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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Etliche Städte und Gemeinden laden in diesen Wochen zu einem Flüchtlingsgipfel ein. Das ist notwendig, weil immer mehr Menschen zu uns kommen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht sind. Viele kommen aus Syrien, wo seit Jahren Bürgerkrieg herrscht. Oder aus Eritrea, wo eine korrupte Regierung die eigenen Leute umbringen lässt. Es ist ein schönes Zeichen, dass viele Menschen bei uns gastfreundlich sein wollen; aber geplant werden muss das halt auch. Und dazu müssen Politiker, Kirchen, Sozialverbände und natürlich die Betroffenen selbst an einen Tisch sitzen. 

Weihnachten beschreibt auch so etwas wie einen Flüchtlingsgipfel. Kaum ist das göttliche Kind auf der Welt gerät es mitten in die politischen Probleme seiner Zeit hinein. Und die Familie muss fliehen. Von einem Tag auf den anderen alles stehen und liegen lassen. Sie müssen weg, um zu überleben. Damals wie heute ist das für jeden Menschen eine Katastrophe. Weil alle Pläne durchkreuzt sind. Die entscheidende Frage für sie ist: „Wo finden wir einen Ort, an dem wir in Sicherheit sind, wo unsere Kinder eine Zukunft haben werden, wo wir so sein können, wie wir sind?“ 

Jesus, Maria und Josef gehen nach Ägypten. Das ist nicht gerade das Ziel ihrer Wahl. Da ist es schon einmal Menschen aus ihrem Volk gar nicht gut gegangen. Aber was haben sie für Alternativen? Vor dem Diktator im eigenen Land sind sie da wenigstens sicher. Herodes, so heißt er, hat angekündigt alle neugeborenen Knaben bis zum Alter von zwei Jahren umbringen zu lassen. Damit bloß keiner am Leben bleibt, der ihm den Thron streitig machen könnte. Das erfahren die jungen Eltern von den drei Weisen aus dem Orient. Wissenschaftler sind das, Spezialisten für Sternenkunde. Sie verstehen, wie es um die Welt bestellt ist, und sie haben ein Gespür für neue Wege.

Ich stelle mir vor, dass Maria und Josef mit diesen Weisen aus dem Morgenland so eine Art kleinen Flüchtlingsgipfel abgehalten haben. Da wurde alles abgewogen, was möglich ist: Ob sie überhaupt fliehen müssen und wann. Was das beste Ziel ist und welchen Weg sie dabei nehmen.

Interessant wird für mich dieser Gipfel besonders deshalb, weil zuletzt noch ein anderer ausdrücklich mitsprechen darf. Gott selbst. Als die Weisen gegangen sind, erscheint Josef ein Engel im Traum. Und der bringt alle bisherigen Überlegungen auf den Punkt: „Steh auf! Nimm das Kind und seine Mutter und flieh!“, sagt er. Wenn es darum geht, Menschen zu retten, dann will und kann Gott nicht schweigen.

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Heiligabend in einer italienischen Kirche. Am Ende der Christmette segnet ein Bischof die Gemeinde mit einem Kind. Wie ... er segnet sie mit einem Kind? Doch. Eine Frau mit einem Neugeborenen kommt nach vorne an den Altar. Sie gibt dem Bischof ihr Baby in beide Hände. Und der zeichnet ganz vorsichtig mit dem Kind ein großes Kreuzzeichen über die Menschen, die Weihnachten feiern. Dann legt er behutsam das Kleine zurück in die Arme seiner Mutter.

Was für eine aufregende Geste! Auf die Idee muss man ja erst mal kommen. Was daran aber wirklich faszinierend ist: In dieser einen Geste bringt der Bischof die beiden wichtigsten Aspekte von Weihnachten zum Ausdruck. 

Da ist zum einen das Kind. Die Bibel erzählt davon, dass vor zweitausend Jahren auch ein Kind geboren wurde. Und dass Gott der Welt mit diesem Kind ein Geschenk machen will. Gott schenkt uns seinen eigenen Sohn, steht in der Bibel. Mehr kann selbst er nicht geben. Das Kind zeigt, dass er die Welt grenzenlos liebt. Die Menschheit soll das nicht nur wissen, sondern sehen können. Sein guter Wille nimmt menschliche Gestalt an – eben in diesem Kind.

Bei Jesus ist nicht alles rund gelaufen. Weil die Eltern gerade unterwegs sind und nicht viel Geld haben, kommt er in einem Stall auf die Welt. Das wird ihm ziemlich egal gewesen sein. Er ist jetzt da, und wird geschrien und gelacht und gezappelt haben, wie Babies das eben tun. Und wahrscheinlich haben die Eltern gestaunt über das Wunder, das von ihrem Neugeborenen ausgeht. Irgendwie steckt bereits die ganze Welt in dem neuen Menschen drin. Und auch etwas von Gott und seiner Liebe zu unserer Welt. Das zeigt die Geste des Bischofs: In jedem Kind, das auf die Welt kommt, wird auch etwas von Gott geboren. In jedem Kind steckt etwas von Weihnachten. 

Und da ist zum anderen der Segen. Wenn der am Ende eines Gottesdienstes gespendet wird, liegt darin ein Versprechen: Gott bleibt bei euch, egal wohin ihr geht. Ihr braucht auf seine Nähe nicht zu verzichten. Das ist der zweite Kern von Weihnachten. Weil Gott als Mensch auf die Welt kam, kann er uns in jedem Menschen begegnen. Eben auch und besonders in dem Baby, das der Bischof wie einen Schatz in seinen Händen hält und den Menschen zeigt. So wird sein Segen mit diesem Kind zu einem Zeichen, das für sich spricht, zu einer Weihnachtsbotschaft ohne Worte. 

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Die vaterlose Gesellschaft. So nennen manche Sozialwissenschaftler den Zustand westlicher Nationen. Die Männer bilden zwar auch dort die Hälfte der Bevölkerung. Und es gibt logischerweise genauso viele Väter wie Mütter. Aber dann verschwinden in vielen Fällen die Männer von der Bildfläche. Sie sehen ihren Schwerpunkt im Beruf. Sie gehen nicht zu den Elternabenden. Sie überlassen die Erziehung den Frauen. Und auch im übertragenen Sinn sind Väter Mangelware. Im Kindergarten, in der Grundschule, da wären Männer wichtig, gerade als Gegenüber für die heran wachsenden Jungs. Aber es gibt kaum welche. In einem Kinderhaus, das ich gut kenne, gab es gerade mal einen Mann neben zwanzig Erzieherinnen. 

Es scheint so, als würde die Bibel diesen Zustand auch noch bestätigen. Bereits vor zweitausend Jahren. Jesus kommt ohne Vater zur Welt. Nein, er hat natürlich Gott zum Vater. So sagt es die hohe Theologie. Aber keinen natürlichen, keinen menschlichen. Denn Josef scheidet ausdrücklich aus. Er ist zwar der Verlobte von Maria. Aber für die echte Vaterschaft kommt er nicht in Betracht. Er wird regelrecht ausgebotet, weil Jesus eine göttliche Herkunft haben muss. Es ist ja ein Gotteskind, das da im Stall von Betlehem geboren wird. Wahrer Mensch und wahrer Gott sagt das Glaubensbekenntnis. Und da wäre ein menschlicher Vater dann doch des Guten viel zu wenig. 

Und Josef? Im Vergleich mit Maria spielt er zwar immer die zweite Geige – auch an Weihnachten. Trotzdem übernimmt er sehr wichtige Aufgaben. Und die werden in der Bibel nicht verschwiegen. Josef weicht der jungen Frau nicht von der Seite. Dass seine Verlobte auf unerklärliche Weise plötzlich schwanger geworden ist, und nicht von ihm, steckt er weg. Auch nach der Geburt von Jesus sorgt Josef für Mutter und Kind. Im Hintergrund, ohne Aufhebens tut er das. Die Bibel berichtet, dass er sich dabei Weitblick bewahrt und ein religiöses Gespür, was zu tun ist, wenn Gefahr droht. Die kleine Familie muss fliehen; und Josef weiß den Weg. 

Wie Josef sich da in seine Rolle fügt, das verdient Respekt. Mehr noch. Es ist unheimlich wohltuend, wie er mit seiner Rolle als Mann, mit den Erwartungen an ihn umgeht. Josef macht nicht auf Macho und großes Familienoberhaupt, sondern ist als Mann da, wenn er gebraucht wird. Dann packt er an, hat einen Plan und zeigt auf sympathische Weise Stärke. Das hat doch richtig viel Väterliches. Und es ist eine Weihnachtsbotschaft an alle Männer. 

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Ist Weihnachten ein Frauen-Fest? Zumindest die Tatsache, dass das Ganze in Form einer Geburt geschieht, legt das nahe. Denn bei jeder Geburt spielt nun mal eine Frau die entscheidende Rolle. Wenn man also nachempfinden will, was an Weihnachten geschieht, dann hat zumindest ein Teil der Frauen den Männern gegenüber einen entscheidenden Vorteil. Die nämlich, die bereits ein Kind zur Welt gebracht haben. Die Mütter. Sie wissen, wie das ist, wenn da etwas in einem heran wächst, etwas Nahes und doch auchFremdes. Sie haben erlebt, wie ihr Körper sich verändert, weil da auf einmal Leben in ihnen ist. Ein anderes, ein zweites menschliches Leben. 

Ich wundere mich manchmal, dass Frauen nicht mehr davon sprechen. Vielleicht liegt es ja daran: Schwanger zu sein und dann ein Kind zur Welt zu bringen – das ist etwas so Großes. Es lässt sich kaum in Worte fassen. Es lässt gerade auch die staunen, die es erleben. Die Frauen, die dadurch zu Müttern werden. Sie haben Angst, sie schreien vor Schmerz. Und hinterher - wenn alles gut gegangen ist – empfinden sie pures Glück. Sie sind mitten drin – und dann können sie es kaum glauben. 

In der Bibel wird beschrieben, dass Gott geboren wird. Diesen Satz muss man auf der Zunge und im Kopf zergehen lassen. Der alles erschaffen hat, kommt auf seine Welt, auf unsere Welt. Als Kind, das den Namen Jesus bekommt. Aus einer Mutter, die Maria heißt. Wer versuchen will zu verstehen, was Weihnachten ist, was Gott da macht, tut gut daran,sich in diese Frau hinein versetzen. Ich glaube, das geht. Auch als Mann kann ich das. Auch als kinderlose Frau. Mir vorstellen, wie Maria schwanger wird. Unvorbereitet, unerwartet, als sehr junge Frau. Was es sie kostet, sich darauf einzulassen, ohne richtig zu verstehen, was da passiert. 

Weihnachten ist ein Fest, bei dem eine Mutter die besondere Rolle spielt. Wer selbst Mutter ist, hat deshalb an Weihnachten einen Vorteil. Mütter können erzählen, wie es war, als sie geboren haben. Vom Wunder des Kindes. Und die anderen entdecken womöglich, dass es bei ihnen ebenfalls solche mütterlichen Seiten gibt. Für einen Menschen zu sorgen, ihm Schutz zu geben, etwas hergeben vom eigenen Leben. Das erzählt davon, wie Gott auf die Welt kommt. Bis heute.

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