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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen", klassische Worte des Propheten Jesaja aus dem Alten Testament der Bibel. Sie haben sich bis heute gehalten als plastisches Bild für die Vision vom Frieden. Wenn Kriegswerkzeuge umgeschmiedet werden zu Ackergeräten und Werkzeugen für den Pflanzenschnitt. An dieses uralte Bild musste ich denken als ich in der Zeitung einen Artikel gelesen habe über einen Panzer, der zur Landschaftspflege eingesetzt wird. Ja, tatsächlich! Ein Leopard, ein Kampfpanzerkoloss von 60 Tonnen wird auf der Schwäbischen Alb zum Schutz von Biotopen eingesetzt. Ja es braucht diesen schweren Koloss geradezu um das Biosphärengebiet Schwäbische Alb in Münsingen zu erhalten und seltene Pflanzen und Tiere zu schützen. Man braucht diesen Panzer, weil Panzer- so komisch es klingt - dieses Biosphärengebiet erschaffen haben. Bei Münsingen gab es über 100 Jahre lang einen Truppenübungsplatz, der war militärisches Sperrgebiet, also für den Rest der Welt nicht zugänglich. Wodurch sich die Natur so entwickeln konnte wie sie sich eben ohne allzu großen menschlichen Einfluss entwickelt. Mit einer Ausnahme eben: dass dort ab und zu Panzer gefahren sind und geschossen wurde. Die schweren Panzer und die Geschosse haben Fahrrinnen, Gräben und Erdlöcher hinterlassen. Dort hat sich Regenwasser gesammelt, haben sich sich Tümpel gebildet und damit Lebensraum für Amphibien und Brutgebiete für seltene Vögel und Wildbienen. Der Truppenübungsplatz Münsingen wurde vor 5 Jahren aufgegeben. Ohne diese militärische Art von Kultivierung drohen nun 300 Biotope zu versanden. Und so kommt jetzt eben ein einzelner Panzer wieder nach Münsingen um bestimmte Gebiete dieses Naturraums so platt zu halten, dass bedrohte Tiere und Pflanzen erhalten werden. Was eine schöne Verwirklichung einer geradezu biblischen Friedensvision. - ein Panzer zum Schutz der Natur...

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„Gäbe es nicht die ‚letzte Minute', so würde nie etwas fertig". Diese Einsicht stammt von einem meiner Lieblings-Sprüchemacher, von Mark Twain. Mir ist schon klar, dass er damit übertreibt. Und alle Menschen die gut planen sagen, dass sie ihre Sachen sehr wohl vor der letzten Minute gebacken bekommen. Aber ich kenne genügend Leute, die fast nur auf den letzten Drücker arbeiten können. Sie brauchen den Druck, der sie anschiebt, der sie erst richtig auf Betriebstemperatur bringt. Sie können nicht irgendwas für irgendwann später tun. Sie brauchen diese komprimierte Arbeitsphase, die nur durch einen Akt beendet wird: den Abgabetermin, die Lieferung oder die Präsentation. Wer nur so arbeiten kann, sich dessen auch bewusst ist und ohne allzu viel Stress damit umgehen kann, der kriegt auch was zustande. Und durch den Druck auch was Gutes zustande. Und auch bei lang geplanten Projekten ist es wichtig irgendwann zu Potte zu kommen, zum Punkt, an dem sie abgeschlossen werden. Denn es gibt auch Projekte, die nie fertig werden, weil es eben keine letzte Minute gibt. Wer aber nicht anders kann als die Dinge auf den letzten Drücker zu erledigen und darunter leidet oder wer von anderen direkt oder indirekt dazu gezwungen wird, der hat ein Problem. Ein Problem, das ihn oder sie auf Dauer krank macht. Denn die dauernde Hetze, der dauernde Druck schleichen sich in die Seele. Und als Dauerzustand machen sie krank. Krank an Leib oder Seele oder an beidem. Denn Leib und Seele brauchen auch die Ruhe, das ruhige Arbeiten, das befriedigt und Kreativität freisetzt. Der letzte Drücker trägt aber noch eine andere Gefahr in sich: Dass diese Arbeitsweise zur Lebensweise wird. Und man - bewusst oder unbewusst - das Leben auf das Lebensende verschiebt. Aber das klappt meistens nicht. Denn man kann vielleicht auf den letzten Drücker arbeiten, leben aber nicht.

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Im Mittelalter brachten sie den Tod, den „schwarzen Tod", die Pest, heute retten sie Leben. Zumindest manche von ihnen: Ratten. Es gibt Ratten, die zu Minensuchern ausgebildet werden. Die gambischen Riesenratten durchlaufen in Afrika eine achtmonatige Ausbildung zur Minenräumung.  So genannte Antipersonen-Minen oder auch Tretminen sind eine so furchtbare wie dauerhafte Bedrohung der Menschen in den ärmeren Ländern der Welt. In den letzten 30 Jahren sind 1Million Menschen durch diese fürchterliche Erfindung ums Leben gekommen. Lange nach Ende eines Krieges wirken sie noch tödlich oder verstümmeln sie Zivilisten, ein Viertel davon Kinder. 500 Jahre würde es mit herkömmlichen Mitteln dauern um die Erde von diesen Minen zu befreien. Der Einsatz von Ratten ist hierbei revolutionär. Denn sie sind klug, anspruchslos und leicht. Was für das Minenräumen lebenswichtig ist. Denn eine Tretmine explodiert ab 5 Kilo Gewicht, das auf sie tritt. Die Minenratten wiegen maximal 2 Kilo. Und das zweitbeste an ihnen ist: Sie sind schnell. Ein herkömmlicher Minenräumer braucht für 100 Quadratmeter Absuchen einen Tag, eine Ratte braucht dafür nicht mal eine Stunde. Und sie macht das gern und gut. Mit weichem Brustgeschirr ist sie an einer langen Leine mit ihrem Trainer verbunden. In den acht Monaten ihrer Ausbildung lernt sie dann das TNT, den Sprengstoff zu finden. Und mit ihrer feinen Nase riecht sie diesen Stoff selbst in verwitterten Minen, die jahrelang im Boden gelegen haben, aber noch immer hoch explosiv sind. Haben sie eine Mine gefunden, rennen sie zum Trainer zurück und bekommen als Belohnung süßen Bananenbrei. Die Fundstelle wird markiert, die Mine von Fachleuten ausgegraben und kontrolliert zur Explosion gebracht. So wird das minenverseuchte Land nach und nach wieder sicher gemacht. Die Menschen können den Boden wieder beackern und die Kinder nnen wieder gefahrlos spielen. Elvis, Jack oder Lidia heißen die schlauen Schnüffler. Für 5 Euro im Monat können sie adoptiert und ihre lebensrettende Arbeit finanziert werden.

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Buß- und Bettag steht heute in meinem Kalender. Ein Feiertag der kein gesetzlicher Feiertag mehr ist. Weil er 1994 abgeschafft wurde. Zur Finanzierung der Pflegeversicherung. Was auch immer man von derartigen Entscheidungen halten mag: Sich zu besinnen, in sich zu gehen und Wege zur Versöhnung suchen, das macht immer Sinn. Und zur Versöhnung gehört eine gescheite Konfliktbewältigung. Das Institut für Friedenpädagogik in Tübingen hat im Vorfeld der Schlichtungsgespräche zu Stuttgart 21 sieben Ratschläge zur Bewältigung von Konflikten veröffentlicht. Und weil diese Ratschläge nicht nur für Stuttgart21 nützlich sind, möchte ich sie gern weitergeben. Also erster Ratschlag für verfahrene Konflikte: Eine dritte Partei einbeziehen. Das sollte eine von allen Seiten akzeptierte Vermittlungsperson sein, integer, mit Autorität und klarem Auftrag. Typ Heiner Geissler...  Zweitens: Beide Parteien müssen auch wirklich bereit sein, sich auf eine Vermittlung einzulassen. Und das auch glaubwürdig festhalten, öffentlich machen. Dazu gehört auch auf jegliche Gewalt und auf Vorwürfe zu verzichten. Drittens: Eine sogenannte „Erwartungsverlässlichkeit" schaffen. Das heißt alles zu lassen, was das Misstrauen vertiefen könnte und möglichst viel zu tun was die Gegner sich behutsam annähern lässt. Viertens: die Vielschichtigkeit eines Konflikts erkennen, ein Konflikt ist meistens so kompliziert wie ein verheddertes Wollknäuel. Da gilt es die Fäden zu entwirren und die Problemstränge dann einzeln zu bearbeiten. Fünftens: Die Sichtweisen und Wahrnehmungen des anderen respektieren. Das ist eine hohe Kunst in jedem Konflikt. Die eigene gewohnte Perspektive zu verlassen und zu versuchen die Sache mit den Augen des anderen zu sehen. Sechstens: Alle wichtigen Gruppen beider Parteien einbeziehen, denn oft sind die streitenden Parteien ja gar nicht so einig wie es scheint. Siebter Ratschlag für die Bewältigung von Konflikten: Geduld, natürlich. Denn wie bei allen Versöhnungsprozessen braucht es Zeit um die Verletzungen der Vergangenheit zu verarbeiten und offen zu werden für Neues, Anderes. Das immer besser ist als ein verfahrener Konflikt...

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Tausend Euro für jeden, jeden Monat - ob Greis oder Kind und ohne dafür zu arbeiten. Das ist die Vision der Anhänger eines Konzepts, das die unsäglichen Bedingungen von Hartz IV ablösen soll. Es heißt „Bedingungsloses Grundeinkommen". Ein umstrittenes Konzept, das in Deutschland rauf und runter diskutiert wird. 50 000 Menschen haben schon in einer Petition an den Deutschen Bundestag für ein solches Grundeinkommen plädiert. Zwei Argumente werden meistens dagegen gebracht. Es sei nicht finanzierbar und es fördere die Faulheit. Finanzierbar wäre es, das haben sogar solche Wirtschaftswissenschaftler errechnet, die dem Konzept skeptisch gegenüberstehen. Und das mit der Faulheit hat ein Modellversuch in Afrika widerlegt. Im namibischen Dorf Otjivero wurde das bedingungslose Grundeinkommen zwei Jahre lang erprobt. Und es hat funktioniert! Unglaublich gut sogar! Jeder Mensch in dem Tausendseelendorf bekam 100 Namibia - Dollar, umgerechnet 10 Euro pro Monat, bezahlt von nichtstaatlichen Organisationen und Spendern aus Deutschland. Vor dem Pilotprojekt waren die Hälfte der Kinder in diesem Dorf unterernährt. Dieses Problem war bereits nach einem Jahr verschwunden. Der Anteil der Kinder, die die Grundschule abgeschlossen haben ist von 40 auf 90 % gestiegen. Durch das Grundeinkommen entstanden neue Märkte, weil mehr Geld zum Investieren und zum Kaufen da war. Die Kriminalität ging zurück, weil die Menschen zum Beispiel kein Holz mehr klauen oder nicht mehr wildern mussten. Und was war mit der Faulheit? Die gab es natürlich auch, aber das war eine kleine Minderheit von Männern und für die hat die Dorfgemeinschaft beschlossen, dass das Geld, für die Kinder an die Frauen ausbezahlt wird, damit diese Männer nur ihr Geld verprassen können. Was wiederum die Stellung der Frauen gestärkt hat. Ja, in Afrika geht so was vielleicht, werden die Skeptiker sagen, nein nicht nur in Afrika sagen die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. Denn die menschlichen Eigenschaften sind überall gleich. Und das Beispiel in Afrika hat bewiesen: Wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind legt sich die große Mehrheit der Menschen nicht auf die faule Haut, sondern die Menschen tun das, was sie können und wollen. Und werden dabei gesünder, gerechter und glücklicher...

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Niemand verlässt seine Heimat nur so zum Spaß. Seit Menschengedenken gibt es Völkerwanderungen zwischen Ländern und Kontinenten. Und meistens sind Krieg oder Armut die Gründe dafür. Und seit Menschen-gedenken haben es die Flüchtlinge schwer in anderen Ländern aufgenommen zu werden. Weil die Einheimischen Angst vor den Fremden haben. Weil sie Angst vor Überfremdung haben und weil sie Angst haben, dass die Fremden ihnen etwas weg nehmen könnten. Arbeit zum Beispiel. Kommt einem alles nicht unbekannt vor nach all den Integrationsdebatten in letzter Zeit. In Italien gibt es ein ganz wunderbares Beispiel wie Integration gelingen kann. Riace ein Dorf ganz im Süden Italiens drohte auszusterben. Wie in so vielen Mittelmeerländern verließen die jungen Leute das Dorf und suchten Arbeit in den Städten. Von den 3000 Bewohnern waren nur noch 700 übrig. Läden mussten schließen und die Schulen hatten fast keine Kinder mehr. Genau an dem Tag als die letzte Bar geschlossen wurde strandeten 300 Flüchtlinge vor den Toren Riaces. Der Lehrer Domenico Lucano nahm das als Zeichen: Er hat die Flüchtlinge aufgenommen und einen Versuch gestartet mit ihnen sein Dorf zu retten. Er vermittelte ihnen Wohnungen in leer stehenden Häusern und freie Kost und Logis. Aber unter zwei Bedingungen: Sie sollten arbeiten und italienisch lernen. Und das hat geklappt. Natürlich gab es Schwierigkeiten, aber die wurden überwunden als die verbliebenen Bewohner gemerkt hatten, dass sie von den Ausländern profitieren. Weil sie zum Beispiel Häuser renoviert haben, die dann an Touristen vermietet wurden. Und weil ihre Kinder wieder Leben in das Dorf gebracht haben. Heute wohnen wieder 1700 Menschen in Riace. 250 von ihnen sind Flüchtlinge. Aus Äthiopien, dem Irak oder Somalia. Domenico Lucano ist mittlerweile der Bürgermeister von Riace und er hat einen Verein gegründet, der nun der größte Arbeitsgeber des Ortes ist. Der Verein heißt Cittá Futura - Stadt der Zukunft.                     

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