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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Mögen Sie irische Segensworte? Ich finde die so herrlich „erdbezogen“: Da geht es um weite Wege, Regen, Sonne, einfach viel Natur - so wie bei diesem irischen Segen: „Möge nach jedem Gewitter ein Regenbogen über deinem Haus stehen.“ Das kann ich mir direkt vorstellen: Nach einem heftigen Gewitter sieht man auf einmal einen wunderbaren Regenbogen. Das hat mich schon oft fasziniert.
Aber natürlich geht es bei einem solchen Segenswort nicht nur um ein tolles Naturphänomen. Ich kenne noch ganz andere Gewitter. Die haben mir schon so richtig Angst gemacht - wenn es zwischen zwei Menschen so richtig kracht. Manchmal kündigt sich ein solches Gewitter rechtzeitig an und man kann sich in Sicherheit bringen. Aber ein andermal kracht es auf einmal aus heiterem Himmel und ich weiß gar nicht, wie mir passiert: Habe ich was Falsches gesagt, oder was Verbotenes gemacht? Ist mein Gegenüber vielleicht nur mit dem falschen Fuß aufgestanden? Auf jedenfalls knallt es dann so richtig. Solche Gewitter machen mir Angst.
Kann ich so etwas nicht verhindern? Ich glaube: Das geht genau so wenig wie bei einem Unwetter. Man kann ert einmal gar nichts machen.
Daher gefällt mir diese Segenswort, denn hier geht es um die Zeit „nach dem Gewitter“. „Möge nach jedem Gewitter ein Regenbogen über deinem Haus stehen.“ Der Regenbogen ist mehr als ein Naturschauspiel. In der Bibel jedenfalls wird er seit dreitausend Jahren als Zeichen der Versöhnung verstanden: zwischen Gott und Mensch und zwischen Menschen.
Für mich bedeutet das: ich muss keine Angst vor solchen Gewittern haben. Natürlich will ich nicht, dass es zwischen Menschen kracht. Aber ich will mehr darauf  achten, was nach dem Gewitter geschieht: Der Regenbogen über dem Haus – könnte das nicht die Hand sein, die ich zur Versöhnung ausstrecke? Könnte das nicht der vorsichtige Satz sein: „Du, das tut mir leid“?
Ich wünsche es Ihnen und mir, dass  wir den Regenbogen nach dem Gewitter zu entdecken können. Vielleicht können wir ihn ja selbst aufleuchten zu lassen und Schritte zur Versöhnung zu gehen. In diesem Sinne wünsche ich ihnen: „Möge nach jedem Gewitter ein Regenbogen über deinem Haus stehen.“

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„Auch im Büro genügt manchmal ein Lächeln.“ Dieser Spruch steht für heute auf einem kleinen Kalender neben meinem Schreibtisch. Für jeden Tag ein Spruch über das Lächeln. Ganz nett. Aber an diesem bin ich dann doch hängen geblieben: „Auch im Büro genügt manchmal ein Lächeln“?
Ist das Büro wirklich so schlimm, dass hier so betont werden muss? „Auch im Büro“ das klingt ja so, als wenn da nie gelacht wird. Das stimmt doch gar nicht! Als ich noch in einem Großraumbüro gearbeitet habe, da haben wir viel gelacht und geschwätzt.
Aber vielleicht ist hier noch etwas anderes gemeint, als das Lachen oder Lächeln über irgendeinen Witz. Jemanden anzulächeln das ist doch eine bewusste Zuwendung zu diesem Menschen. Ich habe mich früher immer gefragt, wie das funktionieren soll, wenn es in der Bibel heißt, wir sollen unseren „Nächsten“ lieben? Meine Frau kann ich lieben, meine Kinder – die kann ich in den Arm nehmen. Aber Arbeitskollegen, Nachbarn oder gar Fremde?
Heute ist mir klar: Die kann ich anlächeln. Ich meine damit diesen freundlichen Blick, dieses bewusste Ansehen und dem anderen dabei zeigen: ich sehe dich, ich schätze dich, du bist mir wichtig.
Ein solches Lächeln finde ich wichtig – leider gelingt mir das nicht immer, oder genauer: Ich schaffe es ziemlich selten und wenn, dann eher in der Freizeit, zu Hause oder bei Freunden.
Vielleicht soll genau das durch das Wörtchen „Büro“ ausgedrückt werden? Auch dort, wo wir nicht immer locker drauf sind, wo es manchmal Ärger gibt und Spannungen, auch dort ist es wichtig, den anderen anzulächeln, ihn wertzuschätzen, ihm damit zu sagen: Du bist mir wichtig. Auch als Kollege bist du mein Mit-Mensch. Mein Nächster.
Vielleicht sagt darum Jesus Christus auch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, denn wenn ich andere Menschen so anlächle, dann kommt diese Freundlichkeit, diese Liebe und Wertschätzung oft auch wieder zurück zu mir – und das tut mir gut.
„Auch im Büro genügt manchmal ein Lächeln“, das entspannt mich. Ich muss gar nicht so viel machen, reden oder tun, ein Lächeln kann manchmal schon ausreichen um eine Situation komplett zu verändern. Darum will ich heute versuchen, einfach immer wieder einmal kurz stehen zu bleiben und meine Mitmenschen bewusst  zu beachten und wirklich wahrzunehmen, kurz: sie anzulächeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20137

Ich liebe die Arbeitsaufträge meiner Tochter! „Kannst du bei meiner Freundin meinen Computer abholen?“, zum Beispiel. Meine Tochter studiert in Stuttgart und hat den PC ihrer Freundin mitgegeben. Ich soll ihn wieder zum Laufen bringen. Und jetzt soll ich zur Freundin im Nachbarort fahren und ihn abholen. Was soll ich sagen? Natürlich kann ich das machen, auch wenn meine Tochter den Computer eigentlich selbst vorbeibringen wollte.
Also setze ich mich am nächsten Tag ins Auto, fahren zu der angegeben Adresse und klingle bei der Familie, deren Namen ich kaum aussprechen kann. Ich weiß, die Leute kommen aus Indien. Als ich die Treppe hochgehe, versuche ich mir vorzustellen, was mich erwarten wird. An der Gegensprechanlage habe ich schon gemerkt, dass es mit Deutsch nicht so ganz einfach wird.
Bei solchen Begegnungen spüre ich immer eine Mischung aus Angst und Neugierde: Angst vor dem Fremden, was mich da erwartet, aber auch Neugierde, was das für fremde Menschen sind. Es ist so ein bisschen wie im Urlaub, wenn man in ein fernes Land reist und hofft, dass einem das Essen wie zu Hause schmeckt aber man auch ein neues, fremdes Land entdecken möchte.
Viel Zeit blieb mir nicht für meine Gedanken, schnell war ich im dritten Stock angekommen. Schon an der Wohnungstüre kommen mir ungewohnte Gerüche entgegen, irgendwie riecht es so, wie ich mir Indien immer vorstellte.
Und dann ist da die Freundlichkeit der beiden Menschen, die Eltern der Freundin. Natürlich könne ich den Computer gleich mitnehmen, aber zuerst soll ich doch einmal herein kommen. Ob ich mich nicht kurz hinsetzen und etwas trinken wolle? Oder vielleicht auch etwas essen?
Soll ich? Ich bin doch eigentlich ein ganz Fremder für diese Menschen, kann ich mich da so einfach ins Wohnzimmer setzen? Unschlüssig stehe ich im Flur und überlege, denn eigentlich wollte ich nur kurz den PC abholen. Auf der anderen Seite - ich war noch nie in einer indischen Familie. Dann siegt die scheinbare Vernunft: ich bleibe dabei, dass ich keine Zeit habe und leider wieder los muss.
Heute ärgere ich mich über meine Hektik. Ich hätte mir diese Zeit einfach nehmen sollen – das wäre sicherlich gegangen. Dann hätte ich diese indische Familie kennen lernen können – jetzt habe ich vermutlich keine Gelegenheit mehr dazu – eigentlich schade.
Daher habe ich mir fest vorgenommen: Wenn mir so etwas mal wieder passiert, dann werde ich mir Zeit nehmen, denn nur so können aus Fremden vielleicht Freunde werden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20136

„Können Sie einmal vorbei kommen und für meinen Mann beten?“ Die Frau sieht mich mit große Augen an. „Natürlich“, will ich gerade antworten. Ich weiß ja, dass ihr Mann Krebs hat. Aber das sagt sie noch: „Sie wissen doch, dass es da in der Bibel so ein besonderes Gebet um Heilung gibt“. Jetzt bleibt mir die Antwort fast im Halse stecken. Heilung? Was erwartet diese Frau da von mir? Am Ende vereinbaren wir einen Termin Ende der Woche. Für mich etwas Zeit, um mir zu überlegen, wie ich mit diesem Wunsch umgehen soll.
Auf jeden Fall lese ich erst einmal diese Bibelstelle aus dem Jakobusbrief etwas genauer. Da steht: „Wer von euch krank ist, soll die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für ihn beten“ (Jak 5, 15) und „der Herr wird die betreffende Person wieder aufrichten.“
„Aufrichten?“, das hat mich etwas beruhigt. Hier steht ja gar nicht, dass der Kranke wieder körperlich gesund wird. Aufrichten bedeutet doch eher: Auch im Krankenbett den Kopf wieder heben zu können, oder die Sorgen abzulegen. Aber ich muss sagen, auch ich hatte immer nur dieses „gesund“ werden in Erinnerung – so wie wahrscheinlich viele andere auch.
In den folgenden Tagen habe ich mir viele Gedanken gemacht. Ich wusste: der Mann schon eine Darm OP hinter sich, jetzt waren Geschwüre auf der Lunge festgestellt worden. Wenn er nun wünscht, ich soll für ihn beten, dass Gott in ihn gesund macht? Was sollte ich dann tun? Ich weiß doch, dass Gott nicht jeden Menschen gesund macht, der sich das von ihm wünscht.
Ein paar Tage später haben wir uns im Wohnzimmer der Familie getroffen. Ich hatte auf einmal das Gefühl, ihn zuerst einmal ganz offen zu fragen, für was wir beten sollen. Aber war das nicht klar? Mitte 60 ist man doch noch viel zu jung zum Sterben.
Ganz ruhig hat mir der Mann geantwortet: „Ich bitte Gott nur um etwas mehr Zeit für meine Familie. Ich möchte meine Frau nicht alleine mit unserem behinderten Sohn lassen. Vielleicht kann Gott mir noch etwas Zeit schenken?“ Ich war erleichtert, dass er nicht von meinem Gebet und damit von Gott erwartet hat, dass er jetzt gesund würde. Etwas mehr Zeit – das war sein Wunsch an Gott.
Fünf Jahre später habe ich diesen Mann beerdigt. Da wusste ich, dass ich ein Wunder miterlebt hatte: Die Ärzte hatten den Krebs ganz gut in den Griff bekommen und so hatte der Mann noch rund fünf Jahre geschenkt bekommen. Kurz vor seinem Tod habe ich ihn ein letztes Mal besucht, da hat er mir gesagt: „Ich bin Gott sehr dankbar für diese Jahre. Sie waren nicht leicht. Der Krebs war ja immer da. Aber ich habe immer gewusst, dass jeder meiner Tage ein Geschenk Gottes ist.

 

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Manchmal habe ich schon gesagt: „Ich habe den tollsten Beruf der Welt“. Nicht immer denke ich das, aber manchmal. Dann zum Beispiel, wenn ich einen Besuch bei einem älteren Menschen mache. Ich bin Pastor und da gehört es einfach mit dazu, ältere Gemeindeglieder zu besuchen.
Was habe ich mir früher für Sorgen gemacht, wenn ich als junger Pastor Menschen besuchen sollte, die so alt waren wie meine Eltern. Bis ich dann entdeckte habe, dass ich gar nicht viel mitbringen muss, schon gar keine frommen Sprüche. Es reicht völlig, wenn ich ganz da bin und wenn ich mich für mein Gegenüber interessiere.
So wie bei dem 90jährigen, der in einer kleiner Wohnung unter dem Dach besuchte. Viel Falten hatte er im Gesicht, ein bisschen krumm war er auch. Der Mann erschien mir recht klein. Das Gespräch kam nur schleppend in Gang, bis ich die Bücher auf seinem Regal entdeckt habe: „Das Boot“ hatte ich auch mal gelesen. Aber das standen noch einige andere U-Boot-Bücher. So habe ich ihn spontan gefragt: „Waren sie mal U-Bootfahrer“?
Ein Strahlen zeigte sich auf seinem Gesicht und er war auf einmal voll da, kaum mehr zu bremsen. Er erzählte mir, dass er noch blutjung war, als er in den letzten Kriegsmonaten zu den U-Bootfahrer gesteckt wurde, auch weil er so klein war. „Damals“, so erzählt er mir, „war das etwas ganz Besonderes, wir galten als Helden. Aber in unserem U-Boot, da habe ich vor allem das Beten gelernt.“
Es muss schrecklich gewesen sein, wenn diese Männer in ihren Stahlröhren eingeschlossen waren und die Wasserbomben über ihnen abgeworfen wurden. „Kein Wunder“, habe ich gesagt, „dass sie damals das Beten gelernt haben, in dieser Not.“
„Damals“, so meinte er, „habe ich mich gefragt, was mein Leben trägt, was mir wichtig ist, was mein Gott ist. Es waren schreckliche Stunden, aber mir war klar, ich wenn ich jemals wieder rauskomme, dann werde ich mein Leben ändern, dann will ich mit Gott leben.“
Wir saßen an diesem Nachmittag noch lange auf dem Sofa zusammen und ich habe gestaunt, wie dieser so gebrechlich wirkende alte Mann sein Leben gelebt hat.
Er stammte aus einem kirchlichen Elternhaus, aber das war nur der Glaube seiner Eltern. Aber in den letzten Kriegsmonaten hat er seinen eigenen Glauben entdeckt. „Und“, so strahlte er mich an, „es ist mein Glaube geblieben. Damals habe ich Gott kennen gelernt – und wir sind zusammen geblieben, bis heute“.

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„Das Smartphone ist die Fernbedienung des Lebens“. Sie wissen was ich meine? Diese Telefone, mit denen man nicht mehr so viel telefoniert, aber dafür sonst alles Mögliche machen kann: Sich das Wetter anzeigen lassen oder Kochrezepte austauschen. Fotografieren und sich den Weg zum Bahnhof suchen. Und wenn es eine Funktion noch nicht geben sollte, dann wird sie sicher morgen erfunden.
Manchmal frage ich mich, wie die Menschen früher ohne so ein Ding überleben konnten? Und selbst heute soll es noch Menschen geben, die kein Smartphone haben. Aber Spaß beiseite – ich finde diese Aussage eigentlich unmöglich: „Das Smartphone ist die Fernbedienung des Lebens“.
Soll ich mich etwa auf die bequeme Couch setzen und dann mit einer Fernbedienung mein Leben steuern? So als wenn das Leben ein Fernseher wäre? Wäre das nicht schrecklich? Dann wären wir gar nicht mehr mit dabei, sondern nur noch Betrachter unseres eigenen Lebens.
Natürlich weiß ich, dass die Macher dieses Spruches das so nicht gemeint haben. Aber schon ab Herbst können wir auch bei uns im Supermarkt mit dem Smartphone bezahlen und Hausbeleuchtung und Heizung lassen sich schon heute mit diesen kleinen Wunderkisten steuern. Bequem ist das vielleicht: Aber mein Leben ist das sicher nicht. Mein Leben, das sind die Begegnungen mit echten Menschen – nicht nur auf Bildschirmen.
Letztens sah ich eine Gruppe Jugendlicher an der Haltestelle. Sie standen zusammen, aber schauten alle nur auf ihr Handy. Mich hat das sehr beschäftigt. War das etwa Langeweile? Waren die anderen nicht wichtig genug? Scheinbar kann uns so ein bewegter Bildschirm unglaublich fesseln – so sehr, dass wir die Menschen um uns herum kaum mehr bemerken.
Ich finde diese Smartphones sehr nützlich, für ganz viele Dinge. Aber ich glaube, wir sollten aufpassen, dass wir uns nicht von dieser Technik gefangen nehmen lassen.
Die Tage stand ich wieder an der Haltstelle – selber mit dem Smartphone in der Hand. Ich habe erst aufgeschaut als die Bahn endlich kam und wollte nur schnell einsteigen und hätte dabei fast die ältere Frau mit der riesen Einkaufstausche übersehen. Sie war unglaublich dankbar, als ich ihr die Tasche in die Bahn gehoben habe.
Ich bin also gar nicht so viel anders, als diese Gruppe Jugendlicher. Ich lasse mich genauso leicht von dieser Technik einfangen. Aber jetzt habe ich es bewusst wahrgenommen und ich will es ändern, denn eine Fernbedienung für mein Leben brauche ich nicht.

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