Manuskripte

SWR3 Worte

Christentum ist soziales Miteinander. Schon in der frühen Kirche heißt es bei Tertullian: Ein Christ - kein Christ. Aber wo findet man exemplarische Christen mit einem überzeugenden Lebensentwurf? Ich denke: Die Gestalten, nach denen da gerufen wird, sind keine leidenschaftslosen Wesen, sondern Geschöpfe aus Fleisch und Blut, mit Siegen und Niederlagen; sie sind wirkliche Menschen, die, von ihrem Glauben an den inkarnierten Gott bewegt, etwas zum besseren verändern wollen und die dabei ansteckend wirken.

 Thomas Brose, Zwischen Himmel und Erde. Christ sein in einer säkularen Welt. Echter-Verlag: Würzburg 2008, S. 52

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Freundschaft ist eine Gabe Gottes. Sie ist ein Geheimnis. Man kann sie weder einfordern noch im strengen Sinn programmieren. Diese Gabe kommt von oben. Uns bleibt nur, uns dafür bereit zu halten. Das tun wir, indem wir in uns das Wohlwollen den Mitmenschen gegenüber grundsätzlich wach halten.

 Carlo M. Martini, Christus entgegengehen. Meditationen für jeden Tag. Hrsg. v. August Berz, Verlag Herder: Freiburg 41994, S. 235

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Die Kunst erfüllten und guten Lebens besteht also ... darin, die zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen, indem man die einzelnen Zeitabschnitte mit sinnvollen Inhalten füllt. Was wann sinnvoll ist, muss jeder Mensch immer wieder aufs Neue entscheiden, indem er wachsam und aufgeschlossen im Jetzt zu leben versucht und das jeweils Beste aus dem gegebenen Augenblick macht. Gerade in einer schnelllebigen und vielfältig geprägten Zeit ist dies immer wieder eine Herausforderung, der auch wir uns zu stellen aufgefordert sind. [Das biblische Buch] Kohelet kann uns dabei ermutigen: Carpe diem, „nütze den Tag", indem du das Beste aus ihm machst, dabei aber auch deine Verantwortung nicht vergisst! - Das ist der Wille Gottes. 

Andreas Vonach, Alles hat seine Zeit - Nutze sie!, in: Bibel heute 1 (2010), Verlag Kath. Bibelwerk Stuttgart, S. 13

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Ich habe ... aus der Bibel gelernt, aus dem Buch Kohelet, das Glück des Augenblicks erkennen. Das habe ich nie gekonnt. Immer war ich die Durchreisende, die nie irgendwo ankam. Schon als Kind. Höchste Freude: Zugfahren, zur schwäbischen Großmutter fahren. Kaum saß ich zehn Minuten im Zug, überfiel mich Traurigkeit. Die Fahrt dauerte ja nicht ewig, sie war schon von Anfang an dabei, zu Ende zu gehen. ... Es gelang mir einfach nicht, die Stunde des Fahrens zu genießen, ich war der Reise samt Rückkehr längst voraus. ... Wurzeln fassen, wenn auch nur für eine Weile, das gelang mir nicht. 

Luise Rinser, Baustelle. Eine Art Tagebuch, Verlag Fischer: Frankfurt/M. 1977, S. 27f

 

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Zur Lage der Kirche schreibt der Journalist Heribert Prantl:
Manchmal muss die Kirche wieder ausgegraben werden. Manchmal reicht es nicht, mit dem Putzeimer und dem Besen zu hantieren. Manchmal müssen Schuttberge weggekarrt werden, viele hundert Wagenladungen voller Schutt. Bei dieser Schaufelei, bei dieser Drecksarbeit entsteht dann, vielleicht, neue Gemeinschaft, bildet sich eine neue Gemeinde, ersteht, vielleicht, die Kirche neu.

Heribert Prantl, Die zwei Körper des Bischofs und die heiligen Haltestellen der Großstadt, in: Süddeutsche Zeitung vom 12./13.05.2010, Verlag Süddeutsche Zeitung: München, S. 11

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Zur Lage der Kirche schreibt der Journalist Heribert Prantl:
Was ist Kirche? Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der großen Stille, der Meditation, des Innehaltens. Es gäbe keinen Raum, in dem Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben ... Die Poesie der Psalmen hätte keine Heimat mehr. Es gäbe keinen Raum, in dem eine Verbindung da ist zu uralten Texten und Liedern - zu Liedern, die die Menschen schon vor Jahrhunderten gesungen, und zu Gebeten, die die Gläubigen schon vor Jahrtausenden gebetet haben. So aber ist Kirche ein Ort, der Zeit und Ewigkeit verbindet.

Heribert Prantl, Die zwei Körper des Bischofs und die heiligen Haltestellen der Großstadt, in: Süddeutsche Zeitung vom 12./13.05.2010, Verlag Süddeutsche Zeitung: München, S. 11

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In der gotischen Kirchenruine Santa Maria dello Spasimo auf Sizilien ... ist etwas Unerhörtes passiert: Dort hat sich, vor fünfzehn Jahren, Palermo selbst ausgegraben. Bürger haben die Kirchenruine wieder begehbar und benutzbar gemacht. Aus einem Rattenloch wurde ein Zentrum der Kultur und der Begegnung. ...  Trotzdem ist der wieder ausgegrabene Ort ein religiöser Ort. Man lehnt dort an den gotischen Strebepfeilern und schaut in den Himmel. Der Bau hat nämlich kein Dach, er hat schon seit Jahrhunderten keines mehr und er hat auch bei der Renovierung keines bekommen. Er ist wie eine radikale Vollendung der Gotik, eine Demonstration dessen, was Kirche sein soll: ein Ort, an dem der Himmel offen ist. 

Heribert Prantl, Die zwei Körper des Bischofs und die heiligen Haltestellen der Großstadt, in: Süddeutsche Zeitung vom 12./13.05.2010, Verlag Süddeutsche Zeitung: München, S. 11

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