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Die 10. Klässler aus meiner Reli-Klasse schauen sich ein Video aus dem Internet an: Eine junge Frau geht zehn Stunden lang durch New York und wird dabei mit versteckter Kamera gefilmt. Was sie erlebt, ist erschreckend: Unzählige Male wird ihr hinterhergepfiffen. Es gibt heftige Kommentare über ihr Äußeres oder Fragen nach ihrer Telefonnummer. Über hundert Mal sprechen sie fremde Männer an und belästigen sie.
Wir sprechen in der Klasse darüber. Emma bemerkt: „Die war doch ganz normal angezogen. Schwarzes Oberteil ohne Ausschnitt und eine Jeans. Und sie ist einfach nur die Straße langgelaufen. Sie hat überhaupt nicht gezeigt, dass sie jemanden kennenlernen will.“ Julia fällt auf: „Zwei Typen sind einfach ein paar Minuten lang neben ihr hergelaufen. Die haben sie richtig verfolgt. Wie gruselig!“
Dann frage ich als Religionslehrer: „Hat jemand von euch schon ähnliche Erfahrungen gemacht?“. Alle Schülerinnen können von mindestens einer Begebenheit erzählen. Alle kennen sexistische Bemerkungen oder Nachrichten und viele haben ein ungutes Gefühl, abends allein nach Hause zu gehen. Eine Schülerin erzählt sogar, wie sie zusammen mit ihrer Mutter massiv sexuell belästigt wurde. Sie haben laut gerufen und konnten sich Gott sei Dank aus der Situation retten.
Die Jungs in der Klasse sind sonst um keinen blöden Spruch verlegen, aber jetzt werden sie immer ruhiger. Sie sind überrascht, manche sind auch erschrocken.
Natürlich sprechen wir auch darüber, dass nicht alle Männer so sind. Aber es sind eben in den aller, allermeisten Fällen Männer. Und dann sind zwei meiner Schüler besonders mutig. Sie geben zu, dass sie selbst schon sexistisch gehandelt haben oder zumindest jemanden kennen. Wir sind uns in der Klasse einig, dass diese Form von Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen alltäglich ist. Und dass sie aufhören muss.
Und was kann man selbst tun? Ich kann mich zum Beispiel direkt einmischen, wenn jemand herabgewürdigt wird. In meiner Kirchengemeinde arbeite ich immer wieder mit jungen Leuten. Zusammen mit den älteren Jugendlichen schaue ich drauf, dass sie mit ihrem Verhalten ein Vorbild für die Jüngeren sein können. Und wie wichtig es ist, einen guten Umgangston miteinander zu haben. Das trägt alles dazu bei, dass möglichst alle eine gute Zeit miteinander haben.
Das Fazit am Ende der Reli-Stunde ist: Es werden weniger Menschen bedrängt und belästigt, wenn mehr Menschen mutig sind. Ich sehe diesen aufkeimenden Mut in den Augen meiner Schülerinnen und Schüler und das lässt mich hoffen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44414Fünfundzwanzig Jugendliche und ich zusammen auf einem Hüttenwochenende! Und ich höre zu, wie sie miteinander diskutieren. Ein Mädchen erklärt: „Also, ich hab die Jungfrau Maria ausgeschnitten. Das kann ich nicht glauben!“ Und ein sonst zurückhaltender Junge meint: „Und ich möchte diesen Abschnitt nicht haben: ‚dass Jesus die Lebenden und die Toten richtet‘. Was soll das überhaupt bedeuten?“
Was die Jugendlichen da machen? Sie bereiten sich auf ihre Firmung vor. Es ist das kirchliche Fest ein paar Jahre nach der Erstkommunion. Und gerade bearbeiten sie das katholische Glaubensbekenntnis. Alle haben ein großes Blatt mit dem traditionellen Text vor sich liegen, darauf steht: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ und so weiter. In der Hand haben alle eine Schere, denn die Jugendlichen sollen das ausschneiden, womit sie nichts anfangen können oder was sie nicht verstehen. Schnell liegen die ersten Schnipsel am Boden.
Als ich das vor ein paar Jahren zum ersten Mal gemacht habe, ist ein Stich durch mein Theologen-Herz gegangen. Man kann doch aus dem Glaubensbekenntnis nicht einfach rausschneiden, was einem nicht passt. Immerhin ist der Text des sogenannten Apostolische Glaubensbekenntnisses über 1500 Jahre alt. Es steckt alles Wichtige drin, was Christen glauben: Dass Gott alles gemacht hat, dass Jesus Gottes Sohn ist, dass er umgebracht wurde und auferstanden ist. Und dass der Heilige Geist auch heute noch wirkt. Da kann man nicht beliebig was wegnehmen.
Trotzdem finde ich es super, dass die Jugendlichen kritisch auf den Text schauen und bei jedem Wort überlegen: Verstehe ich das? Welche Worte sind wichtig für mich, und welche nicht? Das ist nicht in jeder Lebensphase gleich.
Da geht es mir ja ganz ähnlich. Manchmal ärgere ich mich über die Kirche als Institution. Dann geht mir der Teil im Glaubensbekenntnis mit der „heiligen katholischen Kirche“ gar nicht leicht über die Lippen. Ein paar Wochen später kann das wieder anders aussehen.
Und jetzt zurück zu den Jugendlichen und ihren Glaubenstexten mit den Lücken drin. Da wird es noch richtig spannend. Denn am Schluss legen alle ihre durchlöcherten Blätter passgenau übereinander. Und jedes Mal gibt’s einen Aha-Effekt: Denn nie schneiden alle dieselben Stellen aus. Wenn man die Blätter übereinanderlegt, verschwinden die Löcher und man bekommt wieder das vollständige Glaubensbekenntnis.
Das ist ein schöner Gedanke, der mir immer wieder mal in den Sinn kommt, wenn ich diesen Text zusammen mit anderen im Gottesdienst spreche. Es gibt immer jemanden, der das glaubt, was ich gerade nicht aus vollem Herzen mitbeten kann. Die Glaubensgemeinschaft der Kirche hält das aus. Und sogar noch mehr: Genau deswegen ist der Glaube so vielfältig und lebendig.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44413Es ist Mai. Die Hochzeitssaison hat begonnen. Monate, manchmal Jahre lang planen junge Paare ihr Fest der Liebe. Es soll ein besonderer Tag werden, ein Tag, der sich ins Herz des Paares und der Gäste einschreibt. Die Erwartungen an diesen Tag sind groß: Man wünscht sich Sonne, gutes Essen, fröhliche Gesichter - mit oder ohne Kirche. Ein Tag, an dem einfach alles passt, alles zusammenkommt.
Als Pfarrerin nehme ich wahr, dass sich bei manchen Paaren ein ganz schöner Druck aufbaut: alles muss stimmen. Nichts darf schiefgehen. Dieser eine Tag muss halten, was man sich vom ihm erhofft - auch und gerade dann, wenn die Erwartungen aus der Familie und dem Freundeskreis ganz unterschiedlich sind. Dabei kann leicht aus dem Blick geraten, worum es an diesem Tag eigentlich geht. Nicht um das perfekte Fest, sondern um zwei Menschen, die einander wichtig sind. Die einander lieben und ihren Weg gemeinsam durch das Leben gehen möchten.
Vielleicht entsteht genau aus diesem Gedanken heraus eine andere Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach dem Einfachen. Danach, das Wesentliche in den Blick zu nehmen – ohne großen Aufwand, ohne den Druck oder auch die Kosten einer großen Feier.
Im Juni bieten die evangelischen Kirchen an vielen Orten die Aktion „Einfach heiraten“ an. Paare sind eingeladen, ihre Liebe segnen zu lassen. Unkompliziert. Ohne lange Vorbereitung. Einfach so. Weil zwei Menschen merken: Unsere Liebe trägt – und das möchten wir feiern.
Denn die Liebe gehört allen: den jungen Paaren am Anfang. Und genauso denen, die schon viele Jahre miteinander unterwegs sind. Paaren, die Krisen überstanden haben. Die Höhen und Tiefen kennen. Die erfahren haben, dass Liebe nicht immer glänzt, aber trägt.
An diesem Tag können alle spüren: Gottes Segen für die Liebe tut gut. Vielleicht nimmt man ihn in einem kleinen Rahmen sogar bewusster wahr als in einem großen, Gottes Segen für die Liebe und das Leben. Mit einem dankbaren Blick zurück und nach vorn. Ein Moment, in dem ausgesprochen wird, was im Alltag oft ungesagt bleibt: dass Liebe zwischen zwei Menschen wertvoll ist und ein großes Geschenk.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44403Das war schon immer so! Diesen Satz habe ich als junge Pfarrerin gehasst, besonders wenn er in einer Sitzung fiel. Nicht, weil ich alles anders machen wollte. Sondern weil dieser Satz jede Diskussion erstickt hat. Ich war neugierig. Ich wollte verstehen, woher bestimmte Traditionen in der Kirche kommen und warum sie für manche so unverrückbar waren. Das war schon immer so! Ein Satz wie ein Deckel auf neue Ideen, auf Zweifel, auf ehrliches Verstehen Wollen.
Heute höre ich diesen Satz mit anderen Ohren. Ich höre darin auch Angst. Die Angst, etwas zu verlieren, was man liebgewonnen hat. Die Angst, dass Erfahrungen entwertet werden. Und ja, natürlich gilt das auch für mich. Ich bin ein ganzes Stück älter geworden, habe Neues auf den Weg gebracht, von dem man heute sagt „Das war schon immer so!“ Und ich weiß: Nein, das war es nicht.
Meine Tochter ist jung. Sie hat Ideen. Sie stellt Fragen, wo ich längst meine, Antworten zu haben. „Mama, hör mir doch erst einmal zu!“ Sie denkt weiter, wo ich vorsichtig geworden bin. Und manchmal merke ich, wie schnell mir selbst der Satz über die Lippen kommen will, den ich früher nicht ertragen habe. Das war schon immer so!
Meine Tochter sagt zum Beispiel, dass man, bevor man etwas entscheidet, erst einmal wirklich zuhören soll – auch denen, die anders denken. Das fordert mich heraus. Nicht, weil ich es grundsätzlich anders sehe, sondern weil ich spüre, wie schnell Erfahrung zur Grenze werden kann und Vorsicht zum Bremsklotz.
Vielleicht liegt die Herausforderung nicht darin, ob die Jungen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern, ob wir Älteren bereit sind, ihnen den nötigen Raum zu geben. Nicht, weil es uns egal ist, sondern, weil wir ihnen vertrauen. Nicht, weil wir keine Ideen mehr haben, sondern weil wir neugierig sind auf ihre Visionen und Vorstellungen.
In der Bibel heißt: „Eure Söhne und Töchter werden prophezeien, eure Alten werden Träume haben“ (Joel 3,1) Beides gehört für mich zusammen, die Prophezeiungen der Jugend und die Träum der Alten. Doch Prophezeiungen brauchen Raum, und Träume dürfen nicht zu Mauern werden. Vielleicht beginnt Loslassen genau hier: Wo wir den Satz Das war schon immer so! nicht mehr als Abwehr benutzen, sondern als Einladung, über alle Generationen hinweg gemeinsam weiterzudenken und zu träumen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44402Unser Sohn studiert in Karlsruhe. Das ist von uns ein ganz schönes Stück weg. Mit dem Zug braucht er rund drei Stunden und da kann er nicht jedes Wochenende nach Hause kommen - auch wenn wir das als Familie natürlich schön fänden. Stück für Stück geht er immer mehr seinen eigenen Weg. Für mich als Mutter heißt das Loslassen. Das ist eine Kunst eigener Art.
Kriegt er das alleine hin? Diese Frage begleitet mich durch die Jahre hindurch: Als er beginnt, mit dem Roller auf dem Gehweg unterwegs zu sein, als der kleine Erstklässler morgens in den übervollen Bus zur Schule steigt. Kriegt er das allein hin?
Wie harmlos mir dieser Bus heute erscheint, wenn ich daran denke, wie er später zum ersten Mal mit dem Fahrrad zur Schule gefahren ist – und erst recht, als er mit dem Auto vom Hof fuhr.
Vor ein paar Wochen war er mit einem Interrailticket unterwegs – kreuz und quer durch Osteuropa: fast 5000 km - sieben Länder -mit 20 verschiedenen Zügen.
Er hat sich ganz bewusst entschieden, alleine unterwegs zu sein, im Rucksack Kleidung für fünf Tage. Und es hat geklappt. Nicht, weil alles perfekt durchgeplant war, sondern weil er seinen Weg auf dieser Reise gefunden hat. Schritt für Schritt. Es war kälter als gedacht, vielfältiger und bunter. Einheimische haben ihm Wanderwege empfohlen, Ostern hat er in einer deutschsprachigen Gemeinde in Siebenbürgen gefeiert und er ist überzeugt: slowenische Mehlspeisen sind die allerbesten!
Unser Sohn bekommt sein Leben alleine geregelt. Das weiß ich. Mit seiner Europareise hat er das mir und ein Stück weit auch sich selbst noch einmal bewiesen.
Und trotzdem frage ich ihn, wenn er von unserem Zuhause zu seinem Studienort aufbricht: „Hast Du alles eingepackt?“ „Ja, habe ich,“ sagt er und lächelt mich an.
Denn er weiß, dass ich inzwischen nicht mehr die Brotdose und den Turnbeutel meine, sondern eine große Portion Liebe von uns, seiner Familie. Die hatte ich ihm nämlich beim Abschied zu seiner großen Reise mitgegeben. Und dazu einen leisen Segen „Gott behüte dich!“ Ein Satz und Wunsch für Wege, die weiterführen, als die, die ich als Mutter mitgehen kann und möchte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44401Meine Oma hat den Mai immer den Wonnemonat genannt. Ein Wort aus einer Zeit, in der man noch wusste, was es heißt, lange zu warten. Denn der Wonnemonat war der Weidemonat, in dem das Vieh nach dem langen, kalten Winter endlich wieder hinaus auf die Weide durfte. Ich erinnere mich noch, wie im Mai der Bauer in unserer Straße mithilfe der ganzen Nachbarschaft und uns Kindern die Kühe das erste Mal auf die Weide getrieben hat. Kaum auf der Weide angekommen, sprangen die Tiere fröhlich hin und her, drehten ausgelassen ihre Runden und schienen ihre neu gewonnene Freiheit mit jedem Schritt zu feiern. Mir geht es in diesem Jahr ganz ähnlich. Die Wintermonate haben sich hingezogen; vieles fühlte sich gerade auch aufgrund der politischen Weltlage schwer und grau an.
Jetzt im Mai scheint endlich wieder die Sonne. Die Vögel singen bei uns morgens und abends, ein Schwanenpaar brütet am Ufer der Tauber. Die Bäume tragen ihr frisches Grün. Alles drängt nach draußen und unser Städtchen wird neu belebt. Radfahrtouristen kommen zu uns nach Tauberfranken, und Schiffe mit Gästen aus der ganzen Welt legen an. Auf dem Marktplatz wird geschwätzt und gelacht. Die Cafés und Eisläden haben geöffnet. Das Leben fühlt sich plötzlich schöner an, so viel leichter als noch vor ein paar Wochen, obwohl sich das Weltgeschehen im Grunde leider nicht verändert hat.
Aber die Lebensfreude, die jetzt an so vielen Orten spürbar ist, verändert meinen Blick. Ich lasse mich nicht mehr so ganz gefangen nehmen von Sorgen und Schwere. In der Bibel heißt es: „Ein frohes Herz macht das Gesicht heiter, doch Kummer im Herzen bedrückt den Geist.“ (Sprüche 15,13)
Der Mai feiert das Leben- unübersehbar. So wie wir dem Leben Raum geben, hellt sich auch unser Blick auf. Ein frohes Herz lässt sich nicht verordnen. Es wächst dort, wo wir wahrnehmen, wie viel und was uns alles geschenkt ist. Freude ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist eine Kraft, die uns trägt. Sie richtet uns auf, schenkt uns Mut und verändert mehr als wir denken.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44400Heute vor 81 Jahren mussten die Nationalsozialisten offiziell zugeben, dass sie den 2. Weltkrieg verloren haben. Wenige Tage vorher hatten die Aufpasser im KZ Mauthausen bereits die Türen aufgemacht und alle Häftlinge frei gelassen. Unter ihnen war damals auch Jehuda Bacon, ein Jude. Niemand aus seiner Familie hat überlebt. Verlaust, völlig abgemagert und krank ist er als 16-Jähriger vor den KZ-Türen gestanden und hat mit seinem einzigen Freund beraten, in welche Richtung sie nun gehen sollen. Die beiden hatten Glück. Schon bald haben sie einen amerikanischen Soldaten getroffen, der dafür gesorgt hat, dass sie versorgt und gepflegt wurden. Ich habe Jehuda Bacon persönlich kennen gelernt und die Begegnung mit ihm nie vergessen. Er lebt heute als Künstler in Jerusalem und wird in diesem Sommer 97 Jahre alt.
Ich selbst bin erst nach dem Krieg geboren, und trotzdem hat der Zweite Weltkrieg auch mein Leben geprägt. Das war mir lange nicht bewusst. So kann ich z.B. bis heute nicht einfach sagen, wo meine Heimat ist. Auch ich spüre die Entwurzelung meiner Eltern nach der Vertreibung, obwohl ich nicht vertrieben worden bin. Oder wenn ich irgendwo neu dazukomme, zu Leuten, die ich nicht kenne. Da fürchte ich oft völlig unbegründet, ich könnte nicht erwünscht sein. So, wie das meine Eltern in dem Dorf im Odenwald erlebt haben, nachdem sie dort in Viehwagons nach der Vertreibung angekommen sind. 81 Jahre danach wissen wir ganz genau, welche Folgen der 2. Weltkrieg hatte. Welche Folgen jeder Krieg hat. Der im Sudan, der zwischen der Ukraine und Russland, die Kriege im Nahen Osten. Kein Krieg endet damit, dass die Waffen schweigen.
Dass Menschen friedlich und gewaltfrei miteinander umgehen, ist mir ein tiefes Bedürfnis. Ich kann gar nicht anders als mich dafür einzusetzen, wo ich gehe und stehe. Im Augenblick mache ich das fast täglich als Lehrerin in einer Grundschule. Deshalb weiß ich auch: Es ist anstrengend, friedlich miteinander zu leben. Wir brauchen jeden Tag Zeit, um Konflikte zu klären. Zu verstehen, wie sie entstehen. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis einer um Entschuldigung bitten kann, weil er jemandem Unrecht getan hat. Und manchmal können wir nichts anderes erreichen, als dass sich die Streitenden in Ruhe lassen.
Im Alltag kommt mir das manchmal wenig vor. Aber ich weiß, wie viel schon das wert ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44339Heute erzähle ich Ihnen von Unsicherheiten und Ängsten. Und von dem, was mir hilft, mit Ihnen zu leben. Seit ich denken kann, habe ich Angst. Das war schon als Kind so: Ich hatte Angst, die Freundin zu verlieren. Angst, schwer krank zu sein. Angst, früh zu sterben. Es gibt ein Foto von mir, auf dem diese frühe Angst gut zu sehen ist. Ich stehe sehr unsicher auf den neuen Rollschuhen, eingerahmt von Tante Erika und Onkel Gerhard, die mich rechts und links sicher an der Hand halten. Die Situation auf dem Bild ist typisch für mich. Rollschuhe, Schwebebalken oder Ski sind bis heute nichts für mich. Ich brauche festen Boden unter den Füßen. Und wenn ich den nicht habe, brauche ich irgendwie anders Halt.
Ich bin mit meiner Angst immer einigermaßen zurechtgekommen. Bis mich eine Krise in meinem Leben ganz aus der Spur geworfen hat. Mir hat nichts mehr geholfen, was ich bis dahin kannte. Keine Ablenkung. Keine Freundin. Auch nicht mein Glaube an Gott.
Ich habe Hilfe bei einer Therapeutin gesucht, die sich auskennt mit traumatischen Erfahrungen. Mit ihr habe ich entdeckt, welche Kraft innere Bilder haben können. Heilsame Vorstellungen meiner eigenen Fantasie. Eines dieser inneren Bilder ist ein vertrauter Ort geworden. Den kann ich jederzeit aufsuchen, wenn die Angst zurückkommt. Es ist ein Haus. Die Räume sind lichtdurchflutet und gemütlich. Sie strahlen Geborgenheit und Wärme aus. Ein sicherer Ort. Das Haus steht in einem Garten mit alten Obstbäumen. Ich sitze auf der Bank vor dem Haus, zusammen mit einer alten, gütigen und weisen Frau. Sie beschützt mich und ist für mich da.
Dieses Bild ist viel mehr als ein Bild. Es ist ein Teil meiner Seele. Unverletzt, heil. Es ist ein Ort in mir selbst, der heilig ist und an dem ich mich Gott ganz nahe fühle. Mich beeindruckt, dass ich inzwischen nicht mehr hilflos bin, wenn ich Angst habe. Ich habe jederzeit Zugang zu dieser Quelle. Ich nenne sie Quelle des Göttlichen. Sie verbindet mich mit den Psalmbetern aus dem Alten Testament. Sie sprechen von Gott als Ort ihrer Zuflucht. Als Fels in der Brandung, als sichere Burg, der sie in aller Not und Verzweiflung hält und beschützt. Mein Ort der Zuflucht ist das lichthelle Haus, in dem ich geborgen bin und mich angenommen weiß. Und wo ich Gott ahnen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44338Ich freue mich auf Pfingsten. Jedes Jahr aufs Neue. Denn da ist Maientag in Vaihingen an der Enz. Wie alle Vaihinger liebe ich dieses Fest. Ich bin in der Kleinstadt aufgewachsen. Nach dem Krieg sind wir als Familie dort gelandet und waren erst einmal vollkommen fremd. Wir kannten niemanden, egal wo wir hingekommen sind. Deshalb war die Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen die erste Gemeinschaft, zu der wir Kontakt aufgenommen haben. Der Glaube an Jesus, die vertrauten Rituale im Gottesdienst, gemeinsame Gebete und unsere Mitchristen haben uns als Familie Halt gegeben. Ich habe schon als Kind gespürt, wie existentiell es ist, dazuzugehören. Mit anderen Menschen verbunden zu sein, sich füreinander zu interessieren, Freundschaften zu finden. Deshalb war auch der Maientag so wichtig.
Glücklicherweise gibt es im Ländle ja in vielen Dörfern und Städten solche Feste, bei denen alle zusammenkommen. In Ravensburg ist es zum Beispiel das Rutenfest. In Göppingen, Nürtingen und Vaihingen an der Enz ist das der Maientag. Ursprünglich waren das Schulfeste. Mich verbindet der Maientag noch immer mit den Vaihingern, obwohl ich schon über 40 Jahre nicht mehr dort lebe. Wenn es geht, bin ich jedes Jahr dabei. Besonders zu Herzen gegangen ist mir vor zwei Jahren ein Moment, als mir auf dem Marktplatz ein Schwarzes Mädchen über den Weg gelaufen ist. Sie hatte ein rotblaues Kleid an. Das sind die Stadtfarben von Vaihingen. Im Haar ein wunderschön gebundenes Kränzchen aus echten Blumen und weiße Lackschuhe an den Füßen. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Für einen Moment war ich selbst wieder acht Jahre alt. Habe mich gesehen mit meinem rotblauen Kleid und dem Blumenkranz im Haar zum Maientag. Ich war glücklich damals. Beim traditionellen Umzug bin ich mit meiner Klasse mitgelaufen. Ich habe dazugehört. Zu dieser Schule. Zu dieser Stadt. Zur ökumenischen Gemeinde. Die ganze Stadt feiert an Pfingsten miteinander. Musik- und Sportvereine, Schulen, Stadtteilgemeinden, ausländische Vereine. Menschen, die sich kennen oder auch nicht, wünschen sich auf der Straße „an scheena Maiadag“.
Zum Abschluss des Maientags singen dann alle auf dem Vaihinger Markplatz am Pfingstmontag: „Nun danket alle Gott. Mit Herzen, Mund und Händen.“ Ein Gänsehautmoment für mich. Weil ich etwas davon spüren kann, wie wir Menschen verbunden sind. Ganz gleich, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen und wo wir geboren sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44337"Wie kann ich an einen liebenden Gott glauben, wenn Menschen leiden; wenn ich selbst leide?“ Das ist eine der schwierigsten Fragen in der Theologie. Ich habe für mich eine Antwort gefunden. Die Worte des Theologen Hans Küng haben mir dabei sehr geholfen.
Er sagt dazu: „Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, sondern in allem Leid“. Ja, Gottes Liebe bewahrt mich in allem Leid. Das habe ich immer wieder selbst genau so erlebt. Gottes Liebe hat mich nicht vor Kummer und Leid bewahrt. Ich habe als junge Frau Entscheidungen getroffen, die mich bis heute manchmal schmerzen. Ich hatte große Angst um meinen Sohn, als er schwer krank war. Ich bin sehr traurig über den Tod einer Freundin. Aber keine Krise hat mich zerstört. Ich bin gewachsen daran. Glauben zu können, dass Gott mir nah ist, hat mir geholfen. Vieles, was passiert ist, kann ich nicht verstehen und es kann mir niemand erklären. Das betrifft mein eigenes kleines Leben und den Kummer weltweit. Trotzdem kann ich glauben: Gott ist da. Er hält mit mir und in der Welt das Leben aus. Das ist mein unzerstörbares Fundament. Hans Küng hat Worte dafür gefunden, die mir guttun und genau das beschreiben:
„Unser Leben ist kurz. Unser Leben ist lang. Voll Staunen stehe ich vor einem Leben, das seine unerwarteten Wendungen und doch seine Geradlinigkeit hatte.
Ich danke dir unfasslicher, alles umfassender und alles durchwaltender Urgrund, Urhalt, Ursinn unseres Seins – den wir Gott nennen.
Den Plan, nach dem unser Leben verläuft mit all seinen Irrungen und Wirrungen, erkennst nur du allein. Und dein Angesicht können wir in dieser Welt nicht sehen. Aber wir dürfen deine Hand in unserem Leben im Rückblick erkennen.“
Ich glaube, dass mich Gott bewahrt und mir nahe ist. Auch in den undurchsichtigen und schwierigen Momenten. Dafür bin ich dankbar. Für Kummer und Leid bin ich es erstmal nicht. Das ist zu viel verlangt. Und ich kann gut verstehen, wenn Menschen deshalb nicht glauben können, dass es Gott überhaupt gibt. Aber wenn ich im Rückblick erkenne, wie ich gerade durch schwere und unerklärliche Lebensumstände gewachsen bin; wenn ich spüre, wie kostbar das Leben auch durch die schmerzhaften Erlebnisse ist, kann ich mich Hans Küng anschließen. Und Gott für dieses Leben danken mit allen Erfahrungen. Den Hellen und den Dunklen.
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