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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Für Geld machen die Leute ja so manches. Weil sie es dringend brauchen. Oder weil es doch ganz nett wäre, ein bisschen mehr zu haben. Gut, wenn man bei aller Begeisterung nochmal überlegt: ist das eigentlich o.k., was ich da vorhabe? Manche überlegen nicht.

So war das bei Bileam. Der war ein Gottesmann. In der Bibel kann man nachlesen, was er erlebt hat. Ein feindlicher König hat ihm magische Kräfte zugetraut. Er hat Bileam beauftragt, sein Volk zu verfluchen. Das Volk von Bileam.  Damit sie im Krieg verlieren und der feindliche König gewinnt. Dafür sollte Bileam viel Geld bekommen.
Bileam macht sich auf den Weg. Ob das gut ist, was er tun soll, fragt er sich nicht. Das viele Geld ist einfach zu verlockend.

Da stellt sich ihm ein Engel in den Weg, mit Schwert in der Hand. Gott selbst will Bileam von dem abhalten, was er vorhat. Dumm nur, dass Bileam nichts mitbekommt. Er sieht weder den Engel noch das Schwert. Vermutlich ist er gerade damit beschäftigt zu überlegen, was er mit dem Geld alles anfangen könnte. Oder er freut sich über den wichtigen Auftrag, der ihm da zugetraut wird. Ein Schritt auf der Karriereleiter. Jedenfalls kriegt er nichts anderes mehr mit.

Die Eselin ist aufmerksamer als ihr Herr. Sie sieht den Engel und weicht aus. Bileam klemmt sich dabei das Bein ein. Er ist sauer und schlägt sein Tier. Als er in die Klemme gerät, weiß er gleich, wer schuld ist: er natürlich nicht. Nein, die Eselin. Dreimal weicht das kluge Tier dem Engel aus. Dreimal schlägt Bileam seine Eselin. Er könnte ja mal absteigen und überlegen, was hier eigentlich los ist. Macht er aber nicht. Er will einfach nur stur geradeaus. Da macht die Eselin den Mund auf. Gut so. Sie redet Klartext und stellt den Gottesmann zur Rede. Gott selbst öffnet ihr den Mund, heißt es in der Bibel.

Und mit einem Mal sieht Bileam den Engel, der ihm im Weg steht. Er wird ganz kleinlaut. Jetzt erst ist er bereit, nachzudenken. Jetzt nimmt er sich das erste Mal die Zeit zu überlegen, was bei ihm schief läuft.  Gott sei Dank kriegt er die Kurve und gibt seinen ursprünglichen Plan auf.

Das Geld bekommt er nicht. Aber er ist um eine Erfahrung reicher: er hat sich hinterfragen lassen. Sonst hätte er sich komplett verrannt.
Und die Eselin? Die ist mein persönlicher Held. Das muss man sich erstmal trauen: einem anderen so ins Gewissen zu reden. Wohl dem, der eine Eselin in der Nähe hat und ihr zuhört…

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Eine Krise in der Mitte des Lebens. Das gibt es gar nicht so selten. Auf einmal merkt man: So kann es nicht weitergehen. Es gibt da Dinge in der Vergangenheit, die lassen mir keine Ruhe. Solange man mit dem Aufbau beschäftigt war, mit Familie und Karriere – solange hatte man keine Zeit, daran zu denken. Aber jetzt ist auf einmal alles wieder da.
So ein Mann in der Mitte des Lebens war Jakob. Er musste sich einem Kampf stellen, um weitergehen zu können. Das erzählt eine uralte Geschichte der Bibel.

Als junger Kerl hat Jakob seinem Bruder übel mitgespielt. Er ist vor dem Zorn des Bruders geflohen. Er hat alles hinter sich gelassen, hat neu angefangen, ist stolzer Familienvater geworden. Er hat es zu etwas gebracht. Auch beruflich. Aber da ist etwas, was ihn nicht in Ruhe lässt. Es zieht ihn dorthin zurück, wo er aufgewachsen ist. Zurück zu seinem Bruder, mit dem er jahrelang keinen Kontakt mehr gehabt hat. Wie wird der reagieren nach allem, was war?

Die Nacht, bevor die beiden aufeinandertreffen, ist die unruhigste Nacht in Jakobs Leben. Er ist an einem Fluss angekommen, an einem Übergang. Auf der anderen Seite wartet sein Bruder. Jakob kämpft in jener Nacht. Es ist nicht ganz klar, womit oder mit wem er da ringt. Mit Gott? Mit den Schatten der Vergangenheit? Vielleicht kann man das auch gar nicht so deutlich voneinander trennen.

Es ist für Jakob ungewohnt, sich diesem Kampf zu stellen. Bis dahin hat er sich immer irgendwie rauswinden können. Bisher hat er nur den lieben Gott gekannt. Der ist da, wenn ich nach ihm frage. Er hält zu mir, wenn es mir nicht gut geht.

In jener Nacht erlebt Jakob eine andere Seite Gottes: einen unbequemen Gott, der nicht einfach alles auf sich beruhen lässt. Dieser Gott ringt mit einem Menschen. Und er ringt um diesen Menschen.

Als der Morgen anbricht und der Kampf zu Ende scheint, da gehen die beiden nicht einfach auseinander. Jakob bittet: „Ich lass dich jetzt nicht gehen, wenn du mich nicht segnest. Ich brauch das! Wenn du dabei bist, kann ich mich dem stellen, was war. Wenn du dabei bist, kann ich auch nach vorne schauen und weitergehen. Also: segne mich!“

Ein Mann an einem Übergang. In der Mitte seines Lebens. Jakob hinkt nach dieser Nacht. Der Kampf, dem er sich da gestellt hat, der ist nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Aber er geht gesegnet weiter. Er wird sich mit seinem Bruder versöhnen. Dann kann das Leben gut weiter gehen.

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Wie schnell gerät jemand in Vergessenheit…
Seit ein paar Monaten schreibe ich an meiner Ahnentafel. Ich frage die ältere Verwandtschaft: „Was weißt Du über Onkel Hans? Und was war eigentlich dein Uropa von Beruf?“ Ich maile mit entfernten Verwandten und suche Informationen im Internet und in Kirchenbüchern. Inzwischen stehen über 1000 Menschen in meiner Ahnentafel. Zu einigen habe ich Geschichten gefunden oder erzählt bekommen, aber bei vielen weiß ich nur den Namen, den Geburtstag, den Familienstand und wann sie gestorben sind. Manchmal sitze ich nachdenklich vor diesen Daten: wenn ich sehe, dass in einer Familie im 19. Jahrhundert 7 von 9 Kindern ganz klein gestorben sind. Oder wenn bei manchen Männernamen dabeisteht, in welchem Krieg dieser Mann umgekommen ist.

Über 1000 Menschen, die zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten gelebt haben. Über 1000 Menschenschicksale. Von vielen ist den eigenen Nachfahren nichts mehr bekannt.
Manchmal lese ich in der Zeitung auf den Todesanzeigen Sätze wie: „Tot ist nur, wer vergessen ist. Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot.“ Aber ich merke, das Gedächtnis unserer Lieben dauert höchstens drei oder 4 Generationen. Und dann?

In der Bibel heißt es, dass Gott jeden Menschen kennt und beim Namen gerufen hat. Das kleine Kind, das im 19. Jahrhundert nur ein paar Tage alt geworden ist, den jungen Mann, der mit 18 in irgendeinem Krieg gefallen ist, die alte Dame, die jahrelang bettlägerig war. Und mich auch.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“ Manche Eltern suchen ihrem Kind diesen Bibelvers als Taufspruch aus. Ich denke, sie finden es gut, zu hören: Gott kennt dich. Er kennt deinen Namen und weiß, welche Geschichte zu diesem Namen gehört und wer du bist. Für ihn bist du wichtig – egal ob du im Leben eine wichtige Rolle spielst oder eher unauffällig im Hintergrund bleibst. Und egal, wie lange sich Menschen noch Geschichten von dir erzählen.

Bei Menschen gerate ich früher oder später in Vergessenheit. Aber in Gottes Gedächtnis bin ich für immer und ewig. In seinem Gedächtnis und in seinem Herzen. Niemand muss Gott erklären, wer ich bin. Heute nicht und in 200 Jahren auch nicht. Niemand muss Gott an mich erinnern. Er hat mich bei meinem Namen gerufen. Und wenn ich sterbe, ruft er mich wieder bei meinem Namen.

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Jesaja 43,1 So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!

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Was glaubst denn Du? So hieß eine Ausstellung für Kinder, die im Februar in Stuttgart zu sehen war. Ganze Schulklassen sind da angerückt, um sich schlau zu machen. Was glauben Christen? Was glauben Muslime?
Muslimische Kinder konnten zum Beispiel lernen, wie Christen Weihnachten feiern. Und warum eigentlich. Und christliche Kinder konnten etwas über das Opferfest lernen. „Die beten auf einem Teppich. Nicht in der Kirchenbank“, hat ein katholischer Junge gelernt.

Man konnte aber auch beobachten, dass muslimische Kinder da nicht nur etwas über den christlichen Glauben gelernt haben, sondern auch etwas über ihren eigenen. Und ob jedes getaufte Kind vor dem Besuch der Ausstellung hätte erklären können, warum wir Christen Weihnachten feiern? Fragen Sie mal Ihre Kinder oder die Enkel!  Was glaubst denn Du? Und was glaube ich?

Ich denke, diese beiden Fragen gehören zusammen. Wenn ich über meinen eigenen Glauben Bescheid weiß, dann wird mich auch interessieren, was die anderen glauben. Und umgekehrt: wenn ich mich mit meinem türkischen Nachbarn unterhalte, der mir erzählt, welche Sure er besonders wichtig findet, dann ist das für mich auch ein Anlass, mich zu fragen: Was finde ich eigentlich an der Bibel besonders wichtig? Er fragt mich manchmal, wie ich dies und jenes als Christin sehe und was dazu in der Bibel steht.

In den letzten Monaten höre ich immer wieder, dass sich Menschen um den Untergang des christlichen Abendlandes sorgen. Wenn die sich alle fragen würden: Was glaube ich eigentlich und was ist überhaupt christlich, und dann womöglich in der Bibel nachlesen, - wir hätten alle einen Gewinn davon.

Mein türkischer Nachbar hat mich übrigens auf die Idee gebracht, eine deutsch-türkische Kirchenführung anzubieten und die Verantwortlichen der Moschee dazu einzuladen. Sie sind gekommen; manche mit, manche ohne ihre Familie. Alteingesessene deutsche Nachbarn waren auch dabei. Wir haben einiges gelernt, als wir uns über das Abendmahl unterhalten haben, gemeinsam am Taufbecken gestanden und über die Bedeutung des Kreuzes gesprochen haben. Auch für manche Deutsche war manches neu. Wir haben miteinander geredet, nicht übereinander. So haben wir besser verstanden, was wir ähnlich sehen und worin wir uns unterscheiden. Am Ende haben unsre Gäste mich übrigens zur Verabschiedung ihres Imams eingeladen. Eine gute Gelegenheit, um zu fragen:
Was glaubst denn du?

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Der „Flop des Jahres“. Würden Sie sich darauf bewerben, wenn das als Preis ausgeschrieben ist? Flop des Jahres?
Ein Kollege hat mir davon erzählt, als wir einander von Erfolgen und Misserfolgen erzählt haben. Der Preis wird wohl alle paar Jahre von einer katholischen Einrichtung verliehen. Gemeinden, Vereine und soziale Institutionen können sich bewerben. Einzelpersonen nicht.

Das besondere finde ich: man kann sich nur selbst vorschlagen. Nur den eigenen Verein. Die eigene Einrichtung. Ein Chor kann also nicht sagen: „die im Sportverein, die haben ja wirklich Mist gebaut. Die melden wir an beim Flop des Jahres. Die gewinnen bestimmt.“ Mag sein, aber das ist nicht erlaubt. Man kann sich nur selbst bewerben.

Ich habe erst gelacht, als ich von diesem Wettbewerb gehört habe. Aber eigentlich finde ich die Idee genial. Dieser Preis fordert einen ja heraus. Steht dazu, wenn ihr mit einer Aktion gescheitert seid. Verschweigt es nicht verschämt, wenn eure tolle Idee gefloppt hat. Kehrt nicht unter den Teppich, was verkehrt gelaufen ist. So, nur so könnt ihr etwas daraus lernen.

Vielleicht lernt ihr etwas daraus für eure nächste Idee und das neue Projekt. Ihr geht es anders an und stellt euch anders auf. Vielleicht findet ihr aber auch keinen Fehler und wisst heute noch nicht, was ihr für morgen daraus lernen könnt. Vielleicht steht ihr im Moment einfach nur dumm da. Dann bleibt zumindest eines: dass euch bewusst wird, man kann und darf Fehler machen. Denn – Überraschung: ihr seid nicht perfekt. Genauso wenig wie die anderen.
Scheitern ist ausdrücklich erlaubt. Das gilt auf jeden Fall auch für Einzelpersonen. Der Flop des Jahres erinnert daran.

Die Bibel erzählt übrigens oft davon, wie Menschen scheitern. Zum Beispiel Petrus: ausgerechnet der Anführer der 12 Jünger tut nach der Gefangennahme Jesu so, als hätte er mit Jesus nichts zu tun. Einfach nur, weil er Angst hat. So etwas wird in der Bibel erzählt. Da wird nicht einfach darüber hinweggegangen, als sei alles egal. Denn natürlich hinterlässt es Spuren und manchmal auch Narben, wenn etwas nicht gelingt. In diesen Geschichten geht es darum immer auch um das andere: da ist ein Gott, der dich annimmt. Du bist mehr als das, was du leistest. Und du bist auch mehr als das, was dir nicht gelingt. „Gnade“ heißt das alte Wort dafür. Gott ist dir gnädig. Darum sei du es auch. Mit dir und mit anderen.

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„Wenn morgen die Welt unterginge, so wollen wir heute unser Apfelbäumchen pflanzen.“
Martin Luther soll das gesagt haben, als es drunter und drüber ging wegen seiner neuen Ideen zu Glaube und Kirche.

Wenn ich heute ein Apfelbäumchen pflanze, werde ich morgen noch nicht ernten können. Das dauert ein paar Jahre, bis der erste Apfel gepflückt wird. Ein Bäumchen pflanzen – das hat etwas mit Hoffnung zu tun. Ich hoffe, ich glaube, dass da noch etwas geht. Darum pflanze ich etwas ein. Für mich und für die, die nach mir kommen.

Wahrscheinlich hat Luther den Satz mit dem Apfelbäumchen nicht gesagt. Zumindest kann man ihn in den vielen Bänden mit seinen Schriften nicht finden. Das erste Mal taucht der Satz in einem Brief im Herbst 1944 auf. Da zitiert ein hessischer Pfarrer im Elend von Nazi-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg diesen Satz. Er führt ihn auf Luther zurück: „Wenn morgen die Welt unterginge, so wollen wir heute unser Apfelbäumchen pflanzen.“ Indem wir hoffen und beten und uns für Menschen einsetzen.

Ich glaube, es ist ziemlich egal, wer diesen Satz das erste Mal gesagt hat. Aber ich finde stark, dass er Menschen Mut gemacht hat, ihr eigenes Apfelbäumchen einzupflanzen.

Das muss kein gigantischer Baum sein, der noch 500 Jahre später Leute beeindruckt, wie Luthers Bibelübersetzung. Einfach nur ein Bäumchen. Der Schüler, der sich als „Streitschlichter“ für Mitschüler schulen lässt,der alte Herr, der den Freund im Pflegeheim besucht, das Pärchen, das auf die Demo gegen Waffenexporte in Krisengebiete geht,die Erzieherin, die versucht, Kindern Werte zu vermitteln, der junge Mann, der Pate für ein kleines Kind wird:
sie alle pflanzen Apfelbäumchen. Sie alle setzen Zeichen der Hoffnung. Jeder Mensch auf seine eigene Art.

Man muss kein Christ sein, um ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Aber ich denke, Christen sollen zeigen: Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Weil ich an Gott glaube, der Spezialist für Neuanfänge ist. Gott hütet den kleinen Anfang, lese ich in der Bibel. Er gibt keinen Menschen auf. Niemals. Und er gibt diese Welt nicht auf. Ich meine, wir Christen sind es der Welt schuldig, dass wir das zeigen. Darum sollen wir Herzblut und Liebesmüh in diese Welt investieren und sich für Menschen einsetzen. Ich vertraue auf Gott. Darum will ich glauben, hoffen und lieben. Darum will ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen. Und morgen auch.

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