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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Dieser Satz ist ein Herzstück christlichen Glaubens. Wer sich selbst nicht liebt hat es schwer, seine Nächsten zu lieben. Von Charlie Chaplin gibt es ein Gedicht zur Selbstliebe. Es beschreibt, was er als 70jähriger darunter versteht, sich selbst zu lieben. Charlie Chaplin schreibt:

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen,
dass Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind,
nicht gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich das nennt man "Authentisch-sein". 

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört,
mich nach einem anderen Leben zu sehnen, und konnte sehen,
dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man “Reife”.

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden,
dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und
dass alles, was geschieht, richtig ist. –
Von da konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich, das nennt sich “Selbstachtung”.

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört,
immer recht haben zu wollen. So habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt, das nennt man “Einfach-sein”.

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert weiter in der
Vergangenheit zu leben und mich um meine Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur mehr in diesem Augenblick, wo Alles stattfindet. So lebe ich heute jeden Tag und nenne es “Vollkommenheit”.

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken manchmal armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner. Diese Verbindung nenne ich heute “Herzensweisheit”.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist das Leben!

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Es ist schon lange klar, aber dieser Sommer hat es eindrücklich gezeigt: Auf der Erde wird es immer wärmer. Und wir müssen uns mit den Folgen auseinander setzen. Ein Interview mit Hans Joachim Schellnhuber in unserer Tageszeitung geht mir nach. Er ist Klimaforscher in Potsdam. Und beschäftigt sich damit, warum politisch nicht ausreichend berücksichtigt wird was man längst weiß. Es ist ja so. Im Tagesgeschäft der Politiker drängen sich andere akutere Themen in der Vordergrund.

Hans Joachim Schellnhuber empfielt, gute Geschichten zu erzählen, in denen Menschen gerne vorkommen. Geschichten, die bewegen und begeistern. Und die Chancen aufzeigen, wie Menschen selbst Zukunft mitgestalten können.

Im ersten Moment hat mich diese Empfehlung überrascht. Ob gute Geschichten so wirksam sind? Aber dann hab ich dran gedacht, wie sehr mir selbst gute Geschichten helfen. Geschichten von Menschen, die umweltverträglich handeln. Die mir Mut machen und mich motivieren, das zu tun, was ich tun kann. Zum Beispiel als Lehrerin Kinder für die Natur zu begeistern. Und ihnen zu zeigen, wie wichtig es ist, sie zu schützen. Dabei hilft mir eine dieser guten Geschichten, die es schon lange gibt. Sie ist über 30 Jahre alt. Es ist die Geschichte des Ökomobils, einem rollenden Naturschutzlabor. Ein Lastwagen, innen komplett ausgestattet als Forscherstation. Es gibt Ökomobile inzwischen in ganz Deutschland. In Tübingen ist eine Frau dafür verantwortlich, die selbst fasziniert ist von der Natur und die es schafft, andere damit anzustecken. Sie ist Biologin. Unter dem Motto, „nur, was man kennt und schätzt, kann man auch schützen“ ist sie seit 16 Jahren im Ökomobil unterwegs. Sie bietet Kinderhäusern, Schulen, aber auch Erwachsenen an, zu entdecken, wie vielfältig und faszinierend die Natur in ihrer unmittelbaren Umgebung ist. Meine Klasse war mit dem Ökomobil im Wald. Unglaublich, wie viele kleine und winzige Tiere wir in kürzester Zeit im Waldboden gefunden haben. Wir haben ihre Namen kennen gelernt. Und wofür sie nützlich sind.

Wir waren begeistert. Wir haben an diesem Vormittag viel gelernt, viel Spaß gehabt. Und gespürt: Auch auf mich kommt es an. Auf meinen Beitrag zum Naturschutz. Es ist nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

*Schwäbisches Tagblatt, 08. September 2018: Hans Joachim Schellnhuber „Es gibt eine bessere Erzählung“

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Es gibt Augenblicke im Leben, in denen die Zeit still steht. Zuletzt habe ich das so erlebt, als mein Enkelkind frisch geboren war. Wie genau es sich anfühlt, Oma zu sein, habe ich nicht gewusst. Ich habe gewusst, dass ich mich deshalb nicht älter fühlen würde als ich es bin. Ich habe mit gehofft und gebangt, dass in der Schwangerschaft alles gut geht. Ich habe mich auf das Kind gefreut. Habe eine besonders aufwändige Jacke gestrickt. Mir überlegt, was ich meinem ersten Enkelkind zur Geburt schenken will. Ich habe gestaunt über die gut erkennbaren Ultraschallbilder, die mir mein Sohn jedes Mal geschickt hat. Habe aufmerksam verfolgt, wie das junge Paar sich auf ihr Eltern sein vorbereitet hat.

 

Aber als ich dann den Anruf erhalten habe, dass das Baby gesund auf der Welt ist, sind einfach nur die Tränen geflossen.

Einen Tag später stand ich dann im Krankenhaus bei der jungen Familie.

Es ist Weihnachten, schoss es mir durch Herz und Kopf. Ein Kind ist uns geboren. In diesem Augenblick war nichts wichtiger auf der Welt. Ein Augenblick eben, in dem die Zeit still steht. Ein Augenblick zwischen Himmel und Erde. Ein Wunder – gewachsen aus der Verschmelzung einer Eizelle und einem einzigen Samen. Der kleine Leo - was für ein Geschenk, dass er lebt und dass er gesund ist. Ausgestattet mit allem, was er zum Wachsen braucht. Augen, Nase, Ohren, Mund, Finger – alles winzig. Aber alles da. Die Haare schon sichtbar lockig. Die Haut weich wie eine Feder. Ganz fühlbar auch, wie verletzlich und abhängig dieses kleine Kind ist. Wie angewiesen darauf, dass es gut versorgt und aufmerksam wahrgenommen wird.

Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, Oma zu sein. Es gibt Verbindungen, die unvergleichlich sind. Dazu gehört die Beziehung zu den eigenen Kindern – und auch zu Enkelkindern. Seitdem erlebe ich, wie der kleine Leo wächst. Wenn ich ihn und seine Eltern besuche, sitzen wir manchmal einfach nur da und schauen ihm zu. Ein altes Weihnachtslied beschreibt es so: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen“. Das Kind, das mit Freude angesehen wird ist Jesus. Mit seiner Geburt feiern die Christen, dass Gott auf die Welt kommt.

Wenn ich den kleinen Leo sehe, glaube ich: Gott kommt in jedem Neugeborenen auf die Welt.

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Ich mag die Stille. Das war schon als Kind so. Ich erinnere mich genau. Zum Beispiel an die Stille in der Kirche, kurz bevor der Gottesdienst angefangen hat. Ich weiß bis heute, wie es dort gerochen hat, sehe die Lichtstrahlen durch die Fenster fallen und höre wie die Orgel die Stille beendet. Es war eine besondere Stille, mir war sie heilig. Immer wieder hab ich sie erlebt. Aber nicht nur in der Kirche. Oft in der Natur. Auch mit Menschen. Z.B. als ich mit 13 zum ersten Mal alleine in Stuttgart war. Eigentlich um einzukaufen. Aber dann war ich so fasziniert von den vielen Menschen, dass ich mich auf dem Schlossplatz auf einen Betonpfosten gesetzt habe um ihnen zuzuschauen. Natürlich war es in der Stadt nicht still. Aber ich habe es so empfunden, während ich beobachtet habe wie unterschiedlich sich Menschen bewegen und dass man in ihren Gesichtern etwas davon sehen kann wie es ihnen geht. Noch später ist mir bewusst geworden, wie lebendig ich mich selbst in solchen Momenten fühle. Ich mag die Stille bis heute.

Kontemplation nennen das gläubige Menschen. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „anschauen“, „betrachten“ und ursprünglich wohl, „von göttlichen Kräften erfasst werden“. So fühlt es sich an. Was ich innerlich erlebe und was ich außerhalb von mir wahrnehme, ist nicht mehr getrennt. Es ist eine andere Möglichkeit, das Leben zu fühlen. Alles fühlt sich dabei so wertvoll an, so vollständig, so sinnvoll ohne jeden Zweifel.

Ich kenne die Stille auch anders: bedrohlich, voller Angst und Zweifel. Wenn mir alles sinnlos vorkommt und ich mich einsam fühle. Solche stillen Momente sind schrecklich. Diese Stille mag ich nicht. Und ich kann deshalb gut verstehen, wenn Menschen sich permanent beschäftigen um das alles nicht zu erleben.

Aber weil ich weiß, dass Stille so und anders sein kann, lass ich sie zu -so und anders. Mit der Zeit hab ich gelernt, was ich brauche, um diese heilige Stille zu erleben. Ich finde sie an verschiedenen Orten. Manchmal in meiner Wohnung, im Auto, auf meiner Lieblingsbank unter einer Birke. Immer wieder auch in einem Kloster in Frankreich.

Ich suche diese Möglichkeiten, weilsich alles dabei so wertvoll anfühlt, so vollständig, so sinnvoll ohne jeden Zweifel.

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Es war nur ein kurzer Anruf am frühen Morgen. Danach war alles anders. Marie hat erzählt, was sie innerhalb kürzester Zeit organisieren musste nachdem ihre alte Mutter gestürzt war. Berufstätig in einer anderen Stadt, waren schon die täglichen Besuche im Krankenhaus eine Herausforderung. Außerdem war schnell klar, dass die alte Dame nicht weiter alleine in ihrer Wohnung leben konnte. Also musste nebenbei noch ein Pflegeplatz gesucht werden. Das alles obwohl Marie kein unkompliziertes Verhältnis zu ihrer Mutter hat. Der eigene Alltag mit Haushalt, Mann und Kindern ging natürlich trotzdem weiter.

Das sind die Situationen, in denen ein Mensch funktionieren muss. Egal wie die Umstände sind. Es gibt unzählige Varianten. Das kann die eigenen Kinder betreffen, die plötzlich mehr unterstützt werden müssen als man gedacht hat. Das kann im Betrieb sein, weil eine Kollegin von jetzt auf nachher ausfällt und ihre Arbeit trotzdem gemacht werden muss. Das kann auch nach einem Umzug oder einer Trennung sein. Ich hab das selbst oft genug erlebt. Da weiß ich dann: Ich komm da jetzt nicht drum herum, ich muss da durch. Meistens schaffe ich es auch irgendwie. Wenn ich Glück habe, gibt es noch jemanden, der sieht, was ich gerade leiste. Aber oft scheinen diese Anforderungen so normal, dass sich keiner wundert wenn ich sie bewältige. So hat das auch Marie erlebt. Bis ihr jemand geschrieben hat: „Ich wünsche dir unendlich große Würdigung für deinen inneren und ganz praktischen Einsatz. Was du gerade aushalten und leisten musst, ist nicht selbstverständlich.“

Das hat ihr gut getan. Für einen Moment hat sie inne halten und aufatmen können. Es eben nicht selbstverständlich finden, was sie alles geschafft hat. Sich womöglich noch schlecht fühlen, weil sie das ein oder andere sicher hätte noch besser machen können.

Wir sind es nicht gewohnt selbst zu würdigen, wenn uns etwas gut gelingt. Oder wenn wir etwas ausgehalten haben, was nur schwer auszuhalten war. Es ist gut das zu lernen: Sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Und es ist immer wichtig, wenn das andere für einen tun.

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Das Abschlussfest unseres ersten Jahrgangs der Gemeinschaftsschule. Menschen aus allen Bildungsschichten in Tübingen sind zusammen gesessen und haben den Schulabschluss ihrer Kinder gefeiert. Abschlusszeugnisse für die Hauptschule und die Realschule sind überreicht worden. Einige Schüler und Schülerinnen machen weiter in der Oberstufe bis zum Abitur. Alle haben einen Schulabschluss geschafft. Bemerkenswert viele haben einen Preis oder eine Belobigung bekommen.

Seit sechs Jahren gibt es in Baden-Württemberg Gemeinschaftsschulen. Schüler und Schülerinnen aller Bildungsschichten lernen gemeinsam in einem Klassenzimmer. Lehrer sollen alle zusammen so unterrichten, dass jeder lernt und arbeitet wie es ihm möglich ist.

Ich selbst arbeite in der Grundschule dieser Gemeinschaftsschule in Tübingen. Ich weiß noch, wie begeistert und motiviert meine Kollegen angefangen haben in dieser neuen Schulart zu unterrichten. Obwohl viele skeptisch waren und gar nicht verstanden haben, warum diese Schulart überhaupt eingeführt wird. Es war dann immer wieder auch schwierig. Dem Zauber des Anfangs folgten harte Jahre. Ich hatte oft den Eindruck, diese Schulart überfordert alle. Geflüchtete Jugendliche, die bisher kaum Deutsch sprechen. Jugendliche, denen keiner mehr einen Schulabschluss zugetraut hat. Jugendliche aus bildungsärmeren Elternhäusern und solche, die locker auf einem Gymnasium zurechtgekommen wären. Sie alle waren zusammen in einer Klasse.

Erfolgreich, wie beim Abschlussfest zu sehen war. Trotz allem, was schwierig war. In diesem Jahrgang ist die Idee der Gemeinschaftsschule aufgegangen. Jugendliche aus allen Bildungsschichten haben miteinander gelernt, gute Abschlüsse gemacht und von der Mischung profitiert.

Ich finde, es lohnt sich, diese Idee weiter zu entwickeln. Weil Jugendliche dann auch nach der Grundschule weiter in der bunten vielfältigen Gesellschaft gemeinsam lernen und leben.

Gesamt gesellschaftlich würde jeder gewinnen, wenn er schon in der Schule lernt: Ich bin anders als die anderen. Ich lerne anders. Ich kann etwas anderes als die anderen. Ich komme aus einem anderen Elternhaus. Wir alle sind Menschen und können uns respektieren.

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