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29MAI2024
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Es gibt Pflichten und Aufgaben, die liegen mir nicht wirklich: Die Straße kehren zum Beispiel. Und das Unkraut den Gehweg entlang entfernen. Das macht mir einfach keinen Spaß.

Aber all das Jammern hilft nichts. Ordnung muss sein, der Gehweg und die Straße gekehrt und das Unkraut muss entfernt werden. Dabei sage ich doch immer, dass es kein Unkraut gibt, sondern dass es sogenanntes Begleitgrün ist.

Und so habe ich mich vor einigen Tagen aufgerappelt, habe mir meine Utensilien geschnappt und angefangen den Löwenzahn aus dem Gehwegritzen zu ziehen. Nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass Unkraut wirklich Begleitgrün ist. Denn meine Arbeit wurde begleitet von vielen Kommentaren der Vorübergehenden. Lustige Sprüche und flotte Bemerkungen gab es. Aber auch wirklich schöne Gespräche haben mich begleitet.

Zwanglos auf der Straße, mit dreckigen Händen und einem Rücken, der sich über jede Unterbrechung gefreut hat. Nun weiß ich, wie es dem alten Mann in der Nachbarstraße geht, was die Kinder in der Grundschule im Religionsunterricht besprechen und noch einiges mehr.

Aber nicht nur das, sondern auch wie wichtig den Menschen der Sonntag ist, habe ich sozusagen zwischen Löwenzahn und Besen erfahren. „Wir brauchen den Sonntag“, hat jemand zu mir gesagt, „denn ansonsten wäre jeder Tag Alltag und das wäre nicht gut.“

Dem kann ich als Pfarrerin natürlich nur zustimmen. Denn der siebte Tag der Woche ist der Tag, an dem Gott selbst von aller schöpferischen Arbeit geruht hat. Damit auch wir einen Ruhetag haben, hat er diesen Tag geheiligt und zu einem besonderen Tag gemacht.

Der Sonntag ist mir wichtig. Für mich gehört dazu auch der Gottesdienst mit Musik und Stille, mit guten Worten, die zum Nachdenken anregen und vielem mehr. Ein besonderer Tag, an dem die Arbeit ruht. Gott sei Dank gibt es den Sonntag. Einen Tag in der Woche, in der viele sich ganz bewusst Zeit für die schönen Dinge des Lebens nehmen: für Familie, für Wanderungen und für das Nichtstun.

Auf alle Fälle gehört Unkrautzupfen an der Straße für mich nicht zu den schönen Dingen des Lebens. So wirklich Spaß hat es mir nicht gemacht, obwohl die Straße hinterher schön ausgesehen hat. So zusagen sonntagsfein und sonntagsschön.

Aber ich habe gelernt, dass Unkraut wirklich Begleitgrün ist, weil nämlich mein Straßekehren und Unkrautzupfen von guten Gesprächen und Gedanken begleitet wurde.

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28MAI2024
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In unserem Garten steht ein Trampolin. Und es erfreut nicht nur meine Kinder, sondern auch mich. Denn, ab und an, wenn mich niemand sieht, dann springe ich auch.

Nicht so wie meine Kinder, die mit einem Freudenschrei losstürmen und dann hüpfen und toben, als ob sie keine Knochen im Leib hätten oder die Schwerkraft für sie nicht gelten würde. Ich springe eher vorsichtig und mit Bedacht. Zögerlich und immer am Abwägen, was alles passieren könnte. Meine Vorsicht ärgert mich dann manchmal auch. Denn lieber würde ich wie die Kinder richtig Gas geben, mich abstoßen, das Gefühl haben, den Himmel zu berühren und fliegen zu können. Meine Sprünge sind kleiner und es braucht meist etwas Zeit, bis ich mutiger springe.

Das geschieht meistens dann, wenn ich mal den Kopf ausschalte, aufhöre, daran zu denken, was alles passieren könnte, dass ich auf den Rand springen, ungünstig aufkommen, falsch landen könnte. Wenn mir das gelingt, dann kann ich springen. Frei und mutig, mit Freude im Herzen und einem fetten Grinsen im Gesicht.

Dann merke ich, wie ich all meine Sorgen, meine Arbeit, meine Gedanken, alles, was mich hemmt, wegspringe und mich davon befreie. Natürlich weiß ich, dass ich so meine Probleme nicht löse, aber ich bekomme eine neue Sicht auf die Dinge.

„Mit meinem Gott springe ich über Mauern“ – so heißt es in Psalm 18, einem alten, biblischen Gebet. So hat damals ein Mensch gebetet, der in Bedrängnis Gottes Hilfe erfahren hat und mit Gottes Hilfe von dem befreit wurde, was ihn gefesselt und am Boden gehalten hat.

„Mit meinem Gott springe ich über Mauern“ – so bete ich auch heute noch. Wenn ich auf dem Trampolin meinen Kopf frei springe und endlich einmal alle Bedenken und Abers davonspringe. In diesem Gebet steckt für mich eine wunderbare Erfahrung: Nämlich, dass ich nicht ständig überlege, was alles passieren könnte und alles kontrollieren muss, sondern dass ich auch einfach mal loslassen kann. Das, was mich am Boden hält, das kann ich loslassen. Ich habe doch Gott an meiner Seite. Ich kann die Kontrolle ihm überlassen – und darf frei leben, mich abstoßen, das Gefühl haben, den Himmel zu berühren und fliegen zu können. Wie ein Kind – Gottes Kind - frei und unbeschwert auf dem Trampolin.

Ganz sicher werde ich nie einen Salto springen oder mich auf den Rücken fallen lassen, um gleich wieder aufrecht zu stehen. Aber mit Gott an meiner Seite kann ich den Schwung nutzen, den er mir gibt und einfach mal loslassen.

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27MAI2024
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Ich spiele gerne. Gesellschaftsspiele, Gruppenspiele, Spiele mit Karten oder Würfeln und manchmal spiele ich auch am Handy.

Wenn ich spiele, dann kommt das Kind in mir durch. Dann versuche ich verbissen zu gewinnen, bloß nicht zu verlieren, mache jeden Quatsch mit und habe meinen Spaß am Spiel. Und ja, manchmal schummel ich auch. Aber nur ganz, ganz selten.

Spielen, ausprobieren, Spaß haben – das gehört zum Leben dazu. Es gehört sogar zur ganzen Welt dazu. Die Bibel erzählt: Als Gott die Welt gemacht hat, da war die Weisheit bei ihm. Und zwar hat sie zu den Füßen Gottes gespielt, wie ein Kind. In der Bibel sagt die Weisheit: „Da stand ich als Werkmeisterin ihm zur Seite und war seine Freude Tag für Tag, spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Freude an den Menschen.“[1]

Die Weisheit hat Freude am Spielen. Und zwar von Beginn der Schöpfung an. Und wer Kindern beim Spielen zuschaut, kann genau diese Freude entdecken von der die Weisheit berichtet. Wenn Kinder spielen, dann versinken sie ganz in ihrem Tun, sie sind in einer anderen Welt, sind Superheldin oder Prinz, sind anders als sonst im Alltag, sie sind kreativ und setzen ihre Fantasie ein. So erklären sie sich und anderen die Welt, die Dinge, wie sie sind oder sein könnten.

Spielerisch in der Welt unterwegs sein, Freude und Lust an den Menschen haben. So wie die Weisheit und so wie die Kinder. Die Weisheit genießt die Freude an der Schöpfung, an dem, was unseren Planeten ausmacht. Sie ist neugierig, entdeckt, ist kreativ, probiert aus, alles ganz spielerisch. Und sie fordert die Menschen auf ihr nachzufolgen und weise zu werden. Und zwar, in dem die Menschen auch spielen und tanzen und Freude aneinander haben.

Das finde ich eine schöne, biblische Erkenntnis. Spielen, tanzen, miteinander Freude empfinden, um schlau und klug zu werden. Allein am Handy – das macht keinen Spaß, das ist für mich nur Zeitvertreib, aber gemeinsam mit anderen neue Spiele zu entdecken, zu kniffeln und zu rätseln, das schenkt mir Freude. Und auch, wenn das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ heißt, so weiß, dass ich mich wahrscheinlich doch ärgere, wenn ich verliere. Oder vielleicht doch nicht. Mal gucken. Hauptsache ich kann und darf mal wieder spielen.

Vielleicht habe ich heute Abend ja noch Glück und jemand spielt mit mir. Denn heute ist internationaler Weltspieltag. Heute zu spielen, das würde das Kind in mir ganz besonders freuen.

 

[1] Sprüche 8,30-31, Zürcher Bibel

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24MAI2024
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Ich treffe mich mit Andi.

Andi ist ein alter Freund von mir. Aber wir sehen uns leider nicht so oft. Nur drei oder viermal im Jahr. Zum Abendessen oder ins Kino. Dieses Mal gehen wir in Stuttgart gemeinsam einkaufen.

Wir schlendern durch die Klamottenläden. Ich sehe ein Hemd, das mir gefällt. Nehme es aus dem Regal und zeig es ihm. Frage erwartungsvoll, was er davon hält. Seine knappe Antwort: „Braucht man das?“ Die Szene wiederholt sich kurz darauf mit einer Hose, die ich ihm zeige.

Ich sage lachend, aber auch ein wenig genervt zu ihm: „Andi, mit dieser Einstellung werden wir heute gar nichts mehr kaufen. Was braucht man schon.“ Ich fühle mich auch ein wenig ertappt. Natürlich hat er recht. Brauchen tue ich wirklich nichts. Mein Kleiderschrank ist voll.

Was ich dazusagen muss. Andi ist vermutlich einer der genügsamsten Menschen, die ich kenne. Er wohnt in einer alten Mühle, die nur mit einem kleinen Holzofen beheizt werden kann. Arbeitet im Sommer auf einer Hütte in den Bergen, im Winter macht er alles Mögliche. Renoviert Häuser, pflegt Menschen oder schreibt fürs Radio. Ich habe den Eindruck, er braucht wirklich nicht viel und ist zufrieden mit dem, was er hat. Gerade das mag ich an ihm, weil er so wunderbar unkompliziert ist.

Eine gemeinsame Reise verbindet uns. Wir sind vor über zwanzig Jahren zusammen von München nach Venedig über die Alpen gewandert. Schon damals ist mir seine Genügsamkeit aufgefallen, und ein Gedanken von ihm begleitet mich seither. Er hat irgendwann unterwegs gesagt: „ Weißt Du, ich mag es, dass ich jetzt einfach alles dabei habe. Essen, Kleidung, Schlafsack, Zelt. Ich muss nicht darüber nachdenken, was mir fehlt oder was ich vielleicht noch möchte. Ich bin unterwegs mit meinem Rucksack und habe für heute alles, was ich brauche.“

Wenn ich ab und an noch beim Wandern bin, denke ich immer wieder an Andis Worte. Freue mich über genau dieses Gefühl und frage mich, was ich brauche und was nicht.

Das ist auch eine christliche Grundhaltung. Im Matthäusevangelium wird erzählt, wie Jesus einmal zu den Menschen um sich herum gesagt hat, sie sollen sich nicht so viel Sorgen machen und, dass Gott schon für sie sorgt. In dieser Rede fällt der für mich wundervolle Satz: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ Jesus fragt mich: Woran hängst Du dein Herz? Was brauchst du wirklich?

Ich weiß es: Was ich wirklich brauche, ist einen Freund, wie Andi, der mir immer wieder zeigt, was ich nicht brauche.

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23MAI2024
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Eine Zeitlang ging es mir nicht so gut.

In der Studentenseelsorge, wo ich hauptsächlich arbeite, war einiges los. Erst hatte ich keine Kollegin und musste das irgendwie alleine hinkriegen. Dann fehlte die Hausleitung für eines unserer Wohnheime, und da musste ich auch einspringen.

Mit etwas Abstand habe ich einen Text über diese Zeit geschrieben und im Internet veröffentlicht. Dass einige der Aufgaben auf Dauer für mich einfach zu viel waren und es mir deshalb nicht gut ging.

Viele Menschen haben mir auf diesen Text hin geantwortet. Haben mir rückgemeldet, dass sie mir alles Gute wünschen.

Eine Frau hat mir allerdings geschrieben: „Wen wundert das noch, wenn man in der katholischen Kirche arbeitet. Die, die noch dabei sind, macht es platt.“

Ich glaube, ich weiß, was sie meint. Durch Personalmangel und überflüssige, innerkirchliche Debatten sind viele Mitarbeiter in der Kirche ziemlich angekratzt; und viele sind auch einfach überlastet oder lassen dann ihre schlechte Laune an ihrer Umgebung aus.

Trotzdem habe ich geantwortet, dass mir ihre Erklärung zu einfach ist. Bloß zu sagen: Liegt halt daran, dass man in der Kirche arbeitet – das reicht nicht.

Personalmangel und all die Probleme, die damit einhergehen, gibt es in der Pflege genauso oder in der Gastronomie oder wenn man derzeit in der Schule arbeitet. Schwierig ist es dort gerade für Viele. Und je größer der Fachkräftemangel. Desto mehr kommt man sich als Einzelkämpfer vor. Das kennen ich auch als Priester.

Trotzdem verstehe ich den Kommentar der Frau wirklich gut. Weil wir als Kirche über Jahrhunderte hindurch so getan haben, als wären wir besser. Als können wir den Leuten sagen, was richtig und was falsch ist. Wie Nächstenliebe so richtig geht. Aber in Wirklichkeit sind wir kein bisschen besser. Weil wir die gleichen Menschen sind. Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir das als Kirche grundsätzlich besser hinkriegen. Das wir ein besseres Beispiel dafür abgeben, wie man gut miteinander, mit Mitarbeitern oder mit Personalmangel umgehen kann.

Eine einfach Lösung gibt es nicht. Ich kann keine Kollegen aus dem Hut zaubern. Aber was mir hilft: ich kann mich fragen, wie ich mit den Menschen in meiner Umgebung umgehe. Und, wenn ich Frust habe, lasse ich diesen nicht einfach an den anderen raus. Sondern ich rede mit einem mir vertrauten Menschen darüber. Über das, was mich belastet. Hole mir einen Rat von ihm.

Meine Erfahrung daraus: Egal, wie schwierig es ist: Ich bin Gott sei Dank nie alleine.

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22MAI2024
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„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dieser Gedanke ist revolutionär. War er damals, morgen vor genau 75 Jahren, als unser Grundgesetz verabschiedet wurde. Und ich finde, er ist es bis heute.

Was sich die Gründungsväter und –mütter der Bundesrepublik Deutschland wohl damals dabei gedacht haben, dass sie unser Grundgesetz genau mit diesen Worten begonnen haben? 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Und das 1949. Nur wenige Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Dem Ende des Naziregimes. Der Zeit, wo diese Worte sowas von überhaupt nicht galten.

Wo Menschen gefoltert und umgebracht wurden, weil sie eine andere Meinung hatten, eine andere Religion, Hautfarbe, Herkunft oder Sexualität.

Unsere Gründungsväter und -mütter wussten nach all dem, was geschehen war, dass sie die Latte so hoch legen müssen. Damit sich das nicht wiederholt. Sie wussten, dass wir das sonst in unserem Land nicht hinbekommen werden. Wieder anfangen werden, Menschen einzuteilen und mit ihnen nicht gleichwertig umzugehen.

Wenn ich in die Bibel schaue, finde ich diesen Gedanken auch. Dort heißt es im Schöpfungsbericht: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild.“ Da heißt es nicht, er schuf die Katholiken nach seinem Bild oder weiße, alte Männer oder die Menschen, die die gleiche Meinung haben, wie ich.

Gott erschuf den Menschen nach seinem Bild, das heißt für mich: Wenn ich einem Menschen in die Augen sehe, sehe ich ein Stück von Gott. Sein Ebenbild.

Er hat eine Würde, die nicht von mir und meiner Meinung abhängig ist, die unantastbar ist. Dieser Text über die Schöpfung aus der Bibel ist viel älter als unser Grundgesetz. Wahrscheinlich entstand er vor ca. 3000 Jahren. Er hat leider trotzdem nicht verhindert, dass Menschen sich die Köpfe eingeschlagen haben, sich versklavt und verfolgt haben. Meine eigene Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte nicht ausgenommen.

Das mit der grundsätzlichen Würde des Menschen scheint herausfordernd zu bleiben. Auch heute noch. Eine Frau verdient im Schnitt in Deutschland immer noch 18 % weniger als ein Mann. Jüdische Menschen haben 79 Jahre nach Kriegsende wieder Angst, wenn sie in Deutschland auf der Straße unterwegs sind. 

Ich frage mich, ob unser Grundgesetz jemals wirklich umgesetzt werden wird. Ich hoffe es. Es bleibt revolutionär und es ist das Beste, was wir für unser Zusammenleben haben.

Deswegen werde ich mir morgen bei jeder Begegnung, bei jedem Menschen, egal wem, zwei Dinge ins Gedächtnis rufen: „Du bist Abbild Gottes“ und „Deine Würde ist unantastbar.“

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21MAI2024
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Gabriele weiß ganz genau, was mit dem ganzen Zeug in ihrer Wohnung passieren wird, wenn sie einmal nicht mehr lebt.

Gabriele ist eine frühere Kollegin von mir. Wir treffen uns seit langem mal wieder, trinken nen Kaffee und bringen uns auf den aktuellen Stand, was in unserem Leben gerade so los ist. Sie erzählt, dass ihre Eltern demnächst umziehen werden, weil ihnen ihr Haus jetzt einfach zu groß geworden ist.

Der ganzen Familie graust es schon davor, es auszuräumen. Zu entscheiden, was weg kommt oder was sie als Erinnerung behalten wollen.

Dann erzählt mir Gabriele, dass sie schon genau weiß, wie das mit ihrer eigenen Wohnung mal sein wird. Sie sagt: „Wolfgang, du kennst meine Wohnung. Du weißt, ich hab echt viel Zeug und Krimskrams, was da rumsteht.

Deswegen hab ich all meinen engen Freunden schon gesagt: Wenn ich mal nicht mehr bin, möchte ich, dass ihr in meine Wohnung geht und jeder sich ein Ding aussucht. Nur eines. Als Erinnerung an mich. Alles andere bleibt dort. Danach macht ihr die Tür einfach an einem Tag auf und veranstaltet einen großen Flohmarkt, auf dem alles verkauft wird.

Und mit den Einnahmen macht ihr dann gemeinsam eine Reise.“

Was für eine großartige Idee! Nicht nur, dass sie weiß, was mit ihrem ganzen Zeug passieren soll, nein, auch, dass ihre Freunde was davon bekommen sollen. Und ich mag den Gedanken sehr, dass die Zurückbleibenden etwas gemeinsam unternehmen und dabei an den Menschen, den sie verloren haben, denken und über ihn reden.

Das erinnert mich ein wenig an die Tradition des Leichenschmauses nach einer Beerdigung. Als Kind gab es den bei mir zuhause immer. Nach der Beerdigung gingen alle gemeinsam in die Wirtschaft, ein Bild des Verstorbenen wurde aufgestellt, eine Kerze angezündet und es wurde gemeinsam gegessen, getrunken und gesprochen.

Als Pfarrer habe ich das später nur noch selten erlebt. Manchmal haben mir Angehörige gesagt, dass sie das nicht wollen oder wenn, dann nur im ganz kleinen Familienkreis. Dass sie das geschmacklos finden, dass man nach einer Beerdigung groß zusammensitzt, isst und trinkt. Vielleicht sogar lacht und laut wird.

Aber genau darum geht es doch. Zu zeigen, dass das Leben weitergeht. In aller Trauer. Trotzdem. Erinnerungen zu teilen. Sich nicht in der Trauer zu verkriechen und einzuschließen.

Ich mag jedenfalls die Idee von Gabriele. Quasi ein moderner Leichenschmaus. Nur viel ausführlicher als Reise. Vielleicht könnte das ein neues Ritual werden.

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17MAI2024
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Wann waren Sie zum letzten Mal so richtig begeistert? Ich glaube, bei mir war das bei einem großen Konzert auf dem Canstatter Wasen in Stuttgart. 90.000 Menschen, eine Band, die Musik, ein warmer Sommerabend. Und die Begeisterung der vielen Menschen um mich herum war einfach ansteckend.

So ansteckend begeistert müssen auch die Freunde von Jesus gewesen sein, wenn sie von ihm erzählt haben. So ansteckend, wie die tollste Stimmung bei einem Fest oder wie schöne Musik, die einen einfach mitreißt. Zumindest steht das so in der Bibel. In der Geschichte über Pfingsten – das feiern wir am Sonntag.

Dabei waren die Freunde von Jesus am Anfang alles andere als begeistert. Sie waren sogar total verängstigt und mussten durch eine regelreichte Achterbahn der Gefühle. Erst wurde Jesus gekreuzigt und ist gestorben. Dann war er plötzlich wieder bei ihnen. Von den Toten auferstanden. Und sie haben sich mit ihm noch ein paar Mal getroffen. Eigentlich hatten sie dann gehofft, dass das so bleibt. Aber dann ist er endgültig zurück zu Gott gegangen – Himmelfahrt. Da waren seine Freunde wieder allein.  Dieses Mal aber scheinbar endgültig.

Da waren sie also nun: traurig, ängstlich und allein. Wie sollten sie den Auftrag von Jesus erfüllen? Wie von Gott erzählen? Die Menschen davon überzeugen, eine Gemeinschaft zu werden und zusammenzuhalten? Wie sollten sie das schaffen – ohne Jesus?  Er war es doch immer, der gepredigt hat. Der Leute geheilt hat und Streitgespräche geführt hat. Und dann kam eben Pfingsten.

Als die Freunde sich so ängstlich in einem Haus getroffen haben, da hat es sie plötzlich gepackt. Wie bei einem Sturm. Der hat sie wachgerüttelt. Es kam ihnen vor, als wären Feuerzungen vom Himmel gefallen und hätten sich auf sie gesetzt, so steht es in der Bibel. Sie wurden erfüllt von Gottes Geist. Die Ratlosigkeit war weg und die Angst. Sie waren ganz wortwörtlich begeistert. So begeistert, dass ihre Begeisterung ansteckend war. Sie sind raus auf die Straße gegangen, haben erzählt und gepredigt und die Menschen um sich herum mitgerissen – wie bei einem Fest oder wie gute Musik. 

Von manchen ihrer Zuhörer wurden sie auch verspottet. Aber das konnte die Freunde jetzt nicht mehr aufhalten.

Und das kenne ich auch. Wenn mich was richtig begeistert, dann traue ich mich plötzlich, anderen davon zu erzählen. Und manchmal springt der Funke über und dann breitet die Begeisterung sich aus.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein begeisterndes, langes Pfingstwochenende.

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16MAI2024
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„An Kindern sieht man, wie die Zeit vergeht“ – das ist so ein Satz, den meine Großeltern immer gesagt haben. Ich habe das früher nie so richtig verstanden. Mittlerweile merke ich aber selber, wie es ist, wenn die Kinder groß werden. Wir haben bei uns daheim an der Tür zum Wohnzimmer so ein Metermaß, wo man die Größe der Kinder sehen kann und dann einen Strich machen kann. Aber dafür sind sie mittlerweile auch zu groß geworden. Der geht halt nur bis 1,5 m.

Manchmal macht es mich einfach sprachlos, wie schnell sie groß geworden sind.

Ich denke, dass geht allen Eltern so:  Gerade erst sind die Kleinen zur Welt gekommen, da ziehen sie auch schon aus und gehen eigene Wege. Es geht alles so schnell, denn meine Kinder verändern sich ständig, während ich einfach nur älter werde.

„Gott, Lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben – damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.“  Das ist ein Satz aus einem alten Gebet in der Bibel. An den muss ich dabei immer wieder denken.

Ich glaube, dass die Zeit vergeht, das ist ganz normal. Dass wir alle älter werden, ist ganz normal. Die Frage ist einfach: Machen wir Menschen uns das auch klar – oder tun wir lieber so, als würden wir ewig weitermachen können? Oder als könnten wir die Zeit festhalten?

„Gott, Lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben – damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.“ Was stelle ich mit der Zeit an, die ich habe? Wie gestalte ich mein Leben? Was ist mir wichtig? Ich glaube, dass das mit „klug werden“ an dieser Stelle damit gemeint ist. Es ist eigentlich eine Haltungsfrage. Ich kann die Zeit nicht festhalten. Ich werde nun einmal älter und irgendwann alt. Manchmal möchte ich mich darüber beklagen und denke, wie schön es „früher“ war, als ich noch jung war. Aber dabei kann ich nun mal nicht stehen bleiben. Auch ich bin aus dieser Zeit „herausgewachsen“.

Ich möchte „klug werden“, wie es in dem Gebet heißt und versuchen zu akzeptieren, dass es so ist. Mich darüber freuen, was ich in meinem Leben alles schon Tolles erlebt habe. Dankbar dafür sein, was aus unseren Kindern geworden ist. Und auch, dass es mir jetzt gerade gut geht. Was noch kommen wird und wo ich vielleicht noch hineinwachsen werde, das weiß ich nicht. Aber der Maßstab meines Lebens ist zum Glück nach oben hin offen. Weil Gottes Maßstab keine Grenzen hat. Weil er mich in meinem Leben immer begleitet und mitwächst.

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15MAI2024
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Manchmal wird mir überdeutlich bewusst, wie nah Freude und Leid sich sein können. Zum Beispiel, wenn ich samstags im Garten bin und da halt das mache, was man samstags halt so im Garten macht. Rasenmähen. Unkraut jäten. Oder auch einfach mit den Kindern Tischtennis spielen. In einem Moment fühle ich mich sicher hinterm Gartenzaun – Und dann kommt der Anruf, dass jemand gestorben ist und ob ich gleich kommen könnte.

Also raus aus den Gartensachen und los. In einem Moment Kleingartenfreude und im nächsten Moment Trauerbegleitung und eine Aussegnung.

Als Pfarrer bin ich sehr nah dran an den Wendepunkten im Leben der Menschen: Ich sehe glückliche Eltern, die ihr Kind taufen lassen. Und sehe sie eine Woche später wieder auf der Beerdigung des Opas. Ich begleite Jugendliche bis zum Fest ihrer Konfirmation und erlebe, wie einer von ihnen ein paar Jahre später schwer verunglückt.  Freude und Leid können wirklich sehr nah beieinanderliegen. Es gibt ein Buch in der Bibel, dass das ziemlich genau auf den Punkt bringt:

„Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit: Eine Zeit für die Geburt und eine Zeit für das Sterben. Eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen des Gepflanzten. Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen. Eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanzen.“

Dieses Buch bringt immer die Gegensätze zueinander. So wie Freude und Leid, die manchmal nah beieinander liegen. Und es macht klar: Gegensätze gehören zum Leben. Auch die, die wir nicht verstehen.

Ist das nun Reichtum? Oder Vielfalt? Oder ist das Leben manchmal vielleicht einfach nur nicht zu begreifen? Ganz sicher ist es anstrengend. Was aber all die Gegensätze verbindet, ist die Zeit selbst. Ich stelle mir das wie den buchstäblichen roten Faden vor, der alles ganz fein miteinander verbindet.

Das tröstet mich, wenn mich mal wieder ein Ereignis aus meiner „Gartenzeit“ reißt. Denn ich weiß, alles andere gehört auch dazu. Und das kann meinen Blick verändern. Ich sehe dann nicht nur den traurigen Moment, sondern auch die Momente, für die ich gerade dankbar bin. Und noch wichtiger: Gott begleitet mich bei alle dem. Und trägt das alles mit. Er hilft bei mir, den vielen Fäden in meinem Leben den Überblick nicht zu verlieren.

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