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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Mein Auto hat komische Geräusche gemacht. Mir war klar, dass ich  damit in die Werkstatt muss. Aber in welche? Der Werkstatt in der Nähe, die für meinen Kleinwagen zuständig ist, hab ich nicht vertraut. Mit einem alten gebrauchten Auto, noch dazu als Frau, bin ich dort schon einmal nicht gut bedient worden. Am Ende war die Rechnung groß und ich hab nicht gewusst ob stimmt, was mir der Mechaniker erzählt. Geblieben ist das Gefühl, dass ich über den Tisch gezogen worden bin. Darum bin ich dann fast 40 Kilometer in eine andere Werkstatt  gefahren, weil ich dort gute Erfahrungen gemacht hatte. Auch dieses Mal hat mir der Meister mir glaubhaft erklärt, was repariert werden muss und welche Kosten auf mich zukommen. Ohne jeden Zweifel habe ich vertraut, dass stimmt, was er sagt. Ich habe viel Zeit und zwei Zugfahrten in Kauf genommen. Um anständig behandelt zu werden und um sicher zu sein, dass mein Auto zuverlässig repariert worden ist.
Es geht um Glaubwürdigkeit bei dieser Geschichte. So vieles im Alltag hat damit zu tun - bewusst oder unbewusst. Nicht immer habe ich die Wahl unglaubwürdigen Menschen aus dem Weg zu gehen wie im Beispiel mit der Autowerkstatt. Immer wenn mir Menschen überlegen sind, etwas besser können oder wissen als ich, muss ich ihnen vertrauen. Diese Menschen müssen meinen Vertrauensvorschuss mit ihrer Glaubwürdigkeit rechtfertigen.  Das geschieht, wenn  sie sagen was sie tun und tun was sie sagen. Dann fühle ich mich sicher und kann vertrauen. Ein starkes Bild dafür wie grundlegend es ist, dass Menschen auch tun, was sie sagen steht in der Bibel: „Wer das Gute hört, davon redet und es auch tut ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf einen Felsen baut. Wolkenbrüche, Wassermassen und Stürme können ihm nichts anhaben, denn es ist auf Fels gebaut.  Wer das Gute hört, davon redet und es nicht tut, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baut. Wolkenbrüche, Wassermassen und Stürme haben es völlig zerstört." 
Menschen die sich so würdig verhalten, dass ich ihnen glauben kann, sind verlässlich und geben Halt. Nur so können tragfähige Beziehungen wachsen.

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Ich bin weder technikbegabt noch technikbegeistert. Außerdem hasse ich es komplizierte Bedienungsanleitungen zu lesen, weil sie meistens so geschrieben sind, dass ich sie nicht verstehe. Ausgerechnet mit meinem neuen Handy hab' ich was Neues erlebt. Mein altes Handy habe ich fünf Jahre benutzt. Allein die Vorstellung, dass ich mich an ein anderes gewöhnen muss und lange brauchen würde, um das Gerät zu kapieren war ein Graus. Gott sei  Dank war der Mann im Telefonladen freundlich und hat mir Mut gemacht: Sie werden begeister sein. er hat recht gehabt. Nach einer kurzen Erklärung habe ich mich in dem Laden auf einen Hocker gesetzt. Fest entschlossen, erst dann wieder zu gehen, wenn ich weiß, wie ich telefonieren, eine sms schreiben und das Adressbuch bedienen kann. Für mehr als eine Stunde bin ich auf dem Hocker versunken. Völlig fasziniert, was mit einem Telefon heute alles möglich ist, mit einer kindlichen Freude, das zu entdeckenund stolz, dass ich nicht zu dumm dafür war.

Heute ist der letzte Ferientag in Baden-Württemberg. Die Wochen sind vorbei, in denen viele Menschen einfach tun können was sie wollen. Die meisten Kinder und Jugendlichen freuen sich auf die Schule weil sie dort wieder ihre Klassenkameraden treffen. Weniger darauf, sich endlich wieder mit Mathe, Englisch oder deutscher Grammatik zu beschäftigen. Vielleicht kann die Geschichte mit meinem neuen Handy manche dazu motivieren, neugierig ins neue Schuljahr oder in den Arbeitsalltag zu starten. Neugierig zu sein ist eine Gabe, über die jeder Mensch mehr oder weniger verfügen kann. Sie ist eine unerschöpfliche Quelle dafür, zu lernen, die Welt zu entdecken und Zusammenhänge zu verstehen. Leider scheint für viele Schülerinnen und Schüler Unterricht oft so zu sein, dass sie diese Gabe nur wenig entfalten können. Aber wer sich bewusst macht, dass er von Natur aus neugierig ist, kann sich vielleicht selbst helfen. Man muss nicht einmal von einem Thema begeistert sein oder sich dafür interessieren. Auch manches, was einem auf den ersten Blick nicht gefällt, kann spannend werden. Und vor allem kann man dabei entdecken, dass man mehr kann als man denkt.

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Charli Chaplin hat an seinem 70. Geburtstag ein Gedicht über Selbstliebe geschrieben. Wenn Sie wollen, können Sie seine Gedanken mit in Ihren Tag nehmen und aufmerksam sein für Ihre Liebe zu sich selbst.Charlie Chaplin schreibt:

„Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen,

dass Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind,

nicht gegen meine eigene Wahrheit zu leben.

Heute weiß ich, das nennt man “Authentisch-sein”…

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört,

mich nach einem anderen Leben zu sehnen, und konnte sehen,

dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man “Reife”.
Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden,
dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist. –

Von da konnte ich ruhig sein.

Heute weiß ich, das nennt sich “Selbstachtung”…

Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört,

immer recht haben zu wollen. So habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt, das nennt man “Einfach-sein”.
Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert,
weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um meine Zukunft zu sorgen.  Jetzt lebe ich nur mehr in diesem Augenblick, wo Alles stattfindet. So lebe ich heute jeden Tag und nenne es “Vollkommenheit”.
Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, da erkannte ich,
dass mich mein Denken manchmal armselig und krank machen kann.
Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,

bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
Diese Verbindung nenne ich heute “Herzensweisheit”.
Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten,

denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander

und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist das Leben!

 

Quelle: www.id.co.at/news/charlie-chaplin-selbstliebe

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Peter ist 12 Jahre alt. Er hat drei Brüder und eine Schwester. Wenn der Vater Schokolade kauft, bekommt die Schwester immer eine Tafel für sich alleine und die vier Brüder eine zusammen. Peter hat keine Chance vom Vater verstanden zu werden aber er wehrt sich heimlich. Im Keller steht ein alter Kühlschrank. Dort bunkert er jede Schokolade, die er kriegen kann. Irgendwann sind es 400 Tafeln, immer wieder von Peter gezählt. Gegessen hat er kaum eine. Alle anderen hat er einfach verteilt. Kaum zu glauben diese Geschichte aber sie ist wahr. Kinder haben ein sehr ausgeprägtes Empfinden dafür was gerecht ist und können erfinderisch sein, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.
Weil Kindern das Gerechtsein so wichtig ist, habe ich wieder angefangen mich damit zu beschäftigen. Denn das Thema war für mich durch. Mein Standardsatz dazu war in den letzten Jahren: Gerechtigkeit gibt es nicht. Denn das Leben ist nicht fair, wenn ein fünfjähriges Mädchen unheilbar an Krebs erkrankt; solange Menschen verhungern und in China dieselbe Arbeit schlechter bezahlt wird als in Deutschland.Aber Gerechtigkeit ist ein Grundbedürfnis. Und einer der Namen Gottes. Als Sonne der Gerechtigkeit wird Gott besungen. „Gott ist gerecht und gut." „Seine Gerechtigkeit steht wie die Berge, hat Bestand für immer", sind starke Glaubenssätze in Gebeten. Wie kann man sich diese Gerechtigkeit vorstellen? 
Die Kinder in meiner Klasse sagen: Gerecht ist jemand, der keinen benachteiligt. Gerecht ist jemand, der alle versteht und sich nicht auf eine Seite stellt. Gerecht ist jemand, der immer den passenden Ton findet. Der Schokoladensammler Peter sagt heute als erwachsener Mann: gerecht hätte ich gefunden wenn mein Vater mir erklärt hätte, warum er die Schokolade so verteilt. Gerecht wäre gewesen wenn mein Vater verstanden hätte, dass mir das stinkt.
Einer der gerecht ist muss also nicht alle gleich behandeln. Einer der gerecht ist, braucht  ein großes Herz, das sich in andere einfühlen kann. Einer der gerecht ist, interessiert sich dafür warum sich ein Mensch verhält, wie er sich verhält ohne vorschnell zu urteilen. Auf diese Weise haben mir meine Schüler wunderbar einfach erklärt was ich im Bibellexikon viel komplizierter gelesen habe: wie man sich die Gerechtigkeit Gottes vorstellen kann.

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Fünf Kinder sitzen zusammen in der Pause und unterhalten sich. Als zwei gleichaltrige Mädchen dazu kommen sind sie plötzlich still. Offensichtlich haben die fünf über die beidengeredet. Die Mädchen sind verunsichert und gekränkt. Trotzdem wollen sie wissen worüber die anderen hinter ihrem Rücken geredet haben. Ein Junge sagt mutig: „Wenn wir euch das sagen, dann weint ihr vielleicht." Das macht die Situation für die zwei Mädchen nicht leichter. Angenehm wird das nicht sein, was sie zu hören bekommen. Der Junge sagt deshalb noch dazu: „Wir haben nichts schlechtes über euch geredet. Nur wie wir euch finden. Ich kann euch das  alles ehrlich sagen. Aber dann seid ihr halt vielleicht traurig." 
Manchmal brauchen wir es, darüber zu reden, was wir mit anderen Menschen erleben. Wenn wir uns über jemanden geärgert haben, aufregen oder gekränkt sind, müssen wir uns Luft machen, suchen wir andere, die mitfühlen, uns verstehen, bestätigen. Das ist menschlich. Manchmal bleibt es nicht beim Reden darüber. Hinter dem Rücken von anderen ist es leicht zu lästern, sich lustig zu machen oder zu schimpfen. Besonders schlimm finde ich, wenn Menschen „vornerum" freundlich sind und „hintenrum" an anderen kein gutes Haar lassen. Sie kennen das vielleicht aus dem Kollegenkreis oder der Nachbarschaft. 
Warum ist das so schwer? Jemandem ehrlich zu sagen, was wir an ihm mögen und gut finden und genauso was wir kritisch sehen und schwierig finden. Warum fühlen sich viele sofort angegriffen, wenn ihnen jemand etwas Kritisches sagt? 
Der Ton macht die Musik, das weiß ich von mir. Ich spüre sehr genau ob jemand wohlwollend kritisch ist oder ob ich abgewertet werden soll. Auf Kritik verzichten will ich nicht. Den Spiegel im Badezimmer brauche ich um zu sehen wie ich aussehe. Menschen als Spiegel brauche ich manchmal um zu wissen wie ich bin und wirke. Vor allem die unangenehmen Rückmeldungen haben mich weiter gebracht. Umso besser, wenn sie von jemandem gekommen sind, der mir nicht vorgeworfen hat wie ich bin sondern bei seiner Kritik wertschätzend und freundlich geblieben ist. Selbst wenn mich das im ersten Moment auch getroffen hat.

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Was denken Sie über einen Menschen, wenn Sie hören, dass er seine gesamte Jugend in Erziehungsheimen verbracht hat? Oder wenn Sie erfahren, dass einer im Gefängnis war? Oder was halten Sie von Lastwagenfahrern, Zahnärzten, Lehrerinnen und Fußballern? Dass wir Menschen nach ihrem Beruf und dem was wir sonst noch wissen automatisch entsprechenden Schubladen zuordnen ist normal. Aber es lohnt sich, offen zu bleiben für Überraschungen und die selbst gefertigten Vorurteilezu hinterfragen.
Der junge Mann, der seine Jugend in Erziehungsheimen verbracht hat kann dann erzählen. Dass er ungerecht und gewaltsam von seinem Stiefvater aber auch von den meisten Erziehern in Heimen behandelt worden ist. Seine einzige Chance zu überleben war, das Unrecht nicht einfach hinzunehmen. Weil er widerständig war, ist es ihm wenigstens gelungen, sich der Ungerechtigkeit und Gewalt nicht zu unterwerfen. Schade, dass ihn niemand gefragt hat, warum er sich verhält wie er sich verhält. Er hätte es erklären können.
Wenn ich offen bleibe für Überraschungen kann der Mann, der zwei Jahre im Gefängnis war, darüber reden wie ihn diese Zeit gerettet hat. Niemand hat ihm vorher beigebracht, dass es ein Gesetz gibt und ein Recht. Niemand hat ihm gezeigt, dass nicht jeder machen kann, was er persönlich für richtig hält. Er ist dankbar für das, was er im Gefängnis eingesehen und gelernt hat und nie mehr straffällig geworden.
Wenn ich meine Vorurteile hinterfrage kann der Lastwagenfahrer sich als Künstler zeigen. Er kann seine Lebensweisheit, seine Intelligenz und sein großes Herz für alle sichtbar machen, die sehen, wie empfindsam und einfühlsam er malen kann. Wenn ich mich nicht festlege, kann der Lastwagenfahrer sagen, dass er am liebsten alle Waffen der Erde einschmieden möchte um daraus ein Friedensmonument zu bauen, das vom Mond aus sichtbar ist wie die chinesische Mauer.
Wenn ich Menschen die Chance gebe, sich zu zeigen mit ihren  Schätzen jenseits von Schubladendenken und Vorurteilen, dann kann es passieren, dass ich ganz unverhofft wunderschöne Überraschungen erlebe.

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