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13NOV2021
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Heute ist Weltnettigkeitstag. Den gibt es seit 1998. Die Idee stammt aus Japan. Das passt, denn Japan verbinde ich mit Höflichkeit und Respekt voreinander. In diese Richtung würde ich auch nett verstehen. Nett sein, das ist nicht die große leidenschaftliche Aktion, sondern das kleine Zeichen, für das man sich nicht überschwänglich bedanken muss. Ein einfaches Danke genügt. Wenn jemand im Bus aufsteht und einem anderen den Sitzplatz anbietet, der ihn nötiger hat – das würde ich als nett bezeichnen. Oder jemandem die Türe aufhalten, der die Hände voll hat – solche Sachen.

Auch die Bibel kennt kleine Gesten der Freundlichkeit. Jesus beschreibt zum Beispiel einmal eine ganz schlichte und einfache Szene: Da hat einer Durst. Und da ist ein anderer, der gibt ihm einen Becher frisches Wasser. Nichts weiter, nichts davor und nichts dahinter. Ein Glas Wasser, damals aus einem Brunnen, auf heute übertragen einfach aus dem Wasserhahn. Und doch meint Jesus, dass diese kleine Tat ihren Lohn in sich trägt. Denn es ist gut, wenn es diese Taten gibt, so unbedeutend sie auch scheinen mögen. Sie zeigen eine Richtung an, die alle einschlagen müssen, wenn das Miteinander funktionieren soll in unserer Welt. Sie verändern unser Miteinander zum Guten. Und in einem bescheidenen Anfang von Nettigkeit blitzt schon etwas auf von einer Welt der Nächstenliebe.

Ich finde, das Beispiel Jesu ist nicht von ungefähr gewählt. Denn es sagt uns: Es braucht nicht immer die ganz große Geste. Es reicht, mit wachen Augen durch die Welt zu gehen. Zu sehen, wenn einer etwas braucht – und es ihm zu geben, wenn möglich. Ein Glas Wasser zum Beispiel. Das ist ohne jede Frage nett. Noch besser, wenn es frisches, kaltes Wasser ist. Das ist noch netter. Aber zugleich ist es Ausdruck einer Haltung. Und aus vielen kleinen Zeichen entsteht ein gutes und gesegnetes Miteinander. Das trägt seinen Lohn in sich. Da geht keiner leer aus. Entscheidend ist: Irgendwo muss man anfangen. Ganz egal wo und ruhig ganz klein. Das wäre nett und großartig zugleich.

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12NOV2021
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Cringe ist das Jugendwort des Jahres 2021. In einer online-Abstimmung erhielt es 42 Prozent der Stimmen. Es stammt aus dem Englischen und meint eigentlich ein Zusammenzucken oder erschaudern. Heute wird es oft verwendet, wenn etwas zum Schämen ist – auch stellvertretend für andere, also das, was man auch fremdschämen nennt. Das ist dann cringy. Ich finde es interessant, dass auch die Geschichte der Menschen in der Bibel damit beginnt, dass Adam und Eva zum Schämen sind.

Denn kaum hat Gott die beiden in den Garten Eden gesetzt, damit sie ihn bebauen und bewahren, benehmen sie sich daneben. Sie bekommen unglaubliche Lust, auch von dem einen Baum zu essen, von dem sie nicht essen sollen – dem Baum der Erkenntnis. Und wenn einem dann noch eine Schlange einredet, hinterher werde man sein wie Gott, na dann, wohl bekomm’s! Und so beißen Adam und Eva in die Frucht, aus der erst später ein Apfel wird und müssen mit einem Mal feststellen, dass sie nackt sind. Cringy! Wie peinlich! Den Auftritt hätte man sich sparen können. Jetzt müssen wenigstens ein paar Blätter her, damit man nicht völlig nackt herumlaufen muss. Im wahrsten Sinn des Wortes sind die ersten Menschen bloß gestellt. Die Botschaft ist klar: Peinlichkeiten und Scham, selbst eingebrockt, gehören von Anfang an zum Leben dazu. So ist das leider. Auch wenn ich am liebsten gar nicht an meine peinlichen Auftritte erinnert werden möchte.

Solche schamhaften Situationen werden heute, besonders in den sozialen Netzwerken, gerne verewigt und etikettiert: cringy! Und das ist ein grundlegender Unterschied zur Bibel. Dort, so wird erzählt, merkt Gott bei seinem Abendspaziergang natürlich sofort, dass etwas nicht stimmt. Aber er lacht Adam und Eva nicht aus. Er weidet sich nicht an der Peinlichkeit, dass sie hoch hinaus wollten und tief gefallen sind. Stattdessen hilft Gott den beiden aus der Peinlichkeit heraus und sorgt dafür dass sie nicht mehr cringy sind: der Blätterschmuck wird durch richtige Kleidung aus Fell ersetzt.

Wenn das nächste Mal etwas cringy ist, ist die Aufgabe klar: Helfen, dass jeder und jede ihr Gesicht wahren kann.

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11NOV2021
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Heute ist Martinstag. Dazu gehören die Martinsumzüge wie das Amen in der Kirche. Da geht es um Licht in der Dunkelheit, aber vor allem um den Namensgeber: Den römischen Soldaten Martin, der im vierten Jahrhundert seinen Mantel geteilt hat. Und so heißt es im Martinslied: Sankt Martin mit dem Schwerte teilt den warmen Mantel unverweilt. Nach dem Lied ist das alles sehr schnell gegangen: Martin kommt angeritten, zückt sein Schwert, halbiert seinen Mantel und gibt die eine Hälfte einem Bettler. Und dann galoppiert er genauso schnell davon. Nächstenliebe to go, sozusagen im Vorbeireiten.

Doch langsam! In der Überlieferung der Geschichte geht das alles nicht so schnell: Gut Ding will Weile haben, heißt es im Sprichwort. In der alten Geschichte kommt Martin erst einmal zum Stadttor von Tours. Dort schaut er sich zunächst in Ruhe an, was da vor sich geht: Menschen gehen ein und aus. Er sieht viel Not, aber auch viel Hilfsbereitschaft unter den Menschen.

Doch da ist ein Bettler, der bittet umsonst um Hilfe und Unterstützung. Keiner der vielen, die vorbeigehen, beachtet ihn. Dieser Mann bekommt nichts. Als er das sieht, fängt Martin an zu überlegen: Wenn dieser Arme nichts bekommt, obwohl er nur Lumpen trägt und obwohl so viele wohlhabende Menschen unterwegs sind, dann ist diese Not wohl für mich bestimmt. Es ist ganz offensichtlich meine Aufgabe, diese Not zu wenden. Und nachdem er erst beobachtet und dann nachgedacht hat, nimmt Martin sein Schwert und teilt seinen langen, dicken, warmen Militärmantel in der Mitte durch: eine Hälfte für den Bettler, die andere für ihn selbst. Besser, die Ausrüstung ist kaputt, als dass ein Mensch friert.

So ist Martin zum Vorbild geworden: Indem er hilft und abgibt von dem, was er hat. Aber eben nicht einfach aus einer Laune heraus, sondern mit Sinn und Verstand: Wo wird meine Hilfe gebracht? Und weil ich nicht allen und jedem helfen kann: Welche Not ist für mich bestimmt?

Danach stimmt auch wieder das Lied: Martin aber ritt in Eil hinweg mit seinem Mantelteil.

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10NOV2021
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Aus Worms habe ich ein besonderes Geschenk bekommen. Ein Paar Socken, Luthersocken gar. Auf deren Unterseite steht geschrieben: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Das soll Luther vor fünfhundert Jahren auf dem Wormser Reichstag gesagt haben. Damals, als er sich für seinen Glauben verteidigen musste. Leider, leider wird dieser Satz oft falsch verstanden. So, als ginge es um Halsstarrigkeit, Querulantentum, Besserwisserei und Unbelehrbarkeit, die dann noch als Standhaftigkeit getarnt werden. Das Gegenteil ist der Fall! Denn das ist genau so, wie mit meinen Füßen in den Luthersocken: Die können ganz verschiedene Wege gehen und können, wenn es sein muss, auch ganz anders. Und so war es mit Martin Luther auch:

Als er nach Worms kam, da wollte der Kaiser von ihm nur eins: er sollte seine Ansichten widerrufen. Zwei Worte, ich widerrufe, mehr nicht. Dass der Professor aus Wittenberg mit dem Kaiser diskutiert und streitet –unvorstellbar. Doch genau das hat Luther gefordert: Ein Gespräch über die unterschiedlichen Positionen. Wie er das von der Universität kannte. Wissenschaft lebt davon, dass kontrovers diskutiert wird. Seine Rede ist im Grunde eine einzige Bitte: Lasst uns miteinander reden und verweigert mir das Gespräch nicht! Nutzt meine Expertise als Professor! Lasst uns gemeinsam um die Wahrheit ringen! Und wenn ihr mich überzeugt, mit Vernunft und Bibel, dann revidiere ich selbstverständlich meine Meinung. Hier stehe ich, aber ich könnte auch ganz anders – wenn Ihr mich überzeugt. Das ist, finde ich, ganz schön anspruchsvoll.

Das konnte sich der Kaiser allerdings nicht vorstellen. Das ging über seinen Horizont. Stattdessen ächtete er den Professor-Mönch Martin Luther und erklärte ihn für vogelfrei. Toleranz ist das nicht.

Heute hätte Martin Luther Geburtstag. Wie gut, dass er sich damals auf die Socken gemacht und für das Gespräch über seine Überzeugung geworben hat. Ein ganz neuer Weg, immer wieder unbeirrt den Austausch und die Diskussion zu suchen. Das sollten wir festhalten und bewahren als unseren Standard: Wir können auch anders.

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09NOV2021
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Dieses Jahr feiern wir eintausendsiebenhundert Jahre jüdisches Leben in Deutschland. So lange schon und noch länger leben Jüdinnen und Juden in diesem Land. Damals war der größte Teil von Rheinland-Pfalz noch römische Provinz. Damals erließ Kaiser Konstantin ein Gesetz, in dem ausdrücklich erlaubt wurde, dass Juden Stadträte sein durften und sollten. Und damals ging von der kaiserlichen Residenz in Trier ein Gebot aus, dass Soldaten nicht in Synagogen einquartiert werden sollten.

Das waren gute Entscheidungen: Denn auch schon in den Jahrhunderten zuvor hatten jüdische Menschen in den römischen Provinzen gelebt. Verschleppt und verbannt in aller Herren Länder, hatten sie dort mitgebaut – an Gemeinwesen und Kultur. Und dabei immer wieder das Gemeinwohl im Sinn. Sie folgten damit der Aufforderung der Bibel, die ihnen sagte: Suchet der Stadt Bestes! Dort, wo ihr lebt, dort setzt euch für die Interessen der Stadt ein. Stärkt das Miteinander!

Und das war zum gegenseitigen Nutzen: Denn wenn’s der Stadt wohl geht, geht es auch denen wohl, die darin leben.

Leider gab es in den vergangenen siebzehnhundert Jahren, Gott sei’s geklagt, auch viel Neid auf die jüdischen Nachbarn. Vorurteile und Gewalt. So jährt sich heute der Tag, an dem 1938 im Dritten Reich Juden verhaftet, verprügelt, ermordet, ihre Synagogen angezündet und ihre Geschäfte geplündert und enteignet wurden. Die Erinnerung an über siebzehnhundert Jahre Geschichte sagt: Zum Glück ist diese schreckliche Judenverfolgung nicht alles. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, zu der auch ein selbstverständliches Miteinander gehört. Trotz aller Ablehnung, die es bis heute immer wieder gibt. Die Verfolgung und das Leid sollen nicht vergessen werden. Aber da ist eine Geschichte, die ist größer und länger. Kein Hass soll es schaffen, die jüdischen Gemeinden aus unserer Mitte zu vertreiben. Hier ist ihr Platz. Denn wenn es ihnen wohl geht, dann ist das gut für alle. Das ist ein Zeichen für ein intaktes Gemeinwesen.

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08NOV2021
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Was macht Gott eigentlich den lieben langen Tag? Es gibt dazu eine wunderschöne Geschichte in der Bibel. Jesus erzählt von einem Menschen, der ein ganz großes Essen veranstaltet. Mit allen Schikanen. Viel Platz für viele und natürlich einem Kopf der Tafel. Dort, wo der Gastgeber sitzt, ganz oben. Und dann erzählt Jesus von einem der Gäste besonders. Der setzt sich gleich, als er in den Festsaal kommt, auf den erstbesten Platz. Ganz bescheiden. Das sieht der Gastgeber und stürzt auf ihn zu. Er zeigt auf den Kopf der Tafel und sagt: Freund, rücke hinauf!

Dieser Satz gehört für mich zu den schönsten der Bibel. Freund, rücke hinauf! Ich weiß einen guten Platz für dich. Du brauchst nicht in der Ecke sitzen, nicht am Rand. Da oben, da sitzt es sich gut. Der Clou ist: Der Gastgeber sitzt nicht huldvoll auf seinem Platz und wartet, bis die Gäste ihre Plätze gefunden haben. Sondern er macht persönlich den Platzanweiser und schickt den Gast hinauf. Er holt ihn nicht zu sich her, sondern schickt ihn hin zu den guten Plätzen. Ermutigt ihn, sich einen guten Platz zu suchen. Er selbst steht ja am Eingang, ganz unten. Und damit endet die Geschichte. Ich stelle mir vor, wie er immer wieder Menschen nach oben schickt, weg von den „billigen“ Plätzen.

Was macht Gott eigentlich den lieben langen Tag: Er gibt Menschen einen Platz bei sich. - Später hat man sich Gott dann gerne irgendwo unsichtbar und unnahbar entrückt vorgestellt und den Dienst als Platzanweiser zum Beispiel Petrus gegeben. Das sieht die Bibel anders. Hier ist Gott der Gastgeber und Platzanweiser zugleich. Und er steht gleich am Eingang, da, wo seine Gäste ankommen. Damit er sie begrüßen kann und schauen und dafür sorgen, dass sie gut sitzen. Freund, rücke hinauf. Schau mal, da vorne, das wäre doch gerade richtig für Dich.

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07NOV2021
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Da muss Captain Kirk neunzig Jahre alt werden, bis er zum ersten Mal ins Weltall fliegt. Genau genommen geht es um den Schauspieler William Shatner, der im Fernsehen seit den 1960er Jahren als Captain Kirk mit dem Raumschiff Enterprise in den unendlichen Weiten des Weltraums unterwegs war. Selbstverständlich mit Lichtgeschwindigkeit und künstlicher Schwerkraft.

Jetzt hat ihn der Multimilliardär Jeff Bezos mit seiner Rakete für zehn Minuten einhundert Kilometer in die Höhe geschossen. Die anderen Mitreisenden in der Raumkapsel mussten kräftig zahlen und tief in die Tasche greifen, Shatner bekam den Flug spendiert, wohl als Werbung für den Kurztrip ins All. Von der CO2-Bilanz des Unternehmens spricht man wohl besser nicht.

Nachdem die Raumkapsel an Fallschirmen wieder zur Erde geschwebt war und sicher gelandet, wankte William Shatner heraus. Der neuzigjährige Schauspieler war sichtlich ergriffen. Fast könnte man, wie man es hier tut, sagen, er war newer de Kapp. Seine Gedanken kamen noch ganz unsortiert aus ihm heraus:

„Du schaust nach unten, da ist das Blau da unten und das Schwarz dort oben. Es gibt Mutter Erde und Trost, und gibt es den Tod? Ich weiß nicht, aber ist das der Tod?“ – Das glaube ich gerne, dass ihn das mitgenommen hat. Das hat mich angerührt: Eine echte Grenzerfahrung hat er da gemacht. So etwas hat er noch nie erlebt. Herausgerissen aus den Routinen, in denen wir tagtäglich leben, hat er verstanden, wie wenig selbstverständlich unser Leben ist. Wir atmen ein und aus, essen und trinken, wir wachen und schlafen, unser Herz schlägt, doch oberhalb unser Erdoberfläche ist es schwarz und tödlich für uns. Es ist ein kleiner, kostbarer und bedrohter Raum, in dem wir leben. Deshalb fasst Shatner danach, etwas besser sortiert, seine Gedanken so zusammen:

„Was ich wirklich jedem sagen will, ist, wie gefährdet und zerbrechlich alles ist - es gibt nur diese dünne Schicht von Atmosphäre, die uns am Leben hält.“

Die Atmosphäre, in der wir leben, ist dünn, aber es gibt sie – jetzt müssen wir unser Staunen und unsere Dankbarkeit nur noch in Taten umwandeln. Denn ein Raumschiff, mit dem wir einfach davonfliegen können, gibt es nur im Film.

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07AUG2021
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Zwischen Menschen gelten Umgangsformen. Zu denen gehört die Einhaltung des Respektabstandes. Das machen wir in der Regel ganz von selbst, ohne dass wir dieses Wort benutzen. Der Duden erklärt das Wort so: Der Respektabstand ist ein „aus Rücksichtnahme frei gelassener Zwischenraum“. Ich lasse also nicht jeden ganz dicht an mich heran. Das galt auch schon vor den Abstandsregeln in der Pandemie. Dabei hat Abstand und Respekt nicht immer nur mit Höflichkeit zu tun, sondern auch damit, das Gegenüber nicht einzuengen. Hat jemand vielleicht etwas so Schreckliches durchgemacht, dass ich es bestenfalls ein wenig erahne? Dann werde ich mich hüten, der Person auf die Pelle zu rücken. Ich werde mich hüten vor zu vielen Worten und mich mit Erklärungen zurückhalten.

Den Menschen im Norden von Rheinland-Pfalz ist großes Unglück widerfahren. Die Pegelstände an der Ahr waren nicht mehr messbar. Menschen verloren nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihr Leben. Da ist es wichtig, den Betroffenen mit ihren Gefühlen nicht zu nahe zu treten. Die Menschen rücken zusammen und packen gemeinsam an, räumen auf und bringen die Dinge wieder ins Lot. Aber die Gefühle der Menschen in den Hochwassergebieten, verdienen respektvollen Abstand.

Und da ist noch ein zweites:  In diesem Sommer weist uns auch das Wasser nachdrücklich auf einen notwendigen und vernachlässigten Respektabstand hin. Es geht um die bleibende Distanz zwischen den Menschen und der Schöpfung. Denn die haben wir nicht unter Kontrolle, so gern wir das vielleicht hätten.

Für beides hat die Bibel Worte, für das Leid der Menschen wie für die Gefährdung durch eine Flut:
Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. (Ps 69,2-4)

Für mich heißt das: Respekt vor Müdigkeit und Heiserkeit. Respekt vor der Kraft der Natur. Abstand von den tiefen Wassern.

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06AUG2021
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Ein Tag für Abel. Das ist eine Figur aus der Bibel, und heute hat Abel Namenstag – am gleichen Tag, an dem an die erste Atombombe auf Hiroshima erinnert wird. Der Vorname Abel kommt seit vielen Jahren praktisch nicht mehr vor. Denn Abel ist ein „Opfer“.  Die Geschichte in der Bibel dazu ist kurz: Adam und Eva, gerade aus dem Paradies vertrieben und im normalen Leben angekommen, bekommen einen Sohn: Kain. Für seine Mutter ist er ein Gottesgeschenk. Im Laufe seines Lebens wird er eine neue Art zu leben erfinden: er wird sesshaft und Bauer - ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der Menschheit. Anders sein jüngerer Bruder Abel; der bleibt beim Altbewährten und wird Schäfer und zieht umher. Dennoch hat Gott etwas übrig für Abel: Beide Brüder bringen Gott Opfergaben, aber Gott freut sich mehr über die von Abel als über die von Kain. Das ärgert Kain maßlos. Natürlich ahnt er, dass dieser Ärger und sein Neid auf seinen Bruder nicht in Ordnung sind, sondern Sünde. Diese Sünde führt ihn ins Chaos und ins Unglück. Kain hört auch nicht auf die Warnung Gottes: Kain solle seine bösen Gedanken beherrschen. Kain tut das genaue Gegenteil. Er lockt seinen Bruder Abel aufs Feld hinaus und schlägt ihn tot.

Die Botschaft Gottes an Kain ist klar: Du sollst der Versuchung widerstehen, Unrecht zu tun. Sei stärker als das Böse. Die Geschichte redet Ungerechtigkeit und Unheil nicht schön. Sie ist geradezu brutal ehrlich. Sie hofft aber trotz allem, dass die Menschen zu Vernunft und Liebe finden. Gott macht nicht mit einem Fingerschnippen alles wieder gut. Er fordert Eigenverantwortung. Deshalb fragt er Kain jetzt: Wo ist dein Bruder Abel?

Kain wird an seine Verantwortung erinnert. Er antwortet geschickt mit einer Gegenfrage: Soll ich meines Bruder Hüter sein? Er will keine Verantwortung übernehmen. Aber Gottes Antwort ist seit damals immer wieder ganz eindeutig kurz und knapp: Ja. Du sollst deines Mitmenschen Hüter sein. Du trägst Verantwortung - für deine Mitmenschen und für deine Taten.

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05AUG2021
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Seid ihr noch einig oder habt ihr schon geteilt? Ein Sprichwort, bei dem es ums Erben geht. Ein böses Sprichwort, denn es geht davon aus, dass der Krach vorprogrammiert ist, wenn mehrere etwas zusammen erben. Schließlich will doch jeder alles für sich und gönnt den anderen nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln.

Dass es auch ganz anders gehen könnte, zeigt jedes Jahr die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Denn jedes Jahr erklärt sie neue Orte, Gebäude, Landschaften zum Welterbe.

Das ist ein begehrter Titel und Rheinland-Pfalz ist da ganz gut im Geschäft. Die Kurstadt Bad Ems gehört jetzt neu dazu. Und auch das jüdische Erbe in Speyer, Worms und Mainz wurde in der letzten Woche aufgenommen. Das hat für mich auch ganz viel mit der Gegenwart zu tun und ist auch ein politisches Zeichen: In unserer Mitte gibt es jüdische Orte und Traditionen, die nach weltweiten Standards bewahrenswert sind. Und die nur die ganze Gesellschaft zusammen bewahren kann. Für einen allein oder wenige ist das oft eine Nummer zu groß. Gerade, dass im Idealfall alle Menschen sich als Erben verstehen, ist der beste Schutz für das Erbe. Je mehr Menschen das Erbe teilen, desto besser! Es wäre schön blöd, wenn man so ein Erbe ausschlagen würde. Denn es ist eine starke Erbengemeinschaft, die da ihr vielfältiges und weltumspannendes Erbe antritt. Das Welterbe fördert die Weltoffenheit: Städte denken über ihren Kirchturm hinaus und haben einen gemeinsamen Antrag gestellt. Menschen aus aller Herren Länder sind willkommen, wenn sie sich ihr Erbe anschauen. Es ist so, wie es sich schon der Philosoph Immanuel Kant vorgestellt hat: alle Menschen besitzen die Erde gemeinschaftlich.

In Mainz hat man direkt nach der Anerkennung als Welterbe ein großes Transparent an den Zaun des alten jüdischen Friedhofs angebracht. Und da steht jetzt nicht „Herzlichen Glückwunsch“, „Gratulation“ oder „Alles Gute“. Sondern da steht: „Mazel tov!“ So, wie sich Jüdinnen und Juden in aller Welt gratulieren und gute Wünsche ausdrücken.

Seid ihr noch einig oder habt ihr schon geteilt? Andersherum wird ein Schuh draus: Je mehr wir miteinander teilen, desto einiger werden wir.

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