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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02MRZ2024
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Guten Morgen. An einem College in Oxford gehörte er zu einer recht humorlosen Gemeinschaft, die von Mitstudierenden den Spitznamen „Heiliger Club“ verpasst bekam. Später, nach seinem Theologiestudium ging jener junge anglikanische Priester namens John Wesley voll Idealismus nach Amerika. Eigentlich wollte er dort „die Indianer bekehren“. Im Lauf der Zeit jedoch stellt er verzweifelt fest: „Und wer bekehrt mich?“ Er wurde bescheidener und machte nach seiner Rückkehr nach England eine persönlich-tiefgreifende Erfahrung. Er entdeckte die machtvolle Liebe Gottes. Doch diese Erkenntnis konnte er nur schwer in den Gottesdiensten „seiner Kirche“ weitergeben. Darum begann er in England, Schottland und Irland unter freiem Himmel zu predigen. Seine Predigten unter freiem Himmel – auf Dorfplätzen und vor Fabriktoren – kamen an. Sie waren einfach, gefühlvoll, praktisch. Die neu erkannte und gewonnene Gute Nachricht macht ihn zu einem rastlosen Menschen. Dauernd war er unterwegs. 380.000  Kilometer legte er in seinem Leben zurück: zu Fuß, auf einem Pferderücken, in einer Kutsche. John Wesley förderte seine Bewegung dadurch, dass er sogar theologisch Unstudierte – unter ihnen auch Frauen – aus der Bibel vorlesen, predigen und Gemeinden leiten ließ. Seine Methodisten, auch das ein früher Spottname, sind heute eine weltweite Kirche mit knapp 50 Millionen Mitgliedern. Heute, am 2. März 1791, starb John Wesley im Alter von fast 88 Jahren.

Für Wesley war von allem Anfang an das soziale Engagement wichtig. Darum besuchte er mit den Mitgliedern seines „Heiligen Clubs“ Menschen in Krankenhäusern, Gefängnissen oder Armenvierteln. Dies soziale Tun war ihm ebenso wichtig wie dies, dass Menschen in seinen Kleingruppen miteinander beten, die Bibel lesen, über Bibeltexte sprechen oder am Abendmahl teilnehmen. Später verabschiedete die weltweite Methodistenkirche sogar ein Soziales Bekenntnis. Daraus zitiere ich nur zwei Aussagen: „Wir stehen ein für die Überwindung von Ungerechtigkeit und Not. … Wir sind bereit, mit den Benachteiligten unsere Lebensmöglichkeiten zu teilen.“ Solche Sätze fordern mich heraus. Dennoch fasziniert mich bis heute dies Ineinander von sozialer Wachheit und persönlicher Frömmigkeit – und darum gehöre ich gern zu dieser Kirche.

 

... Hartmut Hilke, Evangelisch-methodistische Kirche, Leonberg

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01MRZ2024
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Guten Morgen. Auf meinem Schreibtisch liegt es – ein kleines Büchlein mit blauem Einband. Es trägt den schlichten Titel „Die Losungen“. Im Untertitel heißt es: „Gottes Wort für jeden Tag“. Wer dies Büchlein herausgibt? Es ist die Herrnhuter Brüdergemeine, die als Brüder-Unität oder als Böhmische Brüder am 1. März 1457 gegründet wurden. Im Losungsbuch heißt es dazu: „Die Kirche, die seit fast 300 Jahren die Losungen herausgibt, hat ihre Wurzeln in der tschechischen Reformation. Um konsequent in der Nachfolge Jesu leben zu können, gründeten die Böhmischen Brüder 1457 ihre eigene christliche Gemeinschaft. Fast 200 Jahre lang lebte die Brüder-Unität als verfolgte Minderheit im Königreich Böhmen. Einer ihrer letzten Bischöfe war der bekannte Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670). Anfang des 18. Jahrhunderts entstand die heutige Brüder-Unität im sächsischen Herrnhut. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf gründete sie gemeinsam mit Nachfahren der Böhmischen Brüder.“

Zinzendorf war es auch, der seiner Gemeinde vor Ort jeden Abend einen neuen Bibelvers für den kommenden Tag mitgab. Dies wurde später „Losungswort“ genannt. Heute werden die Losungen aus einem Pool von Bibelworten ausgelost und veröffentlicht. Und – wie lautet die Losung für den heutigen Tag? Ich finde, sie passt gut zur Geschichte der Böhmischen Brüder: „Du, Gott, bist mein Helfer – und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich“ (Psalm 63,8). Ich finde das ist ein passendes Losungswort für die Gründung der Böhmischen Brüder. Denn die Gemeinschaft brauchte gerade in den von Verfolgung geprägten Anfangszeiten Gottes Hilfe sehr. Erst als Graf Zinzendorf ihnen auf seinen Ländereien ein politisch-religiöses Asyl gewährte, konnte sie sich relativ friedlich entwickeln. Dann freute sie sich „unter dem Schatten der Flügel Gottes“ ebenso wie unter dem „Schatten der Herrnhuter Bäume“. Die Gemeinschaft freute sich an Gottes Liebe zu ihnen und an der Gemeinschaft untereinander.

Diese Erfahrung mit Gott wünsche ich heute auch Ihnen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Gott „als Ihren Helfer“ entdecken und sich dann in Seinem Schatten oder Seinem Sonnenlicht des Lebens freuen.

 

... Hartmut Hilke, Evangelisch-methodistische Kirche, Leonberg

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29FEB2024
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Guten Morgen. Vertrauen ist zu einem kostbaren Gut geworden. Gegenwärtig scheint eher das Misstrauen zu einer gesellschaftlichen Grundhaltung geworden zu sein. Manche misstrauen den gegenwärtigen politischen Kräften. Andere misstrauen den Sachverständigen in der Wirtschaft. Sogar das Vertrauen in die sogenannten öffentlich-rechtlichen Medien ist angeschlagen. Stattdessen tauchen etliche in ihre eigenen Informations-Blasen ab. Dort finden sie ihr eigenes Denken bestätigt, denn hinterfragen und diskutieren scheint „out“ zu sein. Seriöse Tageszeitungen oder mit Steuermitteln finanzierte Medien werden sogenannter „fake news“ bezichtigt. Sie bilden angeblich die Wirklichkeit falsch oder verzerrt ab. Ich finde dies Misstrauen gegenüber nachdenklichen, gewachsenen, kritischen und selbst-kritischen Institutionen bedenklich. Es macht mich traurig, dass jenen Medien, die differenziert informieren, nicht mehr vertraut wird.

Auch andere Institutionen erleben einen Vertrauensschwund. Parteien gehören dazu – und seit einigen Jahren verstärkt auch die Kirchen. Ich erlebe, dass immer weniger Menschen bewusst zur Kirche gehören wollen. Menschen treten aus, weil ihnen das Personal nicht gefällt; weil die Botschaft veraltet rüberkommt; weil manche Aussagen wie aus der Zeit gefallen erscheinen; weil Skandale publik werden. Dennoch spüren viele Menschen, dass sie etwas Religiöses oder Spirituelles brauchen. Und so stehen kirchliche Angebote eher nicht oben auf der Liste der interessanten ‚Anbieter‘.

Dabei geht es beim Vertrauen in erster Linie gar nicht um die Kirche. Es geht vielmehr um Gott! Diesen Gott bekenne ich als glaubender Mensch als Schöpfer und Erhalter meines Lebens. Ein solches Gottvertrauen jedoch lerne ich nur durch meinen persönlichen Einsatz und mein Vertrauen-Wollen. Und dies Lernen dauert ein ganzes, langes Leben. So bekennt ein Mensch der Bibel: „In der Nähe des Herrn bin ich geborgen“. Ich muss also nicht andere Orte der Geborgenheit suchen. Denn, so endet der Text: „Der Herr ist treu. Er liebt es, wenn Menschen treu sind“. Das heißt im Klartext: Bin ich Gott treu, vertraue ich zugleich diesem schöpferischen Gott. Und dies Vertrauen lerne ich nur im lebenslangen Selbstversuch. Doch dieser Selbstversuch lohnt sich.

 

... Hartmut Hilke, Evangelisch-methodistische Kirche, Leonberg

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28FEB2024
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Guten Morgen. Sind Sie heute schon bereit für ein kleines Märchen? Dann hören Sie zu. Ein König hatte einen Minister, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit sagte: ‚Gott fügt alles wunderbar‘. Als der Minister und der König eines Tages bei der Jagd einen Hirsch schießen und die beiden, weil sie hungrig sind, einen Teil des Hirsches grillen, schneidet sich der König zu Beginn des Essens einen Finger ab. Der Minister sagt: ‚Gott fügt alles wunderbar‘. Der König wird über diese Reaktion wütend, schickt den Minister fort und schläft dann sehr satt am Feuer ein. In der Nacht überfallen einige Räuber den König, die ihn ihrer Göttin Kali opfern wollen. Doch im letzten Moment bemerkt einer der Räuber den fehlenden Finger und stellen fest: „Dieser Mann ist unvollkommen, ihm fehlt ein Körperteil. Doch unserer Göttin darf nur Vollkommenes geopfert werden.“ So lassen sie den König laufen.

Unterwegs erinnert sich der König an die Worte seines Ministers: „Gott fügt alles wunderbar“ – und begreift: Genau so ist es. Auch in diesem Fall. Er fühlt sich schuldig, weil er den Minister verbannt hat, und lässt ihn suchen. Nach einiger Zeit wird er gefunden. Der König entschuldigt sich beim Minister und bittet ihn, wieder in seine Dienste zu treten. Der Minister jedoch antwortet: „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin dankbar, dass du mich fortgeschickt hast. Mich hätten die Räuber sicherlich geopfert. Mir fehlt nämlich kein Finger. Gott fügt alles wunderbar.“ (gefunden bei Axel Kühner, Überlebensgeschichten, S. 66f).

„Gott fügt alles wunderbar“: Ich weiß nicht, ob Sie das so für Ihr Leben sagen können. Manchmal stelle ich ja auch erst viel später fest, dass sich eine Entwicklung gut gefügt hat. Entdecke ich in dieser guten Fügung dann auch noch, dass Gott am Wirken war, ist dies zudem eine schöne Erfahrung. Menschen der Bibel nahmen immer wieder ihr eigenes Leben so wahr und merkten: „Gott rettet, Er bewahrt“. David, der große König Israels, fasste es einst in folgende Worte: „Auf dich, Herr, mein Gott, traue ich. Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich.“ Wer so sprechen kann, weiß zumindest dies: Es gibt einen Ort, eine Instanz, die mein Leben hält und die letztlich alles wunderbar fügt. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen heute und morgen.

... Hartmut Hilke, Evangelisch-methodistische Kirche, Leonberg

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10MAI2023
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Seit sieben Monaten lebe und arbeite ich an einem neuen Dienstort. Die Gemeinde zeigt ein großes diakonisches Engagement und lädt seit mehr als zehn Jahren mit Christen anderer Kirchen zu einem „Mittagstisch für alle“ ein. Vor der Corona-Pandemie fand der Mittagstisch einmal wöchentlich in unseren Gemeinderäumen statt. Ein warmes Essen wurde an die Gäste ausgeteilt. Wer wollte, legte eine Spende in ein Kässchen ein – doch niemand war dazu gezwungen. Viele kamen, pflegten und genossen die Tischgemeinschaft mit anderen und hielten sich dabei in einem warmen Raum auf. Wichtig war den Mitarbeitenden in dieser Zeit nicht nur die „Leibsorge“, sondern auch die „Seelsorge“. So hatten Mitarbeitende Zeit für Gespräche und Begegnungen mit den Gästen, die oft in unbefriedigenden Verhältnissen lebten und bis heute leben. In der Zeit der Corona-Lockdowns wurde der Mittagstisch als „Mitnehm-Variante“, als „Mittagstisch to go“ angeboten. Auch hier kamen die Gäste – aber viele vermissten das gemeinsame Essen, die Gespräche beim Kaffeetrinken oder die Möglichkeit zum Beratungsgespräch.

Doch dieser Mittagstisch prägte und prägt auch unsere gemeindliche Wahrnehmung in der Stadt. Daran musste ich mich bei meinem Neubeginn erst wieder gewöhnen. Oft klingeln Telefon oder Türglocke. Dann meldet sich einer unserer Gäste und erbittet Hilfe: Etwas zu essen oder zum Anziehen oder aber auch nur ein Gespräch. Wenn es klingelt, nehme ich mir Zeit für diese Gäste an meiner Tür. Ich höre zu, versuche zu beraten oder auch ganz praktisch zu helfen. Nur selten lasse ich die Bitten ‚meiner Gäste‘ unerhört. Nach solchen Begegnungen denke ich dann an ein biblisches Motto, das so lautet: „Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag“ (Sprüche 3,27).

Ich erfülle nicht jeden Wunsch. Aber vielleicht kann ich ein wenig die größte Not lindern. Dabei sind das für mich keine „guten Werke“, um mich selbst gut zu fühlen. Sondern mir geht es um Mitmenschlichkeit, die wir einander sehr wohl gönnen dürfen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

09MAI2023
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Eine 37jährige Krankenhausseelsorgerin in Berlin sagt: „Das hier ist nicht meine erste Blockade. Ich bin jedes Mal vorher aufgeregt. Am liebsten würde ich es nicht machen. Aber wir rasen auf eine Katastrophe zu – und die Bundesregierung hat keinen Plan, wie wir da rauskommen sollen.“ Die Frau protestiert mit bei der „Letzten Generation“. Ich verstehe die Beweggründe jener Klimaschützer gut, denn auch ich sehe, dass das sogenannte „menschliche Zeitalter“ Welt und Schöpfung nicht guttun. Dennoch stimmt mich ihr Eigenname traurig. Ich finde es schade, dass sich jemand, der mitten im Leben steht, als „Letzte Generation“ betrachtet.

Vor einigen Tagen feierte ich einen Gottesdienst mit, der all diese Fragen, Probleme und Missstände ebenfalls benannt hat. Der Gottesdienst unter dem Motto „Generation Z“ für „Generation Zukunft“, sagte im Untertitel: „Sinnsuche zwischen Angst und Perspektive“. Schülerinnen und Schüler von zwei Schulen des Franziskaner-Ordens gestalteten den Gottesdienst mit und drückten ihre Hoffnung mit dem Satz aus: „damit Leben gelingt“. Als biblische Geschichte stand die Begegnung des auferstandenen Jesus mit jenen Jüngern im Mittelpunkt, die am Ostertag in resignativer Stimmung auf dem Weg nach Emmaus waren – zurück in ihr altes Leben, ihre alte Heimat. Jesus gesellt sich unerkannt zu ihnen und spricht ihnen Mut zu. Doch erst als er mit ihnen zu Tisch sitzt und das Brot bricht, erkennen sie ihn. Dann war er auch schon wieder verschwunden. Die Jünger erhielten neue Lebenskraft und neuen Lebensmut. Sie rannten zurück nach Jerusalem, um ihren ehemaligen Jüngerkollegen zu sagen, dass „Jesus lebt – und ihr Leben auf dieser Erde, in dieser Welt von nun an gelingen kann“. Daraufhin entwickelt sich bei ihnen eine hoffnungsvolle Lebensperspektive.

Zu dieser „hoffnungsvollen Generation Zukunft“ gehören bis heute alle Glaubenden. Deshalb können glaubende Menschen alles dafür tun, dass das „Leben hier auf Erden gelingt“. Wir müssen keine von Menschen gemachte „schöne, neue Welt“ auf Mond oder Mars errichten. Sondern Christen hoffen, dass Gott diese Welt weiterhin erhält und eines Tages „ein Reich aufrichtet, das nimmermehr zerstört wird“ (Daniel 2,44) – auch von uns Menschen nicht.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08MAI2023
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Wie wäre es wohl, wenn Menschen es hin und wieder einmal schaffen würden, aus dem Kreislauf von „Aktion – Reaktion“ auszubrechen oder ihn zumindest einmal zu unterbrechen? Vielleicht erinnern Sie sich an jenen bewegenden Musikfilm, in dem folgende Redewendung eine problematische Rolle spielte: „action – réaction“. Die beiden Worte werden in dem Film „Les Choristes“, bei uns besser bekannt unter „Die Kinder des Monsieur Matthieu“ oft gebraucht. Der Satz wurde dann angewandt, wenn etwas „aus dem Ruder“ oder „schiefgelaufen“ war. Dann folgte einer etwas problematischen Aktion eine noch heftigere Re-Aktion. Doch dies Handlungsschema funktioniert scheinbar nicht nur in diesem Film. Es scheint auch unser gesellschaftliches Mit-Einander, oder sollte ich eher „Gegen-Einander“ sagen, zu prägen. Natürlich ist „Aktion – Reaktion“ ein wichtiges Element im Leben. Doch manchmal erscheint es mir wie ein unangenehmer Kreislauf, der das menschliche Miteinander eher stört oder zerstört, als ihm in guter Weise weiterzuhelfen.

Da finde ich es hochinteressant, dass biblische Texte diejenigen, die sie lesen und die danach leben möchten, zu einem ganz anderen Verhalten einladen. Bereits in der Hebräischen Bibel werden die Menschen zu folgendem Tun eingeladen: „Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot; dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser“ (Sprüche 25,21). Jesus formuliert es sogar noch etwas herausfordernder: „Liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhalten… denn Gott ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen“ (Lukas 6,35). Auch hier findet sich das Motto „Action – Réaction“ im Hintergrund – aber eben nicht als Eskalation von Gewalt, sondern als herausfordernde Mitmenschlichkeit. Ich weiß: Es ist nicht einfach, einem hungernden Feind Brot zu geben oder einem dürstenden Feind ein Glas Wasser zu reichen. Mir geht das mit gleichen Mitteln ‚heimzahlende Re-Agieren‘ auch oft leichter von der Hand. Aber ich will mich von diesen biblischen Anregungen gern in meinem Alltag herausfordern lassen. Vielleicht gelingt es mir ja ansatzweise, einem Menschen, der mir nicht unbedingt wohlgesonnen ist, Gutes zu tun. Das mag ein gewisses Maß an Selbst-Überwindung kosten. Aber solches Verhalten durchbricht zumindest die ungute Spirale von „Action – Réaction“ – probieren Sie es doch mal aus!  

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

07MAI2023
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Beweglich, flexibel zu sein ist eine gute menschliche Eigenschaft. Ich mag bewegliche Menschen – vor allem im Blick aufs Denken oder Verhalten. Das Gegenteil von Beweglichkeit ist in der Regel „Betonkopf-Mentalität“. Da prägen sich im Laufe eines Lebens Einstellungen und Lebenshaltungen aus, die fast unveränderbar sind. Oft erscheint solches Beharren auf alten Überzeugungen als merkwürdig, schrullig oder einfach ‚aus der Zeit gefallen‘. Aber manchmal sind solche Verhaltensweisen auch richtig gefährlich. So empfinde ich die gegenwärtige Klimadiskussion als echt problematisch. Ich will Ihnen auch sagen warum: Wir wissen seit vierzig Jahren, dass sich das Klima verändert und wir mit unserer Welt schonender umgehen müssen. Darum wäre es wahrlich gut, ALLES zu tun, um den dramatischen Klimawandel einzubremsen. Was das bedeuten kann? Ich gleite auf Autobahnen mit 130 km/h dahin und höre meinen Lieblingssender im Radio; ich kaufe plastikfreier ein; ich verzichte auf den Coffee-to-go im Einwegbecher – und genieße ihn stattdessen im Café; ich spende einen Teil meines Geldes für Umweltschutzprojekte. Ich höre die Einwände: Dass es kaum einen Unterschied macht, ob ich dies tue, oder nicht. Das stimmt. Aber wenn es viele – aus Überzeugung und einer veränderten Einstellung heraus – tun, könnte es wirken.

Wichtige Voraussetzung dabei ist jedoch, dass mein Denken und Verhalten flexibel sind. Ich muss nicht auf meinen eingefahrenen Gleisen bleiben, sondern könnte mich beweglich auf das Alt-Neue einlassen, das momentan hilfreich ist. So flexibel zu leben ist übrigens – wenn man es so sehen will – fast schon eine göttliche Eigenschaft. Als Mose von Gott wissen wollte, wer Er sei, antwortete Gott ihm mit folgendem Satz: „Ich werde sein, der ich sein werde (Exodus 3,14)“. Das bedeutet: Der biblische Gott ist kein unwandelbarer, unbeweglicher „Betonkopf-Gott“. Sondern wir haben es mit einem höchst lebendigen, beweglichen Gott zu tun – der sich nur in einer Sache treu bleibt: Er möchte unsere guten Lebensbedingungen in der von Ihm erschaffenen Welt erhalten. Da wäre es schön, wenn wir wenigstens das uns Mögliche dazu beitrügen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13MAI2022
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„Am Ende wird alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, kann es noch nicht das Ende sein“. Diesen Satz vertonte der Deutsch-Rapper Casper in einem seiner Songs. „Am Ende wird alles gut“ – ist eine hoffnungsvolle, geradezu hoffnungsgeladene Aussage. Hier möchte jemand die Erlebnisse und Ereignisse seines Lebens – auch die schwierigen – positiv in sein Leben integrieren. Ein starker Optimismus kommt zur Sprache.

Dieser Satz fordert mich auch heraus, denn er ist nicht einfach zu verstehen. Ich kann ihm nicht einfach nickend zustimmen. Denn was bedeutet es, dass „am Ende alles gut werden soll“? Muss ich dann auch die schwierigsten Dinge meines Lebens „schönreden“? Oder blende ich das Unangenehme einfach aus und betrüge mich selbst?

Und was ist mit jenen, die sich genau das wünschen – „am Ende wird alles gut“ – und es ihr Leben lang nicht erleben? Was ist mit jenen, die an ihrer Hoffnung, dass „alles gut wird“ scheitern? Weil ihnen entsprechende Erfahrungen nicht zuteilwerden oder weil ihnen die seelische Stärke fehlt? Mancher Mensch erlebt: Ich bin seelisch nicht so stark, dass „am Ende alles gut wird“.

Darum weist mich dieser Satz darauf hin, dass dies eher eine Glaubenserfahrung sein könnte. Viele biblische Texte erzählen davon: Menschen, Gottvertrauende erleben schwierige Zeiten. Sie werden angefeindet, verleumdet, gehasst, unterdrückt, verfolgt – und das, obwohl sie niemanden geschädigt haben. Dennoch werden sie zu sozialen Außenseitern gemacht. Sie spüren: Von allein wird das „nie gut“. Deshalb wenden sie sich an Gott und klagen Ihm ihre Situation. David, der große israelitische König und begnadete Liederdichter drückte diese Erfahrung, dass „am Ende alles gut wurde“ so aus:  „Herr, mein Gott, da ich schrie zu dir, machtest du mich gesund“ (Ps 30,3). Das Spannende an den Psalmenliedern ist: Sie klagen Gott ihre schwierige Gegenwart. Aber sie vertrauen Gott, dass er ihre Klage hört und deshalb „am Ende alles gut wird“.

Dies Vertrauen möchte ich von diesen alten Texten immer wieder neu lernen: „Am Ende macht Gott alles gut“, denn Er hat das „letzte, gute Wort“.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12MAI2022
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Manchmal erhält man unvermittelt und unvermutet bedrängende Mitteilungen. Manche davon können so schwer zu verdauen sein, dass man in eine Schockstarre verfällt. Oder es scheint sich der Boden unter einem zu öffnen. Dann gerät mit dieser einen Nachricht das gesamte Leben ins Wanken. Solche Mitteilungen bezeichnet man oft als „Hiobsbotschaft“.

Dies Wort bezieht sich auf eine biblische Person, die vor vielen tausend Jahren wahrlich Herausfordernd-Spannendes erleiden und erdulden musste. Hiob war eigentlich ein gemachter Mann – erfolgreich im beruflichen und familiären Leben. Doch dann wurde ihm nach und nach all das genommen, was sein Leben ausmachte. Er verlor seinen gesamten Besitz durch Diebstahl und Feuer. Dann starben all seine Kinder bei einem schrecklichen Unglück. Zuletzt wurde auch er gesundheitlich schwer krank. Eiternde, juckende Geschwüre bedeckten seinen Körper und trieben ihn fast in den Wahnsinn. Als jemand, der unter einer Neurodermitis leidet, weiß ich, wie sehr Juckreiz einen Menschen plagen kann. Hiob weiß sich nicht anders zu helfen, als sich in einen Aschehaufen zu setzen und mit einer Scherbe die Geschwüre aufzukratzen.

Trotz dieser furchtbaren Erlebnisse hielt er an seinem Glauben fest. Selbst als ihm geraten wurde, den Glauben an Gott dranzugeben, antwortet er mit dem Satz: „Wenn Gott uns Gutes schenkt, nehmen wir es gern an. Warum sollen wir dann nicht auch das Böse aus seiner Hand annehmen?“ Diese Dinge berichtet die Bibel in sehr knapper Form. Hiob erscheint völlig allein, auf sich gestellt.

Doch einige seiner Freunde hatten von seinem Ergehen gehört und besuchen ihn. Sie verhalten sich ebenfalls sehr ungewöhnlich, denn sie kommen – und schweigen. Eine ganze Woche sitzen sie mit Hiob zusammen und sagen kein Wort. Erst danach entspinnen sich lange Gespräche mit Klagen, Fragen und vermeintlichen Antworten. Hiob jedoch lässt sich durch ihr Nachfragen nicht verunsichern. Er ist sich keiner Schuld, keiner Vergehen bewusst. Immer wieder teilt er seinen Freunden mit, wie groß sein Gottvertrauen ist.

So ist auch der folgende Satz für mich ein herausforderndes Glaubensbekenntnis: „Das Leben gabst du mir und deine Liebe, dein Schutz bewahrte meinen Lebensgeist“ (Hiob 10,12). Ein solches Gottvertrauen gerade dann, wenn es fast unerträglich wird, fordert mich heraus und ermutigt mich sehr. Ich werde mir bewusst, dass ich mein ganzes Leben aus Gottes Hand empfange – im Guten wie im weniger Guten.

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