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Es gibt da einen starken Satz, der hat schon viele Leute getröstet und berührt. Er heißt „Du kannst nicht tiefer fallen als bis in Gottes Hand.“ Anke schreibt zum Beispiel auf social media: „Ich war jahrelang bei allem was die Kirche anging "anti". Als ich dann das erste Mal diese Textzeile gelesen hab´, war es fast so etwas wie eine Offenbarung. Sie drückt so gut meinen Glaubens aus, gibt mir Sicherheit und Geborgenheit.“
Musik 1
„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“ - diese kraftvolle Textzeile stammt aus einem Lied aus dem evangelischen Gesangbuch. Die Melodie wurde schon im Jahr 1609 von Melchior Vulpius komponiert. Der Text kam erst 1941 dazu. Arno Pötzsch hat ihn geschrieben.
Musik 2
- Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand,
die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.
Das Lied mag noch so tröstlich sein, aber einmal ist es mir fast im Halse stecken geblieben: Ein guter Bekannter von mir ist beim Bergsteigen abgestürzt und gestorben. Ich selbst war nicht bei der Tour dabei, aber seine Frau und Freunde von mir sind direkt hinter ihm gelaufen und haben alles mit ansehen müssen. Und dann wurde bei der Beerdigung tatsächlich dieses Lied angestimmt. Ich bin zusammengezuckt, weil ich mir gedacht habe: Ja, wo waren denn in diesem Augenblick Gottes Hände? Wo war die Hand, die zupackt, das Seil, das ihn hält, die Wurzel, an die er sich klammern kann? Es war eben nichts von all dem da. Er ist einfach abgestürzt, obwohl er sehr erfahren und sicher ausgerüstet war.
Musik 1
Aber der Frau des Bergsteigers ging es bei der Beerdigung völlig anders als mir. Sie hatte sich mit der Textzeile schon auseinandergesetzt und war ein Schritt weiter als ich. Gottes Hand fängt meistens nicht den stürzenden Bergsteiger, sie schickt meistens nicht den Wunderheiler, sie bremst meistens nicht das zu schnelle Auto. Gottes Hand kommt danach ins Spiel: wenn wir gefallen, austherapiert oder verunfallt sind. Dann empfängt sie uns warm und behütend – vielleicht so wie ein doppelter Boden oder ein Netz unterm Trapez.
Und diese angenehme Vorstellung wirkt sich natürlich auf mein Leben aus. Sie gibt Halt und Sicherheit, ohne dass ich gleich übermütig oder leichtsinnig werden würde.
Diese Deutung nimmt dem Lied seine Schwere. Es fühlt sich leichter an. Und das hört man speziell dieser Version an, die die Jazzsängerin Carola Laux eingesungen hat. Wir hören die dritte Strophe, in der es heißt: „Wir sind von Gott umgeben auch hier in Raum und Zeit und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit.“
Musik 3
Wir sind von Gott umgeben auch hier in Raum und Zeit
und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit.
Ich verbinde mit diesem Lied nicht nur den Bergunfall meines Bekannten, sondern auch ein Foto aus unserem Familienurlaub in Irland vor ein paar Jahren. Da turnen meine beiden Jungs waghalsig auf einer Skulptur zweier überdimensionaler Hände herum. Ich weiß noch genau: Ich war ständig drauf und dran, die beiden Jungs da runterzuholen, weil es mir zu gefährlich erschien. Aber irgendwann hat die Erkenntnis gewonnen: Du kannst sie nicht vor allem schützen. Und ich bin einfach neben den Händen stehen geblieben, um immer in Reichweite zu sein, falls etwas passieren sollte.
Vielleicht kann ich mir auch so Gott in meinem Leben vorstellen: wie eine Mutter oder ein Vater, die ihre Kinder nicht vor allem behüten, aber trotzdem da sind, wenn´s ernst wird.
Musik 3
Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand,
die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.
Quellen:
- Gloria Brass (Dieter Wendel, Ralf Tochtermann):
Du kannst nicht tiefer fallen
CD „Bläserheft 2022 – Alte und neue Bläsermusik“
ARD Archiv-Nr: MR043750W09 (Aufnahme des BR)
T: Arno Pötzsch
M: Melchior Vulpius / Stefan Mey
- Günter Leykam
Du kannst nicht tiefer fallen
CD „Brücke zur Ewigkeit“
ARD Archiv-Nr: C1076610014 (Aufnahme des BR)
T: Arno Pötzsch
M: Melchior Vulpius
- Laux Carola
Du kannst nicht tiefer fallen
CD „Feiern und Loben 4 – Zuflucht & Stärke“
ARD Archiv-Nr: C091340
T: Arno Pötzsch
M: Gerhard Schnitter
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43988Einfach mal alles ablegen können. Meine ganzen Sorgen loswerden. Das Gedankenkarussell im Kopf abstellen. Nichts Schweres mehr auf meinen Schultern und auf meiner Seele spüren - das wünsche ich mir. „Wirf alle deine Sorgen auf Gott“ schlägt mir der Verfasser des ersten Petrusbriefes vor. Aber wie geht das?
Sefora Nelson, eine 1979 in Freudenstadt geborene Sängerin und Songschreiberin, singt davon. In ihrem Lied spricht Gott selbst mich an: „Lege deine Sorgen nieder, komm, leg sie nieder in meine Hand …“
Lege deine Sorgen nieder, leg sie ab in meine Hand.
Du brauchst nichts zu erklären, denn ich hab dich längst erkannt.
Lege sie nieder, in meine Hand.
Komm, leg sie nieder, lass sie los in meiner Hand.
Lege sie nieder, lass einfach los.
Lass alles falln, nichts ist für deinen Gott zu groß.
Wenn ich das höre, kann ich es glauben. Ich muss nichts erklären. Ich kann einfach ablegen. Denn Gott hat mich erkannt. Und mit dem Lied wächst die Gewissheit, dass das wirklich funktioniert. Der fröhliche Wechsel, von dem Martin Luther so gerne gesprochen hat, ist erfahrbar: Ich gebe das Schwere meinem Gott, und er schenkt mir Leichtigkeit.
Ich denke dann immer an eine Jugendfreizeit auf Norderney im Sommer 2022. An diesen Abend am Strand, als die Sonne langsam unterging. Wir haben eine Andacht gefeiert, und die Jugendlichen konnten sich einzeln segnen lassen. Davon erzählen, wofür sie genau jetzt einen Segen bräuchten. Viele Tränen sind geflossen. Das ging unter die Haut. Und dann hat sich eine Teamerin ihre Gitarre genommen und dieses Lied angestimmt:
Lege deine Zweifel nieder, dafür bin ich viel zu groß.
Hoffnung gebe ich dir wieder, lass die Zweifel einfach los.
Lege sie nieder, in meine Hand.
Komm, leg sie nieder, lass sie los in meiner Hand.
Lege sie nieder, lass einfach los.
Lass alles falln, nichts ist für deinen Gott zu groß.
Bei mir wurde das Loslassen, das Niederlegen zu meinem Nordsee-Moment. Bis heute beschert er mir Gänsehaut. Das Loslassen war so spürbar wie das Nordseesalz auf der Haut. Meine Seele wurde leicht. Und ein bisschen hält diese Leichtigkeit bis heute an. Zumindest, wenn ich das Lied höre oder singe.
Glaube wird durch Erfahrung lebendig. Das habe ich in diesem Nordsee-Moment begriffen. Was einmal unter die Haut ging, das bleibt. Und wer weiß, vielleicht macht Ihnen die nächste Strophe heute auch den Horizont weit und lässt die Last leichter werden.
Komm lege sie nieder, in meine Hand,
all deine Sorgen, all deine Ängste,
komm lege sie ab.
Lege sie nieder, in meine Hand.
Lass alles falln, nichts ist für deinen Gott zu groß.
Einen federleichten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Martin Groß aus Kandel in der Südpfalz von der evangelischen Kirche.
Musikangaben:
Text und Musik: Sefora Nelson (2009)

Es gibt Lieder im Gesangbuch, mit denen ich religiös groß geworden bin. Unter ihnen nimmt das Lied, das ich Ihnen heute vorstelle, eine besondere Stellung ein: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.
Wie kaum ein zweites charakterisiert dieses Lied eine Haltung, die mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden ist: vorsichtig zu sein, wenn ich von Gott spreche. Nicht im vollmundigen Ton der Gewissheit. Besser zu fragen, als etwas zu behaupten. Gott nicht für mich und meine Interessen zu vereinnahmen. Alles in allem nie zu vergessen: Meine Unkenntnis über Gott ist größer als all das, was ich über ihn zu wissen meine.
Als Seelsorger habe ich oft genug erlebt, wie ich mit leeren Händen dastand. Vor Jahren musste ich ein 14-jähriges Mädchen beerdigen. Sie hatte einen bösen Tumor an der Leber und alle medizinische Kunst hatte in kurzer Zeit versagt. Ihre Eltern waren tapfer, aber todtraurig. Sie selbst hat bei meinen Besuchen vor dem Tod kein Wort mit mir gesprochen. Auch ich habe nichts gesagt. Denn: Was hätte ich da sagen können? Dass Gott alles gut machen wird? Das ist meine stumme Hoffnung geblieben. Ich saß lange am Bett des Kindes und habe geschwiegen. Ich habe mit dem Mädchen und seinen Eltern ausgehalten, so gut mir das eben möglich war. Ich habe stumm gebetet und gefleht. Weil mir Gottes Wege dabei fremd geblieben sind. Weil ich nicht verstanden habe, was ER damit bezweckt. Weil hier wie in so vielen anderen Fällen der Tod eine große Macht entfaltet hat. Auch bei der Ansprache zum Begräbnis habe ich Fragen gestellt. Wie es das Lied heute in seiner ersten Strophe tut.
Musik:
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott. der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.
Auch in der zweiten Liedstrophe stehen die Fragen an Gott im Zentrum. Ja, sie werden nochmals verstärkt. Und zwar mit Blick auf die großen Verheißungen der Bibel: dass Gott sein erwählten Volk aus der Sklaverei in ein gelobtes Land führt[1]; dass er den Namen jedes einzelnen Menschen in seine Hand geschrieben hat[2]. Huub Oosterhuis, der Verfasser des Lieds, begegnet dem ausdrücklich mit Skepsis. Nicht weil er die Existenz Gottes in Frage stellt. Im Gegenteil: Weil er an ihm festhalten will, weil er seinen Glauben stärken will, muss er so radikal ehrlich bleiben. In den meisten Fällen hat er keine abschließende Antwort. Aber dass es stimmt, was in der Bibel steht, das muss sich erst zeigen: im nackten Leben eines jeden, der die Worte im Mund führt:
Musik:
Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?
Die letzte Strophe wechselt den Ton. Vorsichtig zeigt sich ein Lichtstrahl am Horizont. In einer ganzen Kaskade aus Anrufungen wird Gott bestürmt. So, als ob auf ihm allein die ganze Hoffnung des Menschen ruht: Gib Trost, schenke Frieden, sei die Nahrung, die ich zum Überleben brauche. Gerade in schweren Zeiten waren das Bitten, die ich mir gerne zu eigen gemacht habe. In denen ich - bei aller Vorsicht - Gott näher gekommen bin als an vielen anderen Stellen.
Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und laß mich unter deinen Söhnen leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.
[1] Exodus 3,13
[2] Jesaja 49,16
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43928Wehret den Anfängen! Nennt Ungerechtigkeit beim Namen, auch im Kleinen! Erstickt das Böse schon im Keim! Wenn das nur immer so einfach wäre …
„Verbrecherische Rede kann eine böse Falle sein“, warnt ein biblisches Sprichwort. Aber wo fängt verbrecherische Rede an? Ab wann wird sie gefährlich? Und was setze ich ihr entgegen? Die Liedermacherin Dota Kehr hat darüber ein Lied geschrieben, das mich gepackt hat. Es handelt von zwei im Bus:
Der Bus fährt in die Kurve, die Tanzstunde war toll,
Foxtrott hat sie immer interessiert.
Und seine Hobbys. Meine Güte, sie weiß gar nicht, was sie sagen soll.
Sie ist total fasziniert.
Rollenspiel und Backen – aus uns könnte was werden,
denkt sie gerade, da reißt er diesen Witz.
Sie ist perplex. So ein rassistischer Witz.
Er lacht. Und sie lacht kurz mit aus Reflex.
Wehret den Anfängen! Erstickt das Böse schon im Keim! Nennt Rassismus beim Namen, auch wenn er sich als Witz getarnt hat. Was ist zu tun? Das fragt sich auch die Frau im Bus bei Dota Kehr:
Was ist zu tun? Sie zögert irritiert.
Er lacht noch und sie überlegt, wie sie jetzt reagiert.
„Tut mir leid, dass mit uns beiden kannst du knicken.
Such dir anderswen zum Reden. Manche blicken es halt nie.
Ich steig hier aus. Fick dich ins Knie!“
Das könnte sie sagen.
Es wär vielleicht nicht ganz ihr Stil.
Die Formulierung wär zu drastisch für ihr Taktgefühl.
„Bleib ich jetzt höflich? Oder scheiß ich auf höflich?
Zieh ich jetzt nicht diese Linie, stell dir vor, was könnte werden.
Da wäre alles inbegriffen. Vielleicht würden wir ein Paar,
es kommen Kollegen zu Besuch,
er macht rassistische Sprüche und ich gucke verkniffen.
Vielleicht kommen ein paar Freunde von ihm,
sitzen auf dem Sofa, essen Kekse, neigen zu Gewalt.
Rassismus ist Rassismus, ob im Witz oder im prügelnden Mob,
der gleiche Scheiß-Rassismus halt.“
Was ist zu tun? Sie zögert irritiert.
Er lacht noch und sie überlegt, wie sie jetzt reagiert.
„Tut mir leid, dass mit uns beiden kannst du knicken.
Such dir anderswen zum Reden. Manche blicken es halt nie.
Ich steig hier aus. Fick dich ins Knie.“
Das könnte sie sagen, doch der Bus fährt gerade an, zur nächsten Halte ist es lang,
sie glaubt an Dialog und dass man seine Meinung ändern kann. Hmmm. Hmmm.
Ja, reden hilft. Diskutieren. Unterschiedliche Anschauungen miteinander ins Gespräch bringen. Davon war ich immer überzeugt. Jetzt bin ich manchmal zögerlich. Funktioniert das wirklich? Mit Radikalen? Was hilft, um all den Fallstricken zu entkommen? Das fragt sich auch die Frau im Bus:
Hakt sie nach, wird er sie ganz bestimmt humorlos nennen.
Eben dachte sie, sie würde ihn so gerne besser kennenlernen.
Oh Mann, wie kompliziert, denkt sie, wahrscheinlich bin ich schon verliebt?
Und vielleicht bin ich auch zu kleinlich.
Ist ein Witz nur ein Witz? Oder wirklich ein Problem?
Sie schaut ihn an. Er lacht die ganze Zeit.
Wie diskriminiert man jetzt korrekt diesen Rassist? Das heißt, wenn er einer ist?
Und woher weiß man das mit Sicherheit?
Was ist zu tun? Ein Ausweg wär zu denken: Ach, er hat’s nicht so gemeint,
er ist so nett und er scheint so reflektiert.
Und so macht’s das halbe Land, weil keiner weiß, wie man am besten reagiert.
Kommunikationstrainer sagen: Ein Mensch braucht sieben Impulse, bis er von einer fest gefassten Meinung ablassen kann. Was ist also zu tun? Geduld haben, sechs verbrecherischen Reden standhalten und die siebte gute Idee finden, die es wenden könnte. Und zum Durchhalten um Gottes Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit bitten. Damit lässt sich den Anfängen wehren. Und ihren Fortsetzungen auch.
Wollt ihr wissen, wie es weiter ging, mit den beiden im Bus?
Kam’s zur Schlägerei oder kam’s zum Zungenkuss?
Stieg sie einfach aus und hinterließ ihn konsterniert?
Oder haben die beiden stundenlang gemeinsam diskutiert?
Ich weiß es nicht, ich kenn die nicht, ich kann es euch nicht sagen,
wie in dem Fall der Verlauf war und der Schluss -ich saß in einem andern Bus.
Musikangaben:
Text und Musik: Dota Kehr
Aufnahme: Dota, Die Freiheit. Kleingeldprinzessin Records 2018 LC 09274
Ich erlebe immer wieder: Manche Lieder haben ihre Zeit. Die singe ich oder höre ich und dann verschwinden sie wieder für lange. Aber plötzlich tauchen sie wieder auf. John Lennons »Give peace a chance« höre ich in letzter Zeit immer wieder im Radio. Auch mit dem Lied »Friedensnetz« geht mir das auch so. Das habe ich als Jugendlicher gesungen. Der Refrain war für mich wahr. Ja, wir zu Hause, bei den Pfadfindern, aber auch überall auf der ganzen Welt, wir „knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen miteinander, ein Friedensnetz.“ Und wir haben das auch gemacht im Gottesdienst. Netze geknüpft, uns verbunden, Frieden geteilt.
Musik
Heute denke ich: Warum habe ich bei den Strophen eigentlich so wenig zugehört? Da steht schon alles drin, was auch heute Sorgen macht. Dass Menschen gucken, wie sie das meiste aus ihrem Netz holen können. Dass viele nur ihren Fang im Blick haben. Nur das sehen, was für sie rausspringt. Klingt sehr moralisch – ist es auch. Ich erlebe das vor allem auf staatlicher Ebene: Krieg wird geführt – für die eigenen Interessen. Um das eigene Netz vollzumachen. Sich verbinden, gemeinsam an einem Netz knüpfen, den Frieden einfangen? Fehlanzeige.
Musik
Frieden, das scheint im Moment gängige Meinung zu sein, Frieden ist ein naiver Gedanke. Der Krieg in der Ukraine, die jahrzehntelangen Konflikte im Nahen Osten, die imperialen Gelüste der USA, die machen deutlich, dass es viele gibt, die an Frieden nicht interessiert sind. Davon spricht auch der Song »Friedensnetz«. Denn der cantus firmus in diesem Lied ist die Frage: „Wer denkt da an Frieden? Wer denkt an Shalom?“ Und wenn das Christinnen und Christen singen, dann erinnern sie daran, dass auch der christliche Glaube oftmals unfriedlich war: Im Namen des Glaubens wurden Andersglaubende getötet, Kriege geführt, Menschen versklavt und verfolgt. Frieden, das heißt auch, seine eigene Schuld in den Blick zu nehmen. Die gerissenen Fäden anzusehen, die man selbst hinterlassen hat.
Musik
Die Musik von Peter Janssens zu dem Text von Hans-Jürgen Netz bringt die ganze Zerrissenheit in Sachen Frieden auf den Punkt: Ich höre Anklänge an jüdische Volksmusik, höre den unruhigen Rhythmus, die Wechsel im Tempo. Dass der Frieden eben aus dünnen Fäden gewoben wird, reißen kann, das fängt die Musik ein. Und wird zugleich von einem unglaublichen Optimismus getragen: Immer dann, wenn es zum Refrain geht, denke ich, Ja, Frieden muss doch möglich sein.
Musik
Friedensnetz ist ein Hoffnungssong. Den ich mir und anderen zusingen kann. Der die Hoffnung weiterträgt, dass es bei allem Unfrieden eben auch Menschen gibt, die unbeirrt am Shalom, am Frieden arbeiten. Die im Alltag Frieden machen: Ein freundlicher Gruß im Straßenverkehr, ein Lächeln in der Straßenbahn, ein Anruf, der dem anderen das Herz wärmt. Überall lässt sich dieses Netz des Friedens knüpfen.
Text: Hans-Jürgen Netz (1975)
Melodie: Peter Janssens (1975)
Musik
01 Peter Janssens, Meine Lieder (von: Das Gesangsorchester Peter Janssens), In:
Peter Janssens Musik Verlag, Telgte, CD 1074 (1994), LC 4679
02 Lieder Zum Mitsingen(mit Peter Janssens Gesangsorchester); tvd Verlag Düsseldorf, tvd 7903 (1979), LC 5648
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43778„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
Dieser Satz des Apostel Paulus ist einer der beliebtesten Trausprüche. Liebe ist für Paulus das Band, mit dem Gott die Welt an sich bindet. Menschen, die Liebe üben, verstärken dieses Band. Dazu brauchen sie Glauben – Vertrauen des Herzens – und Hoffnung, die Stärke der Seele.
Im Oratorium „Die Bekehrung der Magdalena“ des italienischen Barockkomponisten Giovanni Bononcini führen die Schwestern Marta und Maddalena einen innigen Dialog über die Worte des Paulus:
„Wer begleitet meine Füße zum Mensch gewordenen Gott?“, fragt Maddalena, und Marta antwortet: „Der Glaube.“ – „Wer unterstützt meine Seele?“ – „Die Hoffnung.“ – „Hoffen wir auf Vergebung und bitten um Mitleid“, singen beide.
Musik
Mit diesem Duett endet das 1701 in Wien uraufgeführte Oratorium. Es erzählt von den inneren Kämpfen der jungen Maddalena. Sie ist hin- und hergerissen: Soll sie sich selbst bespiegeln – oder über sich hinauswachsen? Unbeschwert für den Moment leben und die irdische Liebe auskosten – oder einen mühsameren Weg auf sich nehmen und erfahren, was göttliche Liebe in ihrer ganzen Schönheit bedeutet?
„Wer weckt die Sehnsucht?“, fragt sie ihre Schwester. „Der Mut“, antwortet diese. „Wem vertraust du dein Herz an?“ – „Der Liebe.“ – „Der Liebe, die Gottes Schönheit verbreitet“, stimmt Maddalena ein.
Musik
Im Oratorium kämpfen die göttliche und die irdische Liebe um die junge Maddalena, die ihren eigenen Weg finden muss. Dieser Weg war vor 300 Jahren viel enger begrenzt als heute. Doch der Dialog der beiden Schwestern über Glaube, Hoffnung und Liebe spricht mich auch heute direkt an.
Wer liebt, verbreitet Gottes Schönheit. Geleitet vom Glauben, getragen von der Hoffnung, geht die Liebe mutige Wege. Nicht die ausgetretenen Wege der Selbstliebe, sondern die oft schwierigen, leidvollen Wege, auf denen Gottes Spur in der Welt leuchtet. So wird die Welt liebevoller – und damit schöner.
Musik
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche!
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Duett Maddalena und Marta: Al nume umanato – Giovanni Bononcini, La Conversione di Maddalena
Titel: Al Nume umanato (Duett Maddalena und Marta, Oratorium La Conversione di Maddalena von Giovanni Bononcini, 1701)
Komponist
T: Anonym (vor 1701)
M: Giovanni Bononcini (1670-1747)
Musikquellen
Giovanni Bononcini, La conversione di Maddalena / Emmanuela Galli / Marta Fumagalli / La Venexiana / Gabriele Palomba / Glossa Music / GCD 920944 / 02-25
Es gibt Lieder, die tragen mehr Geschichte in sich, als man ihnen beim ersten Hören anmerkt. Das heutige Lied zum Sonntag gehört für mich dazu. „Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr.“ So beginnt es. Nicht laut. Nicht anklagend. Aber klar.
Musik 1: Anfang der 1. Strophe –
„Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr!
Zions Lied hab ich begraben in meinen Wunden groß.“
Gesungen wird dieser Text zu einer Melodie, die viele aus dem Film „Schindlers Liste“ kennen. Das Lied mit dem Originaltitel "Yerushalaim shel Zahav", auf deutsch "Jerusalem aus Gold", wurde 1967 von Naomi Schemer geschrieben.
Sie legt in ihr Lied ihr ganzes Sehnen und die Erinnerung an ein Jerusalem, das es damals nicht gab und bis heute nicht gibt. Bis 1967 war Jerusalem besetzt, durch eine Mauer geteilt, und die Juden durften die Jerusalemer Altstadt nicht betreten. Es sprach so vielen aus dem Herzen, dass es in Israel im gleichen Jahr zum Lied des Jahres gekürt und zu einer Hymne der Hoffnung wurde. Wir hören eine Stelle aus dem hebräischen Originallied.
Musik 2: Passage aus dem hebräischen Originallied "Yerushalaim shel Zahav"
Keine drei Wochen nachdem das Lied veröffentlicht wird, beginnt der Sechstagekrieg. Der Krieg verändert alles. Das Lied wird zum Schlachtruf und erreicht den Status einer inoffiziellen Nationalhymne.
Die Melodie ist dieselbe – aber der Klang ist ein anderer geworden. Shemers Lied wird nun zu einem Symbol für den Sieg.
Auch diese Geschichte gehört zum Lied und manche fragen sich vielleicht, ob es unter diesen Umständen überhaupt legitim war, das Lied abzuwandeln und in Kirchen zu singen.
Ich denke ja. Denn die Textdichterin Christine Heuser übersetzt die israelische Hymne nicht einfach ins Deutsche. Sie schreibt einen ganz neuen Text. Ein Text der nicht politisch vereinnahmt wurde, sondern meiner Meinung nach dem Lied eine andere und tiefe Botschaft schenkt.
Musik 3: 2. Strophe –
„Die Mauern sind aus schweren Steinen, Kerker, die gesprengt,
von den Grenzen, von den Gräbern aus der Last der Welt.
Die Tore sind aus reinen Perlen, Tränen, die gezählt.
Gott wusch sie aus unsern Augen, dass wir fröhlich sind.“
Auch Heusers Text erzählt von einer Sehnsucht, doch nicht nach einer politischen Heimat, sondern danach, bei Gott daheim zu sein.
In dem neuen geistlichen Lied wird Jerusalem, die freie Stadt, zu dem Ort, an dem sich die Sehnsucht aller erfüllt. Zur Oase für alle, die tiefe Wunden mit sich tragen. Zum Zuhause für alle, die heimatlos und vertrieben sind. Zu einem Fest für alle, die traurig sind, auf dass sie wieder fröhlich sein können.
Es sind starke Bilder, und mich tröstet die Vorstellung von einem Ort, an dem alle Tränen gezählt und aufgehoben sind, an dem Grenzen überwunden, und alle Kerker und Fesseln gesprengt sind, wie es im Lied heißt.
Doch das Entscheidende steht am Anfang:
„Ihr Mächtigen ich will nicht singen eurem tauben Ohr.“
Die Botschaft ist nicht für die, die sich sowieso schon mächtig fühlen und nicht zuhören. Befreiung kommt nicht von oben. Sondern von denjenigen, die die Augen offen halten, die hoffen, auch wenn das Ersehnte noch fern ist. Für sie ist das Versprechen, dass sie eines Tages ankommen werden und aufatmen können.
Musik 1: Refrain -
„In deinen Toren werd‘ ich stehen, du freie Stadt Jerusalem!
In deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied!“
Text: Christine Heuser
Musik: Naomi Shemer-Sapir, nach einem baskischen Wiegenlied
Musikquellen
- Musik 1: Band und Singgruppe Hoffnungsschimmer: Wandlung, 1996, Track 6, LC 0896.
Musik 2: Shuly Natan: ירושלים של זהב (Yerushalaim shel Zahav), 1967, Track 1, Hed Arzi Ltd, BMN-554.
Musik 3: Kölner Jugendchor St. Stephan: Weihnachten in der Kölnarena - Live, „Ihr Mächtigen“, M0042736 (AMS).
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43739Manchmal trifft ein Popsong einen Nerv. Mit dem Lied „Über sieben Brücken musst du gehen“ geht mir das so. Auch ich finde mich manchmal darin wieder. Es ist ein Lied, das in einfachen Worten die Wechselfälle des Lebens besingt.
Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick
Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück
Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh
Manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß
Manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß
Manchmal bin ich schon am Morgen müd
Manchmal such ich Trost in einem Lied
Im Jahr 1978 wird der Song von der DDR-Rockband Karat veröffentlicht. Im Westen ist es Peter Maffay, der ihn populär gemacht hat. In Osten wie im Westen Deutschlands wird er schnell zu einer Art Volkslied.
Weil er etwas beschreibt, was jeder und jede kennt: Höhen und Tiefen, Wege und Sackgassen. Das Leben, wie es eben sein kann. Und einen manchmal hilflos und ratlos zurücklässt. Gäbe es nicht den Trost, den ein solches Lied vermittelt. Denn es gibt nicht nur Abgründe. Sondern auch Brücken, die über diese Abgründe führen.
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehn
Sieben Mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
Die Sieben spielt eine besondere Rolle. Ich denke an die sieben mageren und fetten Jahre, wie sie im Alten Testament beschrieben werden. Und sprichwörtlich geworden sind. Nach Zeiten des Mangels kommt wieder eine Zeit der Fülle. Und umgekehrt.
Auch das biblische Bild von den sieben Schöpfungstagen fällt mir ein. Als sich aus dem Chaos des Urzustandes nach und nach Leben entfaltet. Da steht die Sieben für Vollkommenheit und Ganzheit.
Mit solchen Aussichten kann ich vielleicht manche Unruhe und manche Leere besser ertragen.
Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
Manchmal scheint man nur im Kreis zu gehen
Manchmal ist man wie von Fernweh krank
Manchmal sitzt man still auf einer Bank
(Manchmal greift man nach der ganzen Welt
Manchmal meint man dass der Glücksstern fällt
Manchmal nimmt man wo man lieber gibt
Manchmal hasst man das was man doch liebt
Ja, es gibt Situationen, da scheint alles zu Asche zu werden. Meine Pläne. Eine Beziehung. Ein ganzes Leben. In der Bibel ist von Asche immer dann die Rede, wenn es um die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Lebens geht.
Aber da leuchtet auch - nicht zu übersehen - ein heller Schein auf! Es gibt das wunderbare Bibelwort vom hellen Schein, den Gott in unsere Herzen gelegt hat.
„Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“
Am Ende des Liedes ist der Lichtblick stärker als die Asche. Hoffnung auf Zukunft! Mag mir der Tunnel noch so endlos erscheinen...
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehn
Sieben Mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
***
CD: Über sieben Brücken, Karat 2, BMG, Amiga, LC 0055
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43693Im heutigen Lied zum Sonntag kann man jemanden hören, der mit melancholischem Ton auf sein Leben zurückschaut. Oder ist es doch eher das Lied eines Sturkopfes, der sein eigenes Ding durchgezogen hat?
In meinen Ohren klingt „My way“ von Frank Sinatra nach einem Menschen, der singt und sich dabei mit dem eigenen Lebensweg versöhnen möchte.
Wer die Geschichte von „My way“ kennt, hört in diesem Lied mehr als die Botschaft: „I did it my way“ – „Ich hab´s auf meine Weise getan“. Dieses Lied steht dafür, dass auch etwas, das anfangs nichts Besonderes war, mit der Zeit zu etwas Großartigem werden kann.
Denn erst schrittweise ist dieses Lied zum absoluten Welthit geworden. Zuerst hat der Komponist Jaques Revaux in den 1960er Jahren die Melodie erschaffen. Die erste Variante mit englischem Text war ein Flop, die zweite Version mit französischem Text wurde in Frankreich dann mittelmäßig erfolgreich. Sie heißt „Comme d´habitude“ und wurde von Claude Francois gesungen:
1) Je me lève et je te bouscule.
Tu ne te réveilles pas comme d'habitude.
Sur toi je remonte le drap,
j´ai peur que tu aies froid comme d'habitude.
Ma main caresse tes cheveux...
„Comme d´habitude“ - ein französisches Chanson mit mittelmäßigem Erfolg. Aber als der junge kanadische Sänger Paul Anka nach Paris kommt und zufällig dieses Lied im Radio hört, hat er sofort die Idee, einen eigenen englischen Text zur Melodie zu schreiben. Er schreibt „My way“, zugeschnitten auf Frank Sinatra, der in der Mitte seines Lebens zurückschaut, melancholisch und versöhnlich, aber auch stolz und mit einer Prise Trotz.
Da heißt es in der zweiten Strophe: „Es gibt schon ein paar Dinge, die ich bereut habe, aber dann auch wieder zu wenige, als dass ich sie erwähnen muss. Ich habe getan, was ich tun musste.“
2) Regrets, I've had a few
But then again, too few to mention
I did what I had to do
And saw it through without exemption.
I planned each charted course;
Each careful step along the byway,
But more, much more than this,
I did it my way.
Ich kann meinen Weg schrittweise finden. Und manches braucht mehrere Anläufe, wie das Lied selbst: Es heißt, Frank Sinatra habe am Anfang mit „My way“ gefremdelt, und doch ist er damit berühmt geworden, schließlich hat er das Lied über tausendmal gesungen. Dieses Lied, das er gar nicht alleine erschaffen hat. Da war Jaques Revaux, dem die Melodie eingefallen ist, da war der Sänger Claude Francois, der es zuerst interpretiert hat, dann Paul Anka, der dem Song den neuen Text verliehen hat. Erst dann hat es Frank Sinatra quasi in Empfang genommen.
„My way“ – Da geht ein Mensch den eigenen Weg, gleichzeitig lässt er sich inspirieren und wird erst zusammen mit anderen schöpferisch.
Wohl dem, der so auf sein Leben zurückschauen kann wie es im Lied heißt: „Ich stellte mich dem Ganzen und ich stand aufrecht, und ich habe es auf meine Art gemacht.“
3) ... and did it my way.
Yes, it was my way.
Quellen: 1) Instrumentalversion, Peter Herbolzheimer SWF-Formation add. strings, My way, M0535943(AMS)
2) „Comme d´habitude“, Claude Francois, M0300410(AMS)
3) „My way“, Frank Sinatra, 50th
Anniversary Edition, Best of France - Vive la France, M0578782(AMS)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43643Mit einem leeren Rucksack sitze ich auf dem Boden und überlege, was ich mitnehme ins neue Jahr. Was Sportliches mit viel Bewegungsfreiheit? Was Luftiges für die heißen Tage? Was Buntes, weil das Leben so schön ist? Was Graues, was für schwierige Zeiten? Mit einer ausgeblichenen Jeans in der Hand frage ich mich, wo eigentlich die Zeit geblieben ist. Die Jahre veralten, dichtet Jochen Klepper. Wie mein T-Shirt, wie meine Jeans. Wie Gewänder.
Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns gechenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.
Jochen Klepper blickt zurück auf das Jahr 1937. Ein Jahr voller Kopfschmerzen und schlafloser Nächte. Das Jahr, in dem er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde. Ein Jahr der Zumutungen für seine jüdische Frau und die beiden Stieftöchter. Das Jahr, in dem er zum Dichter geistlicher Lieder wurde. Am letzten Tag dieses Jahres schreibt Jochen Klepper in sein Tagebuch: Gott hat im alten Jahr ein „neues Lied“ gegeben. Das muss nun geglaubt sein.
Jochen Klepper findet Trost in der Bibel. Und diesen Trost verwandelt er in Gedichte. Er gibt den Trost weiter – und tröstet sich damit auch selbst.
In seinem Tagebuch schreibt er: Ich schrieb ein neues Kirchenlied, wie oft, wenn mir um Trost sehr bange ist. Nach neuen Kirchenliedern ist immer wieder der Friede, der im Herzen herrscht, auch in den Sinnen und Nerven.
Im Neujahrslied verarbeitet Klepper Verse aus Psalm 102:
Du aber bleibst, wie du bist, Gott, und deine Jahre nehmen kein Ende.
Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
Nur du allein wirst beiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.
Mein Rucksack ist gepackt für das neue Jahr. Proviant für gute und für schlechte Zeiten. Jochen Kleppers Lied ist auch drin.
Es erinnert mich an die Mechanismen autoritärer Herrschaft. Und daran, mich für unsere Demokratie einzusetzen, wo immer das möglich ist. Jochen Klepper, seine Frau und seine jüngere Stieftochter haben sich 1942 unter dem Druck der Repressalien das Leben genommen. Wir sterben nun, ist Jochen Kleppers letzter Eintrag ins Tagebuch. Auch das steht bei Gott.
Siegfried Reda hat zu Jochen Kleppers Text eine Melodie geschrieben. Sie ist unstet, wechselt zwischen Zweier- und Dreier-Rhythmen, pendelt hoch und runter. Aber sie kann nicht anders, als in jeder Zeile wieder auf dem gleichen Ton zu landen. Beim Singen spüre ich: Ich gehe nicht verloren.
Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
Im Fluge unsrer Ziten:
Bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43641
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