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16JAN2026
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Jeden Tag mache ich etwas falsch. Manchmal bemerke ich es sofort, manchmal erst im Nachhinein. Ich trete jemandem zu nahe. Ich bin zu laut und lasse andere nicht richtig zu Wort kommen. Oder ich fälle ein schnelles Urteil, merke dann aber, dass es der Sache gar nicht gerecht wurde. Die meisten meiner Fehler hängen damit zusammen, dass ich zu schnell bin, mir nicht genügend Zeit lasse, um noch einmal nachzudenken, bevor ich den Mund aufmache. Normalerweise führt das nicht zu großen Problemen, weil ich dann doch noch rechtzeitig „die Kurve kriege“. Aber es stört mich, wenn es mir passiert, und sobald ich es bemerke, tut es mir leid. Diese Eigenschaft, dieses Temperament – es scheint tief in meiner Person verankert zu sein. So tief jedenfalls, dass ich es nicht wirklich beherrschen kann, obwohl ich darum weiß. Am Ende bleibt mir fast immer nur die Bitte um Entschuldigung, und ich merke: Ich brauche Vergebung. Jeden Tag. Es ist ein hin und her wie beim Ping-Pong. Ich mache was falsch, ich bitte um Vergebung.

Das zu wissen, gibt mir Bodenhaftung. Weil es ein Vorgang ist, der zu uns Menschen gehört. Und eigentlich wissen wir das auch. Aber um Vergebung zu bitten, das fällt oft schwer. Weil man dabei über eine Hürde springen muss. Ich darf mich nicht an meinem Fehler festbeißen. Ich bin eben nicht perfekt bin und bedarf der Vergebung. Ich muss den Vorgang so normal wie möglich nehmen, mir klar darüber sein. Es passiert ständig, mal so rum, mal andersrum.

Ich stelle mir vor, wie das unsere Welt verändern würde, wenn alle Menschen unablässig bereit wären zu vergeben. Dann gäbe es keinen Rosenkrieg, unter dem Kinder leiden, wenn ein Ehepaar sich scheiden lässt. Dann wären Hetzkampagnen in den Medien passé, in denen es nur darum geht, den anderen schlecht zu machen. Dann würden aus Konflikten keine Kriege entstehen, die am Ende den Gegner vernichten wollen.

Ich weiß, das ist eine Utopie, eine Wunschvorstellung, die sich in der Realität nicht bewahrheiten wird. Weil wir eben auch bei der Vergebung an unsere Grenzen kommen. Aber warum sollte ich mir nicht wünschen dürfen, dass es so ist. Und beim Wünschen mich selbst ein bisschen mehr anstrengen, anderen zu vergeben, das nächste und das übernächste Mal. Schon das wäre ein gewaltiger Schritt.

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15JAN2026
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Wie viele Freunde habe ich? Ich stelle mir diese Frage, wenn ich mir etwas ganz Schlimmes ausmale: dass ein Mensch stirbt, dem ich mich sehr nahe fühle; oder ich so schwer krank werde, dass ich dauerhaft auf Hilfe angewiesen bin. Wer steht dann zu mir, wer wird sich um mich kümmern, wer ist dann wirklich für mich da? Natürlich können Freunde nicht den Menschen ersetzen, der mit einem durchs Leben geht. Aber es braucht ja auch nicht nur die oder den einen. Es ist gut, wenn man ein paar Freunde hat, die sich ergänzen, weil sie Unterschiedliches gut können: schreiben, tragen, hören, musizieren, erzählen, informieren, streiten, stillsein.

Ich denke, ich habe ein paar solcher Freunde. Es sind Menschen, die ich schon lange kenne, manche fast mein ganzes Leben. Manche wohnen in meiner Nähe und wir haben Gelegenheit, uns regelmäßig zu treffen. Andere wohnen weiter weg und wir begegnen uns nur ein, zweimal im Jahr. Aber das macht nichts. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können, weil wir gute Erfahrungen miteinander gemacht haben; so gute, dass es ein Vertrauen gibt, das nicht leicht erschüttert werden kann.

Was zeichnet solche Freundschaften noch aus? Zum einen: Sie halten was aus. Sie gehen nicht kaputt, wenn es nicht rund läuft oder Erwartungen aneinander nicht erfüllt werden. Das passiert unweigerlich, aber es ist nicht schlimm, weil mir der andere wichtiger ist als meine eigenen Bedürfnisse. Im Umkehrschluss heißt das: Überall, wo Egoismus im Spiel ist, gedeiht keine echte Freundschaft. Es gibt schon auch ein Geben und ein Nehmen. Aber sobald einer zu rechnen beginnt, einen Ausgleich dabei erwartet, stirbt das Vertrauen und das tötet die Freundschaft. Insofern ist Freundschaft immer Nächstenliebe, und damit eine recht christliche Sache. Dann ist da noch was anderes: Wenn zwei Menschen miteinander befreundet sind, geht es nicht um Themen, Fragen, Ansichten. Es geht immer nur um die Person des anderen. Dazu gehört auch, was der jeweils andere denkt, wie er eingestellt ist. Da braucht es schon Übereinstimmungen. Aber wenn einer mein Freund ist, dann halte ich so gut es geht auch zu ihm, wenn er mal vom Gegenteil überzeugt ist wie ich. Das sage ich ihm dann, ehrlich und frei heraus, damit er Bescheid weiß – und unsere Freundschaft leidet hoffentlich kein bisschen.

Mein erster Chef in der Ausbildung vor der Priesterweihe hat mir dazu eine Lehre erteilt. Als ich einen Kollegen kritisiert habe, sagte er mir klipp und klar: „Sie können über den denken, was sie wollen, aber der ist mein Freund!“ Da wusste ich Bescheid. Und ich habe den Satz nie mehr vergessen, sondern ihn mir so gut es geht zu eigen gemacht.

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14JAN2026
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Wozu gibt es eigentlich die Kirche? Wegen Jesus natürlich. Damit weitergegeben wird, was ihm wichtig war: dass einem andere nicht egal sind und es richtig ist, sich an den Schwächsten zu orientieren. Damit von seinem Leben erzählt wird: wie er Sündern vergeben hat und die in ihre Schranken wies, die hartherzig waren. Damit sein Erbe nicht vergessen wird: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Aber ist auch genügend Jesus drin in der Kirche, die voll sein sollte von ihm?

Ich arbeite jetzt seit über dreißig Jahren in der Kirche. Meine schönsten und berührendsten Erlebnisse hatte ich stets mit Menschen, die mich gebraucht haben. Ich konnte Eltern trösten, die ein Kind verloren hatten. Ich habe Paare begleitet, die schon mal verheiratet waren, und von Gott Segen erhofften. Ich saß am Bett von Sterbenden, die nicht mehr sprechen konnten, und habe ihre Hand gehalten, manchmal ein Lied gesungen. Ich habe jungen Menschen zugehört, die mir ihr Herz ausgeschüttet haben. Seit ich fürs Radio arbeite, erzähle ich hier davon, was im Menschen ist. Ich erzähle von Gutem und Bösem, und dass es immer und bei allem wichtig ist, die Hoffnung nicht aufzugeben. Weil es dem Menschen hilft, den Weg Jesu zu kennen und mitzugehen.

Ich bin dankbar, dass ich das so erlebe, dass mir diese Möglichkeiten offenstehen, dass die Kirche mir den Raum dafür schenkt. Manchmal aber bin ich besorgt und traurig darüber, dass „die Kirche“ das nicht genügend zeigt, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, sich im Kreis dreht. Da steht ihr wohl im Weg, dass sie eine Organisation mit komplizierten Strukturen ist. Und das dabei in den Hintergrund tritt, was Jesus wichtig war. Denn im Endeffekt kann es bei allem, was die Kirche tut, immer nur um den einzelnen Menschen gehen. Um jeden einzelnen, der etwas von ihr braucht. Weil sich Jesus immer für den einzelnen interessiert. Weil er genau hingeschaut und -gehört hat, was die oder der braucht, der zu ihm kommt:

Der Steuereintreiber Zachäus will endlich dazugehören trotz seiner unbeliebten Aufgabe. Die Frau am Jakobsbrunnen sucht Ruhe nach einem aufregenden Leben mit sieben verschiedenen Männern. Der weggelaufene Sohn hofft auf einen Vater, der nicht vergessen hat, dass er sein Sohn ist. Und der Hirte sucht nach dem einen verlorenen Schaf, bis er es gefunden hat. Diesen Gott verkündet Jesus und setzt in die Tat um, wovon er überzeugt ist. Jedem gerecht zu werden in seiner Sehnsucht nach Liebe. Dazu gibt es die Kirche. Zu nichts anderem.

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13JAN2026
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Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal daran zweifeln würde. Dass der Mensch von Grund auf gut ist. Ich bin davon ausgegangen, dass ein Mensch seine Veranlagung zum Guten nicht ganz vergessen kann. Ich habe meinen Glauben noch immer nicht aufgegeben, weil ich ihn nicht aufgeben will. Aber meine Zweifel daran sind so groß, wie sie noch nie waren.

Seit ich gesehen habe, wie hasserfüllt Menschen sich äußern. Seit ich weiß, was für böse Worte sie gebrauchen und damit andere als Person regelrecht vernichten. Es sind Worte, die ich hier nicht zitieren kann, weil es sie gar nicht geben sollte, weil kein Mensch sie verdient hat. Nicht einmal der, der tatsächlich Fehler begangen hat. Ich lese manchmal in meinem E-Mail-Postfach oder im Internet Worte, die den letzten Rest an Respekt oder Anstand vermissen lassen. Und ich frage mich, woher das kommt, dass die Schwelle dazu immer niedriger wird.

Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass man mit denen besonders streng ins Gericht geht, die man gut kennt, wo man nicht so viel Rücksicht nehmen muss, weil man vertraut miteinander ist. Einem guten Freund gegenüber bin ich auch mal sehr direkt. Meine Mutter muss aushalten, dass ich ihr die Wahrheit ins Gesicht sage. Sie weiß aber auch, dass ich ihr nie wirklich etwas Böses wünsche. Bei Fremden bin ich viel vorsichtiger. Aber in manchen Mails und Kommentaren erlebe ich gerade das Gegenteil. Man kennt sich nicht, also tut man so, als ob der andere kein Mensch wäre. Jeder ist doch mehr als die Momentaufnahme, die man gerade erlebt. Ein Mensch kann doch nicht auf einen Satz, ein Bild reduziert werden. Das ist viel zu wenig, als dass es der Person gerecht werden würde. Also muss ich vorsichtig sein, wenn ich ein Urteil spreche. Ich muss voraussetzen, dass es da immer auch Gutes gibt, das ich womöglich nicht kenne. Ich muss zunächst darauf vertrauen, dass andere es gut meinen, bevor ich das Fallbeil über sie senke. Das wäre schlicht menschlich. Und erst recht ist es angebracht, wo Christen streiten – über ihren Glauben, über ihr Bild von Gott, über die Kirche.

Deshalb ermahne ich mich, nicht am Menschen zu verzweifeln, keinem das Gute abzusprechen, auch denen nicht, die es anderen gegenüber tun.

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12JAN2026
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Jesus sagt: Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage[1]. Das ist ein Gedanke, der mich schon als Jugendlicher fasziniert hat. Wahrscheinlich, weil ich schon damals gemerkt habe, wie wenig mir das gelingt. Ich bin eher jemand, der sich sorgt, der plant, der vorausdenkt und sicher sein will, dass er vorbereitet ist – für den Fall der Fälle, den ich mir manchmal so genau ausmale, bis mir der Kopf schwirrt. Erst seit ich einen Hund habe, gelingt es mir besser.

Wenn ich abends nach Hause komme, steht noch etwas bevor. Etwas, auf das ich mich immer freue, egal wie mein Tag war. Ich gehe Gassi mit meinem Hund. Er heißt Quax und kann es sowieso kaum erwarten. Nach der Morgenrunde ist das der zweite Höhepunkt seines Tages: Ich habe Zeit nur für ihn, wir unternehmen etwas miteinander.  Ich passe mich ein Stück weit seinem Rhythmus an, überlasse mich seiner Führung. Den übrigen Tag tut er das umgekehrt. Aber auch für mich ist das am Abend eine besondere und wichtige Stunde. Weil ich mich dann nicht mehr um sich selbst drehe, sondern mich auf Quax einstelle. Wohin er zieht, wenn er etwas riecht, oder ein anderer Hund seine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Quax lenkt mich von allem ab, was sich in meinem Kopf dreht. Und wenn es mir schwerfällt, das loszulassen, dann kommt wenigstes Luft in mein Hirn und gar nicht so selten sogar eine Lösung, eine Befreiung, die ich sonst nicht gefunden hätte.

Es ist erstaunlich, was da passiert. Mein Hund tut mir so gut, wie es ein anderer Mensch gar nicht könnte. Weil Menschen oft kalkulieren und eigene Interessen haben. Weil sie Fragen stellen und Antworten verlangen. Quax dagegen will nur, dass ich da bin. Das genügt ihm, weil er dann weiß, dass ich für alles sorge, was er braucht. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ich beschütze ihn, ich gebe ihm zu essen, ich schenke ihm Aufmerksamkeit. Fertig.

Ich weiß, dass mir das nicht genügen würde, dass ich ohne andere Menschen eingehen würde. Weil ich diskutieren will und feiern, weil ich die Welt und mein Leben verstehen will. Manchmal aber ist das ungemein anstrengend. Dann wäre ich gerne wie Quax. Scheinbar ohne Sorge. Ohne an Morgen zu denken. Nur im Augenblick zu leben. Er hat ja mich.

Und ich, wen habe ich? Jesus spricht davon, sich keine Sorgen zu machen, weil er Gott hat, weil er ihm vertraut. Ok. Ich weiß Bescheid…

 

 

[1] Matthäus 6,34

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09JAN2026
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Ich glaube ja nicht daran, dass Träume wirklich eine Bedeutung haben. Dass sie uns die Zukunft voraussagen können oder vor irgendetwas warnen wollen. Aber dieser Tage hat mich ein Traum doch zumindest bewegt: Meine Oma war zu Besuch. Dabei ist sie schon lange verstorben. Aber in meinem Traum war sie plötzlich wieder da. Ich konnte sie sehen, ihr Gesicht, ihr blaues Kostüm, das sie immer trug. Im Traum konnte ich sie so genau sehen, wie ich mich tagsüber gar nicht mehr an sie erinnern konnte. Schön war das, denn ich habe sie als Kind heiß geliebt. Und ich war wirklich enttäuscht, als ich aufgewacht bin und mir klar wurde: Das war nur ein Traum…

Hape Kerkeling, Musiker, Moderator und Komiker, hat ein Lied über seine Oma geschrieben:

Ich seh' sie lachen, wenn ich die Augen schließ' auch noch nach Jahren
Die
stolze Frau mit silbergrauen Haaren
Und der Knirps, der nur nach Oma fragt, war ich
Sie
konnte Sachen, sie hat für mich die Sonne angeknipst
Vom
Krieg gezeichnet, vom Likör beschwipst
So war sie
Ich hab' noch heut' im Ohr, was sie mir sagt

Sie sagte: „Glaub an dich“
Zeig allen, dass du's schaffst
Kind,
glaub an dich
Mit
aller Himmelskraft, sei stolz auf dich
Wenn du fällst, egal, komm, probier's nochmal
Ach Junge,
glaub an dich

Das muss genau so eine tolle Oma gewesen sein, so wie meine auch. Eine Oma mit Tiefgang, die genau wusste, was sie sagt. Die den kleinen Knirps groß gemacht hat. Die ihm mit Unterstützung aller „Himmelskraft“ zugesprochen hat, dass er stolz auf sich sein kann. Und ihm so den Mut gegeben hat, dass er, selbst wenn er mal fällt, trotzdem an sich glauben kann.

Hape Kerkeling hat im letzten Jahr den Eugen-Bolz-Preis verliehen bekommen. Weil er sich, so die Begründung, gegen Intoleranz, Hass, Ausgrenzung und gegen das Erstarken rechtsextremer Kräfte eingesetzt hat. Seine Oma wäre bestimmt stolz auf ihren kleinen Knirps.

Ich finde: Wir brauchen genau solche Omas. Und Opas. Und Mamas und Papas, Tanten und Onkel. Die Kinder stark machen. Damit diese Kinder dann später auch stark sind. Glücklich. Mit geradem Rückgrat. So dass sie sich nie vor irgendwelchen dummen Parolen klein machen müssen.
Alle Omas und Kinder dieser Welt: Glaubt an Euch!

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08JAN2026
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Bei uns in der Kirchengemeinde gibt es alle paar Monate eine „Liederstunde zur Guten Nacht“. Groß und Klein singen Abendlieder, alte und neue. Und es gibt eine Gute-Nacht-Geschichte. Und einen Segen.

Letztens saß ich also wieder in der „Liederstunde zur Guten Nacht“. Am selben Tag ist mein Onkel verstorben. Und so wenig ich in meinem Alltag mit ihm zu tun hatte, so sehr hat er mir doch gefehlt an diesem Tag, an dem ich von seinem Tod erfahren habe.

Da saß ich also, habe mit den anderen gesungen, und war doch in Gedanken ganz woanders. Und habe dabei dieses Lied mitgesungen, zuerst ohne überhaupt auf den Text zu achten (EG 488):

Bleib bei mir Herr! Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist: Herr bleib bei mir.

Genau so habe ich dagesessen:  in der Finsternis. Mit trüben Gedanken. In mir Nacht. Ganz  langsam nur sind die Worte des Liedes zu mir durchgedrungen. Hilf dem, der hilflos ist: Herr bleib bei mir.

Ein bisschen wie ein Hilferuf von mir selbst, den da alle gemeinsam gesungen haben. Die nächste Strophe ging dann so:

Wie bald verebbt der Tag, das Leben weicht,
die Lust verglimmt, der Erdenruhm verbleicht;
umringt von Fall und Wandel leben wir.
Unwandelbar bist Du. Herr bleibt bei mir.

Ja, das habe ich an diesem Tag zu spüren bekommen. Das Leben weicht. Der Erdenruhm verbleicht. Was würde von meinem Onkel bleiben? Die Erinnerungen? Das Haus? Seine Kunstwerke? – Er war Steinmetz, wissen Sie. Das Lied hatte jetzt meine volle Aufmerksamkeit.

Halt mir dein Kreuz vor, wenn mein Auge bricht;
Im Todesdunkel bleibe du mein Licht.
Es tagt, die Schatten fliehn, ich geh zu dir.
Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir.

Spätestens jetzt habe ich gemerkt, wie gut mir dieses Lied getan hat. Es hat mich getröstet: Es tagt, die Schatten fliehn, ich geh zu dir. Es war, als würden mir die Menschen um mich herum in der Kirche, diesen Trost zusingen. Ich bin gestärkt nach Hause gekommen. Die Trauer war nicht weggeblasen. Aber sie war gut aufgehoben: aufgehoben in dieser singenden Gemeinschaft und aufgehoben bei Gott: Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir.

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07JAN2026
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Vor einiger Zeit hat mich eine Kollegin angesprochen. Sie habe vor, ab jetzt bei monatlichen Demonstrationen gegen rechte Ideen und Parteien mitzumachen. Damit sichtbar wird, dass es Viele sind, die rechtes Gedankengut ablehnen. Und um gegen das Gefühl anzugehen, dass ja sowieso schon alles verloren ist und die Rechten schon mehr oder weniger unsere Gesellschaft übernommen haben. Denn sie ist überzeugt: Es sind viele, viele Menschen, die diese Gedanken ablehnen, die andere kleinmachen, bestimmte Menschengruppen ablehnen, diskriminieren und ausschließen.

Wir sind viele! Auch ich bin davon überzeugt, dass das stimmt. Auch und gerade unter Christenleuten. Mit einem Gott, der alle Menschen als sein Ebenbild schafft. Mit Jesus Christus, der sich konsequent für die Armen und Schwachen in der Gesellschaft eingesetzt hat. Wie sollte es da anders sein? Wir sind viele! In der Kirche, aber auch weit darüber hinaus. Das sichtbar zu machen, finde ich die richtige Idee. Und wann ist ein guter Zeitpunkt dafür, wenn nicht jetzt?

Manchmal geht das ja schon im ganz Kleinen: Dem Mann mit dunkler Hautfarbe im Bus neben mir Platz machen, indem ich meinen Rucksack vom Sitz und auf den Schoß nehme. Der Frau auf dem Markt, die ein Kopftuch trägt, ganz selbstverständlich helfen, wenn ihr die Tüte mit den gerade gekauften Äpfeln reißt. Das Mädchen aus Afghanistan, das mit meiner Tochter in eine Klasse geht, zum Kindergeburtstag einladen. Einfach alle als Menschen behandeln. Als Menschen, die vielleicht eine andere Kultur haben, die anders kochen oder anders sprechen, aber ansonsten doch Menschen sind wie ich und wie Sie.

Und dann braucht es manchmal vielleicht auch Größeres. Das mehr Mut, mehr Kraft erfordert. Zum Beispiel Demonstrieren gehen und damit zeigen, dass wir viele sind. Sich bei den „Omas gegen rechts“ engagieren. Ich kann beim Abendessen mit Freunden ganz bewusst dummen rechten Sprüchen widersprechen. Sie ihnen nicht einfach durchgehen lassen. Auch, wenn das alles andere als angenehm ist in der gemütlichen Runde am Abendessenstisch.

Wir sind viele! Da bin ich mir sicher. Carolin Emcke, deutsche Autorin und Moderatorin, hat dazu Folgendes geschrieben: „In schweren Zeiten schärfen sich die Konturen der Menschen: Die eigensüchtigen, feigen Figuren werden noch kleingeistiger, die guten, hilfsbereiten, zugewandten wachsen über sich hinaus.“[1]

Und diese Guten, die brauchen wir jetzt, mit all ihrem Mut, mit all ihrer Zugewandtheit. Menschen, wie meine Kollegin. Mir hat es gutgetan, dass sie mir von ihrem Engagement erzählt hat!

 

[1] Quelle: ZEITmagazin Nr. 42/2025 vom 1. Oktober 2025, letzte Seite.

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06JAN2026
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Als ich noch zur Schule gegangen bin, vielleicht so in der zehnten Klasse, da hat uns unsere Deutschlehrerin das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse mitgebracht und vorgelesen. Selten hat mich als Jugendliche ein Gedicht so berührt, wie dieses. Besonders dieser Satz:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Für mich war in diesem Satz alles drin, was damals in mir vorgegangen ist. Die unbändige, vielleicht auch noch etwas naive Freude darauf, mein Leben in aller Freiheit gestalten zu können. Raus zu gehen, nach dem Abitur. Und zu leben, so, wie ich es will. Welch ein Zauber!

Mittlerweile bin ich doch etwas älter geworden. Und ja, ich habe gelernt, dass auch die anderen Zeilen aus Hesses Gedicht viel Wahrheit beinhalten:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Irgendwann war das Studium mit all seinen Freiheiten zu Ende. Ganz ohne Trauer habe ich es nicht geschafft, mich davon zu verabschieden. Aber, ja, Hesse hat ja recht: Es kommt etwas Neues. Ein neuer Schritt, eine neue Stufe bringt auch neue Bindungen, neue Menschen, die einem lieb werden. Aber dann geht es ja noch weiter – auch bei Hesse:

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hat Hesse auch hiermit recht? Ist auch der Tod kein endgültiges Ende? Gehen die Stufen weiter? Und welche neuen Räume werden dort auf mich warten? Welcher Lebensruf?

Ein Beter in den Psalmen sagt : „Gott stellt meine Füße auf weiten Raum.“ (Ps 31,9). Das heißt doch: Gott gibt uns die Möglichkeit, zu gestalten. Er schafft Raum für uns, dass wir uns im Leben und, daran glaube ich fest, auch im Sterben entfalten können. Immer wieder eine neue Stufe nehmen können. Immer wieder den Zauber des Neuen erleben dürfen.

Ich möchte auch das neue Jahr als genau so einen Erfahrungsraum betreten: Einen Raum voller Möglichkeiten, die Gott mir schenkt. Als „weiten Raum“, in dem ich mich entfalten darf. Insofern: Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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05JAN2026
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Im Internet habe ich eine Anleitung entdeckt für einen Korb, den man aus Wollresten häkeln kann. Man kann einfach alle alten Wollreste zusammensuchen, immer fünf Fäden nehmen und mit einer dicken Häkelnadel in einer Spirale häkeln. Erst nimmt man Maschen zu, das gibt den Boden vom Korb. Dann häkelt man einfach so in die Runde. Das werden die Seiten. Und wenn der Korb hoch genug ist, dann hört man auf. Fertig. Und dann hat man ein wunderschönes, neues Stück. Aus all dem, was vorher übrig und nichts mehr wert war.

Ich finde die Idee genial. Und nun häkle ich und häkle ich, Runde um Runde. Und komme dabei ins Denken. Als ich die rote Wolle verhäkle, erinnere ich mich: Das ist der Rest von der Babydecke von meiner Großen. Die ist jetzt schon 14. Lang ist’s her. Aber noch länger liegt das dunkelblaue Knäuel da in meiner Wollrestesammlung: Das sind die Reste von den Kissen, die meine Schwiegermutter uns zur Hochzeit gewebt hat. Und die bunte Sockenwolle: Tja, das sollten Socken für meinen Mann werden. Aber bis über die erste Hacke bin ich nie rausgekommen…

So häkle ich mich nun also durch mein Leben. Und freue mich daran, dass aus den vielen Resten und unvollendeten Projekten etwas ganz Neues entsteht. Ist es im Leben nicht auch so? Manches liegt lange brach und kommt dann, plötzlich, wieder zu Tage. Lose Enden, Dinge, die nie fertig wurden, werden zu etwas ganz Anderem. Unvollendetes schmerzt vielleicht und findet dann doch, irgendwie auf Umwegen, ein gutes Ende. Und das Schöne bei meinem Korb ist: Egal ob der Wollrest nun hübsch ist oder nicht, ob er glänzt und schimmert oder stumpf im Restekorb vor sich hindämmert, alles wird gebraucht. Ich muss gar nicht prüfen und nur das Gute behalten, so wie es die Jahreslosung des vergangenen Jahres mir rät (1.Thes 5,21). Klar, wenn ich einen neuen Pullover oder eine neue Babydecke anfange, dann prüfe ich zuerst, ob die Farbe und das Material stimmen. Aber im Rückblick gilt: Jetzt ist alles gut. Jedes Fädchen gehört zu dem, was mein Leben ausmacht. Das hat etwas Versöhnliches. Mancher Wollfaden meines Lebens gefällt mir zwar immer noch nicht. Aber er ist da und macht meinen Lebenskorb zu dem, was er ist.

„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“ (Off 21,5). So lautet die Jahreslosung für das neue Jahr. Aus meinen alten Resten ist etwas Schönes, Neues geworden. Wie mein Leben in diesem Jahr wohl weitergeht?

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