Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Genießen Sie die Zeit“, sagen die Leute oft zu mir, wenn sie mich mit meinen beiden kleinen Kindern sehen. „Das geht so schnell vorbei“ kommt dann noch. Am Anfang habe ich mich darüber gewundert. Jede Zeit hat doch ihr Schönes. Außerdem ist es mit kleinen Kindern manchmal auch ganz schön anstrengend.

Mittlerweile sage ich selbst manchmal: „Genießen Sie die Zeit.“. Zu Brautpaaren, die ihre Hochzeit vorbereiten, oder zu Eltern von ganz neugeborenen Kindern. Eben bei Ereignissen, die ich selber schon erlebt habe. Und die jetzt vorbei sind. Da schwingt dann immer viel Erinnerung mit. Damals war es so schön…
Das stimmt natürlich nicht ganz: Hochzeitsvorbereitungen sind manchmal auch stressig. Und Neugeborene können ganz schön schreien und ihre Eltern vom Schlafen abhalten.
Aber im Rückblick fallen einem eben meist die schönen Dinge ein. Das ist ja auch gut so.

Manchmal frage ich mich allerdings auch: wie kann ich die Zeit im richtigen Augenblick genießen. So, dass ich ihr nicht nachtrauern muss, weil ich später erst erkenne: „Mensch, das waren noch Zeiten.“ Ich möchte gern rechtzeitig merken, dass das eine besondere Zeit ist, und mich darüber freue.

In der Bibel heißt es an einer Stelle. „Alles hat seine Zeit“ (Prediger 3,1-9).
Und dann werden ganz unterschiedliche Situationen des Lebens genannt:
„Geboren werden hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit,
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen was gepflanzt ist, hat seine Zeit.
Töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit.
Abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit.
Klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit…
Lieben hat seine Zeit und hassen hat seine Zeit,
Streit hat seine Zeit und Friede hat seine Zeit.“

Hier wird es ganz deutlich. Es gibt unterschiedliche Zeiten im Leben. Und die wechseln sich ab.
Was mich beeindruckt, ist die Ruhe, die diese Worte ausstrahlen. Und die Gelassenheit, die dahinter steht. Am Ende heißt es dann auch:
„Man mühe sich ab, so viel man will, so hat man doch keinen Gewinn davon“

Das heißt doch: wir können die Zeiten nicht ändern. Und darum ist es gut, das, was jetzt ist, bewusst wahr zu nehmen. Nicht Altem nachtrauern oder von Vergangenem schwärmen. Auch nicht immer schon von der Zukunft träumen. Sondern klar sehen, was jetzt dran ist. Eben die Hochzeit oder die kleinen Kinder, die Schulkinder oder die eigene Karriere, später das Abschiednehmen vom Beruf und das Altern.
Alles hat seine Zeit. Und jede Zeit hat ihre eigene Besonderheit. Darum: „Genießen Sie die Zeit. Jetzt.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2149
Haben Sie Geschwister? Oder hätten Sie schon immer gern welche gehabt?
Ich habe drei Geschwister. Und ich kann mir das Leben ohne sie kaum vorstellen. Nicht, weil wir uns ständig sehen. Im Gegenteil. Eher, weil es so normal ist, dass sie da sind. Es ist klar, dass ich sie immer anrufen kann. Genau wie ich mich darauf verlassen kann, dass sie über bestimmte Dinge lachen und in anderen Situationen sauer sind.

„Es ist als könnte man jederzeit zwei Strümpfe aus der Schublade ziehen, und selbst, wenn sie nicht zusammen passen, ist das immer noch besser als halb barfuß herumzulaufen“. (Made in Sweden, Torbjörn Flygt) Das habe ich neulich über Geschwister gelesen und den Vergleich finde ich ziemlich treffend. Weil er zeigt, wie selbstverständlich es sein kann, Geschwister zu haben. Und wie zuverlässig so eine Beziehung sein kann. Selbst, wenn mal was schief geht: Die anderen sind da und man kriegt keine kalten Füße. Natürlich gibt es auch Streit unter Geschwistern und Verletzungen. Aber selbst dann gehört man irgendwie immer noch zusammen.

Jesus hatte auch Geschwister. Mehrere Schwestern und mindestens zwei Brüder. Aber für ihn war Familie mehr als Vater, Mutter und Kinder, Onkel, Tanten und Großeltern. Einmal kam seine Familie zu ihm, als er gerade zu vielen Menschen gesprochen hat. Sie wollten mit ihm reden. Und das haben ihm die anderen Leute auch gesagt.
Da hat Jesus gefragt: „Wer sind meine Mutter und meine Geschwister? Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Mk 3,35).

Das war für seine Familie sicher ganz schön hart. Dass sie so abserviert wurden. Aber vielleicht haben sie auch verstanden, dass Jesus sich eben für viel mehr Leute verantwortlich fühlte als nur für die eigene Kleinfamilie.
Für ihn waren alle, die an Gott glauben, wie Geschwister. Weil Gott für ihn ja sein Vater war. Und darum gehörten alle, die auf Gott vertrauen und sich an seine Regeln halten, mit zur Familie.
Für sie war Jesus dann auch ganz selbstverständlich da. Hat sie unterstützt und ihnen geholfen. Auf Jesus als Bruder konnte man sich verlassen. So verstehe ich die Geschichte mit seiner Familie.

Und das gilt auch heute noch. Egal ob wir selber Einzelkinder sind oder Geschwister haben. Und unabhängig davon, wie unser Verhältnis zu unseren leiblichen Geschwistern ist:
Jesus will unser Bruder sein. Damit wir jederzeit zwei Strümpfe aus der Schublade ziehen können – und warme Füße haben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2148
„Ich habe es satt“, sagt eine Freundin von mir. „Immer diese unfreundlichen Blicke, wenn mein Kind schreit. Und dann noch die Kommentare der Leute. Kürzlich ist sogar eine Nachbarin raus gekommen und hat meine Tochter angebrüllt, dass sie doch endlich still sein soll.“
Ihre Tochter ist jetzt drei und mitten im Trotzalter. Da geht es manchmal ganz schön laut zu. Dass das andere nervt, verstehe ich schon. Aber es hilft eben nichts, wenn sie dann schimpfen. Dadurch hört das Kind nicht auf zu schreien. Und den Eltern geht es auch nicht gut.
Viel schöner wäre es, wenn sich jemand freuen würde, dass es noch Kinder gibt, die von sich hören lassen.

„Lasst die Kinder zu mir kommen,“ hat Jesus einmal gesagt. (Mk 10,14) Damals waren seine Freunde wohl auch ziemlich genervt vom Geschrei und Gequengel der Kleinen. Sie wollten sie wegschicken, und die Mütter gleich dazu. Damit endlich wieder Ruhe einkehrt. Aber das hat Jesus nicht erlaubt. Er wollte die kleinen Chaoten bei sich haben. Hat sie alle in den Arm genommen und gesegnet. Damit hat er ihnen gezeigt: „es ist gut, dass ihr da seid. Ganz egal, ob ihr laut oder leise seid, trotzig oder zufrieden.“
Da haben wohl auch seine Jünger gemerkt, dass Kinder eben dazu gehören. Auch wenn sie manchmal nerven. Und vielleicht haben sie sogar festgestellt, dass die Kinder ruhiger werden, wenn man freundlich ist zu ihnen.

Das wünsche ich mir heute auch manchmal, dass deutlich wird: Kinder gehören dazu und das ist gut so. Natürlich nehmen wir heute nicht jedes wildfremde Kind in den Arm. Aber das ist auch gar nicht nötig. Es sind eher so die kleinen Blicke und Gesten, die die Stimmung prägen.
Zum Beispiel hilft es, wenn jemand eben nicht die Augen verdreht, wenn ein Kind brüllt. Sondern einfach mal die Eltern anlächelt und ihnen zeigt: „Ich kenne das. So sind sie alle irgendwann.“
Oder wenn jemand das Kind selber anlacht und mit ihm einen Spaß macht. Vielleicht merkt es dann ja auch: „Es ist gut, dass ich da bin; und ich darf auch mal so sein, wie ich jetzt bin.“
Solche kleinen Augenblicke des Verstehens, die verändern die Atmosphäre. Und machen es leichter für alle. Weil sich dann alle akzeptiert fühlen können. Und niemand darum kämpfen muss, gehört oder gesehen zu werden.

Heute ist übrigens internationaler Tag des Kindes. Das ist doch ein guter Tag, um sich mal so richtig über die Kinder zu freuen, die einem heute begegnen.
Finden Sie nicht?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2147
In den letzten Wochen hat unser Sohn laufen gelernt. Das war toll: wie aus dem ersten Tasten mutigere Schritte wurden. Wie er sich erst an Möbeln entlang gehangelt hat und dann an zwei, später nur noch an einer Hand gelaufen ist und dann ganz frei.
Aber am meisten hat mich beeindruckt, wie er sich immer Hilfe geholt hat. Da hat er einen an der Hand gepackt und nicht mehr los gelassen. Hat gezogen und gezerrt bis man aufgestanden ist und mit ihm gelaufen. Er hat nicht gefragt, ob das jetzt der richtige Augenblick ist. Hat nicht geschaut, ob es mir gerade passt oder nicht. Er hat einfach zugegriffen. Wie wenn für ihn völlig klar war: die Hand ist immer für mich da.

In der Bibel ist auch manchmal von einer Hand die Rede, die man ergreifen kann. Gemeint ist die Hand Gottes. In den Psalmen betet jemand: „Dennoch bleibe ich stets bei dir. Denn du hältst mich bei deiner rechten Hand.“ (Ps 73,23)
So redet ein Mensch, der in seinem Leben Erfahrungen gemacht hat. Vielleicht wusste er irgendwann nicht mehr weiter. Hat keinen Ausweg mehr gesehen aus seiner Verzweiflung. Er hat niemandem mehr getraut. Hat sich ganz hilflos und alleine gefühlt.
In solchen Zeiten ist es, wie wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Da schwankt alles und es gibt nichts zum Festhalten.

„Dennoch bleibe ich stets bei dir. Denn du hältst mich bei deiner rechten Hand.“
Der Halt, den der Beter dann gespürt hat – das war vielleicht eine Ruhe, die er plötzlich gefunden hat, und die ihm wieder Kraft gegeben hat; oder ein Mensch, dem er doch noch vertrauen konnte.
Der Beter hat jedenfalls erlebt: Es gibt wieder festen Boden unter mir. Und da sind Arme, die sich nach mir ausstrecken und mir helfen. Und eine Hand, die mich beschützt, damit ich nicht gleich wieder falle.
So jemand kann dann mutige Schritte im Leben machen. Weil er erfahren hat, dass Hilfe in der Nähe ist, wenn er sie braucht.

Mit dem Glauben ist es also so ähnlich wie mit dem Laufen lernen: wer glaubt, vertraut darauf, dass Gottes Hand ihn hält und schützt. Und wer glaubt, kann immer nach dieser Hand greifen, an ihr ziehen und zerren. Die Hand ist immer da.
Auch wenn wir schon lange alleine laufen. Selbst dann können wir ja stolpern und fallen. Und da ist es gut zu wissen, dass es diese Hand gibt. Sie streckt sich nach uns aus, wann immer wir sie brauchen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2146
Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, wenn ich früher mittags aus der Schule gekommen bin: da habe ich einfach den Schulranzen fallen lassen, gleich hinter der Türe. Und habe alles, was an dem Morgen passiert ist, mit in die Ecke geworfen. Nur weg damit, zumindest mal für eine kurze Zeit. Das tat gut.

Eigentlich könnten wir als Erwachsene so etwas auch noch brauchen, finde ich. Eine Möglichkeit, wie wir ohne viel zu denken das loswerden können, was uns belastet. So eine Ecke in der Wohnung zum Sorgen abladen. Wo sie gut aufgehoben sind und erst mal nicht mehr stören.

In der Bibel heißt es einmal: „All eure Sorgen werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch.“ (1. Petrus 5,7) Hier geht es genau um die Bewegung wie beim Schulranzen hinwerfen: Die Sorgen einfach fallen lassen. Oder sogar mit Schwung hin werfen. Die Probleme raus schreien oder nur mit einem tiefen Seufzer loswerden. Das ist damit gemeint.
Gott hält das aus, sagt uns die Bibel. Und noch mehr: Gott ist dafür da. Bei ihm dürfen wir loswerden, was uns belastet. Gott sorgt sich nämlich um uns und will, dass es uns gut geht. Und wenn das nicht so ist, dann will Gott wissen, was los ist.

Vielleicht wäre es da gar nicht schlecht, einen Ort zu haben, der einen daran erinnert: hier kannst du deine Sorgen loswerden. So wie die Kinder ihre Ecke für den Schulranzen haben.
Aber wir sind eben keine Kinder mehr. Und ich kann ja nicht jedes Mal, wenn ich heimkomme, meine Handtasche fallen lassen. Oder den Koffer mit Akten. Das bringt ja nur noch mehr Stress.

Vielleicht hilft es aber, sich trotzdem einen bestimmten Ort in der Wohnung zu schaffen. Vielleicht durch ein Bild, das Sie aufhängen. Oder eine Kerze in der Ecke. Oder ein kleines Kreuz als Zeichen für Jesus. Der hat sich nämlich besonders um die gekümmert, die von ihren Sorgen erdrückt wurden.
Und wenn Sie heim kommen und das Bild, das Kreuz oder die Kerze sehen, dann lassen Sie einfach alles los, was sie heute so mit geschleppt haben. Den Ärger im Geschäft, die Angst um den Arbeitsplatz, die Sorgen um die Kinder oder die Unruhe im Alter. Einfach fallen lassen, wie früher den Schulranzen. Vielleicht mit so Worten wie: „O Gott, ich kann nicht mehr.“ Oder: „Nimm mir doch mal was ab.“

Am Anfang ist das vielleicht ungewohnt. Aber irgendwann wird es so selbstverständlich, dass Sie gar nicht mehr nachdenken. Dann merken Sie einfach nur, dass Sie irgendwie erleichtert sind. Das wünsche ich Ihnen jedenfalls.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2145
Ab heute gehen überall in Baden-Württemberg die Erstklässler in die Schule. Mit neuem Schulranzen ziehen sie los. Stolz und aufgeregt.
Die Eltern sind bestimmt auch stolz und mindestens so aufgeregt wie ihre Kinder.
Und vielen fällt es ganz schön schwer, ihre Kinder gehen zu lassen, in die neue Welt der Schule. Irgendwann gewöhnen sie sich dran. Aber es bleibt jeden Morgen ein kleiner Abschied ins Ungewisse.
Das ist ja auch später immer wieder so. Jeden Morgen verabschieden wir uns und hoffen, dass wir uns abends wieder sehen. Was den Tag über passiert, wissen wir noch nicht. Da ist immer so eine Unsicherheit beim Abschied dabei.

Ich erinnere mich, dass die Mutter meiner Schulfreundin jeden Morgen ein Kreuzzeichen auf die Stirn ihrer Kindern gemacht hat. Sie hat auch was dazu gesagt, das habe ich aber damals nicht verstanden. Erst viel später habe ich begriffen, dass sie ihre Kinder gesegnet hat. Sie wollte sie nicht einfach so los gehen lassen. Wollte ihnen etwas mitgeben auf den Weg. Darum hat sie jeden Morgen Gott gebeten, ihre Kinder zu beschützen.

„Gott segne dich und behüte dich“ – mit so einfachen Worten können wir Menschen Gott anvertrauen. Das heißt nicht, dass ihnen nichts mehr passieren kann. Es ist kein Zauber, den wir da aussprechen, und auch keine Unfallversicherung.
So ein Segen macht klar: Du bist nicht allein, auch wenn du jetzt allein gehen musst.
Gott geht mit, sagt der Segen. Am ersten Schultag genauso wie später zur Arbeit oder sonst wo hin. Gott ist dabei, auch dann, wenn es mal gefährlich wird oder wir nicht weiter wissen. Und Gott ist selbst dann da, wenn wir ihn gar nicht bemerken oder beachten.

Wer das weiß, kann vielleicht gelassener Abschied nehmen. Und leichter los lassen. Weil wir eben nicht ganz loslassen müssen. Sondern unsere Kinder oder den Partner Gott anvertrauen. Wir geben sie sozusagen aus unserer Hand in eine andere, größere Hand. Die umfasst viel mehr als wir begreifen können. Und reicht viel weiter als wir denken können.

Im Englischen sagt man „God bless you“. Und die Engländer sagen das viel öfter als wir, auch beim Abschied. Bei uns ist es eher ungewohnt, wenn jemand sagt: „Gott segne dich“ oder sich verabschiedet mit: „Gott befohlen“.
Dabei tut es so gut, so verabschiedet zu werden. Und es hilft, andere mit diesen Worten gehen zu lassen. Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal „Ade“ sagen. Ade kommt von A Dieu und bedeutet: „Gott befohlen“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=2144