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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29) Der Apostel Petrus hat das gesagt. Zum wiederholten Mal hatte man ihn beschuldigt, im Namen Jesu zu lehren, obwohl das ausdrücklich verboten war. Die Richter verloren deshalb allmählich die Geduld. Doch selbst Todesdrohungen konnten Petrus nicht davon abhalten, die Botschaft Jesu zu verkündigen.

Ähnlich war das bei dem Mann, an den ich heute, am 22. März, erinnern will: Clemens August Graf von Galen. 1933 wird er Bischof von Münster, und er bleibt in diesem Amt bis zu seinem Tod 1946. Berühmt wird er, weil er in Wort und Tat den Nationalsozialisten die Stirn bietet und gleichzeitig fordert, die Kirche müsse das überall so tun. Jede Gelegenheit nutzt er, die NS-Ideologie zu verurteilen. In seinen Predigten prangert er offen an, dass die Nationalsozialisten behinderte Menschen, eventuell auch Kriegsversehrte, töten wollen. Abschriften davon werden in ganz Deutschland verbreitet. Sogar an der Ostfront werden die Texte des „Löwen von Münster“, wie ihn der Volksmund nannte, heimlich gelesen. Das hat dazu geführt, dass die Tötungsprogramme nicht mehr länger geheim zu halten waren und die Nazis sie aussetzten. Bischof von Galen ist dabei unbehelligt geblieben; man wollte schließlich keinen Märtyrer schaffen.

Ein Martyrium müssen Christinnen und Christen heute – Gott sei Dank – nicht mehr befürchten, wenn sie offen Stellung beziehen – zumindest nicht in unserem Land. So konnten unlängst Befürworter und Gegner eines neuen Bildungsplans für Baden-Württemberg ohne Schwierigkeiten auf die Straße gehen, um ihre Meinung kundzutun. Bei anderen Themen ist das genauso. Was mich dabei beschäftigt ist: Gibt es Menschen, die so deutlich Zeugnis geben, nur in den politisch brisanten Themen? Oder verändert das auch den Stil, wie wir miteinander umgehen und kontroverse Fragen des Alltags diskutieren? Mir ist dabei die Achtung vor Andersdenkenden sehr wichtig. Auch wenn es um ein Thema geht, für das ich mich als Christ engagiere: den Stellenwert des Sonntags zum Beispiel. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Es ist sicher spannend, das Petrus-Wort einmal in diesem Licht zu betrachten. Es ist dann nicht so weit von mir weg angesiedelt, sondern mitten in meinem Alltag.

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An einer der Stellen, wo ich als Pfarrer gearbeitet habe, gab es eine Barockkirche, in der nicht nur außen, sondern auch innen alle Viertelstunde eine Uhr geschlagen hat. Der helle Klang war unüberhörbar und hat sich an den unmöglichsten Stellen in den Vordergrund gedrängt – gerade dann, wenn ich ein Gebet zu sprechen hatte und es darauf ankam, dass alle es innerlich mitvollziehen konnten. Oder, wenn ich einen Predigtgedanken entfaltet habe – froh, darüber, dass mir die meisten dabei gefolgt sind. Aber wenn das helle „Bing!“ ertönte, war es für einen Augenblick aus damit: Dann konnten viele es nicht lassen, mehr oder weniger verstohlen auf ihre Armbanduhr zu schauen.

Natürlich hat der Künstler sich etwas dabei gedacht: Er erinnert uns daran, dass der Lauf des Lebens unaufhaltsam weitergeht und dass wir angesichts des Todes unsere Zeit nutzen sollen.

Darüber nachzudenken ist heute gar nicht einfach. Meine Tage sind meistens ausgefüllt, und ich merke, wie schnell dabei die Zeit vergeht. Vor allem private Dinge kommen viel zu kurz. Nicht selten sagt meine Frau: „Wir arbeiten viel zu viel, aber das Leben besteht nicht nur aus Arbeit.“ Wie Recht sie hat! Nur: Was mache ich, wenn Termine in meinem Kalender stehen, die andere da hineingesetzt haben? Wenn Aufgaben in einem bestimmten Zeitraum fertig werden sollen? Viele Menschen klagen über Zeitdruck und Zeitmangel. Und nicht wenige reagieren darauf mit Krankheit.

Natürlich bin ich nicht der erste, der das beobachtet, und es gibt längst Strategien, dem entgegenzuwirken. „Entschleunigung“ heißt beispielsweise eine. Meine persönliche „Entschleunigung“ übe ich gerade während der Fastenzeit. Statt mit dem Auto zur Post zu fahren, weil ich denke, so geht es schneller und so spare ich Zeit, versuche ich es gerade zu Fuß. Statt eins nach dem anderen zu erledigen, schiebe ich dazwischen eine kurze Pause ein, manchmal sogar mit einem Gebet, wie es die Mönche machen. Die Wirkung ist verblüffend. Ich schaffe meine Sachen, und es bleibt tatsächlich Zeit übrig – mitten am Tag. Das „Bing“ der Uhr hat Recht.

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Manchmal bin ich froh, wenn ich eine Tür hinter mir zumachen kann. Schluss mit dem, was vorher war! Morgens zum Beispiel, wenn ich weg muss zur Bahn und es hektisch geworden ist. Oder abends, wenn der letzte Termin vorüber ist und ich das Gemeindezentrum abschließe. Endlich Ruhe! Endlich Feierabend! Ähnlich ist das zu Beginn des Wochenendes oder am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub. Ich lasse etwas zurück – froh, nun frei zu sein und unbeschwert.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil: Dass ich aus einer unbeschwerten Situation in eine schwierige gehen muss. Da öffne ich dann eine Tür, weiß aber nicht, was mich auf der anderen Seite erwartet. Der Schritt über die Schwelle fällt schwer.

In beiden Fällen symbolisiert die Tür eine Grenze: Mal geht es darum, sie zuzumachen, mal darum, sie zu öffnen. Mal mache ich sie vor mir zu, mal hinter mir. Im Bild der Tür erkenne ich einen Impuls, über mein Leben nachzudenken: Soll ich sie zumachen, wenn sie offen steht? Damit ich bei mir bleibe und bei dem, was gerade dran ist? Soll ich sie aufmachen, wenn sie verschlossen ist? Um mich weiterzuentwickeln? Um endlich meine Zukunftspläne anzugehen? Oder hinter mich zu bringen, wovor ich Angst habe?

Ich habe mir für die Fastenzeit einige Symbole ausgewählt, die mich anregen können zu wichtigen Fragen, die sonst in meinem Leben zu kurz kommen. Die Tür ist eine davon. Wenn ich morgens oder abends die Tür hinter mir zumache oder wenn mir irgendwo eine schmucke Tür auffällt, ein Kirchenportal zum Beispiel, denke ich ein bisschen weiter als sonst. Und dann bin ich schon mitten drin in Bereichen meines Lebens, in denen mehr steckt, als ich normalerweise sehe.

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Für Kinder ist es eine tolle Erfahrung, wenn sie das erste Mal einen Knoten hinbekommen, der dann auch hält. Die strahlenden Augen, wenn nach langer Anstrengung das Ziel endlich erreicht ist.

In dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny geht es um einen Mann, der immer sehr langsam ist und deshalb bei vielen Dingen hinten anstehen muss. Einmal beschreibt dieser Mann, der mittlerweile Seefahrer geworden ist, seine Erfahrung mit Seemannsknoten: Während der Ausbildung war der Schüler am besten, der den Knoten am schnellsten hinbekam. Draußen auf dem Meer aber kam es darauf an, wie fest und sicher der Knoten war. In gefährlichen Situationen kann das lebensrettend sein.

Das erlebe ich immer wieder, wenn ich mit Jugendlichen zu tun habe: Jugendliche versuchen oft, ihre Aufgaben möglichst schnell zu erledigen, gut ist, wer am Schnellsten fertig ist. Für ältere Menschen kommt es nicht mehr so auf die Schnelligkeit an, da ist Nachhaltigkeit ein wichtigeres Ziel.

Das kennen Sie bestimmt noch aus Ihrer Schulzeit: Der Schnellste ruft zuerst „fertig“. Manch einer oder eine ist immer bei den letzten gewesen, die nie als erste „fertig“ rufen konnten. Vielleicht besitzen sie aber eine ganz andere Fähigkeit: Gute Qualität, wenn auch nicht am schnellsten.

Beim Bergsteigen zum Beispiel geht es mir nicht darum, möglichst schnell oben zu sein, sondern sicher oben anzukommen und die Schönheiten der Bergwelt zu genießen.

Beim Kunstunterricht in der Schule ist nicht das Ziel, möglichst schnell fertig zu sein, sondern ein schönes und aussagekräftiges Bild zu malen.

Beim Musikmachen kommt es nicht darauf an, dass mein Instrument das lauteste ist, sondern dass es zusammen einen schönen Klang gibt.

Das beste Wissen über Gott hat nicht der, der die Bibel möglichst schnell, sondern der sie gründlich gelesen hat. Das erst ergibt ein tragfähiges Fundament, das einen auch in stürmischen Zeiten des Lebens trägt und die Richtung weist.

Wir dürfen uns also die Zeit lassen, um die Dinge, die von uns verlangt werden, gut und nicht zuallererst schnell zu tun. Gott schenkt uns die Zeit. Jeden Tag neu.

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„Wir dürfen junge Menschen nicht wie leere Flaschen sehen, die gefüllt, sondern wie Kerzen, die angezündet werden müssen.“ Diesen Spruch habe ich im Lehrerzimmer einer Furtwanger Grundschule entdeckt und er hat mich gleich angesprochen.

Gesagt hat das Robert Shaffer, ein amerikanischer Professor, der sich in seiner Dienstzeit als Rektor verschiedener Schulen sehr intensiv mit Schülern und Studenten auseinandergesetzt hat.

Junge Menschen als leere Flaschen zu sehen, die man nur ordentlich mit Wissen vollstopfen muss, ist ein gängiges Lehrmodell zu allen Zeiten. Robert Shaffer spürte aber wohl sehr deutlich, dass er so nur bedingt an seine gewünschten Ziele kommt.

Sein Ansatz ist, dass die jungen Menschen beim Lernen erkennen, was alles in ihnen steckt und was sie können. Das Wissen soll ihnen so viel Freude machen, dass sie nicht nur für die nächste Arbeit, sondern wirklich für das Leben lernen. Robert Shaffer hat viele junge Menschen dabei begleitet, er will sozusagen das Streichholz sein, dass die Kerzen entzündet, damit sie selbst brennen und Licht und Wärme geben können.

Das, so meine ich, gilt aber nicht nur für die Schule, es gilt überall dort, wo Menschen sich neues Wissen aneignen. Immer wieder haben wir mit Menschen zu tun, denen wir Wissen weitergeben. Wie schön ist es, wenn es dabei nicht nur um das Füllen, sondern um das Entzünden geht.

Eins ist dabei aber noch ganz wichtig, egal ob ich mit jungen oder älteren Menschen zu tun habe. Das, was ich anderen weitergeben will, gelingt am besten, wenn ich selbst davon begeistert bin. Oder, um es mit den Worten von Augustinus zu sagen: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

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„Der schon wieder, mit dem ist doch nichts anzufangen.“ Kein schönes Urteil über einen Menschen. So haben Schüler auf dem Pausenhof über einen Klassenkameraden geredet. Den ersten Eindruck über einen Menschen machen wir uns bereits wenige Sekunden nach dem Zusammentreffen. Das ist keine lange Zeit. Sie beruht auf einer uralten Fähigkeit, die in uns Menschen immer noch aktiv ist.

Tatsächlich hat das sogar mal Sinn gemacht. Es gab Zeiten in der Menschheitsgeschichte, da war es lebenswichtig, schnell zu entscheiden, ob der, der einem grad begegnet, Freund oder Feind ist. Dieser Eindruck hat sich dann eingeprägt.

Heute bleibt der erste Eindruck immer noch, obwohl uns selten Menschen begegnen, die uns nach dem Leben trachten.

Und ob der Mensch, der mir gerade gegenübertritt, noch derselbe ist, wie beim ersten Aufeinandertreffen, weiß ich auch nicht. Ich weiß nicht, was er alles erlebt hat, das ihn vielleicht verändert hat.

Auf einer Karte habe ich einmal den folgenden (schönen) Spruch von George Bernhard Shaw gelesen: „Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“ .

Das ist es doch, jedes Mal neu Maß nehmen. Wie viele schnelle Urteile über einen anderen Menschen muss ich da verändern.

Zum Glück glauben wir an einen Gott, der bereit ist, immer wieder neu für uns Maß zu nehmen. Die Fastenzeit, die uns zum Osterfest führt, ist so ein Angebot für uns. Wir können vieles wieder neu ausrichten und neu beurteilen. Dazu brauchen wir Mut, Offenheit und einen klaren Blick.

In einem modernen Kirchenlied heißt es: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heut wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt.“ Geben wir in der neuen Woche uns und den Menschen, die uns begegnen die Chance, neu zu beginnen.

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„Ist das schön!“ Wenn wir etwas Wunderschönes erleben, dann entfährt uns fast unwillkürlich dieser Satz. Besonders intensiv sind solche Erfahrungen ganz oben auf den Bergen.

Der Aufstieg hat viele Stunden gedauert und war sehr anstrengend. Manchmal habe ich dann schon daran gedacht, abzubrechen und umzukehren. Aber auf dem Gipfel angekommen hat mich der tolle Blick auf die Landschaft und die Aussicht entschädigt und alle Mühen haben sich gelohnt, waren manchmal sogar vergessen.

So eine Erfahrung ist auch in der Bibel beschrieben (Matthäus 17,1-9), in den katholischen Gottesdiensten ist der Text heute zu hören. Jesus lädt seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes ein, mit ihm auf den Berg Tabor zu steigen. Oben angekommen wird Jesu Gewand auf einmal strahlend hell. Und er selbst auch. Die Jünger müssen den Eindruck gewonnen haben, sie können gewissermaßen einen Blick in den Himmel werfen. Noch dazu begegnen sie Jesus Mose und Elija, zwei bedeutende Persönlichkeiten seines Glaubens.

Petrus will nun das machen, was heute ganz viele Menschen machen, er möchte die Situation festhalten. Petrus will drei Hütten bauen, heute machen wir ein Foto oder ein Video, als Erinnerung.

Zu Hause kann man sich dann alles noch einmal anschauen. Das ist zweifellos schön, ich mache selber oft Fotos. Doch liegt auch eine Gefahr darin. Man schaut alles nur noch unter der Perspektive an, ob es sich wohl lohnt das zu fotografieren, um es anderen zu zeigen oder um es sich selbst später wieder anzusehen. Schade ist es, wenn man dann zu Hause feststellt, dass man zwar wunderschöne Bilder hat, sich selbst aber gar nicht so intensiv an die Situationen erinnern kann. Man hat sie ja nur durch den Sucher der Kamera erlebt.

Petrus durfte keine Hütten bauen, aber die Erfahrung oben auf dem Berg hat sich tief in die Herzen der Jünger eingepflanzt. Daraus haben sie gelebt, besonders als Jesus dann zum Tode verurteilt wurde und gestorben ist.

Ein jeder von uns braucht solche Erinnerungen, die uns durchs Leben tragen und tief in unseren Herzen verwurzelt sind, nicht nur als Bild oder Videoclip. Sonst verpassen wir vielleicht den schönsten Augenblick. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

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