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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Junge Leute fürchten sich nicht vor dem Weltuntergang und auch nicht vor dem Ende des Euro. Sie haben bei den Katastrophenmeldungen der vergangenen Jahre gelernt, dass es doch immer irgendwie gut gegangen ist. Darum fürchten sie sich auch nicht vor womöglich kommenden Katastrophen. Es wird schon gut gehen, sagen sie sich. Das hat eine 27jährige junge Frau in meiner Zeitung geschrieben.
Sind sie also zu beneiden, die jungen Leute, weil sie keine Angst haben und das Leben genießen können? Nein, schreibt die junge Frau, zu beneiden sind sie nicht. Sie haben auch Angst. Sie haben Angst, falsch zu leben. Sie haben Angst, etwas zu verpassen im Leben. Deshalb legen sie sich nicht gern fest. Nicht im Beruf, nicht was den Wohnort angeht, nicht in der Liebe. Es könnte ja die falsche Entscheidung sein. Und gleichzeitig haben sie Angst, irgendwann einsam zu sein weil sie „nichts Festes" gefunden haben.
Mir ist die Frau eingefallen, die mir geschrieben hat: In meinem Beruf komme ich viel im Ausland herum. Ich weiß jetzt schon, dass ich in 3 Jahren ganz woanders sein werde. Soll ich mich überhaupt auf eine Beziehung einlassen? Ich denke an den jungen Mann, der schon zum dritten Mal seine Ausbildung abgebrochen hat. Nach ein paar Wochen macht ihm jedes Mal die Aussicht Angst, dass er dies nun sein Leben lang machen soll. Gibt es nicht noch etwas Interessanteres? Aber bei der Suche nach dem Platz, der ihm wirklich gefällt, verpasst er die Möglichkeiten, die er hat.
In der Bibel wird erzählt, wie Gott den Anfang gemacht hat für die Menschen. „Gott nahm den Menschen", steht da, „und gab ihm einen Platz, den er sich einrichten sollte." (Gen 2,15) Einen Platz haben und eine Aufgabe, das ist wichtig. So fängt das Leben an. So verstehe ich das. Den Platz kann ich mir nicht immer aussuchen, die Aufgabe auch nicht. Aber ich kann etwas daraus machen. Ich kann die Möglichkeiten, die ich habe, ausbauen. Lernen. Mich einsetzen. Ausprobieren. Und sehen, wie ich an meinem Platz diese Aufgabe lösen kann: die Welt an diesem Platz bebauen und bewahren. Sehen, dass etwas Gutes entsteht. Damit Menschen da, wo ich bin, gut leben können. Damit Menschen da, wo ich bin, zufrieden sein können. Dann kann ich auch zufrieden sein. Manchmal zeigt sich dann auch ein neuer Platz für mich und eine neue Aufgabe.
Sie können unglaublich viel tun, die jungen Leute, die sich nicht vor dem Weltuntergang fürchten. Sie müssten sich nur entscheiden und zupacken. Ohne Angst, weil Gott für jeden einen Platz hat und eine Aufgabe.

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„Sind wir bald alle pleite?" „Ist unsere Jugend zu doof?" „Scheitert jetzt die Regierung?" mit solchen Titeln haben Talkshows in den letzten Wochen die  Angst der Zuschauer größer gemacht. Wenigstens zweimal in der Woche Fragen, die die Zukunft schwarzmalen.
Offensichtlich findet man Aufmerksamkeit, wenn man die Zukunft schwarz malt und den Menschen Angst macht. Aber wem nützt das? Den Fernsehsendern beschert es anscheinend gute Quoten - aber hilft es in der Sache, um die es geht?
Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt man. Wenn Kinder Angst haben, dann halten sie sich die Augen zu. So sagen inzwischen auch viele Erwachsene: ich will nichts mehr davon hören. Ich sehe zu, dass es für mich einigermaßen gut läuft. Man kann ja doch nichts ändern. Wer Angst hat, flüchtet. Wer Angst hat, ist wie gelähmt. Dann wird es in der Tat immer schlimmer, weil keiner sich traut, was zu tun. Das ist nicht nur in der Politik so - das gibt es auch im Privatleben. Das heißt nicht, dass die Ängste nicht berechtigt sind. Aber es wird nichts besser, wenn die Angst regiert.
In der Bibel kann man lesen, wie Gott anders mit Menschen umgeht, die Angst haben. Denen lässt er immer, vor allem anderen, ausrichten: „Fürchte dich nicht". Fürchte dich nicht hört Maria, als sie von ihrer unerwarteten Schwangerschaft erfährt. Fürchte dich nicht hört Josef, ihr Verlobter, der nicht weiß, was er davon halten soll und am liebsten davon laufen möchte. Und Jeremia, der Prophet, der in unsicheren Zeiten unbequeme Wahrheiten sagen soll und der davor Angst hat und sich drücken will, dem sagt Gott selber: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich retten".
Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir. Mehr nicht. Keine Versprechungen, „alles wird gut". Kein Happy End wird in Aussicht gestellt. Was kommen wird, bleibt ungewiss. Aber Gott verspricht: „Ich bin bei dir".
Auf dieses Versprechen hin nehmen die Menschen, von denen die Bibel erzählt, ihr Leben in die Hand. Sie tun, was ihnen nötig scheint, obwohl sie Angst haben. Obwohl sie nicht wissen, was kommt. Obwohl sie nicht sicher sein können, dass es der richtige Weg ist, den sie gehen. Aber sie gehen los im Vertrauen auf Gott. Sie wussten damals nur dies: wenn wir nichts tun - dann tut sich wirklich nichts. Und wir heute wissen: Es war gut so, wie sie es gemacht haben. Gott hat sie nicht im Stich gelassen. Ich finde, solches Vertrauen bräuchten wir auch heute. Und vielleicht ab und zu einen, der uns sagt: „Fürchte dich nicht!"

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Ein Stein ist ein Stein und ein Bett ist ein Bett! Oder?
In der Bibel gibt es die Geschichte von Jakob (1. Mose 28,10-22):
Jakob war auf der Flucht. Ganz schön clever und auch ein bisschen hinterlistig hat er sich das Erstgeburtsrecht erschlichen und auch den Segen von seinem Vater bekommen. Deshalb ist er geflohen. Er hatte Angst, dass sein Bruder in umbringt, wenn er ihn erwischt.
Mitten in der Wüste - er war schon ziemlich müde - hat er sich auf den Boden gelegt, mit einem Stein als Kopfkissen. In der Nacht hatte er dann einen Traum. Er sah eine Leiter in den Himmel, auf der Engel auf und abgegangen sind. Und er konnte Gott hören. Der hat ihm versprochen: „Ich segne Dich Jakob und ich mache aus Dir ein großes Volk."
Am nächsten Morgen hat Jakob um diesen Ort mit seinem harten Kopfkissen einen Altar gebaut. Eine Kapelle, würden wir heute vielleicht sagen. „Hier wohnt Gott." Hat er gesagt.
Dieser vermutlich stinklangweilige Ort in der Wüste hat sich damit verändert. Über Nacht. Er hat eine Geschichte bekommen. Durch den Altar auch für andere sichtbar.
Ein Stein ist also nicht immer nur ein Stein.
Und ein Bett nicht immer nur ein Bett. Und eine Kommode nicht nur eine Kommode.
Das Bett unseres kleinen Sohnes zum Beispiel. Als wir es gekauft haben, war es ein ganz gewöhnliches Kinderbett. In dem Laden gab es viele davon. Und Wickelkommoden auch.
Aber jetzt ist unser Kind da. Und das Bettchen ist eben nicht mehr nur irgendein Bett. Und die Wickelkommode nicht mehr nur irgendeine Wickelkommode. Es ist jetzt das Bett, in dem unser Sohn schläft. Und es ist jetzt die Wickelkommode, auf der ich unseren Kleinen zum ersten Mal gewickelt habe.
Diese einfachen Gegenstände haben plötzlich eine Geschichte, ganz konkret. Ich habe damit meine Erfahrungen gemacht. Das hat sie verändert.
Wie so viele ganz alltägliche Sachen.
Das Klavier von meinen Großeltern - meine erste selber gekaufte CD. Ja und auch der Weg, den ich als Kind immer zur Schule gelaufen bin. Und ich bin mir sicher, dass auch Sie Sachen zu Hause haben, die eine ganz eigene, einzigartige Geschichte haben.
Manchmal sind Dinge auf den ersten Blick wertlos oder ganz normal. Erst durch ihre Geschichte werden sie zu etwas besonderem, einzigartigem. Und manchmal wird durch solche Dinge auch anderen etwas klar. Wenn ich ihnen die Geschichte erzähle, die dazu gehört. Die Geschichte von dem Klavier. Die Geschichte von dem Bettchen. Die Geschichte von dem Traum in der Wüste. Und die es hören, können begreifen: So kann man Erfahrungen machen mit dem Leben. Oder mit Gott.

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In einem alten Psalmgebet in der Bibel heißt es: „Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir" (Psalm 139,5).
Du - also Gott - umgibt mich von allen Seiten. Das heißt für mich: immer und überall. Allumsorgend - ein bisschen viel für mich. Das klingt ja fast wie in einem Käfig. In jeder Richtung stoße ich immer an eine Grenze. Wo bleibt denn da meine Freiheit? Und die Hand über mir? Sorgt sie dafür, dass ich Schatten habe, oder versperrt sie mir den Blick auf irgendetwas. Was ich vielleicht nicht sehen darf.
„Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir".
Der Beter des Psalms hat das wohl nicht so gesehen. Für ihn war das anscheinend eine sehr schöne Vorstellung. Gott sperrt uns Menschen nicht in einen Käfig, sondern er umgibt uns, wie der fürsorglichste Vater und die liebevollste Mutter. Er hält seine Hand über uns, damit uns die Sonne nicht blendet. Und wir uns vielleicht auch nicht übernehmen. Uns zu viel zumuten.
Wenn unser kleiner Sohn schon sprechen könnte, würde er vielleicht sagen, dass er das kennt. Von allen Seiten umsorgt zu werden:
Es ist fast immer zur richtigen Zeit eine saubere Flasche mit genügend Milch bereit. Gut temperiert - nicht zu heiß und nicht zu kalt. Wenn er Bauchweh hat, wird er durch die Gegend getragen. Wenn die Windel nass ist, wird sie gewechselt und wenn es zu kühl ist, wird er in eine Decke eingeschlagen, damit er nicht friert. Das gehört zu seiner Welt. Für ihn ist es lebensnotwendig, dass sich jemand um ihn kümmert. Er kann ja noch nicht für sich selber sorgen.
Wenn ich so unseren Kleinen anschaue, dann finde ich das eigentlich auch überhaupt nicht einengend. Im Gegenteil. Durch die Augen unseres Sohnes gesehen, finde ich das sogar eine sehr schöne Vorstellung, dass Gott mich immer umgibt, dass er für mich da ist und sich auch um mich sorgt.
D.h. nicht, dass ich es auch so mache, wie der Kleine und einfach anfange zu brüllen, so lange bis ich meine Flasche kriege. Schließlich bin ich erwachsen und bin für mein Leben selber verantwortlich. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es nicht mehr alleine schaffe. Dann nehme ich das Angebot gerne an und lasse mich von Gott tragen. Manchmal hilft mir dabei ein Gebet. - oder ein Moment, in dem ich ganz bewusst durchatme und mir sage: „Du musst das nicht alleine schaffen." Und Gott sei Dank findet sich dann meistens jemand, der mir beisteht. Das gibt mir Wärme und Vertrauen, wie die kuschelige Decke sie unserem Sohn gibt, wenn es ungemütlich ist. Und dann spüre ich, wie gut das tut: Gott umgibt mich von allen Seiten und hält seine Hand über mir.

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Ein grüner Clown - ein roter Clown - ein gelber Clown - ein blauer Clown und wieder von vorne. Grün - rot - gelb und blau. Mit einer unbändigen Freude verfolgt unser Sohn, was sich da über seinem Kopf abspielt. Mittlerweile müsste er eigentlich wissen, wann welcher Clown kommt. Aber er verfolgt fasziniert jeden einzelnen seiner Clowns. Immer im Kreis herum.
Ich finde es erstaunlich, wie sich Kinder über so einfache Dinge wie Mobiles, das Rascheln von Blättern oder das Gequake von Enten freuen können. Alles Andere ist dann nicht mehr wichtig. Diese eine Sache braucht ihre volle Aufmerksamkeit.
Ich glaube diese Gabe hat Jesus gemeint, als er zu seinen Jüngern gesagt hat:
Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Markus 10,15)
Mit Reich Gottes beschreibt Jesus die Welt, wie Gott sie sich gewünscht hat.
Jesus wollte den Menschen aber nicht nur davon erzählen. Er wollte, dass sie jetzt schon so leben können. Nicht irgendwann - so als Aussicht für die Zukunft, oder als Anreiz, um sich anzustrengen, besser zu leben. Er hat versucht den Menschen klar zu machen: „Ihr kriegt diese Welt, wie Gott sie sich wünscht, geschenkt. Heute, hier und jetzt. Wenn ihr werdet wie die Kinder."
Aber - Kinder handeln doch überstürzt - oft ohne nachzudenken. Sie können die Folgen ihrer Handlungen doch noch gar nicht abschätzen. Und sie wissen nichts vom Leben und was dazugehört. Sie sind nicht vernünftig. Sie sind eben Kinder. Also nicht erwachsen.
Vielleicht waren die Menschen damals aber einfach zu erwachsen, dass Jesus ihnen das so gesagt hat. Haben immer nur überlegt und gezögert und Bedenken gehabt. Haben vergessen, wie sich die einfache Freude eines Kindes anfühlt.
Ich glaube, dass das heute immer noch gilt. Wir könnten schon etwas merken von dieser Welt, wie Gott sie haben will. Wenn wir ab und zu ein bisschen wie die Kinder werden. Uns faszinieren lassen vom Spiel der Blätter in einem Baum. Mit offenem Mund über die Schönheit der Natur staunen. Und ab und zu für einen Augenblick unsere Alltagssorgen in Gottes Hände legen. Sie für einen Moment vergessen, oder staunend zu spüren, dass ich damit nicht alleine klar kommen muss.
Kinder können das noch.
Und ich wünsche mir beides. Dass ich mich ab und zu so faszinieren lassen kann, wie unser Kleiner von seinen Clowns. Und dass ich ab und zu meine Alltagssorgen für einen kurzen Moment in Gottes Hände legen kann. Um diese Welt, von der Jesus gesprochen hat zu spüren, wie ein Kind.

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Neugeborene Kinder sind total hilflos. So klein, ein bisschen verschrumpelt und absolut darauf angewiesen, dass sich jemand um es kümmert. Unfähig richtige Nahrung aufzunehmen, unfähig sich fortzubewegen, unfähig sich zu artikulieren. Nur zwei riesengroße Kulleraugen, die mich ansehen mit dem Bitte-kümmer-Dich-um-mich-Blick. Man muss sie einfach Liebhaben, sich um sie kümmern.
Aber wie ist das mit Erwachsenen?
„Was ist der Mensch, dass Du an ihn denkst und des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst." (Psalm 8,5). So fragt ein Mensch, der nachts unter dem Sternenhimmel steht und es nicht fassen kann, wie klein der Mensch doch ist. Und hilflos, wie ein Baby. „Was ist der Mensch, dass Du an ihn denkst und des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst." Angesichts dieses Größenunterschieds zwischen Mensch und Gott, der alles geschaffen hat, kann er es einfach nicht fassen.
„Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott." (Psalm 8, 6). So geht das Gebet weiter. Dieser Mann glaubt, dass Gott die Menschen und alles um uns herum gemacht hat. Und dass Gott die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat, also wie ein Gegenüber. Deshalb interessiert sich Gott für uns.
Ich habe das wahrscheinlich erst richtig verstanden, als vor ein paar Monaten unser Kind geboren wurde. Mit jedem geschenktem Leben, zeigt Gott, dass wir ihm immer noch wichtig sind, sagt man ja. Und ein Geschenk ist das wirklich.
Also was ist der Mensch? Na ja auf jeden Fall wenig niedriger als Gott. Sein Ebenbild. So was wie ein Spiegelbild - ein Gegenüber zu Gott. In den verschrumpelten Babys und in den verknitterten, verbrauchten Erwachsenen. D.h. aber auch, dass in jedem Menschen etwas von Gott spürbar oder erfahrbar wird. Und dass damit ja auch jeder erwachsene Mensch etwas ganz besonderes, Einzigartiges und Schützenswertes ist.
Manchmal denke ich, bei Erwachsenen verwächst sich das irgendwie. Weil es so schwer zu erkennen und zu glauben ist. Denn eigentlich müsste ich ja mit einem Ebenbild Gottes ganz anders umgehen, als ich das manchmal tue. Deshalb ist es gut, dass einen Babys und Kinder immer neu daran erinnern. Wenn ein Baby strahlt, dann zieht das alles in seinen Bann. Und wenn ein Kind weint, dann habe ich manchmal das Gefühl, der Himmel weint mit.
Seit unser Sohn da ist, kann ich einfach nur staunen, über das kleine Ebenbild Gottes. Durch ihn habe ich gelernt, wie gut es Gott mit uns meint. Und dass man das mit dem Ebenbild vielleicht da am Besten sehen kann, wo Menschen am hilflosesten sind.

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