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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wahrscheinlich kennen Sie das auch: Manchmal wälzen sie sich nachts von einer Seite auf die andere. Weil Ihnen der Kopf voll ist oder das Herz schwer. Und kommen einfach nicht in den Schlaf! Oder, einmal aufgewacht in der Nacht, nicht mehr zurück in den Schlaf.                              Mir hilft manchmal lesen. Da muss ich aber den Punkt erwischen, an dem ich wieder müde werde und dann schnell Buch und Augen zuklappen, damit ich auch gleich in den Schlaf komme. Eine andere Einschlafhilfe ist für mich beten. Gebete, die ich so gut kann, dass ich sie nicht denken muss, sondern auswendig kann, still in mir, gebetsmühlenartig beten kann. Das „Vater unser“ zum Beispiel, das „Gegrüßet seist du Maria“ oder ein Gebet von Teresa von Avila: „Nada te turbe“ heißt es und bedeutet „Nichts soll Dich beunruhigen“. Unter Christen ist es sehr beliebt. Und in der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé wird es immer wieder als Abendlied gesungen. Allein den Text finde ich schon beruhigend. Weil er mich wegzieht von meinen unruhigen Gedanken, hinein in die Ruhe und Geborgenheit Gottes. Ich möchte den Text gern zusammen mit dem spanischen Original vorstellen. Weil ich finde, dass man ihn dann noch besser spüren kann, wenn man ihn so spricht wie die Frau, die ihn geschaffen hat:

Nada te turbe – nichts soll dich beunruhigen. Nada t‘ espante – nichts dich schrecken, Todo se pasa – alles vergeht, Dios no se muda – Gott bleibt derselbe. La paciencia todo lo alcanca – Geduld erreicht alles. - Quien a Dios tiene nada le falta – Wer Gott hat, dem fehlt nichts. - Solo Dios basta – Gott allein genügt.  

Ich kann nur eine Kurzversion auswendig. Aber Anfang und Schluss sind immer dabei. Und die bete ich auch auf Spanisch. Weil ich beim Nada te turbe, meinen gedanklichen Turbo ausschalten kann. Und ich dieses typisch spanisch-festentschlossene „basta“ mag : Schluss jetzt, gut is, Gott allein reicht! Und weil ich es so schön und hilfreich finde, hier nochmal das ganze Gebet auf Deutsch, für die Nächte, in der die Seele Beruhigung braucht:

Nichts soll dich beunruhigen, nichts dich schrecken. Alles vergeht, Gott bleibt derselbe. Geduld erreicht alles. Wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott allein genügt.

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Streit! Lange Zeit in meinem Leben habe ich Streit gehasst. Und ihn vermieden so lange es ging. Wenn es dann aber dazu kam, hab ich ihn umso härter und erbitterter geführt. Streit gehört zum Leben, ab und zu muss er sein. Es ist aber nicht einfach gut zu streiten. Ich habe es selbst mühsam lernen müssen: nicht gewinnen wollen beim Streit. Den anderen nicht demütigen oder gar fertig machen wollen. Sondern darum streiten, dass man gemeinsam etwas lernt. Dass man einen Kompromiss findet oder damit die Beziehung gut und lebendig bleibt oder wieder wird. 
Aber wie geht gut streiten? Ich hab mich in verschiedenen Büchern kundig gemacht und möchte zusammen mit meinen eigenen Erfahrungen ein paar Streitregeln weitergeben. Als erstes: Wann streiten? Auf jeden Fall nicht zwischen Tür und Angel oder vor dem Schlafengehen. Streit braucht Zeit. Weil es um Wesentliches geht. Da ist auch der Ort wichtig. Möglichst in einem geschlossenen Raum und unbedingt unter 4 Augen und 4 Ohren. Damit nicht Kollegen oder Kinder Zuhörer sein müssen. Mit dem richtigen Zeitpunkt und Ort hängen die wichtigsten Streitregeln zusammen: die des Wie! Da gilt zu allererst: keine Gewalt – weder körperlich noch seelisch. Denn beide Formen von Gewalt schlagen Wunden, die nur sehr schwer und sehr langsam heilen. Natürlich dürfen und sollen Gefühle raus und das was ärgert, nervt oder bedrückt soll auf den Tisch. Aber immer mit Respekt! Das heißt: keine Beleidigungen oder Drohungen. Das heißt auch keine abwertende Körpersprache wie Vogelzeigen, Abwinken oder Augenrollen. Sondern ehrlich sein, mutig sein und kämpfen, für sich selbst und für die Beziehung, aber immer fair! Dabei ganz wichtig: „Ich“ sagen und nicht „Du“. Nach der „VW-Regel“ vorgehen: Aus Vorwürfen Wünsche machen. Also nicht: „Du kommst immer so spät nach Hause“. Sondern: „Ich fände es schön, wenn Du mal früher nach Hause kämst“. Was beim Streiten auch nicht hilft sind Verallgemeinerungen wie „immer“ oder „nie“. Konkrete Beispiele sind da besser. Und ausreden lassen, nicht unterbrechen gehört auch zu den wichtigsten Streitregeln. Die dann zu einer höheren Stufe von Streitkultur führen können: Dem anderen wirklich zuhören und sich irgendwann sogar in seine Perspektive hineinversetzen. Was dann dem Schönsten am Streit schon ganz nahe ist: dem Verständnis füreinander und vor allem: der Versöhnung!

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„Satzzeichen retten Ehen“ – Wie bitte? Ja, und zwar ein Komma. Das habe ich auf einer Postkarte gelesen und musste richtig lachen. Denn je nachdem wie man folgenden Satz spricht, ändert er seine Bedeutung. Wenn zum Beispiel die Ehefrau zum Ehemann sagt: „Was willst du schon wieder?“ Oder denselben Satz so ausspricht: „Was, willst du schon wieder?“ Kommunikation ist das Schmiermittel, das Öl von Beziehungen. Geht die Kommunikation bei einem Paar verloren, dann ist auch bald die Beziehung des Paares verloren. Und weil doch den Kirchen glückliche Ehen ein solches Herzensanliegen sind, will ich heute ein paar Neuigkeiten aus der Wissenschaft weitergeben. Und zwar darüber, was Paare zusammenhält, wenn sich der Hormonsturm nach der ersten Verliebtheit gelegt hat. 
Zum Beispiel, dass weniger Sex kein Zeichen von weniger Liebe sein muss. Sondern ein Zeichen dafür, dass die Partner sich geborgen fühlen und nicht ständig Liebesbeweise brauchen. Oder dass Händchenhalten die Beziehung stabilisiert. Doch echt, durch das einander Halten sinkt das Gefühl von Bedrohung, die motorische und emotionale Anspannung lassen nach und sogar das Schmerzempfinden wird weniger. Haben  Wissenschaftler rausgefunden. Wie auch, dass Männer und Frauen Stress auf unterschiedliche Weise bewältigen. Männer massieren ihre Frauen am besten, wenn sie gestresst sind und schweigen dabei. Das senkt bei  Frauen lutdruck wie Puls und verlangsamt die Atmung. Frauen dagegen sprechen am besten mit ihren gestressten Männern, das reduziert ihre Angst, weil sie sich durch die Bindung gestärkt und geborgen fühlen. Und das Beste zum Schluss: Liebe heilt Wunden und zwar nicht nur die seelischen, sondern auch die körperlichen. Das wurde bei einem Versuch mit Paaren nachgewiesen, denen kleine Wunden am Arm zugefügt wurden. Wenn sie sich böse gestritten haben, sich also feindselig verhalten und seelisch verletzt haben, blieben die Wunden länger bestehen.  Der Grund dafür: Das Alarm- und Kampfsystem läuft auf Hochtouren. Das blockt die Blutgerinnung  und schwächt das Immunsystem. Und natürlich umgekehrt. Bei Paaren, die gut streiten können, heilen auch die körperlichen Wunden  schneller. Aber was heißt gut streiten? Das ist ein anderes Thema, zu dem es mir heute leider nicht mehr reicht. Aber morgen!

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„Gier ist die Sucht der Unglücklichen“ – das hat die Autorin Almut Ader gesagt. Und da frage ich mich, wie unglücklich wir eigentlich sind. Aus fast allem muss scheinbar Geld gemacht werden, immer nur Geld gemacht, immer mehr Geld gemacht werden. Krankenhäuser sollen sich rechnen, die Pflege soll Gewinn bringen. Geld ist kein Tauschmittel mehr, das den gerechten Austausch von Waren regeln soll, sondern es soll sich gar selbst vermehren! Das ist grundfalsch. Und schadet dem Einzelnen wie der Gesellschaft.
Warum wehren sich eigentlich nur so wenig Menschen gegen die Tyrannei dieses entfesselten Kapitalismus? Sie meinen ich übertreibe? Ist es denn übertrieben, wenn ich es für völlig verrückt halte, dass ein Fußballer für 130 Millionen € verkauft wird? Und dass er Millionen im Jahr dafür bekommt, nur weil er gut kicken kann? Ist es denn übertrieben, wenn ich es für menschenverachtend halte, dass es Windeln gibt, die 3,7 Liter Urin aufnehmen können und alte Menschen darin verpackt werden, weil so die Pflege billiger ist? Ist es übertrieben, wenn ich es für krank halte, dass Krankenhäuser zu Wirtschaftsunternehmen gemacht werden, deren oberstes Prinzip es ist, Gewinne zu machen, statt Menschen zu heilen?
Und ist es schließlich übertrieben, dass ich es für unerträglichen Wucher halte, wenn eine 4 Zimmer-Wohnung in Tübingen 500.000 Euro kostet? Und es jungen Familien unmöglich gemacht wird, bezahlbaren Wohnraum zu finden? Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich habe nichts gegen das Prinzip des Kaufens und Verkaufens. Und auch nichts dagegen, Gewinne zu erwirtschaften. Und ich habe schon gar nichts gegen eine soziale Marktwirtschaft. Ich habe aber etwas dagegen, wenn das Prinzip Geld machen sich in Bereiche schleicht, in denen es nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat. Überall dort wo es um Gesundheit und Pflege, um die Grundbedürfnisse des Menschen wie Wohnen, Essen und Trinken oder Wärme geht. Überall dort darf Geld nicht die oberste Rolle spielen. Wenn doch, dann wird dieser entfesselte Kapitalismus tödlich, wie Papst Franziskus es so hart wie treffend formuliert hat. Sie tötet die Menschenwürde und hinterlässt eine kalte Welt voll Geld, Müll und leeren Seelen.

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Ich weiß nicht ob es diesen Ausdruck nur im Schwäbischen gibt: Wenn man „ jemand ed leida ka“ oder besser noch „i ka di leida“ sagt. Wie auch immer. Im Ausdruck „Sich leiden können“ steckt eine tiefe Lebenserfahrung. Weil jede Beziehung auch Leid in sich trägt. Selbst die schönsten und längsten Beziehungen, die es gibt. In jeder Liebesbeziehung, wenn man nach der Verliebtheit die Schrullen und Macken des anderen erkennt und sie leiden können muss, sie ertragen, mitlieben können muss. Weil der Mensch eben nicht ganz oder nur so ist wie man sich in ihn reinverliebt hat. Man muss den Menschen, den man liebt, auch leiden können, damit die Beziehung tiefer werden kann, reifen kann.
Oder bei Geschwistern, die sich bei aller Verschiedenheit und aller Verbundenheit auch leiden können müssen. Weil der eine vielleicht der Ältere ist und die andere vielleicht die Hübschere oder die Erfolgreichere. Das muss ich dann auch leiden können, damit die Geschwisterliebe erhalten bleibt. Und auch im Beruf, man muss nicht alle Menschen mögen, aber es tut gut und es arbeitet sich leichter, wenn man die Kolleginnen und Kollegen gut leiden kann. Mit ihren Stärken und Schwächen, die einem beide auch ganz schön auf den Geist gehen können. Und: Es gibt auch ein Leid in der Gottesbeziehung. Wenn er für jemanden einfach nicht da ist oder furchtbares, sinnloses Leid zulässt. Dann leide ich auch an diesem Gott, liebe und vertraue ihm aber trotzdem.                 Ein Letztes zum Thema leiden und sich leiden können: Von seinem Ursprung her bedeutet dieses Wort fahren, Erfahrungen machen. Was zu der Zeit, in der Leiden diese Bedeutung hatte vor allem beschwerliche Erfahrungen waren. Denn Reisen war mühsam und gefährlich.
Und passt das nicht ganz gut zur heutigen Bedeutung? Dass ich auf meiner Lebensreise nicht nur schöne und leichte Erfahrungen mit Menschen mache, sondern auch mühsame und schwere. Und dass beides zu mir und meinem Leben gehört. Das leichter wird, wenn ich die Menschen gut leiden kann.

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„Fälle nie eine Entscheidung, wenn du ganz froh oder ganz traurig bist!“ - sagt eine Lebensweisheit und hat natürlich Recht. Treffe ich eine Entscheidung in euphorischer Stimmung, besteht die Gefahr, dass ich die negativen Aspekte ausblende. Weil da alles so hell und klar ist. Entscheide ich etwas in schlechter Stimmung, dann kann es sein, dass ich manch positive Seite der Sache nicht sehe.
Und was gibt es nicht alles zu entscheiden im Leben! Heiraten oder nicht. Diese Stelle nehmen oder eine andere. Sich operieren lassen oder nicht. Sich scheiden lassen oder es doch noch einmal versuchen. Kündigen oder dem Mitarbeiter noch eine Chance geben. 
Bei allen Entscheidungen muss ich auch scheiden, das heißt, mich von etwas trennen, etwas loslassen, aufgeben. Das macht Entscheidungen auch so schwer. Deshalb können manche Menschen sich nur schwer oder gar nicht entscheiden. Oder weil sie allein die Vielzahl der Alternativen überfordert. Entscheidung ist immer ein Risiko, ich kann mich auch falsch entscheiden.
Darum ist es sinnvoll, die Dinge um die es geht, vor einer Entscheidung gut zu bedenken und zu befühlen. Manchmal mach ich das auch im Gebet. Und wenn dann alles genügend hin und her bewegt ist, lege ich das Für und Wider vor Gott. Lasse es dort eine Weile liegen und dann erst entscheide ich.
Eine Anekdote fasst diesen Entscheidungsweg ganz gut in ein Bild: 

Ein Adlerjunges fragte: „Wann darf ich mein Futter endlich selbst jagen? Niemand fliegt im Sturzflug so wie ich, kein Tier ist sicher, wenn ich angebraust komme“ „Probier‘s und sage mir dann, was du erlebt hast“, antwortete der alte Adler. Wie ein Pfeil stürzte sich der junge Adler aus dem Nest, so wie er es bei den ausgewachsenen Adlern gesehen hatte. Die Flügel angelegt, die Krallen bereit zum Zupacken. Er sah Hasen und Murmeltiere, aber keines der Tiere konnte er erwischen. Müde und hungrig kehrte er zurück. „Ich habe nichts erlegt und doch habe ich es so gemacht wie ihr“, berichtete der junge Adler traurig. „Das stimmt“, sagte der alte und flog bedächtig in den blauen Himmel. „Aber du hast das Kreisen vergessen.“ 

Quelle: „Wie das Krokodil zum Fliegen kam“ – 120 Geschichten, die das Leben verändern“ – herausgegeben von Katharina Lamprecht , Stefan Hammel, Adrian Hürzeler und Martin Niedermann. Erschienen 2016 im reinhardt – Verlag, München

 

 

 

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