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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ – Ein Wort von Jesus. Es steht im Matthäus Evangelium.
(18,20) Was könnte das heißen, sich versammeln im Namen Jesu? Zu seiner Zeit war der Name nicht ohne Bedeutung. Er kennzeichnet das Wesen einer Person oder einer Sache. Der Name Jesus bedeutet „Jahwe/Gott ist Hilfe“. Sich in seinem Namen versammeln heißt also, auf Gottes Hilfe vertrauen, seine Hilfe erfahren. Und wie kann man sich das vorstellen: da bin ich mitten unter ihnen? Ich stelle mir das so vor: Jesu Geist bewegt die Herzen und die Gedanken der Seinen. Er schenkt ihnen inneren Frieden. Jesu Geist gibt ihnen Orientierung und möchte ihr Handeln im Alltag bestimmen. Schön für alle, die sich auf Jesus berufen und sich in seinem Namen treffen. Auch wenn es nur zwei oder drei sind. Aber die Realität sieht leider anders aus unter den Christen. Bis heute treffen sich die unterschiedlichsten Gruppen, die sich auf Jesus berufen, wollen aber oft nichts miteinander zu tun haben. Das ist eine lange, unselige, auch blutige Geschichte, die viele Spaltungen innerhalb der Christenheit zur Folge hat. Wem also gilt diese wunderbare Zusage Jesu: Ich bin mitten unter euch? Wer kann sich zu Recht auf ihn berufen? Ich bin davon überzeugt, er ist mitten unter den Christen wenn sie sich im Gedenken an Jesus versammeln, seine Worte und Taten erzählen, sich seines Lebens und Sterbens erinnern. Wenn sie sich immer wieder mit Jesus beschäftigen, ihm in den Evangelien nachspüren, seinen Geist entdecken. Und das sollte geschehen in Toleranz gegenüber denen, die das auch tun und möglicherweise zu ganz anderen Erfahrungen kommen. Ich glaube, Jesus ist mitten unter den Christen wenn sie dieses alte Lied aus dem Mittelalter beherzigen: „Ubi caritas et amor – Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr.“ Er ist mitten unter den Christen wenn sie ein Wort aus der frühen Kirche ernstnehmen: „Lasst uns einander lieben, damit wir in Eintracht bekennen.“ – Man beachte die Reihenfolge!

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„Ich glaube nicht“ – keine Sorge, Sie haben sich nicht verhört, sie sind schon in einer kirchlichen Sendung. „Ich glaube nicht“ – das sagt hier kein Atheist, auch keiner, der vom Glauben nichts hält. Das sagt der Apostel Thomas, der sprichwörtliche „ungläubige Thomas“. Von ihm erzählt das Johannes Evangelium. Thomas, einer der Freunde Jesu, hat erhebliche Glaubenszweifel. Er gibt sich nicht einfach zufrieden damit dass seine Mitapostel behaupten, dass Jesus vom Tod auferstanden ist. Er bohrt nach. Er möchte Gewissheit und verlangt nach Zeichen, die ihm das bestätigen. Ich fühle mich bei Thomas in guter Gesellschaft. Denn Glaubenszweifel, die kenne ich auch. Und ich vermute, Sie auch. Wir tun uns schwer damit, sogenannte Wahrheiten zu wiederholen, nur weil irgendwelche geistliche Autoritäten diese vorgesagt haben. Wir haben gelernt, uns des eigenen Verstandes zu bedienen – Gott sei Dank. Aber die Sache mit der Auferstehung lässt sich nun mal nicht mit dem Verstand erklären. Auf der anderen Seite ist unser Denken zwiespältig, begrenzt, einseitig. Das weiß auch der Apostel Thomas. Er verschanzt sich nicht hinter seinen Zweifeln. Er bleibt offen für neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Er gewinnt Vertrauen und spürt, dass er mit einem vorsichtig-offenen Ja der Wahrheit näher kommt als mit einem kategorischen Nein. In seinem Innern begegnet Thomas dem auferstandenen Jesus. Er vernimmt von ihm sogar eine Art Seligpreisung: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Ich bin überzeugt: Jesus sagt das auch zu uns. Ich jedenfalls höre es gerne. Mir zeigt die Begegnung des Thomas mit dem auferstandenen Jesus auch das: Die Bibel anerkennt den Zweifel als eine Möglichkeit, Gott zu erfahren. Vielleicht ist der Zweifel eine sehr tiefe Form, den Glauben ernst zu nehmen. Ich denke an einen Glauben, der nicht einfach wiederholt, was andere vorgesagt haben. Ich verstehe darunter einen Glauben, der es mir möglich macht, mich zu öffnen für die unglaublich erscheinenden Dinge, um die es da geht. Ein Glaube, der mich in eine tiefe Gottverbundenheit hineinführen möchte und der zu einem Teil meines Lebensinhalts werden könnte. Ein Glaube, der mein Leben erneuern will, hin zu mehr Freiheit und Liebe und zu mehr Nachdenklichkeit

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„Namen sind Schall und Rauch“ – sagt man. Ich mag diesen Spruch nicht. Er passt in eine Welt, in der wir nicht mehr mit Namen benannt, sondern nur noch Zahlen sind. Braucht man sie nicht mehr, werden sie gelöscht. Ganz anders klingt das: „Fürchte dich nicht . . . ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir“ – so spricht Gott beim Propheten Jesaja im Alten Testament (43,1). Ich verstehe das so: Gott schenkt uns unsere Würde und Freiheit und schützt sie. Wir sind einmalig und unverwechselbar. So hat Gott auch mich gerufen, als ich auf den Namen Michael getauft wurde und das im „Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Als Pfarrer habe ich schon viele Kinder und etliche Erwachsene getauft. Dieser Gedanke ist mir dabei stets wichtig: Gott ruft jede und jeden beim Namen. Wir sind nicht Schall und Rauch, keine anonymen Nummern. Wir sind von Gott angenommen und geliebt als unverwechselbares Du! Wenn Gott solche Achtung vor uns hat, sollten auch wir einander beim Namen nennen, mit Achtung und Respekt einander begegnen. Was es bewirken kann, beim Namen gerufen zu werden, das steht in dieser wunderbaren Ostergeschichte aus dem Johannes-Evangelium im Neuen Testament (20,11-18): Maria von Magdala sucht den Leichnam Jesu im Grab. Sie ist todtraurig und völlig verstört. Irgendwer scheint den toten Körper ihres Herrn weggenommen zu haben. Sie kann ihn nicht mehr finden. Plötzlich spricht sie jemand an: „Maria!“ – Dieses Wort kommt von Herzen und geht zu Herzen. Sie dreht sich um und erkennt ihren Freund Jesus, den Auferstandenen. Kein bombastischer Auftritt. Kein spektakulärer Überfall. Auch kein Appell, doch endlich zu glauben. Nein, ganz einfach: Du, ich rufe dich bei deinem Namen, „Maria!“. Diese Begegnung macht sie zutiefst betroffen und ändert ihr Leben. Jesus und Maria von Magdala – mir gefällt diese Begegnung. Wenn ich Glaubens-Erfahrungen machen möchte – dann heißt das für mich: immer wieder zurückgreifen auf Jesus. Ihm in der Heiligen Schrift auf der Spur bleiben. Ich möchte an Jesus ablesen, wer Gott für mich ist und was er mit mir vorhat. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3346
Das scheint reine Männersache gewesen zu sein. Da ist in den Evangelien von Erfahrungen die Rede, dass Jesus nach seiner Kreuzigung, auferstanden ist, dass er lebt. Und es ist meist von Männern die Rede, die ihn nach der Auferstehung erkannt haben. Diese Männer-Sicht hat sich auch in der Tradition der Kirchen hartnäckig gehalten. Schaut man genauer in die Evangelien, dann verhält sich das ganz anders. Als sie von der Kreuzigung hörten, waren die Männer, einst Jesu Mitstreiter, vor lauter Angst in alle Richtungen geflohen. Anders die Frauen. Sie hatten die Kraft und den Mut zu bleiben. Maria, die Mutter Jesu, Maria aus Magdala und andere Frauen waren bei ihm, als er öffentlich auftrat. Drei von ihnen waren auch in den schwersten Stunden bei Jesus. Sie standen unter dem Kreuz. Sie beobachteten, wohin man seinen Leichnam gebracht hatte. Und sie kauften wohlriechende Öle, um den toten Jesus zu salben. So etwas tut man nur aus einer großen Liebe heraus. Von dem französischen Schriftsteller Francois Mauriac (1885-1970) stammt ein Wort, das auf diese Frauen zutrifft: „Ich glaube an den, den ich liebe.“ Und sie machten eine Erfahrung, die ihnen zur Gewißheit wurde: „Jesus, unser Meister lebt!“ Frauen waren demnach die ersten Botinnen der Auferstehung Jesu. (Matthäus 28,8; Lukas 24,22; Johannes 20,17) Sie waren sich ihrer Sache so sicher, sie waren so erfüllt davon, dass sie zu den Jüngern gingen, um ihnen das mitzuteilen. Dank der Botschaft der Frauen machten auch die Männer neue Erfahrungen, nachdem sie ihre anfängliche Skepsis und ihr Mißtrauen abgelegt hatten. Und diejenigen, die Jesus einst verleugnet und verlassen hatten, die wandten sich wieder in Liebe ihrem auferstandenen Herrn zu. Den Frauen sei Dank für ihre Botschaft an die Männer. Eine Botschaft, deren Strahlkraft ungebrochen anhält. Das Geheimnis von Ostern ist die Liebe, die aufrichtet und etwas sehen lässt, was unbegreiflich ist. Und die Botschaft von Ostern möchte den Menschen die Augen auch dafür öffnen, dass am Ende nicht der Tod und das Nichts das letzte Wort haben, sondern die Liebe und das Leben. Den Anstoß zu diesen Überlegungen gab der Tübinger Bibelwissenschaftler Dr. Meinrad Limbeck.
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Ostermontag
Künstler sind oft die besseren Theologen. Von dem niederländischen Maler Rembrandt (1606-1669) – er lebte im 17. Jh. – stammt die Radierung „Emmaus“. Das Bild geht zurück auf eine Ostergeschichte aus dem Lukas Evangelium. (24,13-35 Jesu Jünger waren verzweifelt, nachdem Jesus gekreuzigt worden war. Zwei von ihnen verließen Jerusalem und machten sich auf den Weg nach Emmaus, das sind 23 km. Jesus begleitete sie, aber sie erkannten ihn nicht. Erst nach einigen Gesprächen über die Bibel erkannten sie ihren vom Tod auferstandenen Herrn. Und als sie später mit ihm zu Abend gegessen hatten. Soweit die biblische Erzählung. Die Radierung von Rembrandt greift dieses gemeinsame Mahl auf. Jesus sitzt in der Mitte, sein Gesicht ist hell erleuchtet. Die beiden Jünger haben an den Tischenden Platz genommen. Ganz Aug und Ohr, was Jesus sagt und tut. Im Vordergrund taucht eine Gestalt auf zusammen mit einem kleinen Hund. Vielleicht hat sich Rembrandt selbst dargestellt. Wer auch immer – er schaut etwas verlegen, will aber nicht stören. Jesus blickt ihn liebevoll an, als ob er sagen möchte: Bleib bei uns, es ist schön hier. Vielleicht meint er auch sie und mich. Diese Szene entspricht einem interessanten Hinweis im Evangelium. Es nennt nur einen der beiden Jünger mit Namen. Er heißt Kleopas. Und der andere? Der andere – ich nehme an - der sind Sie und ich. Miteinander essen, das war damals keine harmlose Tätigkeit. Essen durfte nicht jeder mit jedem: Kein Frommer mit einem Sünder, kein Jude mit einem Heiden, kein gesetzestreuer Theologe mit einem Kranken oder einer Dirne. Die Hausordnung einer geschlossenen Gesellschaft war streng: Nur wer linientreu, rechtgläubig und nach außen moralisch intakt war – der gehörte dazu. Alle anderen waren ausgeschlossen. Jesus geht darüber hinweg. Er stellt die Vorstellungen einer geschlossenen Gesellschaft auf den Kopf. Jesus eröffnet mit seinen Mahlfeiern allen Menschen Zugang zu sich. Das Emmaus Bild von Rembrandt bringt das sehr feinsinnig zum Ausdruck. Es ist ein Hinweis für die offene Gesellschaft, wie Jesus sie pflegt, offen für alle, die ihn suchen und brauchen – auch heute. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3350
Ostersonntag „Wer tot ist, ist tot“. Das ist unsere Erfahrung. Und nun soll da jemand vom Tod auferstanden sein. Die Auferstehung Jesu – das klingt auch noch nach zweitausend Jahren unglaublich. Und selbst unter Christen ist das nicht unumstritten. Wenn man Umfragen glauben darf, können sogar gläubige Zeitgenossen damit nichts anfangen. Und vor 2000 Jahren beklagt der Apostel Paulus, dass es in seinen Gemeinden Leute gibt, die behaupten: „Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht.“
(1 Korinther 15,12) Geht man noch weiter zurück, so hatten selbst die Jüngerinnen und Jünger Jesu mit der Auferstehung ihre Schwierigkeiten. Interessant erscheint mir da ein Hinweis im Johannes Evangelium. Danach hat sich Jesus nach seinem Tod seinen Freundinnen und Freunden zum wiederholten Mal oder wie es die Bibel sagt „noch einmal“ als Lebender zu erkennen gegeben. (21,1.14) Schaue ich die Ostergeschichten im Neuen Testament näher an, dann fällt mir auf: Jesus begegnet den Seinen behutsam dort, wo sie gerade sind -beim Fischen, im Garten, zuhause. Er zeigt sich ihnen in ihrem konkreten Lebensumfeld. Dabei drängt er sich nicht auf, sondern lädt ein. Er überfällt sie nicht mit Forderungen, nicht zu zweifeln und endlich zu glauben. Nein, Jesus fühlt und empfindet mit ihnen. Und immer ermutigt er sie bei diesen Begegnungen: Fürchtet euch nicht. Habt Frieden. Ich bin bei euch. Und noch etwas fällt mir auf: Jesus bleibt bei all diesen Begegnungen diskret. Er setzt bei seinen Freundinnen und Freunden etwas in Bewegung und entzieht sich ihnen wieder. Er lässt sie in Freiheit mit ihren neuen Erfahrungen umgehen. All diesen Begegnung gemeinsam ist das: Jesu Jüngerinnen und Jünger machen eine für sie lebenswichtige Erfahrung – Jesus lebt! Dass sich Jesus den Seinen „noch einmal“ und „noch einmal“ zu erkennen gibt, das macht auch mir Mut für meinen Glauben. Ich muss nicht ein für alle mal sicher und fertig sein in meinem Glauben. Der kann durchaus – wie mein Leben auch – eine wechselvolle Geschichte haben. Es wäre schlimm, wenn ich mit meinen Fragen nach Gott, mit meinem Suchen und Zweifeln, mit den schweren und beglückenden Erfahrungen schon am Ende wäre. Und so möchte auch ich „noch einmal“ und „noch einmal“ glauben und vertrauen können. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3349