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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12OKT2019
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Ich bin der Müllbeauftragte der Familie Kottlorz. Das heißt, ich bin zuständig für den Abfall bei uns und wie er getrennt und entsorgt wird. Wobei ich beim Thema Entsorgung erst mal einen herzlichen Gruß und einen ebenso herzlichen Dank an all meine Kollegen bei der Müllabfuhr da draußen schicken möchte. Ihnen danken für ihre wichtige, verlässliche, Arbeit, körperlich und oft auch geruchsmäßig ziemlich schwere Arbeit. Mein Job als Müllbeauftragter hat mich aber nicht nur dafür sensibler gemacht. Sondern auch dafür, in welchem Überfluss wir leben und was wir so alles wegschmeißen. Ich hab zum Beispiel erfahren, dass Kleider, die in Deutschland gekauft werden durchschnittlich nur 4 bis 7 mal getragen werden bevor sie im Altkleider-Container landen oder ungetragen im Schrank liegen. Oder dass wir billiges Brot, Rindfleisch und Soja auch mit dem Klimawandel und dem Artensterben bezahlen. Wenn die Urwälder im Amazonasgebiet abgefackelt werden, damit dort Soja oder Palmöl angebaut werden kann. Oder wenn die Äcker bei uns schon so lange mit Pestiziden behandelt wurden, dass es bereits weniger Insekten und damit auch weniger Vögel gibt. Alles hängt mit allem zusammen. Und von allem gibt es immer mehr und das alles soll immer billiger werden. Aber dieses Zuviel und Immer Billiger kommt uns teuer zu stehen. Zwar verstehe ich, dass Menschen, die wenig Geld haben, billig einkaufen müssen. Aber oft zahlt es sich aus etwas teurer zu kaufen, weil das meistens besser ist und länger hält. Und es gibt auch viele Menschen, für die Kaufen eine Lust oder ein Bedürfnis ist. Auch das kann ich verstehen. Nur führt das halt auch zu diesem Überfluss, der letztlich niemandem gut tut. Was also tun?

Drei Schlüsselworte helfen mir dabei: brauchen, verbrauchen und gebrauchen. Ich will versuchen, davon wegzukommen, Dinge zu verbrauchen. Das heißt, sie unbedacht anzuschaffen, kaum oder gar nicht zu nutzen und sie dann irgendwann wegzuschmeißen. Stattdessen will ich schauen, was ich wirklich brauche – eine sehr wichtige Frage für mich und meine Umwelt! Und die Dinge, die ich dann gekauft habe, gebrauchen. Das heißt, sie so lange und so oft wie möglich zu nutzen. Und sie gegebenenfalls reparieren lassen. Weil sie - wenn ich sie wirklich brauche – kostbar sind…

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11OKT2019
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Sprachlos. Es macht mich sprachlos, wenn Dinge wie vorgestern geschehen. Ein mutmaßlich rechtsradikaler Antisemit will ein Blutbad anrichten in einer Synagoge, will betende Menschen töten. Er bekommt die Tür nicht auf und erschießt aus Frust und Hass eine Frau auf der Straße und einen Mann in einem Dönerladen. Es macht mich sprachlos, dass 80 Jahre nach der sogenannten Reichskristallnacht dieser abgrundtief böse Hass gegenüber Juden in Deutschland immer noch lebendig ist. Es macht mich sprachlos, wenn am selben Tag der türkische Präsident seinen Krieg gegen die Kurden, der tausende Menschen das Leben kosten wird, „Quelle des Friedens“ nennt. Es darf aber nicht bei meiner, bei unserer Sprachlosigkeit bleiben. Denn es muss Recht gesprochen werden über den Mörder von Halle. Klarstes, schärfstes Recht im Rahmen unserer Gesetze. Und das möglichst ohne Hass. Denn Hass erzeugt nur wieder Hass. Und Krieg ist Krieg und nicht Frieden. Auch das muss gesagt werden. Deutlich, öffentlich und ohne diplomatische Verpackungen. Denn mit der Sprache fängt es an. Antisemitische Äußerungen sind nachweislich mehr geworden in den letzten Jahren. Dumme, hasserfüllte Menschen meinen, sie könnten wieder so reden, immer mehr auch wieder öffentlich so reden. Nein, das können sie nicht, das dürfen sie nicht! Denn Gewalt in der Sprache führt irgendwann zu realer Gewalt. Eine amerikanische Sprachwissenschaftlerin hat das nachgewiesen. Wird eine noch leicht gewaltsame Sprache gesellschaftlich hingenommen, folgt eine noch gewaltsamere. Und wie bei Dominosteinen ist dann der letzte Stein der fällt, wenn es zum Hauen, Stechen und Töten kommt. Wehret den Anfängen! Darum müssen Menschen guten Willens einschreiten, wenn sie in Sprache verpackten Hass erleben: im Bus, im Büro, im Internet, auf den Schulhöfen oder im Parlament. Nicht sprachlos bleiben. Den Hass nicht hinnehmen. Die Stimme erheben, dagegen sprechen. Denn wir sind mehr. Und das müssen die vom Hass erfüllten hören und die Trauernden in Halle spüren…

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10OKT2019
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Seelennahrung, ein Wort das ich sehr mag. Es ist scheinbar abstrakt und doch so konkret. Mit dieser unfassbaren Seele und der so fassbaren Nahrung. Kann also die Seele essen? Nein, aber auch sie hat Hunger, in Form von Bedürfnissen, Nöten und Hoffnungen. Und all diese können gestillt und erfüllt werden, das ist dann Seelennahrung. Und wie könnte die aussehen?

Ich denke da gibt es zweierlei Nahrung. Die Seelennahrung, die ich mir selbst geben kann und die, die ich nur von anderen bekommen kann. Mir selbst kann ich die Seele nähren, wenn ich zum Beispiel zur Ruhe komme, eine Pause mache, innehalte und die Welt und mich selbst richtig wahrnehme. Seelennahrung ist auch, wenn ich etwas tue, bei dem ich ganz bei mir selbst bin: ein Instrument spielen, etwas handwerken oder schreiben. Meine Seele bekommt auch Nahrung durch die Natur, wenn ich  sie sehe, höre und rieche. Und nicht zuletzt bekommt meine Seele auch Nahrung, wenn ich mich öffne für Gott, in Meditation oder Gebet.

Es gibt aber Menschen, die das nicht können oder nicht mehr können. Oder Phasen in denen all das nicht mehr geht . Dann ist es ein großes Glück, ja ein Geschenk, wenn es Menschen gibt die anderen Seelennahrung geben. Durch ein offenes Ohr zum Beispiel, wenn jemand lange nicht reden konnte. Durch ein gutes Wort, wenn jemand traurig oder verzweifelt ist. Wenn jemand aus der Einsamkeit geholt wird oder aus einem Übermaß an Arbeit und ihm der Horizont wieder geweitet wird. Oder wenn jemand bei jemandem ist, der es braucht. Einfach nur da ist ohne viel zu reden.

Wenn das zwischen zwei Menschen geschieht, dann ist das etwas vom Schönsten das es gibt. Weil es beiden gut tut. Dem einen tut es gut, sich wieder gut oder besser zu fühlen und dem anderen tut es gut, gut zu tun. Oder anders ausgedrückt: Einer gibt, der andere nimmt und beide werden satt.

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09OKT2019
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Müssen wir Angst vor dem Islam haben? Angst davor, dass diese Religion unsere Kultur vereinnahmt, unsere Werte bedroht oder gar zerstört?

Immer wieder wenn meine Kollegen und ich für Toleranz gegenüber dem Islam werben, bekommen wir Mails, die von Angst oder Ablehnung gegenüber Muslimen geprägt sind. Woher kommt das? Großzügig geschätzt sind fünf Prozent der Menschen in Deutschland Muslime. Ich stelle mir also vor, ich sitze in einer Gaststäte mit 100 Menschen. 5 davon sind Muslime. Wie könnte ich da Sorgen haben, dass sie die anderen 95 Menschen beeinträchtigen oder gar beeinflussen könnten? Woher dann die Angst vieler Menschen dass das doch so sein könnte? Vielleicht, weil manche der muslimischen Lebensweisen so auffällig in schroffem Gegensatz zu unseren stehen? Die Burka etwa, das Kleidungsstück das den ganzen Körper einer Frau verschleiert, auch das Gesicht. Wenn ich sie nochmal auf mein Bild mit den 100 Menschen in der Gaststätte beziehe, dann müssen die restlichen 95 zwar auch keine Angst vor einer vollverschleierten Frau haben. Aber sie fällt dermaßen auf, dass sich ihre Wirkung potenziert. Und ein ungutes Gefühl erzeugen kann, wenn man so gar nichts von einem Menschen sieht. Vor allem ist ihre Wirkung aber so stark, weil sie im sichtbaren Gegensatz zu einem der Bereiche steht, die unsere Kultur ausmachen: die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Nach christlichem Glauben sind beide gottesebenbildliche Geschöpfe, die ihre je eigene Würde haben. Darum widerspricht die Vollverschleierung von Frauen auch unseren Grundwerten. Denn das Gesicht eines jeden Menschen ist Ausdruck seiner Person und damit seiner Würde. Für einen selbst und im Umgang mit den Mitmenschen. Und wie soll ich einen Menschen kennenlernen, ihn verstehen oder schätzen, auch und gerade in seiner Andersartigkeit, wenn ich ihm nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen kann…?

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08OKT2019
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„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ heißt es. Donald Trump hat seit seinem Amtsanatritt schon über 10.000 mal gelogen und zwar öffentlich. Das hat die renommierte Washington Post nachgewiesen. Was bedeutet es, wenn der Präsident einer der mächtigsten Nationen ein notorischer Lügner ist? Ein Blick in die Zehn Gebote ist da recht aufschlussreich. Das 8. Gebot heißt „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“. Es ist fast 3000 Jahre alt und als es entstanden ist ging es nicht nur darum im persönlichen Alltag nicht zu lügen, sondern darum, vor Gericht, also in der Öffentlichkeit die Wahrheit zu sagen. Weil ohne Wahrheit keine Gerechtigkeit möglich ist. Und weil ohne Wahrheit und Gerechtigkeit das Miteinander einer Gesellschaft vergiftet wird. Und so ist dieses steinalte Gebot ganz aktuell. Denn wer öffentlich lügt, Fakten verdreht und leugnet wie Trump, vergiftet die öffentliche Kultur. Und zwar nicht nur die Amerikas. Wenn Führungspersonen dauerhaft, nachweislich und ungestraft lügen können, dann hat das fatale Konsequenzen. Zunächst für die amerikanische Gesellschaft, die bereits tief gespalten ist. Ein Lügenpräsident in Amerika ist aber auch ein Vorbild, und zwar ein negatives. Wenn es möglich ist, dass er als Präsident lügen kann ohne seines Amtes enthoben zu werden, dann denken auch andere windige Charaktere das könne man so machen. Zu sehen bereits in Großbritannien, wo Boris Johnson seit ein paar Wochen auch politisches Unheil anrichtet. Öffentlich geduldete Unmoral ist ansteckend. Auch in Deutschland gibt es wieder Politiker, die mit der Sprache und der Wahrheit ziemlich grob umgehen. Wehret den Anfängen! Das ist ein so weiser wie wichtiger Satz. Geschichte wiederholt sich zwar nicht. Aber wir können, ja müssen aus ihr lernen. Und immer schon sind aus kleinen schlimmen Dingen große schlimme Dinge geworden. Darum sind Lügen in der Politik kein Kavaliersdelikt. Wer nachweislich öffentlich lügt, hat in politischen Ämtern nichts zu suchen. Und schon gar nichts in Spitzenämtern. Denn solche Männer in der Politik sind gefährlich. Weil sie nur sich selbst vor Augen haben und nicht das Wohl des Volkes. Und weil sie die Atmosphäre  einer Gesellschaft vergiften, denn sie säen Hass, Misstrauen und Zwietracht.

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07OKT2019
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„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran…..“ dieses Lied von Udo Jürgens hab ich immer als einen Mutmacher empfunden. Nicht ganz realistisch, aber sympathisch trotzig. Dass da aber echt was dran sein könnte, hab ich durch den Artikel eines amerikanischen Psychologen erfahren. Er heißt Carl Rogers und beschreibt darin seine Erfahrungen zwischen seinem 65. und 75. Lebensjahr. Und die find ich so schön und ermutigend, dass ich gern davon erzählen möchte. Also, natürlich hat Carl Rogers auch beschrieben, dass seine Kräfte nachgelassen haben und dass er vieles nicht mehr so tun konnte wie früher. Aber zu Gartenarbeit und Wanderungen hat es ihm immer noch gut gereicht. Auch seine Sexualität war nicht verschwunden, sie war nur anders, aber nicht weniger schön als in jüngeren Jahren. Mit die wichtigste Erfahrung in seinem Lebensjahrzehnt zwischen 65 und 75 war es für Rogers zu lernen, sich zu öffnen und neue Dinge zu erfahren. Weil für ihn lebendig sein bedeutet hat, Wagnisse einzugehen. Und weil Veränderung Leben ist. Ohne sich zu verändern hätte er sich als lebende Leiche gefühlt, hat er gesagt. Teil dieser Lebendigkeit waren aber auch stärkere Gefühlsschwankungen. Es war bei ihm überhaupt nicht so, dass er im Alter ruhiger und abgeklärter geworden sei. Er wurde empfindlicher, die Gefühle wurden stärker und gingen rauf und runter. Aber dadurch konnte er auch mehr Nähe zu sich selbst und zu Anderen zulassen. Wo er sich doch als Psychotherapeut doch jahrzehntelang mehr um Andere gekümmert hat. So wurden diese 10 Jahre zwischen 65 und 75 erfüllte Jahre für ihn. Ja, sogar das befriedigendste Jahrzehnt seines Lebens, wie er es genannt hat. Weil er  immer mehr fähig wurde, er selbst zu sein und genau das auch zu genießen. Damit sei er an Jahren zwar alt geworden, aber innerlich jung geblieben. Wörtlich beschreibt Carl Rogers das so: „Als kleiner Junge war ich ziemlich kränklich und, wie meine Eltern erzählten, wurde mir vorausgesagt, dass ich jung sterben würde. Diese Prophezeiung hat sich in einem Sinn als völlig falsch erwiesen, aber in einem anderen Sinn hat sie sich bewahrheitet. Ich glaube es stimmt: Ich werde nicht alt werden, ich werde jung sterben.“

  

Quellenangabe: Aus Greifbuch, Lesen beflügelt, dtv Klett-Cotta, gekürzt

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