet. Daran lässt der Prophet Amos keinen Zweifel, wenn er die Egoisten im Namen Gottes warnt: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen[2].

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[1] Amos 8,6f.
[2] Amos 8,7b

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16SEP2022
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Nun ist wieder eine Woche zu Ende. Die ersten Schritte nach den Sommerferien sind getan. Wer eine neue Stelle angetreten hat, weiß schon etwas besser, wie es läuft. Für andere ist scheinbar alles so gewesen wie immer.

An das Ende meiner Woche mit Abendgedanken stelle ich ein Gebet. Ich spreche es so oder so ähnlich oft am Abend. Es hat drei Teile: Danken – Bitten – Loslassen. Mein Gebet geht so:

Gott.
Am Ende des Tages wende ich mich an dich;
bevor ich meine Gedanken nicht mehr in der Hand habe,
ich mich dem Schlaf überlasse,
und dabei dir näher bin, als ich ahnen kann.

Zuerst und vor allem:
Danke, Gott, dass ich am Leben bin,
dass die Nacht des Todes mich noch nicht erfasst hat.
Ich danke dir für die Luft in meinen Lungen und den Schlag meines Herzens.
Ich danke dir für die Schönheit unserer Welt,
die ich oft genug übersehe oder nicht ergründe.
Ich danke dir für die Menschen, auf die ich bauen kann,
an denen ich sehe, was Liebe ist.
Und ich danke dir auch für das, was ich nicht verstehe;
es hilft mir dabei, mich nicht so wichtig zu nehmen.

Ich denke daran, was sich heute ereignet hat.
Manches war neu und unerwartet.
Hilf mir, geduldig zu sein und auch das anzunehmen, was mir Angst macht.
Ich habe von Menschen gehört, die in Not sind;
gleich um die Ecke in meiner Nachbarschaft und an vielen Stellen unserer Erde.
Gib mir Kraft, für andere da zu sein, wo sie mich brauchen.
Mach mich noch viel freier, von meinem Reichtum abzugeben
und mit denen zu teilen, die wenig haben.
Ich mache mir Sorgen,
weil unsere Erde in großer Gefahr ist,
weil wir den Abgrund nicht sehen,
weil der Friede in Gefahr ist, wie schon lange nicht mehr.
Ob du uns Menschen wachrütteln kannst – noch einmal?
Ich hoffe es, ich traue es dir zu.
Verlass nicht das wunderbare Werk deiner Schöpfung.

Und dann, Gott,
hilf mir loszulassen, was ich nicht machen kann.
Die Lösung von allem liegt in dir.
Dir will ich es überlassen - und mich selbst auch, mein ganzes kleines Leben.
Du hast es gegeben. Du wirst es einst nehmen.
Segne unsere Welt, jedes Geschöpf, segne mich an diesem Abend.
Amen.

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15SEP2022
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Es kommt nicht darauf an, was ein Mensch leistet. Das ist so ein Satz, den Theologen gerne sagen. Ich finde auch, dass er richtig ist. Erfolg ist keine der Kategorien, nach denen Gott das Leben eines Menschen bewertet. Aber der Satz ist schnell gesagt, und im echten Leben geht es halt doch darum: wie klug einer ist, wie viel Geld er verdient, oder wie schnell er 3000 Meter läuft. Überall teilen wir Menschen danach ein, was sie leisten, auch in der Kirche. Wo Christen es doch besser wissen müssten, weil Jesus ihnen die entsprechenden Sätze ins Stammbuch geschrieben hat: Die Ersten werden die Letzten sein, zum Beispiel. Sobald ich den Dunstkreis der Sonntagspredigt verlassen haben, bestimmt häufig das alte Muster, wie ich denke. Wer viel kann und tut, der gilt viel.

Es war deshalb für mich ziemlich beschämend, wie ein Sportler mir unlängst den Spiegel vorgehalten hat. Der 3000-Meter-Läufer Nahuel Carabena aus Andorra, bei der Leichtathletik-EM im August in München. Da ist Folgendes passiert: Die Läufer haben etwa ein Drittel der Strecke hinter sich, als plötzlich der stürzt, der das Feld anführt. Erst läuft Carabena weiter, dann aber dreht er um und versucht den anderen wieder auf die Beine zu bringen. Den Konkurrenten. Aber der kann seinen Lauf nicht fortsetzen. Carabena stützt ihn und hilft ihm, den Laufweg frei zu machen. Dann setzt er den eigenen Lauf fort, ohne jede Chance, was ihm klar gewesen sein muss. Er hat rund eine halbe Minute verloren und kommt abgeschlagen als Letzter ins Ziel.

War er das wirklich, der Letzte? Für mich ging er als Erster ins Ziel, und auch das Publikum muss es so verstanden haben, weshalb es ihm tosend applaudiert hat. Auf einmal haben alle gespürt: Darauf kommt es an. Das ist menschlich und macht uns erst zu Menschen. Einen anderen nicht allein zu lassen, ihm zu helfen. Nicht der Schnellste zu sein, nicht Buchhalter oder Professor oder Dauerläufer.

Es ist schon klar: So kriegt man keine Medaille und gewinnt keinen Rekord. Aber was wir tun, hat fast immer nicht nur diese Seite, die wir messen können, die nach außen sichtbar wird. Auch Carabena hat einen Augenblick gebraucht, um sich dessen bewusst zu werden. Aber als er umgedreht ist, in diesem Moment, da ist diese andere Seite zum Vorschein gekommen. Und alle, die es gesehen haben, haben verstanden: Der Mensch ist mehr als das, was er kann und leistet. Der Mensch ist an und für sich wertvoll. Und so liebt ihn Gott.

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14SEP2022
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Heute vor zwölf Jahren ist mein Vater gestorben. Er hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs und konnte nicht operiert werden. Soweit ich ihn damals verstanden habe, wollte mein Vater mit dieser Diagnose sterben. Keine aufwändigen Therapien. Kein langes Leiden. Der Krebs hat ihn gezeichnet. Das hat man ihm angesehen und dem wollte er wohl etwas entgegensetzen, solange es noch möglich war. Stark und tatkräftig, wie er immer war und sich selbst gesehen hat. Er hat sich wohl gedacht: „Ich muss bald sterben, also will ich auch sterben.“ Mein Vater wollte sich nicht das Zepter aus der Hand nehmen lassen. Er wollte auch seinen Tod in der Hand haben, selbstbestimmt sterben.

Auf der einen Seite beeindruckt mich das tief. Was für einen starken Willen er hatte. Wie nüchtern er der Realität ins Auge geblickt hat. Wie konsequent er sich selbst treu bleiben wollte, solange wie nur irgend möglich. Dann aber, auf der anderen Seite, erschreckt mich auch das Harte, das darin steckt. Dass er sich nicht zugestehen konnte, schwach zu sein. Wie schwer es für ihn war, loszulassen, etwas nicht mehr in der Hand zu haben. So zwiespältig sehe ich bis heute darauf, wie mein Vater gestorben ist. Da ist Bewunderung und Erschrecken. Und auch die Sorge, ob er wohl ganz zuletzt - als er um Luft gerungen hat, im Kampf mit dem Tod - ob er da loslassen konnte. Hatte er so viel Vertrauen? Das weiß ich bis heute nicht. Ich versuche damit klarzukommen, dass das eben sein Weg war, eine Würde zu behalten, seinen Charakter nicht aufzugeben, der zu bleiben, der er zeitlebens war oder zumindest so, wie er selbst sich gesehen hat.

Ich weiß nicht, ob mein Vater ein gläubiger Mensch war. Von außen betrachtet wohl eher nicht. Er ging nicht in die Kirche, dafür um so mehr mit der Kirche kritisch ins Gericht. Ich weiß allerdings, dass mein Vater sich viele Gedanken gemacht hat. Er hat sich gefragt, wie ernst man das nehmen kann, was Christen sagen: über Gott und den Gottessohn Jesus. Zugehört hat er sehr genau, sich eine eigene Meinung gebildet. Über das Leben. Und über das ewige Leben auch.

Das und anderes ist bis heute offen, wenn ich an meinen Vater denke. Ich habe mich damit abgefunden, meinen Frieden damit gemacht. Der andere ist nicht wie ich. Deshalb ist es gut, ihn sein zu lassen, wie er ist, ihn zu respektieren. Und das besonders, wenn es ums Sterben geht, um den Weg hinaus aus dieser Welt, den ohnehin jeder ganz für sich allein finden und gehen muss.

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13SEP2022
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Was, wenn es einen trifft? Erst ein schwerer Schicksalsschlag. Und dann gleich noch einer. Die Tochter stirbt, weil sie nicht mehr leben will und kann. Kaum hatte die Familie sich einigermaßen davon erholt - das Nächste: Der Vater hat einen Schlaganfall, ist halbseitig gelähmt. Lange bleibt ungewiss, ob und wie gut er sich erholen wird.

Wer an Gott glaubt, muss sich da Fragen stellen. Wer damit rechnet, dass Gott etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat, für den tun sich wahre Abgründe auf. Wie kann das denn sein, wenn wir von Gott sagen, dass es nur bei ihm wirklich gerecht zugeht? Wieso kommt dann gerade hier alles zusammen? Viele, die darauf Antworten versuchen, begeben sich auf dünnes Eis. Da kommen dann Sätze heraus wie dieser: „Wen Gott liebt, den straft er.“ Oder man hält dem, der ohnehin schon am Boden liegt, den folgenden Bibelvers unter die Nase: Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, der kann nicht mein Jünger sein. Wer das zu einem sagt, der schlimm dran ist, der sollte sich in Grund und Boden schämen. Was für eine Arroganz, was für ein Hohn! Den hat keiner verdient, erst recht nicht in Gottes Namen. Wer so denkt, ist nicht auf der Spur, die Jesus in solchen Fällen gelegt hat.

Was aber sage ich Menschen, die das Unheil mehr als andere trifft? Zuerst einmal, und das ist für mich theologisch ganz entscheidend, zuerst spreche ich überhaupt nicht von Gott. Ich höre bloß genau hin, was die Betroffenen schmerzt, wo es besonders weh tut. Ich interessiere mich ausschließlich als Mensch für sie. Von Mensch zu Mensch. Und frage nach, ob und wie ich helfen kann. Ganz praktisch: Einkaufen, Wäsche waschen. Damit die Angehörigen den Rücken frei haben. Dann biete ich mich als Gesprächspartner an. Wenn das gewünscht ist, höre ich zu, lange, so oft wie’s guttut. Und erst, wenn ich spüre, dass von mir eine Reaktion erwartet wird, dann sage ich, was ich darüber denke, erst dann spreche ich. Ich sage, dass ich auch nicht verstehe, warum ihnen das passiert; und dass es mir weh tut, wenn ich sehe, wie sie leiden. Ich sage, dass ich darin keinen Sinn erkennen kann. Aber dass ich eben auch nicht alles verstehe, dass ich, dass wir nur ein kleiner Teil der großen Welt sind. Ich sage: Ich hoffe, dass es einen Sinn gibt, alles in allem, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Wenn es dann noch geht, und die Angehörigen mitgehen, erst dann spreche ich von meiner Hoffnung: dass einmal alles gut werden wird. Weil es sonst den Gott nicht gibt, an den ich glaube.

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12SEP2022
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Es gibt Lichtblicke. Trotz allem. Obwohl der furchtbare Krieg in der Ukraine weitergeht. Auch wenn viele unter den steigenden Preisen stöhnen. Sogar der Klimakrise zum Trotz. An dem allen gibt es nichts schönzureden. Und trotzdem gibt es Lichtblicke. Und ich bin neulich Zeuge von einem geworden.

Ich stehe auf dem Bahnsteig in Tübingen, um einen Freund vom Zug abzuholen. Ein Gewusel um mich herum, laute Gespräche, ein Hund bellt, Züge fahren ein und aus, die Stimme aus dem Lautsprecher kündigt eine Gleisänderung an. Ich schaue auf die elektronische Anzeige auf meinem Bahnsteig, um zu prüfen, ob ich richtig bin. Und sehe, dass sich da etwas regt. Oben drauf, auf der Anzeige. Da sind lauter spitze Stacheln angebracht, damit die Tauben sich dort nicht niederlassen und alles voll Kot ist. Aber genau da, auf der Abdeckung der Anzeigetafel, mitten zwischen den Stacheln haben Tauben ein Nest gebaut. Und es sind Junge drin. Sie strecken ihre Hälse nach oben und die Alten kommen, um sie zu füttern. Es ist unglaublich. Und wunderschön.

Ich staune, was die Natur alles kann. Wie sie sich durchsetzt gegen Widerstände, sich nicht beirren lässt von dem, was das Leben schwer macht. Alles sieht danach aus, dass das bestimmt nicht funktionieren kann. Und gerade da geht’s! Ich staune auch darüber, dass die Bahn das durchgehen lässt. Die Stacheln sind ja nicht ohne Grund da; die Tauben machen wirklich Dreck. Wer unter der Anzeige durchgeht, muss aufpassen, dass er nichts abkriegt vom Taubenkot. Aber jetzt das Nest abzuräumen, wo Junge drin sind, das hat wohl keiner übers Herz gebracht. Gut so.

Es gibt also gleich zwei Gründe, weshalb das ein Lichtblick war. Zum einen die Macht der Natur, die sich durchsetzt, wo es ganz unwahrscheinlich ist. Die für eine Überraschung gut ist. Die sich wehrt gegen das, was dem Leben feindlich entgegensteht. Und ganz vorsichtig hoffe ich, dass darin auch Gott aufblitzt, weil er seine Schöpfung nicht aufgibt, selbst wenn wir Menschen so arg darin herumpfuschen. Dann noch der zweite Grund: Der Mensch kann, wenn er nur will. Die jungen Tauben werden verschont. Das Leben siegt. Wenn das an vielen Stellen geschieht – dort, wo es darauf ankommt – dann hat unsere Welt doch noch eine Chance.

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09SEP2022
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Gerade noch war sie im Fernsehen. Vorgestern. Aufrecht wie immer, gekleidet in einem ihrer unverwechselbaren Kostüme. Gebeugt, aber mit freundlichem Lächeln empfängt sie die neue Premierministerin zu ihrem Antrittsbesuch. Es ist ihre Regierung, die Regierung ihrer Majestät. Ob sie weiß, die wievielte es ist, seit 1952?

Nun ist Queen Elisabeth tot. Von einem Tag auf den anderen. Unerwartet? Ja und nein. Wenn jemand 96 alt wird, rechnet man mit dem Tod. Trotzdem markiert ihr Tod einen Einschnitt. Nicht nur in England. 70 Jahre war sie Königin von Großbritannien. Und Oberhaupt des Commonwealth, zu dem über fünfzig Staaten weltweit gehören. Für die Menschen, deren Königin sie war, war sie die Frau, an der sie sich orientiert haben; die Mutter, die darauf achtet, dass ihnen nichts fehlt; die Großmutter, die anzeigt, wie lang und schön das Leben sein kann. Aber Elisabeth II. war noch viel mehr. Sie war für viele Menschen überall auf der Welt so etwas wie ein Anker. In einer Welt, die sich schnell und immer schneller verändert. Wo Ereignisse eintreten, die man nicht mehr für möglich gehalten hätte - wie dieser schlimme Krieg in der Ukraine. Wo Skandale jede Autorität zerstören. Da war sie ein Fixpunkt.

Immer wenn ich die Queen gesehen habe, dachte ich mir: Wie schafft sie das nur, sich so treu zu bleiben? Sie hat so viel erlebt. Auch viele schwere Ereignisse: Krisen in der eigenen Familie, und den Brexit, der ihre britische Heimat und damit auch sie selbst ein Stück weit isoliert hat von Europa. Es hat mich fasziniert. Wie konsequent sie dabei geblieben ist, wie geduldig und zuverlässig. Immer freundlich, nie parteiisch. Und obwohl ich ein überzeugter Demokrat bin: Manches Mal hätte ich mir gewünscht, dass ihre Stimme mehr ist als nur die einer gekrönten Machtlosen.

Vielleicht ist es bei aller Bewunderung auch gut, dass ein Mensch nicht zu sehr in den Himmel gehoben wird. Auch das Leben einer Königin ist vor Gott nicht mehr wert als das eines kleinen Kindes wie sie in Somalia gerade jeden Tag an Hunger sterben. Für mich lässt sich beides nicht voneinander trennen. Denn jeder Tod hat nur dann einen Sinn, wenn das Leben bei Gott aufgehoben und vollendet wird. Darum bitte ich für die Queen, aber auch für die vielen Unbekannten, die in diesen Tagen sterben.

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09SEP2022
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Gerade noch war sie im Fernsehen. Vorgestern. Aufrecht wie immer, gekleidet in einem ihrer unverwechselbaren Kostüme. Gebeugt, aber mit freundlichem Lächeln empfängt sie die neue Premierministerin zu ihrem Antrittsbesuch. Es ist ihre Regierung, die Regierung ihrer Majestät. Ob sie weiß, die wievielte es ist, seit 1952?

Nun ist Queen Elisabeth tot. Von einem Tag auf den anderen. Unerwartet? Ja und nein. Wenn jemand 96 alt wird, rechnet man mit dem Tod. Trotzdem markiert ihr Tod einen Einschnitt. Nicht nur in England. 70 Jahre war sie Königin von Großbritannien. Und Oberhaupt des Commonwealth, zu dem über fünfzig Staaten weltweit gehören. Für die Menschen, deren Königin sie war, war sie die Frau, an der sie sich orientiert haben; die Mutter, die darauf achtet, dass ihnen nichts fehlt; die Großmutter, die anzeigt, wie lang und schön das Leben sein kann. Aber Elisabeth II. war noch viel mehr. Sie war für viele Menschen überall auf der Welt so etwas wie ein Anker. In einer Welt, die sich schnell und immer schneller verändert. Wo Ereignisse eintreten, die man nicht mehr für möglich gehalten hätte - wie dieser schlimme Krieg in der Ukraine. Wo Skandale jede Autorität zerstören. Da war sie ein Fixpunkt.

Immer wenn ich die Queen gesehen habe, dachte ich mir: Wie schafft sie das nur, sich so treu zu bleiben? Sie hat so viel erlebt. Auch viele schwere Ereignisse: Krisen in der eigenen Familie, und den Brexit, der ihre britische Heimat und damit auch sie selbst ein Stück weit isoliert hat von Europa. Es hat mich fasziniert. Wie konsequent sie dabei geblieben ist, wie geduldig und zuverlässig. Immer freundlich, nie parteiisch. Und obwohl ich ein überzeugter Demokrat bin: Manches Mal hätte ich mir gewünscht, dass ihre Stimme mehr ist als nur die einer gekrönten Machtlosen.

Vielleicht ist es bei aller Bewunderung auch gut, dass ein Mensch nicht zu sehr in den Himmel gehoben wird. Auch das Leben einer Königin ist vor Gott nicht mehr wert als das eines kleinen Kindes wie sie in Somalia gerade jeden Tag an Hunger sterben. Für mich lässt sich beides nicht voneinander trennen. Denn jeder Tod hat nur dann einen Sinn, wenn das Leben bei Gott aufgehoben und vollendet wird. Darum bitte ich für die Queen, aber auch für die vielen Unbekannten, die in diesen Tagen sterben.

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28AUG2022
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Lass die Wurzel unseres Handelns Liebe sein,
senke sie in unser Wesen tief hinein.
Gott lass alles hier auf Erden Liebe werden.

Last und Leid der Menschenkinder Liebe trägt,
hilft und heilt, wo hartes Leben Wunden schlägt.
Gott, lass alles hier auf Erden Liebe werden.

Und der Schuld geheime Fesseln Liebe löst,
und des Elends enge Mauern sie durchstößt.
Gott, lass alles hier auf Erden Liebe werden.

Reißen tausend Hände nieder, Liebe baut.
Zünden tausend Zungen Zwietracht, sie vertraut.
Gott, lass alles auf der Erden Liebe werden.

Lass die Wurzel unseres Handelns Liebe sein,
dieser größten Gabe ist kein Dienst zu klein.
Gott, lass alles hier auf Erden Liebe werden.

Das schwierigste Wort. Nicht nur in der deutschen, in allen Sprachen. Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Es heißt: Liebe. Wie schwierig ist es, dieses Wort auszusprechen. An passender Stelle. Und wie unverzichtbar ist es gleichzeitig. Kein anderes Wort spricht von etwas, das größer und schöner ist. Aber auch keines wurde häufiger missbraucht. Mit Liebe kann so viel gemeint sein: jemanden gernhaben, einen Menschen verehren, einen zum Freund haben, sich selbst vergessen und in einem anderen verlieren. Wer Liebe sagt, muss damit rechnen, missverstanden zu werden oder so sehr verletzt, dass er am Leben überhaupt zweifelt. Wenn es aber gelingt, ist es der Gipfel des Glücks.

Lass die Wurzel unsres Handelns Liebe sein. Das Lied zum Sonntag heute nennt das Wort Liebe zehnmal. Jede der fünf Strophen versucht einen anderen Aspekt zu beschreiben. Weil Liebe ja nie für sich allein steht. Sondern in Beziehung zu dem, was wir denken und tun. Sie beschreibt keinen idealen Zustand. Sie mischt sich ein, wo es schwierig ist, sie versucht etwas zum Guten zu verändern.

Das Lied wird dabei nicht besonders konkret. Was aber auch verständlich ist, weil es sich an so vielen Stellen bemerkbar macht, dass die Liebe fehlt. Wenn von den Lasten die Rede ist, die Menschen mit sich herumtragen, kann jeder seine Last mitdenken, an der er zu tragen hat. Und wie gut es dann tut, dass ihn jemand besucht, einen Brief schickt, für ihn einkauft oder zum Arzt begleitet. Solche Liebe trägt, hilft und heilt – wie es in der zweiten Strophe heißt. Überall leiden Menschen – weil sie krank sind, weil anderen ihnen Böses tun, weil sie unglücklich verliebt sind. Dann zu spüren, dass es da noch andere gibt, die für einen da sind, die einen lieben, das baut auf.

Und der Schuld geheime Fesseln Liebe löst,
und des Elends enge Mauern sie durchstößt.
Gott, lass alles hier auf Erden Liebe werden.

So heißt es in Strophe drei. Wo zwei Menschen sich in Schuld verstrickt haben, kann ein liebevoller Gedanke helfen, dass sie sich wieder versöhnen.

Am Ende jeder Strophe steht die immer gleiche Bitte: Gott, lass alles hier auf Erden Liebe werden. Darin steckt zweierlei. Zum einen: Unsere Welt braucht unbedingt Liebe, mehr Liebe. Es reicht noch nicht, wir sind noch nicht fertig. Es kommt auf jeden von uns an. Wie viel wir lieben. Und zum anderen: Wir schaffen es trotzdem nicht aus eigener Kraft. Wir brauchen Gott, der uns zeigt, wie weit Liebe gehen kann. Bis in den Tod. Weil die Liebe stärker ist als der Tod. So deutet die Christenheit das Leben und das Sterben des Jesus aus Nazareth. So ist sein Liebes-Gebot zu verstehen. Die Liebe zu Gott, zum Nächsten, zu sich selbst. Darin bündelt sich für Jesus alles, was die Welt braucht.

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Lass die Wurzel unsres Handelns Liebe sein (GL 853/EG417)
Kreidler, Johannes (Hg.), Ich will dich preisen Tag für Tag
Audio-CD, hg. vom Amt für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Chor der Hochschule für Kirchenmusik, Rottenburg. Leitung: Stefan Schuck. Ruben Sturm, Orgel.

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