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SWR1 Begegnungen

28DEZ2025
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Johanna Jerzembeck

Wolf-Dieter Steinmann trifft Johanna Jerzembeck aus Karlsruhe. Mit Ende 30 ist ihr klar geworden, dass sie eine trans Frau ist. Das hat ihr Leben erschüttert und sie auch neu werden lassen. Vielleicht auch „weihnachtlicher“: Die studierte Juristin und IT Fachfrau engagiert sich stark in der Kirche.

Weihnachten – fürchte Dich nicht!

Was sind Sie für ein Weihnachtstyp? Manche haben den Baum schon abgeräumt. Johanna Jerzembeck - ich auch - braucht ihn mindestens bis Dreikönig. Sie feiert dieses Jahr, mit Anfang fünfzig, eine Premiere.

Mit meiner Frau zusammen, jetzt dieses Jahr das erste Mal. Bei meiner Mutter, die ist dieses Jahr 90 geworden, mein Vater ist schon vor ein paar Jahren gestorben. Meine Schwester kommt, meine Neffen. Mutti freut sich schon, dass alle da sind. Das wird was richtig Schönes.

Sie ist in sich, mit Ihrer Frau und ihrer Familie glücklich. Aber das war ein Weg. Neues Leben braucht Zeit und kommt oft unter Wehen.

2013 war mir klar, dass ich eine trans Frau bin. Da war ich 39, davor hatte ich das verdrängt und dann musste ich erst mal rausfinden, was bedeutet das für mein Leben und da hab ich das Glück gehabt damals, dass ich im Internet eine Gruppe von Christ*innen gefunden habe. ‚Johanna‘ gab es damals erst nur auf Twitter. Das war im Prinzip so der erste Kreis, wo ich gemerkt habe, ich werde als die, die ich bin, akzeptiert.

Früher war da manchmal so ein Gefühl: Seele und Körper finden nicht ganz zusammen. Dann die Erkenntnis, eine trans Frau zu sein. Ich kann nur ahnen, wie das das Leben aufgewühlt hat. Auch ihre religiöse Identität. Johanna war ja auf einen männlichen Namen getauft.

Während meiner Transition, als ich sehr damit gekämpft habe, ob Gott mich überhaupt noch kennt, hat mir jemand mal gesagt: Was auf deiner Taufurkunde steht, das ist für die Menschen, nicht für Gott. Gott hat dich so geschaffen, wie du bist, will dich so. Gott wusste schon, dass du Johanna bist, bevor du selbst wusstest, dass du Johanna bist. Als ich das begriffen hatte, da hab ich mich unglaublich frei gefühlt

Kann ich da mit? Inzwischen ja. Gesagt habe ich das als Pfarrer ja immer schon: Taufe bedeutet, man kann glauben. Ich bin von Gott geliebt. Kann darum selber liebevoll sein und werden. Immer neu. Das hat auch Johanna geübt: Erst ein Doppelleben geführt: nach außen wie bisher und privat neu. Aber das hat sie krank gemacht. Zum Glück hat sie therapeutische Hilfe gefunden. So ist sie ganz ‚Johanna‘ geworden. Wichtig waren und sind dabei Menschen, die den Weg mitgehen. Auch dazulernen. Was Johanna Jerzembeck und andere nicht brauchen, ist Gedankenlosigkeit.

Was mir sehr, sehr weh getan hat war, wenn Menschen den alten Namen und das alte Pronomen weiter benutzt haben und ich gemerkt habe, sie geben sich keine Mühe. Das ist eigentlich mit das Schlimmste.

Manche dringen sogar übergriffig in die Intimsphäre ein. Fragen zB. ‚was sie denn hat machen lassen‘. Da wird sogar sie kantig.

Was ich zwischen den Beinen habe, geht meine Partnerin was an und sonst niemanden.

Dass Johanna Jerzembeck heute selbstbewusst und furchtloser ist, hat auch mit der biblischen Weihnachtsgeschichte zu tun, vor allem dem, was der Engel sagt.

‚Fürchtet euch nicht, Gott meint es gut mit euch, ihr müsst keine Angst haben.‘ Das strahlt weit über die Weihnachtsgeschichte raus. Fürchtet euch nicht, das ist mein Lieblingssatz.

Der Satz prägt auch ihr Engagement in der Kirche. Sie arbeitet als Quereinsteigerin bei einer IT Firma, engagiert sich in der queeren Community und ihrer evangelischen Kirche. Da macht sie gerade zwei Jahre lang die Ausbildung zur Prädikantin, zur ehrenamtlichen Predigerin in der evangelischen Kirche in Baden. Hochachtung für alle, die so voll leben.

Ich lerne eigenständig Gottesdienste vorzubereiten und auch zu halten, mit allem, was dazugehört, mit Liedern, mit Predigt, die ich auch selbst schreibe.
Und mittlerweile bin ich bei ‚ich mache ganze Gottesdienste eigenständig‘ angekommen. Je mehr ich gemacht habe, desto besser hat es sich angefühlt.

Schön, wenn so viel zurückkommt, wenn man so viel gibt.
Sie ist furchtloser geworden. Dazu passt, dass sie sich auch die Kirche mutig wünscht und freudig. Mutig, grundsätzlich:

Wir wagen jetzt erstmal Dinge, wir fragen vor allem auch die Menschen um uns rum, für die wir ja Kirche sein wollen. Was möchtet ihr eigentlich von uns als Kirche und hören denen dann auch zu.

Mut wünscht sie Kirchen und anderen Institutionen auch auf dem Gebiet der IT; in dem sie beruflich arbeitet: ‚Nutzt open source Software. Werdet unabhängiger von den Mega-Konzernen, die Menschen vom digitalen Leben aussperren können, aus politischen Gründen.‘ Und Johanna Jerzembeck erwartet, dass Kirchen auch umkehren.

Viele queere Menschen haben einfach die Erwartung. ‚Nehmt uns als Kirche so an, wie wir geschaffen sind. Wir sind Gottes geliebte Kinder.‘
Für viele queere Menschen ist Kirche und Religion etwas, was ihnen sagt, du bist falsch, so wie du bist, du bist sündig.
Das geht nicht einfach so weg, indem man sagt, ja, jetzt hängen wir uns eine Regenbogenfahne an die Tür. Sondern das Vertrauen muss erst wieder wachsen und das braucht vielleicht auch von den Kirchen eine Aussage, wir sind uns bewusst, was wir euch angetan haben und wir schämen uns dafür und wir bitten euch um Vergebung.

Ich bin dankbar für das, was ich in dieser Begegnung bekommen habe. Leider musste auch diese, wie alle davor, ein Ende finden. .
Wünscht Johanna Jerzembeck uns was für heute? Ja, eine Art Segen. Den nehme ich auch persönlich und schließ mich ihrem Segen an, wo die Zukunft uns auch hinführen mag.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit in das Neue Jahr mitnehmen können, dass sie dran denken, dass gesagt ist, ‚fürchte dich nicht‘; weil das ist das, was mich trägt und ich hoffe, dass es sie auch tragen kann.

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SWR1 Begegnungen

17AUG2025
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Ludwig Schulz

Leben retten gibt Sinn

Wolf-Dieter Steinmann trifft Ludwig Schulz. Er leitet die Geschäftsstelle der DLRG Baden im Karlsruher Rheinhafen. 

Ich bin schon öfter an der Geschäftsstelle der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft - kurz DLRG - vorbeigekommen. Mitten im Karlsruher Rheinhafen. Und habe sie übersehen. Unmöglich! Brauchen will ich sie zwar nicht. Aber gut, dass es Ludwig Schulz und die vielen ehrenamtlichen Lebensrettenden gibt.

Wir machen ja, angefangen von der Schwimmausbildung, die ja der Kernbereich ist, über den Katastrophenschutz Wasserrettungsdienst, Tauchen, Strömungsrettung bis hin zum Rettungssport. Ich kenne keine Organisation, die so breit aufgestellt ist zum Thema Sicherheit rund ums Wasser.

Sie wachen freiwillig an Badeseen, im Urlaub an der Küste. Sind auf Abruf, wenn am Rhein jemand verunglückt. Ludwig Schulz leitet die DLRG Geschäftsstelle als einer von wenigen Hauptamtlichen. Ist dafür da, dass die Institution funktioniert, der Rahmen, damit Menschen gerettet werden können wie z.B. ein junger Migrant im Rhein.

Unsere Taucher hatten den nach 11 Minuten gerettet, erfolgreich reanimiert, was eigentlich gar nicht mehr wahrscheinlich war. Normalerweise hat man so n Zeitfenster von vier Minuten, aber der ist eben in einer Wassertiefe getrieben, die so ne Temperatur hatte, dass der ganze Stoffwechsel entsprechend runtergefahren wurde. Gerade für unsere Taucher, die natürlich so oft zu spät kommen, oft nur bergen statt retten, ist das natürlich ein Supererlebnis gewesen. Für alle. Das sind halt die Sachen, wo man denkt, ja es lohnt sich, ne.

Solche glücklichen Geschichten braucht man als Inspiration, auch wenn man selber nicht getaucht ist. 18 Jahre arbeitet Ludwig Schulz auf der Geschäftsstelle. Ist inzwischen Anfang 60. Damals war das ein kleiner Ausstieg in seiner Berufskarriere.

Ich hab sogar schon nen Vertrag da liegen gehabt, aber hab dann eigentlich die Anzeige von der DLRG gesehen und dachte Mensch mal was anderes als immer nach Zahlen jagen müssen und Umsätze liefern. In einer Hilfsorganisation zu arbeiten, war eigentlich schon immer irgendwie was Erstrebenswertes für mich.

Und viele großartige Freiwillige motivieren ihn. Einer z.B. der hat DLRG gelebt bis ins hohe Alter. Ein Vorbild für Ludwig Schulz. Er ist überzeugt: Ehrenamt ist geben und nehmen.

Man hat halt ein gemeinsames Projekt mit anderen Leuten, die das Gleiche wollen wie man selbst und dann Sinn: allein schon, wenn ich an einem Baggersee bin und ich helfe jemand, der in eine Glasscherbe getreten ist, da fängt der Sinn doch eigentlich schon an.Natürlich ist es super, jungen Leuten sein Wissen weitergeben zu können, wenn ich dann den eigenen Nachwuchs so seh, wie die meine Institution weitertragen.

Ich glaube, in unserer Gesellschaft muss das lebendig bleiben. Leben ist nehmen und geben. In der Bibel heißt es sogar: Geben ist seliger als nehmen. Das hat doch was, dass DLRGler fremden Kindern schwimmen beibringen oder wachsam sind, wildfremde Menschen zu retten. Auch solche, die sich übermütig für unsinkbar halten - übrigens meistens Männer. Sein Credo darum:

Schwimmen können ist das beste Verhütungsmittel gegen den Ertrinkungstod. Deshalb ist bei uns zentrales Ziel, möglichst allen Menschen schwimmen beizubringen.
Ludwig Schulz hat viel Verständnis, wenn jemand nicht schwimmen kann.

„Schwimmen können ist das beste Verhütungsmittel gegen Ertrinkungstod“, sagt Ludwig Schulz. Er weiß, wovon er redet. Als Junge hat er sich nicht ins Wasser getraut. Aber das hat ihm auch zugesetzt.

Es ist nicht gut, nicht schwimmen zu können, auch kein gutes Gefühl. Ich war auch noch der Jüngste bei uns in der Straße und so, die sind immer schwimmen gegangen und ich bin dann auch mal mit und hab dann immer Ausreden gehabt, warum ich an dem Tag jetzt gerade nicht ins Wasser kann.
Wenn man nicht schwimmen kann, die ganzen Wassersportarten, ich kann ja dann eigentlich nicht sicher Kanufahren oder sonst irgendwas teilnehmen. Ich bin aus ganz vielen Bereichen einfach ausgegrenzt.

Man grenzt sich so eigentlich selbst aus. Oder bringt sich schließlich in Gefahr. Wie er als Grundschüler.

Ich hab dann halt zugeguckt, wie die alle vom Ein-Meter-Brett gesprungen sind. Und ich dachte, irgendwie werd ich es bis zum Rand schaffen und tatsächlich, als Nichtschwimmer bin ich dann vom Brett gesprungen und musste dann vom Bademeister gerettet werden, weil ich hab es natürlich nicht an den Rand geschafft.

Typisch Kind? Hmm. Ich fürchte, dieses Muster gibt es auch bei uns Erwachsenen. Nicht nur beim Schwimmen: Man redet sich Gefahren klein. Will sich nicht verändern oder: „sollen doch die anderen.“
Ludwig Schulz hat schließlich schwimmen gelernt. Sein Vater war behutsam und beharrlich. So hat sich seine Angst verwandelt ins Vertrauen: Ich werde getragen und kann mich verändern. Vielleicht ein Rezept für Mut und Zuversicht für Leben überhaupt. Ihn pusht es jedenfalls bei der DLRG bis heute.

Wir und auch die Schwimmvereine, also in ganz Baden, bieten wir flächendeckend eigentlich - sofern halt auch ein Bad vorhanden ist - Schwimmausbildung an.
Es ist noch in der Kritik, dass zu wenig Schwimmen in der Grundschule angeboten wird. Karlsruhe hat da mit „Schwimmfix“ n ganz gutes Programm, was wir auch unterstützen. Dass wir mit den Lehrern reingehen und den Teil der Klasse übernehmen, die halt noch keine sicheren Schwimmer sind, die machen Wassergewöhnung. Dann kann sich der Lehrer schon mal auf die anderen konzentrieren und das ist ein erfolgreiches Projekt.

Man könnte denken, Schwimmenlernen und DLRG seien vor allem Ernst. Aber er beobachtet bei den Ehrenamtlichen was anderes, selbst in harten Trainings für die Lebensrettung.

Ausbildung ist ja nicht immer nur Herausforderung es macht auch Spaß und viele Leute haben auch nach wie vor Freude dran, was zu lernen für ihr Leben.

Wasser soll Spaß machen; und das Leben hoffentlich auch. Und kann es, wenn Menschen aufeinander achten. Ludwig Schulz wünscht Ihnen das heute und ich schließe mich an.

Alle, die heute irgendwas in irgendeiner Form mit Wasser zu tun haben, wünsch ich einen tollen Tag am Wasser, mit viel Sonne, viel Spaß am Wasser und vor allem sicher im Wasser.

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SWR1 Begegnungen

18MAI2025
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Pfarrer Nicki Schaepen Copyright Diözese Rottenburg-Stuttgart

Wolf-Dieter Steinmann trifft Pfarrer Nicki Schaepen aus Bad Schussenried. Dort im Kloster läuft die Ausstellung „uffrur“.

Frei, gerecht und geschwisterlich

Nicki Schaepen lebt an einem erinnerungsstarken Ort, in Bad Schussenried in Oberschwaben. Erinnerungen machen was mit uns. Wenn Nicki Schaepen vor 500 Jahren gelebt hätte, hätte er das live gesehen aus seinem Pfarrhaus: Einfache Leute in Aufruhr, im Bauernkrieg.

Am 29. März 1525 stürmte eine Gruppe von unzufriedenen Bauern das Kloster. Allerdings die haben sich begnügt, vor allem die Verträge, die lästigen, die diese ganzen Abhängigkeiten regelten, zu vernichten. Und dann haben Sie die Orgel zerstört und haben dann sich an der Vorratskammer gelabt.

Die Lebensverhältnisse der bäuerlichen Familien vor 500 Jahren waren extrem: Armut, Land, das durch Vererben immer weniger wurde. Manche leibeigen, Mütter- und Kindersterblichkeit. Zu alle/dem haben sich adelige und kirchliche Herren Neues einfallen lassen. Flüsse, Gemeindeweiden, Wald sollten jetzt ihnen gehören. Aber ist Gottes Schöpfung nicht da für alle?

Klare Rechte wurden immer weniger eingehalten und daraus entstand natürlich eine weitere Unzufriedenheit, wenn man das Gefühl hatte, der Herr steht nicht mehr zu seinen Versprechungen uns gegenüber, zu seinen Verpflichtungen und wir haben den Eindruck, wir werden nur ausgeplündert und dann gab es eben berechtigterweise diese Aufstände.

Anfangs nur vereinzelt. Und dann die große Erhebung. Zehntausende haben sich beteiligt. In Schwaben, Baden, der Pfalz, Hessen bis Thüringen. So etwas gab es noch nicht in Europa. Wie kam das? Sie hatten ein Ziel, ein positives: Leben als freie Christen und Christinnen. Für Nicki Schaepen ist klar.

Die Religion spielte bei den Bauernkriegen sicherlich eine sehr große Rolle, also vor allem auch Luthers Schrift von der Freiheit des Christenmenschen, das war eine revolutionäre Idee, die natürlich ganz gewaltig einschlug. Und da wurden natürlich die bestehenden Missstände umso deutlicher. Weil ja das Individuum unendlich wertvoll ist.

Sicherlich haben diese reformatorischen Bewegungen den Mut der Bauern geweckt, dass Veränderungen möglich sind, ihr Recht, als Freie vor Christus, vor Gott auch umzusetzen.

In den „12 Artikeln“ haben die Bauern ihre Forderungen nach grundlegenden Rechten festgeschrieben. Freiheit: politisch, wirtschaftlich und religiös. Die Artikel sind 25000-mal gedruckt worden und verbreitet. Lesen sich wie eine Art Verfassung einer christlichen Gesellschaft. Nicki Schaepen sind diese Erinnerungen bedeutsam.

Die Not des Menschen, die sozialen Ungerechtigkeiten, die politischen, damals auch die religiösen Missbräuche von Macht. Die Bauern, die um das Überleben kämpften, sich ungerecht behandelt, nicht gehört fühlten. Das sind ja alles tiefgreifende menschliche Anliegen, die jederzeit etwas zu sagen haben.

Gerade als Christen: Also wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist es mit der Würde des Menschen eben nicht vereinbar, wenn jemand im schlimmsten Elend leben muss. Und dass eben auch die Rechte des Einzelnen nicht einfach so übergangen werden, nur weil man der Stärkere ist.

„Bauernkrieg?“ „Aufruhr?“ Worte verändern, wie man etwas sieht. Ich selbst war lange von Luther geprägt: Für Luther waren die Bauern „mörderische Rotten“ und gegen Gottes Ordnung. Die Freiheit, die sie wollten, nicht nach dem Evangelium. Stimmt, sie waren bewaffnet und es gab Gewalt. Aber die Zehntausenden von Toten, die gehen auf das Konto der Fürsten.

Uffrur ist mir dann auch wiederum zu wenig für das, was geschehen ist. Daraus wurde dann mehr.
Also in Ermangelung eines besseren Begriffes würde ich es bei Bauernkrieg belassen.
Von Bauernseite wäre vielleicht der UFFRUR besser formuliert und von der Feudalherrenseite vom schwäbischen Bund dann eher der Krieg.

Worte prägen wie wir sehen. Nicki Schaepen prägt auch, dass er aus einer Arbeiterfamilie kommt. Sein Studium hat ihn davon eher entfernt. Dann hat er sich entschieden, Priester zu werden. Die Berufung aufs Land hat ihm wieder einen anderen Blick gegeben. ZB. wieviel Menschen da schaffen, vor allem auch Frauen.

Ich habe hier in der Pfarrei einige Bauernfamilien und wenn ich da sehe, was beispielsweise grade die Frauen leisten. Es verändert sich die Wahrnehmung der Schöpfung, auch Gleichnisse Jesu kriegen natürlich einen ganz realeren Bezug. Wenn man tatsächlich mit den Sorgen der Landwirte vertraut wird.

Die Erinnerung an den Bauernkrieg fokussiert seine Aufmerksamkeit heute. Und ein Wort von Jesus hilft ihm auch zu sehen. „Ihr werdet immer Arme bei Euch haben,“ hat der gesagt. „Bei Euch“. Arm, das kann materiell bedeuten. Viele fühlen sich aber auch ohnmächtig, übersehen.

Viele, die finanziell nicht gut aufgestellt sind oder auch soziale Not leiden, verbergen diese.
Da Hilfe leisten zu können, ohne dass die Hilfe von oben herabkommt
. Das Individuum in all seiner Würde auch ernst nimmt. Ganz nahe dran zu sein, und zwar nicht nur einer gewissen Schicht, da finde ich ist es sehr gut für jemanden, wenn er selber auch Landwirte in seiner Pfarrei hat, die kämpfen zum Teil sehr stark.
Aber es ist ja nicht nur auf die Landwirte beschränkt. Das bezieht sich auf alle Altersschichten. Gerade auch diese Coronazeit hat in Schülern vieles ausgelöst.

Ich finde ermutigend, wie klar Nicki Schaepen den Auftrag für sich und die Kirchen beschreibt: Menschen sehen, ihre Sorgen und Verletzlichkeit, begleiten und für sie eintreten. Zu jeder Zeit neu.

Gleichzeitig wollen wir uns aber nicht abgeben oder abfinden mit, das ist halt so und kann man nichts machen, sondern wir wollen natürlich uns auch einsetzen, um unserem Auftrag gerecht zu werden, der hat auch soziale Komponenten immer schon gehabt und jetzt in dieser Zeit sehr viel mehr. Zu schauen, dass es Gerechtigkeit gibt. Gerade, auch wenn du mich herausforderst, will ich dir auch so begegnen, wie es dir zusteht und ich nehm dich an in Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, würde man heute sagen.

Ausstellungstipps:
UFFRUR - Ausstellung bis Oktober – Kloster Bad Schussenried
https://www.bauernkrieg-bw.de/

Deutsches Bauernkriegsmuseum Böblingen
https://bauernkriegsmuseum.boeblingen.de/start.html

Freyheit 1525 Landesausstellung Thüringen (Mühlhausen)
https://www.bauernkrieg2025.de/de/die-ausstellung

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42196
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SWR1 Begegnungen

09MRZ2025
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Leonie Klein Foto: Wolf-Dieter Steinmann

Wolf-Dieter Steinmann trifft Leonie Klein, Schlagzeugerin der Neuen Musik, Journalistin, Konzertentwicklerin aus Karlsruhe.

Ich war hin und weg, als ich Leonie Klein gesehen habe. Schlagzeug spielen. Was alles klingt. Klar, das Drumset wie in ner Band. Aber in ihrer Neuen Musik ist das nur die Oberfläche. Der Probenraum ist übervoll mit Klangmöglichkeiten. Vom großen Marimbaphon bis zu einem Flummi. Seit sie sechs ist, spielt Leonie Klein. Mit Lust, Klänge zu entdecken.

Das is n Flummi, so n Gummiball und den habe ich in der Mitte durchgeschnitten und den dann auf eine Stricknadel aufgespießt und wenn man den jetzt über ein Fell zieht, dann ist das so ein bisschen wie ein Walgesang, könnte man sagen oder auch ein Rennauto, was irgendwie in der Kurve vorbeiflitzt.

Und das ist auch das Schöne, was geht eigentlich alles?

Wie wird daraus Musik? Schlagzeug pur ist nicht sehr melodisch. Nun, ein Komponist hat schon ein Solokonzert für sie geschrieben, mit Orchester. Und wenn sie allein spielt? Sie schafft Musik aus Rhythmus. Und aus Klängen. Stellen Sie sich einen großen Gong vor.

Die klingen natürlich sehr lange. Und jetzt ist die Frage, wenn ich den jetzt anschlage, wo es danach weitergeht mit anderen Instrumenten. Wie lange lasse ich dem die Zeit?
Es ist ja auch immer so dieses musikalische Atmen, also wann atme ich weiter? Wann sage ich ‚okay, der Klang geht jetzt über in den nächsten.‘

Manchmal geschieht es auch, dass Leonie Klein übers Schlagzeug sprechsingt.

Aber wenn man da auf der Bühne steht, vorne an der Bühnenkante und schaut ins Publikum und spricht dann, ist das ganz merkwürdig, weil man weiß, eigentlich versteht niemand, was ich da sag, aber trotzdem verstehen sie es.

Neue Musik ist uns oft fremd. Vielleicht versteht man ihr Schlagzeug deshalb leichter, weil man neugierig sehen kann, wie sie Klänge entstehen lässt mit dem ganzen Körper. Neugierig sein aufeinander, vielleicht bräuchte es das viel öfter, wenn wir einander fremd sind.

Und wenn ich auf die Bühne gehe, dann spiele ich für jemand und den interessiert es vielleicht nicht, ist der Schlag jetzt so oder so gesetzt? Sondern diese Leichtigkeit zu haben und wenn ich Spaß dran hab, dann haben die auch Spaß dran, zuzuhören.

In der Karwoche spielt Leonie Klein in Speyer im Dom. Solo, in diesem imposanten, heiligen Klangraum. Die Leidensgeschichte Jesu wird gelesen und sie wird dem Geschehen um Jesus, Gott und die Menschen ihre Schlagzeugklänge geben. Besonders spannend ist für sie Jesus: angeklagt und er schweigt.

Das ist schon so eine Schlüsselstelle, wo ich mich sehr drauf freu, das musikalisch umzusetzen. Und ich glaub so, dieses Leise und dieses Minimalistische und was passiert in dem Moment, in dem eigentlich nichts passiert.

Wie kann man diesen Moment mit Klängen füllen?

Ich ahne, was sie meint. Wenn man schweigt, kann es in einem trotzdem sehr laut sein.

Paukenschläge

Dass Leonie Klein heute so gut ist, war kein Selbstläufer: Es hat viel mit Disziplin und Verzicht zu tun. Um die Schlagzeugerin zu werden, die sie heute ist, hat sie oft verzichtet: Seit 25 Jahren, mehr als dreiviertel ihres Lebens spielt sie. Übt, jeden Tag viele Stunden. Oder: Mit 17 ist sie – neben der Schule in Wittlich – damals noch zwei Tage die Woche nach Karlsruhe gefahren, zum Vorstudium. Ohne Disziplin, unmöglich.

Ich glaub ich hab gar nicht so viel Talent, sondern bei mir war es eher der Fleiß. Also ich bin zum Beispiel jemand, der sehr sehr lange braucht, um neue Stücke zu lesen. Irgendwie denke ich manchmal, mein Kopf ist ein bisschen langsamer als bei anderen.
Aber wenn ich es dann geübt hab, dann ist es so gut, dass wenn ich irgendwie mit den Komponisten arbeite, dass sie sagen, ‚Boah, so haben wir unser Stück noch nie gehört.‘

Aufgeben wollte sie nie. Nicht mal als sie Zweifel hatte, ob sie gut genug ist. Und von einem ihrer Lehrer auch noch übel erschüttert wurde. Ich finde, jeder Lehrende, jeder Mensch sollte auf solche Sätze verzichten. Um Gottes willen und um der Menschen willen.

Wenn dann im Unterricht dann auch so Sätze fallen so: ‚ja Leonie, das kann hier jeder und wer es nicht kann, der hat hier auch nichts zu suchen.‘
Heute weiß ich, dass es Dinge waren, die so gut wie keiner kann und ich da dran irgendwie ja geübt habe und geübt habe, bis ich sie im Schlaf konnte.

So standzuhalten, finde ich bewundernswert. Vielleicht ist Leonie Klein zur Schlagzeugerin berufen. Sie sagt, es war auch Ehrgeiz, der sie stark gemacht hat. So sind sie und ihr Schlagzeug eins geworden.

Ich kann mich gar nicht dran erinnern, dass ich mal kein Schlagzeug gespielt hab. Und man schafft dann auch so diesen Sprung erst mal an ne Hochschule, das ist erstmal auch n Privileg. Und das war mir schon sehr bewusst, dass ich das irgendwie nutzen will und irgendwann war es so ein bisschen: oK, wenn ihr mir alle sagt irgendwie, es muss anders sein, jetzt mache ich es einfach, wie ich es für richtig finde.

Hat sie eigentlich einen Lieblingsdrummer aus der Rockmusik? Klar, und vermutlich ist es kein Zufall, dass der auch ziemlich eigen war. Keiner von den Drummern mit „dicken Oberarmen“.

Charlie Watts. so ein eleganter Schlagzeuger, so gentlemanlike, der irgendwie da hinten bei den Rolling Stones sitzt, er schaut sich das so von hinten an, was die anderen da vorne so treiben auf der Bühne. Ein Rockdrummer der anderen Art.

Mit Anfang 30 sieht sich Leonie Klein noch lange nicht am Ziel. Sprüht vor Zuversicht und Freude, Neues aus sich zu entwickeln. Konzerte selbst konzipieren ist ein Bild von sich, auf das sie zugeht.

Nicht nur als Interpretin auf die Bühne zu gehen, sondern eben auch zu schauen, wie kann man das, was auf der Bühne stattfindet, konzipieren. Für mich einfach neue Facetten nochmal zu entdecken.

Ich finde, Leonie Klein kann einen inspirieren: dass ein starkes Ziel Verzicht lohnt. Wie man Eigensinn bewahrt und so vielleicht zu der Person reift, die in einem steckt. Und wie sie ihr Glück schätzt.

Am Wochenende würde man nie ins Büro gehen und arbeiten, aber man geht in den Proberaum, weil es einfach Spaß macht, und es fühlt sich gar nicht wie Arbeit an. Und das ist auch das Schöne, wenn das einen so erfüllt.

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Terminhinweis:
Mittwoch 16. April 2025 19.30 Uhr
Bibel und Schlagzeug
Dom zu Speyer
Lesung Christoph Kohl
Schlagzeug Leonie Klein

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41746
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SWR1 Begegnungen

01NOV2024
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Annegret Lingenberg Foto: Gerhard Krämer

Wolf-Dieter Steinmann trifft Annegret Lingenberg, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Die erste Pfarrerin in Baden „im Ehrenamt“ ist auch Oblatin einer evangelischen Kommunität. Sie lebt als evangelische Frau nach der Regel des „Heiligen“ Benedikt. „Bete und arbeite“ überzeugt sie. Warum? Weil es zu ihr passt. Eine evangelische Heilige habe ich nicht getroffen. Aber sie ist überzeugt, dass wir mit dem Heiligem in Berührung kommen. Beim Beten und Arbeiten, also im Leben. Nicht erst danach. Annegret Lingenberg, inzwischen über 80, hat einen spannenden Lebensweg. Mit fast 60 ist sie noch Pfarrerin geworden, im Ehrenamt. Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Heilig ist für sie: Gott kommt ins Spiel.

Gott kann mir überall begegnen, also wenn ich zum Beispiel hier ein Begleitgespräch habe oder ein Seelsorgegespräch, das kann zum heiligen Ort werden, wenn hier spürbar Gott dabei ist. Und das ist geschieht nicht selten. Ja, ich würde sagen, es kann jeder Ort heilig werden.

 Und Menschen, die dort sind. Wobei, in der Bibel erschrecken die meisten, wenn sie vom Heiligen berührt werden. Weil das ins Leben greift.

Es wäre nicht normal, das zu wollen. Insofern bin ich auch sehr zurückhaltend, etwa zu behaupten, ‚ich will heilig werden‘. Wenn Gott mich anrührt, dann hmm; ich nehme es an und gehe damit um, aber ich strebe nicht danach.

Gott kann berühren: Mich, Sie, viele. Wichtig ist Annegret Lingenberg, dass man bei „heilig“ nicht zuerst an Moral denkt. Sie spürt das Heilige oft in einer evangelischen Kommunität in Franken. Sie lebt dort nicht fest, sondern ist Oblatin; heißt:

Ein Mensch, der sich Gott darbringt, und zwar ganz konkret, indem er sich bindet an eine benediktinische Kommunität, um zusammen mit den Schwestern, den Brüdern dieser Kommunität, diesen Weg zu gehen. In dieser Weggemeinschaft für Gott verfügbar zu sein.

Mindestens zwei Dinge an der Regel des Benedikt haben sie überzeugt. Es geht wirklich um das Miteinander mit Christus, als getaufter Christ. Und das unglaublich realistische und menschliche Maß: Es gab ja vorher auch schon Klosterregeln, die viel fordernder und viel rigider waren. Er setzt einfach voraus, was ein Mensch normalerweise leisten kann und was nicht, und verlangt nicht irgendwelche asketischen Purzelbäume.

„Bete und arbeite.” Das Gute ist, diese Regel hält beides im Gleichgewicht. Arbeit ist nie wichtiger als das Gebet. Nur arbeiten ist nicht Sinn des Lebens. Man braucht Quellen zum Leben und Zeiten, in denen man zu ihnen kommt. Tief prägend hat sie das erlebt vor Jahren, bei einer Schweigewoche in der Kommunität.

Ne Gemeindesituation, die mich sehr beschäftigt hat. Zum anderen eine Krebserkrankung. Das hab ich dann in so ner Schweigewoche durchgearbeitet und durchlebt. Und dann wieder rausgefunden, mit einem Ja zum Weitergehen. Es gibt durchaus mystische Momente, die man da erleben kann.

Ihre “Lieblingsheilige” ist Teresa von Avila. Die ist erst heilig geworden, nachdem sie aufgehört hatte, es sein zu wollen.

Die liebe ich heiß und innig. Sie war eine sehr kluge Frau, mystisch veranlagt und sie hatte viel Humor und sie hatte eine unglaublich gute Art, mit Menschen umzugehen.

Annegret Lingenberg fände schön, wenn sie das auch so könnte. Sie probiert es.
Annegret Lingenberg strahlt unaufdringliche Freundlichkeit aus. In ihrer Diele begrüßt mich ein Ikonengemälde, Thema: Gastfreundschaft. Geprägt ist sie von der Ordensregel des heiligen Benedikt: “bete und arbeite” und eng verbunden mit einer evangelischen Kommunität in Franken. Dort kann sie Heiliges spüren.

Weil sie eine sehr schöne Liturgie feiern und weil man in den Gottesdiensten wirklich etwas spürt von der Heiligkeit Gottes, um den es geht. Und ich glaube, es kommt von selber, dass auch in den Gottesdiensten, die ich feiere, ein bisschen durchscheint von der Heiligkeit Gottes und von meiner Ehrfurcht vor dem, was ich da mache.

Die zweite Säule, “arbeiten”, das ist für sie bis heute, mit über 80: Seelsorge. Menschen begleiten auch in Tiefen. Leben geistlich verstehen. Gott darin entdecken und gute Wege finden. Sie hat oft erfahren: Arbeiten und beten brauchen einander.

Die Psalmen umfassen ja so unendlich viel. Der ganze Hass, die ganze Gewalt und alles, was uns heute im Augenblick so aufregt, kommt ja alles schon, in den Psalmen vor. Indem ich Psalmen bete, bin ich mittendrin in dieser Welt, die ich vor Gott bringe.

Ja, es ist gut, dass man das Heilige ersehnen kann, erbeten. Und arbeiten? Mir ist auf einmal Oskar Schindler eingefallen, der in seiner Fabrik über 1000 jüdische Menschen vor den Nazis gerettet hat. Schindler: Lebemann, Spion, kein klarer Charakter. Bis zu dem Tag, als er gesehen hat, was die Nazis verbrechen. Ab da haben die Schindlers alles drangesetzt, jüdische Menschen zu retten. Sind sie so was wie weltliche Heilige?

Ich würde jetzt nicht sagen, also ja, ja, natürlich auch ein Heiliger, aber ich denke, Gott hat ihn auch als Werkzeug benutzt. Und er nicht mehr an Eigenes dachte, sondern wirklich an diese Unmenschlichkeit. Und vielleicht ist es ne Gottesberührung gewesen, dass er erkannt hat.
Sind Gottes Geschöpfe, mit denen kann man so nicht umgehen. Und wenn man es tut, ist es ganz furchtbar und man muss was dagegen tun.

Ich finde Oskar Schindler inspirierend. Er war nicht der Typ „moralisch gut”. Aber er hat sich aufrütteln lassen. Vielleicht sollten wir auch heute andere nicht zu schnell „moralisch“ festlegen.

Es ist für mich eben nicht das ethische Handeln Grund der Heiligkeit, sondern in der umgekehrten Reihenfolge: Angerührtsein von Gott wird sich äußern. Dann packt man an oder man geht und hilft. Und das ergibt sich oft mehr von selber. Ich glaube, manche Menschen, die uns so vorkommen, als seien sie wirklich kleine Heilige, die würden sehr erstaunt gucken, wenn man ihnen sagen würde, also ich finde, dass du heilig bist. Wahrscheinlich würden sie sagen: ‘Öh’.

 Wenn man heilig angerührt wird, kommt es wohl darauf an, dass die Emotion nicht verweht, sondern Hand, Kopf und Fuß kriegt. Dass man nicht hasst oder resigniert. Annegret Lingenberg hat noch ein überraschendes Wort dafür.

Angerührt werden von Gott kann man sich vielleicht so vorstellen, als würde man angesteckt. Er berührt mich und steckt mich an mit seiner Heiligkeit.

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28JUL2024
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Andrea Ziegler mit Joy Foto: Svenja Stein, Europapark.

Ich bin schon vielen Menschen bei ihrer Arbeit begegnet. Aber so beseelt und glücklich wie Andrea Ziegler, waren, glaube ich, wenige. Sie ist Diakonin im Europa-Park. Quasi das evangelische Gesicht der Kirchen dort. Was bietet Andrea Ziegler zwischen all den Attraktionen?

Wir als Kirche im Europa Park, mein katholischer Kollege Thomas Schneeberger und ich, wir sind so ein bisschen Überraschung. Wenn man uns begegnet, dann glaube ich, bieten wir tatsächlich auch Spaß.

Von Kirche überrascht werden – das lassen sich vor allem Gäste gefallen, die mehrere Tage da sind. Oder für die der Park wie ne zweite Heimat ist. Denen kann es passieren, dass sie von ihr an der norwegischen Stabkirche angesprochen werden.

‚Habt ihr Lust auf ein Rätsel‘? Die Leute kommen, erkunden die Stabkirche und wenn sie alles richtig haben, dann haben Sie am Ende die Zahlen, um das Schatzkistlein zu öffnen und dann teilen wir natürlich unseren Goldschatz mit den Gästen und kommen gleichzeitig gut ins Gespräch.

Unterhaltung: Das ist ein Schlüsselwort für Andrea Ziegler. Weil da mehr drinsteckt, als man meint. „Unterhaltung“ ist für sie tief-sinnig.

In dem Sinne, dass wir gute Gespräche anbieten. Aber auch, dass wir etwas bieten, einen Grund, der hält, etwas unter sich zu haben, was durchs Leben trägt. Dass wir einen Gott ins Gespräch bringen können, der unser Leben unter-hält.

Darum feiern viele mit ihr und ihrem Kollegen auch Gottedienst. Über 100 mal im letzten Jahr: Da wurde geheiratet, sie haben Kinder getauft und Menschen haben auf ihr Leben geschaut. Wie ein französisches Paar, das auch noch eine Bitte hatte.

Plötzlich erzählten die, ja, sie haben heute fünfundzwanzigjähriges Ehejubiläum und sind zufällig in die Kirche gekommen. Und wenn sie jetzt noch einen Segen kriegen könnten. Natürlich habe ich das gemacht im Wikingerkostüm in schlechtem Französisch, aber es war ein unfassbar schöner Moment. Man -hat einfach gespürt:

Der Segen der streichelt die Seele der Menschen und die gehen gestärkt und gut unterhalten wieder weiter in den Tag.

Auch in Trauer ist sie da. Bei 5000 Mitarbeitenden im Park, gibt es auch Leid. Sie fragt längst nicht mehr, was soll Kirche in einem Freizeitpark? Umgekehrt wird ein Schuh draus: Kirche soll einfach da sein, wo Menschen leben. 

Diese Selbstverständlichkeit zu leben und gastfreundlich alle Menschen zu empfangen, getragen vom Glauben. Ich glaube, das ist eines unserer Ziele, in ökumenischer Verbundenheit., (0.12)

Überrascht hat mich, dass es auch gelingt, Verbindungen zu schaffen über den Park hinaus, auf Insta zB.

 

Instagram das ist ein Ort, wo Menschen mit uns in Kontakt und in Verbindung bleiben.

Seit vier Jahren ist Andrea Ziegler das evangelische Gesicht von “Kirche im Europa-Park”. Und Sie hören es bestimmt. Es ist ihr eine Freude. Vielleicht heißt darum auch das neue Maskottchen “Joy”. Sieht sehr sympathisch aus, kuschelig, ein bisschen Hummel, ein bisschen Engel. Nen Heiligenschein hat Joy auch, auch wenn der manchmal etwas verrutscht. Und Segen.

Diesen Glitzersegen verstreut Joy, unser Maskottchen, überall und trägt ihn überall hin. Und da sagen wir immer: ‘Wenn man einmal Glitzer abkriegt oder einmal Segen abkriegt, wird man den eigentlich nie wieder so richtig los. Und wenn die nächste Portion kommt, glitzert er nur noch mehr.’

Man spürt: Andrea Ziegler ist Feuer und Flamme für ihre Arbeit. Aber das war nicht immer so. Ihr Vorgänger hat sie überreden müssen, dass sie die Richtige sei. Ich würde sagen: Sie ist be-rufen worden. Ist das nicht Glück, wenn man gefunden wird?

Ich empfinde es inzwischen als große Ehre, dass ich hier arbeiten darf. Es ist weltweit einmalig, eine solche Kooperation zwischen evangelischer katholischer Kirche und einem Freizeitpark. Und es macht mir einfach unglaublich Spaß, mit diesen ganzen Menschen, mit den Ideen, die ich hier einbringen kann.

Sie wünscht sich, dass das, was sie beflügelt, insgesamt Kirchen und Gemeinden inspiriert. Vor allem die ökumenische Zusammenarbeit. Sie bedauert – mit ihren Anfang 40 – dass sie nicht immer schon so gearbeitet und gefragt hat.

Wo kann man gemeinsam Dinge angehen, die vielleicht jetzt gerade jeder für sich macht? Es kommt weniger drauf an, ob ich evangelisch oder katholisch bin.
 Ich bin der Überzeugung: Ein Erfolgsrezept für eine gelingende Arbeit ist ein gutes Team. Wenn ich Menschen finde, mit denen ich mich vielleicht auch gut ergänzen kann.

Sie lernt auch von Mitarbeitenden im Park: Professionalität und Liebe zum Detail können gute Arbeit besser machen. Auch bei Kirchens.  Es inspiriert sie, wenn Parkmitarbeitende sagen: ‘Wir arbeiten sehr gern’ und auch deren Haltung: ‘Wir wollen Erwartungen von Gästen über-erfüllen.’ Andrea Ziegler spornt das an. Wobei übererfüllen, ja nicht ‘immer mehr’ bedeuten muss.

Auch der Überraschungsmoment kann übererfüllend sein, wenn ich damit nicht gerechnet hätte. Also einfach mal denken, out of the Box, ganz anders denken und gucken, was kommen denn da für Ideen, und dann auch den Mut haben, es einfach mal zu probieren.

Ich bin sicher, Andrea Ziegler wird weiterhin Menschen überraschen: Mit Segen und Glanz. Die kommen einem ja immer mal abhanden. Aber Auffrischung ist möglich. Im Park und draußen.

Eigentlich ist das gar nicht so kompliziert, hier zu heiraten oder das Kind taufen zu lassen. Man meldet sich.
 Heiraten kann man ja auch ökumenisch. Dann sind sogar wir beide anwesend. Und dann nimmt das Ganze seinen Lauf.

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SWR1 Begegnungen

19MAI2024
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Thorsten Dietz

Wolf-Dieter Steinmann trifft Prof Thorsten Dietz.
Der evangelische Theologe ist medial kreativ. Als Autor, Podcaster und
in Videos inspiriert er zum Denken und Glauben. Seit August 2022 am
"Fokus Theologie" im „REF(ormierten)-LAB(oratorium)“ in Zürich.

Das Christentum ist alt geworden. Hat er auch mal gedacht. Inzwischen hält er es für möglich, dass es seine Zukunft noch vor sich hat. Und das hat für Thorsten Dietz viel mit seinem ‚persönlichen‘ Pfingsten zu tun. Mit der Lebensenergie, die ihn angesprungen hat, als er Bibel gelesen hat. Erst distanziert, wie ein Zuschauer auf den hinteren
Plätzen. Aber dann:

Ich war völlig verstört, aber auch zunehmend ergriffen, mit welcher Leidenschaft in der Bibel gelebt wird. Und habe gelernt, mir zuzugestehen: Ich brauche so etwas eigentlich auch. Dieses ‚Gott hat mich lieb, sieht mich, hört mir zu.‘ Das war eine Lebenswende. Diese Geborgenheit, bei einem DU zu finden, was ich nicht beweisen und begründen kann. Was ich aber spüre, wenn ich mich dafür öffne.

Da war er schon erwachsen, als er Christ geworden ist. Zuvor Atheist. Heute mit gut 50 ist er überzeugt. In Pfingsten steckt ein großer Traum für Menschheit und Erde.

Dieser Traum eines gemeinsamen Lebens, wo diese ganzen Mauern niedergebrochen werden; die von ‚drinnen und draußen‘ und die von ‚oben und unten‘ und wir gemeinsam verbunden werden durch etwas, was uns heilig ist.

In der Bibel wird erzählt, wie Menschen das vor 2000 Jahren erlebt haben: Jesu Traum von einer besseren Welt schien am Kreuz gestorben. Dann haben einzelne gesagt: Jesus sei nicht tot, Gott habe ihn und seinen Traum neu zum Leben erweckt.

Dann machten sie gemeinsam die Erfahrung wie sie das begeistert, wie es sie ergreift und wie es sie zusammenfügt. Und sie haben dann gesagt: ‚Es war das Gefühl, als hätte Gott uns erfüllt mit seinem Geist, mit Mut, mit Kraft, mit Freude‘.

‚Heiliger Geist‘. Thorsten Dietz weiß, das klingt speziell. Aber der ist nicht nur für Religiöse. Im Gegenteil. Geist ist Lebenskraft in allem.

Grade im Alten Testament wird uns Geist, ruach, Windhauch, Geistkraft gezeigt als etwas ungeheuer Dynamisches, was jedem Lebewesen innewohnt, im Atem.

Darum ist für ihn klar: Kirchen und Christenmenschen haben diese Kraft nicht für sich.

Wir werden ab und an freundlich ergriffen und berührt und dürfen staunen und können versuchen, davon etwas zu sagen, in Predigt und Theologie. Das ist es dann aber auch. Er gehört allen.

Es entspricht Gottes Geist auch nicht, wenn wir Menschen uns abgrenzen in „wir drinnen- die draußen“. An Pfingsten sollte man  diesen Traum feiern. Indem soziale Grenzen durchlässig werden, wir Fremde erkennen, unser Wirgefühl weiten.

Wo wir vielleicht lieber denken sollten an Freundinnen und Freunde, an Gemeinschaften, an Netzwerke. es wäre das Freundschaftsfest schlechthin. Geistkraft Gottes ist sehr eventfreundlich und das sollten wir feiern. Gott ist nicht nur auf Familien programmiert.

Pfingsten berührt Thorsten Dietz tief innen. Und lässt weit denken und
neu glauben.

 

Thorsten Dietz war Atheist, dann eine Lebenswende, Pfarrer im Ruhrgebiet. Professor. Heute mit gut 50 bringt er Christliches kreativ in soziale Medien. Er mag Pfingsten. Weil Gottes Geistkraft in allem Leben ist und es an vielen Orten bewegt in eine bessere Richtung. Sie wirkt frei und unverfügbar. Schafft Neues, verändert. Und das tut ja not, bei den Gegenkräften.

Wo Leben aufsteht gegen den Tod, wo Menschen Gemeinschaft knüpfen gegen Vereinsamung, wo Menschen Ungerechtigkeit entgegen treten, weil sie sagen: ‚das tötet, das engt ein, das wollen wir nicht mehr.‘ Und dafür den Sinn zu wecken, möglicherweise ist das nicht etwas, was wir uns wünschen, möglicherweise rührt sich in uns das Geheimnis des Lebens selbst.“

Und diese Kraft berührt auch ganz persönlich. Lange hat er nur „der Heilige Geist“ gesagt. Bis er begriffen hat, für viele Frauen ist das anstößig. Und dass man Gott auch sprachlich nicht einsperren kann.

Ich möchte lernen, neue Worte zu finden, für alte Erfahrungen, die mir lieb und vertraut sind. Aber auch denen neue Seiten abgewinnen, die ich mit anderen Menschen teilen kann. Ich finde, auch das ist Gottes Geistkraft, den Mut, die Offenheit zu finden, Neues zu wagen und zu entdecken.

Aus feministischer Theologie berührt und bewegt ihn Gottes Geistkraft und er findet auch: 2000 Jahre Männerkirche sind genug.

Wo Frauen aufbegehren: Er ist nicht festzulegen auf ein Geschlecht. Wir lassen uns auch Gott und Glaube nicht stehlen und wir akzeptieren nicht, dass wir nicht zählen.‘ Ich lasse mich davon auch gern anstecken. Das tut mir gut.

Es ist ein Geschenk, wenn man sich immer noch ergreifen lassen kann. Auch wenn man älter ist. Ich spüre Feuer und Begeisterung bei ihm.
In unseren Kirchen fehlen ihm die oft. Wir sind ‚hüftsteif‘ geworden,‘ sagt er. Mehr Leben, mehr Geist. Christsein mit dem ganzen Körper, mehr Pfingsten. Musik kann dazu helfen und der spirit von beweglicheren Christenmenschen
zB. aus Afrika.

Die Menschen sind nicht hüftsteif, sie tanzen, sie singen. Sie umarmen einander, sie lassen sich ergreifen und berühren sich gegenseitig. Wir können uns davon inspirieren lassen.
Und ich glaube, Musik ist eine Kernsprache des Göttlichen. Wo wir uns der Musik öffnen, mitschwingen, so in Resonanz versetzen lassen. Ist immer ein guter Anfang.

Thorsten Dietz ist sicher, immer wenn ich spüre, ich bin Teil des großen Lebens auf unserer Welt. Das sind heilige Momente. In diese Richtung wünscht er Ihnen und mir noch viel Pfingstliches, heute und überhaupt.

Möge jeder etwas finden, was ihn berührt und ergreift. Und man kann an so einem Tag ja mal überlegen, ob das stimmt, was viele denken, dass sie das Christentum hinter sich haben. Vielleicht haben sie es auch noch vor sich.

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SWR1 Begegnungen

01APR2024
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Désirée Binder

Wolf-Dieter Steinmann trifft Désirée Binder, psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin aus Freiburg

Ostern ist existentiell

Im Auto nach Freiburg zu Désirée Binder bin ich in ne schwarze Wolkenwand geraten und hab gedacht: „Wie das Leben: Es wird nicht heller, wenn man älter wird, und unsere Welt, oje.“ Nach der Begegnung war ich heller: Die Räume, in denen die Psychologin mir begegnet ist. Und: Désirée Binder hat mir Ostern in die Seele erzählt, wie gut es tut.

Wenn so aus den Zweigen das erste Grün springt, dann springt mein Herz. Ich hab Ostern sehr, sehr gern.

Dabei kann man Ostern nicht ohne Karfreitag haben. Früher hat sie damit gehadert: warum immer Kreuz? Inzwischen macht genau das für sie Ostern lebensnah: Jesus ist auch dort gewesen, wo wir alle hingehen. Tot. Und er ist da durch. Das lässt hoffen.

Dass G_tt aus dem, was wir uns am wenigsten wünschen. Krankheit, Gewalt. Tod; dass G_tt aus diesem Schlimmen was Gutes wachsen lassen kann. Und dass es dann nichts mehr gibt, das in unserem Leben verloren ist. Eine Freundin, die hat über ihre tiefste Lebenskrise mal gesagt: ‚das wollte ich nie noch mal erleben müssen, aber ich wollte es auch nicht missen.‘

Ostern, also dass Jesus neu lebendig ist, wirkt weit über die Feiertage hinaus. Sie erlebt das auch in der Arbeit als psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin. Oft kommen Menschen zu ihr, die feststecken.

Wenn es dann gelingt, wieder dort anzuknüpfen, wo Menschen stark sind, wo sie ihre Lebendigkeit spüren, vielleicht auch im Ärger, auch im Widerstand gegen ne Situation, die ihnen zu schaffen macht und dann Vertrauen finden, es gibt da vielleicht einen Weg, dann ist es so ein bisschen was wie ne Ostererfahrung.

Was hilft, aufzustehen in Krisen und durch Täler zu kommen? Désirée Binder setzt darauf: tiefe menschliche Begegnungen wirken heilsam. Darum: bitte pflegen.

Ich glaube, wir müssen in Zeiten, in denen wir nicht im Tief sind, anfangen, uns einfach zu gönnen, ein Stück Leben zu teilen. Das kann helfen, in Situationen, in denen wir wirklich jemanden brauchen, darauf zurückzugreifen und zu sagen, da war doch mal jemand.

Die Erfahrung, ich bin nicht allein, die macht jede Situation weniger ausweglos.

Das geht auch per Telefon: Wenn Seelen sich einander öffnen und heilsam zusammen schwingen. Manchmal wird dabei auch klar, es ist jetzt dran, was aufzugeben. Sie nennt das ‚heilsam kapitulieren.‘ - Wenn ich endlich aufgeben kann, einen vertrauten Irrweg immer zu wiederholen. Dann kann Neues wachsen.

Es ist immer schön, wenn jemand sich einladen lässt, das Selbstbild mal upzudaten, zu sagen, ‚eigentlich bin ich da schon ein paar Schritte weiter, ich hab es nur noch nicht gemerkt.‘

Für Désirée Binder durchzieht Ostern das ganze Leben. Dabei ist manchmal auch ein „unbekannter“ Dritter im Spiel.

 

Désirée Binder mag Ostern. Erstaunlich. Hat sie doch schon früh wichtige Menschen verloren. Mutter, Großeltern. Das hat ihr Leben tief erschüttert. Und doch dieses Vertrauen in sie gelegt: Am Ende ist Licht. Anderen geht das ähnlich.

Ein Freund von uns, der hat es beim Verlust seiner Frau mal so ausgedrückt. ‚Ich bin zugrunde gegangen. Und an den Grund gekommen, der mein Leben trägt.‘
Den er Gott nennt. 
Und es war so, dass ich diesen Urgrund auch gespürt hab. Jetzt könnte passieren, was will, mich würde nichts mehr so tief erschüttern.

Dazu passt eine ihrer Lieblingsostergeschichten aus der Bibel: von zwei Freunden Jesu. Nach seinem Tod sind sie erschüttert, bodenlos. Sie fliehen aus Jerusalem. Auf einmal geht einer mit ihnen: ein „unerkannter“ Bekannter.

Sie erkennen ihn nicht. Und das Großartigste ist, dass sie ihn erkennen, als er mit ihnen isst. Das gemeinsame Essen. Das Brot teilen. An diesem Vorgang erkennen sie ihn.

Schon in der Bibel wird also erzählt: G_TT ist nicht einfach unübersehbar da. Man kann G_TT nicht ‚haben‘. G_TT erscheint eher für Menschen und dann können Gebeugte aufstehen. Désirée Binder glaubt an G_TT als ein großes Du.

Wenn ich dieses große Du anspreche. Dass das nicht ohne Resonanz bleibt. Dass es irgendwas gibt, was mich nicht als die gleiche zurücklässt. Ich ahne mehr, als ich weiß.

Das genügt. Dass man Gott nicht sicher weiß, sondern glaubt und hofft, ist kein Mangel. Es gibt „Sachen“ mit Geheimnis: Wie den Tod.
Aber ich finde, sie hat da eine schöne Hoffnung.

Ich habe so das Bild, dass Christus den Weg vorausgegangen ist und an dem anderen Ufer sozusagen wartet. Und dann die Hand, die ich loslasse, ablöst und mir ne Hand gibt und mich rüber holt.

Ich glaube, hoffen macht frei. Heute z.B., wenn man schön feiert. Für Désirée Binder gehört dazu: Die Auferstehungsfeier morgens um sechs.

Einander zurufen: ‚Christus ist auferstanden‘. Ein Osterfrühstück. Und was für uns unbedingt dazu gehört, ist, dann rauszugehen, uns Ostergeschichten zu erzählen, zu lachen.

Vielleicht überrascht es Sie, aber als sie das gesagt hat, hab ich an Alexej Nawalny gedacht. Wie er vor seinen Richtern steht, aufrecht, mit Humor. Trotzt der Gewalt und irgendwie auch dem Tod. Désirée Binder bestätigt, Ostern ist auch politisch existentiell.

Uneingeschränkt Partei ergreifen für die Menschenwürde und das Lebensrecht aller Beteiligten. Und ich hoffe, dass Gott nen Weg für uns hat.
Und so kleine Osterzeichen sind für mich wirklich so Friedensinitiativen.

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SWR1 Begegnungen

04FEB2024
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Cheyenne Dziurczik Foto: privat

Wolf-Dieter Steinmann trifft Cheyenne Dziurczik aus Mainz, ehrenamtliche Hospizbegleiterin.

Mitten im Gespräch mit Cheyenne Dziurczik ist mir dieser Satz eingefallen: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.“ Stimmt, sie hat auch was von nem Engel: geerdet, himmlisches Lachen, Lebensfreude und Hingabe zu Menschen.
Beim ambulanten Hospizdienst in Mainz engagiert sich Cheyenne Dziurczik ehrenamtlich, schenkt ihre Zeit. Z.B. einem noch gar nicht so alten Mann.

Er ist jetzt 65. Leider an Krebs erkrankt. Wir halten telefonisch regelmäßig Kontakt und ja, trinken auch des Öfteren mal einen gemeinsamen Tee zusammen.

Sie ist noch keine 30 Jahre alt. Trotzdem macht sie das und sie würde auch ins stationäre Hospiz mitgehen, wo Sterbende in den letzten Wochen begleitet werden. Leben solle auch dort spürbar sein.

In meinen Begleitungen geht es ganz, ganz viel um das Leben, gar nicht mal extrem viel um den Tod oder das Sterben an sich. Das ist natürlich auch Thema. Ich denke, das ist auch für die Verarbeitung sehr wichtig, dass man auch auf die lustigen und schönen Dinge im Leben zurückblicken kann. Es wird schon sehr viel gelacht.

Und lacht dabei. Das Leben soll immer wieder blühen. -
Damit man als Ehrenamtliche reflektiert begleiten kann, durchläuft man bei der Mainzer Hospizgesellschaft einen Grund- und Aufbaukurs. Weit über 100 Stunden.

Wie gehe ich mit den Sterbenden um, wie ist die Kommunikation, aber auch, warum entscheide ich mich dafür, ehrenamtlich in diesem Bereich tätig zu sein? Wo sind meine eigenen Grenzen?

Ihr erster Freund ist ums Leben gekommen, da war sie 15. Das war traumatisch. Aber nicht traumatisierend. Cheyenne engagiert sich auch, weil sie menschlich wachsen will, und aus Neugierde.

Was passiert noch mal am Lebensende und was sind auch noch mal Ziele oder Gedanken von den Menschen.
Dadurch, dass ich da sehr, sehr viel mit mir selbst dann auch irgendwie erarbeitet habe, war das dann so der Weg.

Sie will begleiten, Angehörige entlasten, und auch mal ein bisschen ablenken. Die Krankheit soll nicht alles beherrschen.

 Ja, die Krankheit, das ist einfach Scheiße. Da steht die Welt erstmal komplett auf dem Kopf. Aber es gibt eben auch am Lebensende noch schöne Seiten. Das zu zeigen, mitzugeben. Das ist viel mehr die Intention dahinter als den Leuten zu helfen, weil das kann ich nicht.

Sie gibt Zeit und Lebensfreude, damit auch diese Phase des Lebens, ja, „gefeiert“ wird. Das Leben geehrt. Aber dann muss ich sie doch auch fragen: Kriegt sie auch was zurück? Ja, sagt sie, viel Dankbarkeit.

Und noch mal ein anderes Lebensgefühl. Weil man einfach noch mal geerdeter wird: Diese kleinen Alltagssituationen, über die man sich banal aufregt, die sind nach den Begleitungen verpufft. Das Leben ist eigentlich so schön. Man kann dankbar sein für das, was man hat.

Ich bin sicher: Cheyenne Dziurczik tut Menschen gut. Wenn sie mit Schmerzen  zu ihr, als Physiotherapeutin, kommen. Demnächst wird sie andere dazu auch ausbilden. Mit noch nicht mal 30.
Und auch ehrenamtlich tut sie gut: begleitet Sterbende ambulant über die Mainzer Hospizgesellschaft. Kraft dafür geben ihr die Supervision dort und sie hat Rückhalt im Netzwerk ihrer großen Familie. Das trägt. Vor 50 Jahren sind ihre Großeltern aus Polen gekommen.

Kraft nehme ich tatsächlich viel aus meinem familiären Umfeld, aber auch der Rollendefinition.
Ich fühle als Cheyenne sehr mit, hab am Sterbebett auch geweint. Aber ich trauere danach auch nicht weiter. Es ist dann ein Abschluss, den man finden muss, dann hat man eben auch wieder Energie für was Neues.

Vermutlich kann man sich auf neue Begegnungen nicht ganz einlassen, wenn man nicht Abschied nehmen konnte. Und dazu spielt auch der Kopf eine wichtige Rolle: Welchen Sinn sieht man für die, die uns vorausgehen.

Tatsächlich ist es so für mich, dass alle irgendwie in den Himmel kommen. Für mich gibt es keine Hölle. Und ab und zu hab ich auch den Eindruck, dass in verschiedenen Situationen dann wirklich auch kleine Schutzengel draus werden. Und man so Situationen als Angehöriger auch ein Stück weit besser verkraften kann.

Diese umfassend lebensbejahende Einstellung hilft wohl, dass sie ihrem Anspruch gerecht werden kann: Ganz da zu sein für Angehörige und Gehende. Sie will dem gerecht werden, dass auch das Lebensende individuell ist und das auch mit ermöglichen.

So sein, wie man ist. Ohne irgendwie die Menschen versuchen wollen, in eine Richtung zu lenken. Alles fühlen zu lassen, was irgendwie an Emotionen aufkommt, es ist alles erlaubt. Dass keiner wirklich alleine ist, da sein und zuhören.

Sie erlebt, dass sie dabei auch selbst sehr viel bekommt. Sie hatte Sorge, gibt sie zu, als sie zum ersten Mal im Hospiz dabei war in der letzten Stunde. Aber es muss gut gewesen sein.

Weil das ein unheimlich friedlicher Moment war. Da habe ich das erste Mal so die Ehrfurcht gespürt und ganz tiefe Dankbarkeit. Dass ich einfach diesen Moment miterleben durfte.

Zum Abschluss gibt mir Cheyenne Dziurczik noch etwas ganz Praktisches mit. Klingt beinahe wie eine Kleinigkeit. Aber vielleicht ist es in Wahrheit doch auch fundamental, wie es uns gelingen kann, einander menschlich loszulassen.

Immer sich verabschieden. Wenn es nur gerade mal eine Kaffeetasse oder, ja, mal ein Toilettengang ist, sollte man sich vorher verabschieden.

 

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17DEZ2023
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Heike Reisner-Baral

Wolf-Dieter Steinmann trifft Pfarrerin Heike Reisner-Baral

Auf dem Weg zu Heike Reisner-Baral nach Pforzheim ist mir klar geworden. Ich mag den Advent. Weil ich einfach nicht aufhören kann, mir die Welt heller zu wünschen. Ich kann verstehen, wenn Sie das nicht mehr können. Aber mir geht es wie Heike Reisner-Baral. Bei ihr steht der Advent auf der Beliebtheitsskala zwischen 0 und 10 weit oben.

Im Laufe meines Lebens ist die Skala gewachsen und ich bin bei 8 gelandet. Ich liebe den Advent und ich kann es dann, wenn November wird, kaum erwarten, dass es beginnt und losgeht.

Manches daran kann auch nerven. Es ist ihr manchmal zu viel Halligalli. Und wie viele hat sie - als Pfarrerin - ja auch Stress. Trotzdem engagiert sie sich für ihr „Advent anders“. Sonntagnachmittags ist in der Pforzheimer Schlosskirche Zeit zum Aufatmen.

Wir liegen in der unmittelbaren Nähe zum Mittelaltermarkt und zum Weihnachtsmarkt. Wir haben also auch fußläufiges Publikum und wir legen Wert darauf, dass wir immer besondere Musik haben, Folkmusik, wir haben Jazz, wir haben Gospel und es gibt dazu kurze Impulse. Es gibt 2 Gebete, das Vaterunser und den Segen.

Und die Kirche ist voll. Ich habe auch dieses Bedürfnis nach Segen. Das Leben und die Welt kosten Kraft. Ich glaube, viele spüren das. Heike Reisner-Baral auch.

Ich hab den Eindruck, dass wie so ne Glocke über diesem Advent schwebt. Ja auch ne Traurigkeit. Aber ich spür auch, dass die Menschen und auch ich selber viel sehnsüchtiger auf das warten, was da kommen wird. Und dieser Bibelspruch: ‚Das Volk, das im Dunkeln wandert, sieht ein helles Licht.‘
Ich merk, es fasst mich an, aber nicht nur mich, sondern auch die Menschen sehnen sich und möchten auch Hoffnungsworte mit nach Hause nehmen.

Es hat wohl auch mit dem Älterwerden zu tun. Mehr Lebensjahre bringen auch mehr Risse und Brüche. Mit 50  60 kann man mehr Advent gut brauchen.

Dass viele Schicksalsschläge auch da sind: Also Freunde, Freundinnen, die sterben, Eltern, die alt werden, Dinge, die sehr viel tiefer gehen. Und da nimmt auch die Sehnsucht zu und ich wünsch mir, dass das wieder ganz wird. Oder dass es irgendwo aufgehoben ist.

Hoffentlich gelingt das bei vielen. Auch beim Singen heute. Sie freut sich auf die Kirche im Farbenrausch. Auf neue und alte Lieder. Die singen sie übrigens via QR-Code vom Handy. Viele suchen das gemeinsame Singen: Da ist auch ein falscher Ton gut aufgehoben und miteinander hofft es sich leichter als allein.

Du guckst in strahlende Augen und Mann und Frau ist glücklich. ‚Oh du fröhliche, es ist ein Ros entsprungen, stille Nacht‘ das ist eine Sprache, die alt ist, aber die sich weitervererbt. Ich mach die Erfahrung, dass die Menschen Wert darauflegen, dass das nicht ausstirbt und dass sie in dieser Sprache alles ausdrücken können.

Heike Reisner-Baral liebt es aber nicht nur klassisch. Es gibt ja auch neue Weihnachtslieder. Sogar gute. Früher war Advent nicht so ihrs. Inzwischen kann Heike Reisner-Baral ihn kaum noch erwarten. In ‚ihrer‘ Schlosskirche in Pforzheim – da ist sie Pfarrerin – ist jeden Sonntag „Advent anders“. Heute: großes Singen.
Sie hat zwei Lieblingslieder. Das eine 400 Jahre alt, das andere 50. Verrückt, dass beide so viel gemeinsam haben. Stehen auf gegen Elend und für Frieden.

„Oh Heiland reiß die Himmel auf“, das schreit förmlich, dass endlich was passiert auf dieser Erde. ‚Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?‘ Ich mag das, dieses Jahr viel mehr noch als sonst.

Und das andere Lied, das ist Happy Christmas. (flüstert). Also ‚Happy Christmas‘ von John Lennon. Das ging eigentlich als Antikriegslied gegen den Vietnamkrieg. Ich krieg jedes Mal Gänsehaut, feuchte Augen. Ich krieg gleichzeitig gute Laune, ich könnte tanzen, weinen, singen, alles in einem. Und da wird Weihnachten.

Kenn ich. Aber hat Weihnachten nicht auch was Komisches? Dieses ‚alle Jahre wieder‘. Als ich jung war, haben mich diese Rituale aufgeregt. Heute suche ich das Verlässliche, weil sich eh alles ändert. Sie ist auch froh für ‚immer-wieder-Dinge‘: Herrnhuter Stern, Krippe, Plätzchen. Die backt ihr Mann.

Er backt nicht nur, das ist schon ein Festival des Backens. Er in der Küche steht und ich irgendwo am Laptop sitz und der Duft durch die Wohnung zieht.

Und dann „der Baum“: Noch so ein „alle Jahre wieder Ding“ bei vielen. Auch das ist bei Reisner-Barals sein Job.

Dann zieht er los mit dem Herz in der Hand, weil er gespannt ist auf das Urteil seiner Frau, ob er einen schönen Baum ausgesucht hat und ich glaube, das ist auch ein Ritual, dass es ein schöner Baum sein muss.

Im Zweifel kann man ihn auch schönreden. Wäre das dann Lüge? Ne. Vielleicht ist das auch Weihnachten: Dass wir uns selbst und unserer Welt Schönes zutrauen. Mehr Güte, Frieden.
Ja, ich weiß, Weihnachten kann auch weh tun. Man spürt, was fehlt. Heike Reisner-Baral findet trotzdem wichtig, dass Weihnachten sichtbar bleibt. Auch in ihrer Stadt. Muslime feiern, Atheisten.

Jeder macht was, jeder nimmt was mit. Und jeder gibt irgendwo auch was zurück. Und ich find es wichtig, dass das stattfindet und sichtbar stattfindet in einer Stadtgesellschaft.

Sie kann den Sinn des Festes in zwei Messages packen. Eine: „Weihnachten ist der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch.“ Die zweite:

Was von vielen so unterschwellig beklagt wird, dass Menschsein verloren geht, diese Menschlichkeit und da find ich sehr schön: ‚Mach es wie Gott und werde Mensch.‘

Damit wir uns auch in der Woche bis Heiligabend als Mensch spüren können, rät sie: ‚Auszeiten schaffen.‘

Ich gehe jedes Jahr kurz vor Heiligabend zum Friseur. Und dann bin ich total im Glück, weil ich eine Atempause habe.  Nehmt euch tatsächlich Zeit, auch wenn ihr innerlich aufjault: ‚das geht überhaupt nicht‘, tut‘s.

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