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SWR2 Wort zum Tag

- Was hat Bestand im Leben? 

Jesus sagt einmal:
„Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und die Würmer fressen, wo die Diebe einbrechen und stehlen..." (Matthäus 6,19)

Motten und Würmer - Jesus hat sie vor Augen und wir sehen sie auch. Besonders heftig im Sommer. Kleider, Lebensmittel, Bücher - alles wird ihnen zum gefundenen Fressen. Motten und Würmer - sie sind Sinnbild für den biologischen Abbau von Dingen, die Menschen erschaffen. Der ist unaufhaltsam. 

Und dann sind da noch die Diebe - die Erfahrung, dass Menschen Anderen das Eigentum entwenden. 

Unser Vermögen, unser Hab und Gut ist bedroht.

Nicht nur in Zeiten der Eurokrise. Wie kann ich Erworbenes schützen? Wo ist  eine  sichere Vermögensanlage? Und gibt es die überhaupt? Jesus setzt dahinter ein großes Fragezeichen. Grundsätzlich: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden...  Für mich rätselhaft. Ich selber spare und sammle und baue. Wo sonst, wenn nicht auf Erden, können wir Menschen denn Schätze sammeln? Jesu Antwort: Sorgt vor, aber anders. Im Himmel, bei Gott, da seien unsere Schätze geschützt - vor Motten und Würmern, vor Inflation und Börsencrash, vor Diebstahl aller Art, vor sozialen Revolutionen und politischen Umstürzen. Eine himmlische Vermögensanlage, krisensicher, dem Verfall entnommen? Was kann Jesus damit meinen? Was sind das für Schätze? 

Eine Antwort habe ich in einem Brief des Apostel Paulus gefunden. Der schreibt an Christen in Korinth: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. (1.Kor 13,13). Diese Vermögensberatung gefällt mir. Sie ist realistisch, was den Schutz vor Motten und Dieben betrifft. Und sie entlastet mich: Erinnert sie mich doch daran, dass mein Schätze sammeln und Sparen immer unter einem Vorbehalt  steht: Nichts ist ganz krisensicher - nichts davon hat ewig Bestand. Häng dein Herz nicht daran! Es kann schnell anders kommen.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Gerade diese drei Schätze - wünsche ich mir. Sie sollen in meinem Leben Bestand haben und nicht entwertet werden: Vertrauen, Hoffnung und Liebe. Mit Frau und Kind, mit Freunden und  Nachbarn, mit Schülern und all den Menschen, denen ich begegne.

Wo Vertrauen, Hoffnung und Liebe wachsen, wird mein Leben wirklich reich und erfüllt  - hier und jetzt - und ich möchte diese Erfahrungen mit Anderen teilen.

Schön, dass die kleinen Auffresser und die ganz großen Einbrecher da nicht hinkommen. Noch schöner; dass diese Schätze bei Gott geborgen sind - für immer.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15700

Bei Gott bin ich sicher vor mir selber

Manchmal erlebe ich den Morgen gerade so, als müsste ich einen Schutzraum verlassen. Der Wecker klingelt, die Bettdecke zur Seite. Aufstehen. Ich muss raus. Ich kann mich nicht länger verkriechen - ich muss mich zeigen.

Ein neuer Tag - wie eine neue Herausforderung. Andere fordern mich, ich fordere etwas von mir. Das drängt - und bedrängt mich bisweilen. Ich puffere das ab und gehe nicht gleich vor die Tür. Ich zögere, ich verzögere. Und dann gebe ich mir einen Schubs, einen geistigen Impuls für den ersten Schritt nach draußen. Geistiger Proviant für den Tag. In letzter Zeit ist das ein ganz kurzes Gedicht von Kurt Marti. Der Schweizer Dichter-Pfarrer hat es „Psälmlein" überschrieben. Also so etwas wie ein Mini-Gebet.

gott

mein Versteck

wo ich sicher bin

vor feinden

sicher auch

vor mir selber

Das hilft mir -  wenn es eng wird. Dann spreche ich es lautlos vor mich hin. Immer wieder einmal -  im Lauf des Tages. Damit ich nicht vergesse: Es ist ein Schutz da im Ungeschützten. Wenn mich Anforderungen bedrängen und bedrücken, wenn mich abschätzige Bemerkungen kränken. Eine  Zuflucht, ein  Versteck geht mit mir. 

Gott

mein Versteck

wo ich sicher bin

vor feinden 

sicher

auch vor mir selber. 

Diese andere, zweite Seite des Gedichts, übersehe ich dabei leicht:

Manchmal bin ich mir selber bedrohlich. Und ich weiß, da bin ich gar nicht allein. Wie nagen Zweifel, Ängste, und Vorwürfe nicht nur an mir. Wie klein kann man sich machen. In einem Augenblick. Und umgekehrt: Wie gnadenlos kann ich mich auch überfordern, weil ich meine, alles das muss ich unbedingt erreichen. Heute noch. Auch dann ist dies eine Wort mein Schutz:

Gott,

mein Versteck, wo ich sicher bin

sicher auch

vor mir selber. 

Ein heilsames Wort - das daran er-innert:

da bin ich geliebt, ohne mich immerzu als liebenswert beweisen zu müssen,

da bin ich angesehen, ohne mich inszenieren zu müssen,

da bin ich frei, ohne dass ich mir meine Befreiung erst erkämpfen muss. 

Gott

mein Versteck

wo ich sicher bin

vor feinden

sicher

auch vor mir selber.

 Mein „Psälmlein" für den Tag - ein Wort, mit dem ich wieder und wieder aufbrechen kann, gestärkt - ins Freie.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15699

Ohne Klartext kommt kein Dialog zustande

Was macht ein Gespräch zu einem echten  Dialog? Zwischen Menschen sehr verschiedener Herkunft und Prägung - wenn verschiedene Anschauungen und Empfindungen aufeinander prallen - religiöse oder politische - dann wird es richtig schwierig mit dem Dialog. 

Der französische Dichter Albert Camus hat den hohen Wert und das Profil eines echten Dialogs herausgestellt. Er war als bekennender Atheist zu einem Vortrag in einem Dominikanerkloster eingeladen. Eines war von vornherein klar: Camus und seine dominikanischen Gastgeber denken und empfinden sehr verschieden.Er hat im Vortrag gesagt:

„Ich werde nicht versuchen, irgendetwas an meinen oder Ihren Gedanken zu ändern, um eine uns allen wohlgefällige Versöhnung der Standpunkte herbeizuführen. Vielmehr möchte ich Ihnen heute sagen, dass die Welt ein echtes Zwiegespräch nötig hat, (erg.: und) dass das Gegenteil eines Dialogs ebenso gut Lüge heiβt wie Schweigen und dass ein Zwiegespräch deshalb nur zwischen Menschen möglich ist, die das bleiben, was sie sind, und die wahr sprechen. Mit anderen Worten: die heutige Welt verlangt von den Christen, dass sie Christen bleiben."*  

Camus will einen Dialog mit Klartext. Von sich. Und vom Gegenüber.

Er will nicht, dass Menschen nur über den kleinsten gemeinsamen Nenner sprechen. Sie sollen im vollen Sinn des Wortes bei sich bleiben. Keine Kuscheldiplomatie, kein Ausklammern der Differenzen, kein sich Anverwandeln um des lieben Friedens willen.

Er als Atheist will im Dialog als Gegenüber Christen. Christen, die ihre Auffassungen nicht verstecken. 

Was Camus 1948 für die Nachkriegszeit verlangt hat, gilt für mein Empfinden heute umso mehr. Wo eine unausgesprochene politische oder religiöse Correctness  unser Denken und Empfinden maßregelt, da ist der Dialog schon gestorben, ehe er begonnen hat.

Zum echten Dialog gehört: Ich sage dir, wo ich stehe und woher ich komme, wie ich wahrnehme und empfinde.  Zeige du mir, deine Herkunft, dein Denken.

Mache mir deinen Standpunkt erkennbar.

Wie soll ich sonst das mir Fremde an dir verstehen. 

Nur „in Freimut" (Apg 28,31), wie es einmal vom Predigen des Paulus in Rom heißt, kann ein echter Dialog entstehen. Egal, ob es um Weltanschauungen, Glaubensfragen oder um Spannungen in der Familie geht.

Die Welt - und zwar die große wie die kleine, hat, ­- wie Camus sagt - ein echtes Zwiegespräch nötig.
Wenn ich mich getraut habe, selber in „Freimut" zu sprechen, habe ich die intensivsten Gespräche und Begegnungen erlebt.

*Albert Camus,1948, Vortrag in dem Dominikanerkloster von Latour-Maubourg  - geb.  7. November 1913 in Mondovi, Französisch-Nordafrika, heute Dréan, Algerien; gest. 4. Januar 1960)

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Liebe ist eine Himmelsmacht! Das ist die biblische Überzeugung. Die Liebe kommt von Gott und ist von Gottes Art und wird es darum auch noch im Paradies geben, das weit jenseits unseres Könnens und Vermögens liegt.
Die Liebe ist eine Himmelsmacht, aber sie ist eben auch ein Gebot auf Erden. Jesus sagt: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: Wenn ihr einander liebt." (Joh. 13,35) Diese Liebesgebot Jesu kann man durchbuchstabieren, ich versuche es mal: A wie Aufmerksam Sein. B wie Behüten. Christus bekennen. Dankbar-Sein. Einander helfen. Frieden halten. Gemeinsames wagen. Hören und Hoffen. Ich: ein Teil des Ganzen. Jesus nachfolgen. Kranke versorgen. Lachen. Mitleid haben. Niemanden aufgeben. Ohne Misstrauen leben. Pläne machen für die Zukunft. Quelle der Kraft sein für Andere. Richtige Worte finden. Schützen. Trösten. Unterstützen. Vergeben. Weinen. Zur Seite stehen.
Ein Alphabet der Liebe: Daran werden Christen erkannt. Denn die Liebe muss und will der Maßstab im christlichen Denken und Handeln sein. Man soll Christen anmerken, dass die Liebe Gottes nicht nur ihr Reden, sondern auch ihr Handeln bestimmt.
Liebe ist eine Himmelsmacht auf Erden und hebt die Geschöpfe über das Endliche und Begrenzte hinaus. Deshalb ist Liebe die Unvergänglichkeit im vergänglichen Leben. Der biblische Gedanken von der Liebe bringt zum Ausdruck: Als hinfälliger, angreifbarer, endlicher Mensch werde ich mit der Liebe Gottes beschenkt. Ich werde geliebt und darf leben, so wie ich bin. Ich kann es mir leisten, verletzlich zu sein. Ich muss nicht meine Müdigkeit verdrängen, nicht meine Krankheit, nicht mein Alter überspielen. Ich kann mir und anderen Ratlosigkeit, Verführbarkeit, Hilfsbedürftigkeit eingestehen. Die unvergängliche Liebe Gottes kommt in meinen ganz konkreten vergänglichen Alltag. Die Macht der Liebe im Gefäß der irdischen Geschöpfe: Kein Wunder, dass es da auch Risse und Sprünge gibt.
Und dennoch ist da das Gebot Jesu, einander zu lieben und daran erkannt zu werden: Am vielleicht manchmal zaghaften und stotternden Durchbuchstabieren dessen, was Lieben bedeutet. Denn, ja, Liebe ist eine Himmelsmacht auf Erden!
Ob eine kleine Übung dabei hilft? Jeden Tag phantasievoll einen anderen Buchstaben mit konkreten Taten und Gedanken der Liebe durchbuchstabieren! Damit kommt man auf jeden Fall mal ein ganzes Stück weit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15634

Die Liebe hört nicht auf / mich zu verunsichern / Sie findet Fugen zum Eingreifen / wo ich keine vermute / Sie überredet mich / in der Muttersprache des Menschen / Sie öffnet mir die Augen / und tritt als Sehnerv ein / An dieser Stelle ist der blinde Fleck / Und ich sollte nicht mit der Wimper zucken? (Eva Zeller, Nach erster Korinther dreizehn (Strophe IX)

Diese Worte wählt die Lyrikerin Eva Zeller für ihre Übertragung des biblischen Hohenlieds der Liebe aus dem Korintherbrief.
Die Liebe hört nicht auf, mich zu verunsichern.
An dieser Formulierung bin ich hängen geblieben. Das ist ein schöner, aber ein ungewöhnlicher Gedanke, finde ich, tastend und behutsam. Ein bisschen irritierend zunächst: Ist das nicht etwas Negatives, dieses „Verunsichern"? Doch ich verstehe ihn so: Liebe ist nicht vollmundig im Erklären und Deuten, sie lässt sich verunsichern und einen bedenken: Wie hat wohl der andere verstanden, was ich gesagt habe? Liebe will um des anderen willen genauer hören, sehen, wahrnehmen, will verstehen, worum es ihm geht. Liebe fragt nach.
Denn wer liebt, so hoffe ich wenigstens von mir und von anderen, fragt nicht mürrisch oder verzagt oder aus dem drängenden Wunsch heraus, sich selbst zu bestätigen. Wer liebt, fragt aus Achtsamkeit und Fürsorge nach der Sichtweise des Anderen: Habe ich das richtig verstanden? Hat es der andere vielleicht doch anders gemeint, und ich habe es nicht begriffen?
Das gelingt gewiss nicht immer. Die Liebe, ob wir sie geben oder empfangen, kann eifersüchtig und misstrauisch sein, auf sich selbst bezogen, kann von der Angst bestimmt werden, zu kurz zu kommen.
Gleichzeitig sind wir so bedürftig danach, nach Freundschaft, nach Partnerschaft, nach Gemeinschaft. Wenn sich so viel um uns herum ändert, wenn so vieles in der Welt ins Wanken gerät - das eine soll bleiben: die Liebe. Lieben und geliebt werden: Wie unvorstellbar, das ganz allein aus eigener Anziehungskraft oder Liebenswürdigkeit schaffen zu müssen! Aber so kommt es einem oft vor: Alles Glück des Lebens wird dem eigenen Können zugeschrieben. Auch, ob es gelingt, geliebt zu werden. Es wird suggeriert: Geliebt wird, wer sich möglichst unangefochten und stark gibt, wer keine Schwächen hat. Dahinter steht das Konzept vom Menschen, der alles kann und weiß und seines Glückes und eben auch seines Geliebtwerdens Schmied ist.
Dagegen erkennt dieser biblische Gedanke: Ich sehe doch oft nur meine Sicht der Dinge. Und betont: Liebe macht einen aufmerksam für die Sichtweise des Anderen.
Liebe fragt nach. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15633

Der schönste Tag im Leben sollte es werden. Die Trauung. Doch er fing mit Tränen und hochroten Köpfen an. Eine einzige Häufung von kleinen Katastrophen. Ich habe ihn als Pfarrerin neulich miterlebt, und er hat mir gezeigt, dass Liebe auch scheinbare Katastrophen retten kann.
Aber der Reihe nach. Zuerst kam die junge Frau nicht. Das Problem: Es war kein Parkplatz zu finden. Schließlich war sie da, ein bisschen aufgelöst und bemüht, die Tränen zu unterdrücken, nach endlosen fünfzehn Minuten auch der Vater. Wir konnten beginnen. Beim Ringwechsel dann die nächste Panne: Das Ringkissen fehlte. Zum Glück hatte die Brautmutter wenigstens die Ringe in der Tasche. Aber wohin damit? Nach dem holprigen Anfang nun auch noch das, vor der ganzen Verwandtschaft! Es war alles so schön ausgedacht gewesen. Da hatte die Brautmutter eine großartige Idee: Sie legte die beiden Ringe behutsam auf die Blüten des Brautstraußes und reichte ihn ihr - gab es je ein besseres Ringkissen? Jeder dachte, das muss so sein, so kunstvoll und geschickt war das. So ging doch noch alles gut, wenn auch ein bisschen anders als geplant.
„Liebe verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu." (1.Kor.13,5). Über die berühmten Worte des Paulus hatte ich zuvor gepredigt. In der liebevollen und einfühlsamen Geste der Brautmutter konnte ich sehen, was damit gemeint ist: Sie stellte das junge Paar nicht bloß, sondern sie half ihnen, unbemerkt, ohne viel Aufhebens und ohne sie lächerlich zu machen. Sie half ihnen so, dass sie nicht in Verlegenheit kamen.
So liebevoll helfen gelingt einem nicht immer: Anderen aus der Patsche helfen - ja, klar. Aber man lässt dabei gerne auch mal durchblicken: Ohne mich wäre das wahrscheinlich nicht so gut gegangen.
Als Paulus seine Gedanken über die Liebe an die Gemeinde in Korinth schreibt, hat er keine Hochzeitspaare vor Augen, sondern eine Gemeinschaft von Menschen: die Starken und Schwachen, Geschickten und Unbeholfenen, Umsichtigen und solche, die in den Tag hinein leben. Für dieses Zusammenleben, so sagt er, braucht es Liebe, die andere nicht bloß stellt.
Ich habe das junge Paar gefragt, warum sie ausgerechnet diesen Gedanken aus dem Hohelied der Liebe des Paulus ausgesucht haben. Sie sagten: Weil man wissen muss, was sich gehört. Man muss sich darauf verlassen können: Die Liebe zueinander hat es nicht nötig, sich so darzustellen, dass sie den anderen klein macht und ihn spüren lässt, was ihm nicht gelungen ist oder wie ungeschickt er sich verhält. Denn die
„Liebe verhält sich nicht ungehörig." Liebe macht groß, nicht klein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15632