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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es ist eine unglaubliche Unruhe in der Welt. Oft auch in mir. Und in den anderen. Zur Ruhe zu kommen, manchmal gelingt es mir nicht mal am Wochenende. Dabei verspricht das doch vor allem der Sonntag: Nach Arbeit und Anspannung wieder einen anderen Rhythmus finden: einen freieren.
Diese Unruhe in der Welt ist anscheinend schon alt. Sonst gäbe es nicht diese Geschichte in der Bibel. Jesus erzählt von der Unruhe und wie man vielleicht aus ihr herausfinden könnte. Anders leben, freier.
Jesus erzählt von einem reichen Grundbesitzer. Es könnte auch eine Unternehmerin sein. Vielleicht auch Sie und ich mit unserer Unruhe:
Der Mann hat eine besonders gute Ernte eingebracht. Jetzt könnte er mal loslassen, feiern. Aber ein Problem hält ihn in Trab: ‚Ich habe nicht genug Platz, um die Ernte zu lagern.‘ Also neuer Plan: Ich reiße meine Scheunen ab und baue größere. Dort werde ich dann das ganze Getreide lagern.
Und dann, dann kann ich mir endlich sagen:
Nun hast du riesige Vorräte, die für viele Jahre reichen.
Jetzt, gönne dir Ruhe! Iss, trink und genieße das Leben!‘
(nach Lukas 12,13 ff)

Ob er dann wirklich zur Ruhe kommt?
Oder kommt wieder was Neues, was ihn dann unruhig macht.
„Und dann“. Darin steckt er wohl, der Keim der Unruhe, die mich so umtreiben kann. Eigentlich sehne ich mich wie dieser Grundbesitzer nach Ruhe. Und verschiebe sie: ‚Nicht jetzt, erst das noch; dann, später.‘ Im Urlaub vielleicht, oder wenn ich die Rente erreicht habe. Ich habe noch nicht genug erreicht, um sicher zu sein, dass es reicht. Aber was, wofür?
Mancher fürchtet die Ruhe auch, hält sie schwer aus. Wenn es um mich ruhig wird, spüre ich ja erst so richtig, wie unruhig ich innerlich bin.
Die Geschichte Jesu kritisiert aber nicht nur. In ihr steckt auch, wie es anders gehen könnte. Der Mann in Jesu Geschichte und Sie und ich, wir können es wissen:
Für die Sehnsucht nach Ruhe gibt es den Ruhetag. Schon in der Schöpfungsgeschichte ist er das Ziel des Ganzen. 6 Tage wirkt Gott. Und dann kommt das Beste. Der 7. Tag. Sich alles anschauen können, genießen, in Frieden.
Der Sonntag ist die Chance, die Unruhe hinter sich zu lassen. Nicht erst „und dann“. Morgen. Morgen ist Sonntag.
Und womit die Ruhe füllen?
Vielleicht spüren, wem ich verdanke, was ich habe? Bedenken was gut ist. Zeitlos flanieren. Musik, Gottesdienst. Sport machen ohne Erfolgsdruck. Liebe. Von Herzen genießen. Wie sagt der Mann in der Geschichte? „Dann kann ich mir die Ruhe gönnen, essen, trinken und das Leben genießen.“ Alsdann, immer wieder sonntags.

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Wie kann die Stimmung im Land so schnell kippen?
Vor 3 Wochen waren die Menschen, die sich vor Krieg und Gewalt in Sicherheit bringen wollten noch herzlich Willkommen. Die große Mehrheit hat ihr Leid gesehen und mit ihnen mitgefühlt.
Aber ein paar Tage später heißt es jetzt, dass die Mehrheit der Deutschen sich Sorgen machen und eine Krise fürchten. Wie kann die Stimmung so kippen? Erst sehen die meisten in den Flüchtlingen willkommene Menschen und ein paar Tage später sind sie eine „Krise“, die viele wieder loswerden wollen. Sind die, die „später“ gekommen sind, keine Menschen mehr, die um ihr Leben fürchten. Wie kann eine Stimmung so schnell kippen?
Vielleicht weil es eben eine Stimmung war. Stimmungen können gemacht werden und schwanken. Stimmungen können sich ändern.
Aber ich finde, wie ich zu Menschen stehe, das kann ich nicht auf Stimmungen gründen. Und ihren Schwankungen.
Anderen Menschen gegenüber braucht man eine Haltung, keine Stimmung. Eine menschliche Grundhaltung. Damit die anderen wissen, woran sie mit mir sind. Grundsätzlich gilt das. Aber auch für Flüchtlinge.
Jesus hat in einem kurzen Wort auf den Punkt gebracht, was christliche Haltung ist. „Was ihr für einen Menschen getan habt, der in Not gewesen ist, das habt ihr mir getan“, hat er gesagt. Und zählt auf, wie die Haltung konkret wird: Kranke, Durstige und Hungrige versorgen, Traurige trösten. Und Obdachlose und Fremde sehen und aufnehmen. Ich hoffe, dass wir diese Haltung bewahren, Sie und ich.
Eine Haltung kippt nicht einfach mal schnell weg. Oder um. Eine Haltung gibt mir Halt. Davon lässt man sich nicht mal eben wieder abbringen. Wenn es Probleme gibt. Eine Haltung hilft einem menschlich Kurs zu halten.
Dann kann man auch die Probleme sehen. Aber wenn ich eine Haltung habe, da bleiben die Flüchtlinge Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind. Und sie werden nicht zur „Krise“, hinter der ihre menschlichen Gesichter verschwinden.
Ja, es gibt Probleme, wo so viele Menschen kommen und ich mach mir auch Sorgen. Und nicht jeder, der sich solche Sorgen macht und sie äußert, ist rechts. Und gegen diejenigen, die Probleme sehen, muss man auch keine Stimmung machen. Man kann sich Sorgen machen, man kann auch ahnen, dass es  anstrengend werden kann. Aber ich finde: Darum muss man erst recht die menschliche Haltung bewahren. Und wenn man sich als Christ versteht, die christliche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20718

Da wird nach Strich und Faden betrogen, und keiner regt sich auf.
Finden Sie nicht auch? Eigentlich müsste die Aufregung über den Abgas Betrug von VW viel größer sein. Wenn es um Fußball geht, können sich viele richtig aufregen. Wenn mein Verein um ein Tor betrogen wird.
Die Aufregung über den Abgas Betrug müsste viel größer sein.
Zumal, die meisten ja meinen, dass der Beschiss noch viel größer ist:
‚VW ist nur die Spitze des Eisbergs, die anderen betrügen bestimmt auch.‘, das sagen viele. Warum regen wir uns also nicht mehr auf?
Ist es egal, betrogen zu werden?
Ist es uns wurscht, dass die manipulierten Dieselautos die Luft verpesten und Menschen krank machen? Oder ist es noch brisanter:
Regen sich die meisten von uns so wenig auf, weil wir ein schlechtes Gewissen haben? Weil wir selbst Teil des Betrugs sind. Nicht nur Betrogene, sondern Betrüger?
In einem Internet-Artikel habe ich gelesen:
Irgendwann … müssen Auto-Kunden und Konzerne beschlossen haben, sich von den unangenehmen Fakten des Autofahrens zu verabschieden: Dass große, starke Fahrzeuge viel verbrauchen…
Ich glaube auch: Viele verdrängen einfach, dass Verbrauchsangaben in den Prospekten mit der Wahrheit nichts zu tun haben. Ich auch.
Aber anscheinend lassen wir uns gern betrügen. Denn, so heißt es im Internet-Artikel weiter:
Wir fahren mit tonnenschweren Vehikeln …und beruhigen unser Gewissen damit, dass auf der Hecklappe .. "BlueMotion", "Bluetec", "Skyactive" prangt. Das klingt nach blauem, unverpestetem Himmel. Und wir wollen es glauben. Mann, sind wir blauäugig.“ Soweit der Artikel. (Michael Hengstenberg Spiegel online 25.9.2015 http://spon.de/aeAx7)
Erkennen Sie sich auch wieder in diesem Spiegel? Ich rege mich lieber nicht auf, weil ich Teil des Betrugs bin. Wenn ich mich ehrlich aufregen würde, müsste ich mich auch über mich aufregen?
Aber es ist Zeit sich ehrlich aufzuregen. Es ist Zeit umzudenken und umzusteuern. Umkehr (metanoia) nennt die Bibel das. Das ist anstrengend, aber es geht. Wir Menschen können das, umkehren können ist eine Gabe Gottes, eine Wohltat seinerseits. Wenn wir Menschen umkehren, das richtet uns auf, Betrug dagegen heißt, sich beugen.
Also: Es ist Zeit, dass Sie und ich uns aufregen über uns und die Autohersteller. Aufhören mit dem Betrug. Oder wie es in dem Internetartikel heißt:
„Die Realität ist, dass sich nur mit kleineren, leichteren Autos die geltenden Grenzwerte… einhalten lassen. Das ist die Wahrheit.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20717

Es ist nichts Besonderes, was ich Ihnen heute zu erzählen habe. Nur eine kleine Herbsterfahrung. Aber mir hat sie eine ganze Menge gegeben.
Vor drei Wochen war es. Morgens im Zug auf dem Weg zu Arbeit: „Oh Mann“ geht es mir durch den Kopf, „erst Mittwoch, wenn bloß schon Freitag wäre, oder besser Samstag.“
Meine Gedanken rumpeln weiter, so bisschen wie der Zug über die Gleise: „Das kann doch nicht sein, jetzt ist grade erst Wochenmitte und ich bin schon wieder so runter mit meiner Kraft. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass man jetzt immer schon aufstehen muss, obwohl es draußen noch dunkel ist. Ne, die Arbeit und der Biorhythmus. Manchmal passen sie nicht wirklich zusammen im Herbst.‘
Dann habe ich zum Zugfenster rausgeschaut. Und auf einmal war ich hellwach: Ein unglaubliches Licht! Wenn die Sonne so flach über die sanften Hügel wandert. Erst recht wenn es noch geregnet hat wie in der Nacht vorher und das Licht sich tausendfach in den Tropfen bricht. Irgendwie sieht die Welt aus wie frisch gewaschen. Als ob sie einer neu in Farbe getaucht hätte. So ein Leuchten liegt in der Welt wahrscheinlich nur im Herbst. Doch gut, dass ich nicht mehr im Bett bin. Später hätte ich das nicht erlebt.
Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass das Licht, das draußen auf der Welt liegt, auch mir gilt, mir Gesicht und die Seele erhellt. So, wie es beim Segen am Ende jedes Gottesdienstes versprochen wird: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.“
Mir ist es jedenfalls deutlich besser gegangen. Lichter, leichter. Finden Sie das komisch? Aber kann es denn falsch sein, zu lächeln wenn die Welt einem freundlich kommt. Die Welt und der, der sie geschaffen hat.
Einmal so aufmerksam geworden, sind mir auch Bäume ins Auge gefallen. Der Herbst taucht sie langsam in rot, braun und orange. Noch zeigen sie sich so grandios farbig. Aber bald stehen sie dann ganz ohne Blätter da. Das hat auch sein Gutes, habe ich gedacht: Da können sie sich vom Wachstumsstress erholen und kriegen ihre wohlverdiente Ruhe.
Ich sollte mir ein Beispiel nehmen an den Bäumen, finde ich. Gerade an solchen Tagen, wo einem schon mitten in der Woche die Kraft knapp wird:
Wenigstens einmal am Tag ein Stück echte Ruhezeit reservieren: Die Unruhe hinter mir lassen: Das Herbstlicht genießen und vielleicht auch Gott die Seele hinhalten: Ich glaube, so kann ich erleben, wer ich bin; kein Getriebener, sondern ein Geschöpf Gottes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20716

„Dein Vater ist sonst so ein vernünftiger Mensch. Ich begreife nicht, wie er an Gott glauben kann.“ Meine Tochter hat mir von einem Gespräch mit Silke erzählt. Silke ist ihre Freundin. Ich kenne sie auch schon ziemlich lange und wir mögen uns. Drum fordert mich sehr was sie gesagt hat. „Ich begreife nicht, wie ein vernünftiger Mensch wie Dein Vater an Gott glauben kann.“
Für sie geht das nicht zusammen: Vernünftig sein und an Gott glauben. Für mich sehr gut. Ich versuche mal zu sagen, warum:
Mein Glaube hat viel mit Lebenserfahrungen zu tun. Dass ich in der Landwirtschaft groß geworden bin. Und dass ich dabei war im Kreißsaal, bei der Geburt meiner Kinder.
Als Bauernsohn habe ich öfter erlebt, was für ein Glück es ist, wenn die Ernte wieder gut geworden ist. Was für eine gute Schöpfung die Erde ist: Gott, sei Dank.
Und die Kreißsäle? Ich war dabei als meine Kinder auf die Welt gekommen sind. Habe sie neu geboren im Arm gehalten. Und ich spüre es noch genau: Das unglaubliche Glücksgefühl, Vater geworden zu sein. Für mich sind das Gotteserfahrungen gewesen.
Silke würde jetzt vielleicht sagen: ‚Das Leben hat Dir die Kinder gegeben.
Man kann das doch auch alles vernünftig sagen zB. mit Worten der Biologie.‘
Ja klar, mach ich ja auch. Aber das Glück und die unbedingte Liebe, die ich im Kreißsaal erfahren habe. Mit meinen Kindern im Arm. Um die in Worte zu fassen, reicht mir die Biologie nicht. Dafür brauche ich Worte wie „Gott.“ „Liebe“ „Geschenk“ „Wunder.“
Ist das unvernünftig, wenn Kinder in einem das Vertrauen wecken, neues Leben ist was Himmlisches? Ein liebevolles Zeichen Gottes.
Es gibt aber noch weitere Gründe für mich, vernünftig an Gott zu glauben.
Einer ist: Leider sind die glücklichen Erfahrungen im Leben nicht das Normale. Oft geht es ganz anders zu. Dass man den Glauben und das Vertrauen in die Menschen und an Gott verlieren könnte. Das Leben ist nicht so gut, wie in seinen besten Momenten.
Und es ist nicht, wie es sein könnte. Und ich glaube auch nicht so, wie Gott es will. Und genau das ist für mich noch ein Grund, den Glauben an Gott nicht preis zu geben, im Gegenteil. Erst recht auf ihn zu vertrauen. Dass Gott nicht will, dass wir die Erde vor die Hunde gehen lassen. Und dass er uns Geist und Kraft dazu gibt.
Ich finde, es ist vernünftig, zu glauben, dass die Welt besser werden kann. Dass Gott sie hält. Und mich unterstützt, damit ich tue, was ich kann. Ich finde, an so einen Gott zu glauben, gibt Sinn. Darum gehören für mich Vernunft und Glaube zusammen.

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Die 12 Männer in Stuttgart hätten sich sehr warm anziehen müssen. Wenn es vor 70 Jahren schon Facebook oder Twitter gegeben hätte. Es wäre bestimmt ein brutaler Shitstorm über sie hereingebrochen.
Heute vor 70 Jahren, am 19. Oktober 1945, haben nämlich 12 evangelische Kirchenleute die Stuttgarter Schulderklärung unterschrieben.
Zwei Sätze daraus:
Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Und: Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.
Wenn man das heute hört, denkt man. Was ist daran so aufregend? Wieso hätte es dafür einen Shitstorm geben sollen? Ganz einfach, die Stimmung in Deutschland war 1945 völlig anders. Ein Schuldbekenntnis: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker gebracht worden.“ Das wollte damals kaum einer hören und das sollte schon gar keiner öffentlich sagen. Viel mehr war das eigene Leid Thema. Nicht Unrecht und Leid, das Russen, Briten oder gar Juden im 2. Weltkrieg erleben mussten.
Dass die Deutschen Schuld auf sich geladen hatten, als Soldat, als Parteimitglied, als Mitläufer, das mochten die meisten nicht hören. Auch in der Kirche nicht. Wenn es nach der Mehrheit gegangen wäre, hätten die 12 das nie sagen dürfen. Schon gar nicht für die ganze Evangelische Kirche.
Sie sind aber ihrem Gewissen gefolgt und haben mit diesem Schritt hin zur Wahrheit viel Positives ausgelöst. Im Sinne Jesu. Der hat gesagt:
„Die Wahrheit wird euch freimachen.“
Vor 70 Jahren mit der Stuttgarter Schulderklärung hat sich das erfüllt. Im Ausland ist das Eingeständnis ‚wir haben unendliches Leid über viele Völker gebracht‘ ganz aufmerksam gehört worden. Dadurch konnten viele sich mit den Deutschen versöhnen. Auf Menschen, die ihre Schuld bereuen, auf die kann man zugehen. Unser Land hat wieder einen Platz im Kreis der Völker gefunden.
Und was sagt mir das heute?
Es gibt Situationen, da darf man nicht der Mehrheit folgen. Man muss seine Angst vor Hassmails und Shitstorms überwinden.
Es gibt Situationen, da ist die Mehrheit auf dem Irrweg. Da darf ich nicht auf das hören, was alle sagen, da muss ich hören, was mein Gewissen sagt. Und sagen und tun, was ich als wahr und richtig erkenne.
Vor allem: es gibt Situationen, da hilft es nicht, wenn ich mich selbst rechtfertige. Da hilft es, die eigene Schuld zu sehen und einzugestehen. Dann kann vielleicht auch großes Leid wieder gut werden.

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