Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Stromausfall. Wo sonst abends alles hell erleuchtet ist - in einer Sekunde ist alles stockdunkel: die Häuser, die Strassen, die Landschaft. Selbst der Himmel, der sonst leicht die geballte Lichtkonzentration einer Stadt widerspiegelt - alles schwarz. Ich überlege, wo ich eine Kerze und Streichhölzer finden könnte. Und obwohl ich mich in der Wohnung auskenne, taste ich mich jetzt wie orientierungslos und mit ausgestreckten Armen dorthin, wo ich die gesuchte Kerze vermute. 
Die Nacht hat etwas Unheimliches an sich. Im Wortsinne: Wenn ich im Dunkeln tappe und kein Licht mehr sehe, aber auch im übertragenen Sinne: Wenn ich an die Schattenseiten und Abgründe in meinem Leben denke. Diese „Nachterfahrungen" will ich nicht herbei reden. Ich möchte ihr aber auch nicht ausweichen, der Nacht in mir. 
Wenn ich in den Evangelien im Neuen Testament lese, dann fällt auf: Wichtige Ereignisse um Jesus sind mit der Nacht verbunden. Nacht ist es, als Jesus geboren wird. Nacht ist es, als für ihn die letzten Leidensstunden vor seiner Kreuzigung beginnen. Noch bevor der neue Tag anbricht, ist Jesus vom Tod auferstanden. Wenn Menschen nach Sinn und Wahrheit in ihrem Leben suchen, kommen sie des Öfteren bei Nacht zu Jesus, um mit ihm zu sprechen.  

Warum dieser dunkle Hintergrund? Vielleicht deshalb, weil dann das Licht umso heller scheint? Wie eine Kerze, die mit der Zeit einen ganzen Raum ausleuchten kann.  
Ich möchte der biblischen Botschaft glauben: „Mit Jesus ist das Licht in die Welt gekommen" - auch in meine Welt. Ein Gedanke, den vor allem das Johannes Evangelium immer wieder aufgreift. Das tröstet mich und gibt mir Zuversicht mitten hinein in meine Erfahrungen von Nacht. Da ist einer, der mir die Angst nimmt vor der Dunkelheit, einer, der mir das Gefühl gibt, nicht allein zu sein in der Nacht. Und von dem ich höre: Fürchte dich nicht! 
Ich sehe mich aber auch dazu aufgerufen und ermutigt: Wo kann ich jemandem helfen, bei dem es dunkel ist im Leben, dass es wieder heller wird? Ich biete ein Gespräch an, suche zu vermitteln. Ich lasse jemanden spüren, dass er auch in dunklen Stunden nicht alleine ist. Ebenso freue ich mich über einen Menschen, der mich das spüren lässt. 
Und ich möchte vertrauen: Gott steht zu seinem Versprechen, dass es in seiner neuen Welt keine Nacht mehr geben wird (Offenbarung 21, 25), eines jeden Nacht endgültig aufgehoben ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14398

„Minne" - Minne war im Mittelalter ein Wort für „liebevolle Zuneigung". Heute ist in der katholischen Kirche der „Gedenktag des Apostels Johannes". Der Tradition nach ist es der Johannes, von dem es im Evangelium heißt: „Es war der, den Jesus liebte" (Johannes 13,23). Die christliche Kunst hat dieses Thema aufgegriffen und die so genannte „Johannes-Minne" geschaffen.
Johannes sitzt neben Jesus, den Kopf an die Brust des Herrn gelehnt. Jesus hat den Arm um den Jünger gelegt. Jesus ist hellwach, der Jünger schläft. Damit ist eine Gelassenheit angedeutet, wie sie vielleicht nur dem Glauben eigen ist. Ich kann vertrauen und bin getrost, Gott wacht über mir, er schaut nach mir. Er ist hell-wach für meine Freuden und Hoffnungen, für meine Sorgen und Ängste.

Man könnte das auch so deuten: Gott hat ein Herz, das für den Menschen schlägt. Ein Herz, das groß genug ist, um dem Menschen Platz zu bieten, ihm Geborgenheit und Frieden zu schenken. Gott hat ein großes Herz, an das sich der Mensch, mit seinem kleinen Herzen getrost anlehnen darf. Ein Bild von Innigkeit und Zärtlichkeit. 
Ein Bild, das auch sehr eindrucksvoll die christliche Berufung deutlich macht. Im Neuen Testament steht: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns zuerst geliebt hat." (1 Johannes 4,10) 

Ein weiterer Gedanke liegt nahe: Jesus hat eine Hand auf die Schulter des Johannes gelegt, mit der anderen hält er den Johannes. Das sieht aus, als hätte der Künstler dieses Wort aus dem Alten Testament im Blick gehabt: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich." (Psalm 139,5) - Menschliches Leben ist geborgen im göttlichen Leben.  

Ein letzter Gedanke zur „Johannes-Minne": Ein Fuß des Jüngers ist verdeckt, gleichsam ersetzt durch den Fuß Jesu. - Wir meinen oft, nur auf eigenen Füßen stehen, allein mit dem Leben fertig werden zu können. Ich finde es gut zu wissen, dass ich mindestens mit einem Fuß bei ihm Fuß fassen kann; dass ich gehalten bin und er mit mir geht.  

Übrigens: Die etwa fünfzehn noch erhaltenen Darstellungen der „Johannes-Minne" sind bis auf eine in Museen abgewandert. Diese eine ist noch an ihrem ursprünglichen Ort: im oberschwäbischen Heiligkreuztal bei Riedlingen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14397

Zur großen Überraschung ist heute wieder der 24. Dezember, Heiliger Abend. Der Advent - auf den ich mich jedes Jahr freue - er ist ratzfatz vorbei. Dieses Jahr hat er faktisch nur 3 Wochen gedauert. Weihnachten kommt einfach immer zu früh. Vor lauter Arbeit, Veranstaltungen und Terminen, vor lauter „lass mich auch mit" - habe ich es wieder einmal nicht geschafft: mich innerlich auf Weihnachten vorzubereiten, mich für Weihnachten bereit zu machen, den Herrn „mit wachem Herzen gläubig zu erwarten" - wie es in einem Adventsgebet heißt.
Ich möchte Sie beruhigen, wenn Sie es auch mal wieder nicht geschafft haben, das mit der inneren Vorbereitung und der frohen Erwartung. Ich frage mich nämlich: Liegt das nur an mir, an Ihnen? Oder liegt das vielleicht am Weihnachtsfest selbst? -  Dass ich nie wirklich vorbereitet bin, sondern schließlich halt irgendwie hinein stolpere. 
So ähnlich war es doch schon beim ersten Mal, vor 2000 Jahren, als Jesus geboren wurde. Seit Jahrhunderten ist dieses Kind verheißen und erwartet. Und als es geboren wird, kommt es für alle ungeschickt, unerwartet. Ausgerechnet jetzt, wo alle mit der römischen Volkszählung beschäftigt sind, wie es in der biblischen Weihnachtsgeschichte steht. Und so unpassend, unterwegs, in einer ärmlichen Unterkunft, in einem Stall bei Ochs und Esel und Schafen. 
Ich stelle mir vor: Wenn Gott gewartet hätte, bis wir wirklich auf sein Kommen vorbereitet sind, bis wir ihn wirklich froh und gläubig erwarten - dann müsste er womöglich heute noch warten.
Mich tröstet, mich entlastet, dass Gott  so ganz anders ist. Er kommt einfach wie ein lieber Besuch und klingelt an der Tür, auch wenn ich gerade gar nicht darauf eingestellt bin. Liebende kommen manchmal auf verrückte Ideen, um zu zeigen, wie sehr sie uns lieben. 
Der Gott der Liebe wird ein Mensch unter Menschen. So sehr sehnt er sich danach, uns nahe zu sein. Der Abstand zwischen dem ewigen, unbegreiflichen Gott und uns sterblichen Menschen - mag dieser Abstand auch noch so groß sein - in der Liebe ist er überwunden. In der Liebe kommt Gott auf Augenhöhe zu uns. Der starke Gott macht sich verletzlich wie ein Liebender, bedürftig wie ein Mensch, sterblich wie  jedes Geschöpf. 
Zum Glück oder besser Gott sei Dank wird es immer wieder Weihnachten - völlig unabhängig davon, ob es mir geschickt ist oder nicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14396