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10AUG2022
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In einem Reiseführer über Amsterdam lese ich: Wenn Sie der Hauptstraße folgen, kommen Sie auf einen der schönsten Plätze der Stadt. Hier können Sie sich auf eine Bank setzen und die Leute beobachten. Ich muss schmunzeln als ich das lese. Neben anderen Sehenswürdigkeiten, Bauwerken, Brücken, Museen und Grachtenfahrten wird mir empfohlen, an einem schönen Platz die Menschen zu beobachten.

Ich gebe zu, ich mache das auch gerne, wenn es nicht extra im Reiseführer steht. Einfach mal da sitzen und schauen, was um mich herum so passiert und wer da so unterwegs ist. Manche haben viel Zeit und schlendern gemütlich durch die Straße, schlecken ein Eis oder machen ein Foto. Andere huschen eilig an mir vorbei, Handy am Ohr oder Aktentasche unterm Arm. Die einen gepflegt und akkurat gekleidet, die andern sportlich und lässig. Ich beobachte die Menschen und überlege, wie es ihnen wohl gerade geht, ob sie traurig oder glücklich, unsympathisch oder nett sind.

Der Reiseführer hat recht. Menschen sind wirklich eine Sehenswürdigkeit. Weil sie so verschieden und einmalig sind. Und weil es der Würde jedes Menschen entspricht, ihn anzusehen, zu beachten und wahrzunehmen. Es tut gut, von anderen gesehen zu werden. An-gesehen zu sein! Das merke ich ja auch bei mir selbst. Wie schön es ist, wenn mich jemand wahrnimmt und sieht, ob ich müde oder auch gut gelaunt bin. Oder wenn ich einen Rat brauche. Oder auch nur so. Wenn das Herz mal ausgeschüttet werden muss. Und ich mit all meinen Eigenheiten trotz allem liebevoll gesehen werde.

Ja, dann erlebe ich am eigenen Leib: Jeder Mensch ist eine Sehenswürdigkeit!

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09AUG2022
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Heute Morgen stecke ich mir eine Handvoll bunter Perlen in die Hosentasche. Sie sollen mir helfen, gut durch den Tag zu kommen. Die vielen erschütternden Nachrichten beuteln mich. Die Welt könnte so schön sein. Wenn nicht eine Krise nach der nächsten den Tag trübt. Der schreckliche Krieg. Das aus dem Takt geratene Klima. Die nicht enden wollende Pandemie. Hinzu kommen die Belastungen aus dem privaten Umfeld. Die Nachbarin, die schwer gestürzt ist. Die Bekannte, die es zuhause nicht mehr ausgehalten hat und ausgezogen ist. Der Streit, der so schnell nicht geklärt werden kann. Die Liste ist lang und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir ein und belastet mich.

Heute will ich dagegenhalten. Und die bunten Perlen in meiner Hosentasche sollen mir dabei helfen. Sie sollen mir helfen, sehr bewusst und aufmerksam durch den Tag zu gehen. Und mich erinnern, das Schöne wahrzunehmen und das, was mir Freude schenkt, zu beachten. So darf immer dann, wenn ich etwas entdecke und bewusst wahrnehme, wenn etwas besonders schön ist, eine Perle von der einen Hosentasche in die andere wandern. Zum Beispiel, wenn ich morgens die Vögel zwitschern höre. Oder mich der Kaffeeduft erfreut, der in der Luft liegt. Das frische Brötchen mit der selbst gekochten Marmelade. Oder die Kinder, die lachend und gut gelaunt mit dem Fahrrad Richtung Freibad fahren. Ja, das gibt es auch neben all dem anderen. Und ich spüre, wie mir das gut tut, darauf zu achten.

Das Wandern der Perlen löst keine Krisen. Aber es stärkt mich in all den vielen Herausforderungen. Ich bin mir sicher, dass heute Abend einige bunte Perlen die Hosentaschenseite gewechselt haben. Bunt schimmern sie dann durch das Grau der Krisen hindurch.

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08AUG2022
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Kurz vor ihrem Urlaub kommt meine Kollegin zu mir, legt noch ein paar Briefe und Papiere auf meinen Schreibtisch und sagt fast nebenbei: „Ich möchte, dass du mich morgen segnest.“ Huch! Das kam jetzt aber aus heiterem Himmel. Am nächsten Morgen will sie los. Auf dem Franziskusweg nach Assisi pilgern. Immer wieder haben wir mal darüber gesprochen. Was wohl alles in den Rucksack muss. Welche Schlafmatte leicht und trotzdem bequem ist. Ob die Schuhe gut eingelaufen sind, damit es keine Blasen gibt. Wieviel Kilometer sie wohl jeden Tag schafft und ob die Kondition für die Etappen ausreicht.

Ich hatte den Eindruck, sie ist wirklich gut vorbereitet und hat an alles gedacht. Und dann wünscht sie sich noch den Segen für ihre Pilgerwanderung. Ich freue mich darüber. Denn ich habe in den letzten Wochen gespürt, wie wichtig ihr diese Pilgertour ist. Ganz alleine unterwegs sein. Die Gedanken kommen und gehen lassen und nur für sich selbst verantwortlich sein. Büro und Familie mal eine Zeitlang hinter sich lassen und ein Stück weit vom Weg, vom Unterwegs sein und von der Begegnung leben. Dazu gebe ich gerne meinen Segen. Denn Segnen kommt von benedicere, und heißt so viel wie jemandem etwas Gutes sagen. Zusagen, dass Gott nahe ist.

So war es ein ganz besonderer Moment am nächsten Morgen, als ich die Kollegin gesegnet habe. Ihr zusage, dass Gott sie begleitet und ich ihr wünsche, dass sie das auch erfahren darf. In der Stille. In den Begegnungen. In der Natur. In der Einfachheit. Und auch in den Beschwernissen, die der Weg sicher mit sich bringen wird. Dieser Segen hat uns beiden einfach gutgetan. Auch wenn Sie heute nicht auf eine Pilgerreise losziehen, möchte ich Ihnen dennoch einen Segen für diesen neuen Tag mitgeben:

„Segen komme über dich. Der Segen des Himmels und der Segen der Erde. Fröhliches Lachen, ehrliche Blicke, mutige Worte. Eine starke Hand, eine tröstende Umarmung. Nährendes Brot, friedvolles Leben. Segen komme über dich!“

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07AUG2022
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Kurz vor den Ferien habe ich mit einigen Schulabgängern über ihre Schulzeit gesprochen. Was einfach gut war in den vielen Jahren. Woran sie gerne denken und auch, was sie nicht vermissen werden. Es sind Schüler einer Förderschule, die sehr direkt und meistens spontan aus dem Bauch heraus antworten. Und so ist für Philipp ganz klar: „Das Beste waren eindeutig die Pausen! Da war Zeit für die Freunde und auch mit den Lehrern konnte man mal Quatsch machen.“ Die Pausen, also. Und ich dachte, das aufwendige Zirkusprojekt käme zur Sprache, in dem eine ganze Woche lang jede Menge ausprobiert und gelacht werden konnte. Die Klassenfahrten und Ausflüge. Das Fußballturnier oder die Auftritte mit der Schulband. „Ja“, sagt Philipp, „das war echt auch alles schön, aber das Beste waren die Pausen.“ Er bleibt dabei.

Jetzt in den Ferien ist mir das wieder eingefallen und ich gebe Philipp recht. Auch mir sind Pausen sehr wichtig. Zeiten, die unverplant sind. In denen ich keine Uhr und keinen Kalender brauche. Zeiten zum Abschalten und gerne auch mal zum Quatsch machen. Gerade diese Sommertage wecken in mir den Wunsch nach Pausen. Die gereizte Stimmung in der Gesellschaft. Die aufgewühlte Welt, die uns jeden Tag mit neuen Problemen konfrontiert. Ja, das beschäftigt mich. Ich will mich davon aber nicht ganz gefangen nehmen lassen. Von all den negativen Nachrichten, die uns Tag für Tag überfluten. Pausen sind da wichtig! Pausen für das Schöne und Unbeschwerte.

Auch in der Bibel wird erzählt, dass Jesus immer wieder mal Pausen einlegt. Wenn es ihm zu viel wurde, stieg er auf einen Berg oder fuhr im Boot auf einen See hinaus. Um allein zu sein. Um zu beten. Um Kraft zu sammeln.  So wünsche ich Ihnen ausreichend Pausen für alles, was Sie aufleben lässt – nicht nur heute am Sonntag.

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18MAI2022
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In dieser Woche treffe ich mich wieder mit Jugendlichen, die sich auf die Firmung vorbereiten. Die Firmung ist ein Fest, das die jungen Menschen stärken soll. Ihren Glauben und ihr Christsein. Bei unseren Treffen geht es um Gott und die Welt: Wir diskutieren und bedenken. Halten fest, was wertvoll und kritisieren, was längst veraltet ist.

Immer wichtiger wird mir, mit den Jugendlichen gegen Ende eines Treffens das Vater unser zu beten. Und das hängt auch mit meinen Besuchen im Seniorenheim zusammen. Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber wenn ich mit den alten Menschen im Seniorenheim zusammen bin, geht es auch oft um Gott und die Welt. Ich erfahre so manche Geschichte aus früheren Zeiten. Was einfach gut war, was Lebensfreude und Halt geschenkt hat und eben auch, was sie heute vermissen. Und fast immer kommen wir auch auf ihren Glauben und auf Gott zu sprechen. Für viele ist es wichtig, ihren Herrgott mit ins Gespräch zu bringen. Und so verabschiede ich mich so gut wie nie ohne, dass wir vorher ein Vater unser zusammen beten. Das darf einfach nicht fehlen. Und was mich selbst immer wieder bewegt: Wie dankbar, ja gerührt die alten Menschen nach dem Gebet sind. Es rührt sie tief in ihrem Innern. Das Gebet verbindet sie mit ihren Glaubenserfahrungen, verbindet sie mit Gott.

Doch am meisten berührt mich, wenn es demente Menschen sind. Frauen und Männer, die scheinbar kaum noch etwas von ihrem Umfeld mitbekommen. Die die meiste Zeit schlafen und selten Worte finden. Aber wenn ich mit dem Vater unser beginne, das sie von frühester Jugend an kennen, sprechen sie fast immer aufgewacht und klar mit. Und nicht selten fließen Tränen.

Diese Erfahrung versuche ich auch den Firmlingen weiterzugeben: Wie hilfreich es sein kann, wenn wir ein Gebet ein Leben lang zusammen beten können, selbst wenn vieles andere vergessen ist.

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17MAI2022
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Meine Nichte schickt mir über ihr Handy ein Foto. Ein Plakat ist zu sehen mit der Info: Kuchenverkauf im Café Frieden. Eine Kindergruppe hat sich überlegt, was sie tun können gegen die schrecklichen Nachrichten, die sie jeden Tag mitbekommen. Sich wegducken ist nicht ihre Sache. Sie entscheiden sich für eine Friedensaktion, halt so, wie es ihnen möglich ist. Kuchen und Törtchen – mit Liebe gebacken, wie es auf dem Plakat heißt, um ein bisschen Geld zu sammeln für ukrainische Frauen und Kinder, die in ihrem Ort Schutz suchen.

Es ist eine der vielen Aktionen, die derzeit überall im Land stattfinden. Demonstrationen, Gebete, Kleidersammlungen, Spendenaktionen oder eben Kuchenverkauf. Mich beeindruckt, wie Kräfte mobilisiert werden, um Solidarität zu zeigen, Leid zu lindern und Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen.

Zwischen all den vielen schrecklichen Bildern und Nachrichten sehe ich Gott sei Dank auch viel Gutes. Menschen, die füreinander da sind. Wohnraum teilen. Geld spenden. Medikamententransporte organisieren. Und ich merke: Wenn ich mich selbst an diesen Aktionen beteilige, mit anderen demonstriere, bete oder auch spende, fühle ich mich nicht mehr ganz so ohnmächtig. Es nährt meinen Glauben an das Gute und lenkt meinen Blick auf die Werte, für die sich einzusetzen lohnt. Ich erfahre: Andere sind genauso fassungslos und mit ihnen darüber zu reden, mich mit ihnen zusammen zu schließen, tut gut und ist mir wichtig. Es hilft mir, nicht zu resignieren und abzustumpfen.

Davon hört kein Krieg auf. Aber es schenkt Kraft durch diese Zeiten zu kommen und unserer Ohnmacht einen Hoffnungsschimmer entgegen zu setzen. So wie die Kinder mit ihrem Café Frieden.

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16MAI2022
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Auf meinem Handy leuchtet die Corona Warn-App knallrot und zeigt ein erhöhtes Risiko an. Auch wenn das mittlerweile relativ häufig vorkommt, erschrecke ich doch jedes Mal und überlege, wo ich an dem genannten Tag überall war: Drinnen oder draußen, mit vielen oder wenigen Leuten. Ich überlege, wer in meiner Nähe war und grüble, wie risikoreich die Begegnungen gewesen sein könnten.

Ob diese Warn-App hilft oder eher nervt, das mag für jeden anders sein. Jedoch: Sie bringt mich immer wieder dazu, über Begegnungen nachzudenken. Zurück zu blicken und mich zu erinnern, wie nah oder fern mir jemand war. Ob intensiv oder nebenbei miteinander geredet wurde. Und manchmal ärgere ich mich richtig, dass ich vertraute, ausgiebige Gespräche und herzliche Begegnungen als risikoreich einschätze. Obwohl sie mir ja gut tun und ich sie brauche.

Manchmal stelle ich mir vor, wäre es gut, wenn so eine Warn-App auch mal Alarm schlägt, wenn eine Begegnung gekränkt hat. Das kommt ja auch vor. Nicht mit Viren. Sondern mit verletzenden Worten. Mit abweisenden Gesten oder fehlender Aufmerksamkeit. Das fällt mir auch oft erst im Nachhinein auf. Wenn ich darüber nachdenke. Dass ein Satz ganz schön fies geklungen hat oder ich gar nicht beachtet wurde. Das kann verletzen und kränken. Und da wäre es hilfreich, sofort zu reagieren und ins Wort zu bringen, was kränkend bei mir angekommen ist.

„Mancher Leute Gerede verletzt wie Schwertstiche“, heißt es in der Bibel. „Die Zunge der Weisen bringt Heilung.“ (Spr 12,18) Ein cooler Spruch. Er spornt mich an, Worte zu finden, die trösten und aufbauen. Die erleichtern und Hoffnung verbreiten. Worte, die uns aufleben lassen und Heilung bringen. Sie sind lebenswichtig!

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04DEZ2021
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Heute am 4. Dezember ist Barbaratag. Viele kennen den Brauch, am Barbaratag Kirsch- oder Forsythienzweige in eine Vase mit warmem Wasser zu stellen, verbunden mit der Hoffnung, dass sie bis Weihnachten aufblühen.

Was steckt dahinter? Welche Barbara verbirgt sich hinter diesem Brauch? Wandern wir zurück ins 4. Jahrhundert, nach Kleinasien, in die heutige Türkei. Dort lebt Barbara. Sie kommt aus gutem Haus und die Eltern haben genaue Vorstellungen, wie das Leben ihrer Tochter auszusehen hat. Doch Barbara geht eigene Wege und kommt mit dem christlichen Glauben in Berührung. Fasziniert von der Botschaft Jesu lässt sie sich schließlich taufen. Den Vater macht das wütend. Er bringt sie vor ein Gericht und lässt sie sogar zum Tode verurteilen. So erzählt es die Legende. Grausam. Und sicher kein Grund, Zweige in eine Vase zu stecken. Doch die Legende erzählt weiter: Barbara bleibt auf dem Weg in ihre Zelle an einem Kirschzweig hängen. Sie nimmt ihn mit, benetzt ihn und kurz vor ihrem Tod blüht der dürre Zweig auf. Der blühende Zweig wird zu einem hoffnungsvollen Zeichen inmitten der trost- und ausweglosen Situation, in der sich Barbara befindet. Ein Zeichen voller Hoffnung und Kraft: Am Tag ihres Todes blüht neues Leben auf!

Dieses Zeichen hole ich mir gerne ins Haus und hoffe, dass es klappt mit den Blüten. So können mich die Zweige in meinem Wohnzimmer an das erwachende Leben erinnern, wenn draußen alles kahl und dunkel ist. Sie lassen mich hoffen, dass ausweglose, verzweifelte Situationen sich verwandeln können. Und: Dass uns allen etwas blüht! Nicht nur an Weihnachten.

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03DEZ2021
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Stress an der Supermarktkasse. Hinter mir eine lange Schlange. Vor mir eine Kassiererin, die so rasch die Einkäufe scannt, dass ich kaum hinter her komme. Für ein Schwätzchen bleibt da keine Zeit. Im Gegenteil: Da kann man schon mal ins Schwitzen kommen.

In den Niederlanden gibt es da eine tolle Idee: Eine Supermarktkette hat Plauderkassen eingeführt. An Plauderkassen geht es vor allem ums Quatschen und Plaudern, nicht um das rasche Verstauen der Einkäufe. Was sich nach einer netten Idee in unserer hektischen Welt anhört, hat einen ernsten Hintergrund: Es geht darum, dem Thema Einsamkeit entgegenzutreten. Menschen, die kaum noch Kontakte haben, können hier gewiss sein: Da gibt es jemanden, der mir einfach zuhört. Oder eine, die mir etwas Schönes erzählt. Oder auch nur mal lächelt. So wird der Einkauf eine sichere Anlaufstelle für soziale Kontakte und eine gesellige Zeit. Für viele ist das ein wahrer Segen.

Denn wir leben von Begegnungen. Von Anfang an sind wir auf andere Menschen angewiesen. Von Beziehungen abhängig. Wir reifen und entfalten uns im Kontakt mit anderen. Begegnungen prägen unser Menschsein und Menschwerden. Da finde ich jede Aktion gut, die ermöglicht, dass Menschen sich treffen können. Erzählen oder zuhören. Zusammen lachen oder einander ermutigen.

Vielleicht findet sich in den kommenden Wochen des Advents ein wenig Zeit, Beziehungen zu pflegen, Kontakte aufzufrischen oder neu zu knüpfen. Zeit, die uns aufleben lässt und aufrichtet. Vielleicht ganz zufällig zwischen Tür und Angel. Vielleicht bei einer Verabredung, die schon lange im Kalender steht. Vielleicht auch einfach beim Plaudern nach dem Einkauf. Denn in jeder Begegnung dürfen wir ahnen: Im anderen Menschen kommt Gott uns nahe.

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02DEZ2021
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Kaum eine Zeit ist so von Ritualen und Gewohnheiten geprägt wie die Adventszeit. Für viele ist einfach klar, was zum Advent alles dazugehört. Und wehe, es fehlt: Der Adventskalender, das Plätzchenbacken, der Adventskranz, die geschmückten Fenster, basteln und Lieder singen. „Alle Jahre wieder“ eben. Es gibt Dinge, die kann auch ein Virus kaum behindern.

Warum das so ist? Vielleicht weil mit diesen Ritualen gute und schöne Erfahrungen verbunden sind. Erfahrungen mit lieben Menschen. Momente, die Ruhe und Kraft schenken. Situationen, die Lebendigkeit versprühen und ahnen lassen: Es gibt mehr als Pflicht und Routine, Hektik und Sorgen.

Und gerade in einer Welt, die uns laufend mit neuen Herausforderungen konfrontiert, tut es gut, wenn sich wiederholt, was ich kenne und mir Freude macht. Wenn ich mich auf Vertrautes verlassen kann und dabei Leib und Seele ein wenig auftanken können.

Das ist das eine. Für mich kommt aber noch ein weiterer Gedanke dazu: Advent kommt vom lateinischen Wort „adventus“. Das heißt Ankunft. Advent ist also eine Zeit voller Hoffnung. Eine Zeit, die mich darauf aufmerksam macht, dass noch mehr kommt. Ja, dass Gott kommt! Dass mit Jesus Gottes Botschaft des Friedens auf die Welt kommt. Dass Gottes Liebe ans Licht kommt. Ja, bei mir will Gott ankommen. In meinem Leben.

Für mich wird davon etwas spürbar in ein paar stillen Minuten am Adventskranz. Oder wenn Plätzchenteig geknetet und geformt wird. Oder früh morgens, wenn sich das nächste Türchen am Adventskalender öffnet.

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