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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

25JUN2022
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Inzwischen gibt es sie immer häufiger: die „Schwätzbänkle“. Eine Aktion gegen Einsamkeit.

Die Idee stammt aus England: an einem zentralen Ort eine Sitzbank aufstellen, damit Menschen dort mit anderen reden können. Seit einigen Monaten kümmern sich immer mehr Seniorenverbände und Kirchengemeinden darum, dass es auch bei uns solche Bänke gibt. Bei mir in der Kurpfalz heißen sie Babbelbank, andernorts Schwätzbänkle. Oft steht einfach ein Schild dabei: Schwätzbänkle. Dann weiß der, der seine Ruhe haben möchte: hier setze ich mich lieber nicht hin. Aber jemand, der womöglich den ganzen Tag noch niemand zum Reden hatte und sich gern unterhalten möchte: der nimmt Platz. Die Grundidee: Niemand soll tagelang einsam sein müssen. Alle sollen jemanden haben, mit dem sie reden können. Egal ob über den Spritpreis oder das Wetter oder die Ukraine, vielleicht über eine Frage, die einen beschäftigt, oder eine Sorge. Hier kann man über Gott und die Welt reden. Wer einfach plaudern möchte, kann plaudern. Wer sein Herz ausschütten möchte, kann auch das tun. Manchmal steht auch dabei, von wann bis wann auf jeden Fall jemand hier sitzt, um zuzuhören und zu plaudern. Das ist dann vielleicht jemand vom Stadtseniorenrat oder vom Frauenkreis der Kirchengemeinde oder ein Ruheständler, der das als seine Aufgabe sieht.

In der Schöpfungsgeschichte der Bibel steht der schöne Gedanke, dass Menschen als Gegenüber füreinander geschaffen sind. Da geht es nicht nur um die Zweisamkeit von Verliebten. Da geht es auch darum, überhaupt mit anderen in Kontakt zu sein, Zeit miteinander zu verbringen, Schönes, Alltägliches, Schwieriges miteinander zu teilen. Nicht einsam sein, sondern gemeinsam.

Vielleicht steht jemand vom Schwätzbänkle auf und nimmt die Idee mit, einen Bekannten anzurufen, mit dem er lang keinen Kontakt hatte. Oder einen Gruß an die Freundin im Pflegeheim zu schicken, die nicht mehr viel Besuch bekommt. Oder morgen früh in den Gottesdienst zu gehen und andere Leute zu treffen.

Wir sind als Gegenüber füreinander geschaffen. Ich finde, die Schwätzbänkle sind eine feine Idee, um das zu erleben.

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24JUN2022
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Die Kinder Israels sind nach dem Auszug aus Ägypten an der Grenze zum Heiligen Land angelangt. Vor der Landnahme sendet Moses zwölf Kundschafter aus, um das Land zu durchforschen.

Das vierte Mosebuch schildert die verheerenden Folgen der verleumderischen Berichterstattung, die von der Mehrzahl der zwölf Kundschafter abgegeben wurde.  Diese beurteilten die Möglichkeiten der Landnahme, wegen der Übermacht der Einwohner als völlig aussichtslos.  Diese kleinmütigen Berichte verunsichern das Volk und bringen es auf, gegen die Führung von Moses.  Folglich muss Moses einsehen, dass sein Volk, die vor kurzem befreiten Sklaven, für die Landnahme noch nicht reif ist.  Einer der modernen Kommentatoren äußert die Meinung, dass es wohl für Moses wichtiger war, die Entschlossenheit und die Willenskraft der Stammesvertreter zu prüfen, um daraus über die Gesinnung des ganzen Volkes Schlüsse ziehen zu können.

Als dann die Kundschafter und ihre Mission durch verleumderische Berichte über das Land scheitern, war das in gewissem Sinne das Versagen des ganzen Volkes Israel. Deshalb traf sie alle die gleiche Strafe:  Auf G-ttes Geheiß mussten sie dann von der Grenze Kanaans abdrehen und vierzig Jahre lang in der Wüste umherwandernd verbringen, bis eine neue Generation, seelisch, wie moralisch gestärkt, das Land in Besitz nehmen konnte.

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23JUN2022
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„Das verzeih ich Dir nie!“ Wieviel muss passiert sein, dass jemand das zu einem andern sagt?

Petrus, einer der 12 Jünger von Jesus, hat darüber nachgedacht: Wie oft soll ich jemandem vergeben, bis das Maß voll ist? Er hat Jesus gefragt: „Reicht 7mal?“ Vielleicht hat Petrus erwartet, dass Jesus beeindruckt ist von so viel gutem Willen. Ich jedenfalls finde 7mal ziemlich viel. Ich weiß nicht, ob meine Geduld und meine Vergebungsbereitschaft im Ernstfall so weit reichen würden.

Jesus aber antwortet: „Nein. Nicht 7mal, sondern 70mal 7mal.“ Ich vermute, dabei geht es nicht um Mathe. Also nicht: 70 mal 7 ist 490, das heißt, beim 491. Mal darf ich’s ihm dann endlich heimzahlen. Die 7 steht in der jüdischen Tradition für etwas Vollkommenes, für das Ganze. 70mal 7mal vergeben, das heißt: immer vergeben. Immer wieder. Ohne Maß, ohne Grenze.

Wohlgemerkt: da ist nicht vom Vergessen die Rede. Ich werde also nicht aufgefordert, zig mal in die gleiche Falle laufen, weil ich die schlechten Erfahrungen mit diesem Menschen großzügig beiseite gewischt und verdrängt habe. Aber ich werde aufgefordert, zu vergeben. Also es jemandem z.B. nicht nachzutragen, wenn er mich gekränkt hat. Keine leichte Übung. Aber das Wort „nachtragen“ redet sehr bildlich davon, dass ich mich selbst belaste, wenn ich jemandem etwas nachtrage, hinterhertrage. Ich laufe dann hinter ihm her – er also gibt die Richtung vor, nicht ich. Und ich trage ihm etwas nach, das heißt meine Hände sind nicht frei. Ich bin nicht frei. Solange ich einem anderen etwas nachtrage, hat er Macht über mich, die ihm nicht zusteht.

Vergeben hat viel mit loslassen zu tun. Nicht unbedingt, weil ich so ein edler Mensch wäre, sondern weil ich selbst freier leben kann, wenn ich vergebe.

Jesus hat übrigens noch einen weiteren Grund genannt, anderen zu vergeben. Er sagt, Gott ist barmherzig, auch dir gegenüber. Du kannst Gott um Vergebung bitten, jederzeit. Er ist barmherzig mit dir. Sei du es auch mit anderen. Wenn dich jemand um Vergebung bittet, sei barmherzig. Um seinetwillen, aber auch um deinetwillen. Gib ihn frei. Und geh selbst frei weiter.

Bibeltext: Matthäus 18, 21ff

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22JUN2022
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Eine Randbemerkung über Toleranz. Mehr war es eigentlich nicht, was der Preußenkönig Friedrich der Große auf ein Schriftstück notiert hat, das ihm an einem 22. Juni vorgelegt worden ist. 1740 war das. Es ging um die Frage: Sollen katholische Schulen im evangelischen Preußen geschlossen werden? Wenn die Mehrheit der Bevölkerung evangelisch ist: soll es auch eine andere Glaubensrichtung geben dürfen? Viele Staaten jener Zeit haben Wert darauf gelegt, dass alle das gleiche glauben und der Religion des jeweiligen Machthabers angehören. Minderheiten waren nicht gern gesehen und hatten selten die gleichen Rechte wie die Mehrheit.

Friedrich der Große aber griff an jenem 22. Juni zur Feder und notierte an den Rand des Textes seine Entscheidung: „Die Religionen müssen alle toleriert werden. Hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden.“ Die katholischen Schulen durften offen bleiben, katholische Christen ihren Glauben ausüben. Toleranz war ein wichtiger Wert in Preußen.

Allerdings nur Toleranz, wie Friedrich sie verstanden hat. Er hat sehr klar den Rahmen vorgegeben, in dem man sich zu bewegen und nicht aufzufallen hatte. Juden und Jüdinnen zum Beispiel wurden nicht toleriert. Sie haben auch bei Friedrich keine Chance bekommen, gleichberechtigt mit anderen zu leben. So weit ist seine Toleranz nicht gegangen.

Dabei kommt das Wort „Toleranz“ kommt vom lateinischen „tolerare“. Das heißt übersetzt „ertragen“! Da klingt schon an, dass es anstrengend sein kann, andere zu tolerieren. Es auszuhalten, dass der andere Mensch anders ist, mich irritiert und mir vielleicht in die Quere kommt. Wir sind unterschiedlich geprägt, haben verschiedene Überzeugungen, unterschiedliche Erfahrungen und ticken anders. Nicht nur, wenn es um Religion geht.

Wenn ich einen anderen Menschen toleriere, werfe ich meinen eigenen Standpunkt nicht über Bord. Aber ich ertrage, dass er einen anderen Standpunkt hat. Ich ertrage es, weil wir beide einen Platz auf dieser Erde haben. Dann haben wir womöglich eine Menge zu diskutieren. Und es kann es in der Sache geboten sein, in die Auseinandersetzung zu gehen und meinen eigenen Standpunkt klar zu benennen. Einander toll finden müssen wir nicht. Einander tolerieren, einander ertragen schon.

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21JUN2022
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Heute ist der Tag des Schlafes. Ja, den gibt es tatsächlich. Ein ganzer Tag, der dem Schlaf gewidmet ist. Erfunden von Leuten, die offenbar Sorge hatten, dass wir nicht genug oder nicht entspannt genug schlafen. Klingt etwas verrückt - aber so neu ist die Idee gar nicht. Einige hundert Jahre vor der Geburt Jesu hat jemand ein Lied geschrieben, das es bis in die Bibel geschafft hat. Dort heißt es: „Seinen Freunden gibt Gott es im Schlaf.“ Ein Hoch auf den Schlaf. Kein Hoch auf die Faulheit wohlgemerkt. Der Psalm wird dem König Salomo zugeschrieben. Der war ausgesprochen unverdächtig, was Faulheit angeht. Er hat als König einiges geleistet. Den Tempel in Jerusalem bauen, die Stadt schützen, sich um die Menschen im ganzen Land verantwortungsvoll kümmern – das waren große Aufgaben für ihn. Und doch war ihm klar: Arbeit ist nicht alles. Rund um die Uhr am Rad drehen: das geht nicht und es macht keinen Sinn.

„Seinen Freunden gibt er es im Schlaf!“ Gott segnet nicht nur, wenn jemand Liebesmüh und Herzblut in seine Arbeit investiert. Er segnet den Schlaf.

Ausgerechnet den Schlaf. Wenn man so unproduktiv in den Federn liegt, nichts Kluges und nichts Dummes tut, keine aufregenden Neuigkeiten postet, sondern einfach nur schläft. Jeden Morgen können wir feststellen: Die Erde hat sich heute Nacht weitergedreht, während ich geschlafen habe. Ganz ohne mein Zutun. Lektion 1 des Königs Salomo für Menschen von heute: Nimm dich nicht so wichtig. Die Welt wird es locker überstehen, wenn Du Dich ausruhst und nichts tust. Womöglich wird sie sogar aufatmen…

Indem ich schlafe, setze ich Grenzen: meiner Arbeit und auch der Idee, dass ohne mich nichts geht. Jedes Mal wenn ich einschlafe, übe ich also loszulassen. Und ich übe, damit klarzukommen, dass vieles vorläufig ist, und nichts perfekt vollendet.

Einen Punkt spricht Salomo noch extra an: die Sorgen. Die haben einen vielleicht schon den ganzen Tag begleitet und werden abends so richtig munter, wenn es um einen herum etwas ruhiger wird. Das ist seine Lektion 2: Lass los. Vertrau deine Sorgen Gott an. Er ist heute bei dir. Und morgen wird er auch da sein.  

2 Lektionen des Königs Salomo. Nimm dich nicht so wichtig. Lass los.
Ich finde ja, das sind nicht nur gute Tipps für abends, für die Bettkante. Die sind etwas für den ganzen Tag.
Bibeltext: Psalm 127

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20JUN2022
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Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat die Friedenstaube wieder Hochkonjunktur. Man sieht sie auf Bannern und Plakaten, oder von Kinderhand gezeichnet. Manchmal hat sie einen kleinen Zweig im Schnabel. Sie ist keine Erfindung unserer Zeit, die Friedenstaube, sie geht auf eine Geschichte der Bibel zurück: die Geschichte von der Arche Noah. Noah war der, der von Gott vor der Sintflut gewarnt worden war: Die ganze Welt würde im Wasser untergehen. Er hat ein riesiges Schiff, eine Arche gebaut, seine Familie und viele Tiere an Bord genommen und dann ist die Arche wochenlang im Unwetter unterwegs gewesen.

Als es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich aufgehört hat zu regnen, hat Noah eine Dachluke geöffnet und eine Taube losgeschickt. Er wollte herausfinden: Gibt es irgendwo trockenes Land? Gibt es einen Weg für mich und meine Familie?

Die Taube ist zurückgekommen zur Arche. Sie hat kein trockenes Plätzchen gefunden. Überall nur Wasser. Noah hat nicht aufgegeben. Nach einigen Tagen hat er wieder eine Taube losgeschickt. Auch diese 2. Taube ist zurückgekommen. Aber sie hat etwas mitgebracht: Sie hatte einen Ölzweig im Schnabel. Nur ein kleiner Zweig, aber für Noah war der so wichtig. Er hat gewusst: Der Vogel hat Olivenbäume entdeckt, irgendwo. Ich kann sie noch nicht sehen, aber sie sind da. Es gibt Hoffnung. Wir werden wieder rauskönnen, wir können durchstarten. Das Leben wird weitergehen.

Ich bin ein Fan dieser Taube. Denn sie hätte ja wegbleiben können. Sich‘s im Olivenbaum gemütlich machen können oder so. Hauptsache, mir geht’s gut. Aber nein, sie ist zurück zu den andern und hat die frohe Kunde weitergegeben. Sie hat andere aufgebaut und ihnen Mut gemacht. So ist sie selbst ein Zeichen der Hoffnung geworden. Für Noah ist sie ein Zeichen geworden, dass Gott die Welt nicht aufgegeben hat. Da ist neues Leben. Ein neuer Anfang. Vielleicht nur ein ganz kleiner Anfang, aber doch: ein neuer Tag mit neuen Möglichkeiten. Wir leben.

Noah hat übrigens noch ein paar Tage gewartet und hat dann Taube Nr. 3 losgeschickt. Die ist nicht mehr zurückgekommen. So hat sie den anderen das Zeichen für den Aufbruch gegeben: „Los, raus mit euch. In dieser Welt ist Platz für euch, für eure Ideen. Ihr habt eine Aufgabe. Gestaltet die Welt mit. So werdet ihr für andere ein Zeichen der Hoffnung.“

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