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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind intensiv. Auch Beziehungen zwischen Geschwistern. Mein ganzes Leben verbindet mich mit ihnen. Sie sind mir nah. Zu dieser Verbindung zwischen Familienmitgliedern gehören alle Gefühle, die es gibt. Ich liebe meine Geschwister und Eltern, wir können uns aufeinander verlassen. Manches verstehe ich aber auch nicht oder macht mich traurig. Und ich weiß, dass Beziehungen innerhalb von Familien sehr schmerzhaft sein können oder sogar ganz abbrechen.

Mir helfen Geschichten von anderen Menschen, eigene ungelöste Beziehungen auszuhalten. Eine erzählt von einem Vater und seinem Sohn. Der Sohn war ein abenteuerlicher Künstler. Der Vater ein konservativer und penibler Geschäftsmann. Erst nach dem Tod des Vaters hat der Sohn verstanden, was er seinem Vater verdankt. Er erzählt: „Ich muss immer wieder an die Dinge denken, die mein Vater oft gesagt hat und die mich auf die Palme gebracht haben. Schau genau hin, bevor du etwas unternimmst. Oder: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Als Jugendlicher habe ich immer den Eindruck gehabt, dass mein Vater jeden Schritt, den er unternommen hat, vorher x-fach skeptisch beäugt und begutachtet hat. Wie nützlich das für mich war, habe ich erst jetzt verstanden. Kürzlich habe ich einem großen Museum eine Ausstellung meiner Kunstwerke verkauft. Ich war erstaunt, dass mir sofort zugesagt wurde nachdem ich dem Aufsichtsrat mein Projekt präsentiert hatte. Eines der Aufsichtsratsmitglieder hat mir später gesagt: „Wie hätten wir Ihren Vorschlag ablehnen können? Sie haben selbst schon alle Einwände vorweg genommen und eine Lösung dafür vorgeschlagen. Sie haben sämtliche Risiken lückenlos einbezogen. Wir mussten einfach einverstanden sein.“ In diesem Moment habe ich meinen Vater mit völlig anderen Augen gesehen. Durch ihn habe ich gelernt, meinen Träumen ein solides Fundament zu geben.“[1]

Ich kann mir gut vorstellen, was in dem Sohn vorgegangen ist. Ich kenne solche Erfahrungen. Zum Teil hat es lange gedauert, bis ich begriffen habe, wie mich Eltern und Geschwister geprägt haben. Manches hab ich noch immer nicht verstanden. Aber ich weiß: Alles, was mich herausgefordert, bisweilen überfordert hat... Alles, was nicht leicht war, hat mich wachsen lassen. Ich habe das Beste daraus gemacht und ich weiß, was ich meinen Eltern und Geschwistern verdanke.



[1] Rachel Naomi Remen: Aus Liebe zum Leben. Geschichten, die der Seele gut tun. Arbor 2017

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Vier Mal am selben Tag ist der gleiche Videoclip auf meinem Smartphone gelandet. Von ganz verschiedenen Leuten. Ein wichtiger Videoclip. In der Tat. Da steht Hannes Jaennicke vor dem Deutschen Bundestag und fordert von der Bundesregierung, dass Plastikverpackungen besteuert werden. Hannes Jaennicke habe ich bisher nur als Schauspieler aus dem Fernsehen gekannt. Im Videoclip konfrontiert er mich mit Fakten, die ich bis dahin nicht wahrgenommen habe. Jährlich sterben 1,5 Millionen Seevögel und etwa 650.000 Wale, Delphine, Orcas durch den Plastikmüll im Meer. Wenn wir so weiter machen, schwimmt im Jahr 2050 mehr Plastik im Meer als Fische und Plankton.

Ich war ehrlich schockiert, weil für mich das Leben ein Geschenk Gottes ist. Ich fühle mich verantwortlich, das zu schützen und sorgsam damit umzugehen. Ich trenne schon immer sorgfältig meinen Müll. Aber seitdem ich diesen Videoclip gesehen habe, fällt mir auf, wieviel Plastik ganz selbstverständlich zu meinem Alltag gehört: Zahnpasta, Duschgel, Haarshampoo, Waschmittel, Spülmittel, Wäscheklammern, Klebestift, Kugelschreiber, Frischhalteboxen für den Kühlschrank, ganz zu schweigen von den Lebensmitteln, die zum Teil mehrfach in Plastik verpackt sind. Wie soll ich denn da anfangen, Plastik zu vermeiden? Das geht doch gar nicht. Es ist schwer, ja. Erst recht, wenn man wenig Geld hat und in den Discountern einkaufen muss, in denen alles im Kühlregal in Plastik verpackt ist.

Seitdem ich den Videoclip gesehen habe, fällt mir auch auf, was sich schon verändert hat. Ich kann jetzt zu manchen Supermärkten meine Frischhalteboxen zur Käse- und Fleischtheke mitnehmen und die Lebensmittel direkt darin verpacken lassen. Gemüse kann ich im Laden in die Baumwollbeutel packen, die ich mitgebracht habe. Es gibt inzwischen sogar Läden, in denen ich alles unverpackt kaufen kann, wenn ich meine Behälter dafür mitbringe. Im Internet gibt es tolle Ideen, wie ich unnötigen Verpackungsmüll vermeiden kann. Und es gibt Umweltschützer, die solche Videoclips drehen. Mir hat er geholfen. In Sachen Plastikmüll bin ich aufgewacht. Hannes Jaennicke hat schon recht. Er sagt: Es ist ungerecht, wenn es an den Endverbrauchern hängenbleibt, dieses Problem zu lösen. Die Politik ist gefordert, brauchbare Gesetze zu formulieren. Und es ist nötig, dass viele aufwachen.

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„S’goht drgega“. Diese Redewendung gehört zur schwäbisch-alemannischen Fasnacht. Ohne zu wissen, was diese Redewendung genau bedeutet, hatte ich bisher meine eigene Übersetzung dafür. „S’goht drgega“ oder „es geht dagegen“ soll heißen, dachte ich: Alles ist anders. Für Macht und Ohnmacht gelten andere Regeln. Ganz lebendig ist das ja heute am Schmotzigen, wenn die Narren Rathäuser stürmen und Bürgermeister entthronen. Oder wenn sich hochrangige Politiker Narrengerichten stellen müssen. Sinnbild dafür, dass an diesem einen Tag das niedrige Volk, die kleinen Leute, die Narren das Sagen haben. Das ist auf jeden Fall eine der Wurzeln für die Fasnacht. Der Name für die 5. Jahreszeit ist je nach Region verschieden. Aber Fasenacht, Fasnet, Fasching und Karneval haben einen gemeinsamen Ursprung im Mittelalter. Beim „Fest der Narren“ sind fromme Priester und hoch angesehene Bürger mit Masken durch die Straßen gezogen und haben sich lustig gemacht über Gott und die Welt. Selbst die höchsten Persönlichkeiten mussten damit rechnen, auf den Arm genommen zu werden. Die Ordnung der Welt nach menschlichen Maßstäben wurde auf den Kopf gestellt. Darum geht es auch bei der Weiberfasnacht heute. Waschfrauen aus dem Rheinland haben dieses Fest erst vor 200 Jahren eingeführt um die Ordnung der Männerwelt zu stören. Auch den Frauen ist es darum gegangen, sich der Macht ihrer Ehemänner zu widersetzen.

S’goht drgega bedeutet in der schwäbisch-alemannischen Fasenacht eigentlich nur: Es geht der Fasnacht entgegen. Mir gefällt meine Übersetzung viel besser und inhaltlich ist sie ja nicht falsch: Alles ist anders während der närrischen Tage. Für Macht und Ohnmacht gelten andere Regeln. Nicht zufällig wird Jesus in der Kunst auch als Narr dargestellt. Als einer, der eine verkehrte Welt verkündet. Veränderte Machtverhältnisse. Eine Welt, in der die Ersten die Letzten sein werden und die Letzten die Ersten. In der die Hungernden beschenkt werden und die Reichen leer ausgehen. Eine Welt in der Menschen gestürzt werden, wenn sie ihre Macht missbrauchen. Eine Welt, in der jeder Mensch wertvoll ist ganz unabhängig davon wieviel Geld er hat oder welche Herkunft und was er leistet. Die närrischen Tage verändern unsere Machtverhältnisse nicht. Aber sie halten die Erinnerung wach, dass manches daran nicht stimmt.

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Sophie steht einfach nur da und lächelt. Sophie ist 8 Jahre alt und Schülerin in der Klasse, in der ich Lehrerin bin. Wir haben gelernt, was Tunwörter - also Verben - sind. Eine Aufgabe für alle Kinder besteht darin, sich ein Tunwort auszudenken und es pantomimisch darzustellen. Manche Tunwörter erraten wir leicht, wie zum Beispiel schwimmen, trinken oder hüpfen. Das Tunwort, das sich Sophie ausgedacht hat, erraten wir nicht. Wie gesagt, sie steht einfach nur da und lächelt. Lächeln, stehen, nachdenken, schauen, riechen und manches andere fällt den Kindern ein. Stimmt alles nicht. Schließlich bitten wir Sophie, uns zu verraten, welches Tunwort sie darstellt. Sie strahlt und sagt: „Sein“. „Sein“ ist sogar mein LieblingsTunwort.

Sophie hat Recht. „Sein“ ist auch ein Tunwort. Es lässt sich konjugieren: Ich bin, du bist, er ist, wir sind, ihr seid, sie sind.

Ich hab mich nicht gewundert. Sophie fallen beim Lernen immer wieder ungewöhnliche Sachen ein. Aber dieses Bild, wie sie einfach dasteht und lächelt, werde ich nicht vergessen. Denn „Sein“ hat für mich bis zu diesem Moment vor allem bedeutet eben nichts zu tun. Einfach nur sein, nichts schaffen müssen. Nichts denken, keine Hausarbeit, keine Verpflichtungen. Sein habe ich damit verbunden, einfach nur da zu sitzen und in die Landschaft zu schauen. Oder am Abend im Sessel zu sitzen und darüber nachzudenken, was ich den Tag über erlebt habe.

Wie Sophie so dasteht, tut sie ja auch nichts. Nicht wirklich. Sie ist ein Mädchen. Neugierig, fantasievoll, witzig, zuverlässig. Und ein lebendiges Beispiel für das, was Erich Fromm so beschreibt:

„Sein ist eine menschliche Tätigkeit. Das bedeutet nicht, Steine von hier nach dorthin zu schleppen. Das ist keine Arbeit im menschlichen Sinne. Sein heißt lebendig sein, interessiert zu sein, Menschen zu sehen, Menschen zuzuhören, sich in sie hineinzuversetzen, sich in sich selbst hineinversetzen.“[1] Mensch-Sein ist eine Tätigkeit. Es ist nicht egal, wie ich als Mensch bin. Menschen, die mit sich und anderen liebevoll umgehen, wirken - ebenso wie Menschen, die mit sich und der Welt unzufrieden sind. Als Christin glaube ich, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist. In seinem Sein. So wie er ist. Das sind große Worte. Ich weiß. Aber sie sind der Wegweiser, mein Mensch Sein zu gestalten.



[1] Erich Fromm: Worte wie Wege. Herder Verlag 1992/95

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Ich fahre gerne Auto und wenn’s geht, manchmal auch schnell. Bis vor kurzem hatte ich keinen Bordcomputer, auf dem ich sehen konnte, wieviel mehr Sprit ich verbrauche, wenn ich schnell fahre. Jetzt ist das anders. Ich sehe ganz genau, wieviel weniger Benzin ich brauche, wenn ich statt 130 auf der Autobahn nur 100 Kilometer in der Stunde fahre. Als die Spritpreise an den Tankstellen in die Höhe geklettert sind, war das natürlich auch ein Grund, sparsamer zu fahren. Und dann habe ich in einer Zeitschrift[1] gelesen, wieviel CO² ich vermeide. Wenn ich auf der Autobahn 100 fahre statt 130, dann spare ich schon auf 100 Kilometern 2 Liter Benzin und vermeide 5 Kilogramm CO². Das ist relativ viel. Aber halt theoretisch. Wenn mir ein Autofahrer auf der Autobahn dicht im Nacken sitzt und sich offensichtlich ärgert, weil ich nur 100 fahre, lasse ich mich schnell stören und trete aufs Gaspedal. Auch wenn ich mich beeilen muss. Außerdem, wenn ich dann erlebe, wie viele Leute darüber scheinbar nicht nachdenken und mit Höchstgeschwindigkeit über die Autobahn brettern, erscheinen mir meine ganzen Rechenspiele mit dem Sprit fast lächerlich und sinnlos. Sind sie nicht, lese ich in der Zeitschrift. Ich kann mehr verändern als ich denke.

Einige von ihnen, die jetzt zuhören, werden sich über meine Rechenbeispiele ärgern, weil sie bewusst schon seit Jahren gar kein Auto besitzen. Andere werden abwinken, weil sie nicht daran glauben, dass sich irgendetwas ändert, wenn einzelne sich bemühen. Aber wie wir es auch drehen oder wenden. Es ist so: Jeder, der auf diesem Planeten lebt, ist auch verantwortlich für ihn. Jeder übernimmt seine Verantwortung für die Welt anders. Manche haben sich entschieden. Und fliegen nie mehr mit dem Flugzeug. Oder verzichten ganz auf Fleisch. Manche duschen bewusst nur ganz kurz und legen sich nie in die Badewanne. Andere achten darauf, nur fair gehandelte Kleidung einzukaufen. Mich beschäftigt im Augenblick, wie ich Auto fahre. Ein Beitrag dafür, dass alle Generationen nach mir auf dieser Welt leben können. Ein bescheidener, aber immerhin. Mein Fahrverhalten hat sich nachhaltig verändert. Denn ich liebe diese Welt. Ganz besonders spüre ich das in diesen Vorfrühlingstagen, wenn jede Blüte und jeder grüne Trieb ein kleines Wunder ist. Ich glaube als Christin, dass im Kosmos Gottes Kraft wirkt. Dass wir Menschen die Macht haben, die Erde zu zerstören, finde ich dramatisch. Ich will das nicht.

Und Gott sei Dank viele andere auch nicht.

 



[1] Greenpeace Magazin. 6/18. November-Dezember: Bloß nicht hinwerfen

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Ich mag mich selbst nicht, wenn ich gestresst bin. Dann renne ich im Stechschritt durch die Gegend, mit Tunnelblick, werde schnell aggressiv und auch laut und bin eher unfreundlich zu den Menschen, die um mich herum sind. Ich habe das Gefühl, niemandem mehr gerecht zu werden und mache einen Fehler nach dem anderen. Am Ende des Tages bin ich unzufrieden, manchmal sogar unglücklich. Stresstage sind verlorene Tage. Weil ich über den Witz nicht mehr lachen kann, den ein Kind erzählt. Weil ich nicht mehr wahrnehme, wie das Wetter ist. Ich sehe nicht mehr den fantastischen Himmel, während die Sonne aufgeht und ich in die Schule fahre. Es ist so als würde ich mich selbst verlieren.

In Stress komme ich vor allem, wenn ich zu viele Aufgaben auf einmal habe und nicht weiß, wo ich anfangen soll. Aber auch wenn ich mir Sorgen mache. Oder im Stau stehe und fürchte zu spät zu kommen.

Inzwischen hab ich schon viel unternommen, um besser damit zurecht zu kommen, wenn ich in Stress gerate. Ein Patentrezept hab ich dafür bisher nicht gefunden. Manchmal hilft es mir, mich zu bewegen und im Fitnessstudio Krafttraining zu machen. Manchmal hilft mir die Stille in meiner Wohnung.

Vor kurzem habe ich eine interessante Erfahrung gemacht. Ich bin Grundschullehrerin und die Kinder kriegen es als erste ab, wenn ich gestresst bin. Aus irgendeinem Grund habe ich den Kindern gesagt, dass ich mich selbst nicht mag, wenn ich so bin. Dass ich weiß, wie streng ich dann werde. Aber weil ich so offen darüber gesprochen habe, wurde es unerwartet heiter im Klassenzimmer. Die Kinder haben sich gemeldet und mir erzählt, wie ich mich verhalte, wie sie mich erleben. Wie ich schaue und was ich sage. Sie haben das so humorvoll getan, dass wir gemeinsam herzhaft gelacht haben.

Ich habe in dieser Stunde gelernt: Wenn mir bewusst ist, was ich den Kindern zumute, weil ich im Stress bin... Wenn ich ihnen sogar sagen kann wie gerne ich das verändern würde... Aber wie schwer das ist... Wenn ich mich nicht rechtfertige sondern sage, wie leid es mir tut.

Dann wird mir das nicht übel genommen. Zumindest nicht von den Kindern. Und dann ist es auch wieder leichter, mir selbst zu verzeihen.

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