Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04APR2024
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Viele Geschichten im Neuen Testament sind österliche Geschichten – auch wenn von der Auferstehung gar nicht direkt die Rede ist. So auch die, in der ein kleiner Junge die Hauptrolle spielt. Obwohl er nur nebenbei erwähnt wird. Es heißt von ihm lediglich, er habe fünf Brote und zwei Fische. Was allerdings nicht reicht, wenn man mit 5.000 Leuten unterwegs ist, die alle Hunger haben. Jesus ist auch dabei und will sie satt bekommen. Mit den fünf Broten und zwei Fischen des Jungen. Mehr lässt sich auf die Schnelle nicht auftreiben. Dass es am Ende gelingt, ist als das „Wunder von der Brotvermehrung“[1] in die Geschichte des christlichen Glaubens eingegangen. Aber kaum einer – auch damals nicht – hat angenommen, dass es dabei um den Hunger geht, der sich im Magen bemerkbar macht. Sondern um einen, den jeder Mensch kennt, und manchmal hart zu spüren bekommt.

Ich stelle mir deshalb Folgendes vor: Da ist in der Menge ein Mann, der seine Enkel nicht sehen kann. Er hat sich so mit seiner Tochter zerstritten, dass sie nicht mehr miteinander reden. Wenn er allein ist, kommen Bilder von früher in seinen Kopf. Als sie auf die Welt kamen und wie sie zum ersten Mal „Opa“ zu ihm gesagt haben. Dann tut es besonders weh, wenn er merkt, wie weit weg die Kleinen inzwischen von ihm sind. Dass er selbst auch Schuld daran hat; und wie sehr er sich danach sehnt, sie in den Arm zu nehmen. Wer bloß kann ihm dabei helfen, wer weiß Rat?

Viele Menschen haben Hunger nach dem, was man zum Leben braucht. Der Clou bei der Brotvermehrung ist: Die Grundlage, um den Hunger zu stillen, kommt von einem Kind. Der Junge hat mit seinen Broten und Fischen offenbar alles, was satt macht. Es braucht dann nur noch einen, der es geschickt genug anstellt, damit die Nahrung auch verteilt wird, so dass es am Ende für alle reicht. Jesus hatte offensichtlich diese Gabe.

Und der kleine Junge? Er hat am Ende seine fünf Brote und zwei Fische nicht mehr. Aber er hat mit angesehen, was passiert ist, als sie verteilt wurden. Wie der Großvater auf einmal getröstet ist, weil er weiß, dass es seinen Enkeln gut geht, und er Mut gefasst hat, wieder einen Schritt auf seine Tochter zuzugehen. Weil ein Lächeln über manche Gesichter ging und ein Gefühl der Gemeinschaft entstanden ist. Der kleine Junge weiß, dass er daran Anteil hat, dass es ohne ihn nicht funktioniert hätte.

Ich habe auch nur fünf Brote und ein anderer zwei Fische. Oft reicht das für mehr, als man denkt.

[1] Vgl. Johannes 6,1-15

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39652
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