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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond". Diesen Satz der Autorin Mascha Kaléko hat mir eine Freundin geschrieben. Sie hat eine ernste Krankheit und ist gerade am Ende der Behandlung. Und jeder, der noch keine schwere Krankheit selbst erlebt hat, kann nur ahnen, durch welch dunkle Nächte man wohl in dieser Zeit durch muss. Schlaflose Nächte, mit Zweifeln und verzweifelten Fragen. Warum? Warum ich? Was wird werden - mit mir und mit denen die mir lieb sind? Wird alles wieder gut? Ernste Fragen in Zeiten einer ernsten Krankheit. Fragen, die besonders bedrängend in der Nacht kommen. Weil die Stille und die Dunkelheit der Nacht den Menschen auf sich selbst zurückwerfen. Und weil die Dunkelheit auch ein Bild ist für Unsicherheit und Angst. Wo auch das Fürchten wohnt. Und genau da kommen die Sterne und der Mond ins Spiel. Nicht als Kitsch, sondern als unumstößliche ewige Hoffnungslichter, die umso heller sind je dunkler die Nacht ist. Hoffnung wieder gesund zu werden. Keine Schmerzen mehr zu haben. Endlich keine Schmerzen mehr zu haben. Hoffnung auf Geborgenheit, in diesem Leben oder wenn es denn sein muss im anderen. Hoffnung durch Menschen. In Zeiten der Krankheit können sich viele Türen öffnen. Mit überraschenden Einblicken, mit schönen Ausblicken. Zum Beispiel wenn Menschen Zeit haben, sich Zeit nehmen füreinander. Das tut einfach gut, allen Beteiligten. Und vielleicht hilft es sogar auch heilen. Wenn Menschen werden wie der Mond und die Sterne. Und wenn es dunkel wird, das Licht der Sonne aufnehmen und es ausstrahlen.

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Jede dritte Ehe wird geschieden. Stimmt nicht. Hört man aber immer wieder. Es stimmt nur, wenn man die Zahl der Eheschließungen und Scheidungen innerhalb eines Jahres vergleicht. Rechnet man aber alle Scheidungen auf alle Ehen, dann sind es nur noch rund ein Viertel aller Ehen, die geschieden werden. So relativ sind Statistiken. Und warum erzähle ich das? Weil ich was über das sechste Gebot sagen will „Du sollst nicht Ehe brechen!" Klingt so knochig wie moralisch. Man sieht schon den erhobenen Zeigefinger oder erinnert sich schlimmstenfalls an unsägliche Beichtsituationen mit furchtbar indiskreten Pfarrern. Aber das sechste Gebot ist alles nur kein „Sexgebot". Natürlich geht es auch um Sex, aber nicht nur. Schon in den Zeiten nicht als es entstanden ist. Im alten Israel vor 3000 Jahren galt die Frau als Besitz des Mannes. Und wenn ein Mann mit der Frau eines anderen geschlafen hatte, dann war das - so komisch es klingt - ein Eigentumsdelikt. Und damit ein Einbruch in die gesamte Familiengemeinschaft. Auch für Jesus ging es nicht um Sex, sondern um den Schutz der Frau. Wenn Jesus von der Unauflöslichkeit der Ehe gesprochen hat, dann nicht aus lebensblinder Moral, sondern um die Frauen zu schützen, weil sie den Männern rechtlos ausgeliefert waren. Es geht also von Anfang an um die Würde der Ehepartner beim sechsten Gebot. Oder anders ausgedrückt um Treue. Natürlich ist der Bund der Ehe keine Garantie für ewige Liebe und Treue. Und natürlich scheitern auch viele Ehen. Und wenn der Himmel auf Erden zu Hölle geworden ist, dann müssen Menschen in Gottes Namen auch auseinandergehen. Aber nicht gleich auseinander gehen, wenn's mal schwierig wird. Denn Treue hat auch mit Warten zu tun. Mit Geduld. Niemand ist ohne Fehler und jeder braucht Zeit, Zeit um sich zu entwickeln oder um zu vergeben. Und Treue hat auch mit Verzicht zu tun. Manchmal mit schmerzlichem Verzicht. Auch hier nicht nur aus starren Prinzipien, sondern um dem Partner oder, wenn Kinder da sind, um der ganzen Familie einen Schutzraum zu geben. Man kann nicht alles und nicht alle haben. Dass ich, wenn ich treu bin, auf andere, vielleicht auch ungeheuer spannende Erfahrungen verzichte, das gibt dem Partner und der gesamten Familie Halt, Sicherheit und Stabilität. Das sechste Gebot will dabei helfen. Nicht als Gefängnis, in das die Ehepartner eingesperrt sind, sondern als Leitplanken, die das Paar in der Spur halten, wenn die Ehe ins Schleudern gekommen ist.

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Ausländer rein!" Ich weiß, das Wort Ausländer ist politisch nicht mehr korrekt. Aber ein Slogan wie „Willkommen ihr Menschen mit Migrationshintergrund" ist einfach nicht ganz so prickelnd. „Ausländer rein!", diese wunderbar gedrehte Parole ausländerfeindlicher Rechtsausleger kommt, man höre und staune, aus der Wirtschaft! Der deutschen Wirtschaft fehlen Facharbeiter, Akademiker und vor allem Menschen im Dienstleistungs- und Pflegebereich. Sie fehlen schon heute und in den nächsten Jahren wird sich dieser Mangel noch verschärfen. Nach Berechnungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer werden allein in Baden-Württemberg in den nächsten Jahren 200 000 Fachkräfte fehlen. Denn aus Deutschland wandern immer mehr Leute aus. Und rechnet man unsere Bevölkerungsentwicklung dazu, bei der es bald mehr alte als junge Menschen geben wird, greift man sich doch an den Kopf, dass wir uns so abschotten gegenüber Menschen, die aus ärmeren Ländern zu uns kommen wollen.  Seit Jahren riskieren Menschen aus Afrika ihr Leben, wenn sie versuchen übers Mittelmeer nach Europa zu kommen. Und sie tun das ja nicht aus Jux und Tollerei, es sind junge Menschen, die für Arbeit und eine bessere Lebensperspektive ihr Leben riskieren. Und was macht Europa? Es zieht Mauern und Stacheldraht hoch. Oder baut Lager wie Italien für die libyschen Flüchtlinge
Es ist nicht zu fassen, ein Mangel trifft auf den anderen, Nordafrika fehlt es an politischer Stabilität, an Arbeit und Zukunftsperspektiven, besonders für junge Leute. Und uns fehlt es an jungen Leuten und Arbeitskräften. Aber es wäre zynisch diese Menschen nur zu uns zu lassen, wenn wir sie wirtschaftlich brauchen. Nein, sie haben ein Recht darauf, ein Menschenrecht. Und deshalb „Ausländer rein"!

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Folgenden Text habe ich von einer SWR Kollegin geschickt bekommen. Und wenn er nicht wahr ist, dann ist er zumindest sehr gut erfunden: „Werner schaute noch mal auf den Tacho, bevor er langsamer wurde, 78 km/h innerhalb einer Ortschaft. Das dritte Mal, dass er in diesem Jahr erwischt wurde. Der Polizist, der ihn angehalten hatte stieg aus seinem Auto und kam mit einem Notizblock auf Werner zu. „Christian?" Die Uniform irritierte zunächst, aber es war Christian aus der Kirche! Werner sank tiefer in seinen Sitz. Das war schlimmer als der Strafzettel! Ein christlicher Bulle erwischte einen Typen aus seiner eigenen Kirche. 
„Hallo, Christian, komisch, dass wir uns so wiedersehen." „Hallo, Werner" - kein Lächeln. „ Oh Christian, ich bin nur so schnell gefahren, weil ich schnell nach Hause wollte, zu meiner Frau und meinen Kindern." „Ja, so ist das manchmal." Christian, der Polizist schien unsicher zu sein. 
„Mit wie viel hast du mich erwischt?" „70", „Ach Christian, komm, das waren höchstens 65. " Werner konnte mit jedem Strafzettel besser lügen. Genervt starrte er auf das Armaturenbrett. Christian war fleißig am Schreiben auf seinem Notizblock. Warum wollte er nicht Führerschein und Papiere sehen? Was auch immer der Grund war, es würden einige Sonntage vergehen ehe Werner sich wieder neben diesen Polizisten setzen würde. Ungeduldig sagte er: „Mann kann doch auch mal ein Auge zudrücken, oder?" Christian schrieb weiter, riss dann den Zettel ab und gab ihn Werner. „Danke" - Werner konnte die Enttäuschung nicht aus seiner Stimme halten. Ohne ein Wort zu verlieren ging Christian wieder zu seinem Streifenwagen zurück. rner wartete und schaute ihm im Spiegel nach. Dann faltete er den Zettel auf. Was würde ihn dieser Spaß wohl kosten? Hey, war das ein Witz, es war kein Strafzettel, es war nur ein kleiner Brief. Und darin stand: „Lieber Werner, ich hatte einmal eine kleine Tochter. Als sie 5 Jahre alt war starb sie bei einem Verkehrsunfall. Richtig geraten, der Typ ist zu schnell gefahren. Ein Strafzettel, eine Gebühr und drei Monate Knast, dann war der Mann wieder frei. Frei um seine beiden Töchter wieder in die Arme nehmen zu dürfen. Ich hatte nur eine und ich werde wohl warten müssen bis ich sie im Himmel wieder in den Arm nehmen kann. Tausend Mal habe ich versucht diesem Mann zu vergeben. Vielleicht habe ich es geschafft, aber ich muss immer wieder an sie denken. Auch jetzt. Bitte bete für mich und bitte sei vorsichtig, Werner. Gruß Christian.

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Sprache ist verräterisch. Sie verrät oft, welche Einstellungen sich hinter den Worten verstecken. Zum Beispiel wenn junge Leute das Wort „behindert" als Schimpfwort gebrauchen. So unbedacht wie selbstverständlich. Bei ihnen steht es für sichtbar anders, weniger wert, doof oder nervig. Also für Ausgrenzung und für Außenseitertum.
Wie kann es kommen, dass ein Wort für eine Andersartigkeit zu einem Schimpfwort geworden ist?
Vielleicht weil die Normierung, das Funktionierende, das Gleiche, Glatte zu sehr in die Köpfe und Herzen der Menschen gedrungen ist. Vielleicht weil das Maschinelle, das Technische, das Computerhafte die Wahrnehmung zu sehr prägt. Oder die von Werbung und Medien vermittelten Idealtypen das Denken und Fühlen zu stark bestimmen. Mit Computern, Autos und Menschen, die immer mehr gleich aussehen und die meistens auch gut funktionieren. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die jungen Leute in TV-Topmodellshows oder Sangeswettbewerben quälen und demütigen lassen um gängigen Schönheitsidealen zu dienen und perfekt zu sein. Der Mensch ist aber nicht perfekt. Gerade das macht ihn aus. Genau das gibt ihm seine Würde. Perfektion wäre kalt und leer. Weil sie keine Entwicklungsmöglichkeit in sich trägt. Und der Mensch, das Leben ist Entwicklung bis auf das Sterbebett und in den Tod hinein. Darum sind behinderte Menschen auch kein Fehlmuster der menschlichen Kollektion, sondern deutlich sichtbarer Ausdruck der Regel. Der Regel, dass kein Mensch perfekt ist, wie auch das Jahresmotto des Deutschen Caritasverbandes heißt. Kein Mensch ist perfekt. Die 10 % unserer Bevölkerung, die behindert sind, spiegeln den anderen 90 % dass auch sie nicht perfekt sind, erinnern sie daran. Erinnern sie daran, dass jeder Mensch seine Schwächen und Behinderungen hat. Ich zum Beispiel habe verschiedenste Allergien, die mir mein Leben manchmal gehörig behindern. Die 10 % behinderten Menschen erinnern auch daran, wie schwer es ist mit einer Behinderung zu leben. Und wie viel schwerer es ist, auch noch ausgegrenzt zu werden. Und schließlich erinnern uns die Menschen mit einer Behinderung daran, wie viel Stärke aus manchen Schwächen kommen kann. Dass uns die schönsten Ausdruckformen des menschlichen Geistes auch und gerade von behinderten Menschen geschenkt worden sind. Von einem an seinem Lebensende fast ganz gehörlosen Ludwig van Beethoven. Einem psychisch schwerkranken Vincent van Gogh und von einem vollkommen gelähmten Astrophysiker und dem derzeit größten Genie Stephen Hawking.

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Jeder Mensch lügt ein bis zweimal täglich. Von solchen Statistiken hört man oft. Aber stimmt das denn? Und wenn ja, was heißt dann lügen? Gehört etwas schön zu reden auch dazu oder jemandem nicht die volle Wahrheit zu sagen?
Ein Journalist hat einmal ein interessantes Experiment gemacht: Als Fastenübung hat er 40 Tage lang nur die Wahrheit gesagt, also immer das rausgelassen, was er gedacht, gefühlt oder gewusst hat. Das hat unter anderem dazu geführt, dass seine Freundin ihn aus dem Schlafzimmer geworfen, und sein bester Freund ihm die Faust in den Magen gerammt hat. Nachdem der radikal ehrliche Journalist der Freundin seines Freundes erzählt hatte, dass sein Freund mit einer anderen Frau schläft. Also immer und überall die volle Wahrheit sagen? Ich denke nein. Und ich denke auch nicht, dass das achte der zehn Gebote das meint, wenn es sagt, „du sollst kein falsches Zeugnis geben". Es bedeutet aber schon, nicht bewusst die Unwahrheit sagen, über sich selbst und über andere. In der Zeit, in der die zehn Gebote entstanden sind, war das lebenswichtig. Denn eine Falschaussage oder Verleumdung konnte zum Ausschluss aus der Gesellschaft führen, schlimmstenfalls ein Todesurteil sein. Das heutige Wort Rufmord erinnert noch daran. Und durch Verleumdungen und Gerüchte kann man Menschen heute noch so sozial ächten oder fertig machen. Stichwort Mobbing im Beruf oder Internet.

Ein ehrlicher Umgang gegenüber anderen aber auch sich selbst ist also lebensnotwendig. Wenn man sich nicht mehr aufeinander verlassen kann, wird das Leben kalt, hart und brüchig.

Der Journalist, der 40 Tage lang die nackte Wahrheit gesagt hatte, kam übrigens zu einem ganz guten Fazit: Radikale Ehrlichkeit geht nicht. Respektvolle Ehrlichkeit aber tut gut und tut auch der Beziehung gut.

Und was kann das heißen „respektvolle Ehrlichkeit"? Vielleicht das, was ich bei einem Familientherapeuten gelesen habe. Ihm hat eine Frau über ihren Mann folgendes erzählt: „Als ich zugenommen hatte, hat mein Mann gesagt, er mag dicke Frauen. Und als ich wieder abgenommen habe, hat er gesagt, er mag schlanke Frauen. Irgendwann habe ich begriffen, dass er mich liebt."

Peter Kottlorz, katholische Kirche, Rottenburg

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„Die Gefühle hausen in unseren Pausen", ja, das hört sich nicht nur gut an, das ist auch noch wahr. In Gesprächen zum Beispiel, wenn ich kurz innehalte, mir selbst Zeit lasse, das nachzuempfinden, was ich gesagt habe. Oder erstmal zu spüren, was ich sagen will.
„Die Gefühle hausen in unseren Pausen" - wenn ich beim Reden eine Pause mache und darauf achte was der andere sagt, wie er es sagt oder was er nicht sagt. Wenn ich nachdenke darüber und das Gesagte nicht gleich mit meiner Antwort vergessen mache.
Es gibt Menschen, die pausenlos auf einen einquasseln. Lawinentreter nenne ich sie. Du gibst ihnen ein Stichwort und wie eine Lawine stürzt ein nicht enden wollender Redeschwall auf dich ein. Sie gehören zu der Gattung Mensch, die ich wirklich schwer verstehe. Sind sie so gefühllos, dass sie selbst keine Pausen brauchen? Oder haben sie so viele Gefühle, dass sie alle in ihren Redeschwall legen und für die des anderen kein Platz mehr ist? Oder haben sie vielleicht Angst vor den Gefühlen und reden deshalb pausenlos, damit nur ja keine Gefühle aufkommen können?
Wie auch immer! Pausen sind alles nur kein Leerlauf! Sie schaffen Qualität, Gesprächsqualität - Lebensqualität. Aber unsere Welt ist viel zu pausenlos. Maschinen laufen Tag und Nacht, die Medien senden ohne Unterbrechungen und wir Menschen arbeiten zu oft und zu lange ohne Pausen. Und Gefühle werden dabei überspielt, betäubt oder verdrängt. Aber Pausen schaffen Raum für das, was Lebenskraft und Lebensfreude gibt. Der Sonntag ist eine gute Gelegenheit dafür.

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