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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06NOV2021
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Leon ist acht Jahre alt. Er sagt: „Ich glaube nicht an Gott. Aber ich spüre, dass das echt ok ist für dich. Dann mach ich im Religionsunterricht gerne mit.“ Leon will nicht abgewertet werden, weil er nicht an Gott glaubt oder gar überredet werden, es doch zu tun. Seitdem ich angefangen habe, Religion zu unterrichten, hat sich viel verändert. In meiner Klasse sind von den 27 Kindern sieben christlich getauft, 15 nicht getauft und fünf Kinder gehören einer anderen Religion an. Das ist anspruchsvoll. Gerade auch bei Elternabenden. Über den Sinn von Religionsunterricht wird oft heiß diskutiert. Ich muss erklären, warum Religion ein ordentliches Schulfach ist wie Mathematik und Deutsch. In der deutschen Verfassung verankert.

Für viele Eltern sind die Kirchen heute weit weg. Sie haben in ihrem Alltag kaum eine Bedeutung. Ethikunterricht statt Religion fordern viele auch für die Grundschule. Gleichzeitig erlebe ich, was Kinder im Religionsunterricht alles fragen und was sie beschäftigt. „Glaubst du an Gott?“ wollte ein Junge zu Beginn einer Relistunde einmal von mir wissen. „Ja, ich habe schon oft gespürt, dass er mich begleitet,“ habe ich geantwortet. Und schon waren wir mitten in einem spannenden Gespräch darüber, wie ich das spüren kann.

Ich kann intensiv mit Kindern darüber nachdenken kann, was geschieht wenn wir sterben. Oder darüber wie das war mit der Entstehung der Welt. Ob alle Menschen gleich viel wert sind, egal woher sie kommen oder wieviel Geld sie haben. Dafür spielt keine Rolle, ob die Kinder getauft oder nicht getauft sind. Davon erzähle ich auch an Elternabenden. Kinder haben ein Recht darauf, solche Fragen zu stellen und darüber nachdenken zu lernen wie über Mathe oder Deutsch. Sie haben ein Recht darauf, dass ich mit ihnen nach Antworten suche und aufrichtig sage, was ich selbst glaube. Wenn ich das tue, merke ich, dass die Kinder besonders neugierig sind. Ich mache sie mit christlichen Antworten vertraut. Und staune, wie viel sie über andere Religionen wissen. Vor allem nehme ich sie ernst mit ihren Überzeugungen. So wie Leon. Egal wie alt sie sind.

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05NOV2021
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Toni Edo ist ein mutiger Mann. 44 Jahre alt und in Nigeria geboren. Seit 2017 lebt er mit seiner Familie in Deutschland. Ich habe über ihn in der Tageszeitung gelesen. Anfang September hat in Rottenburg ein Mann mit einem Messer mehrere Passanten bedroht. Toni Edo hat beherzt und klug eingegriffen. Es ist ihm gelungen, den Angreifer zu überrumpeln und ihm das Messer wegzunehmen. Zwei Wochen später war Toni Edo noch einmal in der Zeitung. Er ist für seinen Mut geehrt worden. Bei beiden Zeitungsberichten hab ich gedacht… Gott sei Dank. Dieses Mal ist der Einwanderer mit afrikanischen Wurzeln der Gute und nicht der Böse. Wie gut, dass es auch mal andersrum ist. Der dunkelhäutige Mann nicht der Täter.

Dass ich so jemals denken würde, hätte ich vor fünf Jahren noch nicht für möglich gehalten. Die Stimmung gegenüber fremden Menschen in Deutschland hat sich verändert. Das merke ich an mir selbst. Es irritiert mich, wenn im Bus niemand außer mir deutsch spricht, obwohl ich eigentlich fremde Sprachen mag. Ich traue mich kaum, das laut zu sagen. In die Ecke der fremdenfeindlichen Menschen gehöre ich nämlich sicher nicht. Ich habe auch keine Angst vor Überfremdung.

 

Viel mehr fürchte ich mich vor Menschen, die andere hassen ohne sie zu kennen. Nur weil sie eine andere Sprache sprechen und in einem anderen Land geboren sind. Solche Verallgemeinerungen gehen mir gegen den Strich. Die Flüchtlinge, die Syrer oder Afghanen gibt es nicht. Immer sind es Menschen mit einer Geschichte, oft mit einer schweren Geschichte. Ein Beispiel aus meinem Lebensumfeld ist im Vergleich zur Geschichte von Toni Edo harmlos. Es zeigt aber sehr klar, was ich meine. Als Lehrerin in einer Grundschule erlebe ich mit syrischen Kindern auch ganz Unterschiedliches. Hiba ist schwer traumatisiert. An Lernen in der Schule ist nicht zu denken. Raya hat Schlimmes auf der Flucht erlebt. Trotzdem findet sie sich gut in Tübingen zurecht, spricht sehr gut Deutsch und lernt neugierig. Da bin ich nicht anders gefordert als mit deutschen Kindern. Ich muss jedes Kind genau kennenlernen und herausfinden, wer was braucht. Alle haben unterschiedliche Voraussetzungen. Bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit und haben das Recht so gesehen zu werden. Jeder ist einzigartig. Dafür ist Toni Edo aus Nigeria ein wunderbares Beispiel.

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04NOV2021
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Moritz sitzt im Rollstuhl. Immer schon. Er ist 30. Seine Eltern haben die Behinderung von Moritz akzeptiert, ohne ihr zu viel Gewicht zu geben. Sie haben getan was sie konnten. Als Kind und Jugendlicher hat Moritz erlebt, wie seine Behinderung ihn einschränkt. Dass er nicht spielen und Sport machen kann wie alle anderen. Dass Partys und Clubs außerhalb seiner Reichweite liegen. Aber er hat gelernt, wie er mit seiner Behinderung leben kann. Selbstbewusst, meistens ohne sich schlecht zu fühlen oder zu schämen. Moritz hat Abitur gemacht. Latein und Mathematik studiert. Sein Referendariat als Lehrer erfolgreich abgeschlossen. So dass er inzwischen an einem Gymnasium unterrichtet. Über ein Dating Portal hat er eine Freundin gesucht und gefunden. Vor wenigen Wochen haben die beiden geheiratet.

Ich kenne Marla, die Frau von Moritz. Auch sie behindert eine Spastik.

Durch die Art und Weise wie Moritz lebt, sagt er:

„Ja, ich bin behindert. Die Spastik schränkt mich in vielem ein. Aber andere Menschen müssen mit anderen Einschränkungen zurechtkommen. Wenn Eltern sich trennen ist das auch nicht leicht für die Kinder. Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass mein Leben absolut wertvoll ist. Dass sie mich so lieben wie ich bin. Dass ich mit den Einschränkungen leben lernen werde. Und außerdem ganz viel kann. Ich bin klug. Lerne gerne. Kann singen. Habe Freunde und eine tolle Familie. Ich kann lieben. Ich kann mit meiner Frau alleine in einer Wohnung leben und mir helfen lassen, wo es nötig ist. Ich habe sehr gut gelernt, andere um Hilfe zu bitten ohne mich schlecht zu fühlen. Und zeige jedem, der mir begegnet, dass ich mit meiner Behinderung ein kostbarer Mensch bin. Mich nicht verstecken muss. Dass ich zu dieser Gesellschaft gehöre, wie alle anderen auch. Und meinen Beitrag dazu leiste, dass wir eine menschfreundliche Gesellschaft sein können.“

Die Biographien von Moritz und Marla berühren mich. Ich habe erlebt, wie schwer es für Marla war, einen angemessenen Platz in unserer Gesellschaft zu finden. Mit Moritz ist mir noch klarer geworden, was dafür notwendig ist.

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03NOV2021
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Jona und Ali haben sich gehasst. Rumpeln, schubsen, brüllen, beißen und kratzen waren normal. Auf dem Pausenhof und im Klassenzimmer. Kein Gespräch hat geholfen. Irgendwann hatte die Klasse genug von der ewigen Streiterei. Viele haben geglaubt, es sei die einzige Lösung, wenn einer von den beiden verschwindet.

Die Klassenlehrerin war anderer Meinung. Sie hat sich mit den Kindern in den Kreis gesetzt und sehr ernst gesagt: „So kann es nicht weitergehen. Der Streit macht die Klasse kaputt.“ Alle haben gespürt, wie ernst die Lehrerin genommen hat, was jeden Tag passiert ist. Sie hat Jona und Ali gebeten, sich in der Mitte des Kreises mit einem Meter Abstand gegenüberzusetzen und sich genau anzuschauen. Die Klasse war solange still und hat die beiden in Gedanken mit guten Wünschen für eine friedliche Lösung begleitet. Dann hat die Lehrerin Jona und Ali gefragt, ob sie bereit wären, einige Übungen genau zu befolgen. Sie haben genickt. Zuerst haben sie eine typische Tätigkeit des anderen nachahmen müssen. Schon da wären die beiden am liebsten abgehauen. Aber sie hatten zugestimmt und die Erwartung der ganzen Klasse hat sie im Kreis gehalten. Mit Müh und Not haben sie das geschafft. Danach sollte jeder dem anderen sagen, was er gut an ihm findet. „Mir gefallen deine neuen Jeans“, hat es Ali schnell hinter sich gebracht. Jona ist stumm und regungslos im Kreis gesessen bis er Tränen in den Augen hatte. Dann hat er ganz leise gesagt: „Du hast ein sehr schönes Bild gemalt.“

Ab jetzt hat die Klasse jeden Morgen Jona und Ali in die Kreismitte genommen. Die beiden haben sich die Hand gegeben und sich gegenseitig etwas Gutes für den Tag gewünscht. Außerdem hat die Klasse darauf geachtet, dass die beiden sich in der Pause nicht zu nahe gekommen sind. Sich gegenseitig auf diese Weise zu achten und sich zu versöhnen, das ist ihnen richtig schwer gefallen. Ali und Jona haben Zeit dazu gebraucht. Nach einem halben Jahr haben sie es geschafft, gemeinsam ein Referat zu schreiben. Heute sind sie Freunde.

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02NOV2021
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Die Mutter von Larissa hat Depressionen und liegt manchmal den ganzen Tag im Bett. Aber darüber redet Larissa lieber nicht. Frau Maier wird von ihrem Mann geschlagen, wenn er getrunken hat. Außer ihr und ihren Kindern weiß das aber keiner. Max ist 13. Er sitzt nur noch am Computer. Seine Eltern wissen sich nicht zu helfen und fühlen sich schuldig. Deshalb unternehmen sie nichts.

Oft ist nicht sichtbar, was hinter verschlossenen Haustüren alles passiert. Aber es passiert. Daran besteht kein Zweifel. Familienbeziehungen sind gnadenlos ehrlich. Ich weiß, wovon ich rede. Als ich Kind war, ist bei meiner Mutter Diabetes diagnostiziert worden. Wie das für mich war, hat damals keiner gefragt. Dass meine Mutter mit drei kleinen Kindern überfordert war, hat kaum jemand interessiert. Heute als Lehrerin erlebe ich die andere Seite. Ich sehe oft wenn Kinder und Eltern offensichtlich überfordert und in Not sind. Wenn sie sich anvertrauen, kann ich versuchen, mit ihnen Lösungen zu finden.

Das Thema ist nicht neu. Schon in der Bibel finden sich ganz konkrete Anweisungen für den Umgang in Familien. Auf sogenannten Haustafeln. Dort werden z.B. Väter aufgefordert, ihre Kinder nicht einzuschüchtern, damit sie nicht mutlos werden. Diese Haustafeln hatten die Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, achtsam und respektvoll miteinander zu leben.[1] Einander verzeihen zu lernen, sich mit Schwächen aushalten zu können. Was damals hilfreich war, können wir zum Teil übernehmen. Manchmal reichen konkreten Anweisungen allerdings nicht aus. Dafür gibt es heute Beratungsstellen, die Paaren, Eltern und Kindern helfen, ihr gemeinsames Leben zu meistern. Trainingsangebote, bei denen man üben kann hilfreich miteinander zu sprechen.

Immer gilt: Menschen brauchen Mut, um zu sagen, dass Sie Hilfe brauchen. Das ist nicht leicht. Ich kenne selbst die Angst, versagt zu haben und mich deshalb schuldig zu fühlen. Vor allem als junge Frau haben mich Angst und Schuldgefühle so gelähmt, dass ich diesem Teufelskreis kaum entkommen bin. Dann hat auch geholfen, wenn mich andere ermutigt haben.

Heute weiß ich: wer diesem Teufelskreis entkommen will, braucht viel Mut. Manchmal hilft auch, wenn Menschen von außerhalb mutig sind. Wenn sie offen sagen, was sie sehen. Und was vielleicht helfen könnte.

 

[1] Schweizer, Eduard: EKK, Der Brief an die Kolosser. S. 159-164

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34203