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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

25MAI2019
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Was meine Kirche anbelangt, fühle ich mich seit längerem ratlos, manchmal traurig, bisweilen wütend. Es kann so nicht weitergehen. Nicht für mich. Aber wie? Ich weiß es nicht. Sehr bewegt hat mich eine Initiative der Benediktinerinnen vom Kloster Fahr bei Zürich. Sie haben ein Gebet formuliert, das seit dem 14. Februar  immer donnerstags dort und inzwischen an vielen Orten in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland gesprochen wird. Manch einer mag das belächeln, -  Ja beten allein hilft nicht, aber Gott um Kraft und Zuversicht zu bitten, nicht den Mut zu verlieren, dem mag ich mich gerne anschließen. Deshalb spreche ich heute Morgen hier dieses Gebet:

„Gott, du unser Vater und unsere Mutter, wir alle wissen, wie es um unsere Kirche steht. Unrecht geschah und geschieht, Macht wurde und wird missbraucht. «Bei euch aber soll es nicht so sein», sagt Jesus.

Wir bitten dich um dein Erbarmen.   

Frauen und Männer sind durch die eine Taufe gleich- und vollwertige Mitglieder der Kirche. Im Miteinander in allen Diensten und Ämtern können sie zu einer Kirche beitragen, die erneuert in die Zukunft geht.

Wir bitten dich um Kraft und Zuversicht.   

Eine glaubwürdige Kirche ist offen für Menschen gleich welcher Herkunft, welcher Nationalität, welcher sexuellen Orientierung. Sie ist da für Menschen, deren Lebensentwurf augenscheinlich gescheitert ist, und nimmt sie an mit ihren Brüchen und Umwegen. Sie wertet und verurteilt nicht, sondern vertraut darauf, dass die Geistkraft auch dort wirkt, wo es nach menschlichem Ermessen unmöglich ist.

Wir bitten dich um Kraft und Zuversicht.   

In dieser Zeit, in der Angst und Enge lähmen und die Zukunft düster erscheint, braucht es großes Vertrauen, um mit Zuversicht nach vorn zu schauen. Es braucht Vertrauen, dass durch neue Wege und einschneidende Veränderungen mehr Gutes geschaffen wird als durch Verharren im Ist-Zustand.

Wir bitten dich um Kraft und Zuversicht.“ 

Inzwischen sprechen viele Menschen Woche für Woche dieses Gebet. Ich auch. Die Bitten sind so ehrlich und konkret. Das hat etwas Kraftvolles und Bestärkendes. Beten heißt: Gott mehr zuzutrauen als dem, was Menschen so denken und planen. Auch in der Kirche.

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24MAI2019
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Ahnen Sie, wer die meistgemalte Frau der Welt ist? Es ist Maria, die Mutter Jesu.

Eine mutige junge Frau, die bereit ist ein ungewöhnliches Kind auszutragen, es großzuziehen, die es seinen Weg gehen lassen muss, nicht immer versteht und schließlich zuschauen muss, wie ihr Sohn hingerichtet wird.

In vielen Bildern wurde sie gemalt und sozusagen in allen Lebenslagen abgebildet. Als junges Mädchen in der Kammer mit dem Engel Gabriel, der ihr sagt, dass sie ein Kind bekommen wird, als ältere Frau unter dem Kreuz, als Schwangere, im Wochenbett, auf dem Totenbett, als glückliche Mutter mit dem Jesuskind auf dem Arm, als Schmerzensmutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß, als eine die fliehen musste oder als eine die Muse zum Lesen hatte.

Manche dieser Bilder sind für Menschen echte Zufluchtsorte. Sie helfen, weil sie etwas vom eigenen Leben widerspiegeln. Maria ist eine, die um die Sorgen und Nöte von Menschen weiß, weil sie diese selbst durchlebt hat.

Deshalb suchen Menschen Rat und Trost bei ihr.

Für mich ist dabei in den letzten Jahren ein Bild, eine eher unbekannte Darstellung von Maria wichtig geworden. Es heißt Maria Knotenlöserin.  Das Original steht in St. Peter am Perlach in Augsburg.  Es zeigt Maria mit einem langen weißen Band zwischen den Händen, wie sie versucht einen von mehreren Knoten zu lösen.

Mir hat eine liebe Freundin eine Postkarte davon geschenkt. Als ich dachte, mein Leben nicht mehr auf die Reihe zu bringen, weil einfach zu viele Fragen, Aufgaben gleichzeitig anstanden.  Die Freundin hat mich ermutigt, meine „inneren Knoten“ der Gottesmutter anzuvertrauen.

Zunächst bin ich recht skeptisch gewesen, alles was magisch wirkt ist mir suspekt – doch mittlerweile, nehme ich die Karte gerne zur Hand, wenn etwas unlösbar oder völlig verworren erscheint. Zum Beispiel, wenn Beziehungen in eine Sackgasse geraten sind oder jemand, den ich begleite, so verzweifelt ist, dass er nicht einmal sagen kann, was ihn bedrückt oder wenn ich mich selbst überfordert fühle, und nicht weiß, welche Aufgabe ich als nächste anpacken soll.

Dann zeigt mir dieses Bild von der Knotenlöserin, dass ich nicht alle Fragen und Probleme gleichzeitig lösen kann und muss. Es geht darum, einen nach dem anderen in die Hand zu nehmen, zu schauen was ist, und wie es gelöst werden kann. Und es hilft mir auch, die Knoten, die ich selbst nicht lösen kann, Maria zu erzählen und sie  Gott anzuvertrauen.

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23MAI2019
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Heute wird es 70 Jahre alt, unser Grundgesetz. Es ist für mich fast ein heiliger Text. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, das steht über allem was dann folgt.

 Die ersten 20 Artikel sind nahezu sakrosankt, an ihnen kann niemand rütteln, kein Parlament, keine Regierung.

Sie enthalten unsere Grundrechte  Unter anderem das Recht auf freie Meinungsäußerung, Glaubensfreiheit, Versammlungsfreiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz und die die Gleichheit von Mann und Frau.

In so einem Rechts- und Sozialstaat leben zu dürfen, war nicht immer selbstverständlich. Daran möchte ich heute erinnern. Und an die 30 Männer und Frauen, die um diese demokratische Verfassung gerungen haben. Sie hatten erfahren, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Nie wieder sollte so etwas in Deutschland passieren. Dafür legten sie sich ins Zeug.

Der Journalist Heribert Prantl hat das Grundgesetz als einen „Liebeskummerbrief“ bezeichnet, „geschrieben aus einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, entstanden 1948/49 im deutschen Dreck, in Schutt und Elend.“  Die Aufgabe war in der noch so jungen Republik alles andere als einfach. Die Sowjets hatten Berlin abgeriegelt.  Etliche hatten Angst, die Teilung Deutschlands mit so einer neuen Verfassung nur für Westdeutschland zu zementieren.  Und da war da noch die Angst vor einem weiteren Krieg. Trotzdem machten sie sich mutig ans Werk.

Mir fällt besonders auf, dass man damals nicht lange darüber nachdenken musste, ob man Folter und Todesstrafe ein für allemal abschafft, obwohl die Kriminalitätsrate hoch war. Oder ob es ein Grundrecht auf Asyl geben soll. Das war auf Grund der schmerzlichen Erfahrungen im  Nationalsozialismus sonnenklar.

Wenn ich da an uns heute denke, macht mich das nachdenklich. Nicht nur mit Blick auf das Recht auf Asyl, das in Gefahr ist aufgeweicht zu werden. Auch das Recht auf freie Meinungsäußerung ist gefährdet. Wo Menschen im Internet verleumdet und verunglimpft werden und sich nicht dagegen wehren können, ist es in Gefahr missbraucht zu werden.

Nur gemeinsam schaffen wir es,  dass die Würde des Menschen gewahrt bleibt –

Indem wir sie schützen und verteidigen, wo sie Gefahr läuft, angetastet zu werden.

Das ist für mich nicht nur die Aufgabe des Staates, sondern die von uns allen.

Und Christen haben dabei einen besonderen Auftrag, weil sie sich diesem Menschenbild verpflichtet wissen.

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22MAI2019
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Ganz am Anfang in der Bibel steht für mich eine aufrüttelnde Frage:

„Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4, 9)

Es ist die Frage Kains. Aus Eifersucht hat er seinen Bruder Abel erschlagen. Gott stellt ihn zur Rede: „Wo ist dein Bruder, Kain?“ Und Kain kontert mit genau dieser Gegenfrage: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“

Nun, für Abel war es in dem Moment ohnehin schon zu spät. Was aber, wenn Kain diese Frage für sich zuvor mit Ja beantwortet hätte? Was, wenn er verstanden hätte, dass er der Hüter seines Bruders sein sollte;  obwohl er sich ungerecht behandelt gefühlt hat und eifersüchtig gewesen ist?

Wie anders wäre die Geschichte gelaufen? Und eben nicht nur die in der Bibel, sondern die Geschichte der ganzen Menschheit?

Für mich ist die Frage Kains mehr als irgendeine Frage aus längst vergangener Zeit. Ich halte sie für brandaktuell. Vielleicht hängt an ihr – auch wenn sich das jetzt überzogen anhören mag – nicht nur die Vergangenheit, sondern die Zukunft der Menschheit. „Bin ich der Hüter – die Hüterin meines Bruders?“ Sind wir bereit, füreinander Sorge zu tragen, Verantwortung zu übernehmen? Dabei geht es um mehr als die leiblichen Geschwister und den inner circle. Es geht um die Menschheitsfamilie.

Und die ist schließlich  aufs engste miteinander verbunden. Egal ob es um die Sorge um den Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Rohstoffe, Kriege und Krisen geht. Ich kann nicht so tun, als ob mich das nichts angeht, als ob ich nichts davon wüsste.  Nicht in Zeiten medialer Kommunkation, wo mir Nachrichten und Bilder in kürzester Zeit aus der ganzen Welt ins Wohnzimmer schneien.

Ich möchte ich für mich die Frage Kains mit Ja beantworten. Ja ich möchte  zumindest versuchen, die Hüterin meines Bruders, meiner Schwester zu sein. Eine, die sich  kümmert nicht nur um Familie und Freunde. Sondern sich zum Beispiel zukünftig traut, bei der älteren Nachbarin zu klingeln, wenn ich sie ein paar Tage nicht gesehen habe. Und konkret überlegt, was ich im Kleinen für den Klimaschutz tun kann. Plastikfasten, beispielsweise.

Und ich wünsche mir sehr, dass sich immer mehr Menschen als Weltgeschwister sehen und begreifen. Dass der reiche Bruder im Norden sich als Hüter und Behüter seiner ärmeren Geschwister auf der südlichen Halbkugel versteht und entsprechend handelt.

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21MAI2019
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Ein Bild, das mich besonders anrührt, heißt: „Not Gottes“ Darauf sieht man, wie Gott Vater seinen toten Sohn im Arm  hält. Trauer und  Entsetzen sind ihm ins Gesicht geschrieben. Er wirkt zutiefst erschüttert und bekümmert – eben in Not.

Gott in Not – in tiefer Not… ist das nicht etwas zu menschlich ausgedrückt. Der Allmächtige ohnmächtig?

Ich glaube nicht. Mir hilft dieses Bild. Es zeigt mir einen Gott, der berührbar ist, nicht gleichgültig gegenüber Leid und Tod. Seine Allmacht besteht für mich darin, dass er unvorstellbar treu ist. Er bleibt da, hält mit aus, auch den Kummer und den Tod… und er gibt dem Tod in Gestalt seines Sohnes Jesus einen Platz, direkt in seinem Arm, auf seinem Schoß. Ich sehe darin (auch) ein Bild für Auferstehung. Weniger gewaltig, weniger triumphierend …dafür sehr berührend und zärtlich.

Vielleicht ist sterben und auferstehen das: In den Schoß Gottes heimgehen, in seiner Liebe geborgen sein, zärtlich gehalten für immer?

Ich glaube nicht an einen Gott, der den Tod des Menschen will. Auch an keinen der Katastrophen und Krankheiten schickt, um uns zu bestrafen oder zur Besinnung zu bringen.

Aber ich glaube daran, dass er mit und bei mir ist, ganz nahe - auch oder gerade dann, wenn es traurig, schwer und kaum zum Aushalten ist.

Und er spornt mich an,  dabei ein bisschen zu sein wie er: berührbar zu bleiben, nicht gleichgültig zu werden, mit auszuhalten, dazubleiben auch wenn es schwer wird, wenn jemand stirbt und immer weniger wird.

Und dabei diese Art von Zärtlichkeit einzuüben. Papst Franziskus hat das für mich wunderbar ausgedrückt:

„Zärtlichkeit ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Zärtlichkeit bedeutet, unsere Augen zu benutzen, um den anderen zu sehen, unsere Ohren zu benutzen um die Schreie der Kinder zu hören, der Armen und derer, die Angst vor der Zukunft haben, auch den stummen Schrei unseres gemeinsamen Hauses zu hören, der verseuchten und kranken Erde. Wir haben soviel zu tun, und wir müssen es gemeinsam tun. In der Dunkelheit der Konflikte, die wir durchleben, kann jeder von uns ein leuchtendes Licht sein, das uns daran erinnert, dass das Licht die Dunkelheit besiegt und nicht umgekehrt.“ (aus dem Film: Franziskus, ein Mann seines Wortes)

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20MAI2019
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Meine Großmutter hat immer von ihrer I-den-ti-täts-karte gesprochen. Gemeint hat sie damit ihren Personalausweis. Meine Großmutter hat weder Englisch noch Französisch gesprochen. Warum sie dieses ungewöhnliche Wort benutzt hat, weiß ich nicht. Aber dass sie es getan hat, fiel mir ein, als ich entdeckt habe, dass ich dringend einen neuen Ausweis beantragen sollte.

Dann war da wieder dieses Wort: Identitätskarte.

Meine Identitätskarte – was sagt so ein Ausweis darüber aus, wer ich bin, wer jemand ist? Was steht drauf? Der Name, Geburtstag und Ort, die Staatsangehörigkeit, gegenwärtige Adresse, Größe, Augenfarbe.

Und ein Foto von meinem Gesicht ist darauf abgebildet.

Wenn ich kontrolliert werde, geht es darum, erkennbar zu sein. Passt das? Ist die Person, die vor mir steht, dieselbe wie die auf dem Ausweis, den sie zeigt? Sind die identisch –passgenau dieselben?

Identität aber bedeutet für mich mehr. Es geht zum einen darum, dass ich herausfinde, was mich als Person ausmacht. Zum anderen geht es darum, dass ich mit mir selbst in Einklang bin, dass ich ich selbst sein kann und darf.

Beides sind schöne, wenn auch nicht nur einfache Aufgaben. Wie oft ringe ich darum, mit mir in Einklang zu sein, zufrieden mit dem, was ich bin und wie mein Leben ist.

Nicht immer nur mit einer Mängelliste zu hantieren, sondern versöhnt mit dem, was ich kann und was ich nicht kann. Das heißt nicht, dass ich mich nicht weiterentwickeln möchte, sondern mir wünsche, innerlich ruhiger zu werden, mit mir stimmig halt.

Dass ich immer mehr herausfinde, was mich ausmacht, worin ich unverwechselbar bin, das finde ich eine schöne Lebensaufgabe. Und ich finde es wunderbar, dass wir Menschen von Gott so gedacht sind. Einmalig – Unverwechselbar. So wie unser Fingerabdruck.

 

Der geistliche Schriftsteller Martin Gutl sagt es so:

Sei deiner Tiefe treu

Lauf nicht fort von dir

Bleib bei dir in allen Zeiten

Sei ganz du, und sei es gern

Hilf dir selbst

Geh zu dir nach Hause warte und horche

Sammle dich

Zerstreu dich nicht

Sei deiner Tiefe treu

So wird sich Gott

In dir halten

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