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28APR2022
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Erst die lange Zeit der Corona-Pandemie und jetzt noch ein Krieg in Europa, der viele bedrückt. Mich kostet das Kraft. Manche wollen die Nachrichten lieber gar nicht mehr anschauen. Das geht für mich nicht. Ich will informiert sein, Anteil nehmen, aber ich will auch irgendwie mit dem fertig werden, was ich da mitbekomme.

Mit meinen Schülern habe ich deshalb im Psychologieunterricht über die Richtung der „positiven Psychologie“ gesprochen. In den 80er Jahren haben Psychologen um Martin Seligman eine neue Ausrichtung angestrebt. Sie meinten, nachdem die Psychologie gut hundert Jahre auf die Ursachen von Krankheiten und ihre Behandlung geschaut hat, könnte man sich jetzt mal auf das ausrichten, was gesund und glücklich macht.

Aus dieser Richtung kommen kleine Gedankenübungen für den Alltag, die wir jetzt in der Schule oft am Anfang der Stunde machen. Zum Beispiel, dass wir eine Runde machen, in der jede und jeder sagt, was heute ein Grund zum Freuen ist. Das geht meistens nicht ad hoc. Jeder braucht da ein paar Minuten zum Nachdenken. Ich auch. Aber allein das zeigt mir schon, dass ich offensichtlich im Alltag nicht automatisch an das Gute denken würde.

Wenn wir dann diese Runde machen, finde ich es bemerkenswert, wie sich mit jeder kleinen Freude, die ausgesprochen wird, die Stimmung im Raum verändert: Das schöne Wetter, die Natur, die sich gerade so schön entwickelt, das Treffen mit Freunden, der Ausblick auf einen ruhigen Moment zum Ausruhen am Abend.

Noch stärker wirkt das, wenn wir diese Runde nicht zu der Frage machen, was mich heute freut, sondern daraufhin, was ich bei anderen Personen Positives anerkennen möchte.  Da höre ich dann, wie wichtig es ist, dass die Familie hinter einem steht, dass einem die Mutter oder die große Schwester das Frühstück macht, dass die Klassenkameraden die Hausaufgaben mitbringen, wenn man krank ist und so weiter.

Dieser Blickwechsel lohnt sich immer und tut gut. Besonders dann, wenn die Zeiten schwierig erscheinen und einem der Mut ausgehen könnte. Aber wenn ich diesen positiven Blick übe, sehe ich, was an Lebenskraft in mir und den anderen Menschen steckt.

Zwei Aspekte sind mir dabei besonders aufgefallen:
Für viele ist die Natur eine Kraftquelle, die guttut. Das ist das eine. Das andere ist, wie gut es für uns Menschen ist, wenn andere Menschen für uns da sind und uns unterstützen. Und sei es auch nur durch eine kleine Geste oder minimale Hilfe. Als Christ bin ich Gott dankbar, dass er uns in seiner Schöpfung solche Heilmittel geschenkt hat. Wir müssen sie nur aufgreifen.

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27APR2022
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Die Worte, mit denen Jesus als Auferstandener seine Apostel begrüßt, haben dieses Jahr einen besonderen Klang: „Der Friede sei mit Euch!“. Im Johannesevangelium kommt Jesus nach Ostern mit diesen Worten auf seine Jünger zu. Es wirkt so, als ob die Jünger Jesus an diesem Gruß wiedererkennen. Wie zu seinen Lebzeiten geht er auf die Menschen zu und wünscht ihnen Frieden. Wenn ich das ins Hebräische zurückübersetze, also „Friede“ zu „Schalom“ wird deutlich, was das alles bedeutet: „Schalom“ ist zuallererst der Wunsch, dass der einzelne Mensch, dem ich begegne, gesund ist und dass es ihm rundum gut geht. Klar, das geht nicht, wenn Gewalt und Krieg das Leben der Menschen bedrohen. So kommt es wohl, dass wir „Schalom“ im Deutschen mit „Frieden“ übersetzen.

Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus diesen Wunsch nach seiner Auferstehung verwendet. Er hat alles durchgemacht, was Menschen einem Schlechtes zufügen können. Aber auch nachdem er gelitten hat, gefoltert und grausam ermordet wurde, hat er keine Rachegedanken, sondern Frieden im Sinn. Er scheint in einer anderen Sphäre zu sein, in einer, in der Rache und Gewalt keinen Platz haben. Und gerade weil er dies als ein Opfer der Gewalt so vertritt und keine Rache fordert oder mindestens eine gerechte Strafe für seine Mörder, wirkt er auf mich souverän.

Ich denke, besonders in der aktuellen Situation erleben wir alle, wie Gewalt wirkt und eskaliert. Die eine gewalttätige Aktion ruft die nächste, noch aggressivere Reaktion hervor. Dass wir mit diesem Wunsch nach Rache und gerechter Strafe reagieren, ist menschlich. Das gilt im Großen, im Krieg, genauso wie in den kleinen Konflikten und Streitereien, die wir erleben, z.B. am Arbeitsplatz oder auch in Vereinen, wenn zwei Personen um die Führungsrolle konkurrieren.

Jesus zeigt, wie wir über diese Gewaltspirale hinauskommen und irgendwann wieder Frieden finden. Denn in die Zukunft führt der Weg, den Jesus nach Ostern zeigt. Es ist der Weg des Friedens. Wenn ich Gewalt überwinden und zu einem neuen, besseren Leben kommen will, hilft nur, dass ich verzeihe und auch den anderen das Gute wünsche. Das übersteigt zwar meine erste menschliche Reaktion, aber es ist auch nicht unerreichbar. Dass wir alle das, darum bete ich, egal wie lange es noch dauern wird, bis, mit Jesu Worten gesprochen, dieser Friede mit uns ist.

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26APR2022
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Jetzt sind es über zwei Monate Krieg in der Ukraine. Es klingt beinahe schon seltsam, aber ich mache mir Gedanken darüber, wie schnell ich mich an diesen Zustand gewöhnt habe und das Mitgefühl mit den leidenden Menschen so alltäglich wird. Als ob man sich irgendwann damit abfinden könnte.

In den ersten Tagen als die russische Armee ihre Angriffe gestartet hat, habe ich in jeder freien Sekunde die Nachrichten gesehen. Ich wollte unmittelbar mitbekommen, was passiert, habe Anteil genommen und auch den Schock verarbeitet, dass so etwas Unvorstellbares nun Wirklichkeit geworden ist. Irgendwie habe ich mich sogar daran gewöhnt, dass ich unruhiger schlafe, weil ich in Gedanken viel bei den Menschen bin, die unter dem Krieg leiden. Die Menschen aus der Ukraine, deren Familien auseinandergerissen sind und deren Heimat zu einem großen Schutthaufen zerbombt wird. Genauso denke ich auch an die Menschen in Russland, die offensichtlich oft gar nicht wissen, was da los ist. Ich denke, sie müssen doch irgendwann mitbekommen, dass sie beim Einkaufen nicht mehr alle Waren vorfinden und warum das so ist, und dass alles teurer geworden ist.

Mit der Zeit sind in den letzten Wochen aber auch andere Themen wieder in den Vordergrund gerückt. Auf der einen Seite finde ich das befremdlich. Denn ich will mich nicht abfinden mit dem Leid, das die betroffenen Menschen täglich erleben müssen.

Anderseits ist mir auch klar geworden, dass dieser Krieg mir nur aus nächster Nähe zeigt, was in gut vierzig anderen Kriegen auf der Welt gleichzeitig passiert, ohne dass ich jedes Mal so intensiv Anteil nehme an dem Leid der betroffenen Menschen.

Dieser Gewöhnungseffekt schützt mich und ich könnte es ja gar nicht verkraften. Denn wenn ich vor Mitleid zerfließe, ist ja niemandem gedient. Den anderen hilft es eher, wenn ich meinen Optimismus bewahren kann.

Für mich gibt es zwei Wege, damit so umzugehen, dass die Hoffnung und das Gute in mir nicht stirbt: Ich helfe tätig mit, wo Spenden für die Menschen in der Ukraine gesammelt werden oder wenn Flüchtlinge hier bei uns ankommen.

Das zweite ist, dass ich jeden Abend bete für alle Menschen in Russland und in der Ukraine, die unter dem Krieg und seinen Folgen leiden. Auch wenn es Menschen sind, die den Krieg veranstalten, ich lege es am Abend in Gottes Hand, dass wieder Friede einkehrt. 

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25APR2022
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Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken, wie es mit meiner Religion, dem Christentum in Deutschland weitergeht. Ich sehe zwei Entwicklungen: Auf der einen Seite findet ein Auszug aus den Kirchen statt, der uns Katholiken, aber auch die evangelischen Christen in Deutschland bald auf die Größe einer Sekte schrumpfen lässt. Die Gründe liegen auf der Hand.

Auf der anderen Seite sehe ich außerhalb der Kirchen immer wieder, wie vieles von meiner christlichen Überzeugung in der Gesellschaft verankert ist:

Ich habe in der Pandemiezeit erlebt, wie der Zusammenhalt der Menschen großgeschrieben wird. Und das waren nicht nur leere Worte: Oft haben Nachbarn sich gegenseitig geholfen, wenn jemand in Quarantäne Einkäufe nicht selbst erledigen konnte. Das ist in meinen Augen gelebte Nächstenliebe. Und ich denke auch, dass sich der Blick verändert hat auf das, was Pflegekräfte leisten. Ich habe auch immer wieder mitbekommen, dass Unternehmer uneigennützig und unbürokratisch Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen und Bürger in ihren Privatwohnungen das Gästezimmer bereitstellen und mit Spenden die Opfer des Kriegs unterstützen. Gleichzeitig sehe ich an Autofenstern und an Häusern Flaggen und Symbole, die die große Sehnsucht nach Frieden ausdrücken, die uns Menschen zusammenführt.

Dass wir da Nächstenliebe leben, zusammenhalten und helfen, ist das eine, was zeigt, dass das Christentum bei uns lebt. Das andere ist der christliche Kult. Was ich mir in einem Gottesdienst erhoffe, habe ich inzwischen auch schon oft bei Konzerten außerhalb der Kirche erlebt: Dass ich mich durch die Texte, die ich höre, von Gott angesprochen fühle und dass sie umgekehrt zu meinen Gebeten werden.

Bei alledem merke ich, dass ich bei diesen Entwicklungen noch mehr auf Gott vertrauen könnte. Anstatt dass ich fürchte, dass das Christentum verloren geht, will ich mich auf ihn verlassen. Ich sehe ja schon deutlich, dass es weitergeht.

Dass Gott mit uns so ganz andere Wege geht, lässt mich hoffen, dass es auch mit dem Christentum weitergeht. Wenn die Kirchen schrumpfen, wird Gott neue Wege finden. Denn er ist treu. Auf ihn kann ich mich verlassen.

Am Gedenktag des Evangelisten Markus, der sein Evangelium für Heidenchristen geschrieben hat.

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24APR2022
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Gloria in excelsis deo

„Ehre sei Gott in der Höhe“. Seit Ostern gehört dieser Gesang wieder zum katholischen Gottesdienst dazu, nachdem traditionell in der Fastenzeit kein Gloria gesungen wird. Wenn es in der Osternacht zum ersten Mal wieder angestimmt wird, läuten dazu alle Glocken.

Gloria in excelsis deo et in terra pax hominibus

Der Gloria-Gesang stammt aus dem 5. Jahrhundert. Die erste Zeile ist aber noch älter. Sie ist ein Zitat der Engelschöre, die bei der Geburt Jesu in Bethlehem singen. Das Gloria holt damit nicht nur Ostern, sondern immer auch Weihnachten in den Gottesdienst herein. Georg Friedrich Händel hat das in seinem Oratorium „Der Messias“ besonders anschaulich komponiert:

„Glory to god in the highest and peace on earth“.

Händel macht damit deutlich, dass Himmel und Erde am Anfang von Jesu Wirken noch getrennt sind: Im Himmel herrscht schon der fröhliche Jubel der Engel, auf der Erde ist die Stimmung noch gedämpft. Die Menschen sind noch nicht erlöst.

„Glory to god in the highest and peace on earth“.

Das ist mir momentan deutlicher denn je, wenn ich an die Pandemie denke und an den Krieg in der Ukraine, der ja nur einer von vielen Kriegen auf der Erde ist. Aber ich bin überzeugt: Die Mehrheit der Menschen sehnt sich nach Frieden und nach einem Zustand des Wohlbefindens für alle, die guten Willens sind.

Das Gloria hat die Erlösung im Blick, die Jesus bewirkt. Er redet zu den Menschen von einem Gott, der er es gut mit den Menschen meint und das Glück für alle Menschen will, selbst wenn sie gesündigt haben. Jesus gibt diese Überzeugung auch dann nicht auf, als die Menschen ihn ablehnen und ermorden. Nicht einmal der Tod kann ihn darin aufhalten.

In der Dramaturgie des Gottesdienstes wird dieser Spannungsbogen auch entwickelt. Das Gloria steht am Anfang. Die Gemeinde jubelt und bittet aber auch darum, dass Jesus als ihr Herr die Welt zum Guten verändert, dass Friede wird und dass das Gute triumphiert durch ihn, den Höchsten, den Heiligen.

Quoniam tu solus sanctus, tu solus Dominus, tu solus sanctus, tu solus altissimus, Jesu Christe.

Erst wenn die Gemeinde dann an das Abendmahl und an die Auferstehung Jesu erinnert, singt sie im Sanctus davon, dass sich diese Veränderung zum Guten ereignet hat. Jetzt heißt es „Himmel und Erde sind voll von Deiner Herrlichkeit“.

Wenn ich das „Gloria“ höre, will ich gerne einstimmen: Ich mache mit, wenn es darum geht, Gott zu feiern und zu bejubeln. Und ich bitte ihn immer wieder neu darum, dass er diese Welt zum Guten führt und Frieden bringt. Ich sage damit aber auch deutlich: Ich will mitarbeiten an einer Welt, in der Friede und Versöhnung bestimmen. Denn wenn Menschen froh, erlöst und in Eintracht leben, dann ist das die Verherrlichung Gottes als eines liebenden Vaters und einer fürsorglichen Mutter.

Gloria (Schluss) „cum sancto spiritu in gloria dei patris. Amen“

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Musikangaben

„Glory to god in the highest and peace on earth“.
Aufnahme: Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Ton Koopman (Live-Mitschnitt von 2005)

 

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13MRZ2022
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Agnus Dei qui tollis peccata mundi. Miserere nobis.
Agnus Dei qui tollis peccata mundi. Miserere nobis.
Agnus Dei qui tollis peccata mundi. Dona nobis pacem

Christus wird im heutigen Lied zum Sonntag als „Lamm Gottes" angerufen. Er soll mit unserer Not mitfühlen und Frieden schenken.

Lämmer wurden in biblischen Zeiten als Opfertier im Tempel zum Dank geschlachtet. Die Menschen haben das damals als ein Zeichen verstanden, dass Gott sie immer wieder zum Guten führt. Später im Mittelalter hat sich das umgekehrt: Man meinte damals, Gott wird durch so ein Opfer milde gestimmt, wenn man ihn durch seine Fehler beleidigt hat.

Das stellt aber auf den Kopf, was Jesus geglaubt und gelehrt hat: Für ihn war klar, dass der Mensch den Schaden nicht reparieren kann, den er verursacht. Er war überzeugt, dass allein Gott alles zum Guten verändern kann, weil er die Menschen liebt wie ein Vater seine Kinder. Für diese Überzeugung stirbt Jesus sogar. Er wird zum Opfer der Priesterclique, die davon lebt, dass sie den Menschen ein reines Gewissen verkauft. Spätestens seit Jesus für diese Überzeugung gestorben ist, ist Schluss mit diesem Opferdenken.

Agnus Dei

Im Alltag begegnen mir heute andere Opfer: Wenn ein Schüler gemobbt wird, nennen ihn die Mitschüler oft „Du Opfer“. Mit diesem Ausdruck können sie ihn einmal mehr herabwürdigen. „Opfer“ sind heute oft Menschen, die unter dem leiden, was andere Menschen ihnen antun. Wenn sie andere mobben, aber auch, wenn sie missbrauchen, vergewaltigen und töten. Gerade auch im Krieg. Beethoven hat das in seiner „Missa solemnis“ deutlich hörbar gemacht:

Agnus Dei
Beethoven: Missa solemnis. Ennoch zu Guttenberg: Chor und Orchester der KlangVerwaltung

Wo Menschen andere Menschen kränken, verletzen, umbringen, genau da braucht es einen Ausweg, wie Jesus ihn lehrt. Die Wende zum Guten, zum Frieden, erreiche ich in keinem der Fälle, wenn ich Vergeltung übe, weil das von der anderen Seite wieder eine Vergeltung auslöst. Friede entsteht, wenn ich auf den anderen zugehe und bereit bin, dass ich mich für meine Fehler entschuldige und dem anderen seine Fehler verzeihe.

Das „Agnus Dei“ passt in unsere Zeit. Wenn ich es höre oder mitsinge, dann bitte ich Gott: Hilf uns, wenn wir die Kette von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen wollen und gib uns einen Frieden, der für alle Menschen guten Willens zum Guten führt:

Agnus Dei
Beethoven: Missa solemnis. Agnus Dei

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02FEB2022
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Am 2. Februar feiern katholische Christen das Fest „Mariä Lichtmess“. Vierzig Tage nach Weihnachten wird daran erinnert, dass Maria nach der Geburt ihres Kindes den Tempel in Jerusalem besucht hat. Dieses Datum markiert ein uraltes Fest, das mit den Christen in Jerusalem in Verbindung steht. Dort haben sie sich an großen Festen meist schon nachts vor der Grabeskirche getroffen und mit Kerzen und Lichtern in den Händen gewartet bis der Wärter die Kirche bei Tagesanbruch aufschließt. Dann sind sie gemeinsam in die Kirche eingezogen. Mit den Kerzen in den Händen. In diesem Zusammenhang kam es dann dazu, dass man an Lichtmess die Kerzen für das ganze kommende Jahr gesegnet hat. Und das wird auch heute in den Kirchen so gemacht: Heute schon segnet man die Osterkerze, die Kerzen für den Advent und die Kerzen, die das ganze Jahr durch am Altar brennen. Ich finde das schön, weil so heute schon die Lichtmomente des kommenden Jahres in den Blick kommen. Wie eine Vorfreude auf kommende „Highlights“. Ich finde das motivierend und es stärkt mich für den Alltag, wenn ich diesen Ausblick habe und mir bewusst mache, dass ich heute schon auf Ostern zugehe und auf Weihnachten und dass Gott mich jeden Tag begleitet, so wie die Kerzen jeden Tag am Altar angezündet werden.

Dieser Ausblick auf diese Lichtmomente ist für mich aber etwas Anderes, als wenn ich mich zum Beispiel auf die Highlights des kommenden Jahres freue wie den Sommerurlaub oder Geburtstagsfeste mit Freunden und in der Familie.

Für mich hat das heute einen anderen Akzent. Es geht nicht um Highlights, die meinem Vergnügen dienen. Das ist auch wichtig, keine Frage.

Aber genauso bedeutsam ist für mich die Vorstellung, dass es Lichtmomente im kommenden Jahr geben wird, wo ich mich besonders von Gott gestützt und getragen fühle. Da sind natürlich die großen religiösen Feste. Weihnachten und Ostern sind für mich wichtig und wenn ich mich heute schon darauf freue, kann ich ja jetzt schon meine positive Einstellung damit stärken. Aber spannend finde ich auch die alltäglichen Lichtmomente, für die die Altarkerzen stehen, die das ganze Jahr hindurch brennen. Solche Lichtmomente können ganz unspektakulär sein. Aber sie stärken mich und geben mir Kraft. Einen solchen Lichtmoment habe ich neulich erlebt. Eine Freundin, die mich besucht hat, hat mir gesagt, dass sie sich Sorgen um mich macht und dass ich aufpassen soll, dass ich gesund bleibe und mich ausreichend erhole. Im Nachhinein hat sie mir so einen Lichtmoment geschenkt, in dem ich gespürt habe, dass Gottes Licht mich begleitet und schützt, weil er mir Freunde schickt, die sich um mich sorgen.

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01FEB2022
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Wenn jetzt die Tage langsam wieder heller werden, tut mir das rundum gut. Ich genieße es ganz bewusst schon, wenn ich morgens zur Arbeit fahre und den Sonnenaufgang erlebe.

Das Bild der aufgehenden Sonne stimmt positiv und wurde deshalb auch zum Symbol für Jesus, der den Tod überwindet, wie die Sonne die Nacht. Aber um das 16. Jahrhundert wurde die aufgehende Sonne auch zu dem Symbol schlechthin für das Projekt der Aufklärung. Es waren anfangs vor allem religiöse und theologisch gebildete Menschen wie Immanuel Kant oder Ephraim Gotthold Lessing, die den menschlichen Verstand als Geschenk Gottes begriffen haben, das das Licht der Wahrheit in die Welt bringt – ähnlich wie der Glaube. Oder eben wie die Sonne. Sie haben deshalb betont, dass jeder Mensch eigenständig ist, weil er einen Verstand hat und denken kann.

Mir gefällt an diesem Projekt das Grundvertrauen, das darin steckt. Denn immerhin trauen die Vertreter der Aufklärung es ja jedem Menschen zu, dass er dieses Licht des Verstandes benutzen kann. Ich bin deshalb auch als Christ ein Anhänger der Aufklärung. Ich bin sogar eher davon überzeugt, dass es auch im Sinne Gottes ist, sonst hätte er uns ja nicht mit dem Verstand ausgestattet.

Aber ich sehe auch deutlich das Kritische dieses Ideals. Denn der Verstand des einzelnen hat seine Grenzen. Und ich kann die Wahrheit nicht erkennen, wenn ich denke, dass ich alleine alles wissen und verstehen kann. Das macht mir vor allem aktuell Sorgen, weil ich so oft Menschen sehe, die ihre eigene Meinung und ihre begrenzte Sicht schon als die Wahrheit schlechthin sehen. Und ich habe den Eindruck, dass ihre Meinung nicht nur auf Vernunftargumenten basiert, sondern dass das eine Rolle spielt, was sie ängstlich macht.

Und dazu kommt, dass wir alle bei der Meinungsbildung begrenzt sind. Ich sehe diese Grenzen bei mir ja auch. Es passiert so leicht, dass ich im Internet oder in der Zeitung nur die Artikel lese oder nur denen zuhöre, die das bestätigen, was ich eh schon denke. Und wenn ich Menschen treffe, die anders denken als ich, fange ich sofort an, meine Position zu verteidigen.

Stattdessen könnte ich doch versuchen, dass ich mit Verstand zuhöre und nachvollziehe, was die sagen, die anderer Meinung sind als ich. Ich bin überzeugt, dass wir so der Wahrheit eher nahe kommen. Und wenn die Wahrheit wie die Sonne ist, die ich morgens aufgehen sehe, dann kann mein Verstand eben manchmal nicht die ganze Sonne aufnehmen, sondern nur ein paar Strahlen. Aber wenn ich bereit bin, die Strahlen zu sehen, die bei den anderen ankommen, dann wird mein Leben noch heller.

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31JAN2022
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Wenn es ein Lied gibt, das ich als die Musik meiner Jugendzeit bezeichnen kann, dann ist das „Wind of Change“ von den „Scorpions“. Man merkt, ich habe meine Jugendzeit in den 80er Jahren erlebt. Dieser Song bringt für mich auf den Nenner, wie ich meine Jugend im Rückblick sehe: Wir konnten als Jugendliche relativ unbeschwert und mit großen Idealen leben. Als die Erwachsenen über Aufrüstung und Abschreckungspolitik diskutiert haben, haben wir uns für Abrüstung und gegen Atomkraft stark gemacht. Und wir haben den Fall des „eisernen Vorhangs“ erlebt. Für mich war das ein Signal, dass der Friede in Europa stabil wird und dass wir diesen Frieden in die ganze Welt tragen können. Dass ich meine Jugend so voller Ideale erlebt habe, hat auch das Gefühl verstärkt, dass ich mich frei fühle. Als ob alle Türen und Möglichkeiten offen sind und ich ausprobieren kann, welche Wege ich gehen kann.

Ich finde auch, so sollte Jugend sein: lebendig und frei, voller Ideale und mit dem frischen Wind, der Veränderungen zum Besseren möglich macht. Die meisten Veränderungen habe ich damals als Verbesserung erlebt. – „Wind of Change“ eben.

Wenn ich heute darauf zurückschaue, bin ich dankbar, dass ich so eine Jugend erleben durfte. Die jungen Leute heute haben es in vielen Punkten nicht so einfach. Sie erleben, wie die politische Situation kriselt, sie sehen die Gefahren des Klimawandels auf sich und ihre Kinder zukommen. Und sie haben in den letzten zwei Jahren durch Corona auf vieles von dem verzichten müssen, was Jungsein so schön machen würde. Die meisten von ihnen haben das für die älteren und gefährdeten Menschen mitgetragen. Und ich persönlich habe nicht einmal einen jungen Menschen darüber murren gehört. Wenn ich heute junge Menschen auf der Straße oder in der Schule sehe, wirken viele von ihnen auf mich ruhig, ernst und in sich gekehrt.

Ich finde, dass ich ihnen als Erwachsener zeigen sollte, dass ich ihnen dankbar bin für das, was sie für uns alle unter dem Motto „Zusammenhalten“ mitgetragen haben. Und wenn ich es mit dem Dank ernst meine, will ich mich als Erwachsener auch für sie einsetzen. Dafür, dass sie das nachholen können, was Jungsein schön und kostbar macht: Dass sie erleben, wie unbeschwert und frei sich das Leben anfühlen kann, wenn man jung ist und einem viele Wege und Möglichkeiten im Leben offen stehen. Und ich will sie dabei unterstützen, wenn sie sich für eine bessere Zukunft einsetzen. Damit sie ihre Zukunft als eine Zeit sehen, in der sie ihre Ideale für eine bessere Welt umsetzen können.

(zum Gedenktag Giovanni Don Boscos)

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07JAN2022
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Die kirchliche Weihnachtszeit geht mit dieser Woche zu Ende. Ich genieße die Festzeiten meistens sehr und will danach gerne noch davon zehren und das Schöne und Positive mit in den Alltag nehmen, der nun wieder folgt. Und auch jetzt am Ende der Weihnachtszeit nehme ich einen Gedanken mit, der mich ermutigt.

Für mich ist es in diesem Jahr die Aufforderung Jesu: „Richtet euch auf, und erhebt euer Haupt. Denn eure Erlösung ist nahegekommen.“

Das Interessante daran ist, dass Jesus auch sagt, wann wir uns aufrichten sollen. Nämlich dann, wenn alles um uns herum bedrohlich wird und die Welt aus den Fugen gerät. Wenn Grund zu Sorge und Angst besteht, soll ich mich als Christ nicht davon beeindrucken lassen. Jesus richtet gerade dann den Blick auf das, was die Lösung bringt.

Es gab viele Ereignisse und Situationen in der letzten Zeit, die mich bedrückt haben. Ich fand es zermürbend, dass wir immer noch wie unvorbereitet von Infektionswelle zu Infektionswelle kommen.

Der Kampf um die Gesundheit aller hat wieder dazu geführt, dass die Menschen, die in den Kliniken arbeiten an ihr Limit kommen, dass wir das wirtschaftliche und kulturelle Leben eingeschränkt haben. Und es hat mich besonders Kraft gekostet, die Tatsache zu akzeptieren, dass wir alle es doch hätten besser machen können. Es war ja seit dem letzten Sommer vorhergesagt, dass eine vierte Welle kommen wird. Von der fünften Welle ganz zu schweigen. Es war klar, dass es für alle riskant ist, wenn wir nicht überwiegend geimpft sind und wenn wir die Menschen in den ärmeren Ländern nicht mit Impfstoff versorgen. Wenn von dort neue gefährliche Varianten zu uns kommen, zeigt das in meinen Augen, dass wir Corona nur dann besiegen, wenn wir alle Menschen mit einbeziehen.

Wenn die Welt so aus den Fugen gerät, empfiehlt Jesus, dass ich mich nicht von Sorgen unterkriegen lasse. Er sagt, ich soll mich aufrichten, „Kopf hoch“, jetzt ist die Erlösung nah. Also gerade dann, wenn ich mich am stärksten ängstige, muss ich mich nicht niederdrücken lassen. Gott ist mir dann besonders nahe. Sogar erst Recht. Denn jetzt wird ja erst deutlich, dass wir Menschen uns nicht selbst erlösen können. Erlösung erhoffe ich mir von Gott.

Dass auf Gott vertraue, heißt aber nicht, dass ich nichts tue. Dass ich auf Gott vertraue, zeige ich, indem ich beitrage, dass das Gute stärker wird. Und dazu gehört, dass wir Menschen zusammenhalten und füreinander einstehen. In unserem Land, aber eben auch auf der ganzen Welt. Denn es gilt für die ganze Welt: Gerade dann, wenn die Zeichen schlecht stehen: „Kopf hoch, die Erlösung ist nahe!“

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