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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17OKT2020
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Kinder leben auf, wenn sie gelobt werden. Gelobt werden mach stark, glücklich. Es macht Mut, mehr zu probieren. Da hat der kleine Mann sich gerade auf dem Bobbycar versucht. Papa und Mama haben aufmerksam hingeschaut und ihm gesagt, wie prima sie es finden und ihn. Und schon setzt er sich aufs Laufrad und versucht was Neues: Balance halten auf 2 Rädern. Eine Kinderseele lebt auf, wenn sie gelobt wird.

Und eine Erwachsenenseele? Wie ist es mit uns? Braucht kein Lob? Oder muss ich mir kindisch oder kindlich vorkommen, wenn ich mich als Großer nach Lob sehne. Ist es verkehrt, wenn ich freundlich angesehen werden möchte?
Nein, ist es nicht. Wie oft sind unsere Seelen müde oder leer. Das Leben kann arg anstrengend sein. Uns auszehren.

Und wenn die Seele ausgezehrt ist, dann ist eine Sehnsucht nach Lob oder Trost nicht „kindisch“ oder kindlich. Sondern die Sehnsucht nach Erholung, nach neuer Kraft. Und sage niemand, Erwachsene bräuchten so was nicht. Wir essen ja auch jeden Tag dreimal und schämen uns nicht dafür.

Man muss sich nicht schämen, wenn man sich nach Lob sehnt wie ein Kind. Denn in gewissem Sinn bleiben wir ja auch Kinder. Vielleicht haben Christen sich auch deshalb oft „Kinder Gottes“ genannt. Sie wussten schon früh: In diesem Leben bleiben wir immer unruhig und unter Druck. Wie es Erwachsenen halt oft geht. Und manchmal wird zu viel von einem verlangt. Und man fühlt sich leer und verbraucht. Und dann ist es gut, wenn einem die Seele gefüllt wird. Auch durch Loben und Trösten und Ansehen. Wie bei Kindern eben.

Überraschend ist noch ein anderer Rat aus der Bibel. Wie man die Seele wieder füllen kann. „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat,“ heißt es in einem Psalm. Ich glaube, dieser Rat ist klug: dass es die Seele nicht nur stark macht, wenn ich gelobt werde, sondern auch wenn ich lobe. Gott in diesem Fall, für das, was er gibt.

Ich spüre zB. es tut meiner angestrengten Seele sehr gut, Gott für seine Schöpfung zu loben. Gerade in diesen Zeiten, wo der Klimawandel auch Angst machen kann. Es ist gut, daran zu denken, dass wir Menschen nicht Schöpfer sind, sondern seine Geschöpfe.

Wieso soll loben der Seele Kraft geben, fragen Sie vielleicht?
Man muss eigentlich nur an die Eltern von dem Kleinen denken. Lob verändert auch den, der lobt. Auch loben füllt einem die Seele. Für Eltern ist es auch Erfüllung, wenn ihr Kind es guthat. Und es bestätigt sie. Ja wir machen es richtig mit ihm. Vielleicht sehe ich erst, wenn ich lobe, was gut ist. Sonst hätte ich es vielleicht ungeachtet gelassen.

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16OKT2020
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Es kommt so einiges zusammen an Wunden, im Lauf des Lebens. Habe ich in letzter Zeit öfter gedacht. Wenn ich mich sehe, andere und in die Welt. Und es sind ja nicht bloß Zipperlein. Das Leben kann tiefe Wunden schlagen. Und im Lauf des Lebens sammeln wir manche davon ein. Aber eigentlich ist das ne Binsenweisheit. Und entscheidend ist nicht, dass ich Wunden einsammle. Sondern was daraus wird. Wie lebt man mit diesen Wunden?

Manche sind ja vernarbt. Die ein oder andere trägt man sogar mit Stolz: „Da bin ich als Junge mit dem Fahrrad gegen eine Mauer gefahren beim Rennen, aber ich habe gewonnen.“ Vielleicht könnte man diese Gabe ja öfter anwenden. Auf manche Narbe stolz sein. Oder dankbar. Weil sie zu mir gehört. Ein Zeichen ist, dass ich gelebt habe und lebe. Dankbar, dass ich etwas durchstehen konnte. Überwinden.

Aber klar.
Da sind auch die anderen: Wunden, die man nicht einfach überwinden kann.

Die vernarbten, die aufbrechen und wieder weh tun, als wären sie ganz frisch. Und die neuen, die gibt es ja auch noch. Und manchmal verbinden sich die alten mit neuen. Da triggert ein Schmerz von heute diesen tiefen von früher, den ich schon lange mit mir herumtrage.

Wunden, die man im Leben sammelt, können einen bitter machen. Man fühlt sich vom Leben schlecht behandelt. Wird pessimistisch. Die Seele wird dunkler, man denkt, das Leben und die anderen wollen mir nichts Gutes. Wahrscheinlich sind viele Menschen, die grimmig und wütend sind auf das Leben und andere, auch Verletzte. Fühlen sich im Tiefsten auch von Gott verletzt.

Aber, in Gottes Namen hat Jesus versprochen: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken.“

Was kann mir das sagen? Als erstes vielleicht, dass mir die Wunden des Lebens nicht Gott geschlagen hat. Sondern dass ich Gott zum Freund haben kann auch als verletzter Mann oder verletzte Frau. Ich kann mich an Gott wenden. Mit dem was mich verletzt und weh tut. Auf ihn setzen als Freund und auf Freundlichkeit überhaupt.

Es gibt Menschen, die sind verwundet und versehrt, aber darum schlagen sie anderen noch lange keine Wunden. Sie wissen, ich bin verletzbar und andere auch. Sie werden nicht hart oder bitter, sondern freundlich. Sie fühlen mit, wenn jemand verletzt wird und was weh tut. Und sie passen auf andere auf. Egal ob sie ihn persönlich kennen oder sie aus den Nachrichten. Es stimmt, die meisten von uns tragen Wunden mit sich, aber wir können auch Verletzte verbinden, verstehen, trösten. Erquicken.

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15OKT2020
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„Realität ist das, was nicht weggeht, auch wenn man nicht daran glaubt.“ Bernhard Pörksen hat das gesagt. Er beschäftigt sich viel mit Medien. Und da wird ja oft gestritten. Was ist Meinung und was sind Fakten, die man eigentlich nicht bestreiten kann. Wenn etwas Fakt ist, kann es dazu kaum zwei Meinungen geben. Es ist Fakt, dass 2020 der Triplechampion aus München kommt. Auch wenn jemand das nicht gefallen sollte. Es ist Realität. Und sinnlos etwas anderes zu glauben. „Realität ist das, was nicht weggeht, auch wenn man nicht daran glaubt.“

Es ist lebenswichtig, dass man das akzeptiert: es gibt Dinge, die real sind und nicht Meinung. Es hat keinen Sinn, etwas zu verleugnen oder es sich schön zu reden, weil es einem zu hart ist.

Es macht eine Familie nicht gesund, wenn alle meinen: unser alkoholkranker Vater hat kein Suchtproblem. Gesund kann man nur werden, wenn jeder und jede diese Wirklichkeit anerkennt. Auch wenn es hart ist und man sich vielleicht schämt.
Oder: ein weltweites Virus geht nicht weg, selbst wenn ein Präsident meint, Pandemie sei Panikmache und wer Maske trägt ein Weichei. Es ist klug, harte Realitäten tapfer anzusehen und nicht die Augen davor zu verschließen. Ich finde so eine Haltung problematisch: Realitätsflucht im Namen der „Meinungsfreiheit“ ist gefährlich für eine Demokratie.

Jetzt sagen Sie vielleicht: jetzt macht sich ausgerechnet ein Pfarrer so für die Realität stark. Sonst ist ihm doch der Glaube so wichtig. Und steht in der Bibel nicht, dass der Glaube Berge versetzen kann?

Ja, das steht da. Versetzen. Aber der Glaube sagt nicht.
„Da ist überhaupt kein Berg.“

Wenn Wissenschaft plausibel macht, dass wir einen von Menschen gemachten Klimawandel haben, dann sagen Christen und Christinnen nicht: „Nö, nö.“ Oder „was solls, entscheidend ist eh das ewige Leben.“

Glauben bedeutet nicht, dass ich mir die Wirklichkeit schöner male, als sie ist. Ich glaube, Christen stellen sich der Wirklichkeit, aber mit der Hoffnung, dass man sie verändern kann und verbessern. Als Christ glaube ich an Gott. Ich kann IHM trauen wie einem guten Vater oder einer Mutter, dass die Erde nicht vor die Hunde gehen muss. Und dass ER uns Kraft gibt, klaren Kopf und Mut, Berge zu versetzen. Harter Realität ins Auge schauen und dran gehen, es besser zu machen. Nicht verzweifeln. Die Wirklichkeit geht nicht weg, aber sie lässt sich verändern. Sie steckt voller Möglichkeiten Vielleicht können wir die heute nur noch nicht sehen.

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14OKT2020
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„Respekt ist uns ganz wichtig für unsere Ehe.“ Im Traugespräch haben das die beiden jungen Partner gesagt. Ich war überrascht. Ich hatte erwartet, sie hoffen, dass ihre Liebe immer jung bleibt. Aber vielleicht ist ja Respekt eine schöne Form von Liebe. Für den Weg durch viele Ehejahre.

Viele Paare schaffen es ja nicht, sich lebenslang Achtung voreinander, für den anderen und auch für die Würde ihrer Beziehung zu bewahren. Ich fürchte, viele Partner verlieren diesen tiefen Respekt.

Man kennt das: Die Partnerin verändert sich in eine Richtung, die einem nicht gefällt. Irgendwann akzeptiert man das nicht mehr, sondern quittiert es mit Genervtsein und geringschätzigen Bemerkungen. Das sind Anzeichen für Respektverlust. Sie machen das Fundament für eine Partnerschaft und eine Ehe brüchig.

Wie können Paare Respekt bewahren? Ein wichtiger Punkt ist vielleicht, dass jeder und jede selber beachtet, wenn man vom anderen respektlos behandelt wird. Kann sein, dass das immer noch für Frauen besonders wichtig ist: „Achtet darauf, wo Respekt schwindet. Akzeptiert das nicht zu oft. Versucht „stopp“ zu sagen. Gewöhnt euch nicht und denkt: ‚Warum rege ich mich eigentlich auf, dass er nicht achtet, was mir wichtig ist und wer ich bin. Bin ich etwa zu empfindlich?‘

Respekt für sich beanspruchen, ist wichtig für eine Beziehung. Genauso wie der Respekt für den anderen. Vielleicht hilft es, wenn man so etwas wie einen Respektspiegel hat und in den schaut oder ihn einander auch mal vorhält. Ich weiß, es gibt keine Garantie, dass das wirkt beim anderen. Man kann Respekt nicht erzwingen. Schon gar nicht mit Gewalt. Man muss auf guten Willen und Einsicht setzen. Aber unter Menschen darf man auf guten Willen hoffen, in einer Beziehung.

Jesus hat gehofft, dass es sogar unter Fremden, ja sogar Feinden diesen grundmenschlichen Respekt geben kann:

Er hat mal gesagt: „Wenn Dich jemand auf die rechte Backe schlägt, halt ihm die andere hin.“ Diese Geste bedeutet nicht, „ich habe Spaß am geschlagen werden.“ Nein, im Gegenteil, Jesus hofft, dass der Schlagende so zu sich kommt, aufhört und merkt: schlagen ist respektlos. Wenn man so dem anderen den Spiegel vorhält, erinnert man ihn: Möchtest Du respektlos sein? Können wir uns nicht wieder achten als Partner?“ In einer Beziehung und überhaupt als Menschen? Ich weiß, manchmal gelingt das nicht, dann muss man andere Wege gehen. Aber wenn, dann ist es schön, wenn Menschen den Respekt füreinander wiederfinden.

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13OKT2020
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„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm jemand an die Seite geben, als echte Hilfe.“ Ganz am Anfang wird das erzählt in der Bibel. Gott höchst persönlich hatte diese kreative Idee, heißt es. Und sie auch sofort umgesetzt: Menschen brauchen Menschen.

Manchmal vergisst man das. Oder denkt: ich muss das allein schaffen. Und es ist ja auch richtig, andere Menschen sind nicht automatisch eine Hilfe. Aber wir können. Wenn wir die Rolle annehmen, die Gott uns zugedacht hat.

Wie gut Menschen das können, habe ich vor ein paar Wochen beobachten dürfen. Ich habe im Wartezimmer gesessen, beim Arzt. Untersucht war ich schon. Und sollte noch auf ein erstes Ergebnis warten. Mir ist allerhand durch den Kopf gegangen.

Da fällt mein Blick auf ein älteres Paar. Sie warten auch. Sie kommt wohl auch dran, demnächst. Irgendwas mit „MRT“ habe ich aufgeschnappt. Beide sind sicher über 70. Und sie sind nah zusammengerückt. Überhaupt fällt mir jetzt erst auf, das ist doch eigentlich eher eine Seltenheit, dass ein älteres Paar miteinander zum Arzt geht wie die beiden. Manchmal kommt es mir so vor, als würde er ihre Hand nehmen. Und ihr gut zureden, das tut er anscheinend auch.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm jemand an die Seite geben, eine echte Hilfe.“

Vielleicht können Sie das verstehen: es hat mich angerührt, zu sehen, wie einfach das sein kann, einander eine Hilfe zu sein. Sie haben nicht viel gemacht. Aber sie waren nicht allein. Irgendwie haben sie schön ausgesehen.

Im Nachhinein denke ich: ist es nicht schade, dass so etwas eher selten vorkommt?

Auch heute sitzen viele Menschen in Arztpraxen oder Krankenhäusern. Warten auf eine Diagnose oder eine OP. Und für manche wäre es gut, wenn sie einfach eine Schulter neben sich spüren würden. Jemand, der da ist und nicht ganz so unruhig atmet wie sie selbst. Oder jemand, der für einen betet, weil man das selber grad nicht so gut kann.

Ich denke an Menschen, die heute in Kliniken und Praxen sind und wünsche Ihnen, dass Sie erleben: ich bin nicht allein. Entweder weil jemand neben ihnen sitzt oder weil Sie wissen, es denkt jemand an mich oder weil sie daran glauben, Gott ist dabei, was auch wird.

Und wenn Sie der oder diejenige sind, und Sie einen anderen heute so begleiten. Dann können Sie auch ein bisschen stolz sein. Weil Sie das machen, was Gott als kreative Idee für uns Menschen gedacht hat: eine echte Hilfe sein.

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12OKT2020
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„Sie brauchen auch mal eine Pause, sonst…“ Das hat mir meine Optikerin empfohlen. Für meine Augen. „Lassen Sie Ihre Augen jeden Tag einfach mal entspannt in die Ferne gucken.“ Mindestens eine Stunde soll ich meinen Augen gönnen. Weil das viele Homeoffice Arbeiten am PC auch seine Schattenseiten hat. Alles was so einseitig belastet wird, nimmt Schaden auf die Dauer.

Viele finden gut, dass man im Homeoffice freier und selbstbestimmter arbeiten kann. Jedenfalls wenn man nicht auch noch für Kinder sorgen muss. Man kann sich seinen Tag selbst einteilen. Aber vielen sind dabei die Pausen abhandengekommen. Dabei sind Pausen so wichtig für den Alltag. Wissen tun wir das alle. Aber wenn man den Tag selber strukturiert, kann es passieren, dass man die Pausen vergisst.


Gabriela Muri hat darüber geforscht. Wie das war mit den Pausen im Lauf der Geschichte. Auch beim Arbeiten. Und die Professorin gibt zu bedenken, wie hart Pausen in der Arbeitswelt erkämpft werden mussten. Sie sagt: „Die formal klar geregelte Pause hat gegenüber den fließenden Grenzen von heute den Vorteil, dass man sie klar verhandeln und in Gesetzen oder Betriebsvereinbarungen festschreiben kann. Das schützt im Zweifel den Einzelnen.“ Und ich glaube, sie meint damit auch, den Einzelnen vor sich selbst.

Als ich das gelesen habe, musste ich noch mal an meine Optikerin denken und was sie empfohlen hat. „Machen Sie auch mal Pause vom vielen in den PC gucken. Lassen Sie Ihre Augen ganz entspannt in die Weite schauen.“

Man könnte denken, ein bisschen ist meine Optikerin bei Jesus in die Schule gegangen. Der hat mal nach einem sehr anstrengenden Tag, an dem er sehr gefordert war, gesagt. „Jetzt lasst mich mal einfach allein.“ Und dann geht er auf einen Berg und oben betet er. Gönnt seinen Augen und sich selbst, Ruhe und diesen ganz anderen Blick in die Weite. Das braucht man: damit man nicht im Klein-Klein des Lebens untergeht. Die Augen mal was anderes sehen lassen als nur das Naheliegende. Oder das was uns der Bildschirm beim Homeoffice präsentiert.
Und Jesus hat auch noch in einem anderen Sinne in die Weite geschaut. Gebetet. Sich auf Gott ausgerichtet. Ich glaube, beten entspannt und kann einen wieder weit machen. Wenn man unter Druck steht und es eng wird um einen.

Ich glaube es wäre gut, wenn ich mir jeden Tag Pausenzeit fest in den Kalender eintrage. Zeit, um das Weite zu suchen und in die Weite schauen. Augen entspannen, aufatmen und zu Gott aufschauen.

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