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21JUN2024
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„Mami, Mama – die Mama soll wiederkommen“ schluchzt meine fünfjährige Enkelin. Seit Tagen geht das so, jeden Abend. Jeden Abend, an dem nur die Oma sie zu Bett bringt. Die Eltern sind leider beide beruflich unterwegs. Den ganzen Tag ist das Kind fröhlich, spielt, malt, turnt herum. Aber am Abend überkommt sie der große Jammer. Jeden Abend. „Die Mama soll kommen.“

Für mich sind diese Heimwehanfälle anstrengend. Gleichzeitig sind sie völlig normal. Die Mama fehlt. Das tut weh.  Auch wenn es mit der Oma noch so schön ist. Mama ist was Anderes. So kann ich nur bei ihr bleiben, sie ein wenig streicheln, gut zureden, manchmal lässt sie sich in den Arm nehmen, manchmal hilft auch ablenken. Manchmal aber hilft gar nichts. Dann drückt sie den Teddy an sich und weint sich in den Schlaf.

Heimweh ist schlimm. Vermutlich wissen das alle, auch die Großen. Heimweh hat viele Gesichter. Ich erinnere mich an Heimweh nach einem Familienumzug. Da war ich schon fast fünfzehn. Es war zwar toll, in einer neuen Stadt langsam wieder anzukommen. Aber der Ort meiner Kindheit hat mir trotzdem lange schmerzlich gefehlt. Eine alte Tante sagte, sie habe Heimweh nach ihrem vor kurzem verstorbenen Mann. Damit hat sie ihre Trauer benannt. Heimweh, das ist so eine Sehnsucht nach vertrauten Menschen und Orten, nach Geborgensein. Diese Sehnsucht kann sehr heftig sein.

Und dann gibt es ja noch so ein Lebensheimweh, das vielleicht gar keinen aktuellen Grund hat. Ich spüre nur, dass irgendwas fehlt, weiß aber nicht, was es ist. „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, Gott“. So hat vor Hunderten von Jahren schon der gelehrte Augustinus es ausgedrückt. Dieser Satz wird sehr oft zitiert. Weil das Gefühl einfach zeitlos ist und immer neu bewältigt werden möchte. Weil nichts in dieser Welt diese tiefe Sehnsucht nach einem wirklichen Zuhause-sein erfüllen kann. Davon weiß meine kleine Enkelin zum Glück noch nichts. Wenn ihre Mama sie wieder in die Arme schließt, ist bei ihr alles wieder gut. Wir Erwachsenen haben es da nicht so einfach.

Aber es gibt gute Strategien. Wenn mich mein Lebensheimweh überkommt, gehe ich spazieren und bete eine Weile. Andere hören Musik. Oder rufen einen lieben Menschen an. Putzen und Aufräumen kann auch helfen. Oder ich nehme dieses Lebensheimweh ganz bewusst wahr und atme einfach weiter. Denn es kommt - und geht wieder - und wird irgendwann wieder kommen - aber auch wieder gehen …

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20JUN2024
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Die Kirchen sollen sich auf ihre „Kernkompetenz“ beschränken, lese ich in letzter Zeit häufiger. Aha, da wissen einige anscheinend, was die Kernkompetenz sein soll: Die Kirchen mögen sich doch bitte nur um die Frömmigkeit ihrer Mitglieder kümmern. Nicht um Politisches und Soziales. Also Kirchenraum statt Welt - so sehen das manche Kritiker. Ich sehe das nicht so. Es verkürzt das, was Christinnen und Christen aufgetragen ist. Und das empört mich. Denn: In der Bibel steht es deutlich anders!

Klar, für Frömmigkeit sorgen und von Gott sprechen ist die erste Aufgabe der christlichen Kirchen. Glauben ist für viele Menschen ein großer persönlicher Gewinn. Für mich auch. Ich kann mit meinem Glauben mein Leben besser meistern. Finde darin Mut und Lebenshoffnung. Aus dem Kontakt mit Gott entsteht eine Menge Energie. Und ich habe darin viele Lebensmöglichkeiten entdecken dürfen, die mein Leben reich machen.

Aber Glaube ist mehr als nur eine persönliche Entfaltung. Glauben muss über den Kirchturm hinausgehen. Raus in die Welt, nah oder fern. Fordert Engagement für die Menschen und ihre Nöte. Jesus hat gesagt: Selig, die Frieden stiften ... Selig, die barmherzig sind ... Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Manchmal hat er es auch so ausgedrückt: Ihr sollt Frucht bringen.

Eine Bekannte, die gerne weite Reisen gemacht hat, sagte: „Ich mache keine Flugreisen mehr. Unverantwortlicher Ausstoß von CO² und anderes mehr. Ich will darauf verzichten. Auch wenn es mir gar nicht leichtfällt. Aber ich tue das auch wegen meiner Enkelkinder. Ich kann doch nicht Christin sein und es ist mir egal, in welche kaputte Welt meine Enkelkinder hineinwachsen.“  Ich weiß, dass sie nicht nur hier verzichtet hat. Sie hat ihren Glauben ernst genommen und will Gottes Schöpfung nicht noch mehr belasten. Auch das gehört zur Kernkompetenz im Glauben. Christsein als Verantwortung - über den Kirchturm hinaus.

Das Ringen darum, die Schöpfung zu bewahren, ist kein Alleinstellungsmerkmal von Christinnen und Christen. Aber auch das gehört, neben anderen sozialen und politischen Themen, zur christlichen Kernkompetenz.

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19JUN2024
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Die Enkelkinder sind müde und drehen noch mal so richtig auf. Springen herum, toben wild, sind laut. Großes Vergnügen! Erfahrungsgemäß gibt es da oft ein böses Ende. Weil irgendwas passiert. Aber bitte nicht jetzt am Abend! Deshalb ist es höchste Zeit, einzugreifen. Sie sollen sich beruhigen und runterkommen. Also läute ich die Zeit für Schlafanzug und Zähneputzen ein. Jetzt ist Ruhe dran. Geschichten vorlesen, kuscheln, vielleicht ein wenig über den Tag sprechen oder über die Angst vor der Nacht. Sie sollen sich beruhigen und entspannen. Damit sie dann auch bald schlafen. Denn morgen ist wieder ein Tag – und die Oma ziemlich müde.

Und was mache ich, wenn es ruhig ist? Ich setze mich und lese die Zeitung. Endlich! Ich lese gerne solche Zeitungen, die meine Gedanken in Schwung bringen. Wo ich was zum Nachdenken habe. Meistens fange ich hinten an. Da geht es um Theaterstücke, Bücher, Filme. Um gesellschaftliche Fragen. Langsam taste ich mich zu den politischen Seiten vor. Die stehen ganz vorne, ich lese sie aber immer zuletzt. Weil sie mich am meisten aufwühlen.

Und da ist mir was aufgefallen. Es tut mir nicht gut, wenn ich am Abend noch schwierige politische Themen studiere. Die verfolgen mich sonst in die Nacht. Da geht es mir wie den Kindern. Am Abend brauche ich Ruhe. Nein, die Probleme der Welt sind mir deshalb nicht egal. Ich will wissen, was los ist. Es geht ja um mein Leben, und um das Leben der nächsten Generationen. Aber sie sind keine gute Lektüre auf dem Weg in die Nacht.

In der Nacht sind wir Menschen dünnhäutiger und empfindlicher. Sorgen plagen uns in der Nacht viel mehr als am Tag. Schmerzen fühlen sich stärker an. Deshalb lege ich die Zeitung bewusst zur Seite. Die komplizierten Themen können warten auf den hellen Tag. 

Ich muss genauso runterkommen wie die Kinder. Auch meine Gedanken sollen abends nicht noch wild herumtoben, meine Sorgen nicht noch vermehrt werden. Also helfe ich mir selbst. Lege die Zeitung auf die Seite. Sage mir: Das lese ich morgen! Und noch etwas tue ich: ganz bewusst lege ich diesen Tag und Abend Gott in die Hände. Das hilft!

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18JUN2024
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In einer Doku sehe ich, wie Nachwuchssängerinnen und -sänger für einen Wettbewerb trainiert werden. Gefühlt in jedem dritten Satz sagt einer der Coaches: „Am Ende des Tages“. Am Ende des Tages steht halt der Wettbewerb. Am Ende des Tages zählt, wer die beste Show abliefert. Am Ende des Tages zeigt sich, ob deine harte Arbeit sich ausgezahlt hat. Gemeint ist natürlich nicht das Ende dieses konkreten Tages, sondern das Ende eines Wettbewerbs. Ein Finale. Jedenfalls ein Zeitpunkt, an dem so etwas wie eine Abrechnung stattfindet. Daumen hoch oder Daumen runter.

Seither erst fällt mir auf, wie oft die Redewendung „am Ende des Tages“ gesagt wird. Sie scheint momentan ein bisschen Mode geworden zu sein. Ein paar Tage lang ging sie mir fast wie ein Ohrwurm im Kopf herum. Und momentan fällt sie mir immer ein, wenn ich wirklich am Ende des Tages angekommen bin. Aber ich nehme diese Redewendung dann wörtlich. Und frage mich: Was mache ich am Ende des Tages, also am Ende dieses Tages?

Da nehme ich mir ein paar Minuten Zeit für einen Rückblick auf diesen Tag. Das tut mir gut. Handy und PC sind ausgeschaltet, ich gucke so vor mich hin, atme einige Male ruhig ein und aus und überlege dann: Was war eigentlich heute? Was habe ich erlebt, vom Aufstehen bis zum Abend? Und ich gehe die Stunden noch mal in Ruhe durch. Was war heute los, was fällt mir noch ein, was ist mir begegnet?

Fast jeden Abend denke ich: Heute war aber viel los! Obwohl ich gar nicht so viel unternommen habe. Aber wenn ich mal genau überlege, staune ich: Ich konnte aufstehen. Bin satt geworden. Habe ein Dach über dem Kopf. Eine Waschmaschine, die mir schwere Arbeit erspart. Ein lieber Mensch hat angerufen. Vielleicht habe ich auch eine Arbeit fertigbekommen. Ein schwieriges Gespräch erledigt. Und dann sind da noch die besonderen Pluspunkte: Beim Einkaufen freundliche Worte gehört und gesprochen. Oder diese wunderschöne Rose in meinem Vorgärtchen. Wie sie jetzt blüht und duftet. Ohne diesen kleinen Rückblick „am Ende meines Tages“ hätte ich das meiste schon vergessen. Und gar nicht wirklich beachtet.

Ich glaube, dass Gott mir dabei von morgens bis abends begegnet ist. Wenn ich gestaunt habe über meine schöne Rose, oder beim Essen; in der Langeweile und im Arbeiten; auch durch die Menschen, die mir heute begegnet sind. In jeder Sekunde, in der ich ein- und ausatme. Da war Gott.

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17JUN2024
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Bagger, Planierraupe, Kran – Als Oma muss ich mich damit oft beschäftigen. Die Kleinen wissen schon die richtigen Namen der Maschinen. Denn in einem bestimmten Alter sind vermutlich die meisten Kinder völlig begeistert von Baumaschinen und den Menschen, die sie bedienen. Und zwar Mädchen wie Jungs. Tagsüber stehe ich derzeit öfter mit dem Jüngsten an einer sehr großen Baustelle. Sie ist sein Traum! Bagger, Raupenfahrzeuge, Tieflader. Riesige Kräne, die wir sogar vom Wohnzimmer aus sehen. Aber das höchste Glück ist natürlich, direkt an der Baustelle zu sein. Alleine würde ich da - ehrlich gesagt – nicht stehenbleiben. Aber jetzt stehen wir halt da, und während das Kind dem Bagger zuschaut, gucke ich nach oben und beobachte das Ballett der Kräne. Fast lautlos drehen sie sich hin und her. Wie präzise die Kräne die Last aufnehmen und an einem anderen Platz wieder absetzen. Wie genau die Baggerführer arbeiten. Ein Handgriff passt auf den anderen. Ich bin begeistert, das gebe ich zu.

Der Kleine an meiner Hand steht da und guckt und staunt. Wir bewundern die großen Maschinen. Dann sagt er im Brustton der Überzeugung: „Die Bauarbeiter sind aber ganz stark!“ Ja, das habe ich tatsächlich auch gedacht. Das ist schwere, körperliche Arbeit. Riesenmaschinen helfen ihnen zwar. Aber es geht eben nicht ohne diese Menschen. Und vermutlich geht ihnen ihre Arbeit im Lauf der Zeit ziemlich auf die Knochen.

Das Kind hat dann irgendwann genug. Auf einem kleinen Spielplatz nebenan schaukelt er und singt und ist ganz in sich gekehrt. Sein kleiner Kopf muss ja die Erlebnisse verarbeiten. Und seine Seele auch.

Aber ich stehe dabei und gucke weiter abwechselnd auf das Kind und auf die Kräne. Die bewegen sich hoch über uns. Hier sieht mich ja keiner, denke ich. Hier kann ich ungestört Baumaschinen gucken. Die haben etwas sehr Urtümliches, was mich fasziniert. „Danke“ schießt mir durch Kopf und Herz. Danke für alle, die an so einer Bau-Arbeit beteiligt sind. Die mit ihren Maschinen, aber auch mit dem Einsatz von Körperkraft Häuser bauen. Und Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und alles andere. Sie machen so eine wichtige Arbeit für uns alle. Dafür Danke!

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14JUN2024
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Zu Weihnachten hat mir ein lieber Mensch eine Karte geschrieben. Sie steht seitdem auf meinem Schreibtisch. Darauf ist ein Gedicht abgedruckt. Und irgendwie hat dieses Gedicht es mir angetan. Immer wieder habe ich die Karte gelesen. Erst wusste ich selbst nicht so recht, warum. Dann ist es mir klar geworden. Ich lese Ihnen das Gedicht mal vor:

Als Josef zu träumen begann,
packte ihn der Engel am Kragen
und flüsterte:
Fürchte dich nicht.
Weglaufen gilt nicht.
Rechne mit dem Unberechenbaren.
Es könnte ein Geschenk des Himmels sein.

In der Weihnachtsgeschichte erfährt Josef, dass seine Verlobte, Maria, schwanger ist. Und zwar nicht von ihm. Und dennoch: Er läuft nicht weg. Er kümmert sich um sie. Aus Liebe, trotzdem? Aus Mitleid? Weil der Engel es ihm sagt? – Wir wissen es nicht. „Rechne mit dem Unberechenbaren.“ Das Jesuskind hat ihm bestimmt nicht nur Freude gebracht, sondern auch viele Sorgen bereitet. Aber wir Christen sagen natürlich: Dieses Kind ist ein Geschenk des Himmels. Von Gott für uns Menschen.

„Rechne mit dem Unberechenbaren. Weglaufen gilt nicht. Es könnte ein Geschenk des Himmels sein.“ Für mich haben sich diese Worte im letzten halben Jahr immer wieder bewahrheitet. Es ist wirklich so geworden, wie die Postkarte es beschreibt. Das war schön.

Ein Beispiel: Einige Schüler und Schülerinnen von mir haben sich für den Reli-Unterricht das Thema „Verschwörungstheorien“ gewünscht. Da wäre ich schon gern weggelaufen. Ich kann das nicht, war mein erster Gedanke. Wie soll ich das denn machen? Aber: Auf meinem Schreibtisch stand eben diese Postkarte, auf der steht: „Weglaufen gilt nicht.“ Und: „Fürchte Dich nicht.“ Letzte Woche hat ein Schüler dann im Rausgehen zu mir gesagt: „Danke fürs Augenöffnen!“ Und ich dachte: „Rechne mit dem Unberechenbaren. Welch ein Geschenk des Himmels.“

Die Postkarte hängt jetzt an der Wand über meinem Schreibtisch. Und wenn wieder einmal eine unangenehme Herausforderung auf mich wartet, dann sage ich mir: 

Fürchte dich nicht.
Weglaufen gilt nicht.
Rechne mit dem Unberechenbaren.
Es könnte ein Geschenk des Himmels sein.

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13JUN2024
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„Jassin, jetzt halt doch mal Deinen Mund!“ – Wie oft habe ich diesen Satz im letzten Schuljahr gesagt? Unzählige Male vermutlich. Es war zum Verzweifeln. Und trotzdem: Da sitzt er vor mir, dieser Jassin. Aus Syrien geflohen. Die Eltern hier in Deutschland von der neuen Kultur und Sprache überfordert. Er muss sich durchschlagen. Baut viel Mist, keine Frage. Aber dennoch… Irgendwie ist er eben doch… ein super Kerl!

Julia Engelmann hat ein Gedicht verfasst. Manchmal wünsche ich mir, es könnte für einige meiner Schüler wahr werden:

„Ich wünschte mir, du könntest dich
nur einen Tag mit meinen Augen sehen.
Vielleicht würde dir das helfen,
und du würdest dann verstehen,
wie gut du bist und dass du alles schaffen kannst (…).“

Dieser Blick, mit dem wir andere Menschen ansehen. Ich finde, der ist entscheidend. Sehe ich den Menschen, dem ich gegenüberstehe, vernichtend an? Sehe ich das, was fehlt? Sehe ich ihn im Minus? Oder schaffe ich es, seine Möglichkeiten zu sehen? Das, was sein könnte. Das, was werden könnte? Kann ich einen Menschen so ansehen, dass mein Blick ihn groß und stark und mutig macht. Ich schaffe das nicht immer. Natürlich nicht.

Manchmal sehe ich in meinem Unterricht einfach nur das Kind vor mir, das kippelt und rumhampelt und nervt. Aber manchmal, da schaffe ich diesen Perspektivwechsel. Und, ich bin mir ganz sicher: Die Menschen um mich herum merken, wie sich sie ansehe. Ob ich ihnen in meinem Kopf ein Minus oder ein Plus gebe. Ob ich sie verschrumpeln oder wachsen und gedeihen sehe.

Ich glaube: Der Blick, der das sieht, was Wunderbares sein könnte, das ist der Blick, den Gott sich wünscht. Das ist der Blick, den Gott auf uns hat. Nicht verurteilend. Vernichtend. Sondern ermunternd, Mut machend. So dass wir wachsen können.

Ich glaube fest, dass die Worte aus dem Gedicht von Julia Engelmann auch Gottes Worte sein könnten: „Ich wünschte mir, du könntest dich nur einen Tag mit meinen Augen sehen. Vielleicht würde dir das helfen, und du würdest dann verstehen, wie gut du bist und dass du alles schaffen kannst (…).“

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12JUN2024
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Die Bibel erzählt vom Propheten Mose, wie er beim Schafe-Hüten an einem Dornbusch vorbeikommt. Der Busch brennt. Er brennt und brennt und verbrennt nicht. Das erregt Moses Aufmerksamkeit. Er erkennt: Gott will mir hier etwas sagen. Und so ist es auch. Mose bekommt den Auftrag, der Anführer seines Volkes zu werden und es aus der Sklaverei zu befreien. Es von Ägypten ins gelobte Land zu führen. In dem nicht nur Milch und Honig fließen, sondern in dem sie frei sein werden von aller Fremdherrschaft und Unterdrückung durch andere.

Mir ist diese Geschichte im Lauf meines Lebens sehr wichtig geworden: Mose hört im Dornbusch einen Ruf, der ihm im Kopf bleibt, der ihn nicht mehr loslässt: „Ihr sollt frei sein!“ Gottes Wille ist es, dass die Menschen seines geliebten Volkes frei sein sollen. Frei von aller Unterdrückung. Frei zu leben. Und darum macht er Mose Mut: „Du kannst das! Mach‘ Deinen Mund auf! Der Weg wird nicht leicht! Aber ich gehe ihn mit Dir!“

In meinem Studium hat mich ein Theologe aus Lateinamerika besonders fasziniert: Gustavo Gutiérrez.  Angesichts der Not und des Elends, in dem viele Menschen in Lateinamerika in den 1970er Jahren lebten, entwickelt Gutiérrez sein Denken und seinen Glauben: Dieses Elend ist nicht gottgewollt. Gott lehnt alles ab, was Menschen klein macht. Er will, dass sie wachsen und gedeihen können. Er ist ein Gott des Lebens. Oder in Gutiérrez‘ Worten: „Dass es am Nötigsten fehlt, um wie Menschen leben zu können, widerspricht dem Willem Gottes (…). Wenn man den Glauben an ihn bekennt, dann bedeutet das, dass man [jede] menschenunwürdige Situation ablehnt.“

Und das gilt auch heute: Wenn man den Gott des Lebens bekennt, dann bedeutet das, dass man jede menschenunwürdige Situation ablehnt. Und dass man darum, wie Mose, den Mut zusammennimmt, sich auf den Weg zu machen, um sie zu beenden. Im Kleinen wie im Großen. Und jeden Tag neu.

Wenn ich die Geschichte von Mose am brennenden Dornbusch im Reli-Unterricht mit meinen Schülerinnen und Schülern bespreche, dann ist für sie meist erstmal das Wichtigste, wie das denn sein kann, dass der Dornbusch nicht verbrennt. Sie versuchen, es naturwissenschaftlich zu erklären, rätseln daran rum, aus welchem Holz der Busch war und so. Und es ist schön zu sehen, wenn sie irgendwann verstehen: Wie das funktioniert haben könnte, das ist gar nicht entscheidend. Entscheidend ist Gottes Auftrag an Mose: Etwas gegen Unterdrückung und Unrecht zu unternehmen. Auch heute noch.

Klar: Der Weg dahin ist nicht leicht. Aber wir dürfen uns sicher sein: Der Gott des Lebens geht mit.

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11JUN2024
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Ich unterrichte bei mir an der Schule in einem Klassenraum, in dem die hintere Wand mit einem dicken, schwarzen Schriftzug beschmiert ist: „Ich bin dick und stolz drauf!“ Meist ärgern mich ja die Schmierereien in der Schule. Muss ja nicht sein. Und die Hausmeister haben wieder die Arbeit beim Putzen und Überstreichen. Aber dieser Spruch fasziniert mich. Klar, ich weiß nicht, ob er ernst gemeint ist. Aber: Gibt es da wohl wirklich eine Schülerin, die sich einfach in ihrem Körper wohl fühlt, auch wenn er nicht der allgemein erwarteten Schönheitsnorm entspricht? Ist da ein Schüler unterwegs, der selbstbewusst sagt: „Ich bin gut, so wie ich bin. Der Rest interessiert mich nicht!“

In genau diesem Klassenraum habe ich letztens eine Stunde zum Thema „Rechtfertigungslehre“ gehalten. Ziemlich trockener Stoff: Die Reformation, Martin Luther und seine für den evangelischen Glauben zentrale Aussage: „Die Menschen sind vor Gott gerecht durch den Glauben, nicht durch die Taten.“ Gott liebt jeden Menschen als Person, auch wenn wir natürlich manchmal Sachen tun, ihm nicht gefallen. Ich wollte meinen Schülern und Schülerinnen vermitteln: „Gott findet euch ok, so wie ihr seid. Ihr seid von ihm geliebt, angenommen. Ihr seid in Ordnung!“

Nach der Stunde aber war ich mit mir unzufrieden. Das war keine Glanzleistung. Viel zu verkopft. Die Hälfte der Schüler ist wahrscheinlich eingeschlafen. Aber dann kommt die Klassenarbeit. Und die Schülerinnen und Schüler sollen sich dazu äußern, ob sie finden, dass die Rechtfertigungslehre für das Leben heute noch relevant ist. Und was lese ich? „Die Rechtfertigungsbotschaft hilft vielleicht jemandem wie mir, dem das Äußere und das Aussehen so wichtig sind. Jetzt kann ich irgendwie „freier“ durch’s Leben gehen.“

Wie wunderbar! Wenn die doch so trocken anmutende Lehre von der Rechtfertigung das mit meinen Schülerinnen und Schülern macht, dass sie freier durchs Leben gehen, dann ist, finde ich, alles gewonnen! Es ist angekommen: „Gott sieht dich liebend an, so wie du bist. Du darfst Dich mögen! Mach Dich unabhängig von den Meinungen, die Rest der Welt vielleicht über dich hat. Gottes Meinung zählt! Du bist o.k.“

„Ich bin dick und stolz darauf!“, steht an der Wand in diesem Klassenzimmer. Gut so. Die Rechtfertigungslehre auf Schüler-Deutsch.

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10JUN2024
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Letztens habe ich mit meinen Kindern im Bus gesessen, auf dem Weg nach Hause. Und da sehen wir plötzlich, dass ein junger Mann wie ein Verrückter die Straße entlang sprintet. Aber so richtig. „Warum rennt der denn so, Mama?“ – Die nächste Bushaltestelle war zwar noch ein ganzes Stück weg – aber ich habe trotzdem geantwortet: Wahrscheinlich will er den Bus noch kriegen! Und ja, ich hatte recht, der junge Mann rannte und rannte, immer neben dem Bus her, die Wilhelmstraße in Tübingen entlang. Und dann sogar über eine rote Ampel! Nach und nach wurden immer mehr Fahrgäste im Bus auf ihn aufmerksam. „Wo ist er? Wo ist er? Schafft er’s?“

Das war so eine nette Atmosphäre auf einmal im Bus. Alle haben dem Supersportler die Daumen gedrückt. Der Weg bis zur nächsten Haltestelle war nämlich noch ziemlich weit. Würde er durchhalten? Die Stimmung stieg, wir hätten ihn, glaube ich, am liebsten alle aus dem Bus heraus angefeuert. Aber das hat sich dann doch niemand getraut. Aber ein Lächeln ist über die Gesichter gehuscht, wir kamen uns wie eine heimlich-verschworene Gemeinschaft vor.

Dann hat der Bus angehalten. Alle habe die Hälse gereckt. Wo ist er? Die erste Tür ist wieder zugegangen, die zweite auch. Warum macht der Busfahrer das denn? Oh nein! – Aber, dann, große Erleichterung. Unser Sprinter sprang vorne beim Busfahrer rein. Und der? Steht auf, streckt dem Mann die Hand hin und schüttelt sie, und sagt: „Mann, ich bin 30 gefahren! Reife Leistung, wirklich!“ Und dann verbeugt er sich.

Allgemeine Erheiterung im Bus. Der junge Läufer ist total überrumpelt und verdrückt sich noch schwer atmend und auch etwas unangenehm berührt auf einen Stehplatz am Rand. Alle wenden sich wieder dem zu, was sie vorher gemacht haben: Am Handy daddeln, Zeitung lesen, nach draußen stieren, miteinander quatschen.

Und ich? Grinse in mich hinein. Es gibt doch einfach wundervolle Menschen. Die machen mein Leben so lebenswert. Und mir schießt ein kurzes Stoßgebet durch den Kopf: „Danke, Gott! Es ist so gut, in dieser deiner Welt zu sein!“

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