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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Danke sagen ist das schönste und kürzeste Gebet, das ich kenne. Ja, Dankbarsein und Danke sagen können ist für mich identisch mit Beten, z.B. zu Tisch. Vor dem Essen ein Dankgebet. Nicht zufällig ist die Mahlgemeinschaft die wichtigste Form des Feierns, in Familien und in allen Religionen. Christen feiern Mahlgemeinschaft, um ihre Verbundenheit untereinander, mit Jesus, mit Gott und der ganzen Schöpfung auszudrücken. Mein Vater sagte immer: „le repas, c'est sacré". Damit wollte er sagen: Das gemeinsame Essen und unsere Tischgemeinschaft in der Familie und mit Freunden ist etwas Heiliges.
Katholiken nennen ihre Tischgemeinschaft Eucharistie. Das griechische Wort eucharistía heißt auf deutsch schlicht und einfach Dankbarkeit.
„Dankbarkeit ist eine Schlüsseleigenschaft jeder Führungspersönlichkeit" heißt es in einem Buch mit dem Titel: „Jesus Christus, Manager. Biblische Weisheiten für visionäres Management".
„Wie kann jemand führen, ohne an eine Höhere Macht zu glauben und ihr Dank zu bekunden?" fragt die Autorin, „oder wie einer besseren Zukunft entgegensehen, die auf besseren Verhaltensweisen begründet ist?"
Danke, ist wie ein „Zauberwort". Es öffnet Herzen, Türen und Gräber - wie uns das Johannes-Evangelium erzählt. Jesus betet und dankt Gott, bevor er das Zeichen der Totenerweckung wirkt und ruft: „Lazarus, komm heraus!" (vgl. Joh. 11).
Auch in einem seiner letzten Gebete dankt Jesus. Er dankt Gott für Petrus, Johannes, Jakobus, Maria und Martha und all die anderen (vgl. Joh 17). Jesus dankt Gott, bevor er zum letzten Mal mit seinen Freunden ißt.
Ich glaube, Jesus war trotz aller Schwierigkeiten, die ihm gemacht wurden, ein dankbarer Mensch. Sein Herz war voller Dankbarkeit, trotz aller Widerstände, die ihm begegneten.
Was wir von Jesus lernen können, ist, Danke sagen, bevor wir von jemandem etwas verlangen. Gott danken, bevor er alle Gebete erhört hat. Dem Boß zu danken, bevor er die Gehaltserhöhung vollzogen hat. Dem Kollegen zu danken, bevor er uns eine Gefälligkeit erwiesen hat. Dem Mitarbeiter zu danken, bevor er die Aufgabe erfüllt hat.

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Der Zug ist voll. Freitag nachmittag. Alle Plätze sind belegt. Ich fahre von der Arbeit nach hause. Zwei Familien mit mir im Abteil fahren wahrscheinlich ins Wochenende. Genauer gesagt: Ein Vater mit seinem Sohn und ein Elternpaar mit seiner Tochter. Ich schätze beide Kinder auf etwa 8 Jahre. Ihr Verhalten könnte nicht unterschiedlicher sein. Während der Sohn mit seinem Vater offensichtlich viel Freude hat und lebendig ist, sitzt das Mädchen stumm und angestrengt mit einer tragbaren Playstation da, Stöpsel in den Ohren und ganz vertieft in ihren Bildschirm. Hände und Gesichtszüge sind verkrampft. Nur ab und zu huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Ich nehme an, weil sie ein Monster besiegt, eine schwierige Aufgabe gemeistert, oder ein Rennen gewonnen hat. Plötzlich ein „Ja" mit Beckerfaust. Alles unkommentiert von den Eltern. Sie ignorieren das Spiel, sind stumm, jeder scheint mit sich selbst beschäftigt zu sein. Die Mutter liest eine Zeitschrift, der Vater steif, schläft oder zumindest hat er die Augen geschlossen. Die Sonne scheint für einen kurzen Moment herein. Der Bildschirm wird unleserlich. Die Tochter schnautzt ihre Mutter an: "Vorhang zuziehen". Der Befehl wirkt. Genervt legt die Mutter die Zeitschrift weg, tut wie ihr geheißen, blättert anschließend wieder weiter.
Ganz anders das Spiel der beiden anderen. Vater und Sohn sind bei einem Ratespiel angelangt. Erkennst Du die Melodie? Sie summen sich wechselseitig Liedanfänge vor, geben absichtlich falsche Antworten, glucksen und lachen, berühren und umarmen sich. Wenn ich von meinem Laptop aufblicke, werde ich sogar in das Spiel mit hineingezogen. Muss selber lächeln und lass mich von der Ausgelassenheit berühren. In Stuttgart muss ich aussteigen und verabschiede mich.
Zwei Welten habe ich erlebt. Ich wünsche dem Mädchen mit seinem Videospiel, Eltern die sich für sein Spiel interessieren, Eltern mit genügend Phantasie und Lebensfreude, Eltern, die kommunizieren, selber auch ab und zu Kind und sogar kindisch sein können.
Nicht das Videospiel an sich ist verwerflich. Was wäre gewesen, wenn sie sich über die Erfolge mitgefreut hätten? Was wäre gewesen, wenn sie sich abgewechselt hätten, der Vater versucht hätte, dasselbe Ziel zu treffen? Die Mutter versucht hätte, ein Rennen zu gewinnen, oder das nächste level zu erreichen? Kinderspiele sind wichtig, ob virtuell oder real, um sich in der Welt zu orientieren. Ich glaube es ist unsere Aufgabe als Erwachsene, dass unsere Kinder nicht in ihren Spielen allein gelassen werden, abtauchen und vereinsamen.

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Ich entdecke für mich immer wieder neue Gebetszeiten und Gebetsorte: Gestern war es in meinem Büro eine halbe Stunde vor dem Aktenvernichter:
Ich stand mit einem Stapel Papier davor, habe Seite für Seite durch die messerscharfen, wie Zahnräder ineinandergreifende Walzen laufen lassen. Gefräßig und mit einem gleichmäßigen Brummen hat der Aktenvernichter meine Dokumente, uralte Kontoauszüge, Briefe, Korrespondenzen und andere für mich inzwischen wertlose Dinge einfach verspeist. Davon übrig geblieben sind nur dünne Papierstreifen fürs recycling oder als Verpackungsmaterial. Wenn ich ihm zuviel auf einmal zumutete, dann blockierte der Aktenvernichter, dann hatte er Schluckauf, Verdauungsschwierigkeiten. Der Aktenvernichter hat eine Abschaltautomatik bei Papierstau und vollem Auffangsack.
So ein Aktenvernichter denke ich, hat Ähnlichkeiten mit uns Menschen: er kann nicht alles auf einmal schlucken, nicht mehrere Sachen auf einmal verdauen. Irgendwann mal ist er voll. Dann muß der volle Auffangsack herausgenommen werden und das Gerät wieder bereitgemacht werden für den weiteren Vorgang. Auch wir Menschen müssen gelegentlich entrümpeln können, wegwerfen, loslassen können, und zwar nicht nur im realen Sinn, wie beim Sperrmüll, sondern auch mal „den Kropf leeren", einer größeren Weisheit überlassen, was wir selbst nicht zusammenbringen oder verstehen. Für mich ist das Beten: Mir bewußt Zeit nehmen für's Loslassen und Abschied nehmen, wenn neue Lebensabschnitte kommen, in der Familie oder im Beruf:
Kinder erwachsen werden lassen, loslassen. Eltern, gehen lassen. Sich von Arbeitskollegen verabschieden, Arbeitsbereiche wechseln, sich trennen von Gewohntem... um offen zu sein für neue Begegnungen, neue Freundschaften und neue Bindungen.
Alte Akten vernichten wurde für mich zu einer Meditation. Blatt für Blatt habe ich Dinge aus meiner Vergangenheit wieder in die Hand genommen und dem Vernichter übergeben. Fast zu jedem Blatt hatte ich eine Erinnerung. Gedanken an früher, Bilder, Gefühle sind aufgetaucht und mit dem Durchlauf des Papiers durch die Walzen des Aktenvernichters hatte auch ich das Gefühl, daß ich die Vergangenheit verdaue, abschließe, hinter mir lasse. Als ich fertig war, habe ich mich richtig erleichtert gefühlt. Ich habe ein Stück meiner Vergangenheit diesem Aktenvernichter anvertraut.
Dieses Abschalten, diese halbe Stunde war für mich ein wertvolles Gebet.

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Der Chef hat es wirklich nicht leicht: Seine Mitarbeiter bringen aus seiner Sicht einfach nicht die geforderte Leistung. Die Dame an der Information gibt ab und zu keine kompetente Auskünfte und ist nicht immer freundlich im Umgang mit Kunden, obwohl er es ihr schon tausend mal gesagt hat, wie wichtig das ist. Der Prokurist übersieht mal einen Termin, obwohl er eigentlich Perfektionist ist. Der Chef hat es wirklich nicht leicht: Das Personal sieht einfach nicht, wo Prozesse verbessert werden könnten, wie Verschwendung noch mehr vermieden werden könnte, wie noch schneller reagiert werden könnte, obwohl er es gebetsmühlenhaft einfordert. Am Besten, er würde alles selber machen, aber das geht ja auch nicht!
Die Mitarbeiter haben es auch nicht leicht. Dem Chef kann man es einfach nicht recht machen. Er sieht immer nur das, was nicht geklappt hat, wenn mal etwas nicht funktioniert. Jeden Tag setzt sich jeder ein so gut er kann, und trotzdem hat der Chef die Gabe, gerade dann zur Stelle zu sein, wenn mal wieder was schief geht. Sein Motto scheint auch zu sein: Wenn ich nichts sage, ist das schon Lob genug! Die Mitarbeiter haben es nicht leicht.
Beide haben es nicht leicht. Weder der Chef, noch die Mitarbeiter. Es ist für mich fast schon ein Klassiker: „Nörgelnder Chef, schweigsame Mitarbeiter".
Falls Sie so ein Kommunikationsmuster in ihrem Betrieb kennen, gibt es nur eins: durchbrechen sie es!
Chefs können lernen, ihren Mitarbeitern für gute Arbeit auch Anerkennung und Lob auszusprechen. Ihnen ehrlich zu sagen, was sie gut gemacht haben. Das kann auch unter dem Motto stattfinden: Stärken stärken. Viel zu oft werden nur die Schwächen gesehen und wird viel Zeit und Energie aufgebracht, um die Schwächen auszumerzen. Das ist wie in der Geschichte von den Tieren in einer Schule, wo alle an allen Fächern teilnehmen müssen: Laufen, Schwimmen, Fliegen. Die Ente muss das Schwimmen aufgeben, um Wettlaufen zu trainieren. Der Hase bekommt ein nervöses Zucken in seinen Muskeln aufgrund des vielen Sondertrainings im Schwimmen. Das Eichhörnchen wird immer mehr entmutigt und bekommt Muskelkater, weil es beim Flugunterricht vom Boden in die Höhe starten soll.
Besser ist es, zu sehen, was ein Mitarbeiter wirklich gut kann und was ihm Spaß macht und ihn dort einzusetzen. Statt immer schweigsamer zu werden können Mitarbeiter lernen, freundlich aber bestimmt ihrem Chef zu sagen, was sie brauchen, wie es ihnen geht, was sie glauben, was getan werden muss, was für Ideen sie haben. Nur Mut!

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„Dialog mit meinem Gärtner" heißt ein französischer Kinofilm. Er erzählt die Geschichte von zwei unterschiedlichen älteren Männern. Der eine ist Künstler, war erfolgreich, ist redegewandt und welterfahren. Er kann sich ein Sommerhaus mit Gärtner leisten. Ausgerechnet ein alter Schulfreund bewirbt sich um diese Stelle. Der ehemalige Eisenbahner ist ruhig, bescheiden und lebensklug. Ein typisches Merkmal für den Gärtner ist, dass er immer ein Taschenmesser und ein Stück Schnur in seiner Hosentasche hat. In etlichen Situationen leisten ihm diese beiden Utensilien gute Dienste. „Es hilft einem aus der Patsche, immer und überall" , sagt der Gärtner im Film.
Schon seit ich Jugendlicher bin, habe auch ich ein französisches Taschenmesser, ein Opinel. Es begleitet mich ständig. In Frankreich gehört so etwas zu einem Mann so wie fast jeder eine Armbanduhr oder einen Ring trägt. Vielleicht ist es ein archaisches Zeichen der Männlichkeit. Seit ich den Film gesehen habe, habe auch ich immer noch ein Stück Schnur bei mir. Es begeistert mich immer wieder, wie oft die kleine Schnur und das Messer nützlich sind.
Das Messer als Brieföffner, zum Brotschneiden, beim Picnic, um kleine Stücke Klebeband herzustellen, zum Abtrennen von herausstehenden Fäden an der Jacke, und und und ... Die Schnur hat schon Blumensträuße zusammengebunden, Päckchen geschnürt, einen Schlüsselbund zusammengehalten, einen Haken durch eine Öse gezogen, einen Verband gehalten, und und und ...
Aber mehr noch als die praktische Seite entdecke ich immer mehr eine symbolische: Das Messer steht für Schneiden und Trennen, die Schnur für Verbinden und Zusammenhalten.
Beides ist im Leben wichtig. Auch, ein ausgewogenes Verhältnis davon zu finden.
Im Film „Dialog mit meinem Gärtner" entdecken die beiden älteren Männer die jeweils andere Welt des Freundes: High society, Genuss und Freiheit aber auch viel Fassade und Einsamkeit auf der einen Seite. Bescheidenheit, Einfachheit und Treue aber auch Hemmungen, Schweiß und Tränen auf der anderen Seite. Schließlich stirbt der Gärtner, aber der Künstler verewigt etwas von ihm. Er malt ein Bild: auf einem Tisch sieht man ein Taschenmesser und ein Stück Schnur liegen. Für sich selbst beschließt der Künstler, ehrlicher und wahrhaftiger zu werden, so wie der Gärtner. Er will sich von Dingen, Menschenund alten Gewohnheiten trennen, um als Mensch weiter wachsen und neue Bindungen eingehen zu können, sich auf neue Verhaltensweisen einlassen zu können.

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